Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.04.2018 - Musik

Was bleibt von der Echo-Debatte, vom Skandal rund um Farid Bang und Kollegah und deren antisemitische Schlagseiten? Die Feuilletons sortieren die Lage. Für ein komplettes "Elend" hält Jens Uthoff im taz-Kommentar die ganze Debatte und die Reaktionen: Ärgerlich sind nicht nur Allgemein-Verteufelungen des Genres, sondern insbesondere auch die Ignoranz von Betrieb und Öffentlichkeit, mangels Interesse an der Kunstform Rap antisemitische Tendenzen lange Zeit schlicht nicht zur Kenntnis genommen zu haben.

In der Welt eilt Felix Zwinzscher den verfemten Genres zur Hilfe: Es gelte, von den Exzessen der dummen Kerle unbedingt zu abstrahieren und die lichten Seiten des Genres zu betonen - etwa die Alben des frischen Pulitzer-Preisträgers Kendrick Lamar, der der Poesie zu neuem Glanz verhelfe: "Die Geschichte des Hip-Hop ist untrennbar mit der Geschichte afroamerikanischer Lyrik verbunden, die wiederum ihre Wurzeln in den Spiritual-Gesängen der amerikanischen Sklaven hat. ... 'Bei jedem genauen Hinhören zeigt sich, dass die besten Raps in der Regel in einen hohen Gang poetischer Effizienz gegen die fast an Eliot erinnernden hartnäckigen Einschränkungen des komplexen rhythmischen Anspruchs einerseits und der Forderung fast sinnverwandter Reime andererseits schalten', preist David Foster Wallace." Für den Tagesspiegel dröselt Gerrit Bartels die verschiedenen Konstellationen und historischen Schichtungen des deutschsprachigen Raps auf.

Kunst-Apologetik wollen Verena Mayer, Jens-Christian Rabe und Thorsten Schmitz nicht so ohne weiteres gelten lassen. Auf der Seite Drei der SZ zeichnen sie ein großes Bild der Lage vom antisemitischen Vorfall vor kurzem in Prenzlauer Berg bis zur Echo-Debatte: Sicher, Rap hat mit Ermächtigung der migrantischen Unterschicht zu tun, hat eigene ästhetische Codes. Doch bei genauerem Hinsehen zeige sich in manchen Stücken eben doch "ein klarer, habitueller Antisemitismus, meist nicht in offen antisemitischer Agitation, aber als skrupelloses Spiel mit antisemitischen Klischees. Und zwar auch und gerade in den Texten der größten Stars. ... Der Hirnstunt all jener Freunde der Gegenwartskultur, die Kollegah und deutschen Gangsta-Rap verteidigen, geht folglich so: Bitte das alles nicht zum Nennwert nehmen, sondern als geiles Abbild der Straße betrachten, obwohl doch genau darauf alles, was da gereimt wird, abzielt: Es soll ja beim Nennwert genommen werden. Es ist ja eben keine irre Travestie-Show wie bei Rammstein."

Auch das Dancehall-Genre hat einen üblen Leumund, etwa was Homophobie betrifft: Im taz-Gespräch bringt Kulturwissenschaftler Patrick Helber allerdings unter Verweis auf "Ambivalenzen" und subversiver Aspekte des Genres viel, sehr viel pädagogisches Verständnis selbst noch für derbe homophobe Textzeilen auf: Die seien gewiss nicht appetitlich, aber im Grunde doch gar nicht ernst gemeint. Statt Konzerte - wie kürzlich das von Bounty Killer in Berlin - abzusagen, solle man sie lieber stattfinden lassen und draußen demonstrieren und diskutieren. Oh weh.

Weitere Artikel: Jens Blankennagel meldet in der Berliner Zeitung, dass der internationale Star-DJ Avicii im Alter von nur 28 Jahren gestorben ist. Besprochen werden das neue Album "FAKE" von Die Nerven (taz), ein Auftritt von Mahalia (Tagesspiegel) und ein Konzert der Band Imagine Dragons (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.04.2018 - Musik

Die Pianistin Yaara Tal, Tochter von Holocaust-Überlebenden, erklärt im SZ-Gespräch Harald Eggebracht, warum sie ihre Echo-Auszeichnungen behalten will: Das wäre "wohlfeil. ... Sie nun husch, husch zurückzugeben, finde ich heuchlerisch. Damit wird nichts besser, es trifft nicht die gesellschaftliche Problematik, mit der wir alle umgehen müssen." Sven Regener hat die umstrittene Preisverleihung vergangene Woche vorzeitig verlassen, erklärt er Jens Balzer im Zeit-Gespräch: Der Preis sei "komplett ruiniert. ... Ich möchte da jedenfalls nicht mehr hin." Jens-Christian Rabe referiert dazu passend in der SZ die ökonomischen Eckdaten des kommerziell erfolgreichen Battle-Raps.

