Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.12.2019 - Kunst

Mary Corse, Untitled (White, Black, Red, Beveled), 2019, © Mary Corse, courtesy Kayne Griffin Corcoran. Foto: Pace Gallery, New York


Bei Hyperallergic stellt Brock Lownes die Malerei von Mary Corse vor, eine "immmer noch aktive Vorfahrin mehrerer männlich dominierter Bewegungen der sechziger und siebziger Jahre, darunter Hardedged Abstraktion, Minimalismus und die Light and Space Bewegung der West Coast. Es ist ihr Platz im Zentrum dieses kunsthistorischen Venn-Diagramms und ihre Vorliebe für die Verwischung der Grenzen zwischen diesen Bewegungen, die ihre Arbeit innovativ machen. Nehmen wir zum Beispiel ihre neuen farbigen Leinwände, die in einem separaten Raum in der Mitte der Pace Galerie zu sehen sind. Drei dieser Gemälde zeigen ein primärfarbenes Quadrat in der Mitte der Leinwand mit Bändern aus Weiß und Schwarz auf jeder Seite. Die schwarzen Bänder sind matt und zeigen keine sichtbaren Pinselstriche. Die weißen und farbigen Teile ihrer Arbeiten zeichnen sich durch eine impasto-ähnliche Oberfläche aus, die Licht moduliert und reflektiert, ein Effekt, der durch die Verwendung von Glasmikrokugeln entsteht - winzige Glasperlen, die oft verwendet werden, um die weißen Linien auf Autobahnen zum Leuchten zu bringen -, die sie über die Oberfläche ihrer Leinwände streut. Während man an der Leinwand entlanggeht, heben die Perlen die subtilen, aber wahrnehmenden Wellen ihrer Pinselstriche hervor."

Weitere Artikel: In einem ausführlichen Interview mit Sarah Albert von Monopol erklärt Torsten Blume von der Stiftung Bauhaus in Dessau, was Kunsthochschulen heute noch vom Bauhaus lernen könnten: "das Grundlagenstudium. Der Raum für das unorganisierte, abenteuerliche Entdecken und für das neugierige, sinnliche Experimentieren. Dafür einen Schutzraum zu geben, das kann man heute vom Bauhaus lernen." Alexandra M. Thomas feiert auf Hyperallergic die Black Girl Magic der Bildhauerin Vanessa German. Wieland Freund bewundert in der Welt die Höhlenmalerei auf Sulawesi. Im Tagesspiegel schreibt Christian Schröder zum Tod des Kunsthistorikers Martin Warnke.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken des von den Nazis vertriebenen Bildhauers Jussuf Abbo im Kunsthaus Dahlem (Tagesspiegel) und die Ausstellung "100 Jahre Hamburgische Sezession" in der Hamburger Kunsthalle (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.12.2019 - Kunst

Die Kunstmesse art berlin wird eingestellt, meldet Nicola Kuhn im Tagesspiegel. "Ausschlaggebend für diese Entscheidung seien die aktuellen Rahmenbedingungen in Berlin, die insbesondere Planungssicherheit vermissen ließen, lautet die Begründung." Das richtet sich laut Kuhn direkt an den Berliner Senat. "Mit dem Ende der art berlin, dem dritten Anlauf, scheint das Schicksal besiegelt, dass Berlin als internationale Messestadt keine Chance hat. Vielleicht hätte es Aussichten gegeben, wenn sich das Land wie etwa Paris, Wien, Madrid oder Turin finanziell engagiert hätte. Dort werden die Sammler aus dem Ausland eingeflogen, die Kojen großzügig von der öffentlichen Hand gefördert. In Paris werden die Straßen rund ums Grand Palais gesperrt, der Präsident persönlich gibt sich zur Eröffnung die Ehre zur Eröffnung. In Berlin hingegen lässt sich nicht einmal der Regierende Bürgermeister blicken." In monopol legt Silke Hohmann nach: "In Madrid gehört es zum guten Ton, dass ein Mitglied der Königsfamilie die Kunstmesse Arco eröffnet, in Frankreich wurde die Fiac von einer nicht besonders bedeutenden lokalen Veranstaltung zu einem wichtigen Großereignis in der Kunstwelt - mit gezielten Investitionen und einer fantastischen Location, dem Grand Palais. Alles Maßnahmen, die der Berliner Senat in Bezug auf die Messe oder das Gallery Weekend nie ergriffen hat."

