Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.09.2022 - Kunst

Der SPD-Politiker Helge Lindh fordert in der SZ eine Art Documenta-Gipfel, den er sich als Mischung aus Wahrheitskommission, Enquête und Synodalem Weg vorstellt und der die Debatte zu Antisemitismus, Postkolonialismus und BDS aus der Sackgasse herausführen soll. Der Kampf gegen den Antisemitismus darf nicht in Opposition bleiben zum Postkolonialismus, meint er: "Teilweise dient der Nahostkonflikt als Chiffre für den jeweiligen postkolonialen Befreiungskampf. Der NS-Vergleich wird gerne zwecks Analogieschluss zum absolut Bösen im Allgemeinen, zu konkreten Kolonialregimen und zur Beziehung Israel-Palästina im Besonderen herangezogen. Das Verhältnis Holocaust und (Post-)Kolonialismus wird primär rein ideologisiert debattiert. Der Globus ist Teil von uns geworden und damit andere Erinnerungskulturen Teil unseres Gedächtnishaushalts; die koloniale Globalisierung hat uns eingeholt. Unser Wissen darüber ist ausbaufähig. Verklären wir diesen Globalen Süden also nicht mit neuen Romantisierungen und Vereinfachungen, um dabei kolonialen Schemata einen netten, neuen Anstrich zu geben. Entkommen wir der wirklich entsetzlichen Falle, die Fixierung auf Israel und den Holocaust wäre zwingend konstitutiv für eine neue postkoloniale Identität. Die fixe Idee, Holocaust und Kolonialismus stünden in einem Konkurrenz-, Identitäts- oder Verrechnungsverhältnis ist eine Albtraumidee."

Weiteres: In der launigen Ausstellung "Fun Feminism" im Kunstmuseum Basel muss NZZ-Kritiker Philipp Meier herzlich lachen über Aline Stalders Kletterwand aus Keramikbrüsten: Sie trägt den Titel "Touch me - get high - Gucci".

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.09.2022 - Kunst

Ziemlich aufregend findet Werner Bloch im Tagesspiegel die Biennale Istanbul, die sich nur auf den ersten Blick harmlos gebe: "Bei der Performance in Kadikoy, einem industriellen Stadtviertel auf der asiatischen Seite, schwenken weiß gekleidete Jugendliche Fahnen, auf denen 'Freiheit', 'Rebellion', 'Demokratie' steht. Die Performer erstarren, schwirren aus, ein hoch konzentriertes Spektakel. Dann erscheint ein schwarzer Drache, auf dem Rücken der Schriftzug 'Ich beobachte euch'. Diesen Satz verwendet der türkische Staatspräsident Erdogan gerne, wenn es um Intellektuelle und Künstler geht. Er nennt sie auch Schmarotzer, Schmeißfliegen und sinnloses Pack. Der Drache wird in der Aufführung zur Strecke gebracht, die ein Highlight der Biennale ist. In Kadikoy regiert die Opposition, deshalb kann die Aufführung in Gazhane stattfinden, einem zum hippen Kulturzentrum mutierten Gaswerk. Eine Performance wie ein Peitschenknall."

Weiteres: Die Documenta-Leitung hätte sich besser auf die erwartbaren Konflikte  vorbereiten müssen, meint der Historiker Hanno Loewy im Interview mit dem Standard. Schließlich hätten deutsche Medien bereits Monate vor Beginn ihre "bis ins Rassistische abgleitende Kampagne" gegen die Kunstschau begonnen.
Stichwörter: Biennale Istanbul

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.09.2022 - Kunst

Maria Lassnig, Mit einem Tiger schlafen, 1975. Sammlung Oesterreichische Nationalbank. © Maria Lassnig Stiftung / Bildrecht, Wien 2022


Niedliche Katzenbilder gibts hier eher nicht, trotzdem ist die große Schau "Das Tier in Dir", die das Wiener Mumok ausgerichtet hat, einen Besuch wert, versichert Maya McKechneay im Standard. Subtext ist hier alles, wenn beispielsweise Maria Lassnig ein Reh malt, "dem die eigene Nachnutzung bereits eingeschrieben ist: Zwar noch mit Fell bewachsen, formt sich der Leib bereits zum Kotelett." Manchmal offenbart sich die Ambivalenz erst auf den zweiten Blick, so bei "'Mutterschaft', eine 30-sekündige geloopte Videoarbeit der Wiener Fotografin Anna Jermolaewa. Mitgebrachte Kinder werden sich an der herzigen Szene freuen: Eine Hündin säugt ihre Welpen. Doch wer genau hinschaut, erkennt, dass das Tier zwischen den Mäulern der Jungen und einer fütternden Menschenhand eingespannt ist wie in einen Schraubstock. 'Mutterschaft' ist ein feministisches Manifest." Und während ihr Blick zwischen Otto Mühl und Valie Export hin und her wandert, fragt sich die Kritikerin: "Wie wirkt das Tier in dir?"

