Wie Alice ins Wunderland fällt Bettina Wohlfarth (FAZ) in die Kartonlandschaften der Künstlerin Eva Jospin (Tochter des einstigen Premieministers Lionel Jospin), die das Grand Palais in Paris in der Ausstellung "Grottesco" zeigt: "Unter ihrer Hand entstehen aus Wellpappe fantastische Reliefs imaginärer Wälder, märchenhafte Skulpturenlandschaften und architektonische Follys, für die sich die französische Künstlerin mit Gourmandise an der Gartenkunst inspiriert." Für "ihre architektonischen Skulpturen werden Kartonplatten horizontal geschichtet, bevor aus den so entstandenen Materialblöcken die Form mit ihren unzähligen Details gesägt, ausgefräst und mit dem Skalpell eingeschnitten wird. So bildet die innere Kannelierung der Wellpappe die Außenseite der Skulpturen und lässt Maserungen entstehen, die an geologische Schichtungen, an Fels oder Gestein denken lassen." NS-Kunst ist im Aufschwung, stellt Geertjan de Vugt für die SZ besorgt fest: Er besucht einen Galeristen, der anonym bleiben will (im Text wird er Marius genannt) und in seiner German Art Gallery "irgendwo in Benelux" Werke von nationalsozialistischen Künstlern an interessierte Sammler verkauft. Ein Problem sieht "Marius" darin nicht: "Ist es Zufall, dass NS-Kunst gerade jetzt aus den Depots geholt wird?" überlegt der Kritiker: "Vielleicht hat diese Kunst auch deshalb wieder Resonanz, weil sie etwas bietet, das die Gegenwartskunst verweigert: eindeutige Lesbarkeit, heroische Körper, klare Botschaften. Während zeitgenössische Kunst oft fragmentiert, ironisch oder konzeptuell ist, verspricht NS-Kunst scheinbare Klarheit. In einer unübersichtlichen Welt mag das für manche verlockend sein. Marius selbst scheint diese Verbindung nicht zu sehen. Oder nicht sehen zu wollen. 'Ich habe nichts mit links oder rechts zu tun', sagt er. Doch seine Entscheidung, auf Trumps Plattform Truth Social zu werben, spricht eine andere Sprache."
Besprochen werden die Ausstellung "Anselm Kiefer. Le Alchimiste" im Palazzo Reale in Mailand (NZZ), die Ausstellungen "Becoming Paula - London Berlin Worpswede Paris" im Paula Modersohn-Becker Museum in Bremen, "Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch. Die großen Fragen des Lebens" im Albertinum in Dresden, "Paula Becker - Paula Modersohn Becker: Die Landschaften" im Otto-Modersohn-Museum in Fischerhude und "Impuls Paula" im Museen Barkenhof in Worpswede (taz).
Ingeborg Ruthe ehrt Paula Modersohn-Becker zu ihrem 150. Geburtstag in der Berliner Zeitung. Florian Weber interviewt die samische Textilkünstlerin Britta Marakatt-Labba für die FR.
Besprochen werden: Die Ausstellung "The China Moment" im Kasseler Kunstverein (taz) und "Anselm Kiefer. Le Alchimiste" im Mailänder Palazzo Reale (FAZ).
Gemeinsam mit dem Goethe-Institut zeigt die Münchner Kunsthalle Lothringer 13 das Projekt "Antifascism: Now", das in den kommenden zwei Jahren in zahlreichen süd- und osteuropäischen Städten in 14 Ländern gezeigt werden soll. Kurator Kalas Liebfried will den in Verruf geratenen Begriff des Antifaschismus zurück in die "Mitte der Gesellschaft" holen, weiß Gabi Czöppan, die im Tagesspiegelaufatmet, dass die Ausstellung weder auf Spektakel noch auf eindeutige Gegner setzt. Vor allem die ukrainischen Positionen beeindrucken Czöppan: "Mit großer Poesie verarbeitet die Ukrainerin Stanislava Pinchuk ihr Trauma. Mit der Installation 'Vampiret' tritt die 37-Jährige als Geisterbeschwörerin und Hypnotherapeutin in der Villa des ehemaligen albanischen Diktators Enver Hoxha auf und übersetzt darin politische Kontrolle in körperliche Erfahrung. Als Metapher für die Unterdrückung in totalitären Regimen schlüpft sie in dem Film in die Rolle einer mythischen Gestalt aus dem 17. Jahrhundert: Schlafend legt sie ihren Kopf unter eine Sichel, jede falsche Bewegung könnte sie das Leben kosten."
