Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.06.2018 - Kunst

Patricia Belli: Desquilibradas, 2018 Installationsansicht. Berlin Biennale, Akademie der Künste. Foto: Timo Ohler

Die Berlin Biennale zeigt auch Arbeiten der nicaraguanischen Künstlerin Patricia Belli, die in ihrer Arbeit die Proteste gegen das immer autokratischere Regime Daniel Ortegas aufnimmt. In der Toninstallation "Desequilibradas" hört man Fragmente einer demagogischen Rede der Vizepräsidentin Murillo, aber auch die Namen der etwa hundertfünfzig seit dem 18. April in Nicaragua Getöteten. In einem sehr interessanten taz-Interview mit Eva-Christina Meier erzählt die Künstlerin, wann ihre Verbundenheit mit den Sandinisten ein Ende hatte: "Mit den ersten Toten. Tote hat es die ganzen Jahre über schon gegeben, aber unter der Landbevölkerung, also weit weg. Doch plötzlich gibt es Tote 'in deinem eigenen Haus'. Mit den Protesten begonnen haben die Studenten. In Nicaragua fängt man schon mit 16, 17 Jahren an zu studieren und beendet die Universität sehr jung - vier, fünf Jahre später. Die Revolution ist für die Jugendlichen Geschichte. Viele Freiheiten, obwohl es keine absolute Meinungsfreiheit gibt, sind für sie selbstverständlich. Den Bruch mit der Revolution, der mir schwerfällt, diese Loyalität kennen sie nicht."

Weiteres: Nur mit Spott quittieren kann Olga Kronsteiner Standard, wie unermüdlich der Wiener Kunstbetrieb das Werk Gustav Klimts mit immer neuen Jubiläen, Ausstellungen und Souvenier-Produktionen ausschlachtet: "Das Klimbim lauert überall." In einem zweiten Text meldet Kronsteiner, dass das Leopold-Museum Klimts Werk "Apfelbaum II" aus der Ausstellung zum "Jahrhundertkünstler" zurückziehen musste, weil es 2001 an den falschen Erbengemeinschaft restituiert wurde.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.06.2018 - Kunst

In der SZ lässt sich Thomas Steinfeld von Eicke Schmidt, Direktor der Uffizien in Florenz, erklären, warum der Bildhauer Fritz König eine Retrospektive in den Uffizien bekommt: "Bei Fritz König wiederholt sich ein Verhältnis, wie es Adolf von Hildebrand im ausgehenden 19. Jahrhundert zu Michelangelo einnahm - fernab von aller Schwärmerei für die Renaissance erkannte Hildebrand in Michelangelo das Interesse an einer strengen Form, vor allem im Umgang mit dem menschlichen Körper. ... Wenn man sich die Werke Fritz Königs anschaut, wie sie in den Boboli-Gärten stehen, in einer ganz und gar von der Renaissance geprägten Umgebung, dann wird sofort offensichtlich, dass diese Verbindung aufgeht. Für mich ist das ein geradezu beglückender Anblick."

Weiteres: Das Berliner Museum für Islamische Kunst wird zehn Jahre lang mit neun Millionen Euro von der saudischen Stiftung Alwaleed Philanthropies unterstützt, was alle Beteiligten sehr glücklich macht, berichtet im Tagesspiegel Rolf Brockschmidt. Besprochen werden eine Ausstellung von Loredana Nemes in der Berlinischen Galerie (Berliner Zeitung) und eine Ausstellung der kurdischen Künstlerin Hiwa K im Kunstverein Hannover (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.06.2018 - Kunst

Besprochen werden eine Ausstellung der türkischen Künstlerin Nilbar Güres im Lentos Kunstmuseum in Linz (Standard) und ein Band über "Rodin and the Art of Ancient Greek" (Literary Review).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.06.2018 - Kunst

In der Schau "Enjoy Your Life!" des einstigen Starfotografen Jürgen Teller im Fotomuseum Winterthur sieht NZZ-Kritikerin Daniele Muscionico vor allem vor Augen geführt, wie eine Kunst ihre Bedeutung verliert. Geradezu zynisch findet sie Tellers "Selfreflection, in denen sich der Künstler nackt posiert und alle Ideale für bankrott erklärt: "Das Beispiel Juergen Teller ist ein Krisensymptom und zeigt, wie die zeitgenössische Fotografie als Konzeptkunst nicht nur ihren Ruf riskiert. Sie ist dabei, ihn zu verspielen: Sie verspielt ihn mit formalen Variationen über Klischees und Selbstreferenzen. Wo Message war, herrscht Manierismus."

