Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Architektur

1680 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 168

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.03.2026 - Architektur

Nun ist der Pritzkerpreis (unsere Resümees) trotz der Epstein-Verwicklung um Tom Pritzker doch verliehen worden, wenn auch verspätet. Er geht an den chilenischen Architekten Smiljan Radić Clarke. Wieder ein Mann, seufzt in der Welt Marcus Woeller, auf den der Preisträger zudem wie ein "Lückenbüßer" wirkt. "Außerhalb Chiles hat er nur wenig gebaut. Darunter ist eine Bushaltestelle in dem für seine meist gut gestalteten Funktionsgebäude bekannten österreichischen Bundesland Vorarlberg. Fotogen war sein Projekt für die Londoner Serpentine Gallery, ein schräg aufgebockter runder Pavillon von der Anmutung eines reifen Weichkäses."

"Ohne Epstein wäre Radić eine passable Wahl", kommentiert Gerhard Matzig in der SZ. Aber wie konnte der Chilene den Preis überhaupt annehmen? "Entweder er weiß nicht, wer Jeffrey Epstein ist. Oder er weiß nicht, wer Tom Pritzker ist. Oder er kennt beide nicht. Oder all das ist ihm egal, weil es zwar etwas mit Vergewaltigung, Ehrlosigkeit, Verbrechen und Verderbtheit, aber eben nichts mit Backsteinen, Lehm oder wenigstens hübschen Formen zu tun hat."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.03.2026 - Architektur

In drei Monaten jährt sich Antoni Gaudis Todestag zum hundertsten Mal - in der NZZ widmet Hubertus Adam dem spanischen Architekten, dessen megalomane Projekte erst in den 1960er Jahren gewürdigt wurden, ein Porträt. Ute Müller trifft in einem weiteren Artikel den katalanischen Architekten Jordi Fauli i Oller, der seit 2012 an der Vollendung der Sagrada Familia arbeitet. Ende Februar wurde mit dem Christus-Turm nun der vierzehnte von achtzehn geplanten Türmen beendet und Fauli glaubt, "Gaudí wäre glücklich, wenn er sehen könnte, wie weit wir schon gekommen sind - einen so hohen Turm hat die Menschheit noch nicht gesehen', so Faulí. In der Tat ist der Koloss, der auf vier mächtigen Säulen ruht, der höchste Kirchturm der Welt. Mit der begehbaren Turmspitze, einem Stahlkreuz mit Glasfenstern, erreicht der Christus-Turm eine Höhe von 172,5 Metern und übertrifft damit den Turm des Ulmer Münsters um mehr als 10 Meter. Die Turmspitze besteht aus vier Querarmen, die der typischen Doppeldreh-Geometrie Gaudís folgen, jeder dieser Arme wiegt 12,8 Tonnen."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.03.2026 - Architektur

Frühestens 2031 ist mit einer Neueröffnung der Dauerausstellung im Zeughaus des Deutschen Historischen Museums Berlin zu rechnen, teilte am Mittwoch dessen Präsident Raphael Gross mit - und nicht mal das ist sicher, seufzt Nikolaus Bernau im Tagesspiegel. Und natürlich fehlt, wie könnte es anders sein in Berlin, ein Ausweichquartier. Gross würde gern in die Räume ziehen, die das Stadtmuseum im Humboldt Forum derzeit noch für die Ausstellung "Berlin Global" nutzt, aber "zuständig für diese Räume ist das Land Berlin. Und das plant nach dem Ende von 'Berlin Global' für etwa 20 Millionen Euro eine Ausstellung über 'Freiheit'. Deren Sinn ist allerdings, vorsichtig gesagt, denkbar vage. Gross hofft also, dass der Senat die Räume bis zum Ende der Sanierung des Zeughauses - wann immer das ist - an das DHM für dessen Dauerausstellung vergibt."

