Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Musik

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.10.2021 - Musik

Wenn Teodor Currentzis und das Music-Aeterna-Orchester in Berlin Mahlers Fünfte geben, dann ist "der parallel vor dem Reichstag stattfindende Große Zapfenstreich der Bundeswehr weder räumlich noch musikalisch weit entfernt davon", schreibt Berthold Seliger in der Jungen Welt. "Doch dann geschieht ein erstes Wunder", denn "der Trauermarsch verbindet sich in Wiener Lässigkeit zur vom warmen Streicherklang geprägten eigentlichen Trauermarschmelodie, die Mahler auch beim 'Wunderhorn'-Lied 'Der Tambourg'sell' verwendet hat, das er in denselben Sommerferien 1901 am Wörthersee schrieb. Doch bei Currentzis wird diese zunächst von den Streichern, dann mit Unterstützung der Holzbläser vorgetragene Melodie zu einem fast fröhlichen, Walzer- oder Ländler-geprägten Umzug. Die Militärkapelle ist hier mindestens beschwipst oder auf Urlaub, wenn nicht gar von der Fahne gegangen ... Das klingt eher nach einer fröhlich-sentimentalen Marchingband im New-Orleans-Stil, 'Nearer My God to Thee', nur eben im Wiener Ländler-Gestus mit diesem wunderbar schlampig herausgezögerten Rhythmus. Kein Marschieren, nirgends. Und Trauer? Nun ja." Im Tagesspiegel resümiert Ulrich Amling den Abend. Und Miriam Damev vom Standard konnte Currentzis und sein Orchester in Luzern aus nächster Nähe beobachten.



Einen "unverfroren emotionalen Herbst" sieht Tobi Müller von ZeitOnline mit den neuen Musikvideos von Tocotronic (oben, gemeinsam mit der Sängerin Soap & Skin) und Adele (unten, inszeniert vom Autorenfilmer Xavier Dolan) heraufdämmern. Es gibt um Liebe, den Tod und die Rückkehr daraus ins Leben. "Herrlich" ist es aber auch, "wie Dolan etwa die Extremnägel von Adele in Szene setzt: von ganz nah, wie sie das Tape einschiebt, von etwas weiter weg, wenn sie ihren Arm aus dem fahrenden Auto hält und die Hand wie eine Raubtierkralle mit langen Klingen wirkt. Am Ende haben wir Adele zwar wieder in Farbe, sie lacht sogar. Doch ist noch menschlich, wer den Tod überwindet und zurück ins Leben findet?" Über Adeles Video schreibt außerdem auch Ane Hebeisen im Tages-Anzeiger.



Weitere Artikel: Elisabeth Bauer besucht für die taz den Club , der für Kiew das ist, was für Berlin das Berghain ist. Guido Holze stellt in der FAZ die koreanische Pianistin Jung Eun Séverine Kim vor, die für den Internationalen Deutschen Pianistenpreis nominiert ist. Der Tagesanzeiger plaudert mit Helene Fischer über deren neues (in der NZZ besprochenes) Album. In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Gisela Thomas über Ralph McTeels "Streets of London".

Besprochen werden John Williams' Debüt bei den Berliner Philharmonikern (Tagesspiegel), ein Konzert des hr-Sinfonieorchesters unter Marin Alsop (FR), eine konzertante Prager Aufführung von Alexander Zemlinskys Opernfragment "Malva" nach Maxim Gorki (online nachgereicht von der FAZ), eine Deluxe-Ausgabe von "Let it Be" der Beatles (Pitchfork), sowie neue Alben von Karen Peris (taz), Coldplay (Tagesspiegel, ZeitOnline) und Magdalena Bay (Pitchfork). Wir hören rein:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.10.2021 - Musik

