Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Musik

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.12.2020 - Musik

Beim neuen Miley-Cyrus-Album (unser Resümee) werden sich selbst ehemalige Spex-Chefredakteure nicht einig, ganz im Gegenteil: Es geht um Achtziger-Pop, von Blondie bis Billie Idol. "Die meisten dieser Referenzen bleiben jedoch leere Gesten", meint dazu Daniel Gerhardt auf ZeitOnline: "Als wollte sie jedes Vorurteil über den aktuellen Zustand des Genres bestätigen, beschwört Cyrus ein Rock-'n'-Roll-Gefühl, das es schon vor zehn Jahren als T-Shirt-Aufdruck bei H&M zu kaufen gab." Derlei wurde häufiger schon über das Album gesagt, was Dietmar Dath in der FAZ zur Rettungsaktion treibt: "Achtziger? Wenn der Kinoregisseur Nicolas Winding Refn so etwas als Film macht und 'Drive' (2011) nennt, dann fallen allen Hipstern die Nüsse aus der Schale, aber bei Miley Cyrus kapieren sie's wieder nicht und hören nur 'Eklektizismus'."

Die seit längerem ziemlich angezählte E-Gitarre erlebt ein Comeback, beobachtet Jens-Christian Rabe (SZ). Nicht nur in den Charts, sondern auch für den Verkauf gilt das, vom Genre der Online-Tutorials auf Youtube ganz zu schweigen: "Der langsame, heimliche Tod sieht da eher wie das blühende Leben aus." Neben Tutorials schwärmt Rabe von Kanälen wie dem von Rick Beato, wo man "von Gitarrentechnik, Soundkunde, Songwriting, Akkord- und Harmonielehre und Gehörtraining über Zubehörtests aller Art und brillante Popsong-Analysen ('What makes this Song great') bis hin zu ganzen Videoserien zur Geschichte der Gitarre so ziemlich alles bekommen kann, was für ein amtliches Fernstudium des Instruments nötig ist." Völlig umgehauen ist Rabe allerdings vom Youtube-Kanal des Ladens Norman's Rare Guitars in Los Angeles, wo es um unbezahlbare Instrumente-Exemplare geht. Hier ein Schmuckstück aus den Fünfzigern:



Weitere Artikel: Neue Veröffentlichungen von von unter anderem Till Brönner, Christian Scott und Aquiles Navarro lassen ihn wieder an ein Comeback der Trompete im Jazz glauben, erklärt Andrian Kreye in der SZ. Auf "Axiom", für Kreye eine der besten Jazzplatten des Jahres, spielt Christian Scott Miles Davis:



Besprochen wird ein ohne Live-Publikum ins Netz übertragenes Konzert der Dresdner Philharmoniker unter Marek Janowski (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.11.2020 - Musik

Auf ZeitOnline stellt Hannah Schmidt die App Enote vor, die Orchestermusikern verspricht, Notenmaterial nicht nur optisch einzuscannen und darzustellen, sondern darüber hinaus auch inhaltlich zu analysieren und damit modifizierbar zu machen. Musiker sind begeistert, alteingesessene Verlage lehnen sich erst einmal zurück: "Was bedeutet es für den Musikmarkt, für die Arbeit von Verlagen wie Schott, Henle oder Bärenreiter, wenn ein Angebot wie Enote künftig den Zugang zu 150.000 Werken ermöglichen will, inklusive aller technischen Features, für 9,99 Euro im Monat? Clemens Scheuch, Mitglied der Geschäftsleitung bei Bärenreiter, gibt sich gelassen: 'Das ist keine Konkurrenz, die ich groß fürchte', sagt er. Die Frage sei vielmehr, ob ein so junges Unternehmen in der Lage sei, musikwissenschaftliche Arbeit auf einem Level zu leisten, wie das die etablierten Verlage oft seit Jahrhunderten tun." Ähnliches werden Brockhaus und Co. über die Wikipedia anfangs auch gesagt haben.

Weitere Artikel: Für ZeitOnline hat Ulrich Stock ein großes Gespräch mit dem Pianisten Nils Frahm über dessen neues Live-Album geführt. Karl Bruckmaier spricht in der FAZ mit dem norwegischen Akkordeon-Spieler Frode Haltli, der die Lage der letzten Monate genutzt hat, um drei Alben einzuspielen.  Für die NZZ plaudert Tobias Sedlmaier mit Campino.

