Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
Januar 2026
31.01.2026. Die Welt amüsiert sich königlich mit den Zarzuelas, einem spanischen Operettegenre, das Christof Loy gern inszeniert. Die FAZ bewundert im Genfer Musée Rath die Malerei von Aborgines-Künstlerinnen. Der FAZ wird der Apero schal beim Berner Kammermusikfestival Mizmorim, weil es den Nahostkonflikt ganz ausklammert. In der SZ plädiert die Schriftstellerin Eva Sichelschmidt für die Wiederentdeckung von Marie Luise Kaschnitz. Vor der Revolution war der Revolutionär, erkennt die Welt in der großen Cézanne-Ausstellung in der Fondation Beyeler.
30.01.2026. Boualem Sansal wird in die Académie française aufgenommen - Kamel Daoud freut sich in Le Point. Zeit Online und NZZ erkennen in Bruce Springsteens Protestsong Teufelsaustreibung und Beginn einer neuen Widerstandsbewegung. Die FAZ lernt in Siegen, wieviel Einfluss Giorgio Morandi auch auf nachfolgende Künstlergenerationen hat. Und die nachtkritik sieht den leibhaftigen Robert Walser in Barbara Freys Wiener Adaption der Novelle "Der Spaziergang".
29.01.2026. Tell Review bewundert in Hamburg, wie sich die libanesische Malerin Huguette Caland immer wieder aus Zwängen befreite. taz und Perlentaucher haben nichts dagegen, wenn Sam Raimi in seinem neuen Film "Tanz der Teufel" hektoliterweise Körperflüssigkeit spritzen lässt, um zu zeigen, wie schlecht der Mensch ist. Die SZ reist mit Ragnar Axelsson durch die von Klimawandel und Großmächten bedrohte Arktis. Im Tagesspiegel überlegt der israelische Regisseur Noam Brusilovsky, was hinter dem Phänomen der "Fake Jews" stehen könnte. VAN beobachtet, wie an deutschen Orchestern Stellen durch die Hintertür abgebaut werden. Und Houellebecq singt jetzt auch, notiert die SZ.
28.01.2026. Der Reggae-Schlagzeuger Sly Dunbar ist tot. Die SZ erinnert an seine lässige Eleganz, der taz werden bei der Erinnerung an Dunbars funky Doubledrumming die Knie weich. Ein niederländisches Architekturbüro denkt Asylbewerberunterkünfte neu, lernt die SZ. Die Welt freut sich angesichts von Aufführungen in Berlin und Straßburg über eine Korngold-Renaissance. Die taz schwelgt in den sinnlichen Bildern von Urška Djukićs Coming-of-Age-Films "Little Trouble Girls". KI Slob hat auch seine guten Seiten, meint die Presse.
27.01.2026. Die SZ stellt die jüdische Trans-Sängerin Ezra Furman vor, die sich vor ICE und Trump fürchtet. Die HBO-Serie "Heated Rivalry" über zwei homosexuelle Eishockeyspieler begeistert Zeit Online. Die FR erlebt in Agostino Steffanis Oper "Amor vien dal destino" in Frankfurt ein "Feuerwerk" frühbarocker Musik. Die Künstlerin Gabriele Stötzer erhält als erste Ostdeutsche den Goslarer Kaiserring und unterhält sich darüber mit der taz.
26.01.2026. Die Kritiker geben sich in Mainz die Klinke in die Hand: Die Oper "Der Chronoplan" von Judith und Alfred Kerr wird nach mehr als neunzig Jahren uraufgeführt, die Meinungen sind gespalten. Die FAS fragt, wie man mit dem Werk des Wiener Aktionisten und Sexualstraftäters Otto Muehl umgehen sollte. Das Dach des neuen Fischmarkts in Sydney hat für die NZZ betörende Ähnlichkeit mit glitzernder Fischhaut. Der Filmemacher Wilfried Hauke staunt im Interview mit Filmdienst über Astrid Lindgrens Beobachtungsgabe. Der Tagesspiegel macht sich Gedanken über Mode als Propaganda-Mittel für Trumps Gefolgsleute.
24.01.2026. Die FAZ plädiert für eine Revolution im Regie-Theater. Der Standard bewundert die subversive politische Seite in Elsa Kremsers und Levin Peters dokumentarischem Film "White Snails" über einen belarussischen Bestatter. Der Tagesspiegel ist fasziniert von den geheimnisvollen Jünglingen des Malers Otto Meyer-Amden, dessen Werke in Berlin zu sehen sind. Die nachtkritik erlebt in Hamburg in Yana Ross' Inszenierung "Die Möwe" eine gelungene Symbiose von Tschechow und Wolfgang Herrndorf.
23.01.2026. Die Oscar-Nominierungen sind bekannt gegeben: Die deutsche Oscarhoffnung, Mascha Schilinskis "In die Sonne schauen", ist nicht dabei. Die Konkurrenz war aber auch selten so stark, tröstet die SZ. Die NZZ lernt Paul Cezanne in Basel als ersten Action Painter kennen. Die FAZ fragt sich, ob die New Yorker Met aus Geldnot bald ihre beiden Chagalls verkaufen muss. VAN spürt die Kraft des Widerstands beim Festival "Liatoshynsky Space" in Kyjiw. Und Zeit Online schmerzen die Ohren beim Klang von "Bratschen auf Steroiden" im Berghain.
22.01.2026. Kaouther Ben Hanias Film "Die Stimme von Hind Rajab" über ein palästinensisches Mädchen, das bei einem israelischen Angriff stirbt, spaltet die Kritiker: Die FR ist überwältigt, die taz fragt, ob der emotionale Effekt hier nicht ausgeschlachtet wird. Monopol sieht sich in einer Berliner Ausstellung Georg Kolbes und Herbert Lists Männer-Darstellungen an, die von heiß bis eiskalt variieren. Die Welt empfiehlt Lyrik als Medizin gegen seelenlose KI-Texte. Georg Baselitz ist im SZ-Interview auch im hohen Alter noch auf Krawall gebürstet.
21.01.2026. Die Berlinale gibt die diesjährigen Wettbewerbsfilme bekannt. Unglamourös, aber dafür mit Anspruch wird es auf dem Festival zugehen, prophezeit der Filmdienst. Die taz fragt, ob das russische Staatsballett derzeit in Form einer Tarnorganisation durch Deutschland tourt. Alexander Schimmelbusch verteidigt in der Welt seine scharfe Kritik am Populismus Peter Handkes. In Herford erfreut sich die FAZ an Ingrid Wieners dem Alltäglichen verpflichteter Webekunst. Ein Tschaikowsky-Album von Daniil Trifonov bringt der NZZ die kindliche Seite des Komponisten näher.
20.01.2026. Die SZ porträtiert die achtzehnjährige Pianistin Alexandra Dovgan, die spielt, als sei Musik ihre Muttersprache. Die NZZ trauert um Valentino als einen, der Frauen in schillernde Luxusgeschöpfe verwandelte. Die FAZ wird in der Tate Britain Zeuge eines malerischen Wettstreits zwischen William Turner und John Constable. Der Tagesspiegel erfährt von Tetiana Holiakova, Leiterin des Kyiv Classic Ballets, welchen Preis die Zukunft hat. Die taz möchte vom Abriss bedrohte Kirchen retten.
19.01.2026. Die Zeit ärgert sich über vereinfachte Literaturklassiker und Lehrämtler, die keine Lektüremotivation mitbringen. Deutschland-Kritik wird erst bei Rolf-Dieter Brinkmann schön, finden die Kritiker eines Brinkmann-Abends am Schauspiel-Köln. In Russland wird weiterhin Kunst gesammelt, aber vieles wird wegen der Zensur nicht ausgestellt, bringt die FAZ in Erfahrung. Cargo denkt über Filme nach, die die Rhetorik der Macht in Amerika offenlegen. Mahlers Achte, dirigiert von Kirill Petrenko, haut die Kritiker in der Berliner Philharmonie um.
17.01.2026. Die Theaterkritiker sind hin und weg von Sophokles' "Antigone" in Hölderlins Fassung, die Johan Simons am BE mit drei Schauspielern auf die Bühne gebracht hat: Die nachtkritik wagt kaum zu atmen. Das ist die höchste Kunst, ruft die FAZ. In der WamS legt uns Autor Burkhard Spinnen die Lektüre von Flauberts Farce "Bouvard und Pécuchet" ans Herz: Das ist die Prophezeiung unserer Medienrealität. Die Welt feiert Chloé Zhaos Shakespearefilm "Hamnet". Die NZZ porträtiert den deutsch-nigerianischen Musiker Adé Bantu, der wie selbstverständlich zwischen Afrobeats und Beethoven pendelt.
16.01.2026. In der taz fragt sich die russische Schriftstellerin Marija Stepanova, ob nicht alle Russen eine unbewusste Mitschuld am Krieg gegen die Ukraine tragen. Die taz bewundert außerdem die Courage des Kunstraums Hase29, der in der Domstadt Osnabrück Porträts von Missbrauchsopfern zeigt. Die FR lernt in Düsseldorf, dass auch abstrakte Kunst queer sein kann. Und die SZ erkennt dank der Berlin Ballett Company: Techno und Ballett passen perfekt zusammen.
15.01.2026. Die Kritiker feiern Ildikó Enyedis neuen Film "Silent Friend", in dem ein zweihundert Jahre alter Gingkobaum die Hauptrolle spielt: Eine kostbare Meditation, jubelt die Welt. Die Zeit ist beeindruckt vom schillernden Leben des Autors Marko Martin, der sich den Freiheitsbewegungen der Welt verschrieben hat. Die taz erkundet in einer Ausstellung in Prag die verstörend-schönen Kunstwerke von David Lynch. Die NZZ hüllt sich in echte und unechte Pelzmäntel.
14.01.2026. Die Feuilletons kommentieren die Auswahl fürs Theatertreffen: Viel schwere Kost, findet die nachtkritik, traurig und dürftig, stöhnt die FAZ. Die sich hingegen über die Science-Fiction-Autorin Aiki Mira freut, die Musk und Co eine bessere, lebbare Zukunftsvision entgegenhält. Die Zeit würdigt die von einem ICE-Agenten erschossene Dichterin Renee Good. Die taz lässt sich auf den Tanztagen Berlin von Alvin Collantes' schwitzender, japsender Drag-Performance hinreißen.
13.01.2026. Die Feuilletons sind zu zahm, die Redaktionen zu ängstlich und die Kulturkritiken zu fad geworden, ruft der Autor Jonathan Guggenberger in der taz. Auch die Musikkritik leidet einerseits unter fanatischen Fans, aber auch unter ihrem eigenen Unkritisch-Sein, klagt der Freitag. Die Theaterkritiker fragen sich bei Matthias Pintschers Opern-Adaption von "Das kalte Herz", was der ägyptische Gott Anubis im Schwarzwald zu suchen hat. Und die FAZ lässt im Museum of Islamic Art in Doha das beeindruckende Lebenswerk des Architekten Ieoh Ming Pei Revue passieren.
12.01.2026. Die FAZ feiert den vor hundert Jahren geborenen Komponisten Morton Feldman, dessen Stücke an kammermusikalische Grenzen führen. Die Menschheit lässt sich auch dann nicht retten, wenn wir auf den Mond fliegen, stellt die Nachtkritik etwas enttäuscht im Theater Bonn fest. Die taz spricht mit Regisseurin Ildikó Enyedi über ihre Kommunikationsversuche mit einem Baum, Protagonist ihres neuen Films. Joan Miró konnte zwar kein Englisch, war aber trotzdem ein großer Transatlantiker, lernt die FAZ in Barcelona.
10.01.2026. Zwei Monate nach seiner Freilassung hat Boualem Sansal Berlin besucht. Auf Zeit Online warnt er westliche Demokratien eindringlich vor der Gefahr durch den Islamismus. Der FAZ verrät er, dass er nach Algerien zurückkehren will, um ein neues Urteil zu fordern. Ebenfalls in der FAZ erklärt der Schriftsteller Martin Ahrends, weshalb viele Ostdeutsche ein "löchriges Geschichtsbewusstsein" haben. Die FAS blickt in Berlin in die schaurigen Smartphone-Fratzen des rumänischen Malers Adrian Ghenie. Das russische Propagandakino ist so geschmacklos, dass es inzwischen sogar beim russischen Publikum durchfällt, bemerkt die NZZ.
09.01.2026. In der SZ hält der iranische Regisseur Jafar Panahi fest: Es geht nicht mehr um Reformen im Iran, sondern um eine richtige Veränderung ohne das Regime. In der Welt erklärt die russische Friedensnobelpreisträgerin Irina Scherbakowa, weshalb "Marschroute eines Lebens" von Jewgenia Ginsburg sie besonders geprägt hat. Monopol schaut sich in der zeitgenössichen Kunstszene Japans um. Im Tagesspiegel erläutert der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich, was "Red-Ship-Art" ist.
08.01.2026. Perlentaucher und FAZ verneigen sich vor Jafar Panahi, der in "Ein einfacher Unfall" das islamische Regime im Iran unverhohlen attackiert. Die Welt staunt derweil, wie klar sich Künstler auf der Kochi-Muziris Biennale in Indien gegen das Kastensystem stellen. Die FAZ lernt in gleich vier Ausstellungen im Humboldt Forum, dass Familie auch die Verwandtschaft mit Brunnen und Bäumen bedeuten kann. In der SZ erklärt die Japanologin Katharina Hülsmann, warum vor allem Mädchen und Frauen in Japan schwule Mangas lesen.
07.01.2026. Béla Tarr ist tot. Die FR trauert um einen Meister des Slow Cinema, dessen Filme an Liturgien erinnerten. Die FAZ bewundert Tarrs maximale Erstreckung der Vorstellungskraft. Außerdem begegnet sie in einer Ausstellung im Engadin der aufregenden Avantgardistin Edita Schubert. Die Welt lauscht in Neapel einer lyrisch mäandernden Morricone-Oper. Die taz stellt den Berliner Rapper Baran Kok vor, der sich der Homophobie im Deutschrap widersetzt.
06.01.2026. Die taz freut sich im MK Hamburg in der Ausstellung "Früher hießen wir Gastarbeiter" über die selbstbewussten Selbstporträts der griechischen Künsterlin Asimina Paradissa. Das Museum für bildende Künste in Leipzig zeigt in einer Installation der israelischen Künstlerin Shlomit Lehavi die Biografien wichtiger jüdischer Mäzene - endlich, seufzt die FAZ. Der Filmdienst blickt voraus auf das Kinojahr 2026. Die NZZ entdeckt mit Aufnahmen der Werke Frank Martins einen "der am meisten unterschätzten Komponisten" wieder.
05.01.2026. Im Interview mit Regisseurin Alison Kuhn lernt die taz die wütenden Frauen kennen, die in ihrem Debütfilm "Holy Meat" schon mal ein Schwein köpfen, um Machtstrukturen zu durchbrechen. Die FAS ärgert sich über die Versuche der italienischen Neuen Rechten, Pasolini als Ikone den Linken wegzunehmen. Dem Klassikbetrieb kreidet Backstage Classical eine zunehmend unreflektierte Eventkultur an. Wie Kunst das Exil solidarisch aufgreift, zeigt der FAZ eine Ausstellung von Nairy Bagharamian in Brüssel. Die Oper hat in Südkorea eine rosige Zukunft vor sich, freut sich ebenfalls die FAZ.
03.01.2026. Dass gerade kapitalismuskritische Kunst von Kapitalisten geliebt wird, ist ein Dilemma für die Künstler, erkennt die FAS. Die SZ geht vor der Cellistin Raphaela Gromes in die Knie. Der Standard besucht ein besonders schönes Exemplar der Wiener Moderne: die Villa Rezek. In der FAZ fragt sich der Literaturwissenschaftler Markus Steinmayr, warum Tolkiens "Herr der Ringe" plötzlich von den Rechten geliebt wird.
02.01.2026. Jafar Panahi darf offiziell im Iran zwar wieder Filme drehen, aber behindert werden die Dreharbeiten durch das Regime dennoch, erzählt er der FAS. Die Welt befürchtet, dass durch den "Bauturbo" Fehler des Wiederaufbaus wiederholt werden. Wenn es ein kompletter KI-Act an die Spitze der R&B-Charts schafft, ist die Musikererwartung inzwischen offenbar recht simpel, stellt die taz fest. Die FAZ lässt sich in Bonn von dem Künstler Gregory Crewdson den ganzen Horror des American Way of Living vor Augen führen. Außerdem vermisst sie die göttlichen und virilen Diven in der Oper. Und der Perlentaucher wünscht all seinen Lesern ein frohes neues Jahr!