Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
Oktober 2024
31.10.2024. Wir sollten in Zukunft mehr Filme drehen, "in denen die Juden nicht als Opfer gezeigt werden, sondern als lebendige Menschen", überlegt der frühere Filmproduzent Günter Rohrbach in der Zeit. In der taz fordert die Dramaturgin Stella Leder angesichts der Ideologisierung im Kulturbetrieb, über die Geschichte des linken Antisemitismus zu reden. Der Standard versucht im Wiener Leopold Museum mit Knoblauch und Tomaten die Dämonen im Werk von Rudolf Wacker zu bannen.
30.10.2024. Einige sehr prominente AutorInnen rufen zum Kulturboykott gegen Israel auf - zu ihnen gehören etwa der Nobelpreisträger Abdulrazak Gurnah und einige Booker-Preisträger. Ihr Vater wäre stolz gewesen, von diesen Autoren gecancelt zu werden, sagt Fania Oz-Salzberger. Die taz schaut sich nach dem Wahlsieg der prorussischen Regierungspartei in der schockgefrorenen georgischen Clubszene um. Andres Veiels Dokumentarfilm "Riefenstahl" ist das Psychogramm einer Lügnerin, meint die SZ. Der Standard spaziert in der Kunsthalle Tirol durch Neda Saeedis gläserne Gärten, in denen echte Natur höchstens als Unkraut zu haben ist. Die FAZ fühlt sich wohl zwischen Gotik und Game of Thrones in Tobias Kratzers "Rheingold" an der Münchner Staatsoper.
29.10.2024. Die SZ packt angesichts des Tools Demandsens, das den Markterfolg eines Buches vorherzusagen soll, das Grauen: Kant, Mann oder Ernaux wären so nie publiziert worden, glaubt sie. Die taz blickt in einer Bremer Ausstellung der südafrikanischen Künstlerin Helena Uambembe auf die Geschichte des Bürgerkriegs in Angola. Die FAZ amüsiert sich bestens, wenn Schwachsinnige im Louvre von Bäumen plumpsen. Die NZZ erinnert sich in Lignon daran, wie man mit Marmor, Mahagoni und Voltaire eleganten Massenwohnungsbau schafft. Und der Standard staunt, wie The Cure Mahler und Analogkäse zusammenbringt.
28.10.2024. Das Herkunftsmilieu spielt bei den Aufstiegschancen im Literaturbetrieb immer noch eine große Rolle, hält die Schriftstellerin Sabine Scholl in einem Essay im Standard fest. Zeit Online blickt entgeistert nach Florida: Mit nur einer Beschwerde können rechte Cancel-Culture-Hetzer Bücher aus Bibliotheken verschwinden lassen. Die nachtkritik begegnet in Alice Buddebergs Adaption von Maxim Billers Roman "Mama Odessa" dem Zigarette rauchenden und Lederjacken tragenden Helden gleich in dreifacher Ausführung. Und die Musikkritiker trauern um Phil Lesh, den Bassisten der Grateful Dead.
26.10.2024. Ist das eher dumm oder bösartig, fragen sich die Kritiker nach dem AfD-Antrag zu einer "differenzierten Betrachtung" der "abgrundtief hässlichen" Architektur des Bauhauses. Die Welt feiert die proletarischen Männerkörper des Malers Gustave Caillebotte. Die FAZ stellt die ukrainischen Bojtschukisten vor, eine Künstlergruppe, die von Stalin ausgelöscht wurde. Zeit online hört die neue Sade. Der Freitag ist genervt vom Typus des großen, motzenden Schriftstellers.
25.10.2024. Die FR lässt sich von Neo Rauch und Rosa Loy im Museum der schönen Künste in Liberec die Kunst als "Hoffnungsmaschine" zeigen. Dass man vor Francis Bacon keine Angst haben muss, erkennt die FAZ in der Londoner National Portrait Gallery. Der Standard macht sich anlässlich des Deutschen Buchpreises Gedanken zur Ökonomie des Schreibens. Auch die Filmkritik ist in ökonomischen Schwierigkeiten, hält Artechock fest. Häuser können ihre Bewohner zurücklieben, lernt die Welt in Eileen Grays Villa E.1027. Valentina Magaletti zeigt der taz, was feministisches Schlagzeugspiel bedeutet.