Unterdessen haben Sponsoren den Echo aufgegeben, und der Präsident des Deutschen Musikrats will beim Ethikrat des Echo nicht mehr mitmachen, berichten Agenturen (hier in Zeit online). Nur einer hält treu an den beiden antisemitischen Rappern fest, BMG - die Musiktochter von Bertelsmann, die mit den Platten der Rapper prächtige Geschäfte macht (sonst hätten sie den Echo ja nicht bekommen). "Ohne Zweifel hätten manche Zeilen des Rap-Albums viele Menschen tief verletzt", zitiert der Ticker die Firma, "auf der anderen Seite seien viele Menschen nicht so sehr verletzt worden, so dass das Album vergangenes Jahr eines der meistverkauften in Deutschland gewesen sei, hieß es weiter."

Dem Rapper Fler geht die ganze Aufregung gehörig auf die Nerven: Der Echo sei schließlich kein Kunstpreis, meint er im Interview mit der NZZ. "Wer kommerziell den größten Erfolg hat, bekommt einen Echo, Punkt. Es ist feige, die Leute, die für die Industrie das Geld verdienen, auf der Bühne an den Pranger zu stellen. Der Echo lebt vom Schlager, er lebt vom Hip-Hop. Er lebt nicht von Campino. Die Zeit von dem Typen ist vorbei."

Der Generationenwechsel unter den Orchesterleitern ist im vollen Gange, beobachtet Ljubiša Tošić im Standard: Viele nachrückende Dirigenten tanzen allerdings auch auf vielen Hochzeiten und hetzen nach Karajans Façon von einem Konzert zum nächsten, mit ständig wechselnden Orchestern. Die Dirigenten sehen das eher gelassen: So "betont etwa Orozco-Estrada, dass 'es zu falscher Routine führt, zu lange mit einem Orchester zusammen zu sein. Abwechslung ist gut!' Selbst Petrenko kann flüchtigen Orchesterbegegnungen Reize abgewinnen: 'Es ist schön zu improvisieren, denn manchmal hat man so geprobt, dass man improvisieren muss.' Mag sein. Die Rezeptionsgeschichte lehrt allerdings, dass bleibende Ergebnisse oft aus Kontinuität erwachsen." Petrenkos kürzlich in Berlin gegebenes Konzert mit den Berliner Philharmonikern, die er bald regulär leiten wird, kann man im übrigen derzeit beim Deutschlandfunk Kultur nachhören.

Weitere Artikel: Jenni Zylka verdrückt in der taz eine kleine Träne darüber, dass der Berliner Retro-Rock'n'Roll-Club Bassy wegen einer "monströsen Mieterhöhung" zum Monatsende die Pforten schließen muss.

Besprochen werden "Dimensional People" von Mouse on Mars (Pitchfork), das neue SIND-Album "Irgendwas mir Liebe" (taz), Ivo Pogorelichs Konzert in Wien (Standard), ein Tocotronic-Konzert (Berliner Zeitung), ein Konzert der Violinistin Lisa Batiashvili mit Daniel Barenboim und seiner Staatskapelle (Tagesspiegel), ein Telemann-Konzert des Ensembles Il Suonar Parlante, Dorothee Oberlinger und Vittorio Ghielmi (Tagesspiegel), ein Puccini- und Verdi-Abend mit der Frankfurter Kantorei (FR), ein Fagott-Performance-Abend mit Johannes Schwarz (FR) und der Kino-Dokumentarfilm "The King - Mit Elvis durch Amerika" (FAZ, kino-zeit.de).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.04.2018 - Musik

Gestern hat sie sie noch verteidigt, heute erklärt die Plattenfirma BMG, sie wolle die weitere Kooperation mit Kollegah und Farid Bang nach den Turbulenzen der letzten Tage bis auf weiteres ruhen lassen. Außerdem spendet sie 100.000 Euro an ein Programm gegen Antisemitismus. Für "modernen Ablasshandel" hält das Jens Balzer auf ZeitOnline und erinnert daran, dass das dort veröffentlichte, jetzt in der Kritik stehende Album noch vergangenen Dezember vom Hause arg als Megaseller in der Öffentlichkeit bejubelt wurde: "Allein mit den 50 Euro teuren Box-Sets habe man in den ersten sieben Tagen 3,5 Millionen Euro umgesetzt. (Zur Erinnerung: Für das neue Bertelsmann-Programm gegen Antisemitismus sind bisher 100.000 Euro geplant, nicht pro Woche, sondern insgesamt)." Für die Zukunft schlägt Balzer "einen kollektiven Entwöhnungsprozess" vor, was Leute wie Kollegah und Co. betrifft.

