9punkt - Die Debattenrundschau

Wer als Erstes schießt

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.07.2020. Die Frage ist nicht, ob Kant rassistisch ist, sondern ob der Universalismus rassistisch ist, erklärt in der Welt der israelische Philosoph Omri Boehm. In der NZZ sucht Nathan Gardels nach einer neuen moralischen Sprache, die mit dem technischen Fortschritt mithalten kann. Im Guardian freut sich Billy Bragg, dass die cancel culture den Linksliberalen zeigt, wo's langgeht. Die Linke zerfleischt sich doch nur selbst, ärgert sich dagegen Marina Weisband auf Zeit online. Warum hilft die EU, das globale Internet zu zerschlagen, fragt die SZ.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.07.2020 finden Sie hier

Ideen

Im Interview mit der Welt spricht der israelische Philosoph Omri Boehm über den Zionismus, Israel als Apartheidsstaat (was er als Beschreibung ablehnt), Identitätspolitik und den Universalismus: "Ich denke, die deutsche Diskussion um Kants Rassismus geht am eigentlichen Punkt vorbei. Ich kenne die Debatte aus den USA. Viele meiner Studenten denken, Kant sei ein Kolonialist und ein chauvinistisches Schwein. Natürlich hat er manch Schreckliches in Bezug auf Schwarze geschrieben, ebenso über Frauen und Juden. Er war ein Mann seiner Zeit. Aber will man jetzt die Grundidee der Aufklärung auflösen? Die eigentliche Frage ist nicht, ob Kant Rassist war, sondern ob der Universalismus selbst rassistisch ist, wie jetzt die Identitätspolitiker von links und rechts behaupten. Wenn Universalismus rassistisch ist, war Kant Rassist. Wenn Universalismus aber die einzige Antwort auf Rassismus ist, dann ist Kant die beste Waffe gegen Rassismus, die wir haben. Zu viele auf der Linken haben argumentiert, Universalismus sei Rassismus, weil er nur für weiße Männer gedacht sei. Wenn Sie so argumentieren, sind Sie bald bei einer AfD-Position. Die angeblich Linke und die Rechte haben dieselben anti-universalistischen Annahmen; dann geht es am Ende nur noch darum, wer als Erstes schießt."

Unsere technischen Fortschritte wachsen uns langsam über den Kopf, unser Denken kann da nicht mithalten, meint Nathan Gardels, leitender Berater des Think-Tanks Berggruen Institute, in der NZZ. "Die Wissenschaft hat - jedenfalls aus der Sicht unserer Philosophen und Theologen - derzeit kein Verständnis des Seins. Sie kann lediglich berichten, dass wir eine Ansammlung von Zellen sind; ein Bündel Nerven; ein Immunsystem; Wirt für ein Universum von Mikroben. Das Sein, die Person, die Menschenwürde - all das sind Konzepte, die ihren Ursprung in der religiösen Vorstellungswelt haben." Und das sei mit ein Grund, warum Religion plötzlich wieder gefragt sei: Auf der Suche nach einer "neuen moralischen Sprache", die mit der Wissenschaft Schritt halten könne, müsse man "aus allen verfügbaren Quellen der Weisheit schöpfen, auch aus den frühen religiösen und ethischen Schriften sämtlicher Kulturen".

Überbevölkerung ist nicht das Problem der Erde, sondern Überkonsum, meint im Interview mit der SZ die Soziologin Shalini Randeria. Dennoch werde vor allem über ersteres gestritten, aus Angst, den "demografischen Wettlauf" zu verlieren: "Zwar wird diese Angst oft in Diskursen über die scheinbare kulturelle Unvereinbarkeit vom Islam mit abendländischen Werten in Europa ausgedrückt, aber das demografische Argument schwingt stets mit. In vielen osteuropäischen Gesellschaften wird vor der Entvölkerung des Landes aufgrund der hohen Auswanderung, gepaart mit den niedrigen Geburtenraten, gewarnt. Der Trend hin zu einem Diskurs von 'demographischer Sicherheit' wird von immer stärker werdenden ethno-nationalistischen und populistischen Tendenzen genährt."
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Europa