24.10.2024. Weniger Rebellion als hellwache Reflexion bestaunt die Welt in der großen Carol-Rama-Retrospektive in der Frankfurter Schirn. Die taz lernt auf einer Kölner Veranstaltung, welche systemischen Hürden Literatur aus der Arbeiterklasse nehmen muss. Die Zeit erliegt dem Charme der Heiterkeit, den der französische Superstar Zaho de Sagazan ausstrahlt. Van resümiert die Donauerschinger Musiktage. Die SZ versinkt mit Mati Diops "Dahomey" in der Dunkelheit der Depots von Raubkunst.
23.10.2024. Pedro Almodóvars Sterbedrama "The Room Next Door" entzweit die Filmkritik: Die FAZ schwärmt, der taz ist es zu blasiert. Die SZ verwandelt sich in Zürich mit Leonie Tholl vergnügt in Kafkas Käfer. Die FAZ wird ebenfalls in Zürich in Anne Lenks "King Lear" von Vaginas dentatas gebissen. Die SZ möchte lieber wieder über Clemens Meyers "Projektoren" reden. Zeit Online wundert sich: Bayerns Kulturminister Markus Blume fordert eine opferfreundlichere Restitutionspraxis - und drückt in einem prominenten Raubkunstfall selbst auf die Bremse.
22.10.2024. Die FAZ lässt sich von Bruno Gollers Bildern, die im Kunstmuseum Bonn zu sehen sind, bereitwillig in ein ortloses Irgendwo entführen. Ebenfalls in Bonn schwingt die SZ in der Ausstellung "Tanzwelten" die Hüften. Außerdem staunt sie im Münchner Bergson-Kraftwerk über das Vivace-Klangsystem und "die perfekte klangliche Simulation eines Raums, der gar nicht da ist." Die FR verliebt sich, wie ganz Frankreich, in den jungen Chanson-Star Zaho de Sagazan.
21.10.2024. Die Zeitungen beschäftigen sich weiter mit dem Ausraster von Clemens Meyer bei der Buchmesse: das "unverstandene Originalgenie" verkörpert er für den Spiegel, die NZZ findet, der Buchmarkt muss seine Stars auch im Straucheln unterstützen. Die Zeit trifft in Christina Friedrichs DDR-Film "Zone" auf die wütenden Gespenster der Vergangenheit. Die Echos der Kolonialgeschichte hallen bei Serge Coulibalys neuer Choreografie "Balau" wieder, die die FAZ in München besucht hat.
19.10.2024. "Es ist eine Scheiße, eine Unverschämtheit", dass er den Deutschen Buchpreis nicht gewonnen hat, legt Clemens Meyer im Spiegel-Gespräch nach. Besonders gut ist die Stimmung auf der Frankfurter Buchmesse ohnehin nicht, notiert die FAZ mit Blick auf einen Jahrmarkt zwischen Stofftaschenanbietern und religiösen Eiferern. Der Tagesspiegel bewundert indes Bürstenwürmer in einer fulminanten Arte-Povera-Ausstellung in Paris. Der Filmdienst erinnert an die Videokünstlerin Friederike Pezold, die das Schauen revolutionierte, indem sie etwa ihr Gesäß zerlegte. Und der Standard grunzt mit der Band Blood Incantation im Wutraum.
18.10.2024. Hat die frischgebackene Nobelpreisträgerin Han Kang das Gwangju-Massaker verfälschend dargestellt, fragt die Welt. Sich auf das Ende der Welt zuzubewegen, kann auch sehr beschwingen, erfahren SZ und Standard in György Kurtágs Oper "Fin de Partie." Queere Synagogen sieht der Tagesspiegel in Navot Millers Bildern. Astronauten fliegen demnächst mit Prada-Weltraumanzügen durchs Universum, staunt die SZ. Musikproduzent Ben Bazzazian gibt der SZ Hoffnung für die deutsche Musik.
17.10.2024. Oliver Reeses Inszenierung von Michael Frayns Stück "Der nackte Wahnsinn" macht das Beste aus der Berliner Theaterkrise, freut sich die FAZ: gutes Theater. Elif Shafak beschwört auf der Frankfurter Buchmesse in ihrer von der FAZ dokumentierten Rede die Macht der Literatur, die Peripherie ins Zentrum zu bringen. Florentina Holzingers Nonnen-Skateboard-Spektakel "Sancta" zieht an der Staatsoper Stuttgart Triggerwarnungen und Onlineempörung nach sich, weiß die Zeit. Der Perlentaucher fühlt sich wohl in Andreas Dresens neuem Film "In Liebe, eure Hilde", der den Körper der Widerstandskämpferin ins Zentrum rückt.
16.10.2024. Jean Tinguely war kein Schweizer Dinosaurier, sondern ein Meister der Kinetik, dessen Maschinen selbst zu Künstlern werden, jubelt die FAZ in einer Ausstellung in Mailand. Außerdem freut sie sich über inspirierten Georges-Perec-Schabernack in einer Inszenierung von Anita Vulesica in Hamburg. Übersetzer machen sich existentielle Sorgen angesichts immer besserer KI-Programme, die ihren Job übernehmen könnten, berichtet die SZ. Die besucht auch die Frankfurter Buchmesse und kann sich zwischen den Elefanten im Raum kaum bewegen.
15.10.2024. Die Literaturkritiker sind zufrieden, dass die Buchpreis-Jury mit Martina Hefters Roman "Hey guten Morgen, wie geht es Dir?" Mut zur Avantgarde zeigt. Nur die Welt hat genug von der kleinen Welt des Privat-Familiären, und hätte lieber Clemens Meyer ausgezeichnet. Die NZZ blickt in Bern auf die existenzielle Nacktheit von Chaim Soutine, der Farben dem Fleisch anverwandelte. Einer auch physisch nackten Marina Otero begegnet die Welt, die im Berliner HAU Narzissen mit ihrem Urin begießt. Im Tagesspiegel verspricht die neue Berlinale-Leiterin Tricia Tuttle Filme als Filme und nicht als Transportmittel für Ansichten zu würdigen.
14.10.2024. Die SZ schaut im Festspielhaus von Dresden-Hellerau dabei zu, wie ein Roboter die Dresdner Sinfoniker dirigiert. Die Welt versucht das Geheimnis diffuser Gewalt in den Bildern der portugiesischen Malerin Paula Rego zu ergründen. Die FAZ lässt Bertrand Bonellos Monsterfilm "The Beast" mit Léa Seydoux hochleben. Bei der Uraufführung von Anna Gmeyners vergessenem Stück "Ende einer Verhandlung" klärt sie einen Mord auf. Die NZZ bewundert Kengo Kumas Neubau für das Museum Gulbenkian in Lissabon.
12.10.2024. Die SZ erlebt ein Gefühl der kognitiven Dissonanz in einer Wuppertaler Lucio-Fontana-Retrospektive, und sie bewundert bei einem Berliner Konzert Dynamik und die vielen Haare des 83-jährigen Bob Dylan. Van porträtiert das Ensemble Naked String Quartet. Die Welt wundert sich über die "schräge" Entscheidung der Schwedischen Nobel-Akademie für Han Kang. Die FAZ erlebt in Amsterdam mit Benjamin Brittens "Peter Grimes" das Todesurteil der öffentlichen Meinung. Dass die Luxusindustrie in der Krise ist, konstatiert sie ohne allzu großes Bedauern.
11.10.2024. Die Zeitungen sind sehr zufrieden mit dem Literatur-Nobelpreis für die Südkoreanerin Han Kang: Schön, dass man in Stockholm mal wieder über den westlichen Tellerrand hinausblickt, freut sich der Tagesspiegel. Die FR bestaunt in der Frankfurter Schirn grenzsprengende Werke mit Puppenaugen, Vulven und Tierkrallen, die die Italienerin Carol Rama seit den Dreißigern schuf. Die FAZ lässt Haydns "Schöpfung" mit Melly Still in Köln als Schattenspiel vor dem inneren Auge vorbeiziehen. Und dezeen bewundert das Flüchtlings-Wellnesscenter, das der südafrikanische Architekt Sumayya Vally in Kenia schaffen will.
10.10.2024. Die Filmkritiker blicken mit Ramon Zürchers "Der Spatz im Kamin" in die brutalen Abgründe hinter Familienfassaden: Zürcher verheiratet Bergman mit Lynch, staunt die FAZ. Die SZ kuschelt sich in Benedikt von Peters Basler Ring lieber an Plüschtiere und echte Pferde. FAZ und FR begeben sich im Frankfurter Städel auf Entdeckungsreise durchs barocke Italien. In der SZ ermuntert uns die Schriftstellerin Tanja Maljartschuk mehr ukrainische Literatur zu lesen. Und in der Zeit hätte Pianist Chilly Gonzales die Neo-Klassik lieber nicht mitbegründet.
