Was für ein "hinterhältiger Anschlag auf die Demokratisierung von Licht, Luft und Freiraum", ärgert sich Gerhard Patzig in der SZ über den Vorstoß des Wohnungsunternehmens Vonovia, beim Bau von innerstädtischen Wohnungen künftig auf Balkone zu verzichten. Denn der Balkon ist kein Luxusgut, wie ein Blick in die jüngere Architekturgeschichte zeigt: "Der heute übliche Wohnbalkon ist ... ein Kind der Moderne und der Nachkriegsmoderne: Vor allem im Umfeld vom Bauhaus wurde dem Balkon eine elementare Funktion zuerkannt: als Schnittpunkt von Licht, Luftund Sonne für die breite Bevölkerung. ... Der Architektur-Rebell Friedensreich Hundertwasser meinte: 'Ein Überleben ohne Balkon, ohne ein Stück eigenen Himmel, ist eine Art seelische Haft.' In Zeiten der frühen Wohnkasernen als Antwort auf die Industrialisierung der Städte, da dunkle, schmutzige und überbelegte Wohnräume die Norm waren und Heinrich Zille meinte, man könne mit einer Wohnung ebenso gut einen Menschen erschlagen wie 'mit einer Axt', wurde das frühere Luxusgut, der Balkon, zum Existenzminimum der Gegenwart umcodiert."
Bettina Maria Brosowsky berichtet in der taz von den bürokratischen Hürden, die die Architekturstudierenden der TU Braunschweig nehmen mussten, um den temporären Architekturpavillon in Braunschweigs Innenstadt auf die Beine zu stellen, der nun für ein paar Wochen Chorsingen, Musik- und Tanzperformances beherbergen wird. Im Tagesspiegel berichtet Christian Hönicke, dass auf dem Gelände des Alten Schlachthofs in Berlin Prenzlauer Berg ein neues Wohnquartier mit etwa 300 Wohnungen entstehen soll.
In der SZ freut sich Gerhard Matzig, dass es zumindest Pläne gibt, das in die Jahre gekommene Arabellahaus in München nicht abzureißen, sondern vom Architekten Andreas Hild umbauen zu lassen (mehr hier). Ein große Chance, so Matzig: "Man sollte sie ergreifen - und dann hoffen (oder gerne sich garantieren lassen), dass der Investor nicht aus Kostengründen alles wieder kassiert, was das Projekt so überzeugend macht: ein öffentlich begehbarer Alpenblick, eine Centre-Pompidou-Rolltreppe, kulturelle Nutzungen, ein Hybrid aus Wohnen und kleinteiligem Gewerbe, dazu wie gehabt Praxen und Hotelnutzungen, eine Öffnung samt Terrasse, endlich eine organisch anmutende Anbindung an den Stadtraum, ein Begrünen von Parkplätzen. Wenn das alles gelingt, dann ist München um eine Sehenswürdigkeit reicher, die beweist, dass sich Baukultur, Ästhetik, Ökologie und Immobilienwirtschaft nicht ausschließen."
Das Wittwer-Haus, ein von Hans Kammerer, Walter Belz und Max Bächer entworfener brutalistischer Bau aus den 1960er Jahren, der einst den Konrad-Wittwer-Verlag und aktuell eine Thalia-Buchhandlung beherbergt, ist ein Wahrzeichen in Stuttgart, weiß Falk Jäger in der FAZ. Entsprechend groß ist das Entsetzen der Stuttgarter, dass der Bau abgerissen werden soll. Das Landesdenkmalamt erachtet den Bau wegen der "Menge und Stärke der Überformungen" nicht für schützenswert, denn: "Es habe im Inneren starke Veränderungen erfahren, und der Sichtbeton habe einen Anstrich bekommen. Stichhaltig ist das nicht, denn Ersteres betrifft den Großteil aller Baudenkmale, und Anstriche hatten noch nie Einfluss auf die Denkmaleigenschaft. Sie sind kurzlebig und können entfernt werden, auch auf Sichtbeton. Würden diese Kriterien konsequent angewandt, könnte man kein einziges Geschäftshaus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter Schutz stellen; ein wichtiger Typus einer ganzen Epoche würde aus den Denkmallisten verschwinden."
