Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Dezember 2024

Kosmische Kriegsführung

31.12.2024. Dass Feuerwerk auch eine Kunst sein kann, lernt die taz in einer Berliner Ausstellung. Auf critic.de erzählt Lukas Foerster von seinem Mammut-Projekt: alle deutschen Filme mit Kinostart aus dem Jahr 2024 gesehen zu haben. Boualem Sansal wird bei der Neujahrsamnestie des algerischen Präsidenten nicht freigelassen, meldet sein französisches Unterstützerkomitee. Kunst ist keine Wohlfühloase, erinnert in der Zeit Rainer Moritz. Die taz betrachtet die Architektur in Bulgarien. Die Zeit trauert um den Berliner Watergate-Club, der im neuen Jahr dicht macht.

Alles scheint zu fliegen

30.12.2024. Die Initiativen für die Freilassung von Boualem Sansal lassen nicht nach: Eine Gruppe aus Autoren und Universitätsleuten veröffentlicht einen Aufruf in L'Express. Der algerische Präsident Abdelmadjid Tebboune griff Sansal in seiner Neujahrsansprache derweil scharf an, berichtet Marianne. Die FAZ amüsiert sich in Tallinn mit den Bildern des estnischen "Kosmo-Erotikers" Ülo Sooster, dem auch die Sowjets das Lachen nicht austreiben konnten. Die Filmkritiker bejubeln Dominik Grafs neuen "Polizeiruf"-Krimi "Jenseits des Rechts". 

Von der südostasiatischen Schleichkatze ausgeschieden

28.12.2024. Der Guardian gleitet auf Zen-Wolken in London durch die superflachen Gemälde von Takashi Murakami. Politische Kunst verlor ihre Bedeutung, als Haltungen selbst zur Marke der Künstler wurden, konstatiert Zeit Online. Die FAZ lacht, seufzt und grübelt in Fritz Senns im Laufe von Jahrzehnten aufgebauter James-Joyce-Spezialbibliothek in Zürich. Die SZ nimmt Abschied vom guten alten Esszimmer. Und alle trauern um Hannelore Hoger, die kühle Laborantin mit dem rauen Charme, wie die FR schreibt.

Hör auf, sie stirbt!

27.12.2024. Monopol gibt sich im Museum Küppersmühle Miquel Barcelós rauschhaften Genüssen hin. In der Welt erzählt die iranische Schauspielerin und Frauenrechtlerin Mahsa Rostami von ihrer schmerzhaften Begegnung mit der iranischen Polizei. Die FAZ besucht in Nordostnorwegen das erste samische Theater von Snøhetta. Die GEMA verklagt OpenAI wegen Urheberrechtsbedenken, die SZ berichtet. Alle Jahre wieder lauschen Medium und Tagesspiegel Bachs Weihnachtsoratorium mit dem Rundfunk Sinfonieorchester Berlin.

Besänftigt die Biester

24.12.2024. Frauen müssen mindestens einen Löwen zähmen, um zur Ikone zu werden, lernt der Tagesspiegel in Frankfurt. In der Zeit erkennt Navid Kermani in Mohammad Rasoulofs "Die Saat des heiligen Feigenbaums" das mythische Drama der iranischen Gesellschaft. Ebenfalls in der Zeit erklärt Han Kang, welche Bedeutung Träume für ihre Romane haben. Die FAZ gibt sich in Paris mit Hexern, Göttern und Zombis auf einem haitianischen Friedhof die Klinke in die Hand. Und die Welt fragt fassungslos: Warum braucht Berlin vier Jahrzehnte, um am Molkenmarkt drei Blocks zu bebauen?

Leise rieselt der Papier-Schnee

23.12.2024. Die Kritiker sind begeistert von Mohammad Rasoulofs heimlich im Iran gedrehten Film "Die Saat des heiligen Feigenbaums". Die Nachtkritik freut sich in Hakan Savaş Micans Berliner Adaption von Necati Öziris Roman "Vatermal" über "schön rotzige" Frauenfiguren. Der Filmdienst führt durch das ungarische Gegenwartskino unter Viktor Orbán. Zeit Online erklärt uns, wie sich die Musik der Neuen Neuen Deutsche Welle nochmal genau anhört. Und die NZZ stellt fest: Die Luxusmodemarken haben es die letzten Jahre übertrieben mit der scheinbaren Exklusivität.

