Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
Februar 2025
28.02.2025. Alle trauern um Gene Hackman, der aus dem Alltäglichen etwas ganz Besonderes machen konnte. Der bayerische Kulturminister kündigt Rechtssicherheit für Restitutionen an, der Tagesspiegel bleibt skeptisch. Ebenfalls der Tagesspiegel entdeckt in der Berliner Akademie der Künste die DDR-Ästhetik des Dorfes Berka, das Ute und Werner Mahler und Ludwig Schirmer über siebzig Jahre fotografiert haben. Das Theaterkollektiv tutti d*amore räumt in der Deutschen Oper mit Wagnermythen und Operettenklischees auf, die taz schaut zu. Außerdem ärgert sie sich über die Machenschaften von Spotify.
27.02.2025. Aktualisiert: Gene Hackman und seine Frau wurden tot aufgefunden, meldet Variety. Der Tagesspiegel bewundert Surrealistinnen aus Brasilien, Dänemark und der Schweiz in Hamburg. Während Bernhard Maaz, Direktor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, der SZ in der FAZ "Falschbehauptung" vorwirft, fordert der bayerische Landtag eilig eine Neuausrichtung der Provenienzforschung, meldet die SZ. taz und SZ kriechen mit Stefanie Sargnagel in Wien in den Darm der feinen Wiener Gesellschaft. James Mangolds "Like A Complete Unknown" über Bob Dylan mag ein wenig brav sein, vor Timothée Chalamet verneigt sich die Zeit allerdings.
26.02.2025. Der Restitutionsstreit rund um die Bayerische Staatsgemäldesammlungen eskaliert: Der SZ wurden giftige Emails zugespielt, die im Museum kursieren. Christoph Peters' Roman "Innerstädtischer Tod" wird vorerst nicht verboten - gut so, findet die taz. Die FAZ staunt in einer Düsseldorfer Ausstellung über die Subtilität, mit der Bracha Lichtenberg Ettinger die Schrecken der Shoah sichtbar macht. Britische Musiker protestieren gegen KI, berichtet die SZ, mit einem Album auf dem nur Stille zu hören ist. Die Welt erinnert an den Literaturkritiker Fritz J. Raddatz, einen Paradiesvogel im Reich der Mehlwürmer und Grottenolme.
25.02.2025. Die FAZ wird in Edvard Clugs Inszenierung von Shakespeares "Sommernachtstraum" am Berliner Staatsballett nicht in den verzauberten Wald versetzt, sondern an den Strand. Die SZ lernt von der Übersetzerin Ki-Hyang Lee, dass das Koreanische viel subtiler ist als das Deutsche. Der Tagesanzeiger hält es für eine vortreffliche Sache, dass Amazon die Rechte an den James-Bond-Filmen gekauft hat. Und die Musikkritiker verabschieden sich von der Soul-Sängerin Roberta Flack.
24.02.2025. Dag Johan Haugeruds "Drømmer" erhält den Goldenen Bären auf der Berlinale: Eine gute Wahl in einem nicht überragenden, aber soliden Wettbewerbsjahr, befinden die Kritiker. Die FR schwebt mit dem Karlsruher "Rinaldo", Händel inszeniert von Hinrich Horstkotte, auf "Flugwolken". Dem chinesischen Verständnis von Kunst-Kopie zum Original geht die NZZ nach. Die taz berichtet aus der Kiewer Buchhandlung "Sens", die russischsprachige Literatur aus ihren Regalen verbannt hat. Boualem Sansal ist in den Hungerstreik getreten, meldet Zeit Online.
22.02.2025. Die Berlinale-Bilanz der Filmkritiker fällt positiv aus: Die FAS sieht die gezeigten Filme als Waffe für eine gute Demokratie, der Tagesspiegel lobt immerhin Tricia Tuttles Experimentierfreude. In der NZZ blickt der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew auf die zwei Literaturen Russlands, deren goldene Äpfel im Westen gelandet sind. SZ und Tagesspiegel blicken auf den NS-Raubkunst-Skandal bei den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und meinen: Nicht die Museen, sondern die Politik trägt die Schuld. Und der Guardian schaut in Margate auf hundert Jahre Widerstand zurück.
