Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

März, 2017

Affekt, Intimität und Behaglichkeit

28.03.2017. Die NZZ begeistert sich für das Theatre 4 Change des Architekturaktivisten Alfredo Brillembourg. Der taz offenbart sich in den von Sibylle Springer verschleierten Klassikern das Grauen der Malerei The Qietus fragt, wie eigentlich antikapitalistische Ambient Music klingen würde. Und die Welt stellt klar: Nicht Gender-Schieflagen sind das Problem der Literatur, sondern ihre Pellkartoffelhaftigkeit.

Harte Arbeit am Bewusstsein

27.03.2017. Die Feuilletons bilanzieren die Leipziger Buchmesse, die ihnen bei drückender Themenlage  erstaunlich aufbruchswillig erschien. Die NZZ lernt in Basel mit Iannis Xenakis' "Oresteia" der Demokratie zu misstrauen. Die Nachtkritik erlebt Kleists "Zerbrochenen Krug" in Hamburg in seinem ganzen Schrecken. In der FAZ bangt Alexander Horwath um das analoge Filmerbe. Und die taz lauscht der Zufallssinfonie des Experimentalmusikers Alvin Lucier.

Gar nicht fraulich

25.03.2017. Wie soziale Kontrolle funktioniert, lernt die Presse in einer großen Spitzweg-Wurm-Ausstellung. Der Standard lernt es in Catalanis "La Wally". Im Irak zeigen die neuen Effendis, wie man den Spießern mit Haaröl und extravaganten Westen eine lange Nase dreht. Der Freitag unterhält sich mit dem Psychologen und Autor Red Haircrow über das deutsche Winnetou-Bild vom Indianer. Die taz hört Gewalt mit Wucht. Die Welt lässt sich von der Literaturzeitschrift Das Wetter ins Zeitalter der Ultraromantik führen.

Erotik des Wissens

24.03.2017. Sehr einverstanden sind die Kommentatoren in Leipzig mit der Verleihung der Buchmesse-Preise an Barbara Stollberg-Rilinger, Eva Lüdi Kong und Natascha Wodin. Auch Leyla Dakhlis Laudatio auf Mathias Énard und dessen Dankesrede kommen gut an. In Berlin liegen die Kritiker den Philharmonikern und ihrem designierten Chefdirigenten Kiril Petrenko zu Füßen. Und alle gratulieren Martin Walser zum Neunzigsten.

Mit Ukulele und Trompeten

23.03.2017. Was ist das Fällen eines Holzkreuzes gegen das Fällen Tausender von Bäumen, fragt sich die nachtkritik in Warschau. Ganz große und hoch aktuelle Oper erlebt die FAZ mit Busonis "Doktor Faust" in Dresden. Die NZZ erkennt in Lyon mit Berghaus, Müller und Grüber, wo die Latte bei Operninszenierungen hängt. Die Filmkritiker setzen sich Daniel Espinosas Monstern aus. Und heute beginnt die Leipziger Buchmesse: Der Tagesspiegel denkt über Literatur im postfaktischen Zeitalter nach.

Stetiger Fluss der Energie

22.03.2017. Die Berliner Volksbühne kündigt an, ihr Wahrzeichen, den Räuberzinken, abzubauen, um es ja nicht Chris Dercon in die Hände fallen zu lassen. Das Rad ist unser und also die Rache?, fragt der Tagesspiegel. Der Standard erkennt in Moskau das Kontinuum in der europäischen Kunst. NZZ und taz feiern den französischen Autor Mathias Enard, der heute den Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhält. Und große Trauer herrscht über den Tod der großen amerikanischen Choreografin Trisha Brown.

Die Leisetreter unter den Exklusiven

21.03.2017. Die taz bewundert die recycelten Collagen des chinesischen Baumeister Wang Shu. Die SZ erklimmt mit Jarvis Cocker und Chilly Gonzales die melodischen Wendeltreppen des Chateau Marmont. Im Literaturgespräch mit dem Freitag erklärt Zoë Beck, warum Donald Trump keinen guten Stoff hergibt. In der NZZ empfiehlt auch Thomas Stangl eher höfliches Ausweichen. Und auf SpOn beklagt Frederic Jaeger die Überalterung des Festivalbetriebs.

Bedrückend dionysisch

20.03.2017. In der Wiener Burg-Inszenierung von Aischylos' "Orestie" sehen Standard und Nachtkritik das schwarze Blut von Bürgern die Bühne hinunterrinnen. Der NZZ schallt aus Frankfurts Altstadt ein Aufschrei nach verlorener Heimeligkeit entgegen. Die FAZ bringt ein Zehn-Punkte-Papier gegen Schinkels Bauakademie. Die SZ hätte Sebastiano del Piombo gern vor der Freundschaft Michelangelos bewahrt. Im Standard erlebt die Schauspielerin Taraneh Alidoosti den Iran auf einmal richtig punkig. Und alle trauern um Chuck Berry: Be good!, ruft Barack Obama ihm nach.