Dass Kollegah, mit echtem Namen Felix Blume, gerne mal mit wirren Narrativen und Ideologien zündelt, belegt Leon Holly im Tagesspiegel anhand des bereits vor zwei Jahren erschienenen und damals von kritischen Reaktionen kaum begleiteten Videos zu "Apokalpyse", in dem sich Kollegah  Versatzstücke antisemitischer Weltenlauf-Deutungsmuster bedient. Natürlich "gibt es den künstlerischen Spielraum, in dessen Rahmen nicht jede fiktive Darstellung unbedingt bedeutet, dass der Autor selbst komplett mit der Aussage des Werkes übereinstimmt. Das Musikvideo zu 'Apokalypse' stilisiert Blume allerdings zum Helden im Kampf gegen das Böse, von einem Verweis auf einen ironischen Charakter fehlt jede Spur." In der Welt kann Christian Meier den Spagat von BMG auch nicht ganz nachvollziehen und verweist auf die "gerade ausgestrahlte, äußerst differenzierte WDR-Dokumentation 'Die dunkle Seite des Rap' von Viola Funk" zum Thema.

Weitere Artikel: Ueli Bernays annonciert in der NZZ die neue Konzert- und Performancereihe "Sonic Fiction" am Zürcher Schauspielhaus, die mit Konzerten von Jenny Hvals und Ben Frost startet. Hülya Gürler porträtiert in der taz den deutschtürkischen Rapper Sultan Tunc, der als Musiker lange Zeit zwischen der Türkei und Deutschland pendelte und jetzt eine Coverversion von "Kreuzberger Nächte sind lang" veröffentlicht hat. Stephanie Grimm berichtet in der taz von einer Berliner Veranstaltung über Gleichberechtigung im Pop. Zoya Mahfoud hat sich für den Tagesspiegel mit dem syrischen Solocellisten Athil Hamdan getroffen. Frederik Hanssen wirft für den Tagesspiegel einen Blick ins Programm der kommenden Saison des Deutschen Symphonie-Orchesters.

Besprochen werden Groupers neues Album "Grid of Points" (taz), Cardi Bs neues Album "Invasion of Privacy" (Standard) und neue Popveröffentlichungen, darunter Mr. Fingers' "Cerebral Hemispheres" (ZeitOnline). Daraus eine Hörprobe:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.04.2018 - Musik

Erst sich vornehm zurückziehen, dann mit umso größerer Wucht dabei gewesen sein wollen: Der Zivilcourage-Tsunami nimmt mit weiteren Echo-Rückgaben und Protest-Notizen volle Fahrt auf. Sehr verwunderlich findet Tomasz Kurianowicz es allerdings auf ZeitOnline, "dass erst jetzt die Einsicht kommt, dass man zwei umstrittenen Künstlern kommentarlos eine Bühne gegeben hat, damit sich diese für ein mittelmäßiges Musikalbum mit sexistischen, tendenziell antisemitischen Inhalten feiern lassen können." In der FR wünscht sich Daniel Dillmann insbesondere vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk mehr Haltung in Sachen Airplay.

"Erschreckend" findet es der Pianist Igor Levit im ZeitOnline-Interview, "dass die Verantwortlichen des Echo offenbar nicht Willens waren, diese Preisvergabe zu verhindern. ... Die Verantwortlichen müssen sich selbst darüber klar werden, was ihr System vergangene Woche angerichtet hat. Wenn sie sich damit nicht glaubwürdig auseinandersetzen, verlieren sie ihre Legitimation."