In der Türkei hat das Oberverwaltungsgericht den Status der Hagia Sophia als Museum aufgehoben. Damit ist für Präsident Recep Tayyip Erdoğan der Weg frei, das im 6. Jahrhundert n.u.Z. als christliche Kathedrale errichtete Bauwerk als Moschee zu nutzen, wie er es schon länger plante, meldet die Zeit. Für Deniz Yüksel (Welt) zeigt das vor allem, dass Erdogan verzweifelt nach Wahlkampfschlagern sucht, denn: "Die großen Erzählungen von Demokratie, Freiheit und Wohlstand, die jahrelang maßgeblich zum Erfolg der AKP beigetragen haben, sind krachend gescheitert. Stattdessen zehrt Erdogan die populistischen Notgroschen auf. ... Nach der Hagia Sophia blieben in der Reserve: der Abriss des Gezi-Parks und die Wiedereinführung der Todesstrafe. Nichts davon wird den Niedergang aufhalten. Die Frage ist nicht, ob dieses Regime zugrunde geht, sondern was es an zivilisatorischen Errungenschaften der Türkischen Republik noch mit sich niederreißt."

Dass Rafal Trzaskowski am Sonntag die Wahl in Polen gegen den amtierenden Präsidenten Andrzej Duda gelingen könnte, ist allein schon ein kleines Wunder, das in Westeuropa viel zu wenig gewürdigt wird, findet Tomasz Kurianowicz in der Berliner Zeitung. "Trzaskowski steht für Vielfalt. Er ist tolerant und polyglott, smart und bescheiden - ein Politiker, wie man sich ihn auch in Deutschland wünscht. Nach fünf Jahren PiS-Herrschaft hat der Westen das liberale Polen nahezu vergessen. Die Brücken zwischen Berlin und Warschau sind holpriger geworden, die Beziehungen schlechter. Der Westen ist nicht ganz unschuldig daran. Es gibt immer noch erstaunlich viele Deutsche, die sich für das Land nicht interessieren, es für fremdenfeindlich und rückständig halten. Selbst in meinem Freundeskreis gibt es Liberale, die noch nie in Polen waren, Warschau nicht kennen, Krakau nie besucht haben. Auch das ist ein Grund, warum sich viele Polen nicht ernst genommen fühlen. Sie haben den Eindruck, dass der Westen auf sie herabblickt. Hand aufs Herz: Sie haben recht mit diesem Gefühl."

Index.hu ist das meistgelesene Nachrichtenportal Ungarns und eins der letzten orban-kritischen Medien. Jetzt droht ihm das Aus, berichtet Frank Herold im Tagesspiegel. "Der Druck auf index.hu folgt jetzt einem bewährten Muster: über das Anzeigengeschäft. Das organisiert für index das Unternehmen Indamedia, und dies gehört - wie könnte es anders sein - einem Unternehmer, der der Regierungspartei nahesteht. Vorgeblich werden die angeordneten Veränderungen ökonomisch begründet. Das Anzeigengeschäft laufe nicht, also müsse extrem gespart werden. Doch Mikos Vaszily der Mann, der Indamedia kontrolliert, hat einen Ruf. Er hat schon andere Medienportale gleichgeschaltet. Außerdem steht er an der Spitze des Fernsehsenders TV2, der wie Fernsehen und Radio insgesamt loyal aufseiten Orbans stehen." (Mehr Informationen auf der englischsprachigen Webseite des Portals.)
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Politik

