Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Mai 2019

Poesie des Unheimlichen

18.05.2019. Die FAZ erkundet in Hannover und Basel das Zusammenspiel von KI und Kunst. Und Ian McEwan überlegt, wie Maschinen die besseren Menschen werden können. Die NZZ tritt in Zürich mit Barbara Frey und James Joyce in einen Dialog mit den Toten. Die Welt amüsiert sich mit einem Superflamingo in der New Yorker Camp-Ausstellung. Zeit online erinnert daran, dass Camp auch auf der Straße bestehen können muss. Die Filmkritiker in Cannes schwärmen für  Mati Diops Debütfilm "Atlantique".

Der schönste geplatzte Kopf

17.05.2019. In der SZ legt Ai Weiwei wenig Wert auf die Reinheit der Haltung. Die FR erinnert an die Neue Heimat und eine Zeit, als man noch technologieaffin, fortschrittsgläubig und megaloman baute. Die Filmkritiker werden noch nicht recht warm in Cannes - trotz Udo Kier auf Menschenjagd in Kleber Mendonça Filhos im Weltall angesiedeltem brasilianischen Neo-Western "Bacurau". Zeit online hört The National. Die Feuilletons trauern um den Kolumnisten und Kabarettisten Wiglaf Droste. Einen ersten Nachruf auf den Architekten I.M. Pei bringt die New York Times.

Weiches Raunen

16.05.2019. In Cannes haben die Filmkritiker mehr Spaß mit einer Wildlederjacke von Quentin Dupieux als mit den Zombies von Jim Jarmusch. Die FAZ blickt mit Rene Jacobs Einspielung der Missa Solemnis vom Boden aus staunend in den Himmel. Die Zeit schnauft, bebt und lebt mit  Sunn o)))s neuem Album "Life Metal". In der SZ erklärt uns Thomas Meinecke die ozeanische Schreibweise. Ausgerechnet eher rechts gewandte Künstler haben die Idee von der Kunstfreiheit von einer Linken übernommen, die davon kaum noch etwas wissen will, erkennt Wolfgang Ullrich in der Zeit.

Nachtarbeit ist nun für alle Pflicht

15.05.2019. Mit Jim Jarmuschs Zombie-Parabel "The Dead Don't Die" eröffneten gestern die Filmfestspiele in Cannes vielleicht etwas routiniert, aber mit einer einer supercoolen Tilda Swinton.  Die Welt ärgert sich, wie das Festival die Presse gängelt. In der NZZ bedauert Wim Wenders, dass mit dem feedbacklosen Streaming die Kinoerfahrung hopsgeht. Guardian und ArtNews werfen einen ersten Blick auf die bemerkenswert unkontroverse Whitney Biennale in New York. Die SZ lauscht dem dunkles Knarren von Kontrafagott und Horn in Erich Kongolds "Die Tote Stadt".

Orgelsoli - im Ernst?

14.05.2019. Die Feuilletons blicken nach  Cannes:  Für den Tagesspiegel sind die Filmfestspiele noch immer das Weltspitzenklassentreffen des Autorenkinos.  In der SZ berichtet Leila Slimani von der mühseligen Arbeit, prosaisch über Sex zu schreiben. Die NZZ erklärt: Otello muss schwarz bleiben, sonst ist sein Schicksal nicht mehr Drama, sondern Boulevardkomödie. Standard und FAZ dröhnt das das neue Rammstein-Album in den Ohren. Die Berliner Zeitung beobachtet betroffen, wie  der den digitalen Sturm gerade Verlagsmanager zersaust.  Und natürlich trauern alle um Doris Day.

Am Rande eines dunklen Ozeans

13.05.2019. Als Mahnmal kollektiver Dummheit feiern FAZ und Guardian Litauens Pavillon, der bei der Biennale mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Auf dem Berliner Theatertreffen feiern taz und Berliner Zeitung mit Christopher Rüping ein zehnstündiges Antikenfest. Der Freitag erkundet mit The Caretaker das Ende der Zeit. Auf ZeitOnline spricht die Feminstin Vivian Gornick über den Kampf in den siebziger Jahren gegen die eigenen Mütter.

Unvermutet laut, direkt und brutal

11.05.2019. Geschmack- und gewissenlos finden SZ und NZZ das von Christoph Büchel bei der Biennale in Venedig ausgestellte tunesische Flüchtlingsboot, das 2015 vor Lampedusa mehr als 800 Migranten in den Tod riss. Der Tagesspiegel feiert derweil ein Fest mit überdimensionalen Vulven. Zeit Online erkennt erst auf den zweiten Blick, wie der chinesische Mega-Blockbuster "Die wandernde Erde" Xi Jinping ideologischen Flankenschutz gibt. Der Guardian rauft sich die Haare, wenn Philip Glass zum dritten Mal David Bowies Berlin-Trilogie sinfonisch umsetzt. Und die SZ lernt, wie man aus herumfliegenden Flusen nachhaltige Mode macht.

Dieser Verzicht auf Härte

10.05.2019. Die SZ lernt in Wien, dass Architektur schön, nachhaltig und günstig sein kann. Naiv finden SZ und Tagesspiegel Mohammad Farokhmaneshs und Frank Geigers Film "Kleine Germanen", Artechock dagegen lernt identifikatorisches Sehen. Die NZZ schwelgt bei den Badenweiler Musiktagen in Schumanns "Dichterliebe", vorgetragen von den beiden Hexenmeistern Christian Gerhaher und Gerold Huber.