Deutschland hat den Echo und Kollegah, die USA den Pulitzer-Preis und Kendrick Lamar, letzterer der erste Rapper, der je mit dem Pulitzer ausgezeichnet wurde: "Ein Künstler von höchstem Rang", der insbesondere vor dem Hintergrund des gesellschaftspolitischen Klimas in den USA wertvolle Arbeit leistet, meint Dietmar Dath dazu in der FAZ. Der im Fitnesstudio schwitzende Angeber Kollegah dagegen müsse "Fragen nach der sozialen Legitimität seiner drohbrünstigen Gettogestik und der künstlerischen Qualität seiner verhauenen Reime mit dem überzüchteten Bizeps wegdrücken". Und in der taz porträtiert Jan Feddersen den in Deutschland viel zu wenig gewürdigten Weltbürger und Beatles-Freund Klaus Voormann, der den Stein ins Rollen brachte.

Sehr dankbar, dass sich im Rap nicht nur Schreihälse wie Kollegah & Co tummeln, ist im übrigen auch Bernhard Haysinger, der sich auf ZeitOnline freut, dass ausgerechnet der früher so laute, derbe Fler mittlerweile zum ruhigen Trap gefunden und damit einen Hauch des Weltgeists zu fassen gekriegt hat: "Viele wollen lässige Musik hören, lässig leben und sich nicht mehr anschreien lassen: nicht im Privaten, nicht im Berufsleben, nicht von den Medien, nicht im Rap und auch bitte, bitte nicht von Politikern. ... Das ist der Sound, mit dem es weitergehen kann." Hier einige Auszüge aus Flers neuem Album:



Und eine gute Nachricht aus den USA vermeldet Felix Zwinzscher in der Welt anlässlich des neuen Album von Cardi B: In den Staaten entdecke man die weiblichen Wurzeln des Gangsta-Rap.

Ein wenig Auszeit von der Debattenlage gönnt sich die in Würde graumelierte Poplinke der 90er unterdessen beim Berliner Abschlusskonzert von Tocotronic. "Ist es nicht eine Wohltat, dass es jenseits des Echo-Gruselpops von Rap über Schlager bis Rock noch gute deutschsprachige Popmusik gibt", fragt sich ein dahin schmelzender Gerrit Bartels im Tagesspiegel. Enthusiastisch von diesem Abend nach Hause gegangen ist auch tazler Jens Uthoff: Kein Wunder, schließlich hat man gemeinsam in der Columbiahalle "einige Déjà-vus durchgemacht, rekapituliert, woher man kommt, wer man war, wer man ist, als hätte man noch mal eine kleine Evolution durchlaufen."

Weitere Artikel: Für den Tagesspiegel porträtiert Gunda Bartels den Chansonnier Vladimir Korneev. Frederik Hanssen wirft für den Tagesspiegel einen Blick ins Programm des Musikfests Berlin 2018. Mit größter Freude erinnert Karl Fluch im "Unknown Pleasures"-Blog des Standard an den neuseeländischen Punk-Exzentriker Chris Knox. Wir hören gerne rein:



Besprochen werden Lana del Reys Berliner Konzert (Welt, Berliner Zeitung, Tagesspiegel), ein von Michael Sanderling dirigiertes Konzert der Dresdner Philharmoniker (Tagesspiegel), Lars Vogts Konzert in Frankfurt (FR), ein Auftritt des Rappers Curse (FR) und neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album von Die Nerven, das SZ-Kritiker Julian Dörr als Antidot zum Echo-Generve empfiehlt. Mehr dazu auch bei Byte.FM und hier das aktuelle Video:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.04.2018 - Musik

Im Nachhinein will jeder couragiert gewesen sein: Doch wenn nun das Notos Quartett und Klaus Voormann ihre Echos im Nachhinein aus Protest gegen die Auszeichnung für Kollegah und Farid Bang zurückgeben, dann ist das nur noch wohlfeil, schreibt Gerrit Bartels im Tagesspiegel: "Augen zu und durch, so haben bis auf Campino alle gedacht: die Verantwortlichen von Vox, die den Echo live übertragen haben, die beteiligten Popmusiker. Doch wer nominiert ist, kann auch gewinnen, so moralisch verwerflich das in diesem Fall nun ist."

Für Jens-Christian Rabe von der SZ ist der Branchenpreis nach dem Debakel der letzten Tage ohnehin am Ende: "Genau jetzt ist der Moment, in dem man ihn entweder für immer begräbt - oder mutig neu gründet." Am liebsten wäre ihm eine "Akademie-Jury" nach dem Vorbild der Oscars, in der die Kreativen, nicht die Manager das Sagen haben.

