Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.05.2026 - Kunst

Francisco de Zurbarán, Christus und die Jungfrau im Haus in Nazareth, ca. 1640. © The Cleveland Museum of Art


Er war der rätselhafteste aller Maler, denkt ein ergriffener Hans-Joachim Müller (Welt) in der Londoner Zurbaran-Ausstellung. Ganz den Vorgaben der Katholischen Kirche verpflichtet: "Und doch ist es nicht Unterordnung unter die ausgedünnte Ästhetik der Inquisition, was er malt. Zurbarán verwandelt die strengen Gebote und Verbote in ein Wunderwerk der Inwendigkeit. Wie der heilige Franziskus die spitze Kapuze weit über die Stirn gezogen hat und den Totenschädel anstarrt, den er wie sein Kostbarstes in den Händen hält: Man kann so ein Bild nicht vergessen. ... Wie angewachsen steht jede Figur für sich, wie versteinert. Offene Münder, weggedrehte Augen, im Krampf gefangen. Ekstase, ist es das? Ekstase ist unter allen Existenzformen die geräuschärmste. Es gibt kein lautes Bild in diesem Werk. Und es ist, als sei die vorbildliche Glaubenssicherheit nur im Zustand fiebriger Erstarrtheit zu ertragen." Wenn man bei Caravaggio von "Ausdruckskunst" sprechen könne, dann ist die Malerei Zurbarans "Eindruckskunst".

Besprochen werden außerdem eine dem Kunsthändler Paul Cassirer gewidmete Ausstellung in der Alten Nationalgalerie in Berlin (taz), die Ausstellung "Tapetenwechsel" im Berliner Stadtmuseum über migrantisches Wohnen in Deutschland (Tsp), eine Schau im Münchner Lenbachhaus, die "das weibliche Gesicht des Blauen Reiters nun final würdigt" (FAZ) und "Elmgreen & Dragset. Stillleben mit Gemüse" im Frankfurter Städel Museum (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.05.2026 - Kunst

Édouard Manet, Le Déjeuner, 1868 © Bayerische Staatsgemäldesammlungen - Neue Pinakothek München, Foto: Sibylle Forster

Ganz richtig findet es Andreas Kilb in der FAZ, dass die Alte Nationalgalerie ihre Jubiläumsausstellung zum 150. Geburtstag keinem Künstler, sondern dem Kunsthändler Paul Cassirer widmet, holte dieser die Moderne doch erst nach Deutschland. Tausende von Gemälden und Skulpturen wanderten durch seine Geschäftsräume und die Ausstellung "sortiert die Bilder nicht nach Künstlernamen, sondern chronologisch nach dem Jahr, in dem sie bei Cassirer gezeigt wurden. Manet folgt auf Liebermann, Pissarro auf Monet, Renoir auf Corinth, Cézanne auf Slevogt, dann beginnt der Reigen von vorn. Kaum ein großer Name der Epoche fehlt", so Kilb, der in der Ausstellung "Korrespondenzen" bemerkt, die er "noch nicht gesehen hat: Renoirs 'Im Sommer' spricht mit Slevogts Mädchenbild, Liebermanns 'Landhaus in Hilversum' mit Manets 'Landhaus in Rueil', Van Goghs Selbstporträt von 1887 mit Corinths Porträt des Bohèmedichters Peter Hille. Und alle gemeinsam reden vom Kunstsinn des Paul Cassirer."

Krištof Kintera: Postnaturalia. Installation. Foto: Museum Ostwall. Roland Baege 

Würde das Museum Ostwall in seiner Ausstellung "Müll" nur die Abfallkunst der Vergangenheit zeigen, wäre sie schnell vergessen, meint Lars Fleischmann in der taz: Zu viel Agitprop und anspruchsloser Protest steckt in manchem Werk von HA Schult oder auch Klaus Staeck. Die Gegenwartskunst aber zeigt, dass Müll "neben den brisanten Verwicklungen globalen Ausmaßes auch Momente der Schönheit ausmacht, aber die der Ausbeutung, der Gewalt und des Grotesken nicht meidet. 'Postnaturalia' des Tschechen Krištof Kintera ähnelt HA Schults Olympiapark-Miniatur, expandiert aber vom etwas piefigen Format des Modelleisenbahnpanoramas in den Raum. Kabel und Platinen wachsen zu einem verwirrenden Konglomerat. Dessen Wesen changiert lässig zwischen dystopischem Stadtpanorama und verödeter Landschaft."
Stichwörter: Cassirer, Paul, Müll