Mit regem Interesse und großer Spannung beobachtet ZeitOnline-Kritiker Daniel Gerhardt, was der Mainzer Rapper Neromun gerade mit dem Genre veranstaltet: "Was bleibt übrig von deutscher Rap- und Popmusik, wenn man den ganzen Bullshit abzieht? Im Idealfall ein Song wie 'Siblings'", der "auf das unbedingt Nötige zusammengekürzt" ist. "Kaum etwas passiert in dem dreiminütigen Stück. Nur der Bass markiert einen unregelmäßigen Herzschlag, das E-Piano landet auf folgerichtigen Akkorden und Neromun sprechsingt im Chor mit der eigenen manipulierten Stimme." Damit könnte Neromun "möglicherweise auf Deutschrap-internes Unverständnis stoßen. Zumindest dort, wo die Vorstellungen von fertigen Tracks und ihrer Playlisttauglichkeit längst eine starre Verbrauchsgüterästhetik hervorgebracht haben."



Außerdem: Thomas Schacher porträtiert in der NZZ die Dirigentin Lena-Lisa Wüstendörfer, deren Fokus auf vergessene Werke Schweizer Komponisten liegt. Ralf Dombrowski berichtet in der SZ von seinem Zoom-Treffen mit Carlos Santana, der heute ein neues Album veröffentlicht. Die Stones werden ihren Song "Brown Sugar" vorerst nicht mehr live spielen, meldet Harry Nutt in der Berliner Zeitung.

Besprochen werden Todd Haynes' auf Apple+ gezeigter Dokumentarfilm über The Velvet Underground (taz), der von Marina Schwarz herausgegebene Band "Das verdächtig Populäre in der Musik" (taz), das neue Album von Helene Fischer (Standard), ein Konzert der Wiener Symphoniker unter Manfred Honeck (Standard) und das neue Album von Sufjan Stevens (taz). Wir hören rein:

Stichwörter: Neromun, Deutschrap

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.10.2021 - Musik

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Die Ausstellung "Stolen Moments" in den Wagenhallen Stuttgart bringt tazler Jonas Engelmann die Geschichte der Populärmusik Namibias ganz nahe. Diese ist eine Geschichte der staatlichen Unterdrückung und Ausgrenzung, erfahren wir. Die Ausstellung holt all die Leerstellen "zurück ins Bewusstsein, ergänzt um das, was war, was gewesen sein könnte, und um das, was verloren ist: Musik aus dem Radioarchiv wurde digitalisiert und zugänglich gemacht, Künstler der Gegenwart haben Plattencover für die nie erschienenen Alben entworfen und Fotografen haben sich auf die Suche nach den ehemaligen Orten der Subkultur begeben."

Die Donaueschinger Musiktage werden dieses Jahr auch schon 100, seufzt Manuel Brug in der Welt, der sich zu Glückwünschen kaum durchringen mag. Zu esoterisch, zu verschwurbelt, zu entlegen und heutzutage vor allem zu beliebig kommt dem Kritiker, der es gerne üppig mag, die Veranstaltung vor. Auch die neue Chefin Lydia Rilling, die nächstes Jahr ihr Amt antritt, werde daran wohl nicht viel ändern. "Wir wollen nicht vom Irrtum der Geschichte sprechen, doch welche der vielen Werke, die hier uraufgeführt wurde, haben es ins Repertoire geschafft? ... Die Donaueschinger Musiktage bleiben das kleine Oktoberfest der Avantgarde, geliebt, belächelt, aber nicht mehr für wirklich bedeutend empfunden."

Seit drei Jahren wird der "Opus Klassik" verliehen. In VAN sendet Sebastian Solte vergiftete Glückwünsche: "Alle Stakeholder wurden stets üppig berücksichtigt, so dass bei der Vielzahl der Preise kein unnötiger Streit aufkommen musste." Und "nur neidische Nörgler würden sich wundern, warum beispielsweise als 'Komponist*in des Jahres' zweimal hintereinander Hochkaräter aus just dem Verlag gekürt werden, der in der Jury vertreten ist." Doch "möchten wir das ZDF ermutigen, die Premium-Klassik-Gala doch bitte zur Primetime um 20:15 Uhr auszustrahlen, also auf dem Sendeplatz, auf dem sonst die Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen oder das Traumschiff laufen. Dann könnte auch unser Traum in Erfüllung gehen, dass endlich der ideale Moderator engagiert wird: Harald Schmidt."