Letzte Resümees zur Documenta 15, die morgen schließt: Wagenburg statt Kommunikation, bescheinigt Johannes Schneider auf Zeit online dem indonesischen Kuratorenteam Ruangrupa, findet aber trotzdem, dass man mehr mit ihnen statt über sie hätte reden sollen: "Da bestimmt die documenta einen Sommer lang maßgeblich die gesellschaftliche Debatte, und diejenigen, die sie erdacht und zusammengestellt haben (auch wenn ruangrupa die Künstlerinneneinladungen zum Teil an andere Kollektive delegiert hat), bleiben leere Signifikanten. Sie selbst haben zweifellos dazu beigetragen. Durch ihre Orientierung an einem globalen Gleichheitsdiskurs einerseits und ihrer Hinwendung an hyperlokale Gesprächsräume andererseits hat ruangrupa sich der nationalen Diskussion entzogen. Das aber hätten wir den Kuratoren nicht durchgehen lassen dürfen, bei allem Respekt und - ja - allem Verständnis für ihre Art, Debatten zu führen oder nicht zu führen."

Mehr reden hätte auch nichts genützt, meint in der Welt Jacob Hayner anlässlich einer gescheiterten Debatte in Frankfurt mit Hito Steyerl, Nele Pollatschek, Julia Yael Alfandari und einem Vertreter der palästinensischen Gemeinde (er kam nicht), solange Dialog immer nur Befindlichkeitsdiagnose ist, statt ans Eingemachte zu gehen: "Müssten nicht überall öffentliche Diskussionen zur postautonomen Kunstauffassung, zur Beständigkeit des Antisemitismus und seiner Voraussetzungen, zu den ideologischen Verstrickungen des modernen Kunstbetriebs stattfinden?"

Außerdem: Abgesehen vom Antisemitismus war das doch eine großartige Documenta, meint im Interview mit der FR der Kunsthistoriker Christoph Grunenberg: "In der Konsequenz und Konzentration, in der sich die Arbeiten auf der Documenta derart weit vom traditionellen künstlerischen Objekt entfernten: ja. Es war schon ein sehr starkes Statement, sogar ein Wendepunkt, möchte ich sagen." Ruangrupas Kuratorenteam hinterlässt einen Scherbenhaufen und eine Spaltung, die dem Anspruch auf Völkersolidarität Hohn spricht, meint hingegen Stefan Trinks in der FAZ. "Es ging um Setzungen, Definitionsmacht, nicht um Austausch", meint Andreas Fanizadeh in der taz und gibt daran auch Findungskommission und Beiräten der Documenta die Schuld, während Sophie Jung die Unterkomplexität des Kunstbegriffs von Ruangrupa beklagt. In der FR kritisiert Lisa Berins ebenfalls die Wagenburgmentalität Ruangrupas, noch entsetzter ist sie aber von den deutschen Documenta-Veranstaltern: "Wenn diese studierten Leute das Problem von antisemitischen Denkweisen nicht auf dem Schirm haben, wie sieht es dann in der Breite der Gesellschaft aus?" In einem zweiten Artikel berichtet Berins über die Frankfurter Diskussionsveranstaltung mit Hito Steyerl. Niklas Maak tut es in der FAS leid um all die Künstler, die in der Antisemitismusdebatte untergegangen sind.