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.05.2026 - Kunst

Maria Jarema, Penetracje I [Penetrations I], 1957, tempera, monotype on paper mounted on canvas, Museum of Art in Łódź

Schon das 2024 eröffnete Museum der Moderne in Warschau war eine "Kampfansage" an den Nationalismus und die Rückwärtsgewandtheit der PiS-Partei - wie passend, dort nun eine Werkschau der 1908 in der heutigen Ukraine geborenen Malerin und Frauenrechtlerin Maria Jarema zu zeigen, findet Viktoria Großmann in der SZ. Jarema setzte sich schon 1947 etwa gegen ein Abtreibungsverbot ein, und "in ihren vom Kubismus beeinflussten Werken verarbeitet Jarema die Massenmorde der deutschen Besatzer, die Demütigungen, die Angst, das Eindringen in die private Lebenswelt. (...) Ihre Zeitgenossen beschreiben, wie Jarema in Zeiten von Verboten, Materialknappheit und existenzieller Not weiter malte und zeichnete. Für sich. Niemals hat sie reine Auftragsarbeiten angenommen. Den abstrakten Stil hielt Jarema für notwendig: 'Ohne Abstraktion', so schrieb sie, 'sind wir heute nicht in der Lage, die sich verschärfenden Konflikte von Gefühlen und Tatsachen zu begreifen und auszudrücken'".

James McNeill Whistler: "Wapping". National Gallery of Art

Der amerikanische Maler James McNeill Whistler wirbelte das viktorianische Großbritannien auf, indem er wie etwa Oscar Wilde Kunst zunächst allein der Kunst wegen schuf, und doch erkennt Jonathan Jones (Guardian) in der großen Whistler-Schau in der Londoner Tate Britain auch den scharfen Beobachter, der die Schönheit, die er erzeugte, stets misstrauisch betrachtete. So etwa in seinem Werk "Wapping" aus den 1860er Jahren: "Die Oberfläche der Themse schimmert gelb und braun zwischen einer Vielzahl von Dampfschiffen und Segelbooten in dem Hafen, der damals der kosmopolitischste der Welt war: Die grellen Farben des Wassers wirken bezaubernd, bis man begreift, dass sie wahrscheinlich von einem Schaum aus Fäkalien, Urin und Gott weiß was noch alles herrühren. Im Vordergrund unterhalten sich eine Frau und zwei Männer ungezwungen auf der Terrasse einer Bar am Hafen: Whistlers Modell und Geliebte Joanna Hiffernan lehnt sich sinnlich zurück."

Weitere Artikel: Winston Churchill war Maler, aber kein Künstler, erinnert Olivia McEwan im Guardian, und doch kann sie sich der charmanten Amateurhaftigkeit der sechzig Bilder, die derzeit in der Londoner Wallace Collection ausgestellt werden nicht entziehen. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus" in der Alten Nationalgalerie (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.05.2026 - Kunst

Elmgreen & Dragset - The Visitor mit Stillleben mit Gemüse. Städel Museum, Foto: Studio Elmgreen & Dragset

Einen Volltreffer haben Elmgreen & Dragset im Frankfurter Städel gelandet, jubelt Stefan Trinks in der FAZ. Aber was heißt einen: ganze 14 Figuren-Installationen umfasst die Intervention "Stillleben mit Gemüse", mit der das dänisch-norwegische Duo eigenwillige Perspektiven auf Städel-Exponate anbietet: Eine ihrer Figuren fotografiert ein Chagall-Gemälde, unter Franz von Stucks "Pietà" liegt ein Wachs-Baby. "Neben Chardins bezauberndem 'Stillleben mit Rebhuhn und Birne' schließlich ragen zwei Kinderhände aus der Wand, die einen winzigen, vielleicht aus dem Nest gefallenen Vogelkörper bergen, wohl eines der häufigsten dramatischen Kindheitserlebnisse. Wer genau beobachtet, bemerkt Herzschlag und Atmung des noch nicht toten Tieres. Die Hoffnung stirbt buchstäblich zuletzt." In der FR lobt Lisa Berins die Ausstellung.