21.02.2025. Tricia Tuttles erste Berlinale lässt die Filmkritiker zumindest klaglos zurück: Es gab genug Kunst und Innovation, meint die FR. Und der ukrainische Schwerpunkt war ohnehin sehenswert, ergänzt die taz. Monopol staunt in Düsseldorf über die Landschaften aus Elektroschrott, die der äthiopische Künstler Elias Sime erschafft. Der Münchner Museumsverband versucht nach dem SZ-Leak zu NS-Raubkunst in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen nun seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, konstatiert der Tagesspiegel. Die FR lernt in Bulgarien, wie Kulturerbe schmerzen kann.
20.02.2025. Die Filmkritiker ziehen eine erste vorsichtige Berlinale-Bilanz, Highlights entdecken sie in den Nebensektionen: Philipp Dörings vierstündiger Dokumentarfilm "Palliativstation" etwa, oder Marcin Wierzchowskis und Martina Priessners Beiträge zu den Anschlägen in Hanau und Mölln. Das französische Unterstützerkomitee für Boualem Sansal veröffentlicht einen deutlichen Appell an Macron, wir zitieren. In Franc-Tireur verteidigt Raphael Enthoven Kamel Daoud und die Kunstfreiheit. Die SZ entnimmt einem geleakten 900-Seiten-Dokument, wie die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen NS-Raubkunstfälle verheimlichten.
19.02.2025. Die Filmkritiker feiern auf der Berlinale Richard Linklaters "Blue Moon" - die FAZ ist entzückt davon, wie Ethan Hawke hier mit Worten tanzt. Die taz sieht in Berlin in Matt Copsons laser-animierter Oper "Coming of Age" zu, wie ein Baby mit süßen Knopfaugen alles niederbrennt. Claus Leggewie berichtet im Perlentaucher von einem Solidaritätsabend für Boualem Sansal in Paris. Die SZ fühlt sich in einer umstrittenen römischen Futurismus-Ausstellung an Katholikentagskitsch erinnert. Einen vogelartig staksenden Faun lernt die FR dank Choreografin Liliana Barros im Staatstheater Wiesbaden kennen.
18.02.2025. Herrlich cringe finden die Filmkritiker Frédéric Hambaleks Berlinale-Film "Was Marielle weiß" über ein junges Mädchen, das plötzlich alles sehen und hören kann, was seine Eltern treiben. Mit Oleksiy Radynskis Dokumentarfilm "Special Operations" erleben sie die dumme Realität russischer Okkupation in Tschernobyl. Die Welt hat die Nase voll von den Brüllorgien und Vulgarismen in der deutschen Theaterlandschaft. Die FAZ blickt neidisch ins norwegische Trondheim, wo die Architektin India Mahdavi im neuen Gegenwartskunst-Museum PoMo Farben durch alle Räume rinnen lässt.
17.02.2025. Halbzeit bei der Berlinale: Die FR ist noch nicht zufrieden, macht aber Bong Joon-Hos Science-Fiction-Farce "Mickey 17", in dem Robert Pattinson es mit einer Trump-Karikatur im Weltall aufnehmen muss, als stärksten Film aus. Der Tagesspiegel feiert derweil Bruno Forzanis "Reflections in a Dead Diamond", eine irrlichternde Hommage an das Eurospy-Genre der Sechziger. Die FAZ wird mit Mark-Anthony Turnages Oper "Festen" in eine düstere Familienfeier hineingezogen. Die SZ entdeckt in der Londoner Courtauld Gallery einen Picasso hinter dem Picasso.
15.02.2025. Die Jüdische Allgemeine registriert entsetzt den Hass auf Israel in der Filmbranche, der sich im Applaus für Tilda Swintons Kritik am "Kolonisator" Israel und dem Schweigen zu den israelischen Opfern ausdrückte. Die taz ist beeindruckt von der unideologischen Bildsprache in Tom Shovals Doku "A Letter to David" über den von der Hamas entführten Schauspieler David Cunio. Die FAS nähert sich dem Thema "Angst" in einer Ausstellung des Jüdischen Museums in Wien. Wie man Sprachlosigkeit lösen kann, lernt die beeindruckte FAZ bei einem Gedenkkonzert der Dresdner Philharmonie zur Bombardierung Dresdens mit Benjamin Brittens "War Requiem".
