Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
Juni 2025
30.06.2025. Die Kritiker jubeln über den Bachmann-Preis für Natascha Gangl: In ihrem Text geht es mit großer "Sprachspielhaftigkeit" um Nazi-Massaker in Österreich. Während die SZ einem leidenschaftlichen "Don Giovanni" bei den Münchner Opernfestspielen lauscht, reicht es für die FAZ höchstens für genervtes Gähnen. Monopol lässt sich von Jordan Wolfsons Installation in Basel verstören. Zeit Online lernt mit bisher unveröffentlichten Alben einen ganz neuen Bruce Springsteen kennen.
28.06.2025. Die Welt gibt sich in Rebecca Lenkiewicz' Sommerfilm "Hot Milk" flirrender Sommerhitze und dem "leisen Horror" einer toxischen Mutter-Tochter-Beziehung hin. Im FR-Interview erklärt der Schriftsteller Christoph Hein, warum die DDR sein literarischer "Steinbruch" ist. Spiegel Online ruft schon mal den "Lorde-Summer" als Nachfolger des "Brat Summers" aus. Die FAZ weiß in der Ausstellung "21 Kunstmuseen des Ruhrgebiets" gar nicht, welches berühmte Werk sie zuerst anschauen soll.
27.06.2025. Die Feuilletons resümieren den Auftakt des Bachmann-Wettlesens, bei dem Nava Ebrahimi den "Endzeitfaschismus" in der Welt beklagte. Viel mehr fiel ihr leider nicht ein, seufzt die SZ. Monopol bewundert in München Straßenfotografie aus Mali. Die FR erfährt in Sylvie Kürstens Dokufilm über die Künstlergruppe Clara Mosch, wie rebellisch DDR-Kunst sein konnte. Die taz lauscht auf einem Album von Ndagga Rhythm Force dem Westafrika der Zukunft.
26.06.2025. Die Feuilletons rasen in Joseph Kosinskis Motorsportfilm "F1" mit Brad Pitt über die Rennstrecke: Ein Film wie ein gutes Rennauto, freut sich der Perlentaucher. Monopol entdeckt auf der Momentum-Biennale im norwegischen Moss Kunst in Scheunen und auf Feldern. In der Zeit erzählt Barbara Kingsolver von ihrer Kindheit in Hilbilly-Land. Die FAZ beweint mit Miley Cyrus besonders leidenschaftlich die untergegangene "Abba-bis-Madonna-Welt".
25.06.2025. Gestern fand in Algier der Berufungsprozess für Boualem Sansal statt, berichtet Le Point: Gefordert werden nun zehn Jahre Haft, auch Sansals neuem Anwalt wurde das Visum verwehrt. Die SZ nimmt die Bayerischen Kunstsammlungen weiterhin unter die Lupe und stellt massive Sicherheitsmängel fest. Die Welt erliegt in Tübingen überschwänglichen Architekturvisionen seit 1900. Zeit Online spricht mit jungen Filmschaffenden über die miesen Rahmenbedingungen, unter denen in Deutschland Filme gedreht werden müssen. Und in Stratford soll Shakespeare "dekolonisiert" werden, weiß die NZZ.
24.06.2025. Die Welt schmilzt bei Ina Weisses Film "Zikaden" über prekäre Frauen-Existenzen in Ost und West dahin. Die FAZ rebelliert in einer Ausstellung in der Landesgalerie Niederösterreich mit Blumen gegen Unrechtsregime. Die NZZ wird bei Marcos Darbyshires Inszenierung der Puccini-Oper "Tosca" in St. Gallen fast verprügelt. Die FAZ erwartet außerdem vom Musikprogramm der Wiener Festwochen nächstes Mal mehr als oberflächliche Gesten der Betroffenheit.
23.06.2025. Putin war schon immer ein Zensor, aber "nun ist die Zeit gekommen, um die unabhängige Kultur in allen ihren Formen zu vernichten: Kino, Theater, Musik und schließlich die Literatur", schreibt Viktor Jerofejew in der FAZ. taz und FAZ lernen von Mohammad Rasoulofs Stück "Destination: Origin" in Berlin, wie sich Exilerfahrungen in Körper einschreiben. Christina Tscharyiskis Horvath-Inszenierung überzeugt die Nachtkritik durch ihre "Demaskierung des Bewusstseins." Die NZZ stellt Meinolf Brüsers Bach-Buch vor. Und die Zeitungen trauern um die Schweizer Schriftstellerin Gertrud Leutenegger.
21.06.2025. Die FAS unerhält sich mit Mika Kaurismäki über die Monheim Triennale für ungeschriebene Musik, die Kaurismäki in "Every note you play" dokumentiert hat. Die nachtkritik hätte sich mehr Zeit zum Nachdenken gewünscht in Charlotte Sprengers Mannheimer Inszenierung von Schillers "Kabale und Liebe". Die FAZ bestaunt in der Fondation Beyeler den präzisen Nachthimmel der litauische Künstlerin Vija Celmins. Zeit online hört Haim.
