Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Musik

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.01.2017 - Musik

Taz-Musikredakteur Julian Weber stellt aktuelle, interessante Dub-Veröffentlichungen vor. Bei der Musik des kanadischen Kollektivs SKRSINTL etwa stehen ihm aufs Angenehmste die Haare zu Berge: Diese Musik klinge "kaskadenhaft, sie erzeugt ihre Dramaturgie gerade in ihrem unsteten Wesen: Stimmfetzen, Sirenen, Hundegebell und Türknarren sind melodiöse Bestandteile im Mix, genau wie Keyboard-Fiepen und prasselnde Beats. Immer wieder wird jedes Geräusch fragmentiert und zerbröselt, Beats und Melodien nehmen erst Konturen an und tauchen dann wieder unter im Mix."

Sehr dankbar ist Freitag-Autor Timon Karl Kaleyta der Antilopen Gang, dass sie mit ihrem politischen, von Punk-Tugenden informierte Hiphop eindeutig Stellung beziehen - zumal "in Zeiten antisemitischen Irrsinns, wie er durch Rapper wie Kollegah in die Szene getragen wird."

Besprochen werden eine Neuauflage von Angelo Badalamentis Soundtrack zu David Lynchs "Twin Peaks: Fire Walk With Me" auf Vinyl (Pitchfork), ein Konzert des Tonhalle-Orchesters unter François-Xavier Roth (NZZ), ein Rezitationskonzert des Ensembles Opera Nova mit der Schauspielerin Sunnyi Melles (NZZ), neue Pop-Tonträger, darunter Cherry Glazerrs "Apocalipstick" (ZeitOnline) und die letzten sechs Alben, die der Gitarrist Omar Rodríguez-Lopez in den den letzten Monaten auf Ipecac Records veröffentlicht hat (The Quietus).

Stichwörter: Antilopen Gang, Dub

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.01.2017 - Musik

Sehr glücklich ist NZZ-Kritiker Hans Jörg Jans über das Comeback des einst von Claudio Abbado gegründeten Orchestra Mozart. Einige Nachfahren von Johann Sebastian Bach sind im 19. Jahrhundert in die USA migriert und haben dort unter anderem das Ensemble The Bach Band gegründet, stellt Volker Hagedorn in einem von der Zeit online nachgereichtem Stück fest. Für die aktuelle Ausgabe der Zeit hat Volker Hagedorn die tschechische Cembalistin Zuzana Růžičková besucht, die den Holocaust überlebt und eine unbedingte Liebe zu Johann Sebastian Bach hat (zuvor hatte Reinhard J. Brembeck von seinem Besuch bei Růžičková berichtet). Für die FAZ fragt Eleonore Büning bei dem deutsch-israelischen Klavierduo Yaara Tal und Andreas Groethuysen nach, warum es sich in einer Ansprache bei einem Konzert in Warschau gegen den erstarkenden Nationalismus in Europa ausgesprochen hat. Beim WDR kann man das Hörspiel "Sirius FM - Expedition an den Bandtellerrand" über das "Studio für Elektronische Musik" von Karlheinz Stockhausen nachhören.

Besprochen werden José Gonzalez' Berliner Auftritt (Tagesspiegel), ein Liederabend mit Stéphane Degout (FR), ein Konzert des Soulsängers Lee Fields (Standard) und ein Beethoven-Konzert der Hamburger Symphoniker in der Elbphilharmonie (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.01.2017 - Musik

Simon Rattle hat seine Pläne für seine erste Saison als Chefdirigent des London Symphonic Orchestra bekanntgegeben, berichtet Gina Thomas in der FAZ: Sein Antrittsprogramm werde rein britisch sein, daneben werde es "eine Serie mit letzten Werken moderner Komponisten von Gustav Mahler über Alban Berg, Leoš Janáček und Belá Bartók bis hin zu Elliott Carter und Michael Tippett" geben.

Für den Tagesspiegel porträtiert Nadine Lange den Rapper Loyle Carner.

