Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
Juni 2024
29.06.2024. Die taz schäumt vor Wut, wenn sie sieht, wie die öffentlich-rechtlichen Sender, die Literatur auf die Straße setzen - und das während die Neue Rechte die Literatur immer mehr umschmeichelt. Die Welt blickt zurück auf die Theatersaison und ärgert sich über einen neuen Trend: das politisch korrekte Umschreiben. Die taz sieht die Kunstfreiheit in Gefahr. Die Musikkritiker trauern um Kinky Friedman: Sein Leben sollte von den Coen-Brüdern verfilmt werden, findet die FR.
28.06.2024. Das Bachmann-Lesen in Klagenfurt hat begonnen und die Zeitungen machen mit Tijan Sila einen ersten Favoriten aus. Die FAZ warnt davor, dass die Abrissbirne der Öffentlich-Rechtlichen die Kultur platt macht. Der Regisseur Edward Berger macht sich in der SZ für deutsche Filmförderung stark. Die FR entdeckt mit Selma Selman "die gefährlichste Frau der Welt." VAN lässt sich von Georg Friedrich Haas' "11000 Saiten" ins Innere eines Bienenstocks versetzen, während die taz von Tony Conrad und Jennifer Walsh schier weggeblasen wird.
27.06.2024. In der FAZ erklärt der italienische Schriftsteller Fabio Stassi, dass er gerade jetzt zur Frankfurter Buchmesse fährt, um sich mit zensierten Schriftstellern zu solidarisieren. Im Standard hat Wolfgang Ullrich keine Angst vor KI-generierter Kunst. Die NZZ möchte lieber nicht allzu viel Fluchtgut restituieren. Carl Hegemann besucht für die Zeit das Osten-Festival in Bitterfeld. Die SZ bestaunt den Staraufwand beim Filmfest München. Und die FAZ nimmt dem Fusion-Festival seinen Ferienkommunismus nicht ab.
26.06.2024. Die Welt schüttelt den Kopf über die Naivität der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, die erst knapp vor der Ausstellungseröffnung Gesprächsbedarf mit der Aktivistin Zoe Samduzi erkannten. Dennoch: Museen müssen Orte bleiben, an denen freier Meinungsaustausch möglich ist, meint sie. Die SZ staunt, was mit der neuen KI-Plattform Uido in Sachen Musikgenerierung mittlerweile möglich ist. Mit Pinar Karabulut reitet sie in Nancy gut behütet durch Bellinis Belcanto-Oper "I Capuleti e i Montecchi". Die FAZ taucht in London mit einer Naomi-Campbell-Ausstellung ein in eine ganze Epoche des Glamour.
25.06.2024. Die FAZ lernt beim Jüdischen Filmfestival Berlin-Brandenburg, wie einfach es sich der Antisemitismus oft macht. Außerdem berichtet sie von den Protesten italienischer Schriftsteller gegen die Frankfurter Buchmesse. Die Welt vermisst in der großen Basler Schau zu afrikanischer Malerei Formen subtiler Kritik. Überwältigt ist sie von der rauen Schönheit harter Jungs in Frauenkleidern in der JVA Tegel. Die SZ versinkt in der rauchigen Melancholie der pakistanischen Sängerin Arooj Aftab. Aktualisiert: Anne Applebaum erhält den Friedenspreis des deutschen Buchhandels.
24.06.2024. Die SZ bekommt große Augen bei der überbordenden Bilderflut von John Adams Oper "Nixon in China" in Berlin, die das Kollektiv "Hauen und Stechen" auf die Zuschauer hereinbrechen lässt. Das Jüdische Filmfestival Berlin-Brandenburg zeigt eine Doku über das Massaker der Hamas beim Musikfestival Supernova: Bei Zeit Online löst vor allem die Geräuschkulisse Entsetzen aus. Die FAZ kann erstmals Lucia Moholy-Nagys Glasplatten in Prag bewundern.