09.10.2024. Die FAZ tanzt in einer Ausstellung in Finnland mittelalterliche Totentänze - bis in die künstlerische Moderne. NS-Raubkunst wird in Deutschland nur zurückgegeben, wenn auch die Diebe damit einverstanden sind, ärgert sich die SZ. Der Filmdienst erinnert daran, wie Luis Buñuel einmal gemeinsame Sache mit einem Stierkämpfer machte, um die spanischen Faschisten zu überlisten. Gemeinsam mit dem Fotografen H. G. Esch staunt die taz: Architektonisch sind sich Pompeji und New York näher, als man denkt. Die NZZ feiert ein wiederentdecktes Jugendwerk Mozarts als Hit.
08.10.2024. Was für ein Comeback! Die NZZ würde Pamela Anderson für ihre Rolle im Film "The Last Showgirl" am liebsten den Oscar verleihen. Die Kritiker wischen sich während Kornél Mundruczós Inszenierung seines Splatter-Horrors "Method" an der Berliner Volksbühne das Blut aus dem Gesicht, taz und Nachtkritik sind uneins. Perlentaucherin Angela Schader begegnen in Agri Ismaïls Roman "Das Gewicht der Welt" Kurden, abseits jedes Klischees.
07.10.2024. Auf Zeit Online blickt die Schriftstellerin Dana Vowinckel zum Jahrestag des 7. Oktober zurück auf "das schlimmste Jahr meines Lebens". Die FAS porträtiert die Regisseurin Henrika Kull, deren komplexer Film "Südsee" über eine junge Deutsche in Israel kaum gegen die Einseitigkeit des Diskurses ankommt. Die taz verläuft sich in der "nomadischen Bibliothek" des samischen Künstlers Joar Nango. Die nachtkritik durchlebt bei Adrian Figueroas Düsseldorfer Inszenierung von Wolfgang Borcherts Kriegsheimkehrer-Drama "Draußen vor der Tür" die Schrecken auf dem Schlachtfeld immer neu.
05.10.2024. Die Literarische Welt lässt zum Jahrestag des 7. Oktober jüdische Stimmen aus der Literatur zu Wort kommen. Die Literaturhistoriker Gabriele Radecke und Robert Radecke-Rauh versuchen im Tagesspiegel herauszufinden, ob Theodor Fontane Antisemit war. Die FR gibt sich in einer Ausstellung in Frankfurt dem Farbrausch der bemalten Textilien Hamid Zénatis hin. Die SZ ist beeindruckt davon, wie Katharina Bach in einer Soloperformance von Michel Friedmans Text "Fremd" das Leiden eines jüdischen Kindes im Nachkriegsdeutschland greifbar macht.
04.10.2024. Viel Bling-Bling, wenig dahinter, urteilen die Kritiker über Emma Dantes Inszenierung von Verdis "Nabucco" an der Berliner Staatsoper. Über Viktor Kossakovskys Film "Architekton" sind die Meinungen immerhin geteilt: Einen epischen Film, der die ephemeren Phänomene aufschließt, sieht der Perlentaucher, genervt von allzu viel moralischem Rigorismus ist die Welt. Die taz lernt in einer Ausstellung zu ukrainischer Literaturgeschichte einiges über die Unterdrückungsmechanismen der Sowjetunion. Monopol lässt sich von Alex Müllers Kuriositätenkabinett verzaubern. Die SZ muss beim Siegerentwurf für das Leipziger Einheitsdenkmal an Spülmittelwerbung denken.
02.10.2024. Die Filmkritiker sind sich uneins über Todd Phillips Joker-Musical: Die FAZ staunt, wie schön Joaquin Phoenix tanzt, der Tagesspiegel wartet auf einen Lady-Gaga-Film, der losgelassen wird. In Monopol denkt Gabriele Stötzer über eine internationale "Politikverkehrsordnung" nach. Die Welt erinnert sich in Zürich mit Dea Loher und Jette Steckel an die Todesangst während der Pandemie. Die FAZ feiert die "Sprachkraft" der Instrumentalmusik in Venedig.
01.10.2024. Die Feuilletons trauern um Kris Kristofferson, den Erneuerer und Zerstörer, der wie nur wenige den Geist der amerikanischen Arbeiterklasse verkörperte. FAZ und Guardian lassen sich von Alessandro Michele für Valentino an neoromantischen Nasenringen führen. Lehrreich oder Befriedigung angstlüsterner Fantasien? Uneins sind sich die Kritiker, wenn Nicola Hümpel im Haus der Pressekonferenz mit Maximilan Steinbeis die Frage stellt: Was geschieht, wenn ein Rechtspopulist an die Macht kommt. Im Standard erzählt der ungarische Filmemacher Gábor Reisz, wie sich Filmemachen unter Orban verändert hat.