Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Musik

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.09.2022 - Musik

Fast zu Tränen gerührt zeigt sich der Schriftsteller Marius Ivaškevičius in der FAZ darüber, dass die zu Sowjetzeiten gefeierte Sängerin Alla Pugatschowa sich auf Instagram gegen den Krieg Russlands positioniert hat. Pugatschowa, muss man dazu wissen, ist so ziemlich allen zutiefst ins musikalische Gedächtnis eingeschrieben, die die Sowjetunion noch einigermaßen bewusst miterlebt haben. Dieses Posting also "hat ein Mensch geschrieben, der immer noch direkten Zugang zu den Herzen mehrerer Generationen von Russen hat, diejenige, deren Stimme im Bewusstsein von Millionen ihre Kindheitserinnerungen, Leidenschaften der Jugend, erste Küsse begleitet und die illusionäre Nostalgie für die Sowjetzeit, die in der Erinnerung so viel mehr Licht hervorruft, als dort wirklich war. Ja, in diesem Post ist kein Wort über die Leiden der Ukraine, die getöteten Zivilisten, die bombardierten Städte, aber man muss die Hörerschaft verstehen, an die sich diese Worte richten, und die Umstände, unter denen sie veröffentlicht wurden. Pugatschowa sagt das nicht aus dem sicheren Ausland, sondern nach der Rückkehr in das von Repressionen terrorisierte Russland."

Makaya McCraven macht "Jazz für Cratedigger, für Musiknerds und Historikerinnen des Sounds", schreibt Aida Baghernejad auf ZeitOnline in ihrer Rezension seines neues Albums "In These Times", an dem er mehrere Jahre raspelte, schliff und polierte. Das Ergebnis klingt dennoch "leichtfüßig, feingliedrig und vor allem kohärent. Tatsächlich wirken die elf verspielten Kompositionen zwischen Improvisation, McCravens großer Liebe, und Samplebastelei wie eine einzige lange Studioaufnahme." Und "zugleich geht er mit seiner am Hip-Hop geschulten Praxis des Remix einen Schritt weiter als viele Jazzkollegen, indem er Zeitebenen, Samples und Referenzen kreuz und quer miteinander verschränkt. ... Trotzdem hat McCravens zentrales Werk nichts von der Tanzwut des britischen Jazz. Auch Kamasi Washingtons 'Black Power'-beeinflusstem Sound steht 'In These Times' diametral gegenüber. Vielmehr ist das Album ein Ruhepol in aufgeheizten Zeiten."



Manuel Brug resümiert in der Welt den Diversity-Schwerpunkt des Lucerne Festivals, mit dem er hier und da merklich haderte. Wie es in Zukunft weitergehen könnte mit der Vielfalt der Biografien und Familiengeschichten, das zeigte das Festival ihm auch nicht auf: "Wenn schon in Deutschland der türkische Bevölkerungsanteil auch in der dritten oder vierten Generation kaum in den Konservatorien und Hochschulen zu finden sind, weil von den meisten Familien keinerlei Anstrengung ausgeht, auch dieses Terrain zu besetzen, wie sollen dann der Betrieb oder die Orchester diese Schieflage lösen? Mit der Beachtung islamischer, asiatischer oder schwarzer Komponisten ist das allein sicherlich nicht zu lösen."

Besprochen werden eine Aufführung von Mahlers Neunter auf historischen Instrumenten durch Stipendiaten der Gustav Mahler Akademie Bozen und weiterer Musiker (Tsp) und eine konzertante Aufführung von Ethel Smyths Oper "Les Naufrageurs" durch das Deutsche Symphonie-Orchester unter Robin Ticciati (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.09.2022 - Musik



Der große Jazzsaxofonist Pharoah Sanders ist gestorben. In der Blütezeit des Free Jazz hielt er "zu den zornigen, destruktiven Aspekten dieser Musik von vornherein Distanz", schreibt Jens Balzer auf ZeitOnline. Auf John Coltranes "Ascension" fand er künstlerisch zu seiner Form: "Da windet er sich aus dem Ensemblespiel in einem kurzen, aber atemberaubenden Solo heraus, in verzweifelten, unendlich einsam wirkenden, in den höchsten Lagen dürr sich in den Himmel erhebenden Saxofonschreien - wonach die Band sich in Gestalt eines gedämpft dissonanten Geschnatters wieder zu ihm gesellt, wie Freunde, die ihn nun tröstend begrüßen, eine vorübergehend verlorene Seele musikalisch umarmen. Für die spätere Musik von Pharoah Sanders ist das ein emblematischer Moment: So frei seine Musik immer gewesen ist, so stark spricht auch der Wunsch nach Gemeinschaft aus ihr. Es gibt in ihr keine musikalischen Hierarchien, keinen musikalischen Vorder- und Hintergrund; die tiefe Sehnsucht, von der sie kündet, ist die Sehnsucht nach Gleichheit und nach der Verbindung der Menschen in der Kunst und im Geist."

Überhaupt Coltrane: Von 1964 bis zu dessen Tod im Jahr 1967 zählte Sanders zu dessen engen Weggefährten. Damals "kultivierte Sanders eine 'Ästhetik des Schreis', die im Jazz ihresgleichen sucht", schreibt Peter Kemper in der FAZ. "Bei dem Versuch, den unendlichen Raum zwischen einem C und Cis zu erforschen, zogen beide in ihren solistischen Höhenflügen maßlose Kreise. ... Erst im Innern des ekstatischen Schreis, in seinem tiefsten Glutkern - vergleichbar dem beinahe windstillen Auge eines Wirbelsturms - herrscht vollkommener Frieden. Im Interview erklärte er: 'Wenn ich spiele, versuche ich das Horn in meinen Händen zu vergessen und den Sound in meinem Innern zu erkunden. Bewusst habe ich dann gar nicht die Absicht, auf dem Instrument zu schreien. Vielmehr will ich all meine Kraft im Saxophon bündeln; und dann passiert es eben, dass die Noten zerfließen, unwichtig werden und sich in purem Klang auflösen.'" Auch Ueli Bernays würdigt in der NZZ den Ekstatiker Sanders: "Wann immer eine Improvisation Coltrane an den Rand der Ekstase führte, stürzte sich Sanders nachher mitten in diese hinein. Mit sogenannten 'sheets of sounds', mit aufwühlenden Spaltklängen und hechelnder Überblastechnik entwickelte er eine hymnische Inbrunst sondergleichen."

"In der Höchstphase des Modern Jazz Mitte der Sechzigerjahre gehörte Sanders zur legendären Dreifaltigkeit der Avantgarde", ruft Andrian Kreye in der SZ in Erinnerung. Aber er blieb dort nicht stehen, 2021 schuf er gemeinsam mit Floating Points und dem London Symphony Orchestra sein letztes großes und ziemlich einschlagendes Meisterwerk, die Suite "Promises", die "irgendwo zwischen Jazz, Ambient und zeitgenössischer Klassik ein Monument des Wohlklangs in die Musikgeschichte stellte. In den Momenten der gezielten Stille setzte er das Geräusch der Tonklappen und seinen Atem als Stilmittel ein. Brachial war da nichts in dieser Dreiviertelstunde. Er verstand es, sein Instrument zwischen den hypnotischen Akkorden des jungen Londoners und den flirrenden Klangflächen des Orchesters als Leitplanke einer perfekten Ästhetik einzusetzen. Das Album wurde dann im zweiten Pandemiejahr 2021 zum unerwarteten Welthit. Nicht nur wegen der Schönheit, sondern auch, weil Sanders immer aus den Tiefen einer Spiritualität schöpfte, die auf das seuchen-traumatisierte Publikum so etwas wie eine Heilwirkung hatte."



Wolfgang Sandner von der FAZ ist begeistert von dem neuen Saal des Casals Forums in Kronberg im Taunus, den ein Team des Akustikers Martijn Vercammen gestaltetet hat: "Man muss kein Prophet sein, um ihm künftig einen Platz unter den besten Kammermusiksälen weltweit einzuräumen." Der Saal scheint ihm "mit seiner das Intime fördernden Gestalt" geradezu "ideale Bedingungen für Klangerzeugung" zu bieten: "Die Akustik scheint dem spezifischen Charakter individueller Instrumente gerecht zu werden und so die Transparenz eines Ensembleklangs noch zu verstärken. Bei so unterschiedlichen Kompositionen wie Béla Bartóks Divertimento und Tschaikowskys Violinkonzert durch das Chamber Orchestra of Europe war es ohrenfällig." Auch architektonisch ist der Bau gelungen, freut sich Matthias Alexander ebenfalls in der FAZ.

Weitere Artikel: Gallig nimmt Frederik Hanssen im Tagesspiegel zur Kenntnis, dass der zuletzt wegen seiner, gelinde gesagt, vagen Haltung zum russischen Krieg gegen die Ukraine in die Kritik geratene Dirigent Teodor Currentzis mit blumiger Weltverbesserungsrhetorik darüber hinweg täuscht, dass das Programm seines neuen Orchesters "Utopia" vor allem Werke aus dem Kernrepertoire bietet. Im Standard denkt Karl Fluch über das komplexe bis paradoxe Verhältnis der Popmusik zu Tod und Untergang nach: "Popmusik stirbt einerseits die schönsten Tode, beschwört andererseits als Medium der grenzenlosen Fantasie das Unbekannte, das Neue, die Veränderung zum Guten, gibt Hoffnung." Besprochen werden Beth Ortons "Weather Alive" (Pitchfork), ein Auftritt von Ed Sheeran in Frankfurt (FR) und Oliver Sims Album "Hideous Bastard" (FAS).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.09.2022 - Musik

Ole Schulz berichtet in der taz vom internationalen Musikfestival Nyege Nyege in Uganda, das rechte Gruppierungen beinahe verhindert hätten und das dann auch noch ziemlich chaotisch verlief - aber immerhin "sind musikalisch viele magische Momente zu erleben. Gqom-Sound aus Südafrika, der wie ein ewiges, scheinbar direkt ins Inferno führendes Keuchen klingt, wird nicht nur vom famosen DJ MP3 aus Durban dargeboten, sondern auch vom japanischen Kollektiv TYO Gqom. Ein gutes Beispiel dafür, wie schnell Genres und Stile inzwischen um die Welt wandern. So spielt der Nyege-Nyege-Künstler Chrisman aus dem Kongo ein Set, in dem er brasilianischen Baile Funk ebenso selbstverständlich aufgreift wie angolanischen Tarraxinha, der Kizomba mit Trap verbindet. Zurecht begeistert sind alle von den Singeli-Jungs aus Tansania: Sisso, Maiko und DJ Travellah spielen Hochgeschwindigkeitssound in Endlosloops auf billigen Laptops und PC-Tastaturen. Ihre Musik hat eine treibende punkige Energie, die Euro-Gabba geradezu altbacken aussehen lässt." Ein paar Eindrücke liefert dieses Video auf Youtube:



Besprochen werden eine Box zum 50-jährigen Jubiläum der Krautrock-Legende Neu! (Rolling Stone), ein Auftritt von Tocotronic (taz), Alex Gs "God Save the Animals" (Pitchfork), ein Konzert von Nils Frahm in Berlin (FAZ), ein Brahms-Abend der Wiener Symphoniker (Standard), die Wiederveröffentlichung des Albums "Grounation" von Count Ossie & The Mystic Revelation Of Rastafari (The Quietus) und das neue Album von The Comet is Coming (The Quietus).

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Stichwörter: Gqom, Nyege Nyege, Uganda

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.09.2022 - Musik

Victor Efevberha porträtiert in der taz die Londoner Rapperin Enny, die sich mit ihren Tracks lautstark gegen die Gentrifizierung ihres Viertels richtet: "'Zu viele Londoner werden zu leicht obdachlos, für sie gibt es zu wenig Sozialhilfe und Mieterschutz', sagt sie. ... Teure Restaurants und Supermärkte verdrängen die ansässigen karibischen Imbisse. Der neue Wohlstand spült eine wachsende Zahl von Mittelschichtbewohnern und Touristen in den Südosten der britischen Hauptstadt. Im Lied 'Same old' thematisiert Enny Alltagsprobleme schwarzer Briten, gescheiterte Beziehungen, Gentrifizierung und die Auswirkungen des Brexit. Direkt und unmissverständlich: 'Fick dich und deine Gentrifizierung.'"



Zu hören gibt es von William "Billy" Corgans neuem Album "Atum" zwar bis nächstes Jahr erstmal noch nichts, aber dafür spricht der Smashing-Pumpkins-Mastermind in seinem Podcast "Thirty-Three with William Patrick Corgan" in wöchentlichen Episoden über jeden einzelnen der 33 Songs seines von ihm als "Rock-Oper", von seinem Management als "Sci-Fi-Musical" bezeichneten Werks. Grund genug für SZler Jakob Biazza jetzt schon mal nachzufragen, was da auf uns zukommt: Corgan geht es um "eine Zukunftsvision", verrät er. "Im Zentrum steht ein Künstler, der für seine Ansichten ins Exil verbannt wurde, was bedeutet, dass man ihn ins All geschickt hat, wo er in völliger Isolation schwebt. Für die Menschen auf der Erde sehen die Verbannten wiederum aus wie funkelnde Sterne. Es ist also auf seltsame Art schön: Sie canceln dich nicht einfach, sondern hängen dich am Himmel auf. ... Es geht um die Art, wie wir mit unbequemen Stimmen umgehen."

Außerdem: Lars Fleischmann ergründet in der taz, wann und wo eigentlich das (allerdings im wesentlichen auf Nischen begrenzte und mit dem aktuellen Vinylboom nicht vergleichbare) Kassettenrevival in der Musikbranche eingesetzt hat. Im Standard schreibt Karl Fluch einen Nachruf auf den Schlagzeuger Anton Fier.

Besprochen werden der von Markus Müller herausgegebene Band zur Geschichte der Free Music Production (FAZ) und Beth Ortons Comeback-Album "Weater Alive", das "als eines der Meisterwerke des Jahres 2022 in Erinnerung bleiben wird", orakelt André Boße auf ZeitOnline.


Stichwörter: Enny, London, Hiphop, Corgan, Billy

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.09.2022 - Musik

Wenn der Jazzgitarrist Julian Lage zu seinem Instrument greift, beobachtet SZ-Kritiker Andrian Kreye mitunter den "Gestus des heimlichen Größenwahns". Lages neues Album bereitet ihm aber sichtlich Freude: Aufs erste Hinhören offenbart sich "ein perfektes zeitgenössisches Jazzgitarrenalbum. Mit jedem Anhören entdeckt man dann aber immer auch noch neue Ebenen. Modalen Jazz sowieso, aber auch Bebop, Surf, Reggae, Western Swing, sehr frühen Pop. Und weil die beiden Gitarristen über den subtilen Rhythmusteppichen des Schlagzeugers Dave King und des Kontrabassisten Jorge Roeder nichts zitieren, sondern lediglich ihr Vokabular der Formensprachen erweitern, bleibt der Tieftauchgang in die amerikanische Musikgeschichte ein Subtext. Den kann man sich erschließen. Aber man kann es auch sein lassen und trotzdem ein grandioses Album entdecken."



Außerdem: Christina Rietz spricht fürs VAN-Magazin mit dem Dirigenten Achim Zimmermann, der seit 20 Jahren in der Berliner Gedächtniskirche Bach-Kantaten dirigiert, wo diese seit 75 Jahren beständig einen Platz im Programm haben. Arno Lücker widmet sich in seiner VAN-Reihe über Komponistinnen in dieser Woche hier Nadia Boulanger und dort Pauline Oliveros.

Besprochen werden das neue Album von Kraftklub (ZeitOnline) und das neue Album von Makaya McCraven, das laut tazler Peter Margasak "wie ein R&B-Instrumental-Album inszeniert ist, das mit dem Vokabular des Jazz gespickt ist".

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.09.2022 - Musik

Die FAZ lässt sich von Margriet Lautenbach und Martijn Vercammen vom Akustikbüro Peutz erzählen, wie sie das Casals Forum in Kronberg im Taunus zum Klingen brachten. In der FAZ gratuliert Wolfgang Sandner dem Keyboarder Don Preston zum 90. Geburtstag. Außerdem hat die Zeit Wolfram Goertz' Porträt des jungen finnischen Dirigenten Klaus Mäkelä (unser Resümee) online nachgereicht.

Besprochen werden eine Aufführung von Charles Mingus' "Epitaph" durch die Berliner Philharmoniker ("so klingt Liebe zu Möglichkeiten", schreibt Kristof Schreuf in der taz), das neue Album von Roland Kaiser (Standard), das neue Album des Jazzprojekts Ragawerk (FR) und "LongGone", das neue Album des Jazzquartetts Redman Mehldau McBride Blade, das SZ-Kritiker Andrian Kreye zum Verdruss seiner Familie kaum von seiner Hifi-Anlage nehmen kann.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.09.2022 - Musik

ND-Kritiker Berthold Seliger ist auch weiterhin überwältigt von den Genüssen, die sich beim Musikfest Berlin boten. "Mehr Xenakis wagen", ruft er etwa den Konzerthäusern zu, nachdem er beim Festival "Ais" gehört hat, in dem der griechische Komponist tief aus seinen Erfahrungen im griechischen Widerstand schöpft. Das große Orchester entwickelt "eine geradezu apokalyptische Wucht. Alles entwickelt sich aus einem großen, fanfarischen Urknall der Blechbläser, zunächst unisono, dann in Flächen polyrhythmisch neben- und übereinandergelegt, es folgen erschütternde Schlagzeuggewitter sondergleichen." Und "es ist schier unglaublich, wie Georg Nigl sich in der berserkerischen Auseinandersetzung mit dem Soloschlagzeuger Dirk Rothbrust und dem explodierenden Orchester in eine geschriene Ekstase hineinsteigert, mit Indianergeheul (darf man das heute überhaupt noch so nennen?) und existentialistischem Trauergejammer - um dann in seiner eigenen Stimmlage, dem Bariton, Textzeilen von Homer und Sappho zu deklamieren. ... Eine Komposition am Rande des Abgrunds, des Totenreichs, und nicht selten auch mittendrin. Ein Monster von einem Werk - das dann ganz plötzlich einfach so im Nichts verklingt." Daneben legt uns Seliger das digitale Programmheft zum Abend ans Herz.

Außerdem: Julian Hans freut sich auf ZeitOnline darüber, wie energisch sich die noch zu Sowjetzeiten zu Ruhm gekommene, russische Popmusikerin Alla Pugatschow gegen den russischen Angriff auf die Ukraine positioniert.

Besprochen werden der Saisonauftakt des Deutschen Symphonie-Orchesters unter Robin Ticciati (Tsp), Marcus Kings Album "Young Blood" (Standard), Konzerte von Biffy Clyro (FR), Arcade Fire (SZ) und Marianne Rosenberg (Welt) sowie neue Popveröffentlichungen, darunter "The Pink Album" von David Holmes' Projekt Unloved (Standard).


Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.09.2022 - Musik

Einerseits ja toll, dass die Klassik sich öffnet und bei Festivals und Saisonmotti diskriminierte Positionen in den Fokus der Aufmerksamkeit rückt, findet Hannah Schmidt im Zeit-Kommentar. Leise Skepsis macht sich bei ihr dennoch breit: Soll sich tatsächlich etwas ändern oder spielt man nur aus PR-Gründen Liebkind, um sich ein Feigenblatt zu verschaffen? "Bei anderen Saisonprogrammen dagegen drängen sich akutere Zweifel auf: Die Berliner Philharmoniker etwa stellen die nächste Spielzeit unter das Motto 'Identitäten' und nehmen damit Bezug auf die aktuellen Antidiskriminierungsdebatten. Allerdings findet sich im Programm vor allem eine Identität wieder: die des weißen, westeuropäisch sozialisierten Hetero-Mannes. ... Ein Programm wie dieses, möchte man dann doch nach Berlin rufen, ist eher das Gegenteil von Identitäten-Vielfalt. In solchen Fällen täten Institutionen trotz all des guten Willens vielleicht besser daran, ihren musikalisch sicherlich hochwertigen, aber sehr konservativen Spielplan einfach ohne wokes Motto stehen zu lassen."

Elisabeth Furtwängler stellt in der FR die von ihrer MaLisa-Stiftung in Auftrag gegebene Studie über Frauen im Musikgeschäft vor, die erwartungsgemäß ergibt, dass Frauen auf der Seite der Produktion krass unterrepräsentiert sind. "Wie viele tolle Bildhauerinnen, Schriftstellerinnen, Komponistinnen haben wir über die Jahrhunderte verloren, haben sie nie gesehen, weil sie nicht kreativ sein durften? Dieses Erbe tragen wir bis heute mit uns. ...  Ich sehne mich nach Liedern, die durch und aus weiblicher Kreativität entstanden sind. Kreativität hat nichts mit Geschlecht zu tun und ich bin sehr gespannt, was wir in den nächsten Jahren noch zu hören bekommen."

Weiteres: Die russische Poplegende Alla Pugatschowa hat sich auf Instagram beeindruckend gegen den Krieg ihres Landes gegen die Ukraine positioniert, meldet Sonja Zekri in der SZ: Nachdem ihr Ehemann, der Fernsehmoderator Maxim Galkin, auf eine schwarze Liste der Regierung gesetzt wurde, bat sie kurzerhand ebenfalls darum. In der FAZ gratuliert Jan Wiele dem Bassisten Nile Rodgers zum 70. Geburtstag. Hier ein aktuelles Live-Video:



Besprochen werden ein Konzert der Wiener Philharmoniker unter Zubin Mehta mit Martha Argerich (Presse), der Saisonauftakt des hr-Sinfonieorchesters mit Alexander Malofeev unter Alain Altinoglu (FR) und ein Auftritt von Ed Sheeran (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.09.2022 - Musik

Immer mehr Musikerinnen tummeln sich auf den Spitzenpositionen der Charts. Hinter den Kulissen sieht es allerdings anders aus, entnimmt Kristoffer Cornils von ZeitOnline der Studie "Gender in Music", die am kommenden Montag präsentiert wird: Was Komposition und Text betrifft, sind Männer weiterhin weitgehend unter sich - auch auf den Festivalbühnen sind hauptsächlich Männer zu sehen. Studienleiterin Anna Groß plädiert für eine Quotenregelung: "Jenseits aller Fragen nach Gerechtigkeit sieht Groß auch einen nachweislichen wirtschaftlichen Nutzen in der Einführung von Quoten. ...  'Schon unsere letzte Studie in Kooperation mit Keychange hatte ergeben, dass jüngere Konsument*innen beim Musikkonsum auf die Geschlechterverteilung achten', sagt sie. 'Wer zukünftig erfolgreich sein möchte, sollte sich dem Thema widmen.' Ansonsten drohe sich mit dem Lauf der Zeit die Kundschaft abzuwenden. Dass die Beteiligung von Frauen tatsächlich auch in kommerzieller Hinsicht von Vorteil sein kann, darauf deutet ein weiteres Ergebnis der Studie Gender in Music hin. 'Bei Stücken, die länger als ein halbes Jahr in den Wochencharts vertreten waren, ist die Frauenbeteiligung gemeinhin größer als im Durchschnitt', sagt Groß."

Der Hamburger Musiker und Schriftsteller Rocko Schamoni plaudert in der taz über sein neues Album "All Ein", zu dem ihm unter anderem die französische und italienische Filmmusik der Sechziger und Siebziger inspiriert hat. Auch zu hören gibt es eine Hörspielcollage, in der Romy Schneider die Ehefrau von Peter Hahne geworden ist. "Alles, was sie in Frankreich gemacht hat, finde ich gut", schwärmt Schamoni. "'Trio Infernal' halte ich für ein anarchistisches Meisterwerk. Und Michel Piccoli, mit dem sie sechs Filme gedreht hat, für den besten Darsteller aller Zeiten. Nur einen Tag dabei zu sein, wie Romy Schneider gearbeitet hat - dafür würde ich viel geben."



In der taz kommt Julian Weber auf einen (allerdings bald vier Monate alten) Text von Klaus Walter in der FR zu sprechen, den es bei manchen ukrainischen Popbands in ihrem Engagment gegen Russland eher ungut schüttelt. Wichtiger ist die Solidarität, mahnt Weber Walter: "Anscheinend verhagelt ihm das ästhetische Durcheinander das anglo-amerikanisch geprägte Identitätspolitik-Popbiotop." Walter "sieht auf beiden Seiten nur toxische Männlichkeit. Überlebenswille und ein durchaus westlich inspirierter Erfindungsgeist der ukrainischen Zivilgesellschaft werden so nivelliert."

Außerdem: Jan Brachmann resümiert in der FAZ das Kammermusikfestival Jerusalem. Besprochen werden ein Konzert der Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko beim Musikfest Berlin (Tsp), das Konzert des Collegiums Vocale Gent beim Musikfest Berlin (Tsp, hier eine Aufzeichnung), das Album "Born Pink" der K-Pop-Band Blackpink (SZ) und Rina Sawayamas Album "Hold the Girl", auf dem sich zum Vergnügen von ZeitOnline-Kritikerin Juliane Liebert das Tor zu einer "ohrwurmenden Hyperschlagerhölle" auftut. Wir hören rein:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.09.2022 - Musik

Artur Weigand unterhält sich für die Welt mit Grzegorz Kwiatkowski, dem Sänger der basisdemokratischen polnischen Band Trupa Trupa, die demnächst auf Deutschland-Tournee geht. Kwiatkowski ist auch Dichter. Über den Unterschied von Poesie und Musik sagt er: "Als ich jünger war, wollte ich diese beiden Welten voneinander trennen. Ich wollte meine Poesie von der Musik trennen, weil ich nicht mit meiner Schriftstellerei in die Band gehen wollte, weil ich mein Ego nicht bloßstellen wollte. Aber nach vielen Jahren habe ich etwas sehr Einfaches herausgefunden: Poesie ist immer auch Musik. Jeder Dichter und Schriftsteller ist ein Musiker. Und ich kann nicht so tun, als wäre ich kein Dichter, ich kann nur ich selbst sein. Also, auch wenn ich nicht mit meiner Poesie auf die Band ausstrahlen möchte, tue ich es doch."

Hier ein "Jolly New Song" von Trupa Trupa:



Arno Widmann (FR) hörte ein Konzert mit alter koreanischer Musik in der Berliner Philharmonie. Interessante Erfahrung, aber er hätte vorher in die Einführung gehen sollen, gibt er zu: "So bin ich nur einem Höllenlärm ausgeliefert, den an die fünfzig Schlag-, Streich- und Blasinstrumente veranstalten. Ein Mann singt dagegen an. Achtzig Minuten lang. Ich sitze in Berlin im großen Saal der Philharmonie und erlebe die Aufführung einer koreanischen Ahnengedenkzeremonie (Jongmyo Jeryeak). Seit dem 18. Jahrhundert wird sie jedes Jahr vor dem riesigen Jongmyo-Schrein aufgeführt. Ein Fest, das vielleicht am ehesten mit unserem 'Allerseelen' zu vergleichen ist. Schrein und auch die Musik, die ich gerade höre, gehören zum Unesco-Weltkulturerbe. Der ganze Vorgang erinnert daran, wie europäische Kirchenmusik aus dem sakralen Raum in die Konzertsäle verlagert wurde. Ich schreibe diesen Artikel in den Räumen der ehemaligen Singakademie, in der Mendelssohn 1829 die Matthäuspassion für das säkulare Zeitalter neu entdeckte. Aus der Religion wurde Kunstreligion. Etwas Vergleichbares scheint mit Jongmyo Jeryeak passiert zu sein."

Besprochen werden neue Alben fürs Wochenende von Jadu, Eliza, Whitney, Death Cab for Cutie (BlZ), Santigolds Album "Spirituals" (taz), Marcus Mumfords Soloalbum "Self-Titled" (FR), Oliver Sims Soloalbum "Hideous Bastard" (taz), ein Konzert des Tenors Benedikt Kristjánsson mit Musik von Bach und Texten von Amos Oz beim Beethovenfest (FAZ) und ein Konzert von Arcade Fire in Köln (das Julia Lorenz auf Zeit online nutzt, um über die #metoo-Vorwürfe gegen Sänger Win Butler zu meditieren. In der SZ schreibt dazu Jakob Biazza.)