In Venedig präsentiert der russische Pavillon derzeit behäbige, vermeintlich friedfertige Schönwetterkunst. Ganz anders geht es in einer Ausstellung zu, die, wie Yelizaveta Landenberger auf monopol berichtet, fast zeitgleich in St. Petersburg eröffnet. "Russischer Imperativ" heißt die Schau im städtischen Museum Manezh, die in martialischer Aufmachung Kunst mit russischer Kriegsthematik präsentiert, von Kandinsky bis patriotischer Z-Kitsch. "Das hyperrealistische Gemälde 'Der himmlische Zug' von Alexander Skornyakow etwa stattet einen russischen Soldaten bei seiner Flugbewegung gen Sonne mit einem Heiligenschein aus. Historische Schlachten, allen voran der Zweite Weltkrieg, aber auch die beiden Tschetschenienkriege werden mit dem heutigen Angriffskrieg gegen die Ukraine vermengt, wodurch das Narrativ eines fortwährenden russischen Kampfes entsteht. Irritiert bemerkte das unabhängige russische Medium Bumaga, dass sich an den Wänden auch ein dem SS-Obersturmbannführer Otto Skorzeny zugeschriebenes Zitat findet, das 'die Russen' als den Deutschen ebenbürtig, als 'mutige, einfallsreiche, begabte Tarnkünstler' lobt."

Weitere Artikel: Nun macht also auch Marina Abramović auf Authentizitätskitsch, stöhnt in der Welt Gesine Borcherdt angesichts der Ausstellung "Balkan Erotic Epic" im Berliner Gropius Bau (mehr hier): "Diese Mischung aus Spiritualität, Disziplin und Selbstoptimierung machte sie für die Luxusindustrie attraktiv: Die Künstlerin, die einst Macht, Manipulation und Markt kritisierte, ist heute selbst eine Marke". Klaus Ferdinand Gärditz rezensiert in der FAZ ein Buch von Christoph Möllers und Nils Weinberg über Kunstfreiheit.
 
Besprochen werden Yuji Agematsus Schau "Zip: 01-01-2024 12-31-2024" in der Berliner Galerie Bucholz (taz), Evelyn Taocheng Wangs Schau "Sweet Landscape" im Museion, Bozen (monopol) sowie die Ausstellungen "Renoir und die Liebe" und "Renoir-Zeichnungen" im Musée d'Orsay, Paris (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.05.2026 - Kunst

In der taz spaziert Hilka Dirks ziemlich begeistert über das Kunstfestival "Various Others" in München, eine "zusammenschließende Initiative von Museen, Sammlungen, Galerien und Off-Spaces". Vor allem in den Galerien wird hier einiges geboten, freut sie sich: "Das Domestische, das Geisterhafte, das Gehäutete findet sich auch in den Hinterhofräumen der Galerie Sperling. Aus den mit Batikarbeiten und Seidenmalereien bespannten Keilrahmen hat die Britin Anousha Payne eine häusliche Struktur errichtet. Menschliche Leiber verdoppeln sich darauf in Unschärfe, mottenartige Nachtfalter verlieren ihre Punkte, und schon wieder finden sich fragmentierte Körperteile in fahl pastellige Skulpturen übersetzt." Bei "Heldenreizer Contemporary hängen die Gliedmaßen über die Sockel. Witalij Frese hat sie hier in toll lasche Keramiken übersetzt, die entgegen ihrer harten Zerbrechlichkeit in den Raum zu fließen scheinen. Aus griechisch geformten Vasen winden sich Finger, nackte Männerkörper schweben über zerstückelte Fliesen. Auch hier ist es beige, sinnlich und erfrischend explizit queer. In München kleidet sich die Subversion in zartrosé-greiges Pastell."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel schreibt Christiane Meixner den Nachruf auf den Berliner Maler Pavel Feinstein, dessen Arbeiten in der Galerie Classico in Berlin zu sehen sind. Besprochen werden die Ausstellung "Fantasie & Form. Adolf Erbslöhs Weg in die Moderne" im Franz-Marc-Museum in Kochel am See (FAZ) und die Ausstellung  "Gen Z. Shaping a New Gaze" im Fotografie Forum Frankfurt (FR) und die Ausstellung "Monets Küste. Die Entdeckung von Etretat" im Städel-Museum Frankfurt am Main (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.05.2026 - Kunst