Noch schlechter sieht es bei der Suche nach einem Ersatzquartier für die Berliner Staatsbibliothek aus, die ab 2030 für elf Jahre geschlossen wird, stöhnt Robert Ide ebenfalls im Tagesspiegel: "Die Berliner Landesbibliotheken können kaum Ersatz bieten, sind sie doch selbst sanierungsüberfällig. Die Amerika-Gedenkbibliothek in Kreuzberg ist schon lange zu klein, die Stadtbibliothek in Mitte modert schon viel zu lange vor sich hin, bevor sie hoffentlich bald ins Kaufhof-Gebäude am Alexanderplatz umziehen kann. Die Hauptstadt hat ihr Gedächtnis verkommen lassen, nun ist es verkalkt."

Und wie sieht's am Berliner Alexanderplatz aus? Baustellen, leere Ladenlokale, Uringestank - und doch gibt es mit "The Berlinian", dem von der Signa-Gruppe begonnenen und dem Architekturbüro Kleihues + Kleihues entworfenen Hochhaus einen "eleganten" Lichtblick, atmet Boris Pofalla in der Welt auf: "Die die Decken tragenden Betonsäulen sind so weit nach hinten versetzt, dass die Ecken des Baus aus aneinanderstoßenden Glasscheiben bestehen und der Blick durch sie hindurchgeht." Auch weitere Hochhäuser sind in Planung, da fragt sich Pofalla dann doch: "Woher kommt dieser Aufbruchsgeist? Warum hat Berlin plötzlich den Mut, nach oben zu bauen, zu verdichten und wirklich urban zu sein? Von den verzagten Verhinderern der Gegenwart jedenfalls nicht - Hochhausbauten sind in Berlin heute politisch sehr umstritten. Die Idee aber stammt aus dem fernen Jahr 1993. Damals kämpfte Berlin mit den Folgen der Teilung und dem Verlust seines Sonderstatus als Außenposten der freien Welt. Aber die klamme Stadt machte auch große Pläne, erwartete einen enormen Wachstumsschub."

Weitere Artikel: Leonie C. Wagner fragt für die NZZ bei der Organisation des Pritzker-Preises, aber auch bei verschiedenen Architekurbüros nach, wie die Zukunft des Preises nach der Epstein-Affäre aussehen könnte (unsere Resümees) - und erhält keine Antworten.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.03.2026 - Architektur

Quelle: Deutsches Architekturmuseum Amsterdam

Wie sich Sport in den städtischen Raum integrieren lässt, lernt FAZ-Kritiker Jörg Hahn in der kleinen, feinen Ausstellung "Die Stadt ist der Sport" im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt, die ihn quer durch Europa führt: "'Anders denken', so könnte die verbindende Überschrift der zwölf in den vergangenen fünfzehn Jahren entwickelten Projekte aus den Niederlanden, Dänemark, Frankreich, Norwegen und Deutschland (Frankfurt und Berlin) lauten - Industriebrachen sind zu pulsierenden Flussuferparks geworden (Oslo und Rouen), auf Parkhäusern Orte für Bewegung und Begegnung entstanden (Kopenhagen), Problemviertel in lebenswerte Anziehungspunkte verwandelt worden (Kopenhagen). Ob mit Bällen, Bikes oder Boards, die Zahl der Sportarten, die sich dort ausüben lassen, ist beachtlich."

Weitere Artikel: Hanno Rauterberg (Zeit) bekundet sein Missfallen über das Projekt, das das Unternehmen Shift in Rotterdam plant: Fünf Architekturbüros sollen um den Zuschlag für ein social enterprise buhlen, das eine Art "Kleinstgebirge" darstellen soll. Die Stiftung Exilmuseum Berlin wird ihr an der Portalruine des ehemaligen Anhalterbahnhofs geplantes Museum nicht realisieren, nachdem die Kosten von geplanten 27 Millionen auf mindestens 130 Millionen Euro gestiegen sind, meldet Niklas Maak in der FAZ.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.03.2026 - Architektur