Besprochen werden Nick Caves Live-Album "Idiot Prayer" (NZZ), Miley Cyrus' Album "Plastic Hearts" (Tagesspiegel, mehr dazu hier), Camille Thomas' "Voice of Hope" (FAS) AnnenMayKantereits neues Album (Freitag) und ein Online-Konzert des Berliner Konzerthausorchesters unter Joana Mallwitz (Tagesspiegel). Wir hören mit:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.11.2020 - Musik

Miley Cyrus hält ihren Takt: Pro Album ein Imagewechsel, auch ihr siebtes Album "Plastic Hearts" macht da keine Ausnahme. Jetzt "hat sie die letzten Rockjahrzehnte für sich entdeckt und ist nun die edle Rockerin mit blondem Vokuhila, zerrissenen Jeans und Lederhandschuhen", erklärt in der Berliner Zeitung Nadja Dilger, die die vorliegenden Stücke, darunter viele Coverversionen, allerdings einigermaßen achselzuckend zur Kenntnis nimmt. Der Versuch, den Radio-Rocksound in die Gegenwart zu tragen, glücke "nicht wirklich." Sogar Billy Idol und Joan Jett kamen für dieses Album ins Studio, in dem SZ-Kritiker Joachiam Hentschel daher eine "völlig überdrehte semiotische Übererfüllung" sieht. Wer "Plastic Hearts" und den damit einher gehenden Imagewandel aber als Versuch sieht, noch nicht erschlossene Marktsegmente für Cyrus zu interessieren, gehe fehl, meint er: Dieses Album sei in erster Linie "ein Update fürs Corporate Design. Unter anderem auch das Launch-Signal für die neue T-Shirt- und Hosen-Kollektion, die in der Nacht zur Albumveröffentlichung freigeschaltet wurde." Wir hören rein:



Sehr unzufrieden zeigt sich Jürgen Kesting in der FAZ damit, dass der Begriff "Belcanto" mitterweile inflationär in seiner wortwörtlichen Bedeutung "schöner Gesang" verwendet wird, und erklärt, was es damit wirklich auf sich hat: "In das musikalisch-technische Vokabular drang er erst in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ein: als defensiver Terminus zur Verklärung einer verblühten Kunst."

Weitere Artikel: Für die NZZ hört sich Moritz Weber durch jüngste Aufnahmen von Beethovens Sonaten. Georg Rudiger hat sich für den Tagesspiegel mit der Sängerin Fatma Said getroffen. Im Tagesspiegel porträtiert Frederik Hanssen den Sänger Frederic Jost. Im Standard glossiert Amira Ben Saoud über die Social-Media-Aufregungen nach den Grammy-Nominierungen: "Oh boy, es ging sogleich rund auf Twitter." Karl Fluch erinnert im Standard daran, wie vor 30 Jahren Milli Vanilli aufflogen. Besprochen wird Benees Debütalbum "Hey U X" (taz).
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Stichwörter: Cyrus, Miley, Belcanto

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.11.2020 - Musik

Blasinstrumentlastige Neuinterpretationen von romantischen Kunstliedern - auf dem Papier klingt das Konzept der österreichischen Musicbanda Franui zunächst nach einer drolligen Wirtshausidee, gibt SZ-Kritiker Helmut Mauró zu. Begeistert ist er, wie zuvor schon weite Teile des Klassikbetriebs, aber dennoch, was auf dem neuen Franui-Album "Alles wieder gut" vor allem auch mit dem Bassbariton Florian Boesch zu tun hat: "Nicht nur, weil er über eine wunderbar geführte, flexible, klangschöne Stimme verfügt, sondern weil er dem musikphilosophischen Konzept von Franui so leidenschaftlich willig folgt, als habe er nie etwas anderes gesungen als die wunderbar schrägen Neudeutungen von Schubert-Liedern." Zu erkunden ist somit "eine hinreißend unvertraute neue Klangwelt".

