Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Musik

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.02.2018 - Musik

Auf ihrem neuen Album "Sir" zelebriert die Band Fischerspooner "ästhetisch offensiver denn je die befreite queer-männliche Sexualität", schreibt Jana Sotzko in der Jungle World. Insbesondere das düstere Stück "Togetherness" gefällt ihr gut: "Solche Momente der theatralen Abgründigkeit stehen Fischerspooner ebenso wie die schweren Synthesizer gut und lassen 'Sir' in seinen besten Momenten sowohl im Darkroom als auch auf dem Dancefloor funktionieren. Die Platte ist ein Selbst- und Sendungsbewusstsein ausstrahlendes Lebenszeichen." Das wollen wir uns nicht entgehen lassen:



Weitere Artikel: Der Musiker Knarf Rellöm erinnert im Freitag an den vor 2010 verstorbenen Popkritiker Martin Büsser, der vor wenigen Tagen 50 geworden wäre (mehr dazu auch hier). Für die Berliner Zeitung plaudert Steven Geyer mit Jamie Hewlett, dem Comiczeichner der Band Gorillaz. Deutschlandfunk bringt ein Feature von Olaf Karnik und Volker Zander über die Emanzipation der Bassfrequenzen in der Musik. Für die SZ spricht Jonathan Fischer mit dem Saxofonisten Maceo Parker. Im Standard würdigt Karl Fluch Marianne Mendts Verdienste um den Austropop, den sie bereits 1970 mit auf den Weg brachte. Etwa mit diesem Stück



Besprochen werden das Frankfurter Konzert von Kendrick Lamar (FR), eine Hommage in Berlin an Arvo Pärt (Tagesspiegel), ein Auftritt der nun Gottseidank endlich wieder gesundeten Helene Fischer (Standard) und ein HR-Sinfoniekonzert mit Aziz Shokhakimov und Behzod Abduraimov (FR), das in voller Länge auf Youtube steht:

Stichwörter: Queere Musik, Fischerspoon

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.02.2018 - Musik

In Nordkorea herrscht Dauerbeschallung mit Propaganda- und Motivationsmusik, erklärt Gunnar Leue im Freitag. Die ganz großen Überflieger sind dabei die Mädchen der Girlpop-Band Moranbong, mit denen der Nordkorea-Tourist schon im Flugzeug auf dem Weg in das Land Bekanntschaft macht. Deren Gründung geht auf eine Initiative von Diktator Kim Jong-un zurück: "Der jüngste Spross der Kim-Dynastie, der ein Faible für Entertainment nach West-Art hegt, hat eine schleichende Modernisierung der musikalischen Propagandakultur bewirkt. Das ist insofern bemerkenswert, als der Leiter des staatlichen Konservatoriums noch vor wenigen Jahren einem westlichen Dokumentarfilmer erklärte, es werde nur koreanische Musik gelehrt, weil koreanische Ohren keinen Jazz vertrügen."

Besprochen werden ein Arvo-Pärt-Konzert in Berlin (taz), eine Neuauflage von Sonny Rollins' "Way out West" (Pitchfork), ein Konzert der Berliner Philharmoniker mit Michael Barenboim und Vasily Petrenko (Tagesspiegel, FAZ), ein Konzert der Berliner Symphoniker unter Robin Ticciati mit Christian Tetzlaff (FR), der Tourauftakt von Kendrick Lamar (FAZ, SZ) und Car Seat Headrests Album "Twin Fantasy" (Pitchfork). Daraus eine Hörprobe:

Stichwörter: Nordkorea, Propaganda

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.02.2018 - Musik

Gabriel Yoran ärgert sich auf ZeitOnline darüber, wie stiefmütterlich Streamingdienste wie Spotify klassische Musik behandeln: Die auf Pop-Credits zugeschnittenen Datenformate des Anbieters eignen sich einfach nicht für die komplexen Informationen klassischer Musik und deren Aufnahmen: "Das System weiß schlicht nicht, dass Konzerte aus mehreren Sätzen bestehen. ... Sucht man bei Spotify nach dem Komponisten Gustav Mahler, ist das Ergebnis eine zusammenhanglose Liste von 'Songs'. Mahler hat durchaus Songs geschrieben, aber laut Spotify sind auch ganze Sätze Songs. Zudem ist das erste Suchergebnis der 4. Satz der Fünften Sinfonie. Vermutlich, weil dieser langsame Satz als Filmmusik eine zweite Karriere gemacht hat. Dass mit dieser wirren Präsentation der Satz aus dem Zusammenhang des sinfonischen Gesamtwerks gerissen wird, schert den Anbieter nicht." Dass es besser aufbereitete Alternativen zum Streamen klassischer Musik gibt, hat Barbara Volkwein kürzlich in der NMZ aufgezeigt - hier unser Resümee.

In der FR spricht Stefan Schickhaus mit Dirigent und Komponist Hans Zender über die Lage in der Neuen Musik: Komponisten würden heute "in einer nie dagewesenen Weise vernachlässigt werden, sodass für die Kontinuität unserer Musikkultur sich kaum eine Existenzmöglichkeit mehr entwickeln kann", sagt er.

Außerdem: Für die FAZ besucht Jan Brachmann die Kronberg Academy im Taunus, wo Hochbegabte an Streichinstrumenten ausgebildet werden. Für Pitchfork spricht Devon Maloney mit Courtney Barnett über deren neues Album und wie sie als Musikerin mit Sexismus im Internet umgeht. Im Video rechnet sie mit Internet-Trollen jedenfalls schon mal ziemlich ab:



Besprochen werden der von Kendrick Lamar kompilierte Soundtrack zum Superheldenfilm "Black Panther" (Berliner Zeitung), Rhyes neues Album "Blood" (taz), ein Konzert des Pianisten Martin Helmchen (Tagesspiegel) und neue Pop-Veröffentlichungen, darunter das neue Album von Darbrye (ZeitOnline). Daraus ein Video:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.02.2018 - Musik

Andreas Kolb spricht für die NMZ mit DLF-Redakteur Frank Kämpfer über das Forum neuer Musik 2018, das der Deutschlandfunk unter dem Titel "Echoes of '68" veranstaltet. Sonja Matuszczyk resümiert in der Spex das CTM-Festival in Berlin. Lorina Speder porträtiert für den Tagesspiegel die Synth-Pop-Band Poliça. Jörg Gerle schreibt im Filmdienst zum Tod des überraschend gestorbenen Komponisten Johann Jóhannsson. Nachdem Pitchfork die 50 besten Alben des Jahres 1998 gekürt hat und auch die zehn besten übersehenen elektronischen Alben des Jahres, nennt das Online-Magazin nun auch die zehn besten Musikvideos des Jahres. Leider nur auf Platz zwei: Busta Rhymes, an dessen cartoonhafte Flummi-Haftigkeit - hier noch unterlegt von einer schönen Hitchcock-Referenz - wir gerne erinnert werden:



Besprochen werden Ezra Furmans Queerpop-Album "Transangelic Exodus" (taz) und Superchunks "What A Time to Be Alive" (Spex, Jungle World). Außerdem präsentiert die Spex ein neues Stück von Anna von Hausswolff:

Stichwörter: Neue Musik

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.02.2018 - Musik

Barbara Volkwein führt in der NMZ durch die Welt des Klassik-Streamings, in der sich neben Platzhirsch Spotify mit Fidelio, takt1 oder Idagio mittlerweile eine Vielzahl spezialisierter Angebote tummelt. Insbesondere letzterer Anbieter bietet viel fürs Geld, erfahren wir: Idagios "äußerst umfangreicher Musikkatalog ist ein Gewinn für den Klassikfan, für Einsteiger sind es die kuratierten Listen, die sich aus wirklich guten Einspielungen speisen und nicht aus einem Mix schlechter Orchester/Interpreten, wie es früher so oft bei Samplern der Fall war: Über eine halbe Millionen Klassiktitel sind im Programm, wöchentlich kommen 15.000 Titel hinzu. Über dieses Portal findet man zudem noch hochwertige Nischenmusik, die ansonsten verschwunden wäre." Den Berliner Perlentaucher-Lesern wollen wir bei dieser Gelegenheit noch ergänzend mitteilen, dass sich mit einem Ausweis der Öffentlichen Bibliotheken Berlins auch die umfangreiche Naxos-Library mit über 100.000 Klassik-CDs online gratis nutzen lässt.

Außerdem: Frank Schäfer erinnert in der NZZ daran, wie Jimmy Page vor 50 Jahren den Hardrock erfand. In der SZ-Popkolumne kommt Annette Scheffel unter anderem auf Neues von Will Toledo und David Byrne zu sprechen. Mladen Gladic hat für den Freitag notiert, wie sich die beiden Musiker Andi Toma und Jan St. Werner von Mouse on Mars an die Zusammenarbeit mit dem kürzlich verstorbenen Fall-Sänger Mark E. Smith erinnern. Reinhard Kager berichtet in der FAZ von den Festlichen Tagen Alter Musik in Wien, wo insbesondere die Arbeiten von Karl Schiske Eindruck auf ihn machten. Justin Quirk verteidigt bei The Quietus Glam Metal. Auf Skug schreibt Frank Jödicke zum Tod des Grateful-Dead-Texters John Perry Barlow.

Besprochen werden Maurizio Pollinis Konzert in der Tonhalle Maag (NZZ), ein Pisse-Konzert (taz), ein Bruckner-Abend des Deutschen Symphonie-Orchesters mit Robin Ticciati und Karen Cargill (Tagesspiegel) und ein Konzert von Jonas Kaufmann, Diana Damrau und Helmut Deutsch (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.02.2018 - Musik

Großen Spaß hat SZ-Kritiker Jonathan Fischer an der Band KOKOKO! aus Kinshasa, die mit "verzerrten Noise-Rock-Rhythmen" und "handgemachtem Techno auf Müll-Instrumenten" nicht nur "an die No-Wave- und Post-Punk-Energie" aus dem 70s New York erinnern, sondern auch den Eindruck entstehen lassen, "als hätten die frühe Grace Jones oder die Talking Heads nach einer durchkoksten Nacht beschlossen, auf dem Inventar einer Autowerkstatt zu jammen." Das wollen wir uns nicht entgehen lassen:



Weitere Artikel: Für Electronic Beats spricht Daniel Melfi mit Gudrun Gut und Frank Wiedemann über deren "Symphony Of Now"-Projekt, das am 14. Februar an noch zu nennender Stelle in Berlin aufgeführt werden soll. In der taz stellt Julia Lorenz die Band Dream Wife vor, deren Debütalbum man hier hören kann. Besprochen wird der dritte Teil der großen Compilation "Deutsche Elektronische Musik" mit allerlei bekanntem und entlegenem Krautrock (The Quietus).
Stichwörter: Kinshasa, KOKOKO, Müll

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.02.2018 - Musik

In der taz erinnert Julian Weber an den Popjournalisten Martin Büsser, der 2010 an Krebs gestorben ist und heute 50 Jahre alt geworden wäre. Aus diesem Anlass erscheint heute eine Sammlung seiner Texte. Aufs Schwadronieren gab Büsser nichts, erklärt Weber: "Er erkannte Aspekte in der Popmusik, die von anderen geflissentlich übersehen wurden. 'Postpubertäre Zerrissenheit, die Selbstzweifel narzisstisch nach außen trägt', stellte er 1996 an den Mitsing-Songs von Tocotronic in dem Text 'Die Take That fürs Indiezimmer' fest. Fragen nach Race, Class und Gender wurden immer in seinen Texten beantwortet." Bei Intro, taz und Jungle World finden sich noch einige von Büssers Texten in den Online-Archiven. Der Journalist Marco Maurer bietet sein 2011 für den BR entstandenes Feature über Büsser als mp3-Download an.

Apropos Tocotronic. Deren neues (hier und hier besprochenes) Album "Die Unenendlichkeit" wurde ja bislang vor allem im Hinblick auf die autobiografischen Aspekte der Texte besprochen, merkt Wolfgang Schneider in der FAZ an. Doch die musikalischen Qualitäten seien bislang zu wenig gewürdigt worden. So staunt Schneider über die ersten drei Stücke des Albums: "Ein treibender Dubsound schafft Atmosphäre und wird dann im Chorus mit düsteren Akkordgewittern und später mit kreischender Leadgitarre überwölbt. ... Das hat etwas Kathedralenhaftes.." Darauf "folgt ein subtiles Stück Art-Rock, eine Beschwörung von Kindheitsängsten. ... Wie geradezu altmeisterlich ist dieses Lied gebaut! Mit raffinierten Verschiebungen zwischen Moll und Dur, und wenn nach einem gekonnt verknautschten Gitarrensolo die Tonart von H nach Fis wechselt, entsteht ein unter die Haut gehender Pathosmoment."

Der isländische Komponist Johánn Johánnson ist überraschend im Alter von 48 Jahren gestorben. Einem größeren Publikum bekannt wurde er vor allem für seine Soundtracks für einige Filme des kanadischen Regisseurs Denis Villeneuve, etwa "Sicario" und "Arrival". "Er war einer der wichtigsten Vertreter der zeitgenössischen Klassik und Filmmusik", würdigt Jan Kedves den Verstorbenen in der SZ. Andreas Busche erklärt im Tagesspiegel: "Jóhannsson kombinierte orchestrale und elektronische Kompositionen, er verfremdete Stimmen und akustische Instrumente zu vielschichtigen Klangtexturen und benutzte tiefe Frequenzen, um seinen Scores eine räumliche Struktur zu geben." Hier ein Stück aus dem Soundtrack zu "Arrival":



Weitere Artikel: Alexander Menden hat sich für die SZ informiert, wie sich nach dem Brexit die Lage für das in London sitzende Jugendorchester der Europäischen Union darstellen könnte.

Besprochen werden ein Auftritt von Dream Wife (FR), ein Konzert von Lydia Lunchs Band Medusa's Bed (Skug), das neue Album von No Age (Jungle World) und die aus Buch, CDs und BluRays bestehende "John Adams Edition" der Berliner Philharmoniker (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.02.2018 - Musik

In der NZZ steht heute die sinnliche Materialität des Klaviers im Mittelpunkt. Zum einen hat Michael Hug in Leipzig den mit traditionellen Methoden arbeitenden Klavierbauer Blüthner besucht. Zum anderen hat Alain Claude Sulzer ein episches Gespräch mit dem Pianisten Oliver Schnyder über dessen großes Beethoven-Projekt geführt. Diesen treibt um, dass "Beethovens schleichender Hörkraftverlust bis zur vollständigen Taubheit sozusagen im tragischen Gleichschritt mit den klanglichen Fortschritten im Klavierbau einher ging. Je physischer der Klavierklang wurde, desto körperloser, innerlicher wurde sein Hören. Der 'Idealklang' entfaltete sich weniger am Können der Klavierbauer als aufgrund dieser Innerlichkeit des Hörens oder Horchens."

Weitere Artikel: Für Skug porträtiert Xavier Plus den Jazztrompeter Gerhard Ornig. In der FAZ gratuliert Jürgen Kestin der Sopranistin Edith Mathis zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Ty Segalls neues Album "Freedom's Goblin" (Jungle World), das neue MGMT-Album "Little Dark Age" (Pitchfork, mehr dazu im gestrigen Efeu), das Debüt des 68-jährigen Dirigenten Adam Fischer mit den Berliner Philharmonikern und Dvoraks Neunter (Tagesspiegel), eine Schubert-Konzertreihe des Streichquartetts der Staatskapelle (Tagesspiegel), das neue Album der Sängerin Mai Horlemann (Tagesspiegel), ein Auftritt der DDR-Band Sandow (Berliner Zeitung), ein Metalkonzert mit Moonspell und Cradle of Filth (FR), ein Abend mit Diana Damrau, Jonas Kaufmann und Helmut Deutsch in der Elbphilharmonie (FAZ) und das neue Album von Franz Ferdinand (taz, The Quietus). Daraus das Video zum Titelstück:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.02.2018 - Musik

Robert Mießner unterhält sich in der taz mit dem Indietronica-Duo MGMT über deren neues Album "Little Dark Age", auf dem die Band mit den Insignien der Gothic-Kultur spielt. In der Popkolumne auf ZeitOnline kann Jens Balzer über die "Seichtigkeit" des Album allerdings nur müde lächeln: "Entgegen beziehungsweise ergänzend zu der zuletzt allgemein verbreiteten Ansicht, dass traditionelle Gitarrenrockmusik tot ist, wirkt jedenfalls in der Version von MGMT traditionelle Synthiepopmusik noch wesentlich toter". Die wenigen Zeilen, die Jens-Christian Rabe für seine Besprechung in der SZ zur Verfügung stehen, nutzt er lieber, um an die Geschichte der Band und deren Hits vor zehn Jahren zu erinnern: Doch "ohne ähnlich große Hits waren die beiden folgenden Alben dann aber leider nicht mehr ein ganz so großartiger Spaß. Und weil das auch auf dem neuen, stark von den kristallinen Synthie-Orgien der Achtziger inspirierten Album blöderweise so ist, steht hier auch nicht mehr darüber." Die Spex präsentiert das neue Video:



Weitere Artikel: Thomas Mauch empfiehlt in der taz das Klavierfestival im Piano Salon Christophori in den Berliner Uferhalen. Tobias Sedlmaier meldet in der NZZ den Tod Grateful-Dead-Texters John Perry Barlow.

Besprochen werden Franz Schuberts "Rosamunde" mit Kent Nagano am Pult und dem neuen Text "Es kommt ein Schiff gefahren" von Ulla Hahn in Hamburg (nmz), das Debüt des Duos The Green Child (taz), das neue Album "Damned Devotion" von Joan As Police Woman (taz), ein Mahler-Konzert des Tonhalle-Orchesters unter Robert Trevino (NZZ), Berthold Seligers Buch "Klassikkampf" (FAZ) und die Ausstellung "Archaeomusica" im Landesmuseum Brandenburg mit europäischen Musikinstrumenten aus der Bronzezeit bis zur Antike (SZ).
Stichwörter: MGMT, Indie-Pop, Synthiepop

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.02.2018 - Musik

Wenn man sieht, in welchem Ausmaß Kultur heute wieder als bürgerliches Mittel zur Distinktion dient, ist es doch immer wieder verblüffend, mit welcher Radikalität die 68er den Kunstbetrieb in Frage stellten. In der neuen musikzeitung erinnert daran Anna Schürmer: Dieter Schnebel "griff die Debatte in seinem Radio-Essay 'Autonome Kunst' politisch 1971 auf: 'Also wird gefordert um der gesellschaftlichen Wirkung willen und auch um die Einstimmung breiterer Massen zu erreichen, auf autonome Gestaltung von Kunst zu verzichten.' Sein Fazit lautete: Musik, die zum Zweck politischer Verständlichkeit die Kompositionstechnik zurücknehme, bediene reaktionäre Denkweisen. Engagierte Musik stand vielen Avantgardisten für ein ästhetisch retardierendes Moment und geriet deshalb an den Zentren der Neuen Musik mit ihren normativ vertretenen Axiomen 'Innovation' und 'Fortschritt' unter Generalverdacht."

Ein Widerhall solcher Überlegungen findet sich aktuell auch in Max Nyfellers Bericht vom Eclat-Festival in Stuttgart, wo ihm manches "Hochamt der Betroffenheit", bei dem Kunst mit Aktionismus verwechselt wurde, aufstieß. Überdies zeigte sich dem FAZ-Kritiker hier einmal mehr, dass die Vorstellung, Notenschreiben sei konservativ und nur in avanciertester Technologie liege Hoffnung auf Fortschritt, hinfällig sei: "Die besten Notenschreiber stecken im grenzenlosen Terrain des klingenden Materials ihre individuellen Claims ab und erfinden (...) lauter kleine Mosaiksteine zum Bild einer Musik von morgen. Die gedanklichen Sitzenbleiber befinden sich hingegen unter den Technikspezialisten. Enttäuscht vom Lauf der Welt, aber apparatetechnisch gut gerüstet, beklagen sie bloß die gefühlten Widrigkeiten der Gegenwart."

Weitere Artikel: Eine neue CD-Box mit bislang unveröffentlichten Aufnahmen aus der Frühzeit der Hardcore- und späteren Alternative-Band Hüsker dokumentiert, dass die Band auch schon in ihren ersten, von Geschwindigkeit und Laustärke dominierten Jahren einen Hang zu eingängigen Melodien hatten, schreibt Karl Fluch im Standard. Im Vinyl District erinnert Michael H. Little an das 1978 veröffentlichte Debüt von Van Halen. Eine neue Netflix-Doku über Quincy Jones wird in den US-Medien gerade dankend als Anlass aufgegriffen, um epische Interviews mit diesem wandelnden Anekdotenschatz zu führen - für Vulture traf sich David Marchese mit der 84-jährigen Legende, für GQ hat diese Aufgabe Chris Heath übernommen.

Besprochen werden ein Auftritt von Ian Svenonius mit seiner Band Chain & the Gang (taz), Lara Bellos Album "Sikame" (taz), ein Konzert des Mondrian-Ensembles (NZZ), ein Brahms-Abend des Pianisten András Schiff (Tagesspiegel), Chris Daves Jazzalbum "Chris Dave And The Drumhedz" (Pitchfork, SZ), ein Jazzabend mit dem Trio Nolega (FR) und das neue Album von Franz Ferdinand (Pitchfork).
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