Claudius Seidl zieht in der SZ über den unwürdigen Umgang Berlins mit seinen, nur unter anderem, architektonischen Sehenswürdigkeiten. Das meiste, was er schreibt, meint man schon mehrfach gelesen zu haben, aber immerhin hat Seidls Version der Untergangserzählung einen gewissen Drive: "Nirgendwo in Europa gab es, mitten in der Stadt, größere Flächen zu bebauen, kaum irgendwo haben sie eine Chance so konsequent vertan. Der Potsdamer Platz, der doch der Größe und Modernität der wiedervereinigten Stadt eine architektonische Gestalt geben sollte, wirkt heute wie Downtown Manhattan im Kleinstadtformat: nicht hoch, nicht groß, aber sehr, sehr zugig. ... Östlich des Hauptbahnhofs, zwischen zwei ortsüblich öden Bürokästen, steht, kleiner und mit modernerer Glasfassade, das sogenannte Futurium, ein Museum der Konzepte und Visionen, zum Trost dafür, dass es von der Zukunft in Berlin sonst so gut wie nichts zu sehen gibt."
Stichwörter: Berlin, Bausünden

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.03.2026 - Architektur

Anupama Kundoo: Wall House, Auroville, 2000 © Foto: Javier Callejas

Das ökologische, ressourcenschonende Bauen der indischen Architektin Anupama Kundoo, das derzeit in der Ausstellung "Reichtum statt Kapital" im Wiener Architekturzentrum gezeigt wird, schätzt Dankwart Guratzsch (Welt) durchaus. Aber sind die Gestelle aus Holz und aus Lochblechen überhaupt Architektur, fragt er sich: "Die Häuser sind frei von dem, was für unsereinen erst Wohnlichkeit ausmacht, frei von Möbeln, Bücherschränken, Nippes. Sie sind Exoten. Sie lassen sich selbst als ein Stück Natur lesen, so wie sie auch aus Materialien der jeweiligen unmittelbaren Umgebung errichtet sind. (…) Sie geben sich als Ingenieurbauwerke erst auf den zweiten Blick zu erkennen. Sie meiden Gleichförmigkeit und gedankenlose Standardisierung, setzen auf Handarbeit und natürliche Materialien, die den Augen und dem Tastsinn schmeicheln. In ihren gelungensten Beispielen (wie dem immer wieder abgebildeten Wall House im indischen Auroville) überraschen sie mit hohen, weiten Räumen, die Reichtum entfalten, wo Einfachheit ist."
Stichwörter: Kundoo, Anupama

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.02.2026 - Architektur

Detail aus Walter Womackas Fries am "Haus des Lehrers", 1964. Foto: Andreas Steinhoff unter cc-Lizenz


Jens Malling begibt sich für "Bilder und Zeiten" (FAZ) auf die Suche nach Spuren des DDR-Künstler Walter Womacka, dessen riesige Wandmosaiken bei SED äußerst beliebt waren, der heute jedoch fast vergessen ist. Eine kleine Sammlung im Strandhotel "Seerose" gibt Malling einen Eindruck von Womackas Werk. Dort trifft er auch Gerd Schulz, den Vorsitzenden des Freundeskreises Walter Womacka, der sich um das Erbe kümmert. Er selbst war zwar nie ein so überzeugter und privilegierter SED-Anhänger wie Womacka, verteidigt diesen aber doch gegen den Vorwurf "Staatskünstler". "Schulz hält dagegen: 'In der Kunstgeschichte gibt es zahlreiche Beispiele für Werke, die im Auftrag der Herrschenden entstanden sind. Oder unter deren Einfluss. Viele Künstler hätten sonst gar nicht leben können. Für wen hat Rubens gemalt? Für wen Rembrandt?'" Mehr über Womacka hier und hier.

Weiteres: Wegen zu hoher Kosten will die Stiftung Exilmuseum Berlin erst mal auf den geplanten Neubau am Anhalter Bahnhof verzichten und das Museum in der Villa in Berlin Charlottenburg unterbringen, in der die Stiftung derzeit residiert, berichtet Cay Dobberke im Tagesspiegel. Besprochen wird eine Ausstellung mit den Zeichnungen des Jugendstil-Architekten Otto Wagner in der Tchoban Foundation in Berlin (FAZ).
Stichwörter: Womacka, Walter

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.02.2026 - Architektur

In der SZ kommentiert Gerhard Matzig die Causa Tom Pritzker (unsere Resümees): "Dieses schäbige Drama wird dem Sinn des Preises, der ohnehin schon längst in der Kritik steht als Inbegriff überkommener Strukturen und einer intransparenten Freundeszirkel-Kultur, nicht gerecht. Zu schweigen von der Frage, wer als Architektin oder Architekt in diesem Jahr den Preis noch entgegennehmen will - ohne die eigene Integrität zu gefährden."