14.02.2025. Die Berlinale wurde gestern abend mit Tom Tykwers "Das Licht" eröffnet. Die Filmkritiker sind verstört: Kann man heute "vor allem aus dem gestörten Komfort der Prenzlaueria heraus erzählen", fragt entsetzt die Welt. Wassily Kandinsky hat die Farbe von den Zwängen der Realität befreit, lernt der Tagesspiegel im Museum Barberini. Der NZZ imponiert die Verknüpfung von Weltgeschichte und Werkgenese in Claus Guths Inszenierung der Strauss-Oper "Die Liebe der Danae". Melancholie kommt bei der SZ auf, die in das neue Tocotronic-Album reinhört.
13.02.2025. Heute beginnt die Berlinale unter der neuen Leiterin Tricia Tuttle. So richtig viel Aufbruchsfreude kommt bei den Kritikern nicht auf: Die taz muss Veränderungen mit der Lupe suchen, die FR findet das Programm vielversprechend, die SZ durchwachsen. Der FAZ schwant Übles bei der Gala, angesichts der windelweichen Äußerungen zum Antisemitismusskandal im letzten Jahr. Der Galerist Johann König verklagt den Autor Christoph Peters, in dessen Roman "Innerstädtischer Tod" er sich wiederzuerkennen glaubt. Ja, wie soll man denn noch einen gegenwartsgeladenen Roman schreiben, fragt die Zeit.
12.02.2025. Die Feuilletons begeistern sich für die Carl-Friedrich-Mylius-Ausstellung im Städel: Da ist nichts retuschiert an seinen Frankfurt-Fotos, jubelt die FR, man könnte meinen, sie lügen nicht. critic.de ärgert sich darüber, dass es auf der Berlinale-Retrospektive zum Genrekino der 1970er arg bürgerlich zugeht. Der Tagesspiegel bewundert die muskulösen Relieffiguren auf der Baustelle des Pergamonmuseums. Noch mehr als ums Theater muss man sich angesichts der Berliner Sparpläne um die Pop-Kultur sorgen machen, ruft Zeit Online.
11.02.2025. Die SZ überwindet am Wiener Volkstheater mit "Fräulein Else" sowohl das Patriarchat als auch die Scham vor der Nacktheit. Justin Kurzels Thriller "The Order" führt ebenfalls die SZ an die Ursprünge des Wahnsinns der Trump-Wähler. Die taz nähert sich in einer Krefelder Ausstellung zwei Visionären des Raumdenkens, dem Architekten Friedrich Kiesler und dem Künstler Walter Pichler. Die FAZ bewundert die Eleganz des Pinselstrichs von Comiczeichner Albert Uderzo in einer Ausstellung in Berlin.
10.02.2025. SZ und taz rollen mit einer Inszenierung von Roberto Ciulli am Theater an der Ruhr den Mordfall Pier Paolo Pasolini neu auf. Die taz findet es außerdem schlimm, dass die Transschauspielerin Karla Sofía Gascón wegen zehn Jahrer alter Tweets von aller Welt fallen gelassen wird. Der Tagesspiegel gibt sich in der Kunsthalle Hamburg malerischen Illusionen hin. Die FAZ lauscht Rolf Kühns letzter, kurz vor seinem Tod im Jahr 2022 entstandenen Studioaufnahme "Fearless".
08.02.2025. Die Feuilletons reißen sich um Tom Tykwer, dessen neuer Film "Das Licht" die Berlinale eröffnet. Die FAS sieht in der Instagram-Kunst von Sam Youkilis das Werk eines scharf beobachtenden Chronisten des Alltags. Die taz lernt die syrische Architekturmoderne kennen. Die FAZ findet es absurd, dass der Berliner Galerist Johann König gegen den Autor Christoph Peters klagt - weil er sich in einer seiner Figuren wiederzuerkennen meint. Und: Matthias Lilienthal übernimmt die Intendanz der Volksbühne - die Kritiker sind zwiegespalten.
07.02.2025. Der amerikanische Künstler Fareed Armaly lehnt den Käthe Kollwitz-Preis ab, weil Stimmen, die für die Rechte der Palästinenser eintreten, angeblich zensiert werden, meldet die Berliner Zeitung. Die Verwicklungen von Jazz, Imperialismus und Geopolitik verfolgen die überwiegend begeisterten Kritiker in Johan Grimoprez' Film "Soundtrack to a Coup d'État" nach. "Applaus-Rowdies" verderben Backstage Classical den Spaß am klassischen Konzert. Heute wird die Entscheidung über die neue Volksbühnen-Intendanz bekannt gegeben, die Berliner Zeitung rekapituliert, was bisher falsch lief.
06.02.2025. Der Guardian lässt sich in der Tate St. Yves von den knubbeligen Würsten der britischen Surrealistin Ithell Colquhoun hypnotisieren. Die Zeit erlebt die Granden der österreichischen Literatur im Schockzustand. Für die nachtkritik wirft die ukrainische Kulturjournalistin Olena Myashko einen Blick auf das ukrainische Theater zwischen Weltflucht und Kriegsfolgen. Der Perlentaucher feiert mit Arne Körner die vielen Leben des Dieter Kuhlbrodt. Und die NZZ zieht sich mit FKA Twigs in die Kapsel des eigenen Körpers zurück.
05.02.2025. Die FAZ fragt: Was ist der Code of Conduct der Documenta wert, wenn er für die künstlerische Leitung nicht bindend ist? Außerdem ärgert sie sich darüber, dass Hessen seine Tanzensembles kaputtspart. Die FR dagegen erfreut sich in Kassel an Eyal Dadons huschendem, gebeugtem Tanzstück "Shaker Loop". Der Tagesspiegel stellt die ukrainische Designerin Svitlana Volkova vor, die Mode für Kriegsversehrte entwirft. Klaus Walter denkt in der FR darüber nach, warum Solokünstler besser zu unserer Welt der Zeitverträge und des Home Office passen als Bands. Die taz ist entzückt von den Hybriden zwischen Mensch und Tier, die die ukrainische Malerin Kateryna Lysovenko in Hannover ausstellt.
04.02.2025. Monopol beugt sich über den neuen Verhaltenskodex der Documenta und fragt: Bleibt alles beim Alten? Die Welt überlegt derweil in München, ob Exzentrik nicht eine Kategorie der Kunst sein sollte. Die NZZ erlebt bei einer Filmreihe in Bern die emotionale Präsenz der Inuit in Grönland und staunt, wozu Kino in der Lage ist. FAZ und FR küren Albéric Magnards vergessene Oper "Guercoeur" in Frankfurt zum Stück der Stunde. Die Musikkritiker fragen sich: Sind die Grammys misogyn oder nicht?
03.02.2025. SZ und nachtkritik tauchen ein in Evgeny Titovs schön finstere Shakespeare-Inszenierung in Düsseldorf, in der Burghart Klaußner den "König Lear" gibt. Im FR-Gespräch wundert sich die Schriftstellerin Julia Schoch, wie heutzutage über die DDR gesprochen wird: "Als ob dieser verschwundene Staat in einer Parallelwelt konserviert wäre, aus der wir uns bedienen könnten." Die SZ rollt den Skandal um die Transschauspielerin Karla Sofía Gascón auf. Der Freitag stellt die auf Unendlichkeit angelegte Konzeptmusik von Valentin Hansen vor.
01.02.2025. Die FAS taucht mit der ukrainischen Künstlerin Kateryna Lysovenko in Hannover in neun Höllenkreise. Der Standard freut sich, dass das Kino den Sex wiederentdeckt. Goethes Antisemitismus war hässlich, aber er war kein Wegbereiter der Schoah, erklärt Biograf Jeremy Adler in der Literarischen Welt seinem Kollegen Daniel Wilson. In der SZ schwärmt Peter Sellars von der Arbeit mit Teodor Currentzis für Rameaus "Castor und Pollux", auch die Welt muss dem putinhörigen, aber "rasant-relevanten Rameau-Recken" Tribut zu zollen. Wenig abgewinnen kann die SZ dem Schwanengesang des waidwunden Disco-Tiers The Weeknd.