Entwurf von Sauerbruch Hutton Architekten für das Ausweichquartier des Bundespräsidenten in Berlin-Mitte, das später als Bürogebäude für Bundesbehörden genutzt werden soll. Quelle: Sauerbruch Hutton Architekten (Entwurf), Filippo Bolognese Images (Rendering) Derzeit wird das Bundeskanzleramt, eh schon der größte Regierungssitz der westlichen Welt, erweitert, Schloss Bellevue muss renoviert werden und der Bundespräsident braucht derweil ein neues Ausweichquartier, das neu gebaut wurde. Kostet alles in allem etwa eine Milliarde Euro. Muss das alles sein? Niklas Maak ist in der FAZ skeptisch. Vor allem das vom Architektenduo Sauerbruch Hutton entworfene riesige Interimsgebäude für den Bundespräsidenten beeindruckt ihn nicht die Bohne: "Es sieht mit seinen Schießschartenfenstern aus wie einer der vielen trostlosen Bürobauten von Berlin, den man im letzten Moment hektisch mit Buntstiften angemalt hat, damit die Passanten beim Anblick der Fassaden nicht in ein Depressionskoma fallen. ... Ein bisschen erinnert der Bau an den Volkswagen Polo Harlekin, an dem Türen, Kotflügel und Motorhaube jeweils in einer schrillen anderen Farbe gehalten waren, wie bei einem blechgewordenen Clown; beide, das Auto und das neue Präsidialamt, sind sehr deutsche Produkte in ihrer Mischung aus ultratrostlosem Funktionalismus und dem verzweifelten Bemühen, nicht grau und freudlos zu wirken."
In China wurden in den letzten Jahrzehnten ältere Bauten massenhaft umstandslos abgerissen. Das hat sich erst 2020 geändert, als die Immobilienblase platzte, erklärt die chinesische Architektin Xu Tiantian im Interview mit der NZZ. "Die großangelegten Bauprojekte haben auch kulturelle Zusammenhänge zerstört. Wir haben unsere Geschichte ausgelöscht. Das ist sehr traurig. Die Bedeutung dieser Zerstörung wird erst jetzt deutlich. Noch vor zehn Jahren hat das niemand ernst genommen."
In der FRnimmt Sylvia Staude die Mixed-Martial-Arts-Arena, die sich Trump zum Achtzigsten vor dem Weißen Haus errichten ließ, zum Anlass, nochmal alle architektonischen Geschmacklosigkeiten des Präsidenten Revue passieren zu lassen.
Für die Zeit besichtigt heute Hanno Rauterberg den Interimsbau, den das Berliner ArchitekturbüroSauerbruch Hutton dem Bundespräsidenten für rund 200 Millionen Euro errichtet hat. Rauterberg ist hingerissen von dem "subtilen Spiel, das sich um bislang geltende Regeln der politischen Farbenlehre nicht weiter schert. Hier darf sich alles mit allem kreuzen, ein strahlendes Blau mit senfigem Gelb oder pointiertem Rot, auch Braun- und Beigetöne sind dabei und Grün natürlich, Grün darf nicht fehlen. Das Raffinierte daran: Die Fassade ist gestreift, und das gleich doppelt. In der Vertikalen sind es gewellte Keramikplatten, die in unabsehbaren Rhythmen ihre Farbe variieren. ... Vermieden wird so jeder Anschein, bundespräsidiale Machtausübung könne dröge und dröhnend sein oder müsse sich auf Erbaulichkeiten beschränken. Die Architektur, eine Lockerungsübung."
Ein wenig wundert sich Dankwart Guratzsch (Welt) schon über das Pathos des jüngsten Baukulturberichts der Bundesstiftung Baukultur, in dem Sätze fallen wie "Der Mensch ist mit allen Sinnen Empfänger von Gestaltung." Vor allem aber lehrt ihn der Bericht, dass die Spanne zwischen Gewünschtem und Bestehendem nicht größer sein könnte: "Für die Bürger stehen hier Sauberkeit und Pflegezustand mit 97 Prozent ganz obenan, gefolgt von 'Orten zum Verweilen' (94 Prozent), die im Zuge von funktionellen Straßenbaukonzepten einer nach dem anderen wegrationalisiert worden sind, und sicheren Orten (93), also solchen städtischen Zonen, in denen der Passant von Messerstechereien, Drogen- und Bandenkriminalität unbehelligt bleibt. Parks wie der 'Görli' in Berlin dürften damit kaum gemeint sein. Dass aber selbst der Schutz vor Wind und Wetter mit 89 Prozent und die Kategorien der Ästhetik und Schönheit mit 79 Prozent erst hinter diesen Kriterien rangieren, zeigt anschaulich, wie es um die Zustände in den Städten inzwischen bestellt ist."
