Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Mai, 2016

Ein Herrscher mit Holzkopf

31.05.2016. Absolut up-to-date findet die taz den Feldforschungspop kurdischer Musikerinnen, von denen einige in Kobane gekämpft haben. Die NZZ stellt die Freak-Folklore der Kiewer Dakh Daughters Band vor. Die FAZ stellt beim Comic-Salon in Erlangen fest: Alle Innovation geht von Frauen aus. Die SZ gibt sich in Bohuslav Martinus Oper "Juliette" der Obsession der Träume hin. Und die Berliner Zeitung erahnt allmählich die Raffinesse in Alejandro Aravenas kleinteilige Architekturbiennale.

Garantiert nicht edel

30.05.2016. Frank Castorf inszeniert an der Volksbühne Bulgakows "Kabale der Scheinheiligen" und provoziert gewohnt konträre Reaktionen: Die SZ sieht hier sehr gelungen den Künstler als Opfer der Macht und schamfreien Gaukler porträtiert, der Tagesspiegel lernt Sterbenslangeweile auszuhalten. Die NZZ erkundet in Schaffhausen die polystilistische Geschmeidigkeit heutiger Jazzmusikerinnen. Die Welt bewundert die Zeichnungen Anthonis van Dycks. Und Critic.de ruft dazu auf, Sohrab Shahids Saless' Filme wiederzuentdecken.

Kosmische Zwitschertöne

28.05.2016. Zur Eröffnung der Architekturbiennale schreiben die Kritiker mit mäßiger Begeisterung aus Venedig: Immerhin sehr mediterran-luftig fand die SZ den aufgerissenen deutschen Pavillon. Die FAZ schluckt etwas unwillig die Bouillabaisse der guten Absichten. In der Welt erklärt Biennale-Chef Alejandro Aravena: Die bösen Jungs, das sind die Generalunternehmer. In der NZZ schreiben Taiye Selasi und Alex Perry in einem Schwerpunkt zu Afrika. Die taz folgt Annett Gröschner und Arwed Messmer beim Inventarisieren der Macht über 160 Kilometer Mauerstreifen.

Afrikas Ernüchterung

27.05.2016. Die NZZ hört von Paul Bowles gesammelte traditionelle Musik Marokkos. Die SZ sucht auf der Kunstbiennale in Dakar nach der Wiederverzauberung Afrikas. Die Zeit findet Architektur ohne Architekten auf der Biennale in Venedig. In der Welt unterhalten sich Maria Schrader, Lars Kraume und David Wnendt über alte und neue Nazis. Peter Simonischek zeigt als Pantalone in Wien eine Variation seines Toni-Erdmann-Grinsens, das die Zeit glatt umhaut.

Monströs externalisiertes Defizienz-Selbst

26.05.2016. Akiz' Horrorfilm "Der Nachtmahr" setzt das neue deutsche Filmwunder fort, freut sich die tazGauguin war zwar ein schlechter Maler, aber ein exzellenter Keramiker, lernt die NZZ in einer Kopenhagener Ausstellung. Der Tagesspiegel geißelt den feuilletonistisch-graphicnovelistischen Komplex, der deutschen Zeichnern alle Lust am fröhlichen Schund nehme.

Wie eine Einbauküche aus geeister Eiche

25.05.2016. Alles ist jetzt, lernt NYRB vom chinesischen Regisseur Gan Bi. Die FAZ wünscht sich von deutschen Verlagen mehr Engagement für die indische Literatur. Im Standard fürchtet Michael Köhlmeier als Bob-Dylan-Fan die "zersetzende" Kraft der Kritik. Bewundernswert findet die Welt, wie ökonomisch Aribert Reimann in seiner Oper "Lear" Extreme einsetzt. Die Zeit sucht in Saudi-Arabien nach den Freiräumen der Kunst.

Auf verrückte Weise falsch

24.05.2016. Die SZ besichtigt in Venedig eine aus Stahl und Beton gebaute Polemik gegen die Nostalgie. Die taz erlebt die krachenden Dissonanzen, zu denen bösartige Kleinbürger in und um Wien fähig sind. Die NZZ lernt von der Regisseurin Sigrif T'Hooft, dass Prinzen im Barock immer links stehen. Und der Guardian feiert die indische Lebensfreude in den Bildern Bhupen Khakhars.

Niemand musste leiden. Schade.

23.05.2016. In Cannes gewinnt Ken Loach mit dem Sozialdrama "I, Daniel Blake" die Goldene Palme. Maren Ades als Favorit gehandelter "Toni Erdmann" geht leer aus. Die Kritiker sind entgeistert: Langweilig und ungerecht findet Le Monde die Entscheidung. Sind die von Sinnen?, fragt die FAZ. Nur die NZZ ist zufrieden. Als krachenden Gewaltakt erlebt der Standard die Vertreibung einer Roma-Familie in Kornél Mundruczós Kammerspiel "Scheinleben". Die Welt besucht die Boris-Lurie-Ausstellung in Berlin.