Ob Israel nun das Westjordanland annektiert oder nicht, es ist in jedem Fall ein Unrechtsstaat, schreiben in der taz die PalästinenserInnen Inès Abdel Razek, Salem Barahmeh und Fadi Quran und fordern von der EU mehr Aktion: "Es sollte keinen Unterschied machen, was am 1. Juli passieren sollte. Es besteht unmittelbarer Handlungsbedarf. Wir müssen die Fassade hinter uns lassen, die uns die vergangenen Jahrzehnte gefesselt und unsere Fähigkeit untergraben hat, die grundlegendsten unserer menschlichen Ansprüche zu verfolgen. Europa muss seinen politischen Diskurs der Realität vor Ort anpassen, das System der Dominanz als solches erkennen und politischen und wirtschaftlichen Druck auf Israel ausüben, um es abzuschaffen. Unsere Zukunftsvision ruht auf den Säulen der Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Würde. Wir wollen das heute bestehende Apartheidsystem in einen neuen Gesellschaftsvertrag überführen, der sicherstellt, dass alle, die zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer leben, frei und gleich sind, dass Gerechtigkeit herrscht und alle ein Leben in Würde leben, ohne Ansehen von Religion, Ethnizität, Rasse oder Geschlecht." (Ob die Hamas da mitmachen würde, überlegen die drei allerdings nicht.)
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Stichwörter: Israel, Rasse

Geschichte

Vor 25 Jahren fand in Srebrenica das größte Massaker in Europa nach 1945 statt, 8.300 muslimische Bosniaken - vom Kleinkind bis zum Greis - wurden damals von serbischen Milizen ermordet. Dass die UNO damals so versagt hat, lag weniger an den niederländischen Blauhelmen als an einzelnen Staaten wie Frankreich, den USA oder den Deutschen, die nicht bereit waren, für Srebrenica einen Krieg zu führen, meint im Interview mit der taz die Historikerin Marie-Janine Calic. Heute wünschte sie sich aber eher weniger Einmischung von außen in Bosnien: "Ich glaube nicht mehr daran, dass Europa die Probleme in Bosnien oder auf dem Westbalkan lösen muss. Das müssen die Menschen dort schon selber - und sie könnten es bestimmt auch. Ich glaube sogar, dass die externen Akteure mit ihrem Überprotektionismus sehr viel Schaden angerichtet haben. Das hat der politischen Klasse und der Bevölkerung vor Ort systematisch die Fähigkeit abtrainiert, selbst Verantwortung zu übernehmen, Kompromisse und Lösungsansätze zu entwickeln. Viele haben sich gut damit eingerichtet, dass andere für die eigenen Probleme zuständig sind."

Auch Caroline Fetscher erinnert sich im Tagesspiegel an die Stimmung 1995 in einem Europa, das von Genozid und Massakern nichts wissen wollte: "Als der Irrsinn von Jugoslawiens destruktiven Zerfallskriegen begann, fand sich das übrige Europa in der Euphorie nach dem Mauerfall, und als Srebrenica fiel, verhüllte Christo den Reichstag, man feierte und tanzte. Krieg? Das passte nicht zur Stimmung. Europa sah zu und verdrängte. Erst nach den Massakern von Srebrenica intervenierte die Nato, und nur auf Drängen von Amerikas Außenministerin Madeleine Albright."

In der NZZ erinnert der Historiker Christoph Jahr an den Deutsch-Französischen Krieg, der vor 150 Jahren begann.
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Gesellschaft

Cancel culture? Ist doch prima! Da sagen die Jungen den Alten endlich mal, wo's langgeht, freut sich im Guardian der 62-jährige Musiker Billy Bragg. "Wir blicken auf autoritäre Gesellschaften herab, weil ihre Führer ohne Hemmungen handeln, doch in Trump sehen wir einen Präsidenten, der in seinem Privatleben oder in seiner beruflichen Laufbahn nie zur Rechenschaft gezogen wurde, und seine Wähler lieben ihn dafür. Die Anhänger von Boris Johnson zucken angesichts der Beispiele für seine Verantwortungslosigkeit mit den Achseln und sagen, Boris sei eben Boris. Straflosigkeit ist zu einem Zeichen der Stärke geworden. Man konnte es im Gesicht des ehemaligen Polizeibeamten Derek Chauvin sehen, als er sein Knie acht Minuten und 46 Sekunden lang auf Floyds Hals hielt. Als Reaktion auf diesen Trend ist eine neue Generation herangewachsen, die der Verantwortlichkeit Vorrang vor der Redefreiheit einräumt. Für diejenigen, deren liberale Ideale keine Verteidigung gegen die steigende Flut des doppelzüngigen Autoritarismus darstellen, ist dies ein Schock."

Auf Zeit online (leider hinter einer Bezahlschranke) fragt die ehemalige Piraten-Politikerin Marina Weisband mit Blick auf die cancel culture dagegen, warum die Linke derzeit nichts lieber tut als sich in den sozialen Medien selbst zu zerfleischen: "Während Rechte mit ihren Shitstorms den politischen Gegner angehen, branden linke Shitstorms oft gegen Gleichgesinnte. Warum sind wir so streng - vor allem mit unseresgleichen? Zeit für ein ernstes Wort an die eigene Peergroup.  ... Es ist paradox. Die sozialen Medien waren doch das Versprechen eines neuen Diskurs-Gleichgewichts. Eine Art Mikrofon für die Ungehörten. Jenseits der gesellschaftlichen Position. Jenseits der Gatekeeper und der Massenmedien. Jetzt habe ich beim Twittern regelmäßig mehr Angst, Prügel aus meinen eigenen, eher linken Kreisen zu beziehen als von meinen politischen Gegnern. Inhaltlich oft berechtigte Kritik, jedoch selten so formuliert, dass man daraus wirklich etwas lernen kann. Als gäbe es gar nicht die Erwartung, dass ich das wollte."

Weiteres: Dass man trotz ganz unterschiedlicher Ansichten sogar befreundet sein kann, lernt man in der taz, wo Fabian Grieger die Geschichte der Freundschaft zwischen dem ehemaligen RAF-Terroristen Christof Wackernagel und dem Polizisten Herman van Hoogen erzählt. Und die beiden haben sogar aufeinander geschossen! Meredith Haaf mäandert in der SZ um den neuen Streitbegriff "Frau", der mit der Ächtung von J.K. Rowling seinen vorläufigen Höhepunkt fand (unsere Resümees), ohne so recht zu einer Meinung zu kommen (oder wenigstens mal zu fragen, warum dieser Streit ausschließlich um Frauen kreist, nie um Personen mit Prostata).
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Internet

China baut immer weiter an einem zensierten und überwachten lokalen Internet als Alternative zu amerikanischen Anbietern. Die Amerikaner saugen überall Daten ab und versuchen, die chinesische Konkurrenz auszuschalten. Selbst die EU macht mit, das globale Internet zu zerschlagen, warnt Jannis Brühl in der SZ: Sie "möchte Facebook und Google mit Datenschutz- und Kartellrecht möglichst klein halten. In einer Studie vom Mai rät zudem eine Beratungsfirma, die ein EU-Parlamentsausschuss beauftragt hat: Unter dem Schutz einer 'europäischen Firewall' könnten wettbewerbsfähige Start-ups entstehen. Diese könne 'wie die chinesische Firewall' dann 'unrechtmäßige' Inhalte aus Drittländern blockieren. Wenn Facebook einen illegalen Beitrag nicht löscht, wäre der ganze Dienst in der EU plötzlich nicht mehr zu erreichen."

Ins große Überwachungsgeschäft ist auch das polnische Startup PimEyes eingestiegen. Es analysiert Gesichter auf Fotos, die man im Netz hochlädt. Die Datenbank soll laut Unternehmen 900 Millionen Gesichter umfassen, berichtet auf netzpolitik Markus Beckedahl, der mehr Datenschutz fordert: "Es gibt doch für jeden Mist automatisierte Entscheidungssysteme, warum eigentlich nicht für das millionenfache Abgrasen von Fotos? Wir brauchen eine bessere Umsetzung von Datenschutz als Grundeinstellung und im Design. Solchen Unternehmen wird es sehr einfach gemacht, indem die Grundeinstellungen in sozialen Medien immer auf öffentlich stehen. Wer das ändern will, braucht die Kompetenz und häufig einen langen Atem, die richtigen Einstellungen zu finden und zu verschärfen. Warum ist dieses Privacy-by-Design immer noch nicht eingeführt? Es wäre so einfach: Alles wird erst mal auf nicht-öffentlich gestellt - und wer freizügig sein will, hat die Freiheit, sich zum Verlust seiner privaten Daten mühsam durchzuklicken! Dann hätten wir sofort weniger Probleme."
Archiv: Internet