Derweil berichtet die amerikanische Kunstkritikerin Sheila Regan in der taz, wie Künstler in Minnesota gegen ICE- und CBP-Razzienprotestieren - mit Gedichten, Fotos, Drucken Benefizkonzerten oder bloßer Anwesenheit.
Weitere Artikel: Für die FAZ flaniert Ursula Scheer über die Art Basel in Katar (unser Resümee) und freut sich, dass "innerhalb der Grenzen des Möglichen" auch "Provokatives" zu sehen ist. Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Metamorphosen" im Rijksmuseum in Amsterdam (Welt, mehr hier), die Ausstellung "What We Carry" im Museion Bolzano mit einer Arbeit des Künstlers Christian Kosmas Mayer, der an den schwarzen US-Amerikaner Cornelius Johnson erinnert, der bei den olympischen Sommerspielen 1936 eine Goldmedaille gewann, im Gegensatz zu den weißen Olympioniken aber von Franklin D. Roosevelt nichts ins Weiße Haus eingeladen wurde (taz), die Ausstellung "Cockaigne - Schlaraffenland der Zukunft?" mit Fotografien von Gregor Sailer im Naturhistorischen Museum in Wien und eine Ausstellung mit neuen Arbeiten von Michael Triegel in der Galerie Schwind in Berlin (Welt).
Caravaggio, Narcissus, ca. 1597-1598, Palazzo Barberini, Rom Caravaggio, Michelangelo, Tiziano, Rodin oder Magritte - sie alle und noch viele weitere haben sich mit Ovids "Metamorphosen" auseinandergesetzt: Dem Rijksmuseum in Amsterdam gelingt nun ein Coup, wenn es achtzig Kunstwerke aus über fünfzig über die Welt verteilten Museen zusammenträgt, staunt Stefan Trinks in der FAZ, der hier auch noch manche Entdeckung macht: "So fesselnd der ewige Kreislauf aus Sehen und Gesehenwerden(wollen) auf Caravaggios 'Narziss' mit diesem Erfinder des Selfies auch ist, ein mittelalterlicher Gobelin kann mithalten: Auf dem um 1480 entstandenen flämischen Bildteppich von mehreren Metern Höhe beugt sich der Jüngling mit dem bewegten Beiwerk eines aufflatternden Samtmantels über eine prächtige Brunnenbrüstung. Auf dem Oberschenkel seiner engen Leggins aber prangt in goldenen Lettern sein Name 'Narzissus' wie der neuzeitliche Markenname auf dem Jogginganzug eines mittelmäßigen Rappers, wozu die juwelenbesetzten Schuhe passen."
Wenn's ums Geld geht, kommt der "bombastische moralische Anspruch" von Künstlern und Kuratoren schnell an seine Grenzen, hält Niklas Maak in der FAZ mit Blick auf die jüngsten Epstein-Enthüllungen fest: Die Durchsicht der neuen Dokumente zeigt, der Kunstwelt war es "oft vollkommen egal, was seine Geldgeber antreibt und was sie treiben. Dazu kommt eine haarsträubende Verharmlosung von Kindesmissbrauch als antibürgerliche Libertinage. Epsteins Interesse an der Kunstwelt war kein Einzelfall in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends: Viele wohlhabende Unternehmer fluteten Galerien und Institutionen mit ihrem Geld. Der Kunstmarkt versprach wilde Renditen und war komplett unreguliert. Insidergeschäfte, die in der Welt des Investment Banking im Gefängnis enden würden, waren hier ohne Probleme möglich. Dazu kam ein intellektueller Mehrwert: Wer in Sportwagen oder Polopferde investierte, hatte mit Mechanikern oder Jockeys zu tun; wer Kunst sammelte, traf Popstars und Schauspielerinnen."