Weitere Artikel: Lothar Müller besucht für die SZ das neue Minsk Museum in Potsdam, Swantje Karich pilgert für die Welt dorthin. Besprochen wird die Schau "Christo und Jeanne-Claude. Paris. New York. Grenzenlos" im Kunstpalast Düsseldorf (NZZ).
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Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.09.2022 - Kunst

Am Wochenende geht die Documenta zu Ende. Peter Richter resümiert in der SZ eine Großausstellung, die mit ihrem künstlerischen und ethischen Anspruch krachend gescheitert ist: "Dass hier eher Herkünfte, Biografien, soziale Praktiken und Propagandamaterialien nationaler Befreiungsbewegungen ausgestellt werden, ist im Zug dieser Documenta keineswegs nur als Machtübernahme des Kulturalismus beklagt worden. Es wurde durchaus auch als Ablösung eines als überkommen hingestellten Autonomiekonzepts von Kunst bejubelt. Allerdings: Wenn das mal so übersichtlich wäre. Eher scheint es, dass diese Dinge, indem sie hier nicht nur statt Kunst, sondern vor allem als Kunst ausgestellt werden, von exakt dem Immunitätsstatus partizipieren, der mit dem angeblich überkommenen Beharren auf Autonomie einhergeht. ... Angesichts der ethischen Anspruchshöhe der ganzen Veranstaltung wirkt dieser Widerspruch bestenfalls taktisch, eigentlich aber zynisch."

Dass die Nazis nicht nur die konservative Rechte, sondern auch die Linke in Deutschland geprägt haben, das kann man an dieser Documenta gut studieren, meint Thomas Schmid in der Welt: "Da schließt sich ein Kreis. Die frühe Documenta der 1950er Jahre verpflichtete kunstbeflissene Deutsche auf die nichtgegenständliche Kunst, die eben noch als entartet gegolten hatte. Der Kunsthistoriker, der diese Wende als Mitverantwortlicher für die ersten drei Documenta-Ausstellungen in Kassel prägte, war Werner Haftmann: ein ehemaliger Nazi, der sich an Kriegsverbrechen in Italien beteiligt hatte. Seine Hinwendung zur künstlerischen Moderne kann man als insgeheimen Versuch sehen, Vergangenes ungeschehen zu machen: eine Art avantgardistischen Exorzierens der eigenen Verwicklung. Und nun, fast 70 Jahre später, haben sich die Verantwortlichen der 15. Documenta kategorisch geweigert, die antisemitische Bildersprache, die in ihrer Schau einen Platz hatte, ein Skandalon zu nennen. Ungerührt haben sie, die Freiheit der Kunst missbräuchlich im Munde führend, dem Antisemitismus einen neuen Platz in Deutschland verschafft. Wie man vordemokratische Haltungen, insbesondere die Judenfeindschaft, nicht überwindet, sondern überwintern lässt, haben ihnen etliche Persönlichkeiten vorgemacht, die das Geistes und Verfassungsleben der Bundesrepublik begründet haben."

Auch Harry Nutt registriert in der Berliner Zeitung denkbar ernüchtert, wie empfindlich und diskursfeindlich ausgerechnet die Lumbung-Künstler und die deutschen Verantwortlichen auf die Antisemitismusvorwürfe reagierten. Was bleibt? In der Debatte um das Verhältnis von Antisemitismus und Rassismus scheinen "nicht wenige ... bereit, die Gefahr des Antisemitismus, über die lange gesellschaftlicher Konsens im Sinne eines Nie-wieder herrschte, als Spielmarke mit geringem Wert über den Tresen des Debatten-Kasinos zu schieben. Verschärft werden die Auseinandersetzungen durch eine auffällige Fixierung auf Israel als zu bekämpfenden Dämon. Hinsichtlich der Artikulation eines Bedürfnisses nach kultureller Empfindsamkeit war die Documenta Fifteen ein paradoxes Lehrstück, das leider keine Anleitung mitgeliefert hat, wie ideologische Ketten abzustreifen seien."

Stan Douglas, Von Lenné gestalteter Garten. Halbinsel Meedehorn, Sacrow, 1994/95. Aus der Serie "Potsdamer Schrebergärten". Sammlung Hasso Plattner. © Stan Douglas, Courtesy der Künstler, Victoria Miro und David Zwirner