20.06.2025. Milo Rau inszeniert den "Prozess Pelicot" in einer Wiener Kirche als "Mosaik des Grauen", berichten die Kritiker. Einen Gottesdienst der anderen Art erlebt die FAZ, wenn Bruce Springsteen als letzter großer Transatlantiker in Frankfurt sein Herz heraussingt. Einen Film zum richtigen Zeitpunkt annonciert die taz mit Nima Sarvestanis Dokumentation über den Iran. Und Monopol blickt in Helsinki auf aufblasbare Bronze-Delfine.
19.06.2025. Der Guardian ist überwältigt von Jenny Savilles gigantischen Frauenporträts, die ihm in der National Portrait Gallery in London sehr nahe kommen. Die taz feiert Naoko Yamadas Animationsfilm "The Color within", in dem ein Mädchen die Gefühle der anderen als Farben wahrnimmt. VAN möchte mehr Mädchen in Knabenchören hören. Die taz hört derweil Jarvis Cockers Comeback-Album.
18.06.2025. Die Feuilletons trauern um den Ausnahmepianisten Alfred Brendel. Er war, womöglich, der Stellvertreter Beethovens und Schuberts auf Erden, schwärmt die Welt. Die Zeit freut sich darüber, dass auf der Berlin Biennale statt postkolonialer Sittenstrenge Comedy und lyrische Absurdität reüssieren. Die SZ startet einen weiteren Frontalangriff auf Bayerns Kunstminister Markus Blume in Sachen Raubkunstaffäre. Critic.de gedenkt der Off-Kino-Legende Bernhard Marsch. Monopol lernt bei Hermann Nitschs "6-Tage-Spiel"-Performance den Geruch von Blut kennen.
17.06.2025. FAZ und FR wird in Johannes Eraths Inszenierung der Händel-Oper "Alcina" an der Oper Frankfurt optisch einiges geboten: Variété, Zirkus und sogar eine zersägte Frau. "Für mich ist Russland im Moment ein Monster und nichts anderes", sagt die russische Filmemacherin Svetlana Rodina im Tages-Anzeiger. Zeit Online sorgt sich um die Zukunft des Musikvideos. Und die Musikkritiker trauern um den Freejazzer und Experimentalmusiker Sven-Åke Johansson.
16.06.2025. Ayşe Güvendiren erschüttert die Nachtkritik mit ihrer hochpolitischen Inszenierung des NSU-Terrors und seiner Folgen am Staatsschauspiel Dresden. Die Hilti Art Foundation zeigt der NZZ, wie die Kühle Lyonel Feiningers mit dem "ungebändigten Furor" Ernst Ludwig Kirchners kommuniziert. Die SZ braucht starke Nerven beim Bachfest in Leipzig, die FAZ lernt beim Mozartfest in Würzburg die Folgen eines delikaten Pedalgebrauchs verstehen.
14.06.2025. Die FAS findet bei der diesjährigen Berlin-Biennale heraus, wie man mit einem Kohlkopf gegen repressive Regime protestieren kann. Die SZ amüsiert sich prächtig, wenn Arthur Franck in seiner Doku "The Helsinki-Effect" die Derbheiten von Henry Kissinger und Leonid Breschnew während der KSZE-Konferenz 1975 rekonstruiert. Die FAZ fragt in einer Ausstellung in Wien, wer in der Geschichte die Hosen anhatte - und findet Meisterwerke der Textilkunst.
13.06.2025. Die FAZ tanzt im Palais Garnier mit dem israelischen Choreografen Hofesh Shechter, als wäre es die letzte Party ihres Lebens. Artechock taucht im Filmmuseum München in die Filme der iranischen Nouvelle Vague ein, die dem heutigen regimekritischen Kino den Weg bereitet hat. Wir dürfen Boualem Sansal nicht vergessen, warnt der marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun bei Le Point. Zeit Online fackelt mit Progressive-Metal-Band Sleep Token nach allen Regeln der Kunst die Welt ab.
12.06.2025. Die Feuilletons trauern um den früheren Beach Boy Brian Wilson: Er war John Lennon, Paul McCartney und George Martin in Personalunion, schreibt die NZZ. Die SZ erlebt eine fulminante Mendelssohn-Inszenierung von Andreas Homoki in Zürich, in der ein grantiger Prophet "Elias" auf das Volk schimpft. Die Zeit steht in der saudischen Wüste am Grund eines gigantischen Stausees in Planung und erinnert daran, dass das Projekt "Neom" nicht nur Geld, sondern auch Leben kostet.