Weiteres: Auf Hyperallergic berichtet Kealey Boyd, dass der Künstler Hamishi Farah den kleinen Sohn der Künstlerin Dana Schutz porträtiert hat, offenbar als Reaktion auf ihr Bild "Open Casket", um mit diesem extrem banalen und dezidiert nicht autorisierten Bild die Auseinandersetzung um Aneignung und Übergriff weiterzuführen. In der FAZ wirft Noemi Smolik ein Schlaglicht auf die Kunstszene in Georgien, wo der Konflikt zwischen konservativ patriarchalen Kräften und der westlich orientierten jungen Generation immer aggressiver ausgetragen werde. Soso Dumbadzes Installation "A Yellow Bus", die homophobe Ausschreitungen festhält, musste von einem Polizeiaufgebot von 200 Mann geschützt werden.  

Besprochen wird die Mini-Retrospektive der inzwischen 78-jährigen Ikone der feministischen Kunst Valie Export im Neuen Berliner Kunstverein (taz).
Stichwörter: Teller, Jürgen

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.06.2018 - Kunst

Christo: Mastaba, 1958-2018. Foto: Serpentine Gallery

Im Serpentine-See des Londoner Hyde Parks hat Christo gestern eine neue Skultptur eröffnet. Die Mastaba. Auf dreißig mal vierzig Meter und zwanzig Meter Höhe hat der bulgarische Verpackungskünstler 7506 Ölfässer in Form eines altägyptischen Grabbaus geschichtet. Im Guardian senkt Adrian Searle den Daumen: Als Intervention im öffentlichen Raum habe die Mastaba weder Zauber noch politische Dimension, weder Leichtigkeit noch Schwere. Und schlimmer: "Keine Feinheit, keine Größe." In der SZ attestiert Alexander Menden dem Werk etwas ratlos "Massenappeal" und "Selfietauglichkeit".

Lucian Freud: Girl Sitting, 1987.  Bild: Städel Museum / The Lucian Freud Archive / Bridgeman Images

Das Frankfurter Städel-Museum übernimmt von der Londoner Tate Modern die große Schau mit Porträtbildern von Lucian Freud und Frank Auerbach. In der SZ ist Gottfried Knapp überwältigt von diesen beiden Menschen-Bildnern: "Sie porträtierten ausschließlich Menschen aus dem eigenen Umkreis und ließen, um an das von Kleidern verhüllte und im Fleisch verborgene Individuum möglichst nahe heranzukommen, die ins Atelier geladenen Nachbarn und Freunde so lang in Ruhepositionen verharren, bis aller Darstellungsehrgeiz verflogen war, alle gesellschaftlichen Regeln verblasst waren und die Körper sich auf kreatürliche Weise gehen ließen. Ein idealer Punkt war erreicht, wenn die Gesichter sich wie im Schlaf entspannten und das Fleisch dorthin sank, wo es von Natur aus hingehört."

Weiteres: In der NZZ trauert die amerikanische Autorin Sarah Pines um die Kunstwelt, der Genie und Erhabenheit abhanden gekommen sind: "Erfolg ist alles, genauer: Geld ist alles. Der materielle Erfolg eines Werks - er ist Antriebskraft, höchste Autorität und damit die letzte Aura einer entzauberten Welt." In der FAZ berichtet Andreas Rossmann, dass der alte Atheist Gerhard Richter der Stadt Münster ein Kunstwerk stiftet: "Zwei Graue Doppelspiegel für ein Pendel" für die 2017 profanierte Dominikanerkirche.

Besprochen werden die Ausstellung "Der Regung Regel" der Künstlerin Ulla von Brandenburg auf der Mathildenhöhe Darmstadt (taz) und die Schau zur maritimen Kulturgeschichte "Europa und das Meer" im Deutschen Historischen Museum in Berlin (Tagesspiegel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.06.2018 - Kunst

Lena Henke: The other object, 2018. Galerie Emanuel Layr, Wien.
Beißend, poetisch, unverschämt findet Christa Benzer im Standard die Arbeiten der jungen feministischen Künstlerin Lena Henke, die in der Wiener Galerie Emanuel Layr gezeigt werdenzum Beispiel ihr Selbstporträt "The other object" angelehnt an Tomi Ungerer: "Ihre Scham wird nicht von einem Mann bewohnt, sondern von einer Postkarte, die den New Yorker Freedom Tower zeigt, bedeckt. Beim Hinschauen will man sich allerdings nicht ertappen lassen. Dabei lädt das mit Referenzen gespickte Bild genau dazu ein: Als hätte sie den Slogan 'Fuck you, you fuckin' fuck' auf ihrem T-Shirt verinnerlicht, fixiert sie den Betrachter. Ausgerüstet mit einem Smartphone spiegelt sie den voyeuristischen Blick auf ihren Körper unmittelbar zurück."