Vor sieben Jahren hat Lina Lapelytės Performance in Venedig FAZ-Kritiker Konrad Muschick umgehauen, ihre erste große Einzelarbeit in Deutschland mit dem Titel "We Make Years Out of Hours" hingegen, gesponsort von der Chanel Commission, findet er weniger überzeugend: Vierhunderttausend Holzklötze liegen in der Halle des Hamburger Bahnhofs, "man ist eingeladen, mit den Bauklötzen zu spielen, man kann sie stapeln, türmen, architektonische Gebilde bauen, solidere oder fragilere. Dazwischen gibt es, zu ausgewählten Zeiten in der Woche, zwölf Performer, die in uniformer Kleidung mitbauen und die Halle mal chorisch, mal polyphon, mal solistisch singend in einen akustischen Erfahrungsraum verwandeln. Eine Atmosphäre einer spirituellen Arbeitsgemeinschaft." Partizipativ sollen die Klötze sein, für Muschick ist das zu unkritisch: "Mit den Plattitüden von Partizipation, Fürsorge und Achtsamkeit wird eine sentimentale und idealisierte Vorstellung von einem Auftrag der Kunst als harmloses Mitmachspiel gepflegt, das ja nicht anecken darf."

Weiteres: Katrin Stangl erhält den Hans-Meid-Preis für ihre Buchillustrationen, meldet die FAZ. Tagesspiegel-Kritiker Werner Bloch sieht auf der Art Dubai Zeichen künstlerischer Resilienz. Besprochen werden die Ausstellungen "D'Après Manet" in der Berliner Galerie Michael Haas (Tagesspiegel) und "20th Century Debris" mit Zeichnungen von Marc Brandenburg in der Berlinischen Galerie (Monopol).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.05.2026 - Kunst

Marc Brandenburg, Ohne Titel, 2010, Privatsammlung © Marc Brandenburg, Foto: Jochen Littkemann, Courtesy Contemporary Fine Arts

Rezensent Peter Richter (SZ) kann sogar Berlin nochmal einiges abgewinnen, wenn er in der Retrospektive in der Berlinischen Galerie auf den fotorealistischen Zeichnungen von Marc Brandenburg nicht nur an die Berliner Clubkultur der Nullerjahre erinnert wird: "Selbst das Schillern von frisch Erbrochenem in der Sonne, ein in bestimmten Berliner Bezirken nicht ganz seltener Anblick, kann etwas Bezauberndes bekommen, wenn man es nur sieht, aber nicht riechen muss. Marc Brandenburg zeichnet diese Schnappschüsse gewöhnlich akribisch ab. Dabei spielt es eine Rolle, dass ein Bild, das in einem Sekundenbruchteil aufgenommen wurde, in stundenlanger mechanischer Mühe zu einem anderen Bild verarbeitet wird. Er sei dann eine menschliche Kopiermaschine, hat Marc Brandenburg dazu gern zu Protokoll gegeben. Besonders interessant wurden die Bilder immer dann, wenn Brandenburg auch noch menschliches Fotolabor spielt und Negative daraus macht."

Edvard Munch: Drei Männer1927-1930. Bildrechte Munchmuseet, Oslo © Munchmuseet, Oslo, Foto: Munchmuseet

Diese Kombination mag nur auf den ersten Blick verwirren, meint Andreas Platthaus (FAZ) nach dem Besuch der Ausstellung "Malfluss - Lebensfluss" in der Hamburger Kunsthalle, die Maria Lassnig Edvard Munch gegenüberstellt. Wie sehr Lassnig von Munch beeinflusst war, zeigen vor allem beider Selbstporträts: "Es ist, als hätte Lassnig sogar ihre Blicke von Munch übernommen - ganz buchstäblich. Dass sie dann den nackten Körper immer mehr abstrahiert, in immer fahleren Tönen darstellt, geht einher mit einer Weiterentwicklung ihrer Bildsprache, die aber nie den Bezug auf Munch verliert. Das schlagendste Beispiel dafür ist geradezu plakativ, war aber bislang kaum bekannt: In Lassnigs Gemälde 'Traditionskette' von 1983, entliehen aus einer ungenannten Privatsammlung, stellt sich die Künstlerin als Kniende dar, hinter der sich jeweils auf Sockeln die Büsten dreier bewunderter Maler aufreihen: hinten Velázquez, vorne Van Gogh und zwischen den beiden Munch."