Weitere Artikel: Für die Welt trifft sich Gesine Borcherdt mit Daniel Libeskind, dem das Jüdische Museum Berlin zu dessen Achtzigsten gerade eine Ausstellung widmet (unsere Resümees).
Peter Richter schaut sich für die SZ die Pläne für den Interimsbau an, in den der deutsche Bundespräsident samt Präsidialamt in nicht allzu ferner Zukunft umziehen muss, weil Schloss Bellevue saniert wird. Einige Grundübel der Berliner Gegenwartsarchitektur kann man auch hier besichtigen, so etwa die "Schießscharten" genannten schmalen, hohen Fensterfronten; geschuldet sind sie, lesen wir, vor allem Verwaltungsvorschriften. Außerdem leidet der Bau schon jetzt an seiner doppelten Funktionsbestimmung: Erst soll der Präsident mit all seinen Repräsentationsbedürfnissen hier hausen, später dann eine schnöde, noch unbekannte Bundesinstitution: "Also unten Behörde, oben Buckingham Palace? Ein bisschen so haben sie es tatsächlich angelegt. Die Beletage ist hier das oberste Stockwerk. Die alte Logik des Schlossbaus mit seinen zeremoniellen Prachttreppen weicht der von Chefetage und Penthouse. Wer aufmerksam schaut, sieht auch von außen die Schießscharten nach oben höher werden."
Weitere Artikel: Zeitler Tobias Timm schaut sich derweil im noch aktuellen Amtssitz um: Im Schloss Bellevue wird als Zwischennutzung ab dem 13. Juni zwei Wochen lang Kunst ausgestellt, von Tillmans bis Bonvicini. Auch Dirk Schümer erinnert in der Welt an den vor 100 Jahren verstorbenen Antoni Gaudí und besucht eine Messe in der Sagrada Família. In der SZ macht sich Moritz Baumstieger Gedanken zu Francis Fukuyamas Gedanken über Stuttgart 21.
Patrick Illinger schildert in der SZ, welche negativen Seiten die Sanierung von Antoni Gaudís Sagrada Família für die Anwohner vor Ort hat: "Der Kirche fehlt nicht nur ihre letzte, prunkvollste Fassade. Sie soll auch einen angemessenen, pompösen Zugang bekommen, eine Prachtallee vor der Glorienfassade samt einem monumentalen Treppenaufgang. Das Problem ist nur: Dort, wo das entstehen soll, stehen dicht bebaute Wohnblöcke." Seit "50 Jahren leben nun Hunderte Barceloneser Familien mit einer schwer erträglichen Ungewissheit: Sie wohnen in Häusern, die laut Stadtplanung nicht mehr stehen dürften. Noch vor zwei Jahren sah es so aus, als könnten Tausende Menschen ihr Zuhause verlieren, um dem Kirchenvorbau Platz zu verschaffen."
In der tazzeichnet Klaus Englert die wichtigsten Stationen im Leben Antoni Gaudís nach, der heute vor 100 Jahren gestorben ist. In der SZ verkündet Gerhard Matzig, dass Gaudis Sagrada Família in Barcelona in "absehbarer Zeit", also etwa Mitte der 2030er-Jahre, fertiggestellt werden könnte.
Vor hundert Jahren ist Antoni Gaudí gestorben, der Historiker Lasse B. Lassen wirft für die FAZ einen Blick auf das Werk des Architekten, das gerade in der Sagrada Família Kunst und katalanische Unabhängigkeitsbestrebungen vereint: "als Projektleiter des Bauwerkes war zunächst der Diözesanarchitekt Francisco de Paula Villar vorgesehen. (…) Während die Krypta noch nach den ursprünglichen neogotischen Entwürfen Villars fertiggestellt wurde, ließ Gaudí sich bei der weiteren Planung der Kirche von der katalanischen Natur inspirieren. Nach Eingang einer großen anonymen Spende an Bocabellas Associació de Devots entwickelte Gaudí um 1894 das Konzept einer fünfschiffigen Kirche mit 18 Türmen - zwei für Jesus und die Gottesmutter Maria, vier für die Evangelisten, zwölf für die Apostel. Inspiration für die spitz zulaufenden, kegelförmigen Türme waren die Felsspitzen des Montserrat-Gebirges, während die Gewölbe an der Fassade den Tropfsteinhöhlen der Pyrenäen nachempfunden waren. Die Säulen im Inneren der Kirche wiederum sollten Baumstämme darstellen - Gaudí imaginierte einen Steinwald im Inneren der Kirche."
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