Und auch hier siegt Geld über Moral: Für Monopol hat Stefan Knobel die erste Art Basel Katarbesucht und sich nicht nur ziemlich gelangweilt, sondern er findet - im Gegensatz zu anderen Medien - auch sehr kritische Worte. Man wolle Diversität und den Dialog zwischen den Positionen fördern, erklären Noah Horowitz, Vorstandsvorsitzender der Art Basel und der ägyptische Künstler Wael Shawky, der die künstlerischen Positionen ausgewählt hat. "Der Dialog fällt allerdings recht einseitig aus, wenn es um Ansichten geht, die von der eigenen abweichen", kommentiert Knobel: "Kritik ist möglich, solange sie den Verhältnissen anderswo gilt. An anderen Stellen klaffen hingegen weite Leerstellen: Queerness, Nacktheit, Menschenrechtsdefizite oder Ungleichheit in der Region, jüdische Künstler, Galerien aus Israel - die Liste ließe sich fortsetzen. Shawky erklärt die kulturellen Unterschiede: 'Jede Kultur hat ihre eigenen Regeln und Empfindlichkeiten. Ich kann hier viel freier agieren als beispielsweise in Deutschland. (...)'. Oft werden Nachfragen zu sensiblen Themen mit aggressivem Whataboutism gekontert. Der Tenor lautet dann: In Europa würden Künstler gecancelt, nur weil sie Araber seien." Für die Welt hat Gesine Borcherdt mit Shawky gesprochen.
Deutlich vorsichtiger äußert sich Philipp Meier in der NZZ, der sogar feministische Kunst und ja, auch einen queeren Künstler entdeckt hat. Er verrät aber, wie streng Shawky ausgewählt hat. Jede Galerie darf nur einen Künstler präsentieren: "Das ist an einer gewöhnlichen Messe nicht der Fall. Dort werden an einem Stand manchmal bis zu zwanzig unterschiedliche Künstler gezeigt. Wird etwas verkauft, wird es ausgetauscht. Hier ist das nicht erlaubt. Die Präsentationen bleiben bis zum Schluss der Messe unverändert. Nicht zuletzt wirkt sich das auf die Qualität dieser Verkaufsschau aus, die einen musealen Anstrich hat."
Etwas uneins ist sich die NZZ bei der Überschrift zu ihrem Artikel über die "Art Basel Katar". Bei Google News wird doch noch eine wesentlich größere Freiheit behauptet als dann im Artikel selbst auf der Website der NZZ. Die massive und nicht unbedingt kritische Berichterstattung über die Art Basel Katar erstaunt auch darüberhinaus. Warum schicken Zeitungen, die sonst so klamm sind, ihre Journalisten ausgerechnet auf die teure Reise nach Katar? Oder haben die Medien in einer gemeinsamen Investition einen Journalistenshuffle geleast?
Weitere Artikel: Das Gesicht des Engels in der Basilika San Lorenzo in Lucina, dem durch einen Amateur-Restaurator das Gesicht von Giorgia Meloni verpasst wurde, wurde nun übermalt, meldet Karen Krüger in der FAZ.
Tina Blau, Apriltag im Prater, 1889, mpk. Foto:mpk FAZ-Kritiker Stefan Trinks möchte die Werke der österreichischen Malerin Tina Blau am liebsten direkt von der Wand des MPK Kaiserslautern stehlen, wo man die Impressionistin wiederentdecken kann. Obwohl sie in Österreich, aber auch international, Erfolge feierte, blieb Blau in Deutschland weitgehend unbekannt. Für Trinks ist das völlig unbegreiflich, der unter anderem vor ihren Bildern aus dem Prater ins Staunen gerät: "Sie findet zu einem sehr eigenen Stil, indem sie das Spiel aus Licht und Schatten intensiviert und in der malerisch baumbestandenen Prater-Parklandschaft Merkmale der den Impressionisten vorausgegangenen Schule von Barbizon einflicht, aber beispielsweise das Kaiserslauterner Prater-Bild auch nachträglich im Atelier mit minutiösen Schilderungen Hunderter sich im Wind biegender Grashalme versieht, was ein Monet ebenfalls nicht getan hätte. Traumschön ist ihre herbstlich eingefärbte Allee auf der 'Praterlandschaft' von 1915/16 mit ihren spalierstehenden Baumindividuen (...), denen - als Intervention einer zeitgenössischen Künstlerin - Simone Nieweg mit ihren Fotografien stimmig sekundiert."