Seltsam: Während wir darauf bestehen, den garantiert nicht importierten Bio-Apfel zu verspeisen, gibt es in deutschen Museen einen Hang zum globalen Einheitsbrei, konstatiert Hans-Joachim Müller in der Welt. "Wenn man von Rio aus über die 13 km lange Brücke auf die andere Seite der Bay nach Niterói fährt und sich in Oscar Niemeyers berühmten Museums-UFO wie in einer Raumstation vorkommt, dann geht es dort drinnen auf wundersame Weise provinziell zu. Alle 'contemporary art' besteht unvermischt aus 'brasilian art'. Ist das Hybris? Schmalspur-Perspektive? Kranke Heimat-Sehnsucht? Ranküne störrischer Weltvergessenheit? Vielleicht muss man die untadelige Hello-World-Erweckungsmode doch einmal daran erinnern, dass die Kunst immer ihren Ort hatte und auf ihren Ort angewiesen war."

Weitere Artikel: In der FAZ hält Niklas Maak die von Gabi Ngcobo geleitete Berlin Biennale für eine der besten überhaupt. Feinsinnig und filigran, Wild und anarchisch werde hier die Weltkarte auseinanderfaltet, dass ganz neue elten entstehen: "Von einer trocken-kunstfernen 'Dekolonialisierungsschau' kann keine Rede sein." Hannes Stein feiert die urbanen Visionen des fantastischen kongolesischen Künstlers Bodys Isek Kingelez, denen das New Yorker Moma in der hochgelobten Ausstellung "City Dreams" huldigt.

Besprochen werden die Ausstellung "Abscondita" in Bassano del Grappa, in der das Museo Civico die Bilder seiner Sammlung nur von der Rückseite zeigt (SZ), die Eröffnungsausstellung der neuen Mannheimer Kunsthalle mit Jeff Wall und Anselm Kiefer (Welt), die Kabinettschau "Die Farbe von Jade und Ewigkeit" mit grünen Keramiken im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.06.2018 - Kunst

Matilde Cassani: Tutto, 2018

Wer Palermo nicht liebt, hat ein Herz aus Stein, stellt Annegret Erhard in der NZZ erst einmal klar, bevor sie sich auf den Parcours durch die nomadische Manifesta begibt, die in diesem Jahr in Sizilien gastiert: "Herzstück Palermos ist die Kreuzung Quattro Canti, Endpunkt der alljährlichen Santa-Rosalia-Prozession. An jede der vier Barockfassaden hat Matilde Cassani farbenfrohe Banner mit heiteren Heiligendarstellungen befestigt. Ein Feuerwerk aus farbigen Papierschnipseln ergießt sich zu bestimmten Zeiten auf die Köpfe der Flaneure und ahmt mit Witz ein religiöses Brauchtum nach. Im danebenliegenden, fast verrotteten Palazzo Costantino zeigt der Architekt und Fotograf Roberto Collovà seine Bestandsaufnahme der mit Ruinenschutt aus den Bombenangriffen des Zweiten Weltkriegs aufgeschütteten Küste südlich von Palermo. Diesem erbarmungswürdigen Szenario der Unbehaustheit und der Vernachlässigung, dieser komplett ignorierten geschundenen Natur stellt er mit seinen Zeichnungen die Vision einer Heilung gegenüber: wenn Abfall, Schutt, Steine zu Sand geworden sind."

Gar nicht oft genug kann man die Arbeiten Valie Exports empfehlen. Ingeborg Ruthe rät dringend, sich im Neuen Berliner Kunstverein die "ruppige Poesie" der feministischen Künstlerin zu Gemüte zu führen, und erinnert: "Man hat sie angegriffen, wegen Obszönität, weil sie ihren Körper in Aktionen einsetzte. Sie war zu radikal für ihre Zeit. Der österreichische Staat entzog ihr 1970 sogar das Sorgerecht für ihre Tochter. Aber so kann's halt auch kommen: Im Jahr 2010 verlieh man ihr das Große Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich."