Claudius Seidl freut sich in der FAZ, dass Hasso Plattner das das 1977 erbaute Potsdamer Terrassenrestaurants "Minsk" vor dem Abriss rettete, indem er es in ein Museum verwandelte - wenn auch zum allergrößten Teil als Neubau: "Zu marode sei nach fast dreißig Jahren der Verwahrlosung die Substanz gewesen, sagen jetzt die Leute vom Museum. Von außen sieht es aus wie das Original: sehr offen, transparent, auf allen Seiten von Terrassen umgeben. Innen hat man die geschwungene Treppe ins Obergeschoss nachgebaut. Und die neue Bar steht da, wo auch die alte stand. Besucher dürfen hier sitzen, essen, trinken und sich an der Aussicht freuen, ohne dass sie ein Ticket kaufen müssten. Fast wie im Sozialismus. Dass das alles jetzt das Privateigentum eines Kapitalisten ist, stört in Potsdam viele. Potsdam hat es aber nicht anders verdient. Das Volk, in Gestalt seiner gewählten Vertreter, hat das Haus erst verfallen lassen. Und als es so aussah, als ob es nicht mehr zu retten wäre, war der Abriss so gut wie beschlossen." Online nachgereicht wurde auch Hanno Rauterbergs Artikel in der Zeit über das "Minsk". Kevin Hanschke empfiehlt außerdem in der FAZ die zwei Ausstellungen, mit denen das Minsk eröffnet: "Wolfgang Mattheuer: Der Nachbar, der will fliegen" und "Stan Douglas: Potsdamer Schrebergärten": "Der recht konventionelle Ansatz wird interessant, weil in den Ausstellungen die Transformation der Landschaft der DDR seit der Wende im Mittelpunkt steht", lobt der Kritiker.

Weiteres: Paul Jandl betrachtet für die NZZ auf einer Berliner Vernissage die Wandlung des Junkie-Musikers Pete Doherty in einen nüchternen Maler. Besprochen werden eine Ausstellung im Schwulen Museum Berlin: "Queering the Crip, Cripping the Queer" über das Schicksal des behinderten Schwulen Hans Heinrich Festersen im Dritten Reich (taz) und die Eröffnungsausstellung im neuen Käthe-Kollwitz-Museum in Berlin (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.09.2022 - Kunst

In der Zeit stellt Hanno Rauterberg das neue Museum im ehemaligen Restaurant "Minsk" vor, das der Milliardär Hasso Plattner Potsdam spendiert: "Das Restaurant von damals ist das erste Museum überhaupt, das sich allein der DDR-Kunst widmet. Und überraschenderweise gelingt es hier tatsächlich, ein Art Geilsdorf-Blick auf das vernachlässigte Erbe zu werfen, unbefangen und fordernd zugleich. ... Seit Jahren kauft Plattner für sein Barbarini-Museum nicht nur fast unerschwingliche Werke von Monet, Cézanne oder Caillebotte, er sammelt auch die viel günstigere DDR-Kunst. Zum Glück aber zeigt er davon nur einen kleinen, klugen Ausschnitt, durch Leihgaben ergänzt. Zum Glück ist das neue Museum keine Bühne, auf der er, der Wessi, den Ossis erklärt, wie toll ihre Maler waren. Es ist nicht die große Geschichte der DDR-Kunst, es sind die vielen kleinen Geschichten des Gegen- und Miteinanders, der Selbst- und Fremdbilder, von denen das Minsk erzählt.

Weiteres: In der taz berichtet Julia Hubernagel von der Lumbung-Konferenz der Documenta, wo der Kunsthistoriker Philippe Pirotte die Kritik an der Documenta kritisierte. In der FAZ schreiben Hans Ulrich Obrist und Daniel Birnbaum zum Tod der Frankfurter Künstlerin Helke Bayrle. Besprochen wird eine Ausstellung mit 50 Künstlerinnen aus der DDR im Berliner Kunstraum Kreuzberg/Bethanien (FAZ).
Stichwörter: Plattner, Hasso, Museum Minsk

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.09.2022 - Kunst

William Kentridge: Notes Towards a Model Opera. 

Wie stets bei William Kentridge gibt es auch in seiner Ausstellung in der Royal Academy viele Megafone, Kameras, Schreibmaschinen und Bäume zu sehen, gibt Adrian Searle im Guardian zu, aber immer wieder packen ihn die Arbeiten des südafrikanischen Künstlers zu Kolonialismus und Apartheid: "Hinzu kommen Wandteppiche, die von alten Landkarten abgeleitet sind und die Aufteilung eines Kontinents durch die europäischen Großmächte des 19. Jahrhunderts darstellen, sowie ein Film mit drei Leinwänden, der auf den Opern basiert, die Mao Zedongs Frau Jiang Qing während der chinesischen Kulturrevolution schuf. Kentridge hat die Handlung nach Südafrika verlegt, wo eine schwarze Ballerina mit Fahne und Gewehr tanzt, in einem Werk, das auf den chinesischen Wirtschaftskolonialismus im heutigen Afrika anspielt. An anderer Stelle der Ausstellung treffen wir Kentridge in seinem Atelier. Er steht neben sich, ein durch einen einfachen filmischen Trick geteiltes Ich; beide identisch gekleidet, beide mit Glatze, beide mit dem Zwicker am schwarzen Band. Kentridge, der Künstler, sitzt an seinem Schreibtisch, umgeben von Zeichenmaterial und den Werkzeugen seines Handwerks. Neben ihm steht sein übermächtiges Über-Ich, das wie ein Schulmeister über sein träges, lethargisches Double schimpft und spottet. Momente des Humors sind hier willkommen."