22.06.2024. Die FAZ denkt auf der Frankfurter Fototriennale Ray darüber nach, wie wir uns mit Fotos erinnern. Beim Pen Deutschland fliegen wieder mal die Fetzen, nach einer Generalabrechnung der zurückgetretenen Präsidiumsbeisitzerin Gabriele Gillen, berichtet die SZ. Im Filmdienst möchte Sebastian Seidler mehr Menschen mit der Liebe zum Film infizieren - zur Not auch mit Knutschen und Tanz. In der taz erklärt der iranische Autor Amir Gudarzi, warum die Götter die Menschen erschufen. Van erklärt, warum die klassische Musik schuld daran ist, dass Brasiliens Nationalbaum ausstirbt.
21.06.2024. Für die Mark Rothko-Ausstellung reist die FAZ gerne nach Norwegen. Der Spiegel wundert sich über eine abgesagte Kolonialismus-Ausstellung in Dresden und fragt nach Gründen. Die taz lässt sich vom Vulgärfeminismus im Hamburger Schauspielhaus zum Lachen bringen. Die NZZ spornt zur (Wieder-)Entdeckung von Komponistinnen auch außerhalb der Forschung an. Mit Frank Witzel fragt sich die FR, wie Gerechtigkeit im Literaturbetrieb aussehen könnte. Und die Feuilletons trauern um Donald Sutherland.
20.06.2024. Die Zeit füllt mit Pussy-Riot-Gründerin Nadya Tolokonnikova in Linz Putins Asche in Glaszylinder. "Die Würde der Kunst ist unantastbar", erklärt Jonathan Meese, der in der NZZ bedingungslose Kunstfreiheit fordert. Die FAZ feiert die Kurzgeschichte, denn der Roman werde immer mehr zum "Parkplatz für langweiligen Identitätskitsch". Die Filmkritiker erkunden mit Jeff Nichols schönen Männern, warum Biker tun was Biker tun. Die nachtkritik dankt Milo Rau, dass er die saturierten Wiener aus ihrer Erstarrung geweckt hat. Und der Tagesspiegel bewundert in Hamburg die strammen Pos von William Blakes Engeln.
19.06.2024. Arundhati Roy steht in Indien für eine 2010 gehaltene Rede vor Gericht, die SZ erschrickt darüber, wo in Indien das Recht auf freie Meinungsäußerung aufhört. Käthe Kollwitz trifft im MoMA den Nerv der verzweifelten New Yorker, staunt die taz. Die Welt entdeckt im Keller zart spröden Pop von Maria Herz. Die nmz galoppiert mit Ondrej Adámeks Orpheus-Oper "INES" durch die postnukleare Einöde. Und alle trauern um Anouk Aimée, die "Garbo aus dem Geist der Nouvelle Vague", wie die Welt schreibt.
18.06.2024. FAZ und FR loben Tatjana Gürbacas Frankfurter Inszenierung von Fromental Halévys Oper "La Juive" in höchsten Tönen. Die CDU ruft zum Boykott einer Ausstellung in der Kunsthalle Osnabrück auf: Die taz kann da nur den Kopf schütteln. Die FAZ freut sich über eine geplante "Piazza auf dem Wasser" in Bordeaux. Der Freitag ist genervt von der Debatte um Jenny Erpenbeck. Zeit Online erinnert daran, wie der Film "Matrix" die Kinogeschichte umgekrempelt hat.
17.06.2024. Was ist in Leipzig los? Die FAZ ist fassungslos darüber, wie Rod Stewart bei einem Konzert für seine Putin-Kritik ausgebuht wurde. Die russische Musik gehört nicht Putin, sondern der ganzen Welt, erinnert der Pianist Jewgeni Kissin in Backstage Classical. Die FR geht in einer Ausstellung in Bad Homburg "Waldbaden". Die FAZ spaziert beglückt durch das Schloss Belvedere in Weimar, wo sie die Skulpturen von Olaf Metzel bewundert. Die NZZ empfiehlt der großen Friederike-Mayröcker-Ausstellung mehr Mut zum Fetisch.
15.06.2024. Der Tagesspiegel stellt die Auto-Perforations-Artisten der DDR vor: Else Gabriel, Michael Brendel, Rainer Görß und Via Lewandowsky, die in der DDR die Temperatur steigen ließen. Die SZ feiert Paris als neue alte Kunsthauptstadt der Welt. In der NZZ erklärt das Leitungsduo des Jüdischen Filmfestivals Berlin, warum das Festival gerade jetzt stattfinden muss. Critic.de empfiehlt die Thomas-Arslan-Retrospektive im Arsenal. Die Zeit zeichnet ein Stimmungsbild des italienischen Literaturbetriebs. Die taz wirft einen Blick auf die DDR-Jazzszene.