11.06.2025. Große Trauer um den Funkmusiker Sly Stone, der es laut taz, verstand, Spiritualität und Wut musikalisch zu kanalisieren. Trauer auch um den für seine Nagelreliefs berühmten Künstler Günther Uecker. Und um Frederik Forsyth: Die SZ erinnert sich an seine Thriller, in denen vor allem Präsenz und Körperlichkeit zählen. Außerdem: Eher ein Reinfall ist die Neuaufnahme der Reichstagsverhüllung per Lichtprojektion, ärgert sich die Zeit. Die Welt fragt, nachdem Demis Volpi das Hamburger Ballett verlassen hat, ob das Haus auf ewig ein Erbhof John Neumeiers bleiben wird.
10.06.2025. SZ und Welt sind schier überwältigt, wenn Barrie Kosky in Salzburg eine ganz eigene Vivaldi-Oper kreiert, in der Cecilia Bartoli und Philippe Jaroussky in einer Fülle aus Klangfarben brillieren. Die FR schwelgt in Frankfurt in den Arbeiten von 26 japanischen Künstlerinnen der 1950er Jahre bis heute. Die SZ trifft in Lübeck Thomas Manns Enkel Frido Mann, der glaubt, dass sein Großvater die heutige Welt nicht mehr verstanden hätte. Die NZZ schaut sich im Met in New York um, das gerade für zwei Milliarden renoviert wird.
07.06.2025. FAS und taz lernen bei der Buchmesse in Kyjiw, wie schwierig es ist, Kriegsslang und Kriegserfahrungen zu übersetzen - vor allem dann, wenn sich die Ukraine ständig erklären muss. Die Polyphonie der Dagmara Kraus zu übersetzen ist vermutlich unmöglich: Im Perlentaucher würdigt Marie Luise Knott die große Sprachwerkerin. Die nachtkritik wirft Milo Rau vor, einem Gewaltfetischismus zu frönen, wenn er ein Stück über eine Kriegsreporterin auf die Bühne der Wiener Festwochen bringt. Und backstageclassical ärgert sich über Michael Barenboim, der einen Boykott Israels fordert.
06.06.2025. Die Feuilletons gratulieren Thomas Mann zum 150. Geburtstag. FAZ und taz raten gerade jetzt, den politischen Mann zu hören, der vor Irrationalismus warnte. In der FR sucht Mann-Biograf Tilmann Lahme vergeblich eine bedeutende Frauenfigur im Werk des Dichters. En attendant Nadeau feiert eine Pariser Ausstellung über die Unschärfe in der Kunst. Die SZ wollte von Musikfestival-Veranstaltern wissen, was sie gegen Antisemitismus unternehmen wollen. Spoiler: Kaum jemand reagierte.
05.06.2025. Der Tagesspiegel spürt beim Literaturfestival "HeadRead" im estnischen Tallinn die unterschwellige Angst vor einem russischen Einmarsch. Der Guardian kämpft mit Yoshitomo Naras Cartoon-Girls gegen Atomkraft. In der Zeit denkt der Musikproduzent Johann Scheerer über eine genossenschaftlich organisierte Musik-Plattform nach. Und die Filmkritiker blicken mit fiesem Body-Horror von Emilie Blichfeldt durch die Augen von Cinderellas hässlicher Stiefschwester.
04.06.2025. Im Iran wurde Salman Rushdie gerade durch die Fatwa zu einer Legende, weiß Zeit Online. Die BlZ erfreut sich in einer Cottbuser Ausstellung zu DDR-Frauenbildern an sagenhaft gemalter Tristesse. Die nachtkritik nimmt in Ali Chahrouhrs Tanzstück "When I Saw the Sea" am Berliner HAU Anteil am Schicksal von Arbeitsmigranten im Libanon. In einer Münchner Ausstellung spürt die NZZ Susan Sontags Angst nach, das Leben zu versäumen. Der Perlentaucher blickt auf einen streitbaren Essay von Lars-Henrik Gass über das Gegenwartskino.
03.06.2025. Monopol spürt in Washington in einer von Trump geschmähten Ausstellung den Verbindungen von Skulptur und rassistischen Stereotypen nach. Die FAZ erfährt in der Berliner Tchoban Foundation, wovon Architekten in der DDR heimlich träumten. Von Florian Amort, dem neuen Leiter der Händel-Festspiele in Halle, will sie wissen, ob Händel ein Plagiator war. Die taz fürchtet, dass Milo Rau bei allem Widerstand die Form aus den Augen verliert. Kamel Daoud hat eine Reise nach Italien abgesagt, weil er eine Auslieferung durch Italien nach Algerien fürchtet, berichtet rupture-mag.fr.
02.06.2025. Die Romanistin Sigrid Brinkmann weist für tachles.ch auf antisemitische Beweggründe für Boualem Sansals Verhaftung hin. Marlene Streeruwitz bedauert im Standard, dass das New York der Siebziger Jahre als "Genius loci" endgültig passé ist. Der Schauspieler Charly Hübner führt am Theater Magdeburg zum ersten Mal Regie: SZ, taz und FAZ sind begeistert, wie in seiner Fassung von "Krieg und Frieden" menschlich und miteinander gegen den Krieg gerappt wird.