Berlin als Zentrum der internationalen Kunstwelt - das ist vorbei, meint auch Daniel Völzke in monopol. Günstige Künstlerateliers gibt es nicht mehr, die von sieben auf 19 Prozent erhöhte Mehrwertsteuer macht den Galeristen zu schaffen, "außerdem sorgen die Kosten für Geschäfts- und Ausstellungsflächen und die fehlenden Ankaufetats der Berliner Museen für Druck. Jetzt kommt noch das Scheitern der  Kunstmesse Art Berlin dazu."

Im Aufmacher der Zeit möchte Hanno Rauterberg "die ganze Idee, Computern etwas Künstlerisches andichten zu wollen", eigentlich verwerfen. Aber er versteht, warum die Vorstellung so attraktiv ist: "Sobald der Computer als Künstler auftritt, muss er sich nicht länger legitimieren. Er wird unhinterfragbar und scheint einer eigenen, nicht programmierten Gesetzmäßigkeit zu folgen, ganz so, als erfülle sich in ihm ein höherer Ratschluss der Geschichte. Neben solchen Fantasien nehmen sich die realen Künstler ein wenig blass aus. Schon vor Jahren haben sie das geniehafte Schwärmen eingestellt, jetzt verlegen sie sich auf soziale und politische Aktionen oder gleich auf 'künstlerische Forschung'. Sie sehnen sich offenbar nach dem Objektiven, nach einer Kunst mit nachweislicher Nützlichkeit - und das in einem Moment, in dem just die nützlichen Maschinen ins Reich der Genies aufbrechen, in dem es auf Nachweisbares bekanntlich nicht ankommt. Offenbar ist dies eine Zeit, in der sich die vertrauten Muster verkehren. Manche nennen es Epochenwandel."

Im Interview mit der SZ erklärt das anonyme Berliner Kollektiv "Soup du Jour", warum sie mit einem Plakat gegen die "Überrepräsentation von privilegierten, weißen Männern" beim Gallery Weekend Berlin protestiert: "Wir möchten erreichen, dass sich die Kulturszene ihres endemischen Sexismus und Rassismus bewusst wird, dass Schluss ist mit jeder Diskriminierung, ganz gleich, ob die sich in Ausstellungen offenbart, hinter geschlossenen Bürotüren oder bei sozialen Gelegenheiten. ... Genauso wenig leuchtet uns ein, warum einflussreiche Männer in der Welt der Kunst immer noch mit sexuellem Missbrauch davonkommen, ohne dass dies Auswirkungen auf ihre Reputation hat. Warum die, die von dieser Gewalt betroffen und traumatisiert sind, auch noch den Mund halten sollen. Warum löst das nicht mehr Wut und öffentlichen Protest aus - vor allem, wenn man doch weiß, wie viele Zeugen es gibt?" Weiß man das? Warum bleibt dann alles anonym in diesem Interview?

Weiteres: Beate Scheder unterhält sich für die taz mit dem argentinischen Künstler Tomaś Saraceno über seine Ausstellung "Algo-r(h)i(y)thms" in der Berliner Galerie Esther Schipper, sein Spinnenorakel und das Transportieren von Kunstwerken mittels Wind. Besprochen werden die Ausstellung "Lachen" im Taxispalais Innsbruck (Standard) und die Ausstellung "The Hoodie" im Het Nieuwe Instituut in Rotterdam (monopol).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.12.2019 - Kunst

Oskar Schlemmer: Lackierer, den Anstruch prüfend (1941/42). Bild: Von-der-Heydt-Museum. 

