Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Juli, 2017

Sofort ins Existenzielle gehen

31.07.2017. Toll, dass Bettina Hering zu den Salzburger Festspielen so viele Regisseurinnen eingeladen hat, meinen SZ und NZZ. Schade nur, dass diese so wenig draus machen. Der Standard empfiehlt die Theaterbiennale in Venedig, die Theatermacherinnen aus ganz Europa eingeladen hat. Der Tagesspiegel bewundert, wieviel Zuneigung Monterverdi für mörderische Kaiser und ehrgeizige Huren aufbrachte. Die SZ berichtet von der Filmpremiere zu Milo Raus "Kongo-Tribunal" in Goma.  In der taz protestiert Gabriele Goettle gegen Kreuzbergs Gentrifizierung, der nun auch das Antiquariat in der Hagelberger Straße zum Opfer fällt.

Mechanismen der Sinn-Entstellung

29.07.2017. Feinherb, traumsüß, quecksilbrig - die Musikkritiker feiern Peter Sellars' Salzburger Inszenierung der Mozart-Oper "La Clemenza di Tito", die Sänger und den Dirigenten Teodor Currentzis, der mit seinem Orchester MusicAeterna die Wiener Philharmoniker exzellent ersetzt. In der taz gibt Sängerin Renate Knaup den Sound einer Eisscholle. In der NZZ erzählen die syrische Autorin Mansura Eseddin und der libysche Autor Hisham Mater vom Scheitern des arabischen Frühlings in ihren Ländern. Berliner Zeitung und Tagesspiegel starren ins Leere auf Regina Schmekens Fotos der NSU-Tatorte. Viennale-Direktor Hans Hurch erklärt im Interview mit dem Standard die Vorzüge seiner Modistin.

Sprühendes sarkastisches Gift

28.07.2017. Der Tagesspiegel versteht den Ärger afrikanischer Theatermacher über das Festival von Avignon. Ferdinand von Schirach warnt im Standard vor der Schwarmintelligenz. Die taz lässt sich von dem Performance-Duo Beißpony in die Kunst des Bastelns einführen. Die NZZ blättert fasziniert durch Fotos von der Generation Reichtum. Und die FAZ fragt: In welcher Moderne wollen wir leben?

Dieser Jubel, diese Freude, diese Helme!

27.07.2017. Wagner als Sachs, Hermann Levi als Beckmesser, viel Klamauk und die Wagner-Champions-League auf der Bühne - Barrie Koskys Inszenierung der "Meistersinger" in Bayreuth hat die Musikkritiker durchgerüttelt. Yves liebte nur sich selbst, sagt Pierre Bergé im Interview mit der Zeit. Der Freitag sehnt sich nach dem fantastischen Optimismus sowjetischer Wandmosaike. Die Filmkritiker liegen Sally Potters Screwball-Comedy "The Party" zu Füßen, die mit dem hemmungslosen Karrierismus der linksliberalen Milieus abrechnet, so schwärmerisch der Tagesspiegel.

Wunderbar klar und glockenhell

26.07.2017. Deutschtum als Soap erlebt der Tagesspiegel vergnügt mit Barrie Koskys "Meistersingern" in Bayreuth. Die NZZ verfolgt bei den Salzburger Festspielen, wie das 20. Jahrhundert historisch wird. Der Guardian lernt von Rose Finn-Kelcey, die eigene Position zu überdenken. Die taz erkennt in Amsterdams Problemviertel Bijmelmeer endlich die Schönheit des Betonbrutalismus. Die SZ kapituliert in Dünkirchen vor Christopher Nolans Großangriff auf die Sinne.

Glorreich ins Nichts

25.07.2017. Die NZZ verfolgt mit angehaltenem Atem, wie sich das britische Theater gegen "kontinentales Regie-Zeugs" stemmt. Die SZ lernt vom Londoner Architektur-Kollektiv Assemble: Die Bauherren, das sind nicht die anderen. Außerdem befragt sie junge Autorinnen zu ihren Erfahrungen im Literaturbetrieb. Die taz porträtiert den israelischen Architekten Zvi Hecker. Die Welt feiert Christian Weisenborns Dokumentarfilm "Die guten Feinde". Und der Standard trauert um den Viennale-Direktor Hans Hurch.

