Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
April 2025
30.04.2025. Die Feuilletons stürzen sich auf Michael Lockshins Stalinismus-Satire "Meister und Margarita", die in Russland inzwischen verfemt ist: So viel Avantgarde gab's selten im russischen Kino, staunt die FR. Aber wo bleibt die Relevanz für die Gegenwart, fragt die taz. Die SZ lernt von Ed Atkins in London, was Avatare nicht können: schwitzen und riechen. taz und nachtkritik blicken auf die jüngsten Proteste gegen die Umstrukturierung der Berliner Landesbühnen. Und die Welt resümiert eine Diskussion zwischen den Soziologen Heinz Bude und Michael Hutter zum Documenta-Skandal.
29.04.2025. Die taz erfährt von Frank Auerbach-Biografin Catherine Lampert, dass der jüdische Maler, der nun erstmals in Berlin zu sehen ist, von einem Einfluss des Holocaust auf seine Bilder nichts wissen wollte. Ein obszönes Spektakel erlebt die SZ, wenn Albert Serras in seinem Dokumentarfilm über den Stierkämpfer Andrés Roca Rey den Übergang vom Leben zum Tod eines Stiers einfängt. Backstage Classical tanzt mitten im Bible Belt beim Big Ears Festival zu Avantgarde-Postrock und Noise in Kirchen. Wer nachhaltig wohnen will, muss auf Keller verzichten, lernt die Welt in Berlin.
28.04.2025. Die FAZ erinnert Rieke Süßkows Inszenierung von Jean Genets "Zofen" daran, wie radikal fremd die Avantgarde mal war, die FR findet sie eher dekorativ. Die Zivilisation ist ins Wanken geraten, lernt die FAZ von den Klimawandel dokumentierenden Fotografien in der Kunsthalle München. Backstage Classical unterhält sich mit der israelischen Sopranistin Chen Reiss über den wachsenden Antisemitismus in der E-Musik-Szene. Ist der Schweizer Pass eine Design-Ikone, möchte der Tages-Anzeiger wissen.
26.04.2025. Im FAZ-Interview ist der Filmregisseur Michael Lokshin schockiert, wie schnell sich der "neue Stalinismus" in Russland ausbreitete. Der syrische Schriftsteller Ahmad Katlesh schildert auf Zeit Online das Grauen, das ihn bei seiner Rückkehr nach Syrien erwartete. Die FAZ lernt in Chemnitz Künstler des Realismus' aus 22 Ländern kennen. Die SZ gerät in Trance, wenn Igor Levit unter Leitung von Marina Abramović dreizehn Stunden lang Erik Saties "Vexations" spielt. Und die FAS denkt heute ausgiebig über Original und Fälschung nach.
25.04.2025. Der Guardian wartet mit Antony Gormleys Menschen aus Blei bang darauf, abgefeuert zu werden. Besteht der Musikjournalismus eigentlich nur noch aus Gossip und Skandälchen, seufzt die taz. Die FAZ fragt sich, was Zootiere eigentlich von Erlebnisarchitektur halten. Der Standard stellt österreichische Literatinnen vor, die einen modernen Heimatbegriff pflegen.
24.04.2025. Der Perlentaucher hört die Farben im Laub rascheln in Naoko Yamadas synästhetischem Animefilm "The Colors Within" über zwei Mädchen in einem religiösen Internat. Die SZ staunt über die bahnbrechende Idee der Oscar-Akademie: Die Juroren sollen die Filme künftig auch anschauen. Die FAZ erfährt in den Bildern von Céline Ducrot und Cathrin Hoffmann in Gießen: Auch im Posthumanismus sind Frauen noch dem männlichen Blick unterworfen. In der Welt hält der Literaturwissenschaftler Alexander Pschera mit Blick auf dessen Briefe fest: Ernst Jünger war kein Pazifist.