Weitere Artikel: Die Rückgabe des Tänzerinnen-Brunnens von Georg Kolbe an die Nachfahren des jüdischen Vorbesitzers steht kurz bevor, meldet Nicola Kuhn im Tagesspiegel. In der Zeit unterhalten sich Jolinde Hüchtker und Tobias Timm mit der deutschen Kuratorin Julia Stoschek über ihre Videokunst-Ausstellung "What a wonderful World: An Audiovisual Poem" in der Stoschek-Foundation Los Angeles. Tilman Baumgärtel beklagt in der taz die diesjährige "Wurstigkeit" und "Beliebigkeit" des Festivals "Transmediale".
Im Interview mit der FAZ erzählt die iranisch-deutsche Künstlerin Parastou Forouhar, dass sie jedes Jahr nach Teheran reist, um ihrer Eltern zu gedenken, Oppositionelle, die 1998 vom iranischen Geheimdienst ermordet worden waren: "Das hat auch etwas Performatives - diesen Moment des Widerstands zu kreieren" erklärt sie. "Zum Beispiel steht der Stuhl, auf dem mein Vater saß, als er erstochen wurde, immer noch an derselben Stelle. An dem Ort, wo meine Mutter auf dem Boden gefunden wurde, liegt ein gerahmtes Porträt von ihr." Kraft gibt ihr auch die Bewegung "Frauen, Leben, Freiheit" und das Ablegen des Kopftuchs: "Das Kopftuch ist nicht nur ein Stück Stoff, auch von der Islamischen Republik wurde es lange als Symbol dieses Systems dargestellt. Als ich 1983 anfing, in Teheran zu studieren, waren die Abbildungen von Frauen in den Katalogen der riesigen Bibliothek geschwärzt, mit schwarzem Edding überstrichen, wir waren alle verschleiert und ebenfalls wegradiert, hatten kein Anrecht auf Präsenz. Im Lauf der Jahre haben die Frauen dieses Recht auf Präsenz zurückerobert. Aus solchen existenziellen Momenten einer Gesellschaft entstehen meine Werke."
Weitere Artikel: Olga Kronsteiner beschäftigt sich im Standard mit dem Kunstsammler Leon Black, der zu den wichtigsten Financiers Jeffrey Epsteins gehörte. Larissa Kikol porträtiert auf monopol die Hidden Masters, eine Gruppe von Street Artists, die klandestin Hochhäuser kapern und fotografieren.
Besprochen werden mehrere der Soundkunst gewidmete Ausstellungen, unter anderem von Saâdane Afif und Annika Kahrs, im Hamburger Bahnhof, Berlin (Tagesspiegel) und die Cézanne-Ausstellung in der Fondation Beyeler, Riehen, Schweiz (taz).
Sensationell findet Christiane Meixner im Tagesspiegel die Ausstellung "Die geheime Macht der Düfte" im Kunstpalast Düsseldorf, die die Daueraustellung ergänzt. An 27 "Duftstationen" kann man Halt machen und sich in die Atmosphäre unterschiedlicher Epochen einriechen - ein Experiment, das hervorragend gelungen ist, wie Meixner findet: "Der Geruchssinn wird ab der Kindheit geprägt, verbindet sich mit individuellen Erlebnissen. Sie sorgen dafür, ob man Duftnoten nach Tabak, Leder oder Vanille angenehm oder gar abstoßend findet. Dass ihre Kombination 1919 das Parfüm 'Tabac Blond' ergab, mit dem sich die Avantgarde der Weimarer Zeit, besonders die Frauen mit ihren signalroten Lippen und Bubiköpfen, einsprühte, um modern zu riechen, muss man der Ausstellung glauben. Die Gemälde der Neuen Sachlichkeit begleitet jenes androgyne Parfüm auf jeden Fall perfekt, bevor es mit der Kunst - und einer Komposition mit schweflig-verbrannter Note in den nächsten Raum und auf die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs geht."
Besprochen werden die Ausstellung "Raoul Hausmann. Vision, Provokation, Dada" in der Berlinischen Galerie (SZ) und die Ausstellung "Herkules: Held und Antiheld" in den Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden (NZZ).