Weitere Artikel: Für die Bilder-und-Zeiten-Seiten der FAZ besucht Marc Zitzmann die neu eröffnete "Cité des présents - Francois Mitterand" in Chateau-Chinon, die die Geschenke zeigt, die der einstige Präsident erhielt. Ebenfalls in der FAZ berichtet Pia Wieners von einem neuen antisemitischen Vorfall an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein: In einem anonymen Flugblatt wurde die Jüdische Gemeinde als "rassistische und zionistische Organisation" diffamiert. Weitere Nachrufe auf die im Alter von 85 Jahren verstorbene Wiener Künstlerin Valie Export (mehr hier) schreiben Gesinde Borcherdt in der Welt, Kerstin Stremmel in der NZZ, Till Briegleb in der SZ, Stefan Trinks in der FAZ und Carmela Thiele in der taz. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Albert Weis: kristallin" in der Berliner Galerie Taubert contemporary (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.05.2026 - Kunst

Olaf Metzel: "Deutsche Kiste". 1997. Foto: Leonie Felle

Die Skulpturen des Bildhauers Olaf Metzel wirken wie ein Antidot gegen die sieben Todsünden des Nationalsozialismus, bemerkt Stefan Trinks (FAZ) in der Ausstellung "Oder etwa nicht?" in der Nürnberger Kongresshalle. Metzel, der in seinen Arbeiten immer wieder Fragen nach Migration, Machtmissbrauch und Menschenrechten stellt, ist der seltene Fall "eines am politischen Zeitgeschehen interessierten Künstlers, der Geschichte als Material begreift, das sich unter dem Druck gesellschaftspolitischer Kräfte jederzeit verformen kann. Seine genuine Kunst aber ist, Historie in starke Form umzuprägen, ohne je Plattitüden zu schaffen", stellt Trinks etwa mit Blick auf die "auf das rohe Mauerwerk gehängten Henkersknoten aus pechschwarz patinierter Bronze" fest: "Bei Metzel reicht schon das bloße Hängen dieser drei massigen Seile des Todes auf rote, wie gehäutet wirkende Ziegelmauern aus, um Kaskaden von Assoziationen des Schreckens auszulösen: Die Fleischerhaken von Berlin-Plötzensee entern das innere Auge, an denen die Regimegegner barbarisch wie Vieh aufgehängt wurden. Dennoch erzeugt Metzel keine Geisterbahn des 'shock and awe'. Seine totenstille Arbeit gleicht eher einem mittelalterlichen Andachtsbild der Arma Christi, der Folterwerkzeuge des Herrn in der Passion."

Janiva Ellis: "When God Splits the Atom", 2025. Installationsansicht: "Geneva", Kunsthalle Basel. Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel

Hieronymus Bosch hätte an den Bildern von Janiva Ellis seine Freude gehabt, ist sich Dietrich Roeschmann (Monopol) sicher, nachdem in der Ausstellung "Geneva" in der Kunsthalle Basel in den Gemälden der amerikanischen Malerin den Spuren der Gewalt in der Geschichte der Malerei gefolgt ist: "Ellis' Bilder atmen eine Atmosphäre latenter Bedrohung. Sie ist überall präsent, legt sich schwer über das wüste Land, durchdringt die Trümmer und die derangierten Körper, die mal an Francis Bacons bleiche Kadaver erinnern, mal an traurige Comic-Superhelden, deren zarte Seelen für die meisten unsichtbar bleiben hinter all den beeindruckenden Muskelbergen, die für das Gute arbeiten."