23.04.2025. In der Zeit fragen Charlotte Gneuß und Dana Vowinckel, ob nicht wenigstens die jüdischen Suhrkamp-Autoren ein Recht darauf hatten zu wissen, dass Siegfried Unseld in der NSDAP war. Warum, empört sich die Welt, kaufen die Freunde der Nationalgalerie 2024 ein Werk der Künstlerin Jumana Mannas, die nach dem 7. Oktober die Mordtaten der Hamas feierte? Zwischen E und U muss in der Musik auch weiterhin unterschieden werden, sonst ist unsere geistige Versorgung in Gefahr, meint der Komponist Helmut Lachenmann ebenfalls in der FAZ. Und: Die Feuilletons trauern um den Schweizer Germanisten Peter von Matt.
22.04.2025. Die SZ bewundert, wie Raoul Peck in seinem Dokumentarfilm das Leben des südafrikanischen Fotografen Ernest Cole anhand von dessen Aufnahmen erzählt. Die NZZ staunt, wie Norman Foster einen 60-stöckigen Bankenkoloss in New York auf Zehenspitzen tänzeln lässt. Die taz demontiert in Berlin den Heroismus von Georg Kolbes Skulpturen. Und der FAZ ist unwohl, wenn Sandra Hüller in Halle eine genderneutrale Penthesilea auf die Bühne bringt.
19.04.2025. Die FAZ beäugt beim Photo Brussels Festival skeptisch die "alternative Vergangenheit", die durch Künstliche Intelligenz geschaffen wird. Die SZ sieht in der aufgedeckten NSDAP-Mitgliedschaft von Siegfried Unseld eine "Fallstudie des deutschen Kleinbürgertums". Die Filmkritiker werden umgehauen von Ryan Cooglers "Blood & Sinners", der gleichzeitig Vampirfilm, Drama über Rassismus und Horrorfilm aus schwarzer Perspektive ist. Die Welt würde sich wünschen, dass Christian Thielemann als Generalmusikdirektor der Staatsoper klare Kante in kulturpolitischen Fragen zeigt.
17.04.2025. Siegfried Unseld hat seine NSDAP-Mitgliedschaft nicht verschwiegen, finden zwei Forscher aus Marbach für die FAZ heraus. Die Zeit hält an ihrem Blick auf die Sache fest und kritisiert sein späteres Schweigen. Die SZ blickt in der Bundeskunsthalle Bonn in die bis heute nachwirkenden Abgründe der Lebensreformbewegung, von denen deutsche Institutionen lieber nicht allzu viel wissen wollen. Die Filmkritiker erleben in Alex Garlands und Ray Mendozas "Warfare" den puren Krieg ganz ohne "weltdeuterisches Mackertum".
16.04.2025. Die FAZ ist hin und weg von Nadezhda Karyazina, die sich in Simon McBurneys Salzburger "Chowanschtschina"-Inszenierung bis in größte Gottesnähe singt. Die Zeit ist irritiert, dass manch einer Siegfried Unselds NSDAP-Mitgliedschaft als Nebensächlichkeit abtun will. "Liebe", ein Film des Berlinale-Gewinners Dag Johan Haugeruds, ist zwar literarisch grundiert, findet jedoch zu einer sinnlichen Sprache des Kinos, freut sich der Filmdienst. Die Feuilletons verabschieden sich von Peter Seiffert - der weltweit gefeierte Tenor war ein Wagner-Held aus dem Bilderbuch, findet die Welt.
15.04.2025. Der Berliner Senat überlegt, die ehemaligen Ost-Berliner Theater umzustrukturieren, berichtet die taz, Theatermacher bangen um ihre Jobs. Die NZZ lässt sich in London von Tuschezeichnungen Victor Hugos auf Wendeltreppen in die Hölle führen. Die FAZ zeichnet Mario Vargas Llosas Wandel vom glühenden Linken zum passionierten Liberalen nach.