Besprochen wird die Ausstellung "Gebaute Gemeinschaft. Göbeklitepe. Taş Tepeler und das Leben vor 12.000 Jahren" in der Berliner James-Simon-Galerie (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.02.2026 - Architektur

"Mit der Verstrickung von Tom Pritzker bekommt die jahrzehntelange Branchenkritik nun unfreiwillig ein Gesicht", schreibt Karin Hartmann in der FR. Der Pritzker-Erbe trat von allen Funktionen zurück, nachdem Verbindungen zu Jeffrey Epstein und Vergewaltigungsvorwürfe laut wurden (unser Resümee). Er wird also auch nicht den von seinem Vater gestifteten Pritzker-Preis verleihen. Das sollte ein Anlass sein, die ganze Branche neu zu denken, so Hartmann: "So wünscht man sich, dass die Affäre um den Pritzker-Preis für die Branche zum Anlass und zur Chance wird, seinen Wertekompass zu hinterfragen. Ein erheblicher Teil der Architekturwelt, kann mit dem Branchen-Machismo nicht länger etwas anfangen. Kein bedauerlicher Einzelfall: Die Affäre um den Pritzker trifft auf eine Branche, deren Sexismus, Rassismus und Klassismus nur schwergängig bearbeitet werden, mit der Argumentation, qua Architekturwettbewerb und Kompetitivität ringe man um die beste Lösung, unabhängig davon, wer sie entwirft. Marginalisierte Personen sind zurecht wütend über das Schneckentempo der Beseitigung struktureller Hürden, zumal der aktuelle Wandel der politischen Landschaft es wieder salonfähiger macht, fachliche Panels etwa ohne Frauen zu besetzen und auch für die vierte Professur in Folge 'einfach keine geeignetere Person zu finden' als einen weißen Mann."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.02.2026 - Architektur

Bildquelle: thomaskroeger.net

In diese Schule wäre man gern gegangen: Nach zehn Jahren ist die Stadtteilschule Kirchwerder in Hamburg, entworfen von dem Berliner Architekten Thomas Kröger, fertig geworden und in der FAZ ist Falk Jaeger ganz angetan von der Mischung aus "subtilem Regionalismus" und früher Moderne: "Zwei lang gestreckte Riegel stehen mit ihren Giebeln an einem gemeinsamen Vorplatz. Der etwas kürzere und breitere Nordriegel und der schlankere Südriegel stehen im spitzen Winkel zueinander und bilden den rückwärtigen Schulhof, der sich nach Osten zum weiten Marschland öffnet. Mit ihren dunklen, geschuppten Ziegelfassaden, die sich zu den Giebeln hin bugförmig krümmen und die Riegel wie eine schützende Haut umhüllen, entsprechen sie so gar nicht dem Bild, das zeitgenössische Schulneubauten gemeinhin bieten. Man denkt an Reetdachhäuser mit tief herabgezogenen Traufen und Walmgiebeln, wie man sie in der Küstenregion allenthalben antrifft."

Die Zukunft des Pritzker-Preises ist ungewiss, nachdem Thomas J. Pritzkers Nähe zu Epstein festgestellt wurde. Warum aber suchte Epstein auch den Kontakt zu Architekten, fragt sich Nikolaus Bernau im Tagesspiegel: "Weil sie ... bereits eine Legende sind wie der Städtebauer Richard Rogers. Weil Werke wie Zaha Hadids rasante Linien- oder Frank Gehrys herrliche Knitterarchitekturen für eine alle Statik überwindende 'geniale' Kreativität stehen. Weil sie wie Richard Meyers und Tojo Itos weiße Neo-Moderne jene karge Ästhetik zeigen, die als Folie bestens mit der neoliberalen Ideologie eines 'freien Markts' vereinbar ist. Weil sie wie die Arbeiten von Shigeru Ban, der mit Papierhäusern für Erdbebenopfern Furore machte, soziale Verantwortung signalisieren. Weil selbst scharfe Kritiker des internationalen Star-Architekten-Zirkus wie David Chipperfield genau dazu gehören."