Hadern, scheitern, trotzdem weiter machen

09.05.2019. Die Welt steht im Deutschen Pavillon der Biennale von Venedig und fragt verzweifelt: Warum können die Deutschen keine Verführung? In der SZ wollen die Designer Stefan Sagmeister und Jessica Walsh die Schönheit vor der Funktionalität retten. Die österreichischen Zeitungen freuen sich über die Auszeichnung von Michel Houellebecq mit dem Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur. Der Tagesspiegel feiert Laurel und Hardy als Vorläufer von Becketts Clowns. Die Jungle World macht sich mit Stereolab eine radikale Idee von Pop.

Weg mit dem Curriculum Vitae!

08.05.2019. Die Berlinale bekommt mit der Sektion "Encounters" einen dritten Wettbewerb: Der Tagesspiegel quittiert etwas verwundert ein solches Bekenntnis zur Breite in bester Kosslick'scher Tradition. Die SZ erkennt in Oberhausen die Ortlosigkeit der heutigen Kurzfilmkultur. Die FR stellt die Biennale-Künstlerin Natascha Süder Happelmann vor. Wozu hat ein Intendant Macht?, fragt die FAZ den Frankfurter Schauspiel-Chef Anselm Weber. ZeitOnline verteidigt die solidarische Utopie, die  Identitätsfetischisten von Links und Rechts dem Pop gerade austreiben.

Revolutionär, aber nicht Avantgarde

07.05.2019. Die SZ honoriert den Mut der Ruhrfestspiele, Jean Raspails neurechtes Pamphlet "Das Heerlager der Heiligen" auf die Bühne zu bringen. Die taz bewundert den Stil, den Mary Quant dem Aufbruch der Frauen in den Sechzigern gab. Der Standard erlebt mit Christiana Perschon, wie Österreichs Künstlerinnen dennoch auf ihren Platz verwiesen wurden.  Die FAZ kann nicht bedauern, dass kein amerikanischer Verlag Woody Allens Memoiren drucken will. Ebenfalls in der FAZ bereitet sich der Bassist René Pape darauf vor, Schostakowitsch Requiem auf Babi Jar zu singen.

Müssen Künstler denn Helden sein

06.05.2019. Die Welt ist absolut einverstanden mit den sechs Lolas für Andreas Dresens "Gundermann". Pitchfork blickt auf die große Karriere Joni Mitchells zurück. Die SZ erlebt mit dem venezolanischen Performer Ariah Lester noch einmal, wie wahr Camp sein kann. Außerdem freut sie sich über die Rückkehr der Sattel-, Walm und Schleppdächer. Der Standard hört Anton Weberns Chöre von Subjekten durch das Rote Wien schallen. Die taz feiert die zornige Kunst Miriam Cahns. Und die NZZ legt mit den Flintenweibern der Kunst den Damenrevolver ab.

Delikat und ordinär, poetisch und gossig

04.05.2019. In der Kunstszene hat sich eine "Wagenburgmentalität" breit gemacht - wer kritisiert, fliegt, stellt die NZZ fest. Eine Frauenquote für Theater-Regisseurinnen ist nur "Machismo andersherum", meint der Tagesspiegel und fragt: Zählt die Basis nicht? Spiegel Online konstatiert derweil einen sanften Abstieg der Frauen im Filmbetrieb. So geht zeitgenössische Oper, ruft die Welt nach Berlin, nachdem sie in Calixto Bietos Antwerpener Inszenierung der "Wohlgesinnten" gelernt hat, wie man einen Pissstrahl in Musik umsetzt. Und Dezeen hat sich erste Entwürfe für den Wiederaufbau von Notre Dame angeschaut.

Wie schnell sie atmet

03.05.2019. Heute beginnt das Theatertreffen. Im Tagesspiegel sucht Matthias Lilienthal neue Konfliktbeschreibungen jenseits der alten Rechts-links-Schemata. Die NYRB sucht ein Zuhause in einer Londoner Ausstellung über tschechische Künstler, die im letzten Jahrhundert nach Britannien geflohen oder emigriert waren. Im Crime Mag erzählt Filmregisseur, Irakveteran und Bankräuber Nico Walker von seiner Opioidsucht. Zeit und Spon feiern Robert Bohrers und Emma Rosa Simons "Liebesfilm". Die SZ staunt über die Eleganz und die sportlich balletösen Sprungbewegungen der Dirigentin Joana Mallwitz.

Findling aus der Zukunft

02.05.2019. Die FR sucht Gott in den Tagebüchern des Leonardo da Vinci, der heute vor 500 Jahren starb. In der SZ erklärt Yvonne Büdenhölzer, Leiterin des Berliner Theatertreffens, warum es zwei Jahre lang bei der Auswahl eine 50-Prozent Frauenquote geben soll. Die Disneywalze drückt mit "Avengers" alles andere platt, klagt Moviepilot. Tagesspiegel und Berliner Zeitung begutachten den ersten fertiggestellten, 447 Millionen Euro teuren Bauabschnitt bei der Renovierung des Pergamonmuseums.