14.04.2025. Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa ist tot: Die Zeitungen trauern um einen Autor, der politische Missstände aufgezeigt und mit der "atemberaubenden Vitalität lateinamerikanischer Wirklichkeiten" gespielt hat. Die Welt feiert die Ambivalenz von Stefanie Reinspergers Sissi am Burgtheater, die SZ hingegen nervt der Feminismus in einfacher Sprache von Mareike Fallwickls Stück. Backstage Classical kritisiert die ARD, die klassische Konzerte auf Youtube hochlädt.
12.04.2025. Die FAZ staunt im Gropius Bau über Yoko Ono. Die Literaturkritiker begrübeln Unselds Schweigen über seine NSDAP-Mitgliedschaft. In der FAZ erklärt Jürgen Habermas, er und Kluge hätten aber nichts davon gewusst. Die nachtkritik fragt, ob sie sich gemeint fühlen soll, wenn Emre Akal in seiner Münchner Inszenierung von Fassbinders "Katzelmacher" den Rassismus in die Mittelschicht verlegt. Die taz kann sich in Köln kaum satt sehen an den Kinderspielen aus aller Welt, die Francis Alÿs gefilmt hat.
11.04.2025. Die Feuilletons diskutieren über Siegfried Unselds NSDAP-Mitgliedschaft: Die FR wundert sich über die späte Entdeckung, die NZZ vermutet gar ein "intellektuelles Kartell des Schweigens". Peter Truschner fragt sich im Perlentaucher, ob Juergen Tellers Auschwitz-Buch den Ort wirklich neu beleuchten kann. Die FR bestaunt im Wallraf-Richartz-Museum die Impressionisten-Sammlung des Ehepaars Brown. Die taz stellt fest: Immer mehr Frauen nehmen die Turntables als DJs für sich ein.
10.04.2025. In der Zeit eröffnet der Historiker Thomas Gruber einen Zufallsfund: Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld war ab 1942 NSDAP-Mitglied. Der Tagesspiegel wundert sich, dass beim Blick in Unselds Biografie niemand vorher danach gefragt hat. Die FAZ erliegt in Paris dem verwegenen Zauber leuchtender Landmaschinen auf David Hockneys iPad-Malereien. Der Filmdienst empfiehlt Jan Schomburgs ZDF-Serie "Die Affäre Cum-Ex", die auch die Verbindungen zur Politik andeutet.
09.04.2025. Paolo Sorrentinos "Parthenope" ist eine filmische Liebeserklärung an Neapel und an die Schönheit schöner Frauen, in der alles ein bisschen zu üppig geraten ist, wie die taz findet. Wenn Stephen Lawless am Theater Lübeck Wagner inszeniert, wird nicht mehr aus Liebe gestorben, staunt van. Synchronsprecher europaweit schlagen Alarm, berichtet die SZ: KI bedroht ihre Arbeit. Die Welt flaniert in Karlsruhe durch eine Medienkunst-Ausstellung und meint: die klassischen Künste sind irgendwie sinnlicher. Musiker, die sich als Rebellen inszenieren, bringen uns nicht weiter, meint der Jazzer Wynton Marsalis im NZZ-Gespräch.
08.04.2025. Die FAZ berichtet von der russischsprachigen Buchmesse "Berlin Bebelplatz", die vor allem literarischen Dissidenten Gehör verschaffen will. Die SZ hängt in einer Bochumer Ausstellung auf dem "Hug Sofa" der Künstlerin Valentina Karga ab und schaut sich dabei Videos vom Klimawandel an. Die FR würde in einer Wiesbadener Inszenierung des "Barbiers von Sevilla" am liebsten mit Nikolaus Habjans Puppen über die Bühne fliegen. Und die NZZ macht in einer Zürcher Ausstellung über die frühen Techno-Jahre die Nacht zum Tag. Und Peter Handke ist sich in der NZZ sicher: Europa hat Selenski zum Krieg ermuntert...