Rosa Loy, aus der Ausstellung "Flaneurin" im Frauenmuseum Wiesbaden.


FAZ-Kritikerin Katinka Fischer lässt sich im Frauenmuseum Wiesbaden von Rosa Loy hinab in die figurativen Traumwelten der Leipziger Malerin führen: "Loys Bildideen erscheinen so rätselhaft, weil eine mögliche Erzählung eingefroren ist wie ein Filmstill. Man kann sie kaum entschlüsseln, obwohl sie doch aus einem realistischen Formenvorrat schöpfen und nicht selten die Kunstgeschichte heraufbeschwören. So greift die Künstlerin bei ihren Gemälden bevorzugt zu Kasein, dessen kreidig matte Oberfläche an Renaissancefresken erinnert. Komponiert wie eine traditionelle Pietà ist auch das 2004 entstandene Gemälde 'Mondlicht' - mit dem Unterschied, dass das Kind, das die Mutter in ihren Armen hält, den Körper einer jungen Frau hat, während sich seine Gliedmaßen verflüssigen und in hellen Schlangenlinien über dunklen Grund mäandern."

Weitere Artikel: In der FR erklärt Lisa Berins, wie sich die Macher der Documenta einen fairen Kunstmarkt vorstellen: In der Lumbung Gallery setzt sich der Preis eines Kunstwerks aus den eingesetzten Mitteln, der Arbeitsszeit und dem weltweit höchsten, in Australien gezahlten Mindestlohn zusammen. Seltsam dünn scheint, was das Kunstmuseum Bern in seiner Bilanz des Falles Gurlitts präsentiert: Von den 1600 Arbeiten, die sich im Besitz des NS-Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt und später seines Sohnes befanden, wurden bisher lediglich elf Werke als Raubkunst identifiziert, berichtet Kito Nedo in der SZ.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.09.2022 - Kunst

Clemens Gröszer: Bildnis Susanne Rast. Bild: Stadtmuseum Berlin

Das Berliner Stadtmuseum im Ephraim-Palast zeigt Ost-Berliner Kunst aus den Wendejahren. Christian Schröder spürt im Tagesspiegel Aufbruch und Umbruch, Widerstand und Kritik am gesellschaftlichen Stillstand: "Auch wenn sie mit dem sozialistischen Realismus gebrochen hatten, orientierten sich viele der an den Akademien in Leipzig, Dresden oder Berlin ausgebildeten Malerinnen und Maler an Expressionismus und Neuer Sachlichkeit. Clemens Gröszer, der mit der von ihm gegründeten Gruppe NEON-REAL eine Ästhetik des 'ungemilderten Draufzu' forcierte, setzte auf seinem 'Bildnis Susanne Rast' eine schwarzgekleidete, bleichgesichtige Femme fatale so altmeisterlich in Szene, als stamme sie von Otto Dix. In Joachim Völkners Heldenporträt des Schriftstellers Franz Fühmann, der vom Stalin-Besinger zum Regimekritiker mutierte, zeigt sich die Unruhe dieser Biografie bereits am zittrigen Pinselstrich."

Jürgen Wittdorf: "Baubrigade der Sportstudenten", 1964. 

Auch in der SZ zeigt Gustav Seibt ein Faible für die DDR-Kunst, zu deren ästhetischer Utopie nicht nur der Sozialismus gehörte, wie er erkennt, sondern auch der körperlich schöne Mensch. Dass sich das Schloss Biesdorf jetzt an die Wiederentdeckung des Grafikers Jürgen Wittdorf macht, freut ihn. Wittorf war nach der Wende dem Verdikt der Regimetreue zum Opfer gefallen, dabei gehörte das schwule Begehren zu seinen Sujets: "Klassische Haltungen in zeitgenössischen Umgebungen, beim Sport, bei der Arbeit, in einer jugendkulturell codierten Freizeit, teils bekleidet, teils nackt, mit Fahrrädern oder Motorrädern, in Badekleidung, beim Duschen, erotisch präsent, aber mit einer spannungsvollen Zurückhaltung: Das wurde Wittdorfs Stil, und das stieß in der noch jungen DDR auf begeisterten Zuspruch. Wie stark die Widerstände beim Publikum doch auch sein konnten, belegt ein in Biesdorf ausgestellter Leserbrief aus dem Jahr 1962, der sich darüber beschwert, dass ein junger Mann, der auf einem Bild Wittdorfs ein Mädchen küsst, dabei seine Hand in der Hosentasche behält - eine harmlose erotische Anspielung, die offenbar Skandal machte."

Besprochen werden die große Werkschau zu "Christo und Jeanne-Claude" im Düsseldorfer Kunstpalast (FAZ), die Donatello-Schau in der Berliner Gemäldegalerie (die Ingeborg Ruthe in der FR mit großer Begeisterung für den humanistischen Bildhauer bespricht), die Ausstellungen zu den Fotografen Bernd und Hilla Becher im New Yorker Metropolitan Museum sowie Wolfgang Tillmans im Moma (FAZ) und eine Jubiläumsausstellung in der Alfred Ehrhardt Stiftung (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.09.2022 - Kunst

Auf ZeitOnline wirft die Historikerin Marion Detjen dem Expertengremiums zur Documenta vor, in seinem Gutachten mit vorgefertigten Meinungen und strittigen Definitionen zu arbeiten, und eigentlich völlig unwissenschaftlich. Das Konzept der Kuratoren, Widerstandsbewegungen in einen historischen Kontext zu stellen, sei ebensowenig beachtet worden wie der geringschätzige Umgang mit ihnen, moniert Detjen: "Dies wäre ja immerhin auch eine zu berücksichtigende Arbeitshypothese: Die Künstler*innen und Kurator*innen wurden erst nach Deutschland eingeladen, aber dann, wie weiland die 'Gastarbeiter', höchst ungastlich behandelt, ausschließlich an den deutschen Bedürfnissen gemessen und deutschen Prioritäten verpflichtet. Während sie sich in Kassel mit rassistischen Übergriffen konfrontiert sahen, wurden sie aufgefordert, sich mit den deutschen Befindlichkeiten zu beschäftigen, und das auf eine Art und Weise, die ihnen als feindlich, chaotisch, unfreundlich aufstieß. Für eine wissenschaftliche Untersuchung des 'Umfelds' der documenta müsste man einbeziehen, welche Spannungen und Widerstände dieser deutsche Kontext erzeugt, gerade wenn er auf Kontexte trifft, die von Diktaturerfahrung, berechtigtem Misstrauen gegen Machtdemonstrationen und der Notwendigkeit, Widerstandsstrategien zu entwickeln, geprägt sind."

Weiteres: Auch der Anbieter Midjourney drängt mit seiner KI-Kunst in den Markt, in der FAZ ist Steffe Frauke eher weniger beeindruckt, dass die Algorithmen auf die Stichworte "Skyline, im Stil von Banksy" genau das produziert: "Anders als bei anderen Anbietern werde die KI von Midjourney gezielter an lebenden Künstlern trainiert, sagen Kritiker wie der Digitalkünstler RJ Palmer, der kürzlich bei Twitter warnte: 'Dieses Ding will unsere Jobs, es richtet sich aktiv gegen Künstler.'" Für die NZZ trifft Philipp Meier den Zürcher Kunsthändler Peter Kilchmann, der vor dreißig Jahren in Zürich seine Galerie eröffnete.
Stichwörter: Documenta 15

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.09.2022 - Kunst

Bild: Kader Attia, On Silence, 2021. Prothesen, variable Maße. Courtesy: der Künstler, Galerie Nagel Draxler und Lehmann Maupin, beauftragt von Mathaf: Arab Museum of Modern Art, Doha, Foto: Markus Elbaus

Die Frage, ob Kunst heilen kann, wird für Elka Linda Buchholz im Tagesspiegel in der Ausstellung "Care, Repair, Heal", die im Martin Gropius Bau durch einen Themen-Parcours von Feminismus bis Postkolonialismus einlädt, zwar nicht beantwortet. Aber die Schau zeigt Wege auf und macht Leid sichtbar, so Buchholz: "Durch Rätselhaftigkeit … fasziniert Yhonnie Scarces düstere Arbeit 'Missile Park'. In drei Wellblechschuppen reiht sie Dutzende schwarzglänzender Glasobjekte auf Tischen. Die mundgeblasenen Volumen erinnern an reife Früchte - oder Bomben. Sie verweisen auf ein dunkles Kapitel der australischen Geschichte: Britische Atomtests der 1950er und 1960er Jahre verursachten Strahlenvergiftung, Vertreibung und Traumata für Generationen Einheimischer, die Familie der Künstlerin, inbegriffen. Kann es Heilung von so etwas überhaupt geben?"

Die Documenta heilte jedenfalls nicht: Der Diskurs ist endgültig gescheitert, bilanziert Julian Dörr im Tagesspiegel+. Nicht zuletzt, weil Ruangrupa die Welt in "Gut und Böse" aufteilt, meint ihm gegenüber Meron Mendel: "Ein weiteres Beispiel dafür, wie auf der Documenta Konversationen beendet wurden, bevor sie beginnen konnten, findet sich in der äußersten Ecke im ersten Stock des Fridericianums. Auf einem Holztisch liegt das Material der Archives des luttes des femmes en Algérie. Viele Besucher streifen um diesen Tisch, ab und zu blättert jemand in den Schriftstücken. Darunter eine Karikatur, auf der ein israelischer Soldat zu sehen ist, der ein Kind bedroht. Nachdem diese Darstellung zu Beginn der Documenta in die Kritik geraten war, ergänzten die Künstler:innen das Material auf dem Tisch um einen mehrseitigen Brief. Die Kurzzusammenfassung: Wer hier Antisemitismus sieht, hat etwas falsch verstanden. 'Im Grunde genommen ist das ein Missbrauch des Begriffs der Kontextualisierung', sagt Meron Mendel. 'Das Problem sind nur die Zuschauer, die zu blöd sind und die Kunst nicht verstehen.'"

In den "Tokyo Reels" ist von "Konzentrationslagern in Israel" und vom "Genozid an den Palästinensern" die Rede, zudem werde Gewalt und Terror gegen Israel verherrlicht, was zu einer Stimmung von "Wut und Hass" führen könne, sagt die Politologin Nicole Deitelhoff, Leiterin des einberufenen Expertengremiums im Welt-Gespräch, in dem sie auch nochmal die "problematische kuratorische Struktur der Documenta" kritisiert, "die eine Gesamtverantwortung für die Schau vermissen lässt und Kontrolle an immer weitere Kollektive delegiert hat. Im Ergebnis führt das dazu, dass nahezu alle Werke, und es sind viele, die sich mit dem Nahost-Konflikt beschäftigen, eine israelkritische bis dezidiert israelfeindliche Haltung zum Ausdruck bringen, während Präsentationen zum Holocaust oder zu Terror gegen Israelis und Juden komplett fehlen. In einem solchen Setting gedeiht letztlich eine antizionistische, israelfeindliche und auch antisemitische Stimmung, die wir auf der Documenta beobachten."

Laut Dietmar Pieper bei Spon hat die Documenta 15 noch ein Problem: Sie reproduziere das koloniale Konzept der Völkerschau, meint er: "Damals wie heute bei der Documenta war Authentizität ein hoher Wert. Und auch damals schon handelte es sich um einen professionellen Betrieb. (...) Aus heutiger Sicht sind Menschenzoos abscheulich, weil die Menschen dort zur Ressource gemacht wurden, um die Schaulust und die Wissbegierde der Besucher zu befriedigen. Aber ist das Konzept der Documenta so viel anders und besser? Bei den deutschen Verantwortlichen handelt es sich um arrivierte Intellektuelle, die sich dafür entschieden haben, auf eine ganz besondere Ressource zuzugreifen: den unverfälschten Rohstoff der Kreativität des globalen Südens. Auch das ist eine Form der Ausbeutung."