14.06.2024. Milo Rau klagt auf den Wiener Festwochen "Die Heuchelei der Gutmeinenden" an, die BDS unterstützen, der Standard berichtet. Die NZZ fragt, warum #metoo in Frankreich auf so viele Widerstände stößt. VAN lernt von Dirigent Vitali Alekseenok, wie man im Charkiwer Bombenhagel ein Musikfestival veranstaltet. Mit der für eine Auktion zerschlagenen Sammlung Renault ist das Zeitalter der sozialen Industriekultur in Frankreich wohl endgültig vorbei, mutmaßt die FAZ. Die Zeit ärgert sich über den Aufschwung nostalgischer DDR-Bücher. Die FAZ trauert um den japanischen Architekten Fumihiko Maki.
13.06.2024. Die Filmkritiker schauen irritiert zu, wenn Daniela Völker in "Der Schatten des Kommandanten" die Tochter der Auschwitz-Überlebenden Anita Lasker-Wallfisch und die Nachfahren des KZ-Kommandanten Rudolf Höß aufeinander treffen lässt. In der taz blicken der ukrainische Filmemacher Oleksiy Radynski und Hito Steyerl auf die kolonialen Hintergründe der russischen Gasgeschäfte. Der Tagesspiegel bewundert die Liaison von japanischer Moderne und amerikanischem Utilitarismus im neuen Reinhard Ernst Museum in Wiesbaden. Und alle trauern um Françoise Hardy, die so zart und zivilisationskritisch hauchte.
12.06.2024. Die FAZ entdeckt in der Komischen Oper dank Axel Ranisch den Zauber des Normalen. Die SZ schlendert durch Istanbul, wo derzeit das Restaurierungsfieber ausgebrochen ist. Die FR fordert eine klimafreundliche Architektur, die sich nicht nach Verzicht anfühlt. Souleymane Bachir Diagne widmet sich im Standard der Übersetzung als Kunst des Brückenbauens. Ronya Othmann denkt im Perlentaucher über Kino und Lyrik nach.
11.06.2024. In der NZZ erzählt der ukrainische Dichter Andri Ljubka, wie viele Ukrainer versuchen dem drakonischen Mobilisierungsgesetz zu entgehen: Sie verlassen ihre Wohnungen nicht mehr. In Lugano vollführt die NZZ halsbrecherische Kunststücke im Miniatur-Zirkus von Alexander Calder. Die SZ stellt im Kunstmuseum Wolfsburg fest, wie prächtig ein Haus floriert, wenn es Volkswagen im Rücken hat. Die FR macht sich mit Juezhi Tang, dem Preisträger des Internationalen Wettbewerbs für Choreografie, zur Schnecke. Und Van ist froh, dass sich Dirigent Vladimir Jurowski nicht für die Elefantenblechchöre in Bruckners Siebter schämt.
10.06.2024. Der nachtkritik wird von Ingo Kerkhof am Staatstheater Wiesbaden ein traumhaftes Spektakel geboten: Luigi Pirandellos "Die Riesen vom Berge" ist ein wahres "Zauberkunststück", jubelt sie. Der Freitag durchlebt bei einer bislang ungespielten Variane von Arnold Schönbergs Violinkonzert op. 36 an der UdK Berlin alle denkbaren Emotionen. Die taz erfährt in einer Ausstellung in der "Draiflessen Collection" Räume, die unter die Haut gehen. Die SZ lässt sich von einer KI ihre Wunschserie zusammenstellen.
08.06.2024. Einen so expliziten Warhol hat man selten gesehen, jubeln die Kritiker nach ihrem Besuch in der Neuen Nationalgalerie: Der Welt treibt manches Exponat die Schamesröte ins Gesicht, die FAZ fragt, ob wir nun anders auf Warhol blicken. Der Standard lernt im Wiener Mumok, wie sehr Werke von Frantz Fanon und James Baldwin in der Kunst des Globalen Südens nachwirken. Der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan ist auch aufgrund westlicher Ignoranz der Nationalgarde beigetreten, glaubt die FR. Die NZZ bewundert den Kometen, den der südkoreanische Architekt Minsuk Cho vor der Serpentine Gallery geschaffen hat.
