Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.10.2021 - Kunst

Minna Citron, Death of a Mirror, 1946. Dolan/Maxwell, Philadelphia. Image courtesy the Estate of Minna Citron and Dolan/Maxwell


Das Whitney Museum in New York zeigt in seiner Ausstellung "Labyrinth of Forms" Arbeiten abstrakter Künstlerinnen aus den Jahren 1930 bis 1950. Es ist eine Art späte Wiedergutmachung, lernt Julianne McShane, die die Ausstellung für den Guardian besucht und mit der Kuratorin Sarah Humphreville gesprochen hat: "Indem sie sich der Abstraktion zuwandten, lehnten die Frauen den in diesem Jahrzehnt vorherrschenden Realismus ab, der oft 'bestimmte Themen verstärkte, die als besonders weiblich oder für Frauen geeignet angesehen wurden', wie etwa Gemälde von Müttern und Kindern, so Humphreville. 'Indem sie mit Abstraktionen arbeiteten und daher in vielen Fällen kein offenkundiges Thema hatten, umgingen sie dieses ganze Dilemma', fügte sie hinzu." Ab 1950 wurde die abstrakte Kunst dann extrem männlich. Das galt gewissermaßen auch für die Museen: "'Labyrinth of Forms' ist auch deshalb von Bedeutung, weil 'das Whitney das meiste Material nicht wirklich sammelte, als es entstand', sagte Humphreville und fügte hinzu, dass viele der Werke erst nach Ende der 1970er Jahre in die Sammlung des Museums aufgenommen wurden. Die Ausstellung sei daher eine längst überfällige Korrektur - sowohl für die amerikanische Kunstgeschichte als auch für das Whitney selbst".

Weitere Artikel: In der SZ freut sich Jörg Häntzschel über die Rückgabe der Benin-Bronzen in Deutschland an Nigeria. Brigitte Werneburg berichtet in der taz von der Kunstmesse Frieze in London.

Besprochen werden die Tizian-Ausstellung im Kunsthistorischen Museum in Wien (SZ) und eine Ausstellung über das Erdölzeitalter im Kunstmuseum Wolfsburg (SZ) und die Ausstellung "Close up", eine Geschichte der Porträtmalerei seit dem ausgehenden neunzehnten Jahrhundert mit Bildern von Frauen, in der Fondation Beyeler in Basel (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.10.2021 - Kunst

Léonce cinématographiste, mai 1913. Photo © Léonce Perret (1880-1935)


Ein begeisterter Bernhard Schulz erzählt im Tagesspiegel von einer Ausstellung im Pariser Musée d' Orsay, das mit 400 Objekten die Geburt des Kinos im 19. Jahrhunderts nachzeichnet. Das entstand nicht einfach aus der Fotografie, lernt er: "Die Ausstellung im Musée d'Orsay mäandert vielmehr zwischen Objekten, künstlerischen Stilen, technischen Erfindungen und macht deutlich, wie das 19. Jahrhundert im Ganzen in Bewegung gerät. Der Besucher kommt sich vor wie auf einem zunehmend schwankenden Schiff. Ob nun der Maler Claude Monet die Kathedrale von Rouen zu unterschiedlichen Tageszeiten und -stimmungen malt oder eine Fotoserie den Bau des Eiffelturms nach Art eines Daumenkinos ablaufen lässt, stets löst sich das Feste auf, zugunsten von Augenblicken, die sich mehr oder minder planvoll aneinander reihen. Die unterschiedlichsten Vorläufer des Kinos kommen auf, Dio- und Panoramen, dazu Vorrichtungen zur Betrachtung von parallelen Bildern, zur Überblendung und zum Bewegtbild."