Lange wurden Oskar Schlemmers Arbeiten nicht gebührend gewürdigt, weil prozessfreudige Erben Ausstellungen und Reproduktionen verhinderten, weiß Alexander Menden in der SZ und freut sich umso mehr, dass Wuppertals Van-der-Heydt-Museum jetzt Schlemmers späte Arbeiten zeigt, aus der Zeit, als er sich in Wuppertal als Angestellter einer Farbenfabrik durchschlug: "Otto Schlemmer ist aber kein Expressionist, obwohl er, wie etwa die Maler des Blauen Reiters, die 'Selbstwahrnehmung' des Gezeigten ins Bild setzen wollte. Er war kein Kubist, obwohl Picasso ihn beeindruckte und prägte und das 'Triadische Ballett' in der zeitgenössischen Presse als 'kubistischer Scherz' kategorisiert wurde. Für ihn steht die menschliche Figur im Zentrum seiner Arbeit. Ein überhöhter, wenn auch nie rein dinglicher Mensch, der als geometrische Form Teil einer höheren Raumordnung ist, bestimmt durch die Gesetze der Geometrie."

Die Welt lässt ihre heutige Ausgabe vom japanischen Tausendsassa Takashi Murakami gestalten: "Brillanter hat wohl keiner aus Kunst, Kult, Klasse, Konsum und Kapital einen bonbonfarbigen Markenzopf geflochten", schreibt Hans-Joachim Müller über den Künstler, der "Superflat" zu seinem Markenzeichen machte: "Schwer beschreibbar, das alles. Oder anders ausgedrückt: vollkommen beschreibungsunbedürftig. Während der Amerikaner Jeff Koons mit edelst gefertigtem Monsterkitsch Punkte gemacht hat, hat der Japaner Takashi Murakami eine Art visuelles Esperanto für die globalisierte Welt geschaffen."

Weiteres: Völlig überwältigt ist Andreas Platthaus in der FAZ von der hochkarätig bestückten Retrospektive, mit der die Chemnitzer Kunstsammlungen den französischen Maler André Masson würdigen: "Mit dieser Retrospektive wird an einen Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts erinnert, der im Alleingang die Mauern der Tradition aufsprengte, ohne sie dabei vollständig zu schleifen." Ist Banksy der neue Charles Dickens?, fragt Jonathan Jones im Guardian, berührt durch das Weihnachtsgraffiti, das der Sprayer Birmingham spendiert hat. Darauf ziehen zwei Rentiere wie einen Schlitten eine Bank, auf der gern Obdachlose schlafen.

Besprochen werden außerdem eine Schau des isländischen Künstler Hreinn Friðfinnsson in den Berliner Kunstwerken (taz) und eine Ausstellung von Ka Bomhardt und Eileen Dreher in der Kommunalen Galerie Berlin (taz).
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Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.12.2019 - Kunst

Der Kunstwissenschaftler Stefan Heidenreich und der Unternehmer Magnus Resch haben kürzlich gefordert, die Kunst zu demokratisieren und an den Bedürfnissen des Publikums auszurichten. Auf Monopol fragt sich Annika Meier, ob sie damit eine Kundenfreundlichkeit à la Netflix meinen oder die nervige Künstlereigenwerbung auf Instagram: "Instagram ist schließlich die Plattform, auf der Menschen perfekte Bilder vom perfekten Leben teilen, also erzählen auch Künstler Erfolgsgeschichten. 'Fertig!', rufen sie. 'Eröffnet!', lassen sie uns wissen. Der britische Maler Oli Epp ist besonders gut darin, sein Publikum auf dem Laufenden zu halten. Epp hat im Jahr 2017 für seine Malerei den Begriff Post-Digital Pop geprägt, er bringt auf der Leinwand Pop Art und Post-Internet Art zusammen, also Konsum und Internetkultur. Seine Figuren zwischen Mensch und Wurm leiden entweder am digitalen Zeitalter oder versuchen sich mit Baseballcap auf dem Kopf und Apple-Kopfhörern in den Ohren an Coolness. 'Heute hat die @latimes eine sehr durchdachte und glühende Rezension zu meine Soloausstellung bei @richardgallery geschrieben', steht in einer Bildunterschrift, das Foto dazu zeigt ihn lachend vor einer Arbeit in seinem Studio sitzen. Man kann Epp aber auch dabei zusehen, wie er ein Gemälde an die Wand hängt oder an einem Bild malt."