Besprochen werden das neue Album von den Flaming Lips (Standard) und ein Konzert von Green Day (NZZ).
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Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.01.2017 - Musik

Bei einem Warschauer Konzert plädierte das deutsch-israelische Pianistenduo Yaara Tal und Andreas Groethuysen in einer Ansprache ans Publikum für eine Politik der europäischen Verständigung, berichtet Florian Hassel in der SZ, der bei dieser Gelegenheit auch auflistet, wie die vergangenes Jahr ins Amt gekommene PiS-Regierung das polnische Kulturleben auf nationalistischen Kurs zu bringen versucht. Für die taz spricht Laura Aha mit der Musikerin Emika, die DubStep mit klassischer Musik kreuzt. Auf ZeitOnline berichtet Ulrich Stock von den Plänen, den Kölner Stadtgarten zu einem "Europäischen Zentrum für Jazz und aktuelle Musik" auszubauen. Auf Pitchfork berichtet Jazz Monroe von den Kämpfen der Londoner Clubkultur gegen Gentrifizierung und politische Hürden. In The Quietus schreibt David Stubbs zum Tod des Poptheoretikers Mark Fisher. Aus diesem Anlass hat der Bayerische Rundfunk Florian Frickes hörenswertes Feature über Fishers Thesen von 2014 wieder online gestellt. Konkret bringt dazu online ein 2014 geführtes Gespräch mit Fisher.

Besprochen werden Avi Pitchons Buch "Rotten Johnny and the Queen of Shivers - Israelische Gegenkulturen und Sehnsuchtsorte" (taz), ein Konzert von Brad Mehldau (Standard) und ein von Semyon Bychkov dirigiertes Konzert der Wiener Philharmoniker (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.01.2017 - Musik

Die beeindruckende Lichtshow ist abgebaut, doch die Kritiker sitzen noch immer in der Elbphilharmonie und fühlen der Akustik des Saals auf den Zahn. Kent Nagano gab mit seinem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg die Uraufführung von Jörg Widmanns Oratorium "Arche". Dabei handelt es sich um eine wahre, die ganze Menschheitsgeschichte umfassende "Materialschlacht", berichtet Julia Spinola in der SZ. Klanglich bietet sich diese allerdings "detailliert und präzise" dar, wofür Spinola sowohl dem Akustiker Yasuhisa Toyota als auch dem Dirgenten Kent Nagano dankt. Manuel Brug von der Welt hatte zur Elphi-Eröffnung noch sehr geschimpft, gibt sich nun aber von Herzen versöhnt: Das neue Konzerthaus sei "ein fantastisches Showgirl" -die Plätze K/1/25 und M/2/8 sollte man sich somit als Orte privilegierten Kunstgenusses vormerken. "Frontal zur Bühne" sollte man sitzen, rät denn auch Christian Wildhagen in der NZZ: "Toyotas akustisches Design begünstigt kammermusikalische und ebenso feinsinnig gemischte Instrumentalkombinationen (...). Deren Klang schwebt wie eine von allen Seiten zu betrachtende Skulptur im Raum, überaus plastisch, doch stets ohne Mühe auf dem breiten Podium zu lokalisieren." Seine klare Empfehlung: Im Block E sollte man Platz nehmen.

Nur bekräftigen kann das Eleonore Büning von der FAZ, die ebenfalls im Block E das von Riccardo Muti dirigierte Konzert des Chicago Symphony Orchestra erlebt hat: "Ein Rausch, ein Glanz", schwärmt sie. Sorgen bereiten ihr allerdings die etwas beengten räumlichen Verhältnisse des auf einem alten Kaispeicher aufsitzenden und entsprechend ziemlich steilen Saals.

Mit einem Konzert des Ensemble Resonanz wurde außerdem auch der Kleine Saal der Elbphilharmonie eröffnet. Dieser fällt architektonisch weit weniger spektakulär, dafür geradezu intim aus, schreiben die Kritiker. Aufgeführt wurde unter anderem Georg Friedrich Haas' Komposition "Release". Dessen "Musik der Klangfarbenexzesse in reibungsvoller Mikrotonalität eignete sich besonders gut dafür, die Resonanzen des exzellenten Saals auszutesten", erklärt Wolfgang Schreiber in der SZ. Achim Ost lobt in der FR "die Transparenz des Ensembles". Petra Schellen resümiert die Eröffnungskonzerte in einer geradezu literarischen taz-Reportage. Ebenfalls in der taz vergleicht Regine Müller die Elbphilharmonie-Eröffung mit der (von deutlich weniger Tamtamtam begleiteten) Eröffnung des Musikforums in Bochum.

Weiteres: Peter Uehling (Berliner Zeitung) und Jan Brachmann (FAZ) beschäftigen sich mit den von Robin Ticciati und Vladimir Jurowski dirigierten Berliner Konzerten mit dem Deutschen Symphonie-Orchester und dem Rundfunk-Sinfonieorchester, denen sie ab der kommenden Saison als Chefdirigenten voranstehen werden. Sehr beeindruckt von Jurowskis Darbietung zeigt sich auch Frederik Hanssen im Tagesspiegel. Für die Berliner Zeitung unterhält sich Susanne Lenz mit der Musikjournalistin Yvonne Kunz über das Phänomen des Jihad Rap. Zum Tod des Poptheoretikers Mark Fisher schreiben Christian Werthschulte (taz), Simon Reynolds (Blissblog) und Adam Harper (Rouge's Foam).

Besprochen werden ein Konzert des Geigers Renaud Capucon mit dem Deutschen Symphonie-Orchester (Tagesspiegel), ein Konzert von Pippo Pollina (NZZ), ein Konzert des Zürcher Tonhalle-Orchesters unter Pablo Heras-Casado (NZZ), das Konzertprogramm "Kino im Kopf" des Collegium Novum Zürich (NZZ) und Aufnahmen des Wiener Pianisten Friedrich Gulda (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.01.2017 - Musik

Am neuen Album "I See You" der Indieband The xx kommt derzeit kein Kritiker vorbei, gefeiert wird es meist in höchsten Tönen (siehe diese zuvor veröffentllichten Kritiken bei tazFAZPitchforkThe Quietus, Berliner ZeitungTagesanzeiger, Tagesspiegel,ZeitOnline und Standard). Die zielsichere Geschmackssicherheit, was Zeitgeist und Musikgeschichte betrifft, und die beeindruckende Souveränität in der musikalischen Gestaltung wirken denn auf SZ-Popkritiker Jens-Christian Rabe schon "fast unheimlich": "Die Schwermut ist gerade so leicht, dass einem der Leichtsinn schwerfällt. Genauso klingt allerdings auch Fahrstuhlmusik für das ewig sorglose Publikum eines hippen großstädtischen Boutique-Hotels. ... Alles ist so perfekt, dass man sich vor der Seichtigkeit der eigenen Träume zu gruseln beginnt." Hier das aktuelle Musikvideo:



Christian Werthschulte stellt in der taz den syrischen Keyboarder Rizan Said vor, der mit seinen Geräten die im Nahen Osten populäre Volksmusik Dabke spielt und dabei deren Vielseitigkeit akzentuiert: "Wie ein Jazzmusiker improvisiert Said über den programmierten Rhythmen, rast die Skalen rauf und wieder runter und lässt seine Melodien kurze Haken schlagen, um sie beim nächsten Loopende wieder schön auf der Eins landen zu lassen."

Weiteres: Achim Ost berichtet in der FR von der Eröffnung der Elbphilharmonie (mehr dazu im gestrigen Efeu). Deren zweiter Saal macht im übrigen auch was her, erfahren wir von Frederik Hanssen im Tagesspiegel. Robert Matthies spricht in der taz mit dem Komponisten Michael Maierhof darüber, wie man mit Untertönen Musik macht und welche Folgen das hat: "Die Geige hat plötzlich etwas sehr Raues, sehr Dreckiges." Thomas Schacher porträtiert in der NZZ die Mezzosopranistin Vesselina Kasarova. Aus der ersten Garde der US-Superstars will niemand auf Trumps Inauguration singen, berichtet Nadine Lange im Tagesspiegel. Im Tagesspiegel spricht Gregor Dotzauer mit dem Schweizer Jazzsänger und Stimmkünstler Andreas Schaerer. Jan Brachmann schreibt in der FAZ über den Komponisten Niels Wilhelm Gade, der vor 200 Jahren geboren wurde. Deutschlandfunk bringt Lou Brouwers' Feature über das Archiv der amerikanischen Musik.

Besprochen werden John Scofields "Country for Old Men" (FAZ), Michael Chapmans "50" (Pitchfork), das neue Album der Flaming Lips (The Quietus), die Ausstellung "Total Records" im C/O Berlin (Tagesspiegel) und ein Verdi-Konzert des Rundfunkchors Berlin und der Berliner Philharmoniker unter Marek Janowski (Tagesspiegel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.01.2017 - Musik

Welt-Kritiker Manuel Brug war gestern online am schnellsten, heute ziehen die Feuilletons in Sachen Elbphilharmonie-Akustik nach. "Der Saal verzeiht nichts", schreibt Regine Müller in ihrem taz-Bericht vom Abend: Jedes sanfte Vertun der Musiker, aber auch jedes Rascheln des Publikums werde angesichts der klaren Detailauflösungen, die hier herrschen, gnadenlos zu Ohr gebracht. Die Beethoven-Ouvertüre klinge zu Beginn "bedrohlich trocken. Doch dann breitet sich doch erstaunlich mild ein weitgehend optimaler Mischklang aus, ungeheuer transparent, mit enormer Tiefenschärfe, klar und doch warm umhüllt. Stellenweise klingt es phänomenal."

Mitunter heikel überakustisch findet Eleonore Büning von der FAZ den von Yasuhisa Toyota konzipierten Saal: "So eine brutal durchkalkulierte Studioakustik ist ihm noch nie unterlaufen. Und ein Studio ist kein Konzertsaal. Und Musik besteht nicht nur aus einzelnen Tönen. Jeder Ton ist in der Elbphilharmonie für sich allein unterwegs, direkt und linear. Nichts mischt sich.  ... Pech vor allem für die große symphonische Musik: Sie wird kalt lächelnd ihrer Dynamik beraubt, ihrer Farben entkleidet." Wobei sie einräumt, dass der Eindruck enorm vom jeweiligen Sitzplatz abhänge und sicher einiges "nachbesserbar" sei.

Reinhard J. Brembeck von der SZ neigt zur Gelassenheit: Die Geigen hätten in diesem Saal zwar ein wenig das Nachsehen, aber gute Musiker und Sänger werden auch unter unvorteilhaften akustischen Bedingungen keine Stümper und Krächzer. Zum Dahinschmelzen war etwa der Countertenor Philippe Jaroussky: "Die Akustik Yasuhisa Toyotas ändert rein gar nichts an Jarousskys phänomenalem Können. Sie erlaubt es aber dem Konzertbesucher, jede noch so feine Nuance seines Gesangs zu hören. Das allein ist schon grandios. Sollte Toyota etwa einen sehr, sehr großen Kammermusiksaal ertüftelt haben?" Von Dirgent Thomas Hengelbrock und seinem NDR-Elbphilharmonie-Orchester wünscht er sich allerdings für die Zukunft ein leidenschaftlicheres, zupackenderes Spiel - da sei im hohen Saal noch Luft nach oben. Weitere Berichte in Berliner Zeitung, NZZ, NMZ und Tagesspiegel. Hier das Eröffnungskonzert in einer Playlist:



Weiteres: Thomas Schmid erinnert in der Welt an die Eröffnung der Berliner Philharmonie in den 60ern. Andreas Hartmann porträtiert in der taz den Cellisten Nicholas Bussman.

Besprochen werden das neue Album von The xx (taz, FAZ, Pitchfork, The Quietus), das neue Album der Flaming Lips (SZ), Bonobos "Migration" (taz, Spex), das neue Album "A Shadow in Time" von Ambientkünstler William Basinski (Pitchfork), ein Wiener Konzert der Berliner Staatskapelle unter Daniel Barenboim (Standard) und die zwei Berliner Vorstellungskonzerte Konzerte der Dirigenten Robin Ticciati und Vladimir Jurowski, die ab Herbst dem Deutschen Symphonie-Orchester, bzw. dem Rundfunk-Sinfonieorchester vorstehen werden (Tagesspiegel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.01.2017 - Musik

Auf die Frage, warum Quartette derzeit so beliebt sind, gibt Raphaël Merlin, Cellist des Ensemble Quatuor ­Ébène aus Frankreich, im Interview mit der Zeit eine sehr moderne Antwort: "Dass es keinen Dirigenten gibt. Dass man die Kom­mu­ni­ka­tion, die Spannung, den Widerstreit und die Intimität zwischen den vier Musikern auf der Bühne verfolgen kann. Das ist in Zeiten von Face­book und In­sta­gram, in denen Intimitäten ja nur virtuell geteilt werden, schon attraktiv." Eher altmodisch dagegen seine Erklärung, warum es keine Frau gibt in seinem Quartett: "wir hatten Angst, uns zu viel zuzumuten. Und, ganz banal: Wir hatten auch die Sorge, dass sich einer von uns in eine ­Bratschistin verlieben könnte."

Frederik Hanssen berichtet im Tagesspiegel von der Eröffnung der Elbphilharmonie in Hamburg. Sein Tagesspiegel-Kollege Kai Müller schreibt über die Mäzene, die den kostspieligen Bau neben den Steuerzahlern ermöglicht haben. Aber wie verhält es sich nun mit der Akustik, auf deren Brillanz das Publikum seit geraumer Zeit eingeschworen wird? Zumindest Manuel Brug von der Welt war von Position Block I, Reihe Vier, Sitz 24 aus einigermaßen entsetzt: Philippe Jarousskys Stimme etwa "klingt peripher vom Rang, kaum fokussiert; die nur schnarrende Harfe seiner Partnerin könnte auch ein Zigarrenkistchen mit Paketschnüren sein. Auch das Praetorius Ensemble, schräg gegenüber halboben platziert, versuppt wie in einer halligen Kirche. Beim Orchester aber, da knallt und kracht es nur ... Man hört keinen Raum mehr. Nur ein am Anschlag lärmendes Orchester auf einem zu klein anmutenden Podium."

Auch Zeit-Kritikerin Christine Lemke-Matwey - ansonsten voll des Lobs - räumt ein, "dass man keineswegs, wie fleißig gestreut wurde, auf allen Plätzen des Saals gleich gut hört. Sicher wird man im Parkett nicht unbedingt schlechter bedient, je nach Besetzung und Repertoire, aber in jedem Fall hört man anders und anderes. Für die Souveränität des Publikums stellt dies eine He­rausforderung dar: Sich seinen Platz in Zukunft nicht vom Abonnement diktieren zu lassen (oder vom Geldbeutel), sondern ihn idealerweise nach dem je­weiligen musikalischen Ereignis auszuwählen, setzt enorm viel Kenntnis, Hörerfahrung und Flexibilität voraus. Wenn es von der Intendanz denn überhaupt so gewollt ist."

Auf einem besseren Platz saß demnach offenbar Peter Uehling: Das Konzert klang ganz "grandios", schreibt er in der Berliner Zeitung und lobt dabei ausdrücklich den "idealen Nachhall des Saals, der schnelle Bewegungen deutlich zeichnet und zugleich klangvoll darstellt. Die Instrumente heben sich farblich transparent voneinander ab, und verbinden sich dennoch harmonisch. Auch die Klangtemperatur lässt keine Wünsche offen: die Musik klingt brillant, ohne jemals grell, warm, ohne jemals dumpf zu werden."

Weitere Artikel: In der Spex spricht Kristina Kaufmann mit Katie Stelmanis von der kanadischen Band Austra über deren düsteres neues Album "Future Politics". Auf dem "fabelhaften" Jazzfestival Münster konnte FAZ-Kritiker Ulrich Olshausen einige Entdeckungen machen, darunter das Trio Terrasson/Belmondo/Bekkas, deren Auftritt der WDR am 10.Februar ausstrahlt. Im WDR Konzertplayer gibt es zudem eine fast vierstündige Aufnahme mit Highlights vom Festival:



Besprochen werden das neue Album von The xx (Berliner Zeitung, Tagesanzeiger), ein Konzert von Balbina (Berliner Zeitung), ein Bruckner- und Mozartkonzert der Berliner Staatskapelle unter Barenboim (Tagesspiegel), ein Buch über die Elbphilharmonie (Tagesspiegel), das neue Album der Dropkick Murphys (Welt) und das Greatest-Hits-Album "Bohren for Beginners" der Mülheimer Depri-Jazzer Bohren und der Club of Gore (SZ). Daraus das einzige neue Lied "Der Angler" als Musikvideo:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.01.2017 - Musik

Mit vielen Jahren Verspätung und nach einer beträchtlichen Baukostenexplosion wird heute in Hamburg die Elbphilharmonie eröffnet. An diese Begleiterscheinungen des lange Zeit skandalösen Baus erinnert Till Briegleb in der SZ, den die gute Laune der jüngeren Berichterstattung mit Skepsis füllt: "Überall herrscht eine Stimmung wie im Wirtschaftswunder, wo man an die Schattenseiten der Vergangenheit bitte nicht erinnert werden will. Aber trotz all dieser Geschichtsvergessenheit ist der große Traum, in Deutschland ein ähnlich signifikantes und schönes Gebäude wie die Sydney-Oper zu haben, am Ende eben erfüllt worden. Der kollektive Ausdruck auf den Gesichtern, die bisher die Elbphilharmonie von innen erleben durften, war: I am so happy!"

Diesen Stimmungsumschwung in der jüngeren Berichterstatttung schreibt Christian Meier von der Welt der gezielten Arbeit einer Werbeagentur zu, die mit zehn Millionen Euro zudem über einen prächtig gefüllten Etat verfügen konnte. Selbst in der Nachtkritik wird Esther Slevogt ganz feierlich: "Mich bewegt dieser Bau, der sich da nun so visionär über der Stadt Hamburg erhebt: als selbstbewusstes und machtvolles Symbol eines Gemeinwesens, und zwar in Zeiten, in denen Gemeinwesen zunehmend in die Defensive geraten." Nikolaus Bernau von der Berliner Zeitung staunt über die auch im Innern des Baus rundum geglückte Architektur und lernt dabei: "Die große Kunst ist, an der richtigen Stelle und zum richtigen Zweck das Geld zu verschwenden." In der FAZ listet Matthias Hertle sechs Irrtümer um den Bau des Gebäudes auf. Daniel Ender stellt im Standard Intendant Christoph Lieben-Seutter vor. Die Zeit hat Christine Lemke-Matweys großes Interview mit Chefdirigent Thomas Hengelbrock von Anfang November 2016 online nachgereicht. Die Instagrammer sammeln bereits zahlreiche Foto-Eindrücke. Weiteres zur Berichterstattung über die Elbphiharmonie unter unserem entsprechenden Stichwort.

Ab 18:30 Uhr können Sie hier das Eröffnungskonzert live und in 360° verfolgen:



Weiteres: Die Presse versammelt internationale Stimmen zur Kür des Sony-Managers Bogdan Roščić zum neuen Wiener Operndirektor, die von "Fiasko", "schlechte Entscheidung" bis zu "katastrophaler Fehler" reichen. Frieder Reininghaus erkundigt sich in der Neuen Musikzeitung, was aus der Boulez-Villa in Baden-Baden wird. Für The Quietus hört sich William Doyle durch David Bowies Berliner Album "Low", das vor 40 Jahren erschienen ist.

Besprochen werden das neue Album von Moor Mother (Standard), Robert Hilburns Biografie über Johnny Cash (taz), ein Mahler-Konzert des Jungen Ensembles Berlin (Tagesspiegel), das neue Album von The xx (Tagesspiegel, ZeitOnline) und Sohns "Rennen" (Spex).

Außerdem bringt The Quietus ein neues Video der Feuilletonlieblinge und Obermotzer Sleaford Mods:


Stichwörter: Elbphilharmonie, The Xx

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.01.2017 - Musik

Die klassische Musik weist in Sachen Geschlechterfrage eine überdeutliche Schieflage auf, kritisiert Simon Tönies in der SZ. "Wie kann man Verhältnisse schaffen, in denen Mädchen Musik-Nerds sein dürfen und Frauen das Risiko eingehen, eine Komponistinnenkarriere einzuschlagen?"

Weiteres: In der Neuen Musikzeitung spricht Dirk Wieschollek mit dem Philosophen Harry Lehmann über ästhetische Fragestellungen der Neuen Musik. Jens Balzer plaudert in der Berliner Zeitung mit Blixa Bargeld darüber, dass nun ausgerechnet die Einstürzenden Neubauten ein Greatest-Hits-Album veröffentlicht haben. Die Wiederveröffentlichung der beiden einzigen LPs der Seattler Bands Mother Love Bone und Temple of the Dog lassen Torsten Groß in der SZ über das Verhältnis zwischen Hardrock und Punk nachdenken, das für den Grunge der ersten Stunde prägend war. Manuel Brug verabschiedet sich in der Welt von der Ära der Laeiszhalle in Hamburg, die mit der morgigen Eröffnung der Elbphilharmonie zu Ende geht.

Besprochen werden das neue Album der Flaming Lips (Spex), neue neue Musikveröffentlichungen aus Norwegen (Skug) und die Compilation "Doing in Lagos" mit nigerianischem Disco, Boogie und Pop aus den 80ern (Pitchfork). Auf Bandcamp kann man sie sich anhören:


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