Weiteres: Der Guardian berichtet von einem großen und offenbar veheerenden Feuer in Glasgows School of Arts. Wirklich zauberhaft findet Andreas Platthaus in der FAZ Ausstellung "Museum of Untold Stories" im Japanischen Palais in Dresden. Olga Kronsteiner berichtet im Standard von der Art Basel, auf der unter anderem propagiert wird, dass sich das Geschäft zunehmend von den Galerien auf die Messe verlegt. Daghild Bartels berichtet in der NZZ von Design Miami.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.06.2018 - Kunst

Luigi Ghirri. Modena, 1979 © Eredi Luigi Ghirri 

Im Tagesspiegel freut sich Benjamin Paul über die Wiederentdeckung des italienischen Fotografen Luigi Ghirri, dessen frühen Arbeiten das Museum Folkwang aktuell eine Schau widmet. Geprägt vom Kulturpessimismus der Sechziger und Siebziger zeige Ghirri "die Wahrnehmung als eine von Bildern medialisierte und damit als eine um wirkliche Erfahrung beraubte" - jedoch frei von Zynismus, meint Paul: "Sie charakterisieren mit warmer Ironie und Liebenswürdigkeit die kleinbürgerliche Welt des Nachkriegsitalien mit ihrer Vergnügungssucht, die dem Versprechen von Glanz und Gloria erlegen ist. Das naive Gefallen an täuschenden Simulakra wird besonders deutlich in der Serie 'In Scala' über einen Vergnügungspark in Rimini mit Modellen von touristischen Sehenswürdigkeiten wie dem Eiffelturm und dem Palazzo Vecchio in Florenz. Auf subtilere Weise schimmert es durch in Aufnahmen von Bonbonpapier, das mit einem blauen Sternenhimmel bedruckt ist, oder einer mit Michelangelos David verzierten Schale."
 
In der Rotterdamer Ausstellung "Steve Bannon: A Propaganda Retrospective" versucht der niederländische Aktivist Jonas Staal die "Mechanismen zeitgenössischer Propagandakunst" im künstlerischen Werk von Steve Bannon zu analysieren - anhand von ikonografischen Stereotypen, die Bannon in seinen Filmen nutzt, um einen deterministischen Gang der Geschichte zu suggerieren, wie FAZ-Kritiker Georg Imdahl erklärt: "In Bildern von Sturm und Orkan kündigt sich der blutige clash of civilizations an, den Bannon herbeisehnt. Raubtiere symbolisieren sozialen Habitus: Dinosaurier stehen für das Establishment, Haie für die 'Party of Davos' und eine verhasste Wirtschaftselite (…) Schließlich das 'Biest', eine Lieblingsmetapher Bannons: Gemeint sind damit alle inneren und äußeren Feinde der Vereinigten Staaten, vom Liberalismus bis zum Islamismus: Dafür stehen Hippies in Woodstock bis zu politischen Gewalttätern von Hitler bis Usama Bin Laden."

Weitere Artikel: Der Pariser Louvre zeigt derzeit eine große Ausstellung mit 180 Werken von Eugene Delacroix - "ein Saisonhöhepunkt der europäischen Museumslandschaft", schwärmt Franz Zelger in der NZZ.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.06.2018 - Kunst

Juergen Teller, Siegerflieger, No.166
© 2014 Juergen Teller
Anlässlich der in der von Roman Abramovics Exfrau Dascha Zukhova gegründeten Moskauer Garage gezeigten Jürgen-Teller-Schau "Zittern auf dem Sofa" spricht der deutsche Modefotograf im Guardian mit Andrew Roth über seinen Fußballfanatismus und über das Selbstporträt, wegen dem die strengen russischen Gesetze die Ausstellung für Kinder verboten - da Teller dort nackt, Bier trinkend und ein Bein auf einen Fußball gestützt am Grab seines alkoholabhängigen Vaters steht: "'Mein Vater mochte Fußball nicht und wir schauten nie zusammen', sagt Teller, seine Stimme immer noch ruhig und gleichmäßig. 'Ich habe die sportliche Seite von meiner Mutter bekommen. Und dann wurde mein Vater eifersüchtig, wie nah ich meiner Mutter wurde. Und dann hat er sich 88 getötet. Und für mich ist es ein Versuch, meinem Vater näher zu sein. In späteren Jahren bekam ich auch Probleme mit Alkohol und Zigaretten, und das war eine Art Metapher." Für artnet.com hat Naomi Rea mit der Kuratorin Kate Fowle über die Ausstellung und zeitgenössische russische Kunst gesprochen.

