Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
Mai 2025
31.05.2025. Die Literaturkritiker freuen sich, dass Sebastian Haffners Roman "Abschied" nun zur Veröffentlichung freigegeben wurde. Die taz reist auf die Philippinen, die das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse werden. Die WamS erinnert anlässlich einer Ausstellung in Zürich an den schwarzen Maler Ed Clark, der sich vom Kunstbetrieb nie unterkriegen ließ. Und die FAS lernt in einer Ausstellung in Mailand, warum schmutzigere Architektur das Überleben der Menschheit sichern wird.
30.05.2025. Die Feuilletons trauern um den kenianischen Schriftsteller Ngũgĩ wa Thiong'o, der wie kaum ein anderer für einen radikalen Begriff von Emanzipation stand, wie die taz schreibt. Die Welt lernt bei den Wiener Festwochen dank des Künstlerduos Signa ihr "pflegebedürftiges Ich" kennen. Backstage Classical ärgert sich über Klassik-Kritiker, die sich erst auf Häppchen einladen lassen und dann distanzlose Texte abliefern. Die taz erlebt in Chemnitz ukrainische Gegenwartskunst auf der Suche nach Identität.
28.05.2025. Die Zeit porträtiert den neuen Shooting-Star des deutschen Kinos: die Regisseurin Mascha Schilinski, die gerade in Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurde. Die FR staunt in Chemnitz über ein Stück von Karin Breece, das Vergangenheitsbewältigung als höchst realistisches Figurentheater auf die Bühne bringt. Außerdem fragt sich die Zeit: Was hat es nur mit dem Wohlfühl-Hype in der Museumswelt auf sich? Die FAZ lässt sich in einer Wiener "Tannhäuser"-Aufführung von Malin Byströms glühendem Sopran betören.
27.05.2025. In der FAZ erinnert sich der iranische Cannes-Preisträger Jafar Panahi an sein Verhör im Evin-Gefängnis. Die Feuilletons trauern um den Dokumentarfilmer Marcel Ophuls, der ein Filmleben lang gegen die "feigen Neutralisten" ankämpfte. Die taz ärgert sich über die Ignoranz deutscher Verlage gegenüber ukrainischer Literatur. Die Welt versucht sich in Baden Baden nicht von der abweisenden Würde des abstrakten Expressionisten Richard Pousette-Dart abschrecken zu lassen. Und die FAZ rät in Zeiten des wachsenden Totalitarismus Schostakowitsch zu hören.
26.05.2025. Die Goldene Palme geht in Cannes dieses Jahr an den iranischen Regisseur Jafar Panahi - eine Auszeichnung, die sowohl aus künstlerischen als auch aus politischen Gründen überzeugt und einen starken Jahrgang abschließt, meinen die Zeitungen. Die FR blickt am Schauspiel Frankfurt in die psychologischen Abgründe von E.T.A. Hoffmanns "Sandmann". Die taz sieht den EU-Granden im Mannheimer Nationaltheater zu, wie sie in einer Robert-Menasse-Dramatisierung dahinsiechen.
24.05.2025. Die Welt lässt sich in der Neuen Nationalgalerie von den "Objetos relacionais" der brasilianischen Künstlerin Lygia Clark einwickeln. Die FAZ hört bei den Ruhrfestspielen den Minotaurus singen. Die NZZ beschuldigt den Thomas-Mann-Biografen Tilmann Lahme des Voyeurismus. Die FR feiert den schönsten Film in Cannes: Oliver Hermanus' "History of Sound" über die Anfänge des American Folk. Zeit online entdeckt ganze Popwelten im neuen Album von Stereolab.
23.05.2025. Artechock wünscht sich nach erzkonservativen Filmen in Cannes dringend eine Revolution des Gegenwartskinos. Die SZ hofft, dass die Ansprachen des Rock-Veteranen Bruce Springsteen gegen Trump einen Urknall auslösen. Die Kritiker lassen sich von Florentina Holzinger auch nicht mehr provozieren, wenn sie die Volksbühne mit Kot flutet. Im Perlentaucher führt Peter Truschner in die ätherischen Blumenbilder von Kathrin Linkersdorff ein, die in Berlin zu sehen sind.
22.05.2025. Die SZ ist glücklich mit dem International Booker Prize für die indische Schriftstellerin Banu Mushtaq, die auch schon Zielscheibe einer Fatwa wurde. Die taz lernt in Jafar Panahis iranischem Cannes-Beitrag "Ein einfacher Unfall", was man als Zivilist mit Schergen des Regimes tut. Die FR wird indes in Kirill Serebrennikovs "Das Verschwinden des Josef Mengele" von der Angst vor der Gegenwart gepackt. Und die taz lässt sich in Athen aus den traurigen Augen von Mastschweinen anblicken.
21.05.2025. Die Feuilletons erinnern an Yuri Grigorovich, den nun verstorbenen langjährigen Leiter des Bolschoi-Balletts. Zu seinem Erbe, weiß die Welt, gehört nicht zuletzt das fragwürdige Frauenbild sowjetischer Tanzkunst. Der Künstler Leon Kahane fragt im SZ-Interview: Warum muss Gerhard Richter ausgerechnet in Auschwitz einen Götzen in Form eines Museumspavillons errichten? Jafar Panahi, dessen neuer Film "Ein einfaches Urteil" in Cannes uraufgeführt wird, sieht im Zeit-Gespräch das Ende des iranischen Regimes nahen. Die FR begeistert sich in Frankfurt für die zartfühlenden Pressefotos von Werner Bischof.
20.05.2025. Die Filmkritiker feiern Richard Linklaters Film über die Entstehung von Jean-Luc Godards "Außer Atem": Die FR schwebt hier auf einer Wolke aus "kreativer Energie", die Welt staunt über die detaillierte Recherchearbeit für das "Wunderwerk". Nachtkritik bekommt bei Milo Raus Inszenierung von Elfriede Jelineks Stück "Burgtheater" in Wien Atemnot, die FAZ hätte gerne mehr von den überragenden Schauspielern und weniger Moralpredigten gesehen. Jungle World erinnert an die feministische Schriftstellerin Caroline Muhr.
19.05.2025. Mit dem Countertenor JJ hat zum ersten Mal ein Opernsänger den Eurovision Song Contest gewonnen, die Zeitungen gratulieren. Die Nachtkritik verfolgt in Jette Steckels Inszenierung von Annie Ernauxs "Die Jahre" am Thalia Theater gebannt, wie eine Frau gegen gesellschaftliche Zwänge ankämpft. Sowohl Standard als auch taz sind reichlich erschöpft von den anspruchsvollen Filmen, die in Cannes auf dem Filmfestival laufen. Die NZZ bestaunt die wundersamen Pappmaché-Insekten von Monster Chetwynd im Kunsthaus Zürich. Und alle trauern um die Schauspielerin Elisabeth Orth.
17.05.2025. Die FAZ entdeckt mit Rashid Johnson im New Yorker Guggenheim zwischen Monstera und Palmen den schwarzen Beuys. Der Guardian erkennt dank Helen Chadwick im britischen Wakefield die Schönheit saftiger Würmer. Warum läuft Fatih Akins famoser Heimatfilm "Amrum" in Cannes eigentlich nicht im Wettbewerb, fragen sich FR und Welt. Die taz tauscht dank der Zürcher Designerin Bitten Stetter das hässliche Flügelhemd im Krankenhaus gegen einen frechen Turnarounder.
16.05.2025. Im Tagesspiegel erklärt die im Libanon geborene Schrifstellerin Hoda Barakat, wie sie weiblichen Stimmen Gehör verschafft, ohne Feministin zu sein. In der SZ erklärt Milo Rau, weshalb es an der Zeit ist, Elfriede Jelineks in Österreich geschmähtes Stück "Burgtheater" über die NS-Verstrickungen des Hörbiger-Clans genau jetzt aufzuführen. Die taz erkennt in Sergei Loznitsas Cannes-Beitrag "Zwei Staatsanwälte" einen Appell zum Erhalt der Demokratie. Und der Perlentaucher freut sich über seinen neuen Podcast "Bücherbrief live".
15.05.2025. Die Filmkritiker freuen sich, dass mit Mascha Schilinskis "In die Sonne schauen" mal wieder ein deutscher Film in Cannes zu sehen ist, und dann noch eine solche "Sensation", wie die Zeit schwärmt. Die SZ huldigt in einer Kölner Ausstellung den Meistern der Street-Photography Garry Winogrand, Lee Friedlander und Joseph Rodríguez. Die Zeit fragt sich, warum der Goldene Löwe der klimagerechten Architekturbiennale in Venedig ausgerechnet an den Petrostaat Bahrain ging.
14.05.2025. Das gab es noch nie: Cannes eröffnet mit einem Debütfilm und zwar mit Amélie Bonnins "Partir un jour". Viel Gespür für die Irrungen und Wirrungen des Lebens macht die SZ in dem Film aus. Das Urteil gegen Gérard Depardieu markiert eine Zeitenwende in der französischen Filmbranche, sind sich die Kritiker einig. Die FAZ erklärt, warum die Münchner Alte Pinakothek zu Recht fünf Millionen Euro für ein Mariengemälde von Hans Baldung Grien bezahlt hat. Die GEMA muss ihre Verteilungsschlüssel ändern, und zwar zugunsten von Jazz und Chanson, meint Georg Oeller aus dem GEMA-Vorstand im SZ-Gespräch.
13.05.2025. Heute beginnen die Filmfestspiele in Cannes - und angesichts des "absurd star-gespickten" Programms kann die Berlinale mal wieder nicht mithalten, konstatiert die SZ. Die FAZ bewundert im Wiener Belvedere 21 "Kleine Ausschnitte von Frauen", gezeigt von der Künstlerin Maria Hahnenkamp. Die taz erlebt in Kathrin Mayrs Inszenierung von Tena Štivičićs Stück "Drei Winter" in Osnabrück die Geschichte Kroatiens als "emotionssattes" Familienepos.
12.05.2025. Die Theaterkritiker trauern um Carl Hegemann, den "führenden Kopf der Volksbühne", wie ihn die SZ nennt. Er war die "Instanz, die über das Verhältnis von Theater und Welt" Auskunft gab, meint die Welt. Der Tagesspiegel wartet in einer Ausstellung der Künstlerin Aneta Grzeszykowska nur darauf, dass ihre ledernen Puppen plötzlich lebendig werden. Im Gespräch mit der Jungle World erklärt der frühere Charlie-Hebdo-Redakteur Luz, warum sein neuer Comic über NS-Raubkunst mit jedem Tag aktueller wird.
10.05.2025. Festivalpräsidentin Iris Knobloch setzt in Cannes auf Parität, aber nur in der Jury, nicht bei der Filmauswahl, erzählt sie in der WamS. Die SZ sieht in Yael Ronens Stück "Collateral Damage" am Schauspiel Köln einer Familie beim moralischen Verfall zu. Die FAS besucht den Künstler Heinz Mack, der einst die "Stunde Null" der Nachkriegskunst ausrief. Die israelische Regierung hat eine Reisewarnung für Basel während des ESC-Wettbewerbs ausgerufen, berichtet die NZZ.
09.05.2025. Die FAZ spürt im deutschen Pavillon auf der Architekturbiennale in Venedig die Hitze des Klimawandels am eigenen Leib. Die deutsch-algerische Autorin Naila Chikhi appelliert im Perlentaucher an die neue Bundesregierung, ein Zeichen für Boualem Sansal zu setzen. Die SZ schaut bei Francesco Filideis Vertonung von "Der Name der Rose" an der Mailänder Scala vergnügt zu, wie sich Mönche auf der Bühne prügeln. Die FR summt in einer Ausstellung in Wiesbaden mit der Biene durch die Kunstgeschichte.