Natalia Gontcharova: "Verger en automne", 1909, Galerie Tretjakow, Moskau


Und wer gerade in Paris ist, könnte gleich noch die Fondation Louis Vuitton besuchen, die 200 Gemälde der frühen klassischen Moderne aus der Sammlung der Brüder Morosow zeigt. "Was sich in der Ausstellung auftut, ist kein Geheimnis: Es ist ein Festival der Formen und Farben, eine wahre Schatzkammer des Impressionismus, Postimpressionismus, Fauvismus und Kubismus", schwärmt Peter Kropmanns in der NZZ. "Dabei verwickelt die das ganze Haus auf mehreren Etagen füllende Schau ihr Publikum sachte in subtile Verstrickungen. Unter der Leitung von Suzanne Pagé ist die Kuratorin Anne Baldassari visuellen Verbindungen nachgegangen und hat nach Korrespondenzen ausgestellt. Die motivischen wie stilistischen Verwandtschaften betreffen auch die eingefügten, mit Gewinn zu entdeckenden Arbeiten russischer Künstler und Künstlerinnen, unter ihnen Gontscharowa, Larionow, Malewitsch, Maschkow, Repin, Serow und Wrubel. Dies lässt den historischen Dialog aufleben."

Radical Gaming, anyone?
Weiteres: In der NZZ staunt Philipp Meier über die neueste Versteigerung bei Sotheby's, wo Banksys halb geschreddertes "Love is in the bin" 16 Millionen Pfund erzielte. Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Radical Gaming" im Haus der Elektronischen Künste in Basel (FAZ-Kritiker Axel Weidemann öffneten "sich viele weitere Türen in fruchtbar chaotische Welten), eine Ausstellung belgischer Malerei in der Kunsthalle München (SZ), die Kara-Walker-Ausstellung in der Frankfurter Schirn (FR) und ein verloren geglaubter Lebensfries von Ernst Ludwig Kirchner in dessen Aschaffenburger Geburtshaus (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.10.2021 - Kunst

Kubra Khademi, Untitled, 2019


Die afghanische Künstlerin Kubra Khademi musste 2015 nach Morddrohungen ihr Land verlassen und lebt seitdem in Paris. Im kommenden Jahr wird sie an der Schau "Walk" in der Frankfurter Schirn teilnehmen und das Museum Pfalzgalerie in Kaiserslautern widmet ihr eine Einzelausstellung. Aber der Gedanke, wie seit der Machtübernahme der Taliban die Frauen in ihrem Heimatland leiden, treibt sie um. Gerade darum ist der weibliche Körper in ihrer Kunst so wichtig, erklärt sie im Interview mit der FAZ. "Meine Arbeit entsteht tief in meiner Lebensgeschichte. Mein Körper ist das Persönlichste, das ich mit mir trage. Alles kommt von dieser Existenz, die nicht existieren sollte, die malträtiert wurde, weil sie weiblich war. Als Mädchen muss man bei jedem Schritt kämpfen, um zu beweisen, dass man nachdenken und entscheiden kann, dass man existieren darf, ohne sich dafür schämen zu müssen. Meine Kunst hat sehr viel damit zu tun. Wenn ich zurückschaue, sehe ich: Eigentlich stand alles gegen mich. Ich arbeite mit meinem Körper und male Frauenkörper, die meist nackt sind, weil ich maximal auf ihrer weiblichen Identität insistieren möchte. Sie sind triumphierend und sehr präsent."

Hier eine Live Performance Khademis im Palais des beaux-arts de Bruxelles vom 22. Oktober 2020:



Die neue Kunsthalle im luxemburgischen Esch würdigt gerade Gregor Schneider mit einer Retrospektive. Im Interview mit der Zeit versucht der Künstler zu erklären, was es mit seinen selbst gebauten Häusern und Räumen auf sich hat: "Sich in einem Raum zu fühlen ist eine der ursprünglichsten Ich-Erfahrungen. Den Räumen können wir nicht entkommen. Das wurde vielen erst in der Pandemie bewusst. Wir leben meist im Autopilot-Modus einer Schattenarchitektur. Es ist immer etwas in unserem Rücken, das wir nicht sehen. Diesem unbemerkten Raum versuche ich nahe zu kommen. Indem ich Räume eins zu eins noch mal in den Raum baue, versuche ich sie zu begreifen. Die Einbauten schaffen neue Räume, die sich komplett der Wahrnehmung entziehen, die kann selbst ich nicht mehr beschreiben."