Weihnachten und Ostern an einem Tag

21.12.2024. Der Tagesspiegel verliert sich in Paris staunend in den schimmernden Fäden der kolumbianischen Webkünstlerin Olga de Amaral. Der russische Maler Nikolai Estis erklärt in der FAZ, warum er es hasst, seine Bilder zu verkaufen. Der ukrainische Schriftsteller Sergej Gerassimow wirft in der NZZ Schlaglichter auf Weihnachten in Charkiw im dritten Jahr des Ukrainekriegs. Die Autorin Lea Streisand erzählt in einem FAS-Essay von Weihnachten und Sparkultur. Der iranische Regisseur Mohammad Rasoulof rühmt im Interview mit der taz die Kunst und den Mut der jüngsten Generation iranischer Regisseure. Van freut sich über das Weihnachtswunder Bach in der ARD.

Der Aberwitz dieser Dunkelwelt

20.12.2024. Der Filmemacher Jean-Pierre Lledo fragt sich im Gespräch mit Times of Israel, inwieweit Frankreich mit der Inhaftierung Boualem Sansals unter Druck gesetzt werden soll, die von Algerien gewollte Grenze zu Marokko zu akzeptieren. Die FAZ fährt mit Richard Strauss' "Salome" in Antwerpen Richtung Untergang. Weder FAZ noch Artechock sind mit der Novelle des Filmförderungsgesetzes zufrieden. Monopol schildert, wie sich die Jüdische Kunstschule Berlin für Verständigung und gegen Boykott einsetzt. Umweltfreundliche Architektur hat eine lange Geschichte, wie die taz in Schleswig-Holstein lernt.

Das Laster ist hier verboten

19.12.2024. Großes Aufatmen in der Kunstwelt: Mit der Entscheidung für Naomi Beckwith als Leiterin der Documenta 16 setzt die Kommission nicht mehr auf "Experimente aus dem globalen Süden". Derweil bangen die Filmkritiker angesichts der Diskussion, die heute im Bundestag über die Reform der Filmförderung geführt wird: In der FAZ fleht Volker Schlöndorff: Sichert das Überleben des Films in unserem Land. taz und FAZ blicken in Berlin mit Baudelaire in die Abgründe von Covid-Zellen und Kabuler Schönheitssalons. Und der Perlentaucher feiert mit Payal Kapadias "All We Imagine as Light" die neonlichtfunkelnde Schönheit Mumbais.

Vorzugsweise im Schlafanzug

18.12.2024. Die Berliner Zeitung verliert sich in David Schnells farbstarken Halluzinationen im Berliner Mies-van-der-Rohe-Haus. Monopol schaut Martina Morger im Baseler Museum Tinguely beim Ablecken von Schaufenstern zu. Der Tagesspiegel spaziert mit dem Verlegerpaar Angelika und Bernd Erhard Fischer durchs Berliner Umland und entdeckt Löcher in der Zeit. Die Pianistin Hanni Liang erklärt der FAZ, wie ihre Konzerte der Vereinzelung in der modernen Welt entgegen wirken. Und die SZ rät Kindern zu Gruselfilmen, um zu lernen, mit Furcht umzugehen.

Latte-Macchiato-Bourgeoisie

17.12.2024. Die FAZ jubelt: Mit seinem Beethoven-Stück "Tiefer Graben 8" findet Christoph Marthaler am Theater Basel wieder zu alter Größe zurück. In der SZ verrät der iranische, vor dem Regime geflohene, Regisseur Mohammad Rasoulof, wie man heimlich einen Film dreht. Rainald Goetz ist wieder online! So freut sich der Tagesspiegel über die heimlichen Instagram-Aktivitäten des Schriftstellers. Backstage Classical bittet um Mithilfe: die unabhängige, kritische Berichterstattung gefällt nicht allen.

Auf Kante nähen

16.12.2024. Die iranische Sängerin Parastoo Ahmadi, die ein Konzert ohne Kopftuch gab, ist nach ihrer Verhaftung wieder frei, berichtet unter anderen die taz. Die FAZ staunt im niederländischen Wassenaar über die Keramik-Figuren von Musiker Nick Cave, der sich selbst zum Teufel macht. Yael Ronen breitet mit ihrem neuen Stück "Replay" in Berlin ein großes Geschichts-Tableau vor den Kritikern aus, die damit aber nicht ganz glücklich werden.

Kleine Schnittchen der Theorie

14.12.2024. PEN-Berlin-Sprecher Deniz Yücel mahnt im SZ-Gespräch mit Blick auf den aktuellen Streit um eine Nahostkonflikt-Resolution, sich mehr auf Gemeinsamkeiten als auf Unterschiede zu konzentrieren. Saba-Nur Cheema und Meron Mendel attestieren der Pro-Palästina-Fraktion um Per Leo in der FAZ hingegen Eitelkeit und Narzissmus. Die Kritiker nehmen mit "Der Schnittchenkauf" an der Volksbühne endgültig Abschied von René Pollesch. Und die Filmkritiker trauern um den Regisseur Wolfgang Becker, der die "Jammerzeit" des deutschen Kino der Neunziger beendete.

