Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Januar 2022

Ein Nekrolog, ein Gedanken-Tsunami

28.01.2022. Die nmz erlebt das Musiktheater der Zukunft mit der Uraufführung von 130 unausgeführten Skizzen Jani Christous. Zeit online fragt sich vor dem Hintergrund der Berliner Avantgardefestivals Ultraschall und CTM, was an Neuer Musik wirklich neu ist. Auch die FAZ attestiert der Neuen Musik eine Krise, hört aber doch auch erfreulich laute, schmutzige und lebendige Musik. Im Gespräch mit der NZZ erklärt Architekt Jacques Herzog, warum er kein Problem damit hat, in autoritären Staaten wie China zu bauen. Der Standard watet durch das fleischig rote Kleid einer Wiener Ausstellung zum Einfluss Freuds auf den Surrealisten Dali

Der Vorrang der Politik vor der Kunst

27.01.2022. Die taz feiert Paul Thomas Andersons "Licorice Pizza" als unbeherrschten, unvorhersehbaren Liebesfilm, der Tagesspiegel erkennt eher einen Konstruktionsfehler männlicher Nostalgie, für den Perlentaucher ist es ein exquisiter Straßenköter von einem Film. Künstler- und Kuratorenkollektive, wohin das Auge blickt, stöhnt die FAZ und warnt vor einer zunehmenden Politisierung der Kunst. Die nmz ist hin und weg von Torsten Raschs klanggewaltiger Oper "Die andere Frau". Das Van Magazin diagnostiziert Spannungen in der Staatskapelle Berlin.

Die geknickten Grashalme und zerknitterten Laken

26.01.2022. Die FAZ labt sich im Prado an Triumph und Tragik in der spanischen Kunst des 19. Jahrhunderts. Der Guardian lässt sich gern von Francis Bacon manipulieren. Die SZ erkennt im Billig-Plastikstuhl Monobloc die Rache an der schmucklosen Moderne. Außerdem feiert die SZ Paul Thomas Anderson federleichte, nostalgische Liebeskomödie "Licorice Pizza", während die Jungle World darin vor allem männliche Projektionen sieht.

Gestein, Salbei, Knochen, das Licht

25.01.2022. Als wäre es das erste Mal erlebt die taz hingerissen das Rätsel der Liebe mit Glucks "Orfeo ed Eurydice" an der Komischen Oper in Berlin. Die NZZ kann in den Bildern Georgia O'Keeffes weder Abstraktion noch Erotik entdecken. Der FAZ tritt mit Matti Geschonneks "Wannseekonferenz" das ganze Dilemma des Geschichtsfernsehens vor Augen.  Zum Tod von Thierry Mugler lassen SZ und taz noch einmal sein Pandämonium aus Latex-Dominas, Dragqueens und Eisköniginnen hochleben. Und die Welt ruft: Musikrechte sind das neue Erdöl.

Es ist ein Fest. Es ist das Chaos.

24.01.2022. Mit Jubel quittieren FAZ und Nachtkritik Kirill Serebrennikows Hamburger Tschechow-Inszenierung "Der schwarze Mönch", die alle Fragen nach dem Sinn des Lebens spektakulär unbeantwortet lässt. Die FAS wirft dem Documenta-Vorstand vor, sich nicht explizit hinter Israel zu stellen. Von Tocotronic lässt sie sich zum Weinen bringen. ZeitOnline untersucht, wie sich Unterhaltungsliteratur Tiefgründigkeit erschwindelt. In der SZ pocht Yasmina Reza auf ihr Recht, als Schriftstellerin nicht tugendhaft zu sein.

Das war mal Gegenwart

22.01.2022. In der SZ spricht Matti Geschonneck über seinen ZDF-Film "Die Wannseekonferenz" und betont: Das sind Menschen! Das sind wir! Die neue musikzeitung erlebt einen denkwürdigen Abend mit Karel Čapeks marxistischer Science-Fiction-Oper "R.U.R. - Rossum's Universal Robots". Wir müssen schöner bauen, ruft der Architekt Christoph Mäckler in der FR. Wir müssen serieller bauen, meint dagegen die taz, auch wenn's nach Stapelware aussieht. Die FR erinnert an John Donne. Die FAZ besucht die große Georgia-O'Keeffe-Ausstellung in Basel.

Angemessene Ritualisierung

21.01.2022. Die FR badet mit Vivaldis "Juditha triumphans" in der Schönheit von Frauenstimmen. Die FAZ betrachtet die Pariser Welt Prousts. Die taz empfiehlt wärmstens die Compilationreihe "Songs of Gastarbeiter". Lens culture stellt die taiwanesische Künstlerin John Yuyi vor. Und: Die Filmkritiker trauern um Hardy Krüger, den ewigen Jungen mit einem gesunden Appetit auf Abenteuer und Welterfahrung, so Georg Seeßlen auf Zeit online.