Weitere Artikel: In der SZ berichtet Gerhard Matzig von der Ausstellung einer Kopie des David von Michelangelo in Dubai: Als die Verantwortlichen erkannten, dass die Statue nackt ist, stellten sie sie so auf, dass für gewöhnliche Besucher nur die obere Hälfte der Statue sichtbar ist, die untere Hälfte dagegen ist "nur den Offiziellen oder VIPs zugänglich. In der Peepshow oder im Bordell ist das ja ähnlich geregelt." Zum Tod der Fotografin Evelyn Richter schreiben Ulf Erdmann Ziegler in der taz und Alex Rühle in der SZ.

Besprochen werden eine Ausstellung der Fotografien von Hildegard Heise im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (taz-Kritiker Falk Schreiber lernt eine "technisch hochtalentierte Avantgardistin" kennen, "deren Werk noch seiner Entdeckung harrt". ) und eine Ausstellung von Albert-László Barabási am ZKM Karlsruhe (SZ).
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Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.10.2021 - Kunst

Lee Friedlander: New Mexico, 2001 Bild: C/O Berlin

In der taz preist Ulf Erdmann Ziegler die Arbeiten des amerikanischen Fotografen Lee Friedlander, die im C/O Berlin zu sehen sind. Ihre Deutung mache genau dort Halt, wo der soziale Kommentar einsetzt, so Ziegler: "Diese Fotografie ist beobachtend, analytisch, laid-back, unsentimental. Sie hängt sich nicht an das, was konsensbildend wirkt: das Schöne, das Rare, das Prominente, das Narrativ. Insofern verkörpert sie nordamerikanische Befindlichkeiten: die gemütliche Unbehaustheit, das Sich-Einrichten im Ephemeren, die verspielte Freude an Nebensächlichem. Fotografen erklären sich das gern mit der eigenen Chronik, in der Nachfolge des kühnen Werks von Walker Evans zum Beispiel. Aber das alles ist viel zu eng. Gewiss hat Friedlander, so kurios das klingt, die Musik Charlie Parkers die Augen geöffnet. Er ist ein Leser Prousts, also einer Literatur der Indirektheit mit gewaltigen gesellschaftlichen Implikationen. Und Friedlander war ein enger Freund des Malers Kitaj, dessen Bilder aus einem tiefen Sinn für die Gleichzeitigkeit des Unvergleichlichen gespeist sind."

Weitere Artikel: In der NZZ bedauert nun auch Philipp Meier die zu defensive Dokumentation des Zürcher Kunsthauses in Bezug auf die Sammlung Bührle: "Manchmal braucht es eben die richtigen Worte, um den richtigen Ton zu treffen - auch wenn 'Rüstungsindustrieller' und 'Waffenfabrikant' im Grunde ja dasselbe sein mögen. Leider sind es aber gerade solche Unterschiede, die in der vom Kunsthaus selber erstellten Dokumentation auffallen. Es soll kein böses Wort mehr fallen. Solches wird tunlichst vermieden." In der FAZ schreibt Freddy Langer zum Tod der Fotografin Evelyn Richter: "Evelyn Richter hatte eine klare Vorstellung vom Auftrag der Fotografie. Ein gutes Bild, erklärte sie, müsse ein Sinnbild sein, müsse die Kraft des Erlebnisses enthalten, Emotionen verdichten und Inhalte transportieren."

Besprochen werden Anickas Yis fliegende Organismen in der Tate Modern (die der enttäuschte Adrian Searle im Guardian dann doch zu lahm fand, um zu bezaubern oder zu erschrecken), eine Nicolas-Poussin-Schau in der National Gallery in London (Observer), die Schau "Der geteilte Picasso" über die unterschiedliche Rezeption in Ost und West im Kölner Museum Ludwig (Tsp), Ilana Lewitans Ausstellung "Adam, wo bist du?" in der Berliner Parochialkirche (Tsp) und eine Ausstellung über die Theaterfotografin Ruth Walz im Museum für Fotografie in Berlin (Standard).
Stichwörter: Friedlander, Lee