Baff sein, froh sein, aufgeregt sein, verkünden.

24.07.2017. Im Tagesspiegel-Interview beobachtet Diedrich Diederichsen den Kulturkampf zwischen sozialistisch-provinzialistischen Gentrifizierungsgegner und global-postkolonialen Queerfeministen. Auf ein gewohnt geteiltes Echo stößt der jährliche "Jedermann" der Salzburger Festpiele: NZZ und Standard loben säkulare Gedankenschwere, FAZ und SZ monieren die extreme Unsinnlichkeit. Bei der Aufarbeitung des Gurlitt-Nachlasses setzt die Welt auf entschlossene Nachdenklichkeit. Und auf ZeitOnline spricht die Schriftstellerin Deborah Feldman über ihren Fall in die Freiheit.

Mit bärenhafter Wucht und Weichheit

22.07.2017. Die Literarische Welt spricht mit Ismail Kadare über Literatur in totalitären Regimen. Der Tagesspiegel erlebt in Mailand in einem virtuellem Kunstprojekt von Regisseur Alejandro Inarritu die ganze Brutalität von Trumps Abschottungspolitik. Die SZ lässt sich von Elena-Ferrante-Übersetzerin Karin Krieger erklären, wie man die deutsche Sprache zum Schwingen bringt. Geteilter Meinung sind die Kritiker über Lotte de Beers "Moses in Ägypten" bei den Bregenzer Festspielen.

Die Fantasie einer zweiten Kolonisierung

21.07.2017. Die FAZ denkt anlässlich einer Hannoverschen Ausstellung über den modernen Kunstproduzenten nach. Die NZZ liest H.P. Lovecrafts Horrorfantasien als rassistische Geschichten. Die taz erfreut sich an der nostalgielosen Coolness der Musikerin Nídia Minaj. Die Filmkritiker liegen Luis Bunuels sexuellen Fantasien und der strahlenden Schönheit Catherine Deneuves zu Füßen.

Frankensteins Monster begraben

20.07.2017. Lukrez lesen, das macht Schriftstellern Mut, Magie und Mystizismus zu begraben, ermuntert in der NZZ der Evolutionsbiologe Matt Ridley. Mehr analoge Vorführmöglichkeiten für das Filmerbe fordert im Freitag Fabian Tietke. Der Tagesspiegel bewundert Architekturzeichnungen aus aller Welt. Nicht ganz zufrieden ist die NZZ mit Jonas Kaufmanns Aufnahme von  Gustav Mahlers "Lied von der Erde" als Alt und Bariton. Im Perlentaucher ruft Wolfgang Ullrich das Schisma in der Kunst aus.

Andere Ideen von der Zukunft

19.07.2017. Hingerissen sind die Kritiker von Luc Bessons Verfilmung des SciFi-Comics "Valerian": ZeitOnline feiert den Film als psychedelisches Barock-Prachtwerk, die FAZ als Afrofuturismus. Die taz erlebt beim Opernfestival in Aix-en-Provence eine eiskalte, mitleidlos ausgenüchterte "Carmen". Die FAS macht sich Gedanken über den Antisemitismus im Rap. Und der Guardian sucht in Sydney die Kunst von Aborigines und findet einen Bumerang von Chanel.

Verkrallt in ihr Gegenüber

18.07.2017. Die NZZ besteigt die Franzensfeste und bewundert von dort aus den derzeitigen Höhenflug der Südtiroler Architektur. Politisch kann man Wolfgang Mattheuer gern rehabilitieren, aber bitte nicht ästhetisch, meint die SZ, die zudem der vergifteten Atmosphäre im Münchner Haus der Kunst nachspürt. Außerdem trauern die Feuilletons um den Horror-Auteur und Pionier des modernen Zombiefilms George Romero, dessen "Dawn of the Dead" noch immer in Deutschland verboten ist.

Schockwellen der Erkenntnis

17.07.2017. Im Standard ermuntert Peter Truschner Frauen im Kunstbetrieb, auch mal unangenehm aufzufallen. Die taz stellt fest: Bilder von Autos werden viel schöner, wenn Frauen am Steuer sitzen und nicht auf der Motorhaube liegen. Die taz berichtet auch, dass beim Filmfestival im armenischen Eriwan keine LGBT-Filme mehr gezeigt werden. In der NZZ besingt Alberto Nessi die Provinz als wahre Heimat der Literatur. Au revoir Colette, seufzt die SZ, die jetzt wieder nach Mailand zum Einkaufen fahren muss.

Endlich eine moderne Frau

15.07.2017. Die Bilder des DDR-Malers Wolfgang Mattheuer sind viel mehr als Republikfluchtfantasien, ruft die Welt anlässlich einer großen Retrospektive in Rostock. Wenn wir die traditionellen Geschlechterrollen ablegen wollen, sollten wir es in der Literatur erst mal ganz ohne Geschlecht probieren, ermuntert in der Welt die Linguistin Lann Hornscheidt. Auch die SZ wünscht sich neue Rollenvorbilder und plädiert für eine radikale Umschreibung der Opern des 19. Jahrhunderts. Im Standard fordert die elfjährige Komponistin Alma Deutscher: Hört auf, meine Dissonanzen zu zählen!

Risse im Körpergefühl

14.07.2017. In Moskau wurde ein Ballett über das schwule Tanzgenie Rudolf Nurejew abgesetzt, meldet die taz. In der Welt erklärt John Lydon: Erwachsene lügen. Vorbildlich findet die SZ die Gartenstadt in Puchenau bei Linz.

Heilige, Helden und Narren

13.07.2017. Die taz feiert die erotischen Momente in João Pedro Rodrigues' Film "Der Ornithologe". Die NZZ staunt über die schöne Leich Literatur, die Franzobel in Klagenfurt beerdigte. Die Welt bewundert Kampf und Krampf des abstrakten Ideals in der Haager Mondrian-Ausstellung. 

Gesamtkunstwerkirrsinn

12.07.2017. Müllwerker aller Länder vereinigt Euch!, ruft Bora Cosic in der NZZ angesichts der großen Athener Müllhaufen-Performance. Als großen Frauenliebhaber feiert Ian Buruma im Blog der NYRB den japanischen Holzschnitt-Künstler Kitagawa Utamaro. Geradezu peinlich findet die SZ die neue Ausstellung im Humboldt-Forum "Vorsicht, Kinder!" Der Freitag erkundet die digitale Ökonomie der Groschenheftliteratur. Und die taz meint nach zwölfstündigem Überwältigungstheater im Nationaltheater Reinickendorf: Wenn Steuergelder verfeuert werden, dann bitte so!

Jetzt gehe ich zu Beuys

11.07.2017. Der Standard bewundert Bruce Davidsons unspektakulär hoffnungslose Fotografien von Teenagern aus Brooklyn. In der taz erzählt Katharina Sieverding, wie sie von Karajan lernte, ihre eigenen Statements zu machen. Die Welt meldet, dass das Bolschoi-Theater Kirill Serebrennikows Nurejew-Ballett abgesetzt hat. In der SZ erklärt Thomas Meinicke seine Liebe zu Footwork, bei dem die Bässe wie Bomben fallen. In der FAZ sorgt sich Rainer Rother ums Filmerbe. Und alle trauern um Peter Härtling.

Morsezeichen aus dem Überwirklichen

10.07.2017. Der Dramatiker Ferdinand Schmalz hat in Klagenfurt den Bachmann-Preis gewonnen. Für die meisten Kritiker geht der Preis gerade so in Ordnung, der Wettbewerb insgesamt aber schon nicht mehr. Die Nachtkritik feiert Thomas Ostermeiers Eribon-Adaption "Rückkehr nach Reims" in Manchester. Im Tagesspiegel spricht der Regisseur über Stolz und Scham angesichts einer einfachen Herkunft. Die NZZ hört bei der musica viva das authentische ich des Komponisten Salvatore Sciarrino klingen. Und die New York Times streift bewundernd durch die Art-Deco-Bauten von Afrikas Miami.

Auf schlaue Weise dumm

08.07.2017. Der Welt eröffnet sich in Klagenfurt der Rachen der Mittelstandsliteratur. Applaus gibt es allerdings für Ferdinand Schmalz. Die Kritiker schauen dem Nationaltheater Reinickendorf beim Genuss von Fäkalien zu und finden: So muss Theater sein! In der taz kämpft Ex-Malaria Sängerin Bettina Köster gegen laute Jungs. In der Welt ärgert sich Peter Eisenberg über Rechtschreibreformer.

Ein Rasierpinsel statt eines Kopfes

07.07.2017. In der SZ trotzt der jüdische Regisseur Barrie Kosky Richard und Adolf in Bayreuth mit seelischem Knoblauch. Michael Kleeberg will offenbar lieber nicht über seine Frankfurter Poetikvorlesung diskutieren, meint die taz. In Klagenfurt überzeugt John Wray die Kritiker mit epischem Atem. Und der Standard staunt über die Schönheit von Jan Fabres Körpersäften.

Passend gebrochen

06.07.2017. Alle lieben Isabelle Huppert, die gerade in Bavo Defurnes "Ein Chanson für Dich" die Sängerin spielt, die einst beim Grand Prix Eurovision auf dem zweiten Platz hinter Abba landete. Viel Lob auch für den feministischen Barracuda Jessica Chastain, die in John Maddens Politthriller "Die Erfindung der Wahrheit" eine mit allen Wassern gewaschene Lobbyistin gibt. Der Freitag fragt sich, was der Bachmann-Wettbewerb eigentlich noch mit Ingeborg Bachmann zu tun hat. Die SZ porträtiert den Komponisten Hans Abrahamsen.

Ein unwahrscheinlicher Ort für die Kultur

05.07.2017. In der Welt erinnert sich Steve Schapiro an jene Zeit, als Fotografien noch keine Kunst waren, sondern in die nächste Ausgabe sollten. Die Berliner Zeitung erkundet die zyprische Kulturhauptstadt Paphros. NZZ und SZ erleben mit John Neumeier eine "Anna Karenina" in höchster emotionaler Instabilität. Die FR tappt mit Christian Petzolds Filmfiguren in die zeitlosen Fallen ihrer Sehnsüchte.

Lücken der Lässigkeit

04.07.2017. In der taz ergründet Elisabeth Wagner die Geheimnisse der Eleganz. Die FAZ lernt von der Lebenserzählerin Wu Tsang in Münster, dass es Muskeln und Nerven auch zwischen den Körpern gibt. Die NZZ feiert afrikanische Kunst in Paris. Kino-Zeit erlebt beim Festival Cinema Ritrovato in Bologna voller Enthusiasmus den traurigen Sog des Kinos. Die SZ fragt sich im Vitra Design Museum: Revolution anzetteln oder zurück ins Eigenheim? Und im Observer huldigt John Le Carré der deutschen Sprache.

Keine Hymne, ein Schrei

03.07.2017. In der Jungle World spricht die Karikaturistin Nadia Khiari über Kunst und Selbstzensur in Tunesien. Die SZ ergründet im Palazzo Realo den Kunstcharakter des Warenhauses. Die NZZ kreuzt mit Heidegger vor Griechenlands Küste. In der FR lobt der Frankfurter Opernintendant Bernd Loebe die neue Vernunft der Sänger. Und der Tagesspiegel erklärt die Subtilität von Beethovens Neunter.

Links meint Haltung

01.07.2017. Der Tagesspiegel bewundert den Hauch von Ewigkeit in Fotografien aus dem 19. Jahrhundert. Tell geht dem Phänomen Knausgard auf den Grund. Die NZZ sieht in einer Frank-Lloyd-Wright-Ausstellung den Kuratoren live beim Denken zu. Und: Martin Kusej wird neuer Direktor des Burgtheaters. Die Kritiker sind recht zufrieden.