Wie ein Duft nach Weihrauch

21.05.2016. Wagner als  italophilen Melodiker und eine vor Sehnsucht glühende Anna Netrebko als Elsa erlebten die Musikkritiker im Dresdner "Lohengrin".  Wollen die Russen einfach keine Freiheit?, überlegt der russische Autor Dmitry Glukhovsky in der SZ. Der Freitag sehnt sich nach einem Revival linker Literatur. In der FAZ erklärt Designer Raf Simons, warum er gern für die Nische arbeitet. Die Filmkritiker ziehen erste Bilanz in Cannes.

Hingabe an den Moment

20.05.2016. Im New Yorker erklärt Elena Ferrante, warum sie nicht an Gott glaubt, aber an die Theologie. Das Art Magazin lernt von Fürst Hermann von Pückler-Muskau die  Wichtigkeit der Planung, der Auswahl der Pflanzen und der Blickachsen für die Gartenbaukunst. In Cannes streiten die Filmkritiker um Xavier Dolans Film "Juste la fin du monde". Die Musikkritiker scharen sich um Bob Dylan.

Völlig ernste Fragen über das Leben

19.05.2016. In Cannes erholen sich die Kritiker von anstrengenden Kunstfilmen mit einem Ausflug in Mario Bavas popbunten Horrorklassiker "Planet der Vampire". In der FAZ erklärt der Karlsruher Museumsdirektor Eckart Köhne seine Pläne für ein "Mitmachmuseum". Die Literaturkritiker berichten erregt von einem erotischen Roman Rudolf Borchardts, der ein Meisterwerk sein soll, das niemand lesen darf. Die taz hört in Moers Jazz zwischen expressiver Emotionalität und reflexiver Implosionsfähigkeit.

Diese Mischung aus Nonchalance und Desinteresse

18.05.2016. Der Standard erschauert in Wien vor der abgründigen Schönheit von Sigalit Landaus Kunst. Die FAZ fragt, warum William Kentridge eigentlich nicht den Berliner Flughafen bespielen darf. In Cannes wurde Olivier Assayas' Geisterfilm  Personal Shopper" ausgebuht, fand aber auch entschiedene Anhänger. Slate.fr vergibt auf jeden Fall die Palme Dog an Marvin für seine tragende Rolle in Jim Jarmuschs "Paterson".

Überraschend, unangenehm, erfrischend

17.05.2016. Maren Ade versetzt mit ihrer Komödie "Toni Erdmann" die deutschen Kritiker in Cannes in einen Kinoglücksrausch. Die NZZ reist zur Biennale nach Dakar. Die Welt erlebt bei der großen Kölner Fernand-Léger-Schau Natur und Technik in reinster Harmonie. In der FAZ hat Amir Cheheltan einige Fragen an die Funktionäre des Teheraner Literaturbetriebs. Im Tagesspiegel verteidigt Christiane Peitz die Empathie in der Kultur und den Flüchtling auf der Theaterbühne. Und Zeit Online bricht eine Lanze für Ambient.

Das Schattendasein von Blumenkübeln in der Fußgängerzone

14.05.2016. Die Fassade kehrt zurück, jubelt die Welt und hofft auf ein Ende der gesichtslosen Architektur der Moderne. Aus Cannes dringen erste Euphorie-Eruptionen über Maren Ades "Toni Erdmann". Außerdem liefert Ken Loach Bewährtes und Bruno Dumont absurden Kannibalismus-Slapstick. Beim Berliner Theatertreffen wird über Kunst und Aktivismus diskutiert. Düsseldorf eben, denkt die SZ beim Schlendern durch die experimentell gestalteten Haltestellen der "Wehrhahnlinie". Und James Blakes neues Album ist selbst für James-Blake-Verhältnisse reichlich weinerlich ausgefallen, stöhnen die Kritiker.

Großer, pulsierender Organismus

13.05.2016. Die Filmkritiker sahen in Cannes ein erstes Highlight: Christi Puius Film "Sieranevada" über eine trauernde Großfamilie in Rumänien. Das Art Magazin sucht die Zukunft auf der Sidney Biennale. In der NZZ erklärt Jonas Kaufmann die Vorzüge Kirill Petrenkos als Operndirigent. Die NZZ tanzt zu Shabaka Hutchings Groove Jazz. Die taz fällt mit Konono No1 in Trance. Die FAZ denkt anlässlich einer Ausstellung von Kader Attia über Versöhnung und Reperatur nach.

Glaube an das Diesseits

12.05.2016. Die Filmkritiker streiten über Woody Allens Eröffnungsfilm für Cannes, eine Hommage an das Hollywood der Dreißiger. In der NZZ erklärt der amerikanische Autor David Mitchell die Elektroisolierungen seines jüngsten Romans. Der Freitag geißelt das Kapitulantentum deutscher Theater vor dem Islamismus. Der Tagesspiegel versichert: Keine Pimmel, nirgends, bei den Mülheimer Theatertagen. Die FAZ blüht auf mit der Kopf-ab-Symphonie Beethovens. Die NZZ bewundert Tingatinga-Künstler aus Tansania.