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.10.2021 - Kunst

Juri Pimenow: Her mit der Schwerindustrie", 1927. Bild: Tretjakow-Galerie

Die Moskauer Tretjakow-Galerie verlangt mit ihrer Ausstellung zum Sowjetmaler Juri Pimenow Besuchern ab, Ambivalenz auszuhalten, wie Kerstin Holm in der FAZ deutlich macht. In Bildern wie "Her mit der Schwerindustrie!" wollte Pimenow den Proletarier mit altmeisterlichem Können in Szene setzen: "Eine Ikone der Sowjetmoderne ist Pimenows Gemälde 'Das neue Moskau', das eine Frau in Rückenansicht am Steuer eines Cabriolets zeigt. Das während des großen Terrors im Jahr 1937 entstandene Bild führt, über die Realien der Zeit pointillistisch hinwegschauend, die optimistische Antizipation der Zukunft exemplarisch vor. Pimenow, dem seine damals schwangere Frau Modell saß, zeigt, wie die emanzipierte Sowjetbürgerin, die sich sozialistisch-romantisch eine Nelke an die Windschutzscheibe gesteckt hat, bei strahlendem Wetter in Richtung der neuen Stalinpaläste im Zentrum unterwegs ist."

In der NZZ lässt sich Kritiker Philipp Meier von den sinnlich-abgründigen Bildwerken Francisco de Goyas in den Bann ziehen, dem die Fondation Beyeler eine große Ausstellung widmet (unser Resümee). Aber Meier bemerkt auch den kühlen Blick, mit dem Goya die Abgründe des menschlichen Daseins erkundet: "Nie ist Goya moralisierend, nie ergreift er Partei, nicht einmal für die Opfer. Und dies ist vielleicht gerade das Irritierendste an seinen Bildern. Er nährt in den Betrachtern seiner Werke die unerträgliche Ahnung, dass das Böse das Normale sein könnte und die Menschen, wenn sie nur die Gelegenheit dazu haben, sich an ihm erfreuen. Goya zeigt, was alles werden kann und was wird, wenn der dünne Firnis der Zivilisation einbricht. Goya war aber auch der Maler der Reichen, der Schönen und der Mächtigen. Er war sozusagen der Letzte einer Zunft königlicher Hofmaler. Er porträtierte die Adligen, die Elite und das Bürgertum. Und dass eryauch dies mit nüchternem Realitätssinn für die Eitelkeiten dieser Klientel zu tun pflegte, tat seiner Beliebtheit keinen Abbruch."

Weiteres: Im taz-Interview mit Sebastian Strenger spricht die chilenische Künstlerin Sandra Vásquez de la Horra über ihr zeichnerisches Werk, für das sie gerade mit dem Hans-Theo-Richter-Preis ausgezeichnet wurde. Im Tagesspiegel sucht Rüdiger Schaper eine Idee, wie man das Berliner ICC für die Kunst retten kann. Besprochen werden die fantastische Modigliani-Schau in der Wiener Albertina (SZ) und die Ausstellung "Auf Linie" über die NS-Kunstpolitik im Wien-Museum (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.10.2021 - Kunst

Franz Gertsch: Irène, 1980. Foto: Olbricht Collection

Die Achtzigerjahre sind auf dem Kunstmarkt wieder sehr angesagt. Im Standard erlebt Olga Kronsteiner die entsprechende Ausstellung in der Wiener Albertina auch als herrlich buntes Panoptikum, das jedem Minimalismus oder Intellektualismus eine Absage erteilt: "Da wäre der Aufstieg von Street Art und Graffiti (Keith Haring), der das Kunstverständnis demokratisiert. Da wären Trivialitäten und Kitsch (Jeff Koons), die überhöht oder auch subversiv (Franz West) formuliert als Attacke auf die Hochkultur ihre Legitimation erlangen. Und schließlich der Neoexpressionismus: Er breitet sich in zig Spielarten aus - mal abstrakt (Herbert Brandl, Hubert Scheibl), dann wieder figurativ (Siegfried Anzinger, Hubert Schmalix), jedenfalls wild und impulsiv wie auch im Rückgriff auf historisches Quellenmaterial (Julian Schnabel, David Salle). Die überaus ergiebige Praxis der Aneignung durch die Appropriation Art wäre ebenfalls nicht zu vergessen."