Voormann schreibt in seiner Erklärung: "Ich habe mir .. bewusst Zeit gelassen mir mein eigenes Bild über die gesamte Situation zu machen, da ich selbst am Echo-Abend nicht wusste, um was es überhaupt ging. Ich habe mich zum Beispiel nicht nur darauf beschränkt den Text von '0815' ganz zu lesen sondern auch mehrere Lyrics des umstrittenen nominierten Albums 'JBG3'. Provokation ist erlaubt und manchmal sogar notwendig um Denkanstöße zu geben. Aber es darf nicht die Grenze zu menschenverachtende, frauenfeindliche, rassistische, antisemitische, gewaltverherrlichende Äußerungen und Taten überschritten werden. Genau diese Attribute treffen im gegebenen Fall zu... Woher kommt es, dass derartige Entgleisungen hierzulande so erfolgreich sind und von Sendern wie Vox sogar noch gefeatured werden?"

Weitere Artikel: In der Welt plaudert Michael Pilz mit Charly Hübner und Monchi, dem Sänger der Punkband Feine Sahne Fischfilet, die sich in ihrer Mecklenburg-Vorpommerner Heimat rustikal gegen Nazis wehrt. Die Welt am Sonntag hat Claudia Sewigs Gespräch mit Revolverheld online nachgereicht. Auf ZeitOnline stellt Daniel Gerhardt die Rapperin Cardi B vor. Hier ein aktuelles Video:



Besprochen werden ein Liszt-Konzert der Pianistin Martha Argerich (NZZ) und neue Klassikveröffentlichungen, darunter eine CD mit Debussy-, Ravel- und Dutilleux-Aufnahmen von Quatuor Hermès (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.04.2018 - Musik

Nach den Protesten gegen die Echo-Auszeichnung für Kollegah und Farid Bang, die wegen antisemitischer Textzeilen in die Kritik geraten waren, kündigt Florian Drücke, der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes Musikindustrie, ein Umdenken an, meldet die taz mit der dpa: Man beabsichtige eine "umfassende Analyse und die Erneuerung der mit der Nominierung und Preisvergabe zusammenhängenden Mechanismen."

Im Welt-Kommentar verteidigt Dennis Sand indessen die ästhetischen Codes des Battle-Rap, dem das inkriminierte Stück von Kollegah und Farid Bang zuzurechnen ist: Höhnische Textzeilen über KZ-Insassen seien ja gar nicht ernst gemeint und sollten vor dem Hintergrund des Genres verstanden werden - schlimm sei nur Kollegahs Auftreten jenseits solcher Zeilen: Da vertritt er eben tatsächlich Verschwörungstheorien vor großem Publikum. Hier sollte man ansetzen, meint er. "Rap hat keine Agenda. Rap ist ein Spiegel unserer Gesellschaft. Einer Gesellschaft, in der es Parallelgesellschaften, Clanstrukturen, Homophobie, Misogynie und Antisemitismus gibt. Rap reflektiert das. Kritik an Teilen der HipHop-Kultur durch die Mainstream-Medien sind deswegen richtig und notwendig. Die HipHop-internen Medien sind dazu größtenteils nicht in der Lage. Aber die Kritik muss sich auf wirklich kritikwürdige Punkte beziehen."

Weitere Artikel: Für die FR schlendert Thomas Stillbauer über die internationale Musikmesse in Frankfurt, auf der sich die Produzenten klassischer Musikinstrumente zusehends gegen die digitale Musikproduktion behaupten müssen. In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Julia Bähr über Frank Zappas "Bobby Brown":



Besprochen werden Martin Jaggis neue Komposition "Uxul" in einer Aufführung durch das Collegium Novum Zürich (NZZ), ein Bob-Dylan-Auftritt in Salzburg (Standard), Jeffrey Lewis' neues Album, auf dem er Arbeiten von Tuli Kupferberg interpretiert (Jungle World), das Album "Vergifte dich" von Isolation Berlin (Standard), das neue Album von The Weeknd (SZ), ein Konzert von Andreas Spechtl (taz), ein Konzert der Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko (SZ), Kylie Minogues neues Album "Golden" (Standard) und ein neues Album von Sasha (Zeit).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.04.2018 - Musik

Große Einigkeit im Feuilleton: Die Echo-Auszeichnung für Kollegah und Farid Bang hätte nicht passieren dürfen. Jens Balzer wirft in der taz insbesondere der deutschen Pop-Öffentlichkeit jenseits der kritischen Feuilletonstimmen Totalversagen und Kapitulation vor: Noch vor wenigen Jahren war der Betrieb gesammelt aufgestanden, als es darum ging, gegen Frei.Wild - zu Recht - zu protestieren, wobei die Tiroler Rocker sich im Vergleich insbesondere zu dem derben Sexismus der Rapper wie brave Chorknaben ausnehmen: Doch "es ist zu einfach, jetzt mit dem Finger auf die Echo-Veranstalter zu zeigen. ... Natürlich hätte man die beiden ausschließen können, aber das hätte ihnen nur wieder dabei geholfen, sich als Opfer zu inszenieren. Wichtiger wäre zunächst, sich in Erinnerung zu rufen, warum sie überhaupt für den Echo infrage kamen: Weil mehrere hunderttausend Menschen ihre Platte gekauft und Millionen von Menschen sie gern gehört haben. Dass das so ist, ist ein Problem, über das man nicht - wie bisher - milde hinwegsehen kann. Wir alle müssen da genauer hinsehen und hinhören."

In dem auf der Bühne absolvierten Schlagabtausch zwischen den Rappern und Campino zeigt sich für Tagesspiegel-Kommentator Gerrit Bartels der Generationenkonflikt im Pop. Für ein "Empörungsbäuerchen" hält Karl Fluch im Standard Campinos Protestrede: "Hätte er ein Zeichen setzen wollen, hätte er gesagt, dass er den Preis in dieser Nachbarschaft nicht akzeptieren kann." Ähnlich sieht es NZZ-Kommentator Benedict Neff: Er empfand den Abend als "würdelose Veranstaltung, die zu verlassen die einzig angemessene Reaktion für die versammelte Abendgesellschaft gewesen wäre." Gefördert wurde "die Verharmlosung des Holocaust." Ursula Scheer schlägt in der FAZ die Hände über dem Kopf zusammen: "Jetzt sollen wir uns auch noch an Antisemitismus gewöhnen. Der Echo 2018 hat ihn musikalisch hoffähig gemacht."

Auch Oliver Polak empört sich in der Welt über das Versagen der Popbranche: "Wie können Künstler, Musikbranchenheinis und andere ernsthaft dieser Veranstaltung beiwohnen, wo bleibt der Aufstand? Wie unemphatisch, wie kalt muss man sein, dass man hier keinen Widerstand leistet? ... Im Publikum Prosecco trinkend rumzubuhen ist kein Widerstand, das ist nicht einmal ein Widerständchen. Einen Löwen bekämpft man nicht, indem man ihn mit Federn bewirft."

Viel Freude hat ZeitOnline-Kritiker Daniel Gerhardt an dem neuen Album "Dimensional People" der aus dem Rheinland nach Berlin gezogenen Elektro-Frickeler Mouse on Mars deren Musik "sich ohne erkennbare Anstrengung über vermeintliche Genregrenzen und Trennlinien zwischen Hoch- und Ramschkultur hinwegsetzt." In diesem Mini-Dokumentarfilm gestatten die Musiker einen Blick in ihre digitale Hexenküche:



Weiteres: Nach einem Berliner Konzert der Berliner Philharmoniker unter deren nächstem Chefdirigenten Kirill Petrenko freut sich FAZ-Kritiker Clemens Haustein nur noch mehr auf Petrenkos vollständiger Ankunft 2019 in Berlin. Karl Fluch erinnert sich im Standard an die Austro-Popband STS.

Besprochen werden Jeffrey Lewis' "Works by Tuli Kupferberg, 1923-2010" (taz), Charly Hübners Dokumentarfilm "Wildes Herz" über die Punkband Feine Sahne Fischfilet (Freitag), ein Britten-Konzert des Bundesjugendorchesters (Tagesspiegel) und ein Auftritt des Tenors Juan Diego Flórez (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.04.2018 - Musik

Gestern Abend wurden die Gangsta-Rapper Kollegah und Farid Bang mit dem Branchenpreis Echo ausgezeichnet. Vorangegangen war dem eine Kontroverse rund um antisemitische Textzeilen. Campino nutzte die Bühne für ein ausführliches Statement gegen die Provokationen der Rapper und fragte: "Wann ist die moralische Schmerzgrenze erreicht?" Für ihn sei diese Grenze dann überschritten, "wenn es um frauenverachtende, homophobe, rechtsextreme, antisemitische Beleidigungen geht - und auch um die Diskriminierung jeder anderen Religionsform."



Kollegah und Farid Bang reagierten darauf wenig später und versuchten den Tote-Hosen-Rocker auf der Bühne mit einer Karikatur lächerlich zu machen, so dass man sich prompt fragte, wie viel fragile Verletzlichkeit Kollegah, der bürgerlich Felix Blume heißt und zu Gymnasialzeiten Malwettbewerbe gewonnen hat, wohl hinter seinen Muskelbergen zu verbergen sucht:



"Die Beruhigungsversuche haben also nicht geholfen", meint dazu Harry Nutt in der Berliner Zeitung. "Ein echter Gangsta-Rapper will Skandal, ohne ihn ist der nichts." Im Tagesspiegel fasst Markus Lücker den Abend zusammen, während Nadine Lange nochmals ihre Empörung über die Nominierung unterstreicht: "Dass man Kollegah und Farid Bang bei der live im Fernsehen übertragenen Echo-Verleihung überdies noch auftreten lässt, ist allerdings nicht nachvollziehbar. Das lässt alle Distanzierungsstatements, die der Verband zur gewaltverherrlichenden Sprache des Duos abgegeben hat, wie reine Beschwichtigungsprosa wirken. Man könnte es auch zynische Doppelmoral nennen."

"Welchen Wert hat eine Auszeichnung, die allein von den Verkaufszahlen bestimmt wird, darüber hinaus aber keine künstlerischen Kriterien kennt", fragen sich Gerrit Bartels und Andreas Busche im Tagesspiegel in einem noch vor der Verleihung online gestellten Kommentar zur Lage des Echo-Preises. "Natürlich lässt sich hervorragend spotten über den Echo mit seinen Schlager- und Retortenstars. Man muss ihm leider aber auch attestieren, dass der Echo die popmusikalische Realität in Deutschland aufs Beste widerspiegelt." Das, meint Michael Pilz in der Welt, "ist der hohe Preis des Preises, der das Popgeschäft nicht so zeigt, wie es sein sollte oder wie es gern wäre - sondern so, wie es nun einmal ist".

Leon Dische Becker hat für den Freitag tief gegraben im antisemitischen Morast des Gangsta-Raps und findet die Berichterstattung bestürzend oberflächlich: Die meisten Journalisten stürzten sich auf wenige Zeilen, die sie dann schnell hochkochten, ignorierten aber, dass es in zahlreichen von Kollegahs Stücken und Videos vor antisemitischen Klischees nur so trieft. "Wer sich ernsthaft mit Antisemitismus in Deutschland auseinandersetzen will, muss die Vertriebskanäle studieren und jenes riesige Netz metastasierender Verschwörungstheorien. Die Rapszene, die mehr als jeder andere Teil der Gesellschaft auch Außenseiter willkommen heißt, ist dafür ein Knotenpunkt." Auch Daniel Dillmann stellt in der FR fest: "Der Duktus der antisemitischen Verschwörungstheorie gehört im deutschen Gangsta-Rap fast flächendeckend zum ästhetischen Code."

Weitere Artikel: Friederike Meyer berichtet im Freitag aus ihrem Alltag als Musikmanagerin in einer weitgehend von Männern besetzten Berufsdomäne. Christian Schröder war für den Tagesspiegel bei einem Berliner Gedenkabend für David Bowie.

Besprochen werden ein Bartók- und Schostakowitsch-Konzert mit dem Gustav Mahler Jugendorchester unter Vladimir Jurowski (FR), das neue Album "Golden Hour" der Countrysängerin Kacey Musgrave, die mit ihren progressiven Texten bei Country-Stammpublikum aneckt (taz), die Holger-Czukay-Box "Cinema" (Jungle World), ein Livealbum von Melody Gardot (Standard), das Album "Kamaloka" des Max Clouth Clan (FR), ein Auftritt von David Hasselhoff (taz) und neue Popveröffentlichungen, darunter das nach langen Verzögerungen endlich veröffentlichte neue Album von Tinashe, das ZeitOnline-Kritiker Fabian Wolff ziemlich umhaut: "Niemand klingt so schön von der Liebe enttäuscht." Wir hören rein:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.04.2018 - Musik

Wer in der aktuellen Kontroverse um den Echo-Preis den Antisemitismus in den Stücken von Kollegah und Farid Bang skandalisiert, muss auch generell über Antisemitismus sprechen, mahnt Christian Werthschulte in der taz: "Von Deutschlandfunk bis Tagesspiegel herrscht Einigkeit darüber, dass die Deutschrap-Szene ein Antisemitismusproblem habe. Dabei vertreten rund 20 Prozent der Deutschen antisemitische Ansichten - der eine oder die andere DeutschrapperIn wird darunter sein. ... In der Debatte über Kollegah tritt ein Aspekt hervor, der den Diskurs über muslimischen Antisemitismus dominiert: Er gilt als Sache einer Minderheit, damit man nicht über den Antisemitismus im eigenen Umfeld reden muss." Als reine Branchenveranstaltung, bei der die Musikindustrie auf schmerzlich ununterhaltsame Weise ihre Bestseller prämiert, ist der Echo ohnehin so fade wie irrelevant, ärgert sich Jens-Christian Rabe in der SZ und erneuert Forderungen nach einer unabhängigen Jury "ohne Musikmanager".

Für die taz unterhält sich Andreas Hartmann mit Thomas Meinecke über dessen Reihe "Plattenspieler", die er seit nunmehr zehn Jahren im Berliner HAU bestreitet und für die er mit wechselnden Gästen Platten auflegt, um darüber vor Publikum zu sprechen: Im Mittelpunkt der Veranstaltung steht "die Relation zwischen Musik, Ästhetik, Mode und die darin sich zeigenden Lebensentwürfe. Mal ist das politischer, mal theorielastiger, mal ästhetischer angelegt oder vielleicht auch mal auf einer Trash-Ebene. Aber natürlich geht es schon die ganze Zeit um die Verweishölle, durch die man sich als Popist bewegt."

Weitere Artikel: Laura Oehl resümiert in der FR den Deutschen Pianistenpreis in Frankfurt. Sehr gelungen findet SZ-Kritiker Harald Eggebrecht die musikalische Untermalung, die sich Philippe Schœller für die rekonstruierte Fassung des Stummfilms "Das alte Gesetz" hat einfallen lassen.

Besprochen werden Charly Hübners Kino-Dokumentarfilm "Wildes Herz" über die Punkband Feine Sahne Fischfilet (taz), das Debüt "Invasion Of Privacy" der Rapperin Cardi B (Tagesspiegel), ein Auftritt von Elina Garanca (Standard), ein Konzert von Joan As A Woman (Tagesspiegel), Johannes Brahms' "Deutsches Requiem" unter Paavo Järvis Dirigat (FAZ, eine Aufzeichnung sendet 3sat am 22. April) und Kreiskys Comeback-Album "Blitz" (Standard). Daraus ein Video, in dem die Bandmitglieder amtlich herumpferden:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.04.2018 - Musik

Warum wird eigentlich erst jetzt über den Antisemitismus im neuen Album von Kollegah und Farid Bang diskutiert, fragt sich Harry Nutt in der Berliner Zeitung: "Immerhin ist das Album 'JGB3' schon fast ein halbes Jahr auf dem Markt und mit gut 200.000 verkauften Exemplaren eines der erfolgreichsten Alben der deutschen Hip-Hop-Geschichte, ohne dass bislang jemand daran Anstoß genommen hätte."

Gegen Bounty Killers geplante Deutschlandtour regt sich Protest, berichtet Jens Uthoff in der taz: Vorgeworfen werden dem jamaikanischen Musiker homophobe Ausfälle in diversen Stücken: "In Liedern wie 'Another Level' (2000) und 'Man Ah Bad Man' (2001) reichte seine Anti-Homo-Hetze bis zum Mordaufruf. Er reihte sich damit nahtlos ein in eine Riege von jamaikanischen Künstlern wie Sizzla, Beenie Man, Buju Banton und weitere, die mit Hass ein ganzes Genre begründeten. Öffentlich hat Bounty Killer sich von den Songs nie klar distanziert, mit manchen verdient er bis heute Geld."

Weitere Artikel: Die Teilnahme Nordkoreas an den Olympischen Spielen von Pyeongchang hat einen "unverhofften Kulturaustausch" zwischen dem Norden und Süden des Landes angestoßen, beobachtet Hoo Nam Seelmann (NZZ): So interpretierten immer mehr südkoreanische Sängerinnen und Sänger nordkoreanische Lieder. Die FAZ hat Jan Brachmanns Brahms-Gespräch mit Paavo Järvi online gestellt. Für Das Filter spricht Raoul Kranz mit dem Elektromusiker Chris Clark.

Besprochen werden ein Konzert des ensemble unitedberlin zum 70. Geburtstag von Claude Vivier (NMZ), ein Gastspiel des Tonhalle-Orchesters Zürich in Wien (Standard), das neue Album von Left Boy (Standard), neue Popveröffentlichungen, darunter eine Compilation mit Coverversionen von Elton-John-Stücken (SZ), und Malakoff Kowalskis Klavieralbum "My First Piano" (taz). Daraus ein Video:



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