Außerdem: Toll findet es Alex Ketzer im VAN-Magazin, dass München seine Isarphilharmonie als Provisorium, solange das eigentliche Konzerthaus generalsaniert wird, ins ansonsten wenig angesagte Sendling gelegt hat. Thomas Winkler besucht für ZeitOnline den Rapper Marteria. In seiner VAN-Reihe über Komponistinnen widmet sich Arno Lücker diesmal Sophie Gail.

Besprochen werden der Saisonauftakt beim Zürcher Kammerorchester mit dem Geiger Daniel Hope (NZZ) und ein Abend mit Bejun Mehta (Tagesspiegel).
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Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.10.2021 - Musik

Helmut Mauró freut sich in der SZ über die Gelegenheit zur Wiederenteckung des Komponisten Alexander von Zemlinsky, die sich ihm an der Staatsoper Prag im Rahmen eines kleinen Festivals bot. In der NMZ berichtet Roland H. Dippel. Manuel Brug beugt sich für die Welt über den Taktstock als Fetischobjekt. Wolfgang Sandner resümiert in der FAZ das Festival Haydneum in Budapest. Konstantin Nowotny schreibt im Freitag darüber, wie man Spotify und seiner Regel, dass ein Stream erst nach 30 Sekunden Tantiemen abwirft, ein Schnippchen schlagen kann (etwa indem man acht Stunden lange, in 30 Sekunden gestückelte Alben mit Regengeplätscher als Schlafsoundtrack veröffentlicht). Eric Facon (NZZ) und Jan Wiele (FAZ) gratulieren Paul Simon zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden ein Film über a-ha (NZZ), das neue Album von Low (Jungle World), Joe Sachses Jazzalbum "Die Kleine Freiheit" (FR), Space Afrikas Album "Honest Labour" (taz), Soshi Takedas auf Synthesizern aus den Neunzigern aufgenommenes Vaporwave-Album "Floating Mountains" (Pitchfork) und neue Popveröffentlichungen, darunter das Debüt von Finneas, dem Bruder und Produzenten von Billie Eilish (SZ). Im Video denkt er zurück an die Neunziger:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.10.2021 - Musik

Joseph Croitoru erklärt uns in der FAZ das Phänomen der ägyptischen Mahraganat-Sänger, die im Zuge des Arabischen Frühlings populär wurden, aber unter besonderer Beobachtung der Regierung und ihrer Häscher stehen: Geschätzt werden die Musiker auch für ihre teils deftigen, in der Regel aber anspielungsreichen Texte. Unterstützung zur Gängelung der Musiker erhält das Sisi-Regime vom nationalen Musikverband des Landes, denn dem "drohen erhebliche Absatzverluste, weil die Festivalsänger inzwischen auch bei der jüngeren Mittelschicht beliebt sind und ihre Musik selbst vermarkten." So "hatte der Verbandsvorsitzende Hani Shaker (Jahrgang 1952 und selbst Sänger und Schauspieler) im Februar vergangenen Jahres diese Musikrichtung für unerlaubt erklärt. Anlass war der Auftritt des Sängerduos Hassan Shakosh und Omar Kamal am Valentinstag in einem Kairoer Stadion, bei dem sie auch ihren Song 'Nachbars Tochter' im Programm hatten. Das Lied, in dem der Angebeteten von nebenan Liebe geschworen wird, enthält auch die Drohung: 'Wenn du mich verlässt, trinke ich Alkohol (und rauche) Haschisch.'"

In der Welt wird es Michael Pilz sehr nostalgisch zumute, wenn er das neue Album der Specials hört: Das Urgestein der britischen Ska-Bewegung covert darauf Protestsongs von 1924 bis 2012 und widerlegt dabei, etwa im seinerzeit vom Erfolg gekrönten Song "Free Nelson Mandela", "die zum Konsens der Musikkritik geronnene These, das Protestlied diene lediglich dem Sänger selbst und seinem Nimbus als moralische Instanz: Kulturindustriell wird jede Rebellion verwertet." Die Band spielt "die Proteslieder der Anderen und Älteren zu zwölft so offen und so schön, wie sie nur können, weil es wieder an der Zeit ist." In diesem Sinne: Aufgestanden!