Weitere Artikel: Schick, schick findet auch Laura Weißmüller in der SZ den Bau, mit dem David Chipperfield das Kunsthaus Zürich erweitert hat (mehr hier). Aber das Haus macht sich dadurch angreifbar, meint sie, dass es die Sammlung des berüchtigten Waffenhändlers Emil Bührle so verharmlosend präsentiert, der sich mit seinem Riesenvermögen und seinen Impressionisten in die Zürcher Kunstgesellschaft einkaufte. In der FR lobt sich Judith von Sternburg das Projekt "Invisible Inventories", für das die Kunstkollektive The Nest (Kenia) und Shift (Deutschland /Frankreich) die Depots deutscher Museen inspizieren und das derzeit im Museum Weltkulturen in Frankfurt gastiert.

Besprochen werden die Ausstellung "Maschine im Stillstand" der spanischen Künstlerin Cristina Lucas in den Kunstsammlungen Chemnitz (FAZ) und die Ausstellung "Die Liste der 'Gottbegnadeten'" über das Fortleben der Künstler des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik" im Deutschen Historischen Museum (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.10.2021 - Kunst

Bild: Francisco de Goya . Hexensabbat (El Aquelarre),1797/98. Museo Lázaro Galdiano, Madrid

"In Goyas Psyche scheint von Anfang an ein Krieg gewütet zu haben. Seine Vorstellungskraft war reif für das Grauen", zitiert Stefan Trinks in der FAZ den irischen Schriftsteller Colm Toibin, der einen Text zum Katalog der großen Goya-Schau in der Baseler Fondation Beyeler beigesteuert hat. Besser kann man den "schwarzgalligen Soziologen des Pinsels" nicht beschreiben, meint Trinks: "Bereits im ersten Großauftrag von 1791, er soll 'lustige' Tapisserie-Vorlagen für den königlichen Landsitz liefern, stecken Abgründe, obwohl er die hochformatigen Paneele im heiteren Rokokostil fertigt. Maliziös grinsende Mädchen schleudern mittels Sprungtuch eine Strohpuppe in die Luft, wobei diese auf den ersten Blick wie ein Mensch wirkt. Durch die unsanfte Behandlung knickt der bezopfte Kopf der Puppe auf die Seite ab, als würde er soeben guillotiniert. Der Beleg für die These von der durchgängig dunklen, Tóibín zufolge geradezu voyeuristisch Leid und Gewalt suchenden Vorstellungswelt Goyas ist in einem der letzten Säle zu sehen: Dort schleudern Hexen ebenfalls mit einem gespannten Tuch einen nun realen Menschen in die Luft, dessen Kopf und Gliedmaßen durch die Wucht abknicken."

Für die taz porträtiert Beate Scheder die norwegisch-kongolesische Künstlerin Sandra Mujinga, die mit dem Preis der Nationalgalerie 2021 ausgezeichnet wurde. Mujinga baut überlebensgroße Gestalten aus Stahl und Stoff, die jene Dinge verkörpern sollen, "die wir glaubten, hinter uns gelassen zu haben, die aber doch wieder auftauchten. Die koloniale Vergangenheit und deren Systeme der Gewalt etwa, oder das, was Menschen nichtmenschlichen Wesen auf diesem Planeten angetan hätten", erfährt Scheder, die sich die Ausstellung der Nominierten in der Nationalgalerie angesehen hat: "Eine Skulptur hat etwas von einem dystopischen Tyrannosaurus Rex, andere ähneln breitschultrigen Sensenmännern oder unsympathischen Figuren aus der Fantasyliteratur, Dämonen, in denen man auch die eigenen verkörpert sehen kann."