Zumal die Auswahl der Teilnehmer nicht abgeschlossen ist

20.01.2022. Der Streit um die Documenta geht weiter: Mena watch konkretisiert die Vorwürfe des Antisemitismus. Der Tagesspiegel findet das infam und glaubt, es gehe nur um die Unterdrückung einer Debatte über globale Machtverhältnisse. Die FAZ ruft nach Claudia Roth. Und die Jüdische Allgemeine fordert, einfach auch ein paar proisraelische Künstler einzuladen. Der Tagesspiegel fragt, warum Volksbühnenchef Rene Pollesch am Deutschen Theater inszeniert. Der Standard geht vor der Singer-Songwriterin Grace Cummings auf die Knie. Die Filmkritiker fragen sich: Wird die Berlinale überleben?

Das Interesse an Unschärfen

19.01.2022. In Domus rät Jean Nouvel der heutigen Architektur, wieder der Verlockung von Orten nachzugeben. Die SZ lernt von Ludwig Wittgenstein im Leopold Museum das experimentierende Sehen. In Monopol mahnt Marion Beckers, die Leiterin des Verborgenen Museums, Künstlerinnen wie Martel Schwichtenberg und Augusta von Zitzewitz nicht zu vergessen. FAZ und Zeit verfangen sich in den Fantasiewelten von Guillermo del Toros "Nightmare Alley". Und die NZZ probiert im Zürcher Museum für Gestaltung ein Wurzelkleid.

Nie unter Überdruck

18.01.2022. Der Observer findet mit der italienischen Nachkriegsmalerin Bice Lazzari wieder Interesse an der Abstraktion. Die taz lernt mit Unbehagen von Oleg Senzows Film "Rhino", welche Grenzen Fuilme über Rechtsextremismus nicht überschreiten sollten. Die SZ möchte sich lieber nicht von Adam McKays gefeierter Apokalypse-Satire "Don't Look Up" bestätigen lassen. Die Welt betrachtet das neue Genre des Brexit-Kinos.  FAZ und FR schmelzen unter Arnold Schönbergs Klängen in der Frankfurter Oper dahin.

In Sachen Softness

17.01.2022. In der Berliner Zeitung rät Regisseur Armin Petras nicht auf Konventionen zu vertrauen, sondern den eigenen Charakter. Auf ein geteiltes Echo stößt Matthias Brandt mit seinem Solo-Abend "Mein Name sei Gantenbein". Der Freitag begrüßt die Renaissance des Campus-Romans. In der Welt bekennen Carlo Chatrian und Marietta Rissenbeek, dass ihr Berlinale-Konzept noch nicht final durchkalkuliert ist. Die Filmkritiker trauern um Jean-Jacques Beineix, der mit seinem Cinéma Du Look äußerst kunstvoll Oper und Action verband.

Protokoll und Zeremonie

15.01.2022. Mittleres Beben in den Feuilletons nach den Vorwürfen gegen die Documenta 15: Die Berliner Zeitung wirft der Zeit vor, "xenophoben Impulsen Luft zu machen", die taz erinnert Monopol an "menschenrechtliche Standards". Die FAZ zieht sich derweil in Cottbus mit der Sammlung Chagas Freitas in die Nischen der DDR-Kulturgeschichte zurück. Die SZ bangt um den Regierungs-Hain am BER. FAZ und Jungle World erinnern an Franz Fühmann. Und der Guardian trauert um den Architekten Ricardo Bofill, der Spanien so schöne postmoderne Exzesse bescherte.

Offen umarmte Paradoxien

14.01.2022. Die FR hat die (männliche) Hilma Af Klint Berlins entdeckt: den Maler Helmut Zielke. SZ, nachtkritik und Standard amüsieren sich schmerzlos mit "Ach, Sisi" im Wiener Volkstheater. Die taz erliegt dem kratzigen Timbre von Lady Blackbird. Und: Die Filmkritiker trauern um Herbert Achternbusch, den freien Grantler und Buster Keaton des bayerischen Films. Und die Musikkritiker trauern um die wunderbare unverwechselbare Ronnie Spector.

Körperlose Wesen in roten Gewändern

13.01.2022. Stromae hat in den französischen Fernsehnachrichten über seine Depression, nein, nicht gesprochen. Nils Minkmar ist in der SZ von seinem Auftritt tief gerührt. Welt-Kritiker Manuel Brug fühlt sich in Block B, Reihe Fünf, Platz 1 der Elphi jetzt durchaus wohl. Die Zeit bringt ein Gespräch mit dem russischen Regisseur Kirill Serebrennikow, der überraschend für eine Inszenierung nach Hamburg ausreisen durfte. Die Zeit fürchtet auch einen kulturpolitischen Skandal bei der Documenta. Der Freitag kommt auf die Krise der Filmbranche zurück, wie sie sich im aktuellen Golden-Globes-Debakel darstellte.

Alt sind wir ja selbst schon

12.01.2022. Die FAZ warnt vor den Mindbombs, die die Kunsthalle Mannheim mit ihrer Ausstellung zur Darstellung politischer Gewalt in der Kunst zündet. Die SZ kann's kaum glauben: Im Wiener Männergesang-Verein sind jetzt auch Tenörinnen und Bässinnen erlaubt. SZ und FAZ verlieren sich im königlich-morbiden Set-Design von Pablo Larraíns Diana-Film "Spencer". Der Observer blickt auf die Fotografie der brennenden Welt. Die Nachtkritik erlebt mit Ronald M. Schernikau die Poesie der Pailletten.