Außerdem: Immer mehr Frauen drängen in den allerdings weiterhin stark männerdominierten Jazz vor, freut sich Andreas Hartmann im Freitag und recherchiert Hintergründe, wo für Frauen im Jazz die Hindernisse und Herausforderungen liegen. Im Tagesspiegel plaudert Björn Springorum mit Finneas, dem Bruder und Produzenten von Billie Eilish, der nun sein Soloalbum "Optimist" vorgelegt hat. Thomas Schacher wirft für die NZZ einen Blick ins Programm des Zürcher Kammerorchesters. Von Konflikten zwischen dem Trägerverein dieses Orchesters und der Gesellschaft der Freunde des Zürcher Kammerorchesters berichtet Christian Wildhagen.

Besprochen werden Laurenz Lüttekens Studie "Der verborgene Sinn - Verhüllung und Enthüllung in der Musik" (SZ), ein Konzert des Perkussionisten Alexej Gerassimez mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (Tagesspiegel, hier zum Nachhören), Daniel Deckers Buch "Not Available" über Platten, die nicht erschienen sind (FR), das neue Konzertprogramm des Berliner Trios Laccasax (NMZ), neue Klassikveröffentlichungen (SZ) und neue Popveröffentlichungen, darunter "Talk Memory" von BadBadNotGood, von denen sich Standard-Kritikerin Amira Ben Saoud "auf hohem Niveau berieseln" lässt.


Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.10.2021 - Musik

Die Isarphilharmonie, ein vom Akustiker Yasuhisa Toyota konzipiertes Ausweichquartier für die Münchner Philharmoniker, während deren eigentliche Spielstätte generalsaniert wird, wurde mit einem Abend unter dem Taktstock von Valery Gergiev eröffnet. Schnell zeigt sich, "dass der neue Saal keine Ungenauigkeiten verzeiht", berichtet Marco Frei in der NZZ. "Völlig akzeptabel" findet den Klang hingegen Jan Brachmann in der FAZ. "Die Trennschärfe der Einzellinien ist deutlich besser als im alten Gasteig", wobei der Klang zuweilen dennoch eigene Reisen unternahm: "Dass die quecksilbrigen Wirbel von hohen Holzbläsern und Schlagzeug in 'Araising Dances' von Thierry Escaich oder den 'Métaboles' von Henri Dutilleux in alle Richtungen zerstieben, kann man vielleicht - wie anderswo auch - durch Klangsegel korrigieren und besser fokussieren."

Den Philharmonikern fehlt unter diesen Saalbedingungen jegliche Magie im Klang, jammert Reinhard J. Brembeck in der SZ. Auch ansonsten ist seine schlechte Laune ziemlich prächtig: Watschen setzt es links und rechts für die Münchner und bayerische Kulturpolitik, der Abend war zu kulinarisch geplant und Frauen gab es auf der Bühne auch zu wenige: "Dieser schwarze und abweisende Kasten erinnert an die Ödnis eines Betonbunkers. Es wäre keine Überraschung, wenn sich plötzlich eine Luke öffnen würde, aus der ein Geschütz auf die Zuschauer feuern würde."

"Historisch äußerst bedenklich" findet NZZ-Kritiker Christian Wildhagen in der von Roberto Blanco neu befeuerten Debatte darum, ob Beethoven schwarz gewesen ist (mehr dazu hier), den "Zug ins Biologistische, wenn nunmehr wissenschaftliche Untersuchungsmethoden, etwa der DNA-Analyse, für die Untermauerung politischer Ansichten und Ziele herhalten sollen", zumal "es nicht das Geringste an der Bedeutung der 9. Sinfonie oder der Missa solemnis ändert, ob diese Werke nun von einem Schwarzen, einem Transsexuellen, einem Asiaten oder schlicht von einem alkoholkranken Rheinländer komponiert wurden."