Die österreichische Medien- und Performancekünstlerin Valie Export ist im Alter von 85 Jahren in Wien gestorben: Einen ersten Nachruf schreibt Katharina Rustler, die im Standard an die Ikone der feministischen Avantgarde erinnert: Zeitlebens zeigte sie "männliche Dominanz auf und hielt unserer Gesellschaft einen Spiegel vor. In ihren Performances und filmischen Werken rebellierte sie gegen weibliche Stereotype - und wurde für ihre Aktionen skandalisiert." Etwa mit ihrer Performance "Tapp- und Tastkino" von 1968: "Für die erstmals in München aufgeführte Aktion stattete sich die Künstlerin mit einer tragbaren Theaterbühne vor ihrem Oberkörper aus. Gemeinsam mit ihrem damaligen Partner Peter Weibel - den sie im selben Jahr an einer Hundeleine durch die Wiener Innenstadt führte - forderte sie Passanten dazu auf, das 'Kino' zu besuchen: Also mit ihren Händen in das kleine Theater einzudringen und ihre nackten Brüste anzufassen."

Weitere Artikel: Das Metropolitan Museum und die für ihre Sammlung deutscher und österreichischer Kunst berühmte Neue Galerie in New York fusionieren, meldet der Tagesspiegel mit dpa. Wiebke Hüster denkt in der FAZ über das wechselvolle Verhältnis von Natur und Kunst nach. Besprochen werden außerdem die große Francesco-de-Zurbaran-Ausstellung in der Londoner National Gallery (FR, mehr hier) und die Schau "Internal Review" im Frankfurter Synnika Space, in der der Künstler Oliver Hardt Kunstfreiheit in den USA und Deutschland untersucht (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.05.2026 - Kunst

Rembrandt - Self-Portrait with Dishevelled Hair

Rembrandt noch einmal ganz neu entdecken, geht das überhaupt? Ja, freut sich Alexander Cammann in der Zeit. Im Schloss Wilhelmshöhe in Kassel widmet sich eine Schau ausschließlich Rembrandt-Werken des Jahres 1632 und damit dem Beginn der Weltkarriere des Malers. Zu sehen ist unter anderem, wie der Künstler sich selbst ins Bild setzte: "Mit seinen zahllosen Selbstporträts betrieb er geschicktes Selbstmarketing: Schaut her, das bin ich, der Neue! Zu Beginn der Ausstellung sieht man nebeneinander frühe Varianten des wilden Lockenschopfs über dem umschatteten Gesicht oder blass-rosige Jünglingswangen über weißem Halstuch, mal eigenhändig, mal Werkstatt, mal Kopie. 1632 auch hier der stolze Bruch: Ein Selbstbildnis aus einer Privatsammlung in Tokio zeigt Rembrandt plötzlich mit Schnurrbart, Barett und vornehmer weißer Halskrause - seht her, jetzt bin ich ein echter Bürger der Grachtenstadt!"

Eine "Museum Meile Mitte" soll in Berlin entstehen, und zwar "im unwirtlichen Gebiet zwischen Hauptbahnhof, Humboldthafen und Naturkundemuseum", der sogenannten Eurocity, verkündet Birgit Rieger im Tagesspiegel. Auf die Beine gestellt wird das Projekt von Futurium, Hamburger Bahnhof, Medizinhistorischem Museum und Museum für Naturkunde, deren Chefs das Konzept nun erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt haben. Rieger zeigt sich eher skeptisch: "Zu entdecken gibt es genug. Da haben sie recht. Vor allem die Berliner muss man aber erst mal darauf bringen, hier zu bummeln. Das Gebiet, halb im Osten, halb im Westen gelegen, war Sperrzone in der DDR, der Spandauer-Schifffahrtskanal eine tödliche Grenze; danach war es Nachwende-Brachland und jetzt gentrifizierte Wohngegend." Und zwar eine ganz besonders öde, wie Stefan Trinks in der FAZ klarstellt. Und jetzt Museumsmeile? Vor allem die Beteiligung des Immobilienriesen CA Immo, der über die Jahre für so manche Hauptstadtbausünde verantwortlich war und eben auch für die grässliche Eurocity, stößt ihm sauer auf: "Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss zubetoniert ist, werdet ihr merken, dass man ohne Kulturorte keinen neuen Stadtteil vermietet."