Der Sound der unbarmherzig summenden Mücken

18.03.2017. Plattensammlungen werden endlich zum Forschungsgegenstand von Ivy-League-Universitäten, freut sich die SZ. Felix Mitterers verhinderte Robinsonade "Galápagos" im Theater an der Josefstadt lässt die Kritiker ratlos zurück. Bei den Nominierungen für den Deutschen Filmpreis finden die Kommentatoren Licht und Schatten. SZ und Welt gratulieren Martin Walser zum Neunzigsten. Und in der Welt weiß David Wnendt: Mit Ambitionen kommt man beim Tatort-Dreh nicht weit.

Daran gewöhnt man sich irgendwann

17.03.2017. Nonsense, Poesie, Dramatik und Pathos erlebt die Nachtkritik mit Alexander Giesches "White Out" in Luzern. Die taz stellt den afroamerikanischen Komponisten Julius Eastman und seine organische Musik vor. Matthias Schweighöfers Amazon-Serie "You Are Wanted" fällt bei der Kritik weitgehend durch. Die NZZ preist Walt Whitmans erst vor kurzem entdeckten Roman "Jack Engle" als virtuosen Genre-Mix. Außerdem erklärt sie, warum im Koreanischen Ironie nicht möglich ist.

Das schöne Pathos der Siebzehnjährigkeit

16.03.2017. Die Presse freut sich über Jakob Lena Knebls respektlose Neuordnung der Sammlung im Wiener Mumok. In der FR graust es den Schriftsteller Iván Sándor davor, dass Imre Kertesz' Nachlass in Ungarn verwaltet werden soll. Die SZ hört Christiane Rösingers Lieder ohne Leiden in gewohnt knatschiger Och-nö-Tonlage. Die nachtkritik fragt, warum Gläubige auf deutschen Bühnen immer als Deformierte beschrieben werden. Die Filmkritiker lieben Altmeister Andre Techine für seine hinreißenden 17-Jährigen.

Archaisch erscheinen die bossierten Fensterstürze

15.03.2017. Im Perlentaucher erkennt Daniele Dell'Agli im Ambient des Brian Eno die subversivste aller Avantgarden. Die taz entdeckt bei der MaerzMusik Walter Smetaks mikrotonal zirpende Expansionsmusik. Der Freitag reist mit dem deutsch-iranischen Regisseur Sohrab Shahid Saless zu einer Retrospektive nach Teheran. Außerdem denkt Aminatta Forna im Freitag über die afrikanische Gegenwartsliteratur nach. Und die NZZ freut sich, dass Zürich wieder auf das Neue Bauen setzt.

Adelig, zickig, lebensuntauglich

14.03.2017. Die FAZ möchte sich gern von dem neuen Suhrkamp-Verlagsgebäude aus dem sinnlichen Entzugskoma reißen lassen, in das Berlins Architektur sie vor zwei Jahrzehnten versetzte. Die taz streift in Moskau durch die Ruinen des Konstruktivismus. Die NZZ würdigt die Noblesse der Sopranistin Anja Harteros. Die SZ erlebt in der Ed-Atkins-Schau im Frankfurter MMK Avatare in echter Sartre-Stimmung. Die Welt stichelt gegen die Verehrer der Paula Modersohn-Becker. Und in der Zeit baut David Grossman am großen Bollwerk gegen den Rechtspopulismus.

Ein missglückter Palatschinken

13.03.2017. Die NZZ huldigt dem olfaktorischen Konzeptkünstler Serge Lutens. Die FR lernt, dass es bei Egon Schieles "Mädchen mit grünen Strümpfen" definitiv nicht um Sex geht. Hellsichtigen Wahn erleben Standard und taz in Joachim Meyerhoffs Bühnenversion von Thomas Melles Manie-Bericht "Die Welt im Rücken". Außerdem wird die taz natürlich high vom reinen Sound der Experimentalkomponistin Catherine Christer Hennix.

Sie wollen alle unser Bestes

11.03.2017. Das lettische Architekturbüro Mailitis lässt die Shaolin Mönche fliegen, erzählt Dezeen. In der NZZ plädiert Autor Lorenz Langenegger für Literaturförderung ohne das ganze Gequatsche drumrum. Auf Artechock hätte Rüdiger Suchsland im Film gern mehr ästhetische Maßstäbe statt Frauenquoten. Die Nachtkritik lernt von Alize Zandwijk und Ibsen einiges über die Lebenslügen der Männer. Im Guardian stellt der Modedesigner JW Anderson seine erste kuratierte Ausstellung vor. Die taz huldigt dem Genitiv-Chaos des Free Jazz.

Der bodenlose Ozean des Lebens

10.03.2017. Der populäre russische Schriftsteller Zakhar Prilepin befehligt ein Bataillon in der Donezker Volksrepublik, berichtet die NZZ. Der Guardian staunt über den Künstler Robert Sikoryak, der die iTunes-AGB zu einem Comic adaptiert hat. Die taz freut sich beim neuen Album der Magnetic Fields über ganz viel Disco, ganz viel Dancing. Die FAZ vergewissert sich im Louvre einmal mehr der Meisterschaft Vermeers. Und die SZ verirrt sich in Daniel Libeskinds neuem Zentralgebäude der Uni Lüneburg.