Dass man dafür Noten lesen muss

11.05.2016. Heute Abend eröffnen die Filmfestspiele in Cannes. Mit wenigen Regisseurinnen, moniert die taz, dafür aber immerhin mit Maren Ade, seufzt die Welt und findet die Verachtung des deutschen Films an der Croisette ungerecht. Le Monde freut sich besonders auf die exquisiten Bizarrerien Bruno Dumonts. Die FAZ erlebt mit Mozarts früher Oper "Mitridate" in Brüssel eine schöne Allegorie auf Brüssel. Die NZZ erlebt das explosive Beirut in den stillen Fotografien Nikolaus Geyers. Und der Tagesspiegel lernt von William Kentridge den Erfolg zu fürchten.

Der Tod ist kein sinnloser Lärm

10.05.2016. Als Pop-Avantgarde des Kinos feiert Ulf Erdmann Ziegler Lukasz Barczyks Film "Spanische Grippe", der zugleich Theater-, Musikgenie-, Kriegs- und Verschwörungsfilm sei. Die NZZ kommt in Zürich dem Verbrechen hinter dem beredten Schweigen in Debussys "Pelléas et Melisande" auf die Spur. Die Welt erliegt in Wolfsburg dem Tanzrausch. Die Popkritik erlebt in dieser Woche die Überwindung der Rockmusik durch Radiohead.

Was all die Tiere da tun

09.05.2016. Cargo erlebt auf den Kurzfilmtagen Oberhausen die atembraubende Schönheit der Filme Sun Xuns. Zeit Online bedauert das Ende der Anwaltsserie "The Good Wife". In der NZZ glaubt Martin Dean, dass Virtual Reality-Brillen die Literatur ebenso durchrütteln könnten wie die Kutschfahrten der Madame Bovary. Die SZ lernt, den griechischen Mythos im Ritus zu erfahren. Die FAZ erkundet die Ästhetik sozialistischen Bauens. Und Pitchfork schwebt mit Cluster im Himmel elekrtonischer Musik.

Die höchste Form der Selbstverwirklichung

07.05.2016. Im Guardian glaubt Don DeLillo an die Zukunft des Romans. In Kino-Zeit ermuntert der Filmhistoriker Christoph Draxtra, auch entlegene Filme zu restaurieren. Die FAZ besucht ein kulturelles Edelsahnetörtchen in San Francisco. Der Economist erzählt die Geschichte des Klavierbauers Paolo Fazioli. Die Welt sucht die Frau hinter dem Pseudonym Elena Ferrante.

Ja bitte, lasst die Welt untergehen

06.05.2016. Der Freitag entdeckt die zornige Macht des Malers Dieter Krieg. Die Jungle World vertieft sich in eine Studie über die Ästhetik des Plattenbaus. Die FR versinkt in den Augen Kathrin Angerers und vergisst darüber René Pollesch. Die NZZ hört Max Reger und versteht, dass sie nichts versteht.

Eine schönere Welt für jeden

04.05.2016. Bei Vulture erklärt die Literatur-Bloggerin Jessa Crispin, warum sie ihr Blog of a Bookslut schließt. Die NZZ erlebt im Kunstmuseum Basel, wie die Skulptur zur Kunstform der Auflösung wurde. Die SZ schwelgt in den üppigen Dekors der Amsterdamer Schule. Der Tagesspiegel feiert die Blüte des deutschen Comics. Die Zeit erlebt im ugandischen Actionkino, wie der amerikanische Jesus vor einem Kürbis flieht. Die taz widmet sich dem türkischen Trivialfilm.

Der Dichter kann beweisen

03.05.2016. Die NZZ erlebt in neu entdeckten Briefen Robert Walser als fleißig-pünktlichen Angestellten kennen. Die SZ freut sich über neue Freiheiten beim Filmfestival in Teheran. Pitchfork vermisst die Anthologie-Alben. Der Tagesspiegel besucht Claus Peymanns gegen jede Wirklichkeit geschütztes Bühnenmuseum. Und der Guardian feiert den Typografen Willem Sandberg, der allen Glanz und Überfluss verschmähte.

Physik ist, wenn es nicht gelingt

02.05.2016. Die NZZ bewundert die Kunst des Gustave Jossot, mit schiefen Fressen Werbung zu machen. In der FR freut sich Robert MacFarlane, dass jetzt auch Wanderfalken in den Großstädten rund um die Uhr ihren Imbiss bekommen. Die SZ verirrt sich in der wiedereröffneten Hamburger Kunsthalle auf dem Weg zur Abteilung Transparenz. Die Nachtkritik erkundet mit Angela Richter in Köln das Darknet. Die FAZ wiegt sich zu Yehudi Menuhins innig-süßen Portamenti.