Stefan Trinks feiert in der FAZ den Schweizer Künstler John Armleder, der vom MAH in Genf carte blanche für die Ausstellung "Observatoires" bekommen hat. Auf 3500 Quadratmetern zeigt er provokativ, was er kann: "Ein genialer Wurf gelingt Armleder im 'Saal der Tiere', wo er drei Welten und Zeitebenen kunstvoll miteinander vermengt. Auf einem Catwalk in der Mitte des handtuchschmalen Raums defilieren Dutzende wertvoller Tierskulpturen wie altägyptische Bastets auf erhöhtem Podest neben schon lange im Depot verstaubenden ausgestopften Wesen. Was den Engländern ihr heiliger Pferdemaler George Stubbs ist und den Deutschen Gabriel von Max mit seinen Affenporträts, ist den Schweizern Jacques-Laurent Agasse, wie der ebenfalls vertretene Jean-Étienne Liotard im Genf des 18. Jahrhunderts geboren und durch seine einfühlsamen Tierporträts rasch populär geworden."
Weiteres: Carolin Würfel interviewt die Künstlerin Marie Jeschke für die Zeit. Besprochen wird die Marina Abramovic-Retrospektive in der Wiener Albertina Modern (FAZ) und die Installation "Pierre Huyghe: Liminals" in der Halle am Berghain (NZZ).
Paul Cezanne, Groupe de baigneuses, (Gruppe von Badenden), um 1895
Paul Cézanne? Nicht gerade ein Unbekannter. Aber Welt-Kritiker Hans-Joachim Müller sieht in der Fondation Beyeler einen Maler, der mit den Augen dachte, einen "Revolutionär vor der Revolution": "Den Maler, der allein in der malerischen Erfahrung - ohne Theorie, ohne Lehre - jene Seh- und Erkenntnisemanzipation vorbereiten half, die die Farben und Formen von den Gegenstandsmatrizen abziehen und den Bildräumen ihre illusionistische Unschuld nehmen sollte. Es stimmt schon, Cézannes Moderne-Zurüstungen sind alles andere als nur Visionen gewesen. Aber es stimmt halt auch, dass die wahre Faszination dieses einzigartigen Werks im nie aufgegebenen Schwellenzustand liegt, in der Spannung zwischen dem, was es sich zugemutet und was es sich nicht getraut hat, im ungewinnbaren Kampf zwischen Bildintelligenz und Schönheitserzwingung. ... Was er protokolliert, ist vor allem dies: verklemmte Erotik, Befangenheit, die die Blicke senkt, skulpturale Posen, in denen die Figuren erstarren, Disproportionen und Gesichtslosigkeit, Scham, die unfähig macht zu Genuss und Glück."
Die australische Aborigine Patsy Lulpunda war hundert Jahre alt, als sie anfing zu malen. In den zwei Jahren, die ihr noch blieben, hat sie über sechzig Bilder gemalt, staunt Stefan Trinks (FAZ) in der Ausstellung "Elles - Artistes aborigènes contemporaines", die das Genfer Musee Rath aus Werken von Aborigines-Künstlerinnen in der Schweizer Bérengère Primat Collection zusammengestellt hat: "Auch Sally Gabori, die mit klang-vollem Namen Mirdidingkingathi Juwarnda Sally Gabori heißt, begann erst mit achtzig Jahren zu malen. Auf ihren für 'klassische' Aborigines-Kunst ungewöhnlich stark farbigen Bildern setzt sie Kontinente aus Farbe neben- und gegeneinander, Farbschollen werden ihr zu Erdschollen und verkörpern Erinnerungen an das lange verlorene Land ihrer Jugend - mit zwanzig musste sie ihre Geburtsinsel Bentinck verlassen und kehrte erst achtzigjährig zurück, um sich fortan die Heimat ihrer Kindheit malend zurückzuerobern."
Mira Anneli Nass erzählt in der taz von einer Forschungsreise über künstlerische Strategien des Gedenkens in Israel. Vor allem die Omnipräsenz der Folgen des 7. Oktober ist "überwältigend", schreibt sie. "Zugleich sehe ich so viel herausragende Kunst wie lange nicht, was auf die Tradition einer über Jahrzehnte entwickelten Verarbeitungspraxis hindeutet. In etablierten Ausstellungshäusern in Deutschland wird sie wegen des erstarkten Boykotts israelischer Künstler wohl nicht gezeigt. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem gewaltigen Einschnitt, den der 7. Oktober für die israelische Gesellschaft bedeutet, und künstlerische Umgangsweisen damit scheinen immer weniger möglich. Ende Dezember wird bekannt, dass der rumänischstämmige Bildhauer Belu-Simion Fainaru auf der kommenden Biennale di Venezia Israel vertreten wird. Im Juni zerstörte eine iranische Rakete seine Wohnung und das Studio in Haifa. In Deutschland vertrat ihn bisher die Berliner Galeria Plan B. Seit der Bekanntgabe seiner Biennale-Teilnahme ist Fainarus Name von deren Website verschwunden."