Außerdem: Im Standard schaut Amira Ben Saoud in Wien im ehemaligen Verkehrsbüro vorbei, in dem der Großgastronom Martin Ho gemeinsam mit dem Berliner Galeristen Johann König mit der Ausstellung "One Decade of Female Sculptors" nun das "Kleine Haus der Kunst" eröffnet: "Als Ausstellungshaus funktioniert das Kleine Haus der Kunst nicht, weil es keinerlei Vermittlungsarbeit (keine Wandtexte, keine Führungen etc.) leistet - wer unbeleckt in One Decade of Female Sculptors stolpert, geht vielleicht mit ein paar Instagram-Fotos, aber ohne Erkenntnisgewinn wieder heraus." "Träumen von Freiheit" gibt sich Ingeborg Ruthe in der FR in der gleichnamigen Ausstellung im Dresdner Albertinum zur Romantik in Russland und Deutschland hin, die ihr die Gemeinsamkeiten zwischen Künstlern wie Caspar David Friedrich, Carl Gustav Carus, Alexej Wenezianow oder Alexander Iwanow zeigt.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.10.2021 - Kunst

Bild: Hautraum (Ricks Kinderzimmer. Lindgut Winterthur. 1987. Migros Museum für Gegenwartskunst. Foto: Stefan Altenburger Photography

In der taz ist Bettina Maria Brosowsky ganz begeistert, dass das Münchner Haus der Kunst der Schweizer Künstlerin Heidi Bucher derzeit eine Retrospektive widmet. Buchers Mann Carl vermarktete ihre Werke unter seinem Namen, erst nach der Trennung wurde sie für ihre "Häutungen" bekannt, für die sie realgroße Abformungen existenter Räume machte: "Stets in filmisch dokumentierten Aktionen trug sie in Flüssigkautschuk getränktes Textil auf Wände und Böden der Räume auf und gab dann noch weiteres, manchmal mit Pigment oder Perlmutt angereichertes Latex auf die bekleideten Flächen. Nach der Verfestigung wurden diese Häute, überdimensionierten Totenmasken gleich, in theatralischen Kraftakten, die großen körperlichen Einsatz verlangten, von den Wänden und den Böden gerissen, auch das stets filmisch erfasst. Mitunter versinkt Bucher in den Häuten, wie sie es in ihren Modezeichnungen oder Körperhüllen vorweggenommen hat. Aber hinter diesen performativen, ungemein spektakulären Bildgewalten entstanden fragile, semitransparente düstere Raumkunstwerke. Wie moribunde Wesen lassen sie die in den Räumen gelebten und praktizierten sozialen wie körperlichen Machtkonstellationen erahnen."

Bild: Paula Modersohn-Becker. Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag. Museen Böttcherstraße, Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen.

Zwischen "Anziehung und Abstoßung" nähert sich FAZ-Kritiker Stefan Trinks in der Frankfurter Schirn den Porträts von Paula Modersohn-Becker, die angelehnt an Fayyum-Porträts des alten Ägyptens nicht selten eine "subkutane Nähe zum Tod" aufweisen: "Diese Dichotomie vom Tod als des Lebens Bruder schlägt auch durch das rätselhaft bis unheimlich wirkende kleine 'Selbstbildnis als stehender Akt mit Hut' aus dem selben Jahr. Wie eine assyrische Fruchtbarkeitsgöttin hält sie nackt zwei orangerote Kugeln zwischen den Brüsten und auf Höhe des Nabels. Wieder werden Schamhaar, breitkrempiger Hut und dessen lang fallende Bänder zu den Seiten farblich an die goldorangen Kugeln assimiliert. Die Gesichtsfläche indes bleibt unausgearbeitet, wird im Gegensatz zum Rest des nackten Körpers aber zwei Abtönungen weiter ins Altrosa verfärbt. Wie auf manchen Vorfabrikaten im Fayyum, in die dann beim Todesfall hastig das Bild der Verstorbenen eingemalt wurde, bleibt das Individualität gewährende Gesicht leer (...)"

Außerdem: In der FAZ staunt Ursula Scheer, wie Google in seinem Arts and Culture Lab mit Hilfe Künstlicher Intelligenz in den Projekten "The Klimt Color Enigma" und "Klimt versus Klimt" verschollene Klimt-Gemälde wiederauferstehen lässt.