Am Ende verliert alles an Bedeutung

11.01.2022. Die NZZ beobachtet, wie die Teilnehmerliste der Documenta im Fegefeuer der Rechtschaffenheit zusammenschmirgelt. Die SZ bewundert die prachtvollen Damaststoffe, die im Voralberg für das bitterarme Mali hergestellt werden. Die taz singt ein Loblied auf das Stricken. Die FAZ erkennt die gewaltige Überlegenheit von Michel Houellebecqs Gehirn. Der Tagesspiegel meldet, dass Kirill Serebrenniko nach Hamburg ausreisen durfte. 

Nicht Sumpf, sondern Humus

10.01.2022. In der FAZ umreißt die Russisch-Übersetzerin Olga Radetzkaja das Ethos ihrer Profession. Die Nachtkritik lässt sich vom Virtual Space Realtor und General Latenz Manager in die Zukunft des Theaters führen. Der Standard blickt auf das durchgeschüttelte Werkverzeichnis Modiglianis. Die NZZ bemerkt, dass die Rock-Attitüde eigentlich nur noch Frauen steht. Die SZ berichtet deprimiert von der trostlosen Verleihung der Golden Globes.

Gewaltiges Kopfkino

08.01.2022. Sidney Poitier ist gestorben. Die Filmkritiker würdigen den Schauspieler, der 1964 als erster Schwarzer den Oscar für eine Hauptrolle erhielt - im selben Jahr, in dem Martin Luther King mit einem Nobelpreis ausgezeichnet und der Civil Rights Act verabschiedet wurde. Die nmz schwärmt von einer hinreißenden "Tristan und Isolde"-Inszenierung in Halle. Die SZ ist ganz gerührt vom neuen Houellebecq. Die FAZ verliebt sich in Stuttgart in eine Rubensfrau mit Sonnenbrand.

Bekenntnis zum Diesseits

07.01.2022. Die taz stellt den Theatermacher Georg Genoux vor, der in Sachsen auch mit Rechten redet. Die SZ stellt fest, dass der Kunstmarkt so untransparent ist, dass er kaum noch als Markt durchgeht. Die FAZ bewundert im Musée d'Orsay die Kunstsammlung des Malers Paul Signac. Die Welt liest ohne große Wallungen Michel Houellebecqs neuen Roman. Und die Filmkritiker trauern: Der große Peter Bogdanovich ist tot.

Geborgenes Schweben

06.01.2022. Die Filmkritiker blicken deprimiert auf die "Bad Tales", die die Brüder D'Innocenzo erzählen. Wenn die Berlinale in diesem Jahr wieder nicht öffentlich stattfinden kann, wird es existenzbedrohend für sie, meint die Welt. Kontext fragt, wie der 2018 verabschiedete Intendant Reid Anderson in Stuttgart immer noch über Wohl und Wehe der Künstler dort bestimmen kann. Hat es mit dem Cranko-Erbe zu tun? Im Freitag erinnert sich der Schriftsteller Tijan Sila mit Wonne an die Leihbibliotheken seiner Kindheit. Die taz lernt von Nancy Holt das Sehen. Die FAZ erhebt sich mit der Musik von Skrjabin.

Dritte werden trotzig

05.01.2022. In der Zeit verteidigt Eva Menasse die Literatur gegen ihre politische Regulierung von Links und Rechts. Wie die Ideologisierung Schriftsteller beschädigt, sieht die FAZ bei Mario Vargas Llosa. Außerdem schlägt sie sich durch das amerikanische Konzerngeflecht, das jetzt Studio Babelsberg übernimmt. Die NZZ stählt mit RZA vom Wu-Tang Clan ihre innere Faust. Und die SZ braust auf einer selbst reparierten Simson S51 von Karl Clauss Dietel in einen Apple-Store. 

Macht ist wichtig

04.01.2022. Filmproduzent Günter Rohrbach befindet in der SZ, dass Selbstbewusstsein irgendwie toller ist als ständiges Jammern und Angsthaben. In der FAZ trauert Hans Stimmann um das Heizkraftwerk von Wilmersdorf. Die Welt wünscht sich wieder mehr drogensüchtige und vorbestrafte Rockmusiker. Und die taz taumelt selig mit Gary Victor durch die tropischen Nebel Haitis.

Smartphones und Tarotkarten

03.01.2022. Die FAZ erkundet im Hartware MedienKunstVerein in Dortmund den neuen technikaffinen Schamanismus. Beton hat seine poetische Seite, das Problem ist seine Systemrelevanz, lernt die SZ im Schweizerischen Architektumuseum in Basel. Die Welt staunt über die Harmonie von Christian Thielemann und Igor Levit beim ZDF-Neujahrskonzert. Im Standard wünscht sich Antje Rávik Strubel so lange Podcasts über das Geschlechterverhältnis, bis diese Kategorien überflüssig werden.