Auch tazlerin Katharina Granzin ist hin und weg, wie das Ausgangsmaterial liebevoll gegen den Strich gebürstet wird: "Liebes- und Todessehnsucht gehen Hand in Hand in diesen Liedern und Texten; emotionale Zustände wie Einsamkeit, Verlassensein und Trauer werden zu überwältigenden Gefühlen." Doch "so schmerzlich der dunkelsamtene Bass von Florian Boesch seine Phrasen durchlebt, so unmöglich ist es den Zuhörenden, sich diesen Weltschmerz ungefiltert zur Brust zu nehmen, wenn gleichzeitig neben dem Sänger eine Klarinette spöttisch präludiert, eine Trommel auffordernd puckert und eine Zither so ungemein menschenfreundlich zirpt." Wir hören rein:



Weitere Artikel: Dass Kulturschaffende erbost darüber sind, dass Kultur in den Coronamaßnahmen unter "Freizeit" subsumiert wird, ringt Freizeitforscherin Renate Freericks im VAN-Gespräch nur ein mildes Lächeln ab: "Ach, das gibt es schon so lange." In einem epischen Longread für VAN resümiert Patrick Hahn seine musikalische Indienreise auf den Spuren von "West-Eastern Divans" und der Fragen nach kultureller Aneignung. Für die taz spaziert Andreas Hoffmann mit dem Elektro-Musiker Stefan Betke alias Pole durch einen Berliner Volkspark. In seiner VAN-Reihe über Komponistinnen schreibt Arno Lücker über Augusta Holmes. Außerdem präsentiert Lücker in VAN vier Aufnahmen von Johannes Brahms' erster Sonate für Klavier und Klarinette f-Moll.

Besprochen werden das Debütalbum der Rapperin Megan Thee Stallion (taz, mehr dazu bereits hier), Alf Burchardts und Bernd Jonkmanns Bildband "Hamburg Calling" über die Hamburger Punkszene um 1980 (Welt), André Alslebens Buch über die legendäre DDR-Tour der norwegischen Black-Metal-Band Mayhem (SZ) sowie neue Alben von Lambchop (Presse), AnnenMayKantereit (Presse) und Stella Sommer. Darauf zu hören gibt es laut taz-Kritiker Steffen Greiner "Musik, die klingt wie herübergeweht aus den goldenen Zeiten des Pop." Wir hören rein:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.11.2020 - Musik

"Wenn Flöten töten" ist Helmut Maurós SZ-Artikel zur Aerosol-Studie des BR-Sinfonieorchesters überschrieben. Auch ansonsten gibt sich der Kritiker in seiner Zusammenfassung der Ergebnisse formulierfreudig: "Überraschungssieger wurde die sanfte Querflöte, der man in den letzten 400 Jahren nie Böses zutraute. Nun aber entpuppt sie sich als Hauptvirenschleuder, noch weit vor der Trompete. ... Während die meisten Bläser den Luftstrom in ihr Instrument lenken, führt der Flötist die kanalisierte Atemluft knapp über die Öffnung im Mundstück in den Raum" und dadurch "gerät kaum ein Tröpfchen Aerosol in das Instrument, während ein Tröpfchen-Tsunami hingegen ungehindert in den Raum saust. Bei den Blechbläsern dagegen haben die Viren einen langen Weg, bis sie vom Mundstück durch allerlei Windungen, wo sie zum Teil auch noch kondensiert liegen bleiben, am Ende durch den Schalltrichter nach außen stieben."

ZeitOnline-Kritiker Daniel Gerhardt hat viel Freude daran, wie Megan Thee Stallion auf ihrem heiß erwarteten Debütalbum die Hiphop-Szene aufs Korn nimmt: So ballert sie jedenfalls ziemlich angriffslustig gegen den ganzen Katalog an Männlichkeitsbildern, mit denen der Hip-Hop aufwartet. Der Song "'Shots Fired' rechnet mit blinder Loyalität und dem szeneinternen Opportunismus vieler Fans und Protagonisten ab. Es macht sich über die Armseligkeit gängiger Statussymbole lustig und verweist auf die Probleme mit häuslicher Gewalt, die sowohl Rap-Welt als auch Restgesellschaft prägen. Noch immer werde vor allem schwarzen Frauen nicht geglaubt, die Opfer eines Angriffs geworden sind." Auch Nadine Lange vom Tagesspiegel ist im Glück: "Ihre Raps sind messerscharf, ihr Flow von einer beeindruckenden Lässigkeit. ... Genau wie auf ihren ersten EPs strotzt die Rapperin nur so vor Stolz und Selbstermächtigung."



Weitere Artikel: Bernd Pickert berichtet in der taz von den Protesten in Kuba gegen die Inhaftierung des Rappers Denis Solís González. Nadja Dilger hat für die Berliner Zeitung den Komponisten und Musiker Martin Kohlsteht getroffen. In der NMZ erinnert Hans-Jürgen Schaal an den Komponisten Iwan Wyschnegradsky.