Besprochen werden die Ausstellung "Serena Ferrario, Where The Drawings Live"  in der Hamburger Kunsthalle (taz) und die Goya-Ausstellung in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel (NZZ). Außerdem spaziert Philipp Meier für die NZZ durch die Sammlung des Zürcher Kunsthauses.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.10.2021 - Kunst

Bild: Anicka Yi: You Can Call Me F. Kitchen Gallery New York.

Im Guardian porträtiert Stuart Jeffries die in Korea geborene Duftkünstlerin Anicka Yi, die in der Turbinenhalle der Londoner Tate Modern demnächst ihr größtes Projekt enthüllen wird. Yi schafft Kunst aus Gerüchen, Ameisen, Bakterien und Spucke: "Die Betonung des Geruchs ist Teil von Yis feministischer Kritik am visuellen Fokus der patriarchalen Kunstwelt", so Jeffries. "Unsere Sinne, so argumentiert sie, sind durch kulturelle Werte konditioniert. 'Wir assoziieren Gerüche mit dem Weiblichen. Wir assoziieren das Unsichtbare mit dem Weiblichen. Wir assoziieren das Sehen und die Beherrschung und das Wissen mit dem Männlichen.' Wie wäre es, fragte sich Yi 2015, wenn die Kunst, anstatt den schmierigen männlichen Blick durch Bilder und Skulpturen nackter Frauen zu befriedigen, die, wie sie es nannte, 'patriarchalische Angst' vor dem Geruch von Frauen erforschen würde? Zu diesem Zweck bat sie 100 Freundinnen und Kolleginnen um Abstrichproben. Einige machten Abstriche von ihrem Mund, andere von ihrer Vagina. Mit diesen Proben züchtete Yi Bakterien in Petrischalen, analysierte dann die Duftmoleküle der gesammelten Bakterien, übersetzte die Daten in eine Formel und stellte eine Chemikalie her - ähnlich wie bei der Herstellung kommerzieller Parfüms. Anschließend setzte sie die Ergebnisse in einer Ausstellung mit dem Titel 'You Can Call Me F' in der Kitchen Gallery in New York in die Luft frei. Ein Duftzerstäuber ließ das Aroma durch den Raum wehen, in dem die Bakterienproben in Petrischalen lebten und wuchsen."

Mirjam Varadinis, Kuratorin für Gegenwartskunst am Kunsthaus Zürich, will, dass Kunst Debatten anstößt, ihre Schwerpunkte sind Kolonialismus, die Genderfrage und der Klimanotstand, weiß Angelika Affenrath-Kirchrath in der NZZ und stellt nach einem Besuch des Hause fest: Es gelingt. Etwa im Werk "Remember the Future", in dem Kader Attia, französischer Künstler algerischer Herkunft, den Ersten Weltkrieg zum Thema macht: "Mit bis zur Unkenntlichkeit entstellten Gesichtern von Soldaten, die er gemeinsam mit senegalesischen Kunsthandwerkern nach Fotodokumenten in dreidimensionale, expressive Holzskulpturen transformierte, vergegenwärtigte er die Schrecken des Ersten Weltkriegs. In Attias Skulptur 'Janus', mit ihrem kantigen Kopf, der auf einem stelenartig langen Hals balanciert, finden das versehrte Gesicht eines Deutschen und das eines afrikanischen Soldaten aus den französischen Kolonien zusammen. Sie erinnern an die nie nachlassenden Spannungen und die nie aufhörende Gewalt unter den Menschen, die auch die über den Heimplatz eilenden Passanten unmittelbar angehen."

Außerdem: In der FAZ steht Benjamin Paul überwältigt vor Cy Twomblys zwölfteiligem Lepanto-Zyklus in der Münchner Sammlung Brandhorst. In der taz bespricht Julian Weber das "Debrist Manifesto" des britischen Künstlers Scott King, der zum Berliner Festival "The Sun Machine Is Coming Cown" kommt. Für den Tagesspiegel blickt Rolf Brockschmit im Berliner Bode-Museum in Olafur Eliassons 55 Kilo schweren und 75cm hohen Glasfolianten "A View Becomes A Window". In der Berliner Zeitung gratuliert Ingeborg Ruthe der Berliner Mitte-Galerie Helle Coppi zum 30jährigen Bestehen. In der SZ freut sich Till Briegleb über die Rückkehr des Brunnens der Künstlerin Nicole Eisenman nach Münster: Im Rahmen der "Skulptur Projekte" wurden Eisenmanns Brunnenfiguren Opfer von Vandalismus.