Weitere Artikel: Saskia Trebing hat sich für monopol die von Naomi Beckwith kuratierte Gruppenschau "Echo Delay Reverb" im Palais Tokyo angesehen und bereitet uns darauf vor, was wir von Beckwith auf der nächsten Documenta zu erwarten haben: Viel Theorie. "Interessant ist, dass ihr Verständnis von Kunst als Raum des Denkens ziemlich gut zu den theoriegeladenen Documenta-Ausgaben seit Catherine Davids DX im Jahr 1997 passt. Die Werke, die sie zeigt, sind politisch, aber sie bleiben im institutionell legitimierten Rahmen. Selbst wenn es in einem Kapitel in Paris um 'Institutional critique' geht, findet dieser Angriff auf das Museum im gut beherrschbaren Setting statt." In der Berliner Zeitungberichtet Ingeborg Ruthe vom Stand der Aufarbeitung des Nachlasses von Leni Riefenstahl, in der FAZ zieht Petra Ahne Zwischenbilanz. In "Bilder und Zeiten" (FAZ) stellt Matthias Alexander den isländischen FotografenRagnar Axelsson vor, dessen Landschaftsporträts aus dem hohen Norden auch die Folgen des Klimawandels dokumentieren.
Antonioni, Fellini, Pasolini, Paul Auster oder Siri Hustvedt - sie alle bezogen sich auf Giorgio Morandi, erinnert Alexandra Wach in der FAZ. Das MGK in Siegen setzt nun das Werk des Vertreters der Pittura Metafisica in einen Dialog mit bildenden Künstlern - und zwar mit besonderem Blick auf Morandis Arbeitsprinzip der Wiederholung und Variation, erkennt Wach: "Bei den Stillleben aus Morandis Spätwerk der Sechzigerjahre fällt die Zeitgenossenschaft zu einer jüngeren Generation überdeutlich auf, wie dem japanischen Konzeptkünstler On Kawara und dessen Date Paintings, die er an unterschiedlichen Orten nach strengen Regeln jeweils an einem Tag gemalt hat. Der deutsche Maler Peter Dreher steigerte das Prinzip mit seiner ikonischen Serie 'Tag um Tag guter Tag' weiter. Seit 1974 malte er jedes Jahr mindestens 50 Bilder, die ein leeres Wasserglas auf weißer Tischfläche vor weißem Hintergrund zeigten, um die sich verändernden Nuancen des Tageslichts oder der Spiegelungen einzufangen."
In der SZ resümiert Christoph Koopmans den Fall um die palästinensische Künstlerin Basma al-Sharif, die von der Kunstakademie Düsseldorf zu einer Vortragsreihe eingeladen wurde, obwohl sie in Posts Israel das Existenzrecht absprach und ein Foto mit einem PFLP-Manifest veröffentlichte (unser Resümee). Aufgrund von Protesten fand die Veranstaltung unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt - nun fordert die Jüdische Gemeinde Düsseldorf den Rücktritt von Akademiedirektorin Donatella Fioretti, die sich wiederum auf Hochschulautonomie und Kunstfreiheit beruft. Al-Sharif wollte sich gegenüber der SZ nicht äußern, hat sich von den Posts aber halbherzig distanziert. Vielleicht wäre miteinander reden nicht schlecht gewesen, statt nur nur über offene Briefe, Pressekonferenzen und Stellungnahmen zu kommunizieren, seufzt Koopmans.
Besprochen werden die Ausstellung "The Tunnels We Die" des Künstlerduos Bárbara Wagner & Benjamin de Burca in der Frankfurter Schirn (FR) und die Raoul-Hausmann-Retrospektive "Vision. Provokation. Dada." in der Berlinischen Galerie (taz).
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