Keine Angst oder Selbstzensur, stattdessen erstaunlich viel Gelassenheit und Warten auf die Zeit nach Erdogan hat Ingo Arend in der SZ bei seinem Rundgang durch die Istanbuler Kunstszene erlebt, etwa in der Ausstellung "Metaphorical Space": "Die Ausstellung lässt sich nicht als Hinwendung zum konservativen Mainstream deuten. Sonst würde darin nicht Şangars Lichtbox 'Globalisation, State, Misery, Violence' hängen. Auf der sich der Künstler in einer Doppelrolle präsentiert: Mit Schlagstock in der Hand prügelt er auf sich selbst, am Boden kniend, ein. Die Schau ist aber auch kein Symbol für apolitischen Rückzug und Introspektion am Vorabend der endgültigen Erdoğan-Machtfülle."
 
Weitere Artikel: Viel "Selbstbestätigung" und "identitätspolitisches Wohlgefühl" erlebt Hanno Rauterberg in der Zeit bei der Berlin Biennale - und lernt nicht mehr als "dass der Neoliberalismus meistens schlimm ist, der ostdeutsche Normalmensch tendenziell rassistisch, die schwarze Frau ausgebeutet und so weiter." Besprochen wird Bettina WitteVeens Installation "Götterfunken feuertrunken der Erlkönig: whiteout" in der ehemaligen Militärkaserne Waldstadt Wünsdorf (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.06.2018 - Kunst

Gerette Migranten an Bord der Juventa im März 2017. Foto: Giulia Bertoluzzi/ Forensic Oceanography


Das Kollektiv Forensic Oceanography, ein Ableger der Forensic Architecture hat den Fall des Rettungsschiffes Juventa rekonstruiert. Den Helfern wird von der italienischen Justiz vorgeworfen, dass sie  nicht nur Migranten aus Seenot gerettet, sondern Schleppern geholfen hätten. Catrin Lorch hat sich das Ergebnis der Untersuchungen bei der Biennale Manifesta in Palermo angesehen: "Dass die Installation 'Juventa Case' nun in Palermo gezeigt wird, nur wenige Kilometer von Trapani entfernt, ist sicher eine besondere Pointe. Doch wenn man Lorenzo Pezzani fragt, ob sein Projekt nun ein Kunstwerk ist, bleibt er vieldeutig. Dass man sein Werk als eine Art zeitgenössisches Pendant zum Historienbild versteht, kann er sich nur vorstellen, wenn sich daraus Folgen ergeben, die über die Sphäre der Kunst hinausreichen. Wenn '77sqm_9:26min' oder 'Blaming The Rescuers' von der Kunstgeschichte anerkannt und als zeitgenössische Versionen von Schlachtengemälden gesammelt werden, sind dann die Museen dafür verantwortlich, die begonnenen Projekte fortzusetzen?"

Biennalen werden mehr und mehr zum Stadt-Marketing für die Generation Easy Jet, stellt Jason Farago in der New York Times fest. Bei aller Sympathie für die gute Sache findet er denn auch die Berlin Biennale bei allem postkolonialen Anspruch nicht überzeugend und auch nicht so verschieden von ihrer katastrophalen Vorgängerin aus dem Jahr 2016: "There is a curious congruence between the smiling nihilism of the 2016 Berlin Biennale and the aloof refusal of this year's: Neither offers enough of a positive vision of what an art exhibition, and what art itself, might actually be for. There's no shortage of outrages to which an artist or curator should say 'No' - but 'No' has to be the beginning of an exhibition like this one, rather than an end in itself."

Philipp Meier berichtet in der NZZ von der Art Basel, dass sich in diesem Jahr die Extravaganz beim Champagnerfrühstück der alternativen "Liste" tummelte: "Es ist auch der Geist des Subversiven, der hier durch die Gänge weht. Und die Elite elektrisiert. Denn wie einst der Adel sind es heute die Führenden der Gesellschaft, die sich auf Kunst verstehen, sich mit ihr verstehen und umgeben. Und die Kunst, mag sie auch schon lange nicht mehr die Werte ihrer Sammler repräsentieren, sondern diese - wir bitten doch darum - schön provokativ konterkarieren, erfüllt den einstigen Repräsentationszweck immer noch sehr zuverlässig."

Besprochen wird die Ausstellung der Künstlerin Su-Mei Tse im Aargauer Kunsthaus (NZZ).