Besprochen werden das Wiener Festival Memento Mori zum Thema Sterben, Tod und Trauer (Standard) und die Ausstellung "La Collection Morozov. Icônes de l'art moderne" in der Pariser Fondation Louis Vuitton (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.10.2021 - Kunst

Kein Schönling, sondern ein kreischendes Balg: Rembrandts "Ganymed in den Fängen des Adlers", 1635. Bild: Städel Museum Frankfurt 

Das Frankfurter Städel wartet mit einer großen Rembrandt-Ausstellung auf. Zwei Jahre nach den großen Feierlichkeiten zum 350. Todestag kann FAZ-Kritiker Stefan Trinks der Schau dennoch Neues und Interessantes abgewinnen, denn sie beleuchtet die frühen Jahre, in denen sich Rembrandt zur Marke machte, machen musste: Zu jener Zeit waren die nördlichen Niederlande nicht nur der wichtigste Handelsumschlagplatz in Europa, sondern auch der größte Kunstmarkt der Welt, wie Trinks ausführt: "Im Schnitt siebzigtausend Bilder jährlich wurden in dem überschaubaren Land in Bildmanufakturen hergestellt und weltweit - natürlich auch an die eigenen märchenhaft reichen west- und ostindischen Kolonialherren - verkauft. Um unter diesem gigantischen Angebot aufzufallen, das in den Verkaufsgalerien der Zeit teils in acht Reihen dicht an dicht übereinanderhing und - wie ein besonders interessantes Bild der Ausstellung zeigt - auch direkt neben dem Ausgang des Amsterdamer Börsengebäudes an euphorisierte Broker verkauft wurde, mussten Künstler Besonderes leisten. Was Rembrandt dabei von heutigen Krawallbrüdern des Brandings wie Jeff Koons oder Damian Hirst unterscheidet, ist in erster Linie die Liebe." Auch in der FR erkennt Sandra Danicke, dass nicht allein die Malkünste Rembrandt auszeichneten, sondern sein Erfindungsreichtum. Außerdem sei ihm die höfische Etikette schnurz gewesen.

Nicht nur die Documenta 15 unter der indonesischen Künstlergruppe Ruangrupa setzt aufs Kollektiv (unser Resümee), auch der Turner Prize hat nur aktivistische Kollektive in die engere Auswahl genommen. Damit führt sich der Preis ad absurdum, findet Laura Cummings im Observer: "Ein Kollektiv über das andere zu stellen, würde dem eigenen Geist widersprechen, dem ganzen Ethos der diesjährigen Auswahl. Es kann keinen Gewinner geben, da nichts - weder Werk noch Medium, Prinzip oder gesellschaftlicher Nutzen - verglichen werden kann. Nach der langen und abschreckenden Geschichte des Turner-Preises, seinen absurden Absonderlichkeiten und krassen Interessenkonflikten täte es gut, den Preis endlich implodieren zu sehen."

Weiteres: In der SZ schreibt Achim Hochdörfer, Direktor des Museum Brandhorst, zu Cy Twomblys "Lepanto"-Zyklus. In der taz geißelt Rudolph Walther einmal mehr die Rolle des Waffenhändlers Emil Bührle in der Schweizer Kultur.

Besprochen werden Ines Doujaks Ausstellung "Geistervölker" in der Kunsthalle Wien (die Katharina Rustler im Standard zeigt, wie politisch und ästhetisch zugleich Kunst sein kann), Mario Pelitis Schau "Hypervenezia" im Palazzo Grassi, die Venedig als menschenleere Geisterstadt zeigt (Welt) und die Jubiläumsschau zum dreißigjährigen Bestehen der Galerie Helle Coppi (BlZ.