07.04.2025. Die SZ ist Schorsch Kamerun dankbar, dass er in seiner Musik-Revue "Große Gewinne Schwere Verluste" am Deutschen Theater Berlin die Hauptstadt mal wieder in purer Lebensfreude erstrahlen lässt. Die FAZ blickt in einer Ausstellung im Lenbachhaus wehmütig auf die Landschaften vergangener Zeiten. Die taz fühlt sich in Fleur Fortunés Science-Fiction-Film "The Assessment" an Kafka und Mondrian erinnert. Außerdem trauert sie um den Singersongwriter Michael Hurley, der alles mögliche war, aber niemals "career-minded". Die FAS greift eine amerikanische Kunstdebatte auf: Ist es reaktionär gegen "woke" zu sein?
05.04.2025. Im Perlentaucher protestiert der Schriftsteller Christian Kortmann gegen die schlechten Bedingungen, die sogenannte Schriftstellerstipendien und Stadtschreiberstellen bieten. Das Kino ist heute nicht mehr so frei wie früher, klagt der italienische Regisseur Paolo Sorrentino in der WamS. In der FAZ schwärmt der slowakische Schriftsteller Michal Hvorecký von der atemberaubenden Schönheit der Cecilia Gonzaga, die Donatello in einer Büste verewigt hat, zu sehen im slowakischen Zips.
04.04.2025. Die Raubkunst-Affäre in Bayern zieht immer weitere Kreise: FAZ, SZ und NZZ vermuten, dass Bernhard Maaz als Sündenbock für das Fehlverhalten von Minister Markus Blume herhalten muss. Wie schwierig es war, im Nachwende-Osten aufzuwachsen, lernt der Tagesspiegel von Constanze Klaues Film "Mit der Faust in die Welt schlagen" nach dem Roman von Lukas Rietzschel. Kader Attous "Prélude" überzeugt die FR auf dem Tanzmainz-Festival durch seine Rhythmusbetontheit. SpOn kann in der Debatte um den Preis der Leipziger Buchmesse an Kristine Bilkau nicht nachvollziehen, woher der Vorwurf kommt, männliche Kritiker würden ihr den Preis nicht gönnen.
03.04.2025. Nach der Raubkunst-Affäre in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen entlässt Bayerns Kulturminister Markus Blume deren Generaldirektor Bernhard Maaz, verkündet die SZ. Es lag noch viel mehr im Argen, mutmaßt die FR. Die taz würde im Berliner Haus am Waldsee gern an Ull Hohns schwefelgelben Gemälden über amerikanischen Kolonialismus lecken. Die Zeit fühlt sich unwohl, wenn Blixa Bargeld von Claudia Roth das Bundesverdienstkreuz erhält. Und alle trauern um Hollywoods leuchtenden Boomer Val Kilmer.
02.04.2025. Heute vor hundert Jahren wurde Hans Rosenthal geboren. Das ZDF würdigt den Moderator mit einem Biopic von Oliver Haffner, das die Welt als Momentaufnahme eines Lands im Umbruch empfiehlt. Mohammad Rasoulof wird weiter Filme über den Iran und die Lügen des Regimes machen, berichtet er der FAZ, zur Not von Deutschland aus. Die deutschen PEN-Dependancen sollen amerikanischen Autoren Asyl anbieten, schlägt Nora Gomringer ebenfalls in der FAZ vor. Nacktheit und geistliche Musik passen erstaunlich gut zusammen, lernt die FR in einem humorvollen Tanzstück von Emese Cuhorka und Csaba Molnár.
01.04.2025. Die SZ legt in Rom den Menschendenker Caravaggio hinter dem Rebellen frei. Die FR betrachtet in Berlin fasziniert launische Streptomyceten auf Erbsenpflanzen, die Kathrin Linkersdorff auf Fotografien bannt. In der NZZ ruft der Filmproduzent Martin Moszkowicz dazu auf, mehr in deutschen Film zu investieren, auch weil er gern mehr verdienen würde. FAZ und FR trotzen in Frankfurt dank Daniela Löffler mit Aribert Reimanns letzter Oper dem Tod. Die SZ verneigt sich vor der norwegischen Virtuosin Vilde Frang, die Robert Schumanns Violinkonzert von 1853 die lange versagte poetische Noblesse zurückgab.