Verkürzte Syntax, rotzig, derb

09.03.2017. Ziemlich feige findet die FAZ die Ausladung des AfD-Politikers Marc Jongen von einer Theaterdiskussion. Im TagesAnzeiger ist Raphael Urweider dagegen froh, dem "Monster" Jongen nicht begegnen zu müssen. In der taz denkt der Autor Senthuran Varatharajah über authentische Sprache nach. Im Blog Hundertvierzehn erzählt Thorsten Palzhoff, wie niederländische Autoren auf Geert Wilders reagieren.

Am Ende fressen sie Staub

08.03.2017. Absolut überwältigt sind die Kritiker von Barry Jenkins' poetischem Coming-of-Age-Film "Moonlight", der nun endlich auch in die deutschen Kinos kommt: Die SZ feiert ihn für seine schwarze Poesie, Berliner Zeitung für die Bewahrung der Zärtlichkeit, die Welt konnte Miamis schwüle Luft auf der Haut spüren. Die NZZ sieht beim Filmfestival in Ouagadougou das afrikanische Kino in der Bredouille. In Freitext erinnert der weißrussische Autor Viktor Martinowitsch an das Imperium der Feigheit. Und gegen Trump, meint ZeitOnline außerdem, hilft nur mehr Krach.

Der Trost der schönen Fassade

07.03.2017. Die taz annonciert die Rückkehr des Plissees, an dessen Kanten Zauber und Langeweile zusammenstoßen. Die NZZ huldigt der Kreativität der DDR-Mode. Die FR frohlockt über Jossi Wielers urkomische "Ariodante"-Inszenierung in Stuttgart. Der Standard erinnert an die Avantgarde-Cellistin Charlotte Moorman, die Brahms mit Brustpropellern spielen konnte.

Das Chaos ist noch nicht aufgebraucht

06.03.2017. Die Hölle, das sind die Global Player: An der Berliner Volksbühne gibt Frank Castorf seinen Abschied mit einer Wallfahrt auf den Mount Faust - die Kritiker liegen ihm zu Füßen. Die FAZ lernt von Marcel Broodthaers im Düsseldorfer K21, dass zu einem Kunstwerk auch Palmen und Kamele gehören. Die taz erkundet desn Symbolismus als Krisenphänomen. Der Tagesspiegel feiert Frank Gehrys Pierre-Boulez-Saal als reinstes Raumwunder.

Und dann tauchen da Artisten auf

04.03.2017. Die FAZ fragt, warum ein Hedgefonds-Manager in Wiens historischem Zentrum ein Hochhaus mit Luxusappartments bauen darf. Die NZZ rühmt den Architekten Vann Molyvann als einen Pionier der kambodschanischen Moderne, fürchtet jedoch um den Abriss seines Nationalstadions in Phnom Penh. Außerdem wünscht sie sich Architekturpreise nicht für Baukünstler, sondern für wegweisende Bauten. Die SZ erfährt von der Choreografin Helena Waldmann, wer heute noch so rackert wie Tänzer vor zwanzig Jahren. Die Welt freut sich auf Barenboims Pierre-Bouelez-Saal, der heute in Berlin eröffnet wird.

Zwischen Schrulligkeit und Dunkelheit

03.03.2017. Die SZ staunt, wie in der Albertina aus dem Erotomanen Egon Schiele ein Asket wird. In der Zeit hat Maren Ade beobachtet, wie die amerikanische Perfektion zusammenstürzt. Die NZZ lässt sich von giftiger Literatur humanisieren. Außerdem beklagt sie den bevorstehenden Abriss architektonischer Beton-Meisterwerke in Indien. Das art-magazin fordert kritischen Populismus in der Kunst. Und die Welt erfährt: Andy Warhol hasste Donald Trump.

Die Kombinationsgabe schockiert

02.03.2017. Die Nachtkritik erlebt vom Präsidenten-Vater verordnete Staatskunst im weißrussischen Theater. Kelly Reichardts Film "Certain Women" entlarvt gesellschaftliche Hierarchien, loben die Kritiker. Standard und NZZ gratulieren dem spanischen Architektentrio Aranda, Pigem, Vilata zum Pritzker-Preis. Die FAZ räumt in Zürich mit Klischees über Ernst Ludwig Kirchner auf. Jungle World hört skrupulösen blue-eyed Soul von Dirty Projector. Und die Literaturwelt trauert um den überraschend verstorbenen Literaturchef der SZ, Christopher Schmidt.

Ich werde immer meinen, was ich sage

01.03.2017. Die Welt blickt in der Ost-Modezeitschrift "Sibylle" ins Sehnsuchtsland DDR. Die SZ sucht Erlösung im Underground-Sound von Vaporwave. Außerdem besucht sie Thomas Manns "Weißes Haus des deutschen Exils" in Kalifornien. Die NZZ untersucht die Schnittstellen von Kunst und Design und findet sie in einer Wurstkette. Martin Scorceses "Silence" spaltet die Kritik. Und der Standard nimmt ungepflegte, weiße Männer mit nach Hause.