07.06.2024. Weiter geht es bei der Documenta mit halbgaren Selbstverpflichtungen, berichtet die FR. Die Band Laibach denkt in der Welt darüber nach, wie Europa besser scheitern kann. Unisono wird von den Zeitungen der bevorstehende Verkauf der Suhrkamp-Villa in Frankfurt bedauert, einst geistiges Zentrum der Bundesrepublik. Was passiert, wenn Steuerfahnder in das Leben der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek eindringen, schaut sich der Standard in der Wiener Volksbühne an.
06.06.2024. In der Zeit hält Rem Koolhaas nichts vom "europäischen Zeigefinger" gegenüber autoritären Regimen: Wir müssen undemokratische Religionen und Regime akzeptieren, fordert er. Der diesjährige Preis der Nationalgalerie geht erstmals an alle vier Nominierten. Die Berliner Zeitung preist vor allem das Werk von Dan Lie: Eine Liebesgeschichte zwischen Pilzen, Bakterien und Insekten. Der Tagesspiegel badet in Dahlem in den Plüsch-Bunkern von Andreas Mühe. Die SZ zertrümmert in Köln Kafkas Käfer mit Axt und Golfschläger. Und der Perlentaucher fährt in Ali Ahmadzadehs "Critical Zone" im Taxi durch Teheran bei Nacht.
05.06.2024. Auch in den Hamburger Deichtorhallen meint Kunstfreiheit vor allem Hauptsache gegen Israel, ärgert sich die FAZ. Die SZ lernt im British Museum Aufregendes über das Liebesleben Michelangelos. Der Tagesanzeiger erlebt die nackte Existenzangst in der Kevin-Costner-Serie "Yellowstone". Die FAZ wohnt in Hamburg dem Befreiungsschlag von Kent Nagano als Operndirigent bei. Die SZ bejubelt indes die noble Leidenschaft des Bratschisten Timothy Ridout.
04.06.2024. Die Kritiker begeben sich mit der Mussorgsky-Oper "Chowanschtschina" in Berlin auf Zeitreise in die politischen Wirren Russlands im 17. Jahrhundert: Putin taucht in Claus Guths Inszenierung zwar nicht auf, ist aber immer da, weiß der Tagesspiegel. FAZ und Standard hören bei den Wiener Festwochen erschüttert das "Kaddish Requiem 'Babyn Jar'" vom Kyiv Symphony Orchestra unter dem Taktstock von Oksana Lyniv. Die SZ fordert klimaresiliente Städte.
03.06.2024. Die Feuilletons verabschieden sich vom Schriftsteller John Burnside: Die FAZ ist bewegt von der "berührenden Zartheit und verstörenden Intensität" seines Werks. Die NZZ taucht ab in die Abgründe seines Schaffens. Die FAZ geht außerdem im Franz-Marc-Museum auf Seelenwanderung. Die SZ fühlt den Schmerz der Welt in Isabel Ostermanns Inszenierung von "Searching for Zenobia" bei der Musiktheaterbiennale in München.
01.06.2024. Die Feuilletons quillen über mit Artikeln zum hundertsten Todestag von Franz Kafka, dem weltlichen Heiligen und Schutzpatron des unterdrückten Angestellten, wie die SZ schreibt. Die Literarische Welt erinnert, wie schwer man sich mit Kafka im Ostblock tat, überhaupt musste Kafkas heutiger Status erst errungen werden, weiß die taz: Er galt als zu dekadent. Im Freitag erklärt Roberto Saviano, weshalb er nicht zur italienischen Delegation auf der Frankfurter Buchmesse gehören wird. Die Theaterkritiker applaudieren, wenn Florentina Holzinger in Schwerin einen nackten Damenchor mit phallischem Baguette die Kirche zertrümmern lässt. Und die Welt schaut sich in Tansania David Walshs bizarre Privatsammlung an.