Gegen den gefürchteten Geist aus den Mauern

13.12.2024. "Wie schwierig es ist, ein Schriftsteller und zugleich ein freier Algerier zu sein", erinnert Kamel Daoud in seiner Le Point-Kolumne, in der er Boualem Sansal gegen Vorwürfe des Rechtsextremismus verteidigt. Auch dessen Anwalt fordert eine "Schriftstellerfront für die Meinungsfreiheit." Die NZZ findet in Zürich "letzte Zuflucht bei der Malerei" in den Werken des Kanadiers Matthew Wong und seines Seelenverwandten Vincent van Gogh. Die Berliner Zeitung macht sich Sorgen um die Zukunft der Volksbühne. Artechock möchte verstehen, was "europäischer Film" heutzutage bedeutet. Raven ist politisch, lernt die taz von georgischen DJs.

Was hast du getan, als die Welt brannte?

12.12.2024. Boualem Sansal bleibt weiterhin in Haft, sein Anwalt durfte nicht nach Algerien einreisen, meldet Le Point. Derweil zerlegt sich der PEN Berlin weiter selbst: Im Freitag führt Jörg Phil Friedrich der Gruppe um Per Leo nochmal vor Augen, welche zwielichtigen Gestalten sie da als Kollegen bezeichnen. In der Berliner Zeitung meint Deniz Yücel: Das ist Demokratie. Die Zeit notiert in Mannheim: Die Neue Sachlichkeit ist die Kunst der Stunde, warnt aber vor der Agonie der Zeitgenossen. Außerdem reibt die Zeit Balzac mit Balsamico ein. Die Welt rauft sich die Haare, wenn Rosa von Praunheim in Berlin Alice Weidel als Hitler gegen Sahra Wagenknecht als Stalin mit Pimmelwürsten kämpfen lässt.

Bis die Finger blutig sind

11.12.2024. Amnesty International bekleckert sich in Sachen Boualem Sansal nicht gerade mit Ruhm, kritisiert lejournal.info. Die Kampagne für Sansal wird intensiviert. Die Feuilletons laben sich an Jon M. Chus Filmmusical "Wicked" - drüber, aber toll, findet der Tagesspiegel. Der Streit um die Nahostkonflikt-Resolution des PEN Berlin eskaliert - unnötigerweise, findet die Zeit. Jetzt sind Teile der propalästinensischen Fraktion ausgetreten. Amoaka Boafas Kunst zerlegt Klischees schwarzer Macho-Männlichkeit, freut sich die taz in einer Ausstellung im Wiener Belvedere. Elfriede Jelinek fällt nicht viel Erhellendes zu Trump ein, ärgert sich die FAZ in der Premiere von "Endsieg" am Schauspielhaus Hamburg.

Die Wollust lüpft ihr knisterndes Gewand

10.12.2024. Auf Zeit Online erklärt der nach Deutschland geflohene Schriftsteller Ahmad Katlesh, was es bedeutet, erstmals nach zwölf Jahren wieder Sehnsucht nach der Familie in Syrien empfinden zu dürfen. Die FAZ staunt in Maastricht, wie vertraut ihr die sieben Todsünden sind. Der Tagesspiegel bewundert im Berliner Brücke-Museum die kraftvoll gewirkten Harmonien der Davoser Weberin Lise Gujer. Und der Perlentaucher publiziert den Text der PEN-Berlin-Schriftsteller, die sich von der Resolution zum Nahost-Konflikt distanzieren.

In einer Welt ohne David Mayer

09.12.2024. Am Samstagabend hat Han Kang ihre Nobelpreisrede gehalten, die die FAZ abdruckt. In der taz spricht die Literaturwissenschaftlerin Marion Eggert über die Rolle von Trauma und Gewalt im Werk der südkoreanischen Schriftstellerin. Die Verleihung des Europäischen Filmpreises für die beste Dokumentation an Basel Adras und Yuval Abrahams Film "No Other Land" zeigt es mal wieder: Israelkritik ist angesagt, hält die NZZ fest. Die FAZ berichtet außerdem über einen kuriosen Fall von Befehlsverweigerung bei ChatGPT.