Besprochen werden Christopher Dells Buch "Das Arbeitende Konzert", in dem der Komponist über seine Arbeit nachdenkt (Tagesspiegel) und "Votive", das Debütalbum der transmedialen Künstlerin Rosa Anschütz, die ihre gothic-inspirierten Popsongs auch als Keramik anbietet (Standard). Wir hören rein:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.11.2020 - Musik

Auch Rasmus Peters hat mittlerweile bemerkt, dass Spotify auf Grundlage des eigenen Hörverhaltens maßgeschneiderte Playlists anbietet, die erstaunlich gut funktionieren und einen mitunter richtig interessante Entdeckungen machen lassen. In der FAZ äußert Peters sein blankes Entsetzen darüber: Wo bleibt da noch der Diskurs, wo die Auffassung von Musikkonsum als "sozial verhandelbarem Ideal"? Er sieht hier "eine Hörigkeit, die mehr dem technischen Fortschritt und einer Mode gilt als der Musik. Die personalisierte Playlist kultiviert die Trennung des Hörers von der Musik als Ganzem. Alles ist erlaubt, solange es Gefallen erzeugt und damit effektiv einen Nutzen hat. Musik muss nicht mehr aktiv gehört, sondern kann passiv konsumiert werden." Sicher ganz im Gegensatz zu früher, als man keineswegs passiv am Radiogerät saß, wenn John Peele lief.

Weitere Artikel: Für die SZ hat sich Cathrin Kahlweit mit dem Perkussionisten Martin Grubinger getroffen, der neben seiner künstlerischen Tätigkeit noch mit einer wöchentlichen Kolumne in der österreichischen Krone den politischen Diskurs im Nachbarland aufwirbelt. In der NMZ porträtiert Ssirus W. Pakzad den Saxophonisten Matthieu Bordenave. In einer FAZ-Notiz verneigt sich der Komponist Helmut Lachenmann tief vor Beethoven, der für manches Publikum viel zu gut sei: "Eine überwältigende, heitere und ernste Größe und Tiefe dieser Musik verdient es nicht, tauben Politikern in der Hamburger Elbphilharmonie zum unverdaulichen Fraß vorgeworfen zu werden, wo diese doch nur gelangweilt auf den 'Song of Joy' warten."

Besprochen werden neue Alben von Adrianne Lenker (FR, mehr dazu bereits hier) und Beabadoobee (taz), weitere neue Popveröffentlichungen, darunter Billie Joe Armstrongs "No Fun Mondays" (SZ), und das neue Album von Bob Vylan, für deren an Punk und Grime orientierte, sehr zornige Musik sich Berthold Selíger in der Jungle World erheblich begeistern kann: "Mehr als nur eins in die Fresse des Establishments, hier geht es ums Ganze, Bob Vylan stehen für nicht weniger als den Umsturz." Das geht in der Tat sehr beeindruckend nach vorne:

Stichwörter: Streaming, Algorithmen, Spotify

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.11.2020 - Musik

Hin und weg ist SZ-Kritiker Joachim Hentschel von der amerikanischen Folkmusikerin Adrianne Lenker, die zwar in Fotos und Videos gerne Waldeinsamkeitsmotive und verschrobene Nachdenklichkeit inszeniert, was oft nichts Gutes ahnen lässt. Doch um "Achtsamkeitslyrik" geht es hier nicht, versichert Hentschel: "Ihre Songs malen oft mächtige, krasse, mitunter blutige Bilder, schweifen vom Buchstäblichen direkt ins Mythische und erfinden dabei ihre jeweils eigene, schräge Logik. Und sie formen sich von selbst zu sonderbaren musikalischen Klumpen, die mit den Schemata des scheckheftgepflegten Indie-Folk wenig zu tun haben. Als ob Emily Dickinson oder Sylvia Plath in richtig tollen Bands gesungen hätten." Wir hören rein:



Ganz andere Richtung: die westafrikanische Künstlerin Amaarae, bei deren nur vordergründiger Niedlichkeit ZeitOnline-Kritiker Daniel Gerhardt dahinschmilzt. Deren Musik hat eher nur entfernt "mit dem lukrativen Afrobeats-Taumel von Burna Boy und Co zu tun. Amaarae verortet sich stattdessen im nigerianischen Alté, einer Art Indiepopszene, die sich mit emanzipatorischen Absichten gegen die konservativ geprägte Mehrheitsgesellschaft des Landes (sowie Amaaraes ghanaischer Heimat) positioniert. ... Amaaraes Humor kann gemein sein, ihr Ton scheinbar unvermittelt vom Verzweifelten ins Angriffslustige kippen. Der sanfte Hauch ihrer Stimme ist ein unberechenbares Instrument." Wir hören rein:



Weitere Artikel: Im Standard porträtiert Stefan Ender Igor Levit. Die FAS hat Karen Krügers Porträt der Rapperin Myss Keta online nachgereicht. Nadja Dilger berichtet in der Berliner Zeitung von den American Music Awards. Florian Amort hat für die FAZ der neuen, ihn klanglich voll überzeugenden Orgel im Wiener Stephansdom einen Besuch abgestattet.

Besprochen werden eine Aufführung von Klaus Langs "Tönendes Licht" durch die Wiener Symphoniker mit Wolfgang Kogert (Standard), eine Box mit Joni Mitchells Frühwerk (Tagesspiegel) und neue Klassikveröffentlichungen, darunter eine neue CD von Quatuor Ardeo (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.11.2020 - Musik

Im FAZ-Gespräch mit Clemens Haustein erklärt der Dirigent Iván Fischer, dass er alle Hoffnungen für den Konzertbetrieb auf die Entwicklung von Schnelltests setzt, die es gestatten würden, ein Konzertpublikum vorab zu testen. Außerdem berichtet er, mit welcher Teststrategie es dem Budapest Festival Orchestra gelingt, auf der Bühne ohne Abstand aufzutreten: Getestet werde "immer am Anfang einer Probenphase und danach in flexiblen Abständen. Wir arbeiten dabei eng mit drei Infektiologen zusammen. ... Die Idee ist, dass wir das Orchester virusfrei halten, dann brauchen wir den Unsinn nicht mit den Abständen auf der Bühne." Zwar gab es schon sechs Positivfälle, aber "im Probenraum selbst wissen wir, wer in der Nähe sitzt. Wenn jemand positiv getestet wird, isolieren wir die Mitspieler aus dem direkten Umfeld, sie müssen dann in Quarantäne." Weitere Ansteckungen im Klangkörper habe es nicht gegeben,

Weitere Artikel: Der populären Musik der Gegenwart ist der Freiheitsimpuls und die Aufbruchstimmung des Jazz und insbesondere des Free Jazz verloren gegangen, seufzt Ueli Bernays in einem NZZ-Essay, auch wenn er immerhin hoffnungsvoll zur Kenntnis nimmt, dass sich in den letzten Jahren eine junge Jazzszene formiert hat. Im ZeitMagazin widmet sich Carolin Pirich Mozarts Geige. Maxim Biller erzählt im Zeit-Magazin von einem Spaziergang mit Igor Levit im Berliner Weinbergspark (das portugiesische Café, an dem sich die beiden treffen, können im übrigen auch einige Perlentaucher empfehlen). Für die FAZ porträtiert Elena Witzeck die Berliner Band Von Wegen Lisbeth.

Besprochen werden Nick Caves Livealbum "Idiot Prayer" (Berliner Zeitung), das digital aufgeführte Konzert, mit dem die Musikerin Mary Ocher den Start ihrer Bookingagentur Underground Institute annonciert (taz) und das neue Album von King Gizzard and The Lizard Wizard (Berliner Zeitung).

In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Andrea Diener über "Ich, am Strand" von Die Ärzte:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.11.2020 - Musik

Die Musikwissenschaftlerin Eva Rieger war schon divers, als die engagiertesten Fürsprecher des Begriffs noch gar nicht geboren waren. Bereits vor 40 Jahren deckten ihre Studien auf, wie blind ihre wissenschaftliche Disziplin gegenüber den Frauen in der Musik war - etwa in der großen Enzyklopädie "Die Musik in Geschichte und Gegenwart", in die es gerade mal nur Anna Magdalena Bach geschafft hatte. Im FAZ-Gespräch zu ihrem Achtzigsten erzählt Rieger, wie ihr klar wurde, "dass die europäische Aufklärung um 1790 aus den Tätigkeiten von Frauen Charaktereigenschaften gemacht und damit das Geschlecht als solches definiert hatte. Die Frau war plötzlich passiv, gehorsam, milde, schwach, der Mann dagegen aufwärtsstrebend, kämpferisch, stark. ...  Perfide fand ich, dass man den Frauen lange nachgesagt hatte, sie wären nicht in der Lage, ein großes Werk zu schreiben. Dabei wurde nicht bedacht, dass Frauen gar keine Kompositionsaufträge erhalten hatten."

Wer waren noch gleich die Beatles? "Armitage Road" der Heshoo Beshoo Group.

In der taz weist Detlef Diederichsen auf die Wiederveröffentlichung von "Armitage Road" von 1970 hin, dem einzigen Album der südafrikanischen Jazzband Heshoo Beshoo Group: Dass das Album nach der Straße benannt ist, die die Musiker auf dem Cover überqueren, ist mit Blick auf ein gewisses Album einer Band aus Liverpool kein Zufall, erklärt der Musikhistoriker: "Die ganze Inszenierung ist in sepiagetöntem Schwarz-Weiß gehalten und scheint die Beatles daran erinnern zu wollen, dass die Normalität eines Vormittags in St. John's Wood für einen Großteil der Weltbevölkerung eine unerreichbare Traumvorstellung ist." Doch "die Musik ist nicht wie das Cover. Man könnte sogar sagen: Sie ist dem Cover widersprechend entspannt und bedacht. Beim zweiten Hören stellt man fest, dass sie sich meistens in einem eigentümlichen Schwebezustand befindet, zwischen funky und relaxt, zwischen aggressiv und melancholisch, zwischen souverän-virtuos und angestrengt." Auf Bandcamp kann man reinhören.

Weitere Artikel: In der NZZ empfiehlt Thomas Schacher die Reihe "Swiss Chamber Concerts". Joachim Hentschel schwärmt in der SZ von der "herrlichen Ambivalenz" Dolly Partons, die zwar ultrakonservativ ist und für derben Trucker-Humor steht, aber eben auch mal eben eine Million Dollar für die Forschung am Corona-Impfstoff freigegeben hat. Und ein Tipp fürs Wochenende vom Perlentaucher: Einen tollen Podcast über ihr Leben und ihre Karriere gibt es übrigens auch.

Besprochen werden ein lediglich vor Streamingkameras stattgefundenes Schostakowitsch-Konzert der Berliner Pharmoniker unter Kirill Petrenko (Freitag), Christian Thielemanns Buch "Meine Reise zu Beethoven" (FAZ) sowie neue Alben von Pa Salieu (ZeitOnline), AnnenMayKantereit (FR) und der finnischen Band Circle, die den Metal der Achtziger liebevoll auf den Kopf stellt (Standard):

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.11.2020 - Musik

Die Plattform Bandcamp wird im Gegensatz zu Spotify unter Musikern sehr geschätzt, zumindest unter jenen mit eher begrenzter kommerzieller Reichweite. Vor allem auch deshalb, weil Bandcamp eher auf den Verkauf drängt als auf Streaming. Nicht zuletzt der Bandcamp Friday - einmal monatlich verzichtet der Anbieter auf die Verkaufsprovision - sorgte in der Coronakrise anfangs für Prestige, sorgt jetzt aber für Murren, hat tazler Lars Fleischmann recherchiert: "20 Millionen US-Dollar sollen an bloß vier solcher Spendentage geflossen sein. Was auf den ersten Blick wie eine Erfolgsgeschichte in mauen Zeiten daherkommt, ist bei mehr als 4.000 beteiligten Labels und etwa dem 30-Fachen an 'Content-generierenden' Usern nichts weiter als Almosen im niedrigen zweistelligen Euro-Bereich. So ist auch nur folgerichtig, wie sich einige Musikschaffende bei Instagram bitter beklagten, dass bei ihnen, trotz hoher Gesamtumsätze - die auch als solche von der Plattform selbst vermarktet werden -, nichts ankomme." Obendrein ist es noch so, "dass Bandcamp in Deutschland keinerlei Gelder an die Verwertungsgesellschaften (Gema und GVL) abführe, Plays auf der Seite sowieso nicht abgerechnet würden, da man sich eben als Verkaufsplattform verstehe."

Weitere Artikel: In der FR deutet Sylvia Staude Barack Obamas neue Playlist als codierte Nachricht an Trump.

Besprochen werden das Abschiedsalbum der Aeronauten (Tagesspiegel), per Stream aus Wien übertragene Uraufführungen von Matthias Kranebitter und Friedrich Cerha (Standard), Streamkonzerte von Nur Ben Shalom und David Geringas (Tagesspiegel) und Leif Ove Andsnes Aufnahme von Mozarts Klavierstücken mit dem Mahler Chamber Orchestra (Welt).