Außerdem: Die Berliner Zeitung stellt die Highlights der Berlin Art Week zusammen. Besprochen werden die Ausstellung "Idole und Rivalen" über den Wettstreit der Künste im Wiener KHM (Standard), Erik Schmidts Ausstellung "Retreat" im Kunstraum Potsdam (Tagesspiegel), die 16. Lyon Biennale mit dem Titel "A Manifesto of Fragility" (FAS) und die Ausstellung "Mix & Match. Die Sammlung neu entdecken" zum 20. Geburtstag der Pinakothek der Moderne in München (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.09.2022 - Kunst

Der Druck von "Medien und Politiker*innen" sei "unerträglich" geworden, ließ gestern die Findungskommission der Documenta verlauten, meldet Judith von Sternburg in der FR: "'Wir lehnen Antisemitismus ebenso ab wie dessen derzeitige Instrumentalisierung, die der Abwehr von Kritik am Staat Israel und seiner derzeitigen Besetzungspolitik palästinensischer Gebiete dient", heißt es weiter. "Es scheint nur noch darum zu gehen, sich bis zuletzt - Ende nächster Woche - durchzusetzen", kommentiert Sternburg: "Eine erstaunlich populistische Randbemerkung der Findungskommission: 'Wir respektieren und schätzen', heißt es da, 'die hunderttausende an Besucher*innen, die die Ausstellung gesehen haben. Auch ihre Stimmen sollten gehört werden.' Weil sie mit ihrem Besuch Ja zu 'Tokyo Reels' gesagt hätten? Haben sie das? Und werden ihre Stimmen nicht gehört?" Die Documenta hat ganze Arbeit geleistet: Der "Irrglaube, dass der Zionismus die Erbsünde des Kolonialismus" ist, verbreitet sich nun überall, schreibt Jacques Schuster, der der Documenta in der Welt "ästhetischen Bankrott" bescheinigt.

Im epischen Monopol-Inteview mit Saskia Trebing spricht die kubanische Künstlerin Tania Bruguera, die mit dem Kollektiv Instar auf der Documenta vertreten ist, über die Unterdrückung in Kuba, die Verantwortung des Documenta-Publikums, und den Unmut vieler teilnehmender KünstlerInnen, nun "als antisemitisch abgestempelt zu werden, weil wir in dieser Ausstellung waren. Das ist etwas, das man sein ganzes Leben lang mit sich herumtragen muss. Wir haben nicht dieselbe Geschichte wie Deutschland, und wir haben nicht dieselben historischen Schulden, aber wir wurden in diese Debatte hineingezogen, und wir mussten aufhören, über die Diktatur in Kuba oder die Not in anderen Ländern zu sprechen und uns stattdessen positionieren. Nochmals: Ich verstehe, woher das kommt, aber einige Künstler hatten das Gefühl, dass die Documenta gekapert wurde."

In der HNA hätte sich der Historiker Joseph Croitoru gewünscht, die Kritiker des Projekts "Tokyo Reels" hätten sich die Mühe gemacht, die Hintergründe der Filmreihe zu erfahren. Im Gespräch mit dem Palästinenser Mohanad Yaqubi, der seit Längerem versucht, verloren gegangenes palästinensisches Filmmaterial aus der Zeit aufzuspüren, erfährt er: "Die Reduzierung von Tokyo Reels in Kritiken auf 'pro-palästinensische Propagandafilme' greift zu kurz. Nur etwa die Hälfte der Filme würde unter die Kategorie fallen, für die Yaqubi die Bezeichnung 'Solidaritätsfilme' bevorzugt - vom 'militanten Kino' ist im documenta-Text im Netz ohnehin die Rede." Und in der taz verteidigt der in Neapel lehrende Kulturwissenschaftler Iain Chambers die Reihe: "Solche Bilder befreien uns von der illusorischen Kohärenz von Ausgewogenheit und Neutralität, wie sie von CNN und BBC News aufrechterhalten wird. Sie offenbaren die asymmetrischen Machtverhältnisse, die die Welt strukturieren."

Weitere Artikel: In der NZZ greift Philipp Meier nochmal die Debatte um die Kritik irakischer Künstler an den auf der Berlin Biennale gezeigten Folterfotos aus dem amerikanischem Gefängnis Abu Ghraib in Bagdad auf (Unsere Resümees): "Der Fall der Berlin-Biennale zeigt mustergültig, wie Kunstschaffende gegeneinander vorgehen. Sie versuchen, anderen die Freiheit des künstlerischen Ausdrucks zu verbieten in der irrigen Annahme, dieser sei das Vorrecht nur ganz bestimmter Künstler. Damit droht sich die Freiheit der Kunst selber abzuschaffen." Daran, dass Kunst auch Spaß machen kann, wird Jana Janika Bach in der taz immerhin bei der jetzt eröffnenden Bergen Triennale mit dem Titel "Yasmine and the Seven Faces of the Heptahedron" erinnert. Tobias Langley-Hunt berichtet im Tagesspiegel von der Berliner Art Week.