Auch Holger Liebs hält im Freitag wenig von dem Aufruf: "Was aber würde passieren, wenn die wenigen nicht mehr da sind, die entscheiden, was ins Museum reinkommt und was nicht? Mit Blick auf den Raub im Dresdner Grünen Gewölbe lässt sich ahnen, was das Fehlen von Experten bedeuten würde: Wir wüssten nicht mal, was uns abhandengekommen ist. Das wahre Problem dieser Mobilisierung der vox populi ist jedoch noch ein anderes. Was die Mehrheit will, ist nun mal Änderungen unterworfen - Museen können aber per definitionem nicht Tageslaunen folgen. Sie horten das, was bleibt. Und: Ich gehe doch in Ausstellungen, um Neues zu entdecken. Wer will schon ständig sehen, was man sowieso kennt und liebt - sei es Picasso oder Gerhard Richter?"

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.12.2019 - Kunst

Sehr fragwürdig findet Olga Kronsteiner im Standard, dass Museumsdirektor Eike Schmidt eine Bronze in den Uffizien ausstellen lässt, deren Zuschreibung zum Bildhauer Giambologna in der Fachwelt umstritten ist: "Ein Ritterschlag, der umso schwerer wiegt, als er nachweislich mit kommerziellem Interesse des Leihgebers verknüpft ist... Offiziell wird sie als 'Privatbesitz' geführt, eine Tarnung aus ethischen, vielleicht auch steuerrechtlichen Gründen. Tatsache ist, sie gehört zwei Kunsthändlern, die seit Jahren viel Zeit und Geld in die Recherche, in kunsthistorische und naturwissenschaftliche Gutachten investiert haben: dem Franzosen Guy Ladrière (Paris) und dem Deutschen Alexander Rudigier, die mit ihren Verkaufsambitionen und trotz intensiver Bemühungen bislang gescheitert waren."

Gestern frohlockte Daniel Völzke in Monopol noch über Maurizio Cattelans Stunt von der Art Basel in Miami, eine Banane mit Panzer-Tape an die Wand zu kleben und als Ready-Made für 120.000 Dollar zu verkaufen. Heute meldet der Standard, dass sich der Aktionskünstler David Datuna einfach das Kunstwerk geschnappt und mit einem Bissen vernichtet hat.

Besprochen werden die Schau "New Contemporaries 2019" in der South London Gallery (Guardian) und eine Ausstellung des Tierbildhauers August Gaul im Berliner Käthe-Kollwitz-Museum (Tsp).
Stichwörter: Giambologna

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.12.2019 - Kunst

Der Kunstraub in Dresden muss erst noch aufgeklärt werden, der Kunstraub von Gotha 1979 hat jetzt einen Abschluss gefunden: nach vierzig Jahren sind die fünf gestohlenen Gemälde wieder aufgetaucht, berichten Stefan Koldehoff und Tobias Timm im Deutschlandfunk: "Die Hintergründe der Tat in einer kalten Winternacht in Thüringen liegen allerdings noch im Dunklen. Der Einbruch in das Schlossmuseum Gotha im Jahr 1979 war der aufsehenerregendste Kunstdiebstahl in der Geschichte der DDR - und bislang einer der größten Fälle von Kunstkriminalität, die niemals aufgeklärt wurden. Dass im Überwachungsstaat DDR eine solche Tat überhaupt möglich war, hatte schon damals weltweit für Aufsehen gesorgt. Die Beute - fünf Gemälde, die damals Jan Brueghel dem Älteren, Anthonis van Dyck, Frans Hals, Hans Holbein dem Älteren und Rembrandts Zeitgenossen Jan Lievens zugeschrieben wurden - blieb vier Jahrzehnte lang verschwunden und überstand sogar einen politischen Systemwechsel im Verborgenen - bis sie nun vor wenigen Wochen wieder auftauchte."

"Wie das LKA dem Tagesspiegel bestätigte, wird gegen zwei Verdächtige im Alter von 54 und 46 Jahren ermittelt, wegen Verdachts der Hehlerei und der Erpressung", erzählt Christiane Peitz im Tagesspiegel. "Schon das Alter macht offenkundig, dass es sich nicht um die Diebe von damals handeln kann. Der Clou und Coup ist aber ein anderer: Der eigentliche Diebstahl ist verjährt, der Herausgabeanspruch jedenfalls seit zehn Jahren erloschen. Erst durch die Rückführung - für besagte Prüfung seitens der rechtmäßigen Eigentümer - wurde die jetzige Beschlagnahme überhaupt möglich. Ein toller Trick."

Weiteres: in der FR gratuliert Peter Iden dem Maler Arnulf Rainer zum Neunzigsten. Besprochen wird eine Ausstellung der Fotokünstlerin Johanna Diehl im Haus am Waldsee in Berlin (Berliner Zeitung).
Stichwörter: Kunstraub von Gotha

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.12.2019 - Kunst

Hans Baldung, Frauenbad mit Spiegel


Kia Vahland streift für die SZ durch die Kunsthalle in Karlsruhe, voller Bewunderung für die schönen wollüstigen unkontrollierbaren Hexen, die Baldung Grien gemalt hat. Überhaupt war Grien "der Actionkünstler der deutschen Renaissance", stellt sie fest, was man in der Ausstellung gut nachvollziehen könne: "Eva treibt es nun alleine zum Apfel, Adam ist nicht dabei. Ein Stallknecht kann ein Pferd kaum zähmen, Blut pocht in den Adern des Hengstes, er möchte losgaloppieren. Und zu sterben für eine gute Sache, das ist für Baldung Griens Heiligen Sebastian wirklich eine Qual. Baldungs Drastik findet sich in profanen und sakralen Sujets gleichermaßen. Für die Freiburger Kartause bemalt er Glas, und sein 'Ecce Homo' erhält Krampfadern. Porträts sind nicht schmeichelhafter: Es gibt einen Kleriker mit zu eng stehenden Augen, einen Altgläubigen mit riesiger Nase und grummelnder Miene."

Weiteres: Philipp Meier fragt sich in der NZZ, warum so viele Menschen inzwischen zur Art Basel nach Miami pilgern. In der Berliner Zeitung meldet Ingeborg Ruthe den Tod des Ausstellungsmachers Manfred Schneckenburger, unter dessen Leitung die Documenta einst zum "Weltkunst-Ereignis" wurde.

Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Splicing Block" des kanadischen Künstlers Stan Douglas in der Julia Stoschek Collection Berlin (taz), eine Technicolor-Ausstellung des Fotografen Florian Maier-Aichen in der Salzburger Galerie Nikolaus Ruzicska (Standard) und die Ausstellung "Wolfgang Gurlitt. Zauberprinz" im Lentos Kunstmuseum in Linz ("Sieht man von den ausgestellten Schauwerten ab, fällt sogleich auf, wie nonchalant die weniger glamouröse Rolle dieses wendigen Mephistos abgehandelt wird", kritisiert Alexandra Wach in der FAZ)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.12.2019 - Kunst

Die Pyramide in Heba Y. Amins Ausstellung "Fruits from Saturn". Foto: Zentrum für verfolgte Künste, Solingen


Für ihre Ausstellung "Fruits from Saturn" im Solinger Zentrum für verfolgte Künste hat die Künstlerin Heba Y. Amin ein pyramidenförmigen Denkmal für den Nazi-Piloten Hans-Joachim Marseille, das in der ägyptischen Wüste errichtet wurde, maßstabgetreu nachgebaut. Im Interview mit Donna Schons von Monopol sagt sie dazu: "Es geht darum, vor Augen zu führen, dass gewisse Narrative in anderen Geografien bis heute fortbestehen." Daneben gibt es ein Video, für das Amin auch Anwohner befragt hat, die dem Denkmal eher indifferent gegenüberstehen. Das liegt am Tourismus, meint sie. "Als eine Erweiterung des Kolonialismus. Man hat es hier mit einer Gemeinschaft zu tun, die gravierend von den Konsequenzen des Kriegs getroffen wurde und dadurch abhängig von einem Tourismus für die Überreste jenes Kriegs geworden ist. Noch frappierender ist für mich, dass es nun eine Generation gibt, die mit diesen Denkmälern aufgewachsen ist und keine direkte Verbindung zur Realität des Krieges hat. Sie ist gezwungen, die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg zu bewahren, während ihre eigene Geschichte ausgelöscht wurde. Es ist ein Konflikt fremder Objekte und Narrative, eingebettet in Landschaften, in denen sich die Menschen selbst nicht repräsentiert sehen."

Rachel Rose: Autoscopic Egg, 2017, © Rachel Rose, Courtesy of the artist and Gavin Brown's enterprise, New York / Rome, Foto / Photo: Lance Brewer


Fasziniert kommt Hanno Rauterberg (Zeit) aus einer Ausstellung der amerikanischen Künstlerin Rachel Rose, deren Videos man im Fridericianum in Kassel im Kinoformat betrachten kann. Politische Aktualität im Sinne einer Auseinandersetzung ist ihre Sache nicht, eher ein assoziatives Ineinanderfließen der Dinge: "Es sind solche Übergänge, die Rose in ihren Videos begleitet: von den Höhen in die Tiefe, vom Öligen ins Wässrige, vom Lebendigen ins Gestorbene. Einmal sieht man, wie eine Gewehrkugel den Rumpf eines Hirschs durchdringt, dort im Rot der Eingeweide voranschießt, sich das Rot dann verwandelt in ein luftiges Etwas, sich bald als knittrig-durchscheinende Plastiktüte erweist, die man schließlich am Fuß einer Felsklippe liegen sieht. Es sind rasante Metamorphosen hinaus aus der Konkretion, hinein ins Abstrakte und wieder zurück, und fast nie verfällt Rose in den abgehackt harten Rhythmus, der viele Videoarbeiten ihrer Kollegen prägt. Nur gelegentlich scheinen die Bilder einzufrieren, ja zu zersplittern - und die Splitter verschieben sich gegeneinander, als wollte das Video sich einen Moment lang selbst betrachten."

In der SZ wundert es Catrin Lorch nicht, dass die Juroren des Turner-Preises dem Wunsch der nominierten vier Künstler gefolgt ist und sie gemeinsam ausgezeichnet hat. Alle vier Beiträge waren auch politisch, da hätte die Entscheidung für einen einzelnen Künstler die Jury glatt in Erklärungsnot bringen können: Die Juroren hätten "vor der Aufgabe gestanden, nicht nur die Ästhetik zu würdigen, sondern vier explizit politische Bezugsfelder gegeneinander auszuspielen. Feminismus gegen Folter, Nordirland gegen Syrien. Eine politisch wache Kunst erscheint nicht länger als Alternative, sondern als einzige Form von künstlerischer Arbeit, die in der Gegenwart überhaupt von Relevanz sein kann."

Weiteres: In Monopol resümiert Verena Dengler die Venedig-Biennale. Ebenfalls in Monopol schreibt die Künstlerin Heidi Specker über die Fotos von Helga Paris, die derzeit in der Berliner Akademie der Künste zu sehen sind.

Besprochen werden die Ausstellung "Body Performance" in der Helmut-Newton-Stiftung in Berlin (taz), eine Ausstellung in der Fondazione Prada in Mailand, für die Jean-Luc Godard ein Atelier hat errichten lassen (AnOther), Imi Knoebels Ausstellung "Was machen Sie denn" in der Pariser Galerie Thaddaeus Ropac (monopol), "The World's Edge", eine Ausstellung des Fotografen Thomas Joshua Cooper im Los Angeles County Museum of Art mit Bildern der gefährdeten kalifornischen Küste (Hyperallergic) und Anja Salomonowitz' Dokumentarfilm über den Künstler Daniel Spoerri (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.12.2019 - Kunst

Antiziganismus? Exotismus? Otto Müller Zwei Zigeunerinnen mit Katze, 1926/27, Museum Ludwig, Köln


Mit der Aktion "Bild und Gegenbild" erprobt das Kölner Museum Ludwig eine Revision seiner Sammlung, indem es einzelne Werke auf diskriminierende Elemente hin untersucht. Dafür erntete es einen üblen Shitstorm. Tugendterror! Cancel Culture! Warum nicht einfach mal gespannt sein?, fragt Antje Stahl in der NZZ, warum einen kritischen Blick nicht aushalten: "Im Museum Ludwig zeigt sich nun, wie fehlgeleitet solche Zuspitzungen sein können. Hier wird nichts bereinigt oder gecancelt, nichts entprovoziert oder gar entradikalisiert - im Gegenteil: Die Gegenüberstellung von Gemälde und Film wird die Besucher dieses Hauses vor den Kopf stoßen, weil sie die verehrte Ästhetik der Avantgarde in jenes dialektische Licht stellt, das in den größten Errungenschaften der Menschheit auch immer nach den Ursprüngen ihrer Verbrechen fahndet. Damit soll nicht gesagt sein, dass der Rassismus im schönen Schein von 'Zwei Zigeunerinnen mit Katze' aufgeht, nein. Aber der künstlerische Widerstand gegen die bürgerliche Ordnung funktioniert eben nur um den Preis, andere Menschen und Welten als wild und exotisch zu verklären. Wer das zugibt, greift mit Sicherheit nicht die Kunstfreiheit an, sondern kritisiert die realen Umstände, die es den einen auf Kosten der anderen ermöglicht haben, sie unwidersprochen auszuüben."

In der Welt verteidigt Hans-Joachim Müller prinzipiell den Kanon in der Kunstgeschichte: Wenn er sich als unhaltbar erweist, müsse man ihn eben umschreiben, aber nicht abschaffen. Ordnung schaffe nicht nur Hierarchien, sondern auch Sinn, betont Müller, eine bunte Hängung wie im neu arrangierten Moma macht nur gute Laune: "Wen kümmern noch die Unterschiede? Wenn es entschieden mehr Spaß macht, das, was Herkunft, Anspruch und Macht getrennt überliefert haben, so weich zu verschränken, dass zumindest die Illusion von 'Weltkultur' entsteht. Und bildet nicht die Regie der Beliebigkeit eine Erfahrung ab, die erst im Netz zur Kulturtechnik erwachsen ist? Ähnlich wie im kanonfreien Museum streift man ziel- und richtungslos umher und verliert sich in der Gleichrangigkeit der Dinge, die dort verdatet sind. Alles hat miteinander zu tun, steht in irgendeiner Korrelation zueinander. Der Philosoph Byang-Chul Han hat recht, wenn er in seinem Essay 'Psychopolitik' schreibt: 'Die Korrelation stellt die primitivste Stufe des Wissens dar ... Korrelationen ersetzen Kausalität... Die datengetriebene Quantifizierung der Wirklichkeit vertreibt den Geist ganz aus dem Wissen.'" (Nur wenn man auch bereit ist, ihn fahren zu lassen!)

Eigentlich ganz passend dazu meldet der Guardian, dass der Turner-Preis in diesem Jahr an alle vier nominierten Künstler - Lawrence Abu Hamdan, Helen Cammock, Oscar Murillo and Tai Shani -vergeben wurde, nachdem sie in einem gemeinsamen Plädoyer die Jury aufgefordert hatten, "Gemeinschaftlichkeit, Vielfalt und Solidarität" anzuerkennen. In einem ersten Kommentar findet Adrian Searle das ziemlich gut: "Der Turner-Preis zielte immer darauf, dass es einen Sieger geben muss. Er garantiert Öffentlichkeit, erzeugt Diskussion und nährt die Buchmacher. Das soll gut sein für das Klima, in dem über zeitgenössische Kunst gesprochen wird. Aber eigentlich werden Künstler, deren Arbeiten und Haltungen nichts miteinander zu tun haben, ohne Grund gegeneinander in Stellung gebracht."

Besprochen wird eine Ausstellung des österreichischen Expressionisten Richard Gerstl im Wiener Leopold-Museum (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.12.2019 - Kunst

Hans Baldung: Geburt Christi, 1539. Bild: Kunsthalle Karslruhe, CC


Als den David Lynch der Renaissance feiert Stefan Trinks in der FAZ den eigenwilligen Maler Hans Baldung Grien, dem die Kunsthalle Karlsruhe eine große Ausstellung und eine fantastische Website widmet. "Angesichts der gelehrten Komplexität seiner Bilder wirkt es, als male ein Akademiker magrittehaft vertrackte Rätselbilder. Das bedeutet nicht, dass Baldung malhandwerklich nicht perfekt wäre. In seiner Art einer bisweilen fast abstrakten, weil 'wirklichkeitssuggestiven' Darstellung von Dingen findet er einen Mittelweg zwischen dem oft fast ungebrochenen Hyperrealismus des nur zwölf Jahre älteren Gleichgesinnten Dürer und den surrealen Architekturen eines Albrecht Altdorfer. Gut zu erkennen ist das auf der Baseler 'Anna Selbdritt' von 1512, auf der das nackte Christuskind auf dem Schoß Mariens seiner Großmutter Anna einen tiefroten Apfel reicht. Das Ganze findet in einer Architektur statt, die wie eine Murmelbahn wirkt, die ein grobmotorisches Riesenbaby zusammengezimmert hat."

Geblendet kommt SZ-Kritiker Harald Eggebrecht aus der Ausstellung "Gold und Ruhm", die Pracht und Schönheit des frühen Mittelalters im Basler Kunstmuseum versammelt: "Die kalligrafische Schönheit der illuminierten Handschriften mit ihren Miniaturen, die unglaubliche Qualität der Elfenbeinschnitzereien, die mit Edelsteinen geschmückten, in Gold gefassten Buchdeckel und -kästen, die Pracht von Kreuzreliquiaren und Monstranzen, die Raffinesse byzantinischer Seidenbeutel zur Aufbewahrung von Reliquien und die Ehrwürdigkeit der kaiserlichen Siegel an den imposanten Urkunden - das alles zeugt von der zivilisatorischen Höhe und Vielfalt jener Epoche, in der Kaiser Heinrich II. für den Aufstieg des Bistums Basel sorgte."

Besprochen werden die große Hans-Haacke-Retrospektive "All Connected" im New Museum in New York (SZ), eine Else-Lasker-Schüler-Ausstellung im Wuppertaler Von der Heydt-Museum (FR) und eine vom Fotografen Marc Martin kuratierte Schau zur Geschichte der Pissoirs von Paris im Leslie Lohman Museum in New York (Guardian).