Weitere Artikel: "So aufsehenerregend wie alltäglich" ist laut FAZ-lerin Ursula Scheer ein Fall wiederaufgetauchter NS-Raubkunst, der zur Zeit Schlagzeilen macht. Ein dem jüdischen Kunsthändler Jacques Goudstikker gestohlenes Gemälde hing jahrzehntelang im Haus der Enkelin eines niederländischen Nazikollaborateurs: Jetzt soll es restauriert werden. Für die taz berichtet Sophie Jung von dem Fall. In der Zeit stellen eine ganze Reihe von Autoren Kunstwerke vor, die unser Leben verändern können. Peter Richter besucht für die SZ den (sehr) Deutschen Pavillon auf der Venedig-Biennale.

Besprochen werden Jiyoon Chungs Ausstellung "Dead End" in der Galerie Anton Janizweski, Berlin (Tagesspiegel) und die Schau "Celebrating Womanhood. Kulturerbe am Kilimandscharo" im Stuttgarter Linden-Museum (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.05.2026 - Kunst

Kurt Schwitters: "Merzz. 53. Red Bonbon" 1920, Solomon R. Guggenheim Museum. Bild: Wikipedia, gemeinfrei

Von der Ursonate über Collagen, Grafiken und Texte bis hin zu Malereien und Skulpturen ist der ganze Kurt Schwitters derzeit im Zentrum Paul Klee in Bern zu erleben, freut sich Maria Becker (NZZ), die hier sogar eine Rekonstruktion des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Merzbaus, den Schwitters als ganz private "Zelle" für sich geschaffen hatte, betreten darf: "Ein verwirrendes Gebilde aus Wand- und Deckenreliefs tut sich auf, eine künstlerische Tropfsteinhöhle, in der die Dinge wie von allein gewachsen scheinen. Das Ganze hat einen eigentümlich privaten Charakter, als habe der Künstler den Bau nur für sich gemacht. Schwitters hat mit dem Merzbau um 1923 in seiner Wohnung in Hannover begonnen und arbeitete immer wieder daran." Den Begriff "Merz" hatte Schwitters als Gegenstück zu "Dada" entworfen: "Gewonnen aus einem Zeitungstextschnipsel in einer seiner Collagen, konnte Merz für vieles stehen: Commerz, Schmerz, ausmerzen. Die negativen Assoziationen des Begriffs sind gewollt und werden in der Kunst gleichsam neutralisiert. ... Er war der Auffassung, dass eine neue Kunst aus den Scherben der Welt wachsen könne."

Es ging Anish Kapoor immer um die Dunkelheit, die "konkrete Leere", weiß Alexander Menden (SZ), aber in der Retrospektive, die das Duisburger Lehmbruck Museum dem indisch-britischen Künstler nun ausrichtet, muss man bei einigen Objekten schon mehrfach hinschauen, um die optische Form überhaupt zu entziffern, staunt Menden. So ist das Objekt, "When I am pregnant" aus dem Jahr 1992 frontal fast gar nicht zu erkennen: "Man muss seitlich zur Wand stehen und den Blick an ihr entlangwandern lassen, um zu erkennen, dass das, was von vorn wie ein Lichtfleck wirkte, in Wirklichkeit eine weiche Auswölbung ist. Eine ähnliche Wirkung erzielen die schwarzen, programmatisch 'Non-Objects' (Nichtobjekte) titulierten Formen, die erst im vergangenen Jahr entstanden. Ihre Konturen sind ebenfalls schwer erfassbar - eine Illusion, die durch die Beschichtung mit Vantablack erzielt wird, einem lichtabsorbierenden Pigment aus Kohlenstoffnanoröhrchen."

Weitere Artikel: Ein wenig nervt es Andreas Platthaus (FAZ) schon, dass die Ausstellung "Cling" in der Pariser Monnaie de Paris ihr Thema, Comics, die vom Geld erzählen, links liegen lässt, um mit viel Pomp alles an Comicautoren zu versammeln, was Rang und Namen hat. In den Niederlanden ist das von den Nazis aus der Sammlung des jüdischen Kunsthändlers Jacques Goudstikker geraubte Gemälde "Porträt eines jungen Mädchens" des niederländischen Malers Toon Kelder im Haus von Nachfahren des SS-Kollaborateurs Hendrik Seyffardt aufgetaucht, meldet der Tagesspiegel mit AFP

Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Renoir und die Liebe" und "Renoir-Zeichnungen" im Musée d'Orsay in Paris (Welt).