Weitere Artikel: Christoph Wagner nimmt eine Box zum Frühwerk der Krautrock-Legende Faust zum Anlass, um in einem online aus der Wochenendausgabe nachgereichten NZZ-Artikel darüber nachzudenken, wie das damals war, als immer mehr deutsche Rockbands sich aus den Großstädten aufs Land in umgewidmete Bauernhöfe zurückzogen. Zum Start der Donaueschinger Musiktage am kommenden Donnerstag wirft Peter Kraut, online nachgereicht von der NZZ, einen Blick auf die Geschichte des Festivals und dessen Herausforderungen angesichts einer zunehmend globalen Perspektive in der Avantgarde. Claus Lochbihler spricht für die taz mit Laura Maling und Mike Lindsay über deren Kunstpop-Duo LUMP. Im Standard denkt Karl Fluch über den österreichischen Trend zum Dialekt-Pop nach.

Besprochen werden die Uraufführung der von einer KI fertig programmierten 10. Sinfonie Beethovens (Tagesspiegel, mehr dazu bereits hier und hier), Christoph Dallachs "Future Sounds" mit einer Oral History des Krautrock (FR), das neue Album von James Blake (Berliner Zeitung), ein Konzert des ORF-Radio-Symphonieorchesters unter Marin Alsop (Standard) und weitere neue Musikveröffentlichungen, darunter das neue Album der Felice Brothers, das auf FAZ-Kritiker Jan Wiele "wie eine große Verausgabung wirkt, ein Fiebertraum in Folkstrophen, kostümiert als große Oper". Wir hören rein:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.10.2021 - Musik

Wenig Freude hat NZZ-Kritiker Michael Stallknecht an der von einer künstlichen Intelligenz unter Anleitung von Walter Werzowa fertigkomponierten Zehnten Sinfonie Beethovens. Einmal mehr zeige sich: Einer lediglich mit Mustern bereits bestehender Arbeiten gefütterten "KI fehlt es an einer Intention, die auf einen möglichen Rezipienten gerichtet wäre. Sie kann deshalb nicht, was große Komponisten meisterhaft beherrschen: mit Erwartungen ihrer Hörer spielen und diese Erwartungshaltungen wechselweise bestätigen oder hintergehen. Stattdessen frisst sie sich oft an einem Muster fest, etwa auch in Details der harmonischen Entwicklung, um dieses dann ebenso unvermittelt zu verlassen oder zu wechseln. Das sorgt für den eigentümlich geheimnislosen, unorganischen Charakter, der schon bei ähnlichen Stil-Kopien anderer Komponisten zu erleben war."

Auch Wolfram Goertz winkt in der Zeit ab: "Die beiden Sätze Scherzo und Finale haben mit dem späten Beethoven kaum etwas gemein." Und zwischendrin "gibt es allerlei Prüfungsaufgaben nach dem Motto 'Finde die neun Fehler'. Einer unter vielen: die amateurhafte Rückmodulation von Es-Dur nach c-Moll (Takt 21 bis 24) im Scherzo. Das alles ist nie jener späte Beethoven, der immer weiterwollte, es gibt keine Momente der Überrumpelung, keine extremen Register, keine originell-bärbeißigen Lösungen bei Gelenkstellen, kaum motivisch-thematische Arbeit. Die KI erfindet nichts, was in die Zukunft weist, sondern bildet Mittelwerte."

Weitere Artikel: VAN dokumentiert eine sehr, sehr lange Diskussion über die Zukunft der Musik und welche Rolle darin schwarze Komponisten spielen werden. Arne Sonntag wirft für die NMZ einen Blick auf die Geschichte des Bundesjugendchors.

Besprochen werden James Blakes neues Album "Friends That Break Your Heart" (Standard), ein von Kent Nagano dirigierter Konzertabend in der eben wiedereröffneten Tonhalle Zürich mit Benjamin Brittens "War Requiem" (NZZ), ein Konzert des Geigers Frