Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

März, 2016

Im Wald der Referenzen

31.03.2016. Die SZ feiert den Mut zum Risiko des Volkstheaters Wien. Die taz feiert die Lust am Wilden in Patrick Siegfried Zimmers Kunstfilm "Anhedonia - Narzissmus als Narkose". Regisseur Christoph Hochhäusler feiert in Ray die Dämonen des Kollegen Christian Petzold. Der Autor Jeff VanderMeer feiert in Entertainment Weekly die die globale Bandbreite literarischer Science Fiction. Die NZZ feiert den Farbenrausch des Designers Alexander Girard. Und die Welt feiert das visionäre imaginäre Museum im Frankfurter MMK.

Substantiv-Reihen mit Bindestrichen

30.03.2016. Pornografie und Holocaust, alles ist drin in Maxim Billers neuem Roman "Biografie, doch SZ und Berliner Zeitung können sich gar nicht richtig darüber aufregen. Nachtkritik verteidigt das Zürcher Neumarkt Theater gegen politischen Wegschaffungswillen. In Télérama spricht André Techiné über die Magie der Jugend und des Kinos. Die NZZ stellt Japans spektakuläre Hochzeitskapellen vor. Und Dezeen wirft einen Blick in die Magazine des Naturhistorischen Museums in Wien.

Schnurstracks versöhnt

29.03.2016. Die Welt erlebt in Stuttgart noch einmal den seismischen Moment, als Giorgio de Chirico die Realität aus den Angeln hob. Die NZZ lässt sich vom polnischen Dichter Tadeusz Dabrowski an das Luminose und Läppische des Daseins erinnern. Der Standard geht mit Ciro Guerra auf philosophische Abenteuerreise in den Dschungel Amazoniens. SZ und FAZ jagen in Hamburg einen Theaterstrauchdieb.

Die schmelzenden Vorhalte

26.03.2016. Die NZZ feiert Moga, das japanische modern girl. Die Welt bestaunt in Berlin das deutsche modern girl. Die FAZ lässt sich von Beethoven und Christian Thielemann Heil und Trost spenden. Die SZ hört den Blues enttäuschter Hoffnungen. Die Welt besucht Mario Vargas Llosa.

Äußerliche Reize

24.03.2016. Quo vadis, Superheldenspektakel, fragen sich die Filmkritiker in Zack Snyders "Batman v Superman". Und warum darf Superwoman nicht richtig mitspielen? Die SZ denkt über Architektur als natürlichen Verbündeten des Terrors nach. In der NZZ wartet Dario Fo auf eine Überraschung. Der Freitag ermisst mit dem Komponisten Henryk Górecki den Katastrophenhorizont des 20. Jahrhunderts. Die Zeit lässt sich von Georges de la Tour betrügen.

Kunstlosigkeit als Kunstgriff

23.03.2016. Das NYRB-Blog stellt das syrische Filmkollektiv Abounaddara vor. Die Presse sieht in der neuen Bekenntnisliteratur à la Knausgard einen Rückfall hinter moderne Erzähltheorien. Die SZ erkundet Werner Klemkes minimalistisches DDR-Design. Die FAZ bangt um Wladimir Schochows Moskauer Radioturm. Und die taz fragt, wann es AC/DC in Spex und Emma schaffen werden.

Eine dunkle Liebe zum Instinkthaften

22.03.2016. Die Presse feiert Michel Tabachniks in Lyon uraufgeführte Oper "Benjamin, dernière nuit". Auf blankes Entsetzen stößt dagegen die Berliner Aufführung von Heinrich Marschners Grusical "Der Vampyr". Die SZ blickt bewundernd in das Innere der Miriam Cahn. Der Guardian möchte die Muse in die viktorianische Mottenkiste verbannen. Und die NZZ lernt von Elena Cizova, dass die große Frage in Russland nicht mehr lautet "Was tun?", sondern "Wurde er umgebracht oder hat er jemanden umgebracht?"

Ein Mädchen betrat die Terrasse

21.03.2016. Die Osterfestspiele haben begonnen: Totales Gluck-Glück erleben die Feuilletons in Berlin, Simon Rattle stößt mit "Tristan und Isolde" in Baden-Baden auf ein geteiltes Echo, in Salzburg fällt "Otello" komplett durch. Im Standard muss der Fürst von Liechtenstein um seine Cranach-Venus bangen. Zeit Online und FAZ bilanzieren die Buchmesse im Zeichen der Flüchtlingskrise. Charlotte Otter hat im neuen feministischen Krimi-Blog Herland die Nase voll von verstümmelten Frauenleichen.

Ohne abgespreizte Finger oder gespreiztes Gerede

19.03.2016. Bei der Berliner MaerzMusik entlarvt die FAZ "Performation" als neuen Ausdruck für Hochstapelei. Mit äußerster Skepsis begegnet sie auch der Spiegel-These, Gottfried Benn habe von seiner Ehefrau Sterbehilfe in Anspruch genommen. Die Welt singt dem Reggae-Pionier Lee "Scratch" Perry ein Ständchen zum Achtzigsten. Die NZZ bestaunt in Paris Isabelle Huppert als Phädras. Und die SZ folgt beklommen dem körperlichen Verfall von Peter Kurth im Boxerdrama "Herbert".

Verletzung der Authentizität

18.03.2016. Der Preis der Leipziger Buchmesse geht an Guntram Vesper für seinen Roman "Frohburg". Gute Wahl, meinen die Literaturkritiker. Wovon Wolfram Schütte im Perlentaucher träumte, das ist jetzt mit Tell entstanden: ein neues Literaturmagazin im Netz. Die SZ staunt über einen eine Stunde lang sterbenden Soldaten auf der Bühne. Zeit online und die Welt verlieren ihre Herzen an die Kölner Rocker AnnenMayKantereit. Die NZZ bewundert indischen Minimalismus in New York. Die FAZ entdeckt die feministische Kunst Renate Bertlmanns in Wien.

Sehr schlank, sehr jung und sehr reich

17.03.2016. Zeit Online erkundet das Selbstbildnis in Zeiten des Selfies. Der Freitag fräst sich durch ein literarische Gebirgsmassiv. In der taz erinnert Heinz Strunk an das grässliche Leben, das die Frauen in der Generation seiner Großmütter führten. Als besten Film, den die Dardenne-Brüder nicht gemacht haben, feiert die taz Stéphane Brizés Sozialdrama "Der Wert des Menschen". Das NYRB-Blog huldigt dem freundlich-hellen Horror Apichatpong Weerasethakuls. Die NZZ lernt von hundert Jahren Vogue die Gesetze von Inklusion und Exklusion. Und in der Welt erinnert sich Iggy Pop an Berlin.

Übergang ins Transhumane

16.03.2016. Zu Beginn der Leipziger Buchmesse staunt der Tagesspiegel über die Gleichzeitigkeit von Tempo und Behäbigkeit in der deutschen Literatur. Die argentinische Autorin Leila Guerriero erklärt, wie Crónicas die Essenz der Realität einfangen. Die Presse zerpflückt noch einmal die millionenschweren Verschwendungen am Wiener Burgtheater. Die FAZ erlebt in Oslo, wie Rolf Wallins Oper "Elysium" Abschied vom Menschen nimmt. Die taz porträtiert die Künstlerin Chiharu Shiota.

Die raue Seite der Melancholie

15.03.2016. Open Democracy stellt den sibirischen Fotografen Valery Klamm vor, der das Leben selbst in den russischen Provinzen festhält - ganz ohne pittoreskes Elend. Elektronische Musik von 1937 bis 2001 kann man jetzt bei Ubuweb hören. Mit dabei: Eine Komposition Olivier Messiaens für einen Vorläufer des Synthesizers. Alexander Kluge schlägt im Interview mit der Berliner Zeitung einen kühnen Bogen von der Backe eines Dinos zur hohen Wange einer Volkskommissarin. Zu viel Monolog seufzt die FR in Armin Petras' neuem Stück "I'm Searching for I:N:R:I".

Flut von Flausen

14.03.2016. Die Welt lauscht betört den wohlig strömenden Ostinato-Bässen albanischer Sänger. Die NZZ erkundet Freiheitssphären auf den Kinderspielplätzen von früher. Yael Ronens Singer-Inszenierung "Feinde" im angesagten Gorki-Theater lässt die Kritiker stutzen: Ist das noch Einfühlungstheater oder schon Boulevard? Die FAZ erkennt: Details kehren in der Mode niemals zurück. Die SZ folgt den Spuren des Lebens in Mirós Wandbildern.

Du verstehst, dass du nicht verstehst

12.03.2016. Ann Cotten erklärt in der Literarischen Welt, warum narrative Dichtung wie Skifahren ist. Im Berliner Gropius-Bau entdeckt der Tagesspiegel die Jugendstil-Wurzeln des Wiener Aktionisten Günter Brus. Mendy Cahan erklärt in der NZZ, welche Rolle das Jiddische in László Nemes' Holocaust-Film "Son of Saul" spielt. Die SZ vermisst den Mut zu Fehlern im Virtuosentum junger Pianisten. Und alle trauern um den großen Filmarchitekten Ken Adam.

In zu grellen Farben

11.03.2016. Cargo gibt sich in Paris den Energieströmen von Daidō Moriyamas Tokio-Schnappschüssen hin. Die Welt staunt über die Strategie kunstvoller Selbstunterbietung in den Werken Jean Dubuffets. Der Tagesspiegel stellt die Fukushima-Fotos von Masamichi Kagaya vor. Words without Borders übersetzt zehn marokkanische Autoren. Die taz hört unerhört Musiknerdiges auf einem Allgäuer Bauernhof.

Etwas bewegt sich hinten im Dunklen

10.03.2016. Sänger Frank Spilker fragt sich anlässlich einer Ausstellung des Punkkünstlers Raymond Pettibon warum nie was einfach Comic sein darf. In der Zeit erklärt Benjamin von Stuckrad-Barre: Drogen sind für Vollspießer. Die Welt feiert den Witz und fröhlichen Hedonismus in deutschen Komödien der Weimarer Republik. Die FAZ sieht schwarz in Michael Thalheimers flandrischem "Otello".

Der sogenannte Lyrik-Code

09.03.2016. Die FAZ erkundet neue Formen von Gegenwartspoesie im Netz. In der FR fragt der ugandische Künstler George Kyeyune , welche Kunst die deutschen Museen eigentlich warum gesammelt haben. Die NZZ bewundert antike Mode. Zeit Online will aus dem Theater keine Reparaturwerkstatt der Gesellschaft machen. László Nemes' Auschwitz-Drama "Son of Saul" kommt trotz seines Oscars bei den Kritikern überhaupt nicht gut an. Der Guardian stellt die Pionierinnen der Filmindustrie vor. Außerdem meldet er den Tod Beatles-Produzenten George Martin.

Moratorien des Unerwartbaren

08.03.2016. Wie viel Musik Menschen noch bedeuten kann, lernt die Welt in Ayat Najafis Film über Musikerinnen im Iran. Geradezu überwältigt kommt aber auch die FAZ aus Zubin Mehtas Münchner "Maskenball", und der Standard gibt sich dem elegischen Fließen in Péter Eötvös' "Drei Schwestern" an der Wiener Staatsoper hin. Die NZZ bewundert Aldo Rossi als den Umberto Eco der Architektur. Und die SZ erschauert im Rückblick vor der auftrumpfenden Arroganz des Wiener Aktionismus.

Das Ereignis bin ich

07.03.2016. Die Feuilletons trauern um den Dirigenten Nikolaus Harnoncourt, der dem Barock die karajaneske Klangmasse austrieb, und zwar mit der Unbedingtheit eines Propheten. Im Tagesspiegel warnt der Dramaturg Peter Stoltzenberg: Antworten vergiften das Theater. Die taz attestiert der Kunst des Boris Lurie unverminderten Schockwert. Und die SZ lernt im Herforder Marta den Widerstand gegen designkonforme Lebensführung.

Lektion in Freigeistigkeit

05.03.2016. Der Standard lernt von der Künstlerin Nilbar Güres, wie sich ein Kaktus emanzipiert. Die köstlichen Schauer des Erhabenen durchdringen die NZZ in Metz. In der FAZ springt Eva Menasse in das eiskalte Wasser ihres eigenen Ichs. Die SZ besichtigt einen Literaturbetrieb, dem auf einmal Gedichte als Leistungsträger dienen sollen. Volker Koepps Film "Landstück" versöhnt den Freitag mit der Idee von der Austauschbarkeit des Menschen. Und Dezeen bewundert die neue Technologie der Mode.

Aufrecht, leise, immer gefährdet

04.03.2016. She She Pop suchen in München nach einer neuen Sprache für Sexualität, finden laut nachkritik aber nur Bilder. Open culture blättert begeistert durch Paul Klees Notizbücher, die das Klee-Zentrum online gestellt hat. Dezeen begutachtet den neuesten Versuch, die Lücke zu schließen, die der Abriss der Pariser Markthallen in den Siebzigern hinterlassen hat. Die SZ freut sich: Bob Dylan wird endlich kanonisiert.

Sogenannte Bildungsbürger

03.03.2016. Der Freitag amüsiert sich mit dem Hokuspukus von Via Lewandowsky. Die Filmkritiker denken anlässlich von Sokurows Filmessay "Francophonia" über den Louvre unter deutscher Besatzung und über Kunst und Krieg nach. Der Autor Gregor Hens erzählt in der NZZ, was er beim Deutschunterricht für Flüchtlinge lernte. Der Tagesspiegel beklagt die Missachtung der Sperrfrist bei Buchkritiken. Die taz  porträtiert den Komponisten David Behrman.

Um die Ecke nach rechts

02.03.2016. Die Welt beklagt nach dem Kölner Eklat um ein Steve-Reich-Konzert die Verlotterung der Sitten im Konzertsaal. Die NZZ macht dort überhaupt ein reaktionäres Klima aus. Die FAZ lauscht lieber Len Lyes leisen Stahlgesängen in Neuseeland. Der Freitag wirft dem Theaterbetrieb vor, aus Fatalismus und Kalkül Scharen arbeitsloser Schauspieler zu produzieren. Die taz besichtigt in Hamburg die Ruinen der Hippie-Ära.

Sehnsucht nach Unterordnung

01.03.2016. In der SZ vermisst Aleksandar Hemon die Schlagkraft der Literatur, Willibald Sauerländer feiert Piero della Francesca als den Konstrukteur der Schönheit. Nuran David Calis' Kölner Stück "Glaubenskämpfer findet ein geteiltes Echo: Packendes Diskurstheater, meint die Welt, die FAZ vermisst die Nähe zur Kunst. Die Berliner Zeitung ahnt Schlimmstes für das in Berlin geplante Museum der Moderne: Einfügung, Vorsicht und Pragmatismus.