Nominalistische Zauberkunst

07.12.2024. Die FAZ bestaunt im Berliner Kupferstichkabinett Meisterwerke der grafischen Lichtmalerei vor den Impressionisten. In der Berliner Zeitung erklärt die Fotografin Rinko Kawauchi, wie das Fragment sie im Jetzt verwurzelt. Im Filmdienst findet Regisseur Omer Fast, dass Identität überschätzt wird: Maske tragen ist auch okay. Die taz schwärmt von der großen Ästhetik der Depression in den Kunstliedern von Anja Plaschg. Die FAS porträtiert die Künstlerin Karimah Ashadu.

Modellanordnung menschengemachten Übels

06.12.2024. Die FAZ betritt mit der Kunst von Almut Heise das Uncanny Valley. Wie Kunst und Identitätssuche auch in der Diktatur funktionieren können, lernt Monopol von Ana Lupas. Die nachtkritik entdeckt das klimakritische Potenzial von John Steinbecks Roman "Früchte des Zorns" in einer Theaterinszenierung von Max Lindemann. Die Académie Goncourt setzt ihren Preis für algerische Literatur im nächsten Jahr aus, Grund ist das Verbot von Kamel Daouds ebenfalls nominiertem Buch in Algerien. Laura Nyro war so etwas wie eine Prototyp-Songwriterin der sechziger Jahre, staunt die taz. Und Nan Goldin hat ihr Dia doch noch reingekriegt.

Es gibt hinter allem einen Plan

05.12.2024. Welt und taz resümieren einen Abend im Literaturhaus Leipzig, bei dem auch die Frage diskutiert wurde, wie weit Boualem Sansal rechts steht. Ganz gleich, wo ein Schriftsteller steht, er muss sich frei äußern dürfen, hielt Najem Wali fest. In Le Point berichtet Kamel Daoud indes von der Hasskampagne, der er in Algerien ausgesetzt ist: "Tausende von Menschen zu töten ist akzeptabel, während das Schreiben eines Buches zu einem Verbrechen wird." Die Zeit warnt vor: Notre Dame wird für viele Besucher ein ästhetischer Schock. Monopol lässt sich in Wien hypnotisieren von der kinetischen Kunst Liliane Lijns.

Den Fisch stibitzen

04.12.2024. Wird die Volksbühne bald abgewickelt? Die SZ zumindest befürchtet dies, nachdem Ida Müller und Vegard Vinge ihre Interimsintendanz abgesagt haben. Dass der verantwortliche Kultursenator Joe Chialo die eskalierende Krise der Berliner Kulturszene schulterzuckend abtut, ist skandalös, findet die FAZ. Kazuhiro Sodas Dokumentarfilm "Die Katzen vom Kogoku-Schrein" glänzt mit pittoresk herumliegenden Vierbeinern, freut sich die taz. Die SZ erkennt in den Impressionisten angesichts einer Ausstellung in der Alten Nationalgalerie die Apple-Watch-Träger des 19. Jahrhunderts. Wenig Verständnis hat sie dafür, dass "Dark Romance"-Romane aus Schulbibliotheken verbannt werden sollen.

Kleines Leuchten in der Finsternis

03.12.2024. Die FAZ lässt sich von brennenden Insektenarmen in einer David-Lynch-Ausstellung in Oldenburg umarmen. Bei aller Vorfreude über die Wiedereröffnung von Notre Dame würde die FAZ zudem ganz gerne wissen, weshalb sich weder Staat noch Klerus für die Brandursache interessieren. In der taz blickt die Schriftstellerin Verena Boos in Nischen der deutschen Geschichte, die in Spanien bekannter sind als hierzulande. Die NZZ ist entsetzt, dass das LWL Münster Otto Mueller als Rassisten und Sexisten präsentiert. Fünf NobelpreisträgerInnen haben den Aufruf für Boualem Sansal inzwischen unterzeichnet.

Toxisch? Was heißt das denn bitte?

02.12.2024. Kamel Daoud schildert in Le Point die Schikanen, denen er seit seinem neuesten Roman "Houris" ausgesetzt ist. Darf man Botho Strauß zum Geburtstag gratulieren, obwohl ihm vorgeworfen wurde, "rechts" zu sein? Der Schauspieler Jens Harzer erklärt im SZ-Interview, warum er die Vorwürfe für unsinnig hält. Die Kritiker bewundern an der Schaubühne die Verwandlungskunst von Anna Schudt und Jörg Hartmann in Maja Zades "changes". Die Filmkritiker trauern um Karin Baal, einen der größten Stars des deutschen Nachkriegsfilms.