Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

November, 2016

Geschoss oder Geschenk?

30.11.2016. Die NZZ kommt nachhaltig beeindruckt aus der Münchner Premiere der von Kirill Petrenko dirigierten Schostakowitsch-Oper "Lady Macbeth von Mzensk": Kühne Klangwirkungen, radikale Differenzierungen, aber ein moderat wiedergegebener Geschlechtsakt. Bayern Klassik singt ein Loblied auf die Sängerin Anja Kampe in der Rolle der Lady Macbeth. Die FAZ saß wie ein hypnotisiertes Kaninchen auf der Stuhlkante. Außerdem: Die NZZ besucht den Schriftsteller John Wray in Brooklyn. Die FAZ erkennt die Wolfsnatur des Menschen in František Vláčils avantgardistisch-experimentellem Mittelalter-Filmepos "Marketa Lazarová".

Sanft auf Lendenhöhe

29.11.2016. Am Deutschen Theater rutscht Stefan Pucher mit seiner Inszenierung des Peter-Weiss-Stücks "Marat/Sade"  auf der Ironieschmierseife aus, notiert die Berliner Zeitung. No sir, entgegnet die nachtkritik, der Stückeleichnam wurde wiederbelebt. Der Guardian porträtiert die Künstlerin Heather Phillipson, die gerade den Jarman Award gewonnen hat. In der NZZ erklärt der irakisch-kurdische Autor Bachtyar Ali, warum das Exil ihm beim Schreiben hilft.

Stellvertreter für unüberbrückbare Differenzen

28.11.2016. Die NZZ betrachtet Urgründe des Wachstums in den Zeichnungen Peter Wechslers. Im Interview mit Fandor erklärt der chilenische Regisseur Alejandro Jodorowsky wie man als Außenseiter Filme dreht. Die Presse sah am Burgtheater mit Ayad Akhtars "Geächtet" die beste Zimmerschlacht seit Edward Albee. Der Tagesspiegel berichtet von der mühsamen Zwangsfusion des SWR-Symphonieorchester.

Direkt in die, pardon, Fresse

26.11.2016. Die Welt traut ihren Augen kaum: in Berlin soll ein Baudenkmal rekonstruiert werden - und alle sind dafür! Nicht dem Titel, wohl aber dem Anspruch der Kritiker wird Herbert Fritschs "Pfusch" an der Berliner Volksbühne gerecht. Die Presse freut sich über die erste umfassende Schau des slowakischen Konzeptkünstlers Julius Koller in Wien. Die Welt lässt sich in die assoziativ-verschwörungstheoretischen Filmcollagen von Adam Curtis hineinziehen. Und die FAZ lässt sich noch einmal von der ungeheueren Energie der Rolling Stones mitreißen.

Im Blitzlicht einer großen Stadt

25.11.2016. Anselm Kiefer ist wütend: Seine Werkschau in Peking, von der er nichts wusste, ist ein Riesenerfolg. Alle lieben "Affe", ein Musical mit der Musik von Peter Fox an der Neuköllner Oper. Berlins Regierender Michael Müller bringt das Kunststück fertig, sich gleichzeitig hinter Dercon und Lederer zu stellen, staunt der Tagesspiegel. Artechock will laut Welt die deutsche Filmflut eindämmen, die sogar den Filmdienst an den Rand der Pleite treibt. Im Logbuch Suhrkamp sieht Dorothea Studthoff die Mode von Gareth Pugh aus dem Geist der Science-Fiction-Romane von Michel Faber entstehen.

Brutal gewordene Realität

24.11.2016. Laut Zeit steht die Ausstellung der Sammlung Farah Dibas in Berlin in Frage - diplomatische Schwierigkeiten mit dem Iran. Die FR staunt über englische Pop-Art in Wolfsburg: England damals ganz vorn. Die Welt ist heute von der Künstlerin Isa Genzken gestaltet, samt Totenkopf-Ring. In der NZZ beschreibt der Dichter und Theologe Christian Lehnert das religiöse Untergrundgeräusch der Poesie. Die FAZ berichtet vom Musikfestival Wien Modern. Die Filmkritiker streiten über den sozialkämpferische Furor in Ken Loachs "Ich, Daniel Blake".

Ja, die gute alte Fiktion

23.11.2016. Die NZZ porträtiert den neuen Bühnenstar, die Schauspielerin Stefanie Reinsperger. Wie sie Künstler in aller Welt mit dem Atombombenabwurf auf Japan auseinandersetzten, lernt das Art Magazin in einer Münchner Ausstellung. Die FAZ besucht die nach 225 Jahren endlich fertig gestellte neue Nationalkirche Polens, den "Tempel der Göttlichen Vorsehung". In der NZZ denkt Kathrin Röggla über Literatur in der postfaktischen Gesellschaft nach. Die SZ unterhält sich mit dem Kulturwissenschaftler James Hamilton über schwarze und weiße Musik.

Vergangenheit von morgen

22.11.2016. Krach in der Volksbühne: Soll Chris Dercon aus dem Amt gemobbt werden, bevor er auch nur angetreten ist? Und wer bezahlt die 5 bis 8 Millionen teure Abfindung, fragt die Berliner Zeitung. Krach an den Münchner Kammerspielen: Matthias Lilienthal stellt sich seiner Kritikerin Christine Dössel von der SZ. Epd-Film porträtiert den kanadischen Filmemacher Denis Villeneuve als Philosophen. Die SZ besucht das umgebaute London Design Museum. Die Spex hört French House mit epischen Motown-Chören.

Ich kann höher

21.11.2016. Das hohe C ist gar kein Problem, versichert Tenor Juan Diego Floréz in der Welt. Die NZZ erlebt den Pianisten Grigory Sokolow in Luzern als Meister der Anschlagfarben. In Angela Schanelecs neuem Film "Der traumhafte Weg" sind sogar die Berliner Busfahrer nett, staunt critic.de. Und Herausgeber Walter Fanta stellt im Gespräch mit dem Standard die neue Musil-Ausgabe und das Musil-Internetportal vor.

Kosmische Absaugemaschine

19.11.2016. Das Art Magazin besucht Begierde weckende Liebesnester in Barcelona. Die Berliner Zeitung fordert Neuverhandlungen für die Castorf-Nachfolge, der Tagesspiegel dagegen meint: Verträge muss man halten. Die Zeit begleitet die Dresdner Sinfoniker nach Armenien. Die SZ erliegt dem coolen Afrozentrismus der HipHop-Helden von A Tribe Called Quest. Der Guardian staunt über die postfaktische Kunstwelt, die ungerührt mutmaßliche van Gogh Fakes publiziert.

Die Grenzen des Schmerzes

18.11.2016. Die SZ bejubelt die Rettung der Thomas-Mann-Villa in Los Angeles durch die Bundesregierung. James Lee Burke erklärt im Tagesspiegel: Donald Trump ist nun das Problem der Republikaner. Die Jungle World überlegt, wie Barack Obamas Präsidentschaft den Rock'n'Roll verändert hat. In der Zeit erklärt Marina Abramović, dass sie von östlichen Männern und nicht von westlichen Teenagerinnen inspiriert wurde. Und alle orakeln, was ein Kultursenator Klaus Lederer für die Zukunft der Volksbühne bedeuten könnte.

Stammtisch bürgerlicher Selbstvergewisserung

17.11.2016. Von wegen Pluralismus! Politisches Theater wird nur noch für Gleichgesinnte gemacht, donnert die nachtkritik. Die SZ wandelt begeistert durch das frisch renovierte Herzog-Anton-Ulrich-Museum in Braunschweig. Der Tagesspiegel fragt sich, ob Berlins neuer Kultursenator Klaus Lederer von der Linken jetzt in Donald-Trump-Manier Chris Dercon kündigen wird. Ganz zeitgemäß findet der Merkur eine Scheune als Museum des 20. Jahrhunderts in Berlin. Die Berliner Zeitung schläft ein mit Metallica.

Wundersame Klopfzeichen

16.11.2016. Die SZ erlebt in der Münchner Pinakothek den Architekten Francis Kéré als Großmeister einer existenzieller Kunst. Die NZZ sieht in den Holzschnitten Hans Baldung Griens die ungebremste Kraft künstlerischer Innovation. Die Welt fragt, warum Max Liebermann eigentlich keine weiblichen Akte gemalt hat. Die FAZ erlebt auf dem "Enjoy Jazz" Festival die Troika pianistischer Meisterschaft. Einfach hingerissen sind die Kritiker von Jim Jarmuschs Film "Paterson", der von einem dichtenden Busfahrer erzählt.

Die Hand lügt nicht

15.11.2016. Nach der Berliner "Hugenotten"-Aufführung in Berlin jubelt die FAZ: Sage noch einer, man könne Meyerbeer nicht mehr aufführen! Auch die Welt ist hingerissen von den Gesangspartien. Der Standard lässt sich im Wiener Belvedere von Hubert Scheibl in die Alchimie des Sehens einführen. Die NZZ lernt in einer Hamburger Ausstellung alles über die Geschmeidigkeit von Schiffsarchitektur. Und Respekt findet auf dem Glatzer Schneeberg einen Weg in die Wolken.

Mit kaltem Grimm

14.11.2016. Am Berliner Gorki Theater erlebt die taz in Nurkan Erpulats Türkei-Stück "Love it or Leave it" eine Gesellschaft zwischen Depression und Selbstzerstörerung. Die Nachtkritik möchte nicht mehr ins Theater gehen, um das eigene Denken bestätigt zu bekommen. Slate.fr berichtet, wie Ashgar Farhadis neuer Film "Le Client" den Iran erschüttert. Gegen Trump hilft Richard Yates, glaubt die SZ. Die FR erinnert an Wolf Biermanns Kölner Konzert, bei dem alle feststellten: Aus der BRD will keiner weg, nicht mal ihre schärfsten Kritiker.

Eine dunkle Sonne

12.11.2016. In der Welt huldigt Jeffery Eugenides der großen Pelzjägerin Zadie Smith. Der Guardian erinnert daran, wie sich das Royal Ballet vor zehn Jahren gegen seinen heute allseits verehrten modernen Choreografie-Chef sträubte. In der taz spricht der Pariser Musikmanager Matthieu Couturier über die Schockstarre nach dem Attentat auf das Bataclan vor einem Jahr. In den Feuilletons herrscht weiter tiefste Trauer über den Tod Leonard Cohens, der doch die Melancholie in dunkel leuchtende Poesie verwandelte. Und auch Ilse Aichingers Tod betrübt die Kritiker.

Im Modus des suspendierten Zweifelns

11.11.2016. Leonard Cohen ist tot. In amerikanischen Zeitungen finden sich schon erste lange Nachrufe. Die SZ zieht eine ernüchterte Zwischenbilanz von Matthias Lilienthals Intendanz an den Münchner Kammerspielen. Das Konzert von Sampha im Berghain tröstet die Berliner Zeitung vorübergehend über das Trump-Fiasko hinweg. In der NZZ denkt Christian Saehrendt über aufgebende Künstler nach. Denis Villeneuves Science-Fiction-Film "Arrival" lässt die Kritiker mit einem dumpfen Sehnen zurück.

Der letzte renitente Stachel

10.11.2016. In der NZZ bedauert John Burnside den Sieg des britischen Pragmatismus über die deutsche Metaphysik. In der SZ bekennt sich T.C. Boyle zu den Grenzen seines Einfühlungsvermögens. Der Tagesspiegel beobachtet Peter Handke beim Pilzesammeln. Im Freitag spricht die Cutterin Ursula Höf über den weiblichen Blick. Die taz huldigt der schrillen Exzentrik der grandios schlechten Sängerin Florence Foster Jenkins. Die Welt stellt fest: Pop gewinnt keine Wahlen mehr.

Mit der Liebe zum Zufall

09.11.2016. MTV.com huldigt dem russsichen Trickfilmer Yuri Norstein. Die SZ fordert vom Dokumentarfilm etwas weniger Noblesse und mehr Klarheit. Außerdem bewundert sie das rationale Design der Ulmer Hochschule für Gestaltung. Auf ZeitOnline stellt Georg Friedrich Haas klar: Ohne einen Begriff von Freiheit kann man John Cage nicht verstehen. Der Guardian bewundert Bob Dylan als traditionellen Maler. Der Standard gratuliert Friederike Mayröcker zum ersten Österreichischen Buchpreis - und umgekehrt.

Leise radikale Gesten

08.11.2016. Im Perlentaucher geißelt Wolfgang Ullrich den Missbrauch des Urheberrechts durch Künstler. Eine Retrospektive des Architekten Peter Cook erinnert die taz an den fröhlichen Zukunftsoptimismus der Sechziger. Die New Filmkritik verlässt das Kino mit Mervyn LeRoy. In der FR möchte sich Jagoda Marinic nicht als irgendwie migrantische sondern als deutsche Autorin verstanden wissen. Zeit online feiert das neue Album von Alicia Keys.

Völlig postideologische Sprachliebe

07.11.2016. Einfach großartig fanden die Kritiker Marcel Beyers Büchnerpreisrede - vom Ferkeldeutsch bis zum patzergesprenkelten Dünkeldeutsch. Die taz porträtiert den Berlin feiernden amerikanischen Regisseur Yony Leyser. In Hard Sensations spricht Dominik Graf über seinen neuen, vom Gurlitt-Fall inspirierten Film "Am Abend aller Tage". Die NZZ besucht die Ausstellung Roni Horns in der Fondation Beyeler, die Berliner Zeitung fröstelt im Rijksmuseum vor den Un-Orten des Hercules Seghers.

Die dreckige Rückseite der Stadt

05.11.2016. Die SZ bewundert den Drive-by-Architekturparcours in Westmanhattan. Die Berliner Zeitung möchte die "NSU Monologe" lieber nicht als emotionale Privatereignisse serviert bekommen. Die nachtkritik verweigert das Knien in Frankfurt Michael Thalheimers Theatergottesdienst um den Prinzen von Homburg. Die taz feiert den 100. von Peter Weiss mit einem Schwerpunkt. Endlich mal Gegenwart im deutschen Kino, applaudiert der Freitag Simon Verhoevens Komödie "Willkommen bei den Hartmanns".

Poetik des Brechens

04.11.2016. In der NZZ macht sich Georg Klein mit seinem künftigen Pflegeroboter vertraut. Im Logbuch Suhrkamp analysiert Marie Luise Knott die Wespe in Marcel Beyers Mund. Im Freitext-Blog stellt Senthuran Varatharajah den Dichter Ocean Vuong vor. Der Musikexpress unterhält sich mit Christoph Hochhäusler über das Genrekino in Deutschland. In Spon schildert die Fotografin Regine Schmeken ihre Arbeit über die Tatorte der NSU-Morde. Die nachtkritik applaudiert Laura Linnenbaums Stück "Beate Uwe Uwe Selfie Klick".

Etwas wird sich verändern

03.11.2016. Einen seltenen Moment der Erhabenheit erleben die Zeitungen mit der Hamburger Elbphilharmonie. Die NZZ entdeckt in Basel den figurativen Jackson Pollock. Der Tagesspiegel erschließt beim Berliner Jazzfest die verschwenderischen Landschaften von Wadada Leo Smith und seinem Great Lakes Quartet. Und in der FAZ erinnert Christoph Menke noch einmal daran, was bei der Volksbühne auf dem Spiel steht: die Möglichkeit ästhetischer Weltveränderung nämlich.

Kaum sichtbare Risse im Beton

02.11.2016. Die NZZ blickt in Lissabon einem gigantischen, aber wunderschönen Haifisch ins Maul. Im Freitag fürchtet der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó, dass zu viel Tagesaktualität im Theater das System zementiert. Mit Bangen sieht die Welt neue Hoffnung für die alte Volksbühne aufkeimen. The Quietus lauscht in die Tiefen des deutschen Waldes und es schallt Ambient heraus. Dirty Laundry und Jugend ohne Film ergründen bei der Viennale die Morbidität des Films.

Das Grausige ist auch ein Schauwert

01.11.2016. In schwärmerische Verzückung versetzt Frank Castorf die Kritiker mit seiner süffigen Inszenierung von Gounods "Faust" in Stuttgart: Oper von ihrer opulenten Seite erlebte die FR, glanzvolle Debüts die FAZ, einen klasse Chor die Welt. In der NZZ preist Marilynne Robinson die Tugend  amerikanischer Kleinstädte. Der Standard erlebt in der Pariser Ausstellung "The Color Line" eine große Schau schwarzer Kunst aus den USA. Und in der Tell Review verteidigt Sieglinde Geisel den Page-99-Test gegen kulturamtliche Gütesiegel.