08.05.2025. Die Filmkritiker denken mit Dag Johan Haugeruds Berlinale-Gewinnerfilm "Träume" über die Liebe und die Literatur nach. Die Zeit spürt in einer Ausstellung in der Collezione Marmotti mit Viviane Sassens Fotografien das "Entrückte im Gegenwärtigen" auf. Maxim Biller blättert ebenfalls in der Zeit fassungslos durch Jürgen Tellers Auschwitz-Fotoband. Iran will den unter Pseudonym schreibenden Dichter Peyman Farahavar hinrichten lassen, meldet die FAZ.
07.05.2025. Die FAZ wird in Wim Wenders Kurzfilm "Der Schlüssel zur Freiheit" über das Ende des Zweiten Weltkriegs von der Vergangenheit eingeholt. Endlich einmal eine Künstlerin, die weiß, was angesichts des politischen Rechtsdrifts zu tun ist, jubelt monopol in einer Monica-Bonvicini-Schau in Berlin. In Cord Meijerings Oper "Gramsci", die in Görlitz Premiere feierte, lernt die FR den Marxisten als coolen und klugen Typen kennen. Percival Everett hat den Pulitzer-Preis für seinen Roman "James" rundum verdient, findet die FAZ.
06.05.2025. Die Filmkritiker schütteln den Kopf über Donald Trumps Zölle auf ausländische Filmproduktionen. Die FAZ taucht in Hamburg ein ins Werk des niederländischen Künstlers Bas Jan Ader, der vor fünfzig Jahren auf dem Atlantik verschwand. Propalästinensische Aktivisten haben es sich unter dem Motto "Escalate for Palestine" zum Ziel gesetzt, die Nova-Überlebende Yuval Raphael aus dem ESC-Wettbewerb zu mobben, berichtet der Tages-Anzeiger. Die FAZ beschäftigt sich mit der subversiven politischen Kritik in der Lyrik des russischen Exil-Dichters Igor Guberman.
05.05.2025. FR und Nachtkritik erfreuen sich an Clemens Setz' Stück "Die Erfindung" am Schauspielhaus Stuttgart, das die "hedonistische Selbstzufriedenheit" unserer Zeit aufs Korn nimmt. Die Beton-brut-Ästhetik kommt den Kunstwerken im Neubau des Musee des Beaux-Arts vom Architekturbüro Titan in Rennes entgegen, wie die NZZ staunt. Dem Musiker Christoph Annen ist es in der FAZ ganz recht, wenn die GEMA das E-Musik-Privileg abschafft. Die SZ denkt mit der Schriftstellerin Teresa Präauer über den "Old Money"-Look als Ausdruck gesellschaftlicher Unsicherheiten nach.
03.05.2025. Ausstellungen, die Stadt und das Zeitgeschehen fließen für die Kunstkritiker beim Gallery Weekend in Berlin ineinander, während sie Champagnerkorken knallen hören und in die Zelle eines russischen Straflagers blicken. "Ich stehe nie auf der Seite der Autoritäten", versichert die Autorin Rachel Kushner in der NZZ. Milo Rau erklärt der Welt seine Republik der Liebe. Die Literarische Welt durchforstet Joan Didions Nachlass. Die taz fordert mehr Tantiemen für U-Musik.
02.05.2025. Die NZZ wird in einer Ausstellung in Rom an jene Jahre erinnert, als die Kirche Caravaggio noch feierte. Nach acht Jahren PiS-Regierung sind auch wieder Themen wie Feminismus, LGBTQ-Rechte, aber auch die Shoah in der polnischen Kunst möglich, atmet Monopol auf. Die chinesische Kritikerin Chen Tian erzählt in der nachtkritik, wie die unabhängige Theaterszene Chinas die Zensur umgeht. Die SZ lässt sich von Steve Wilsons neuem Album das Hirn zerfressen. Und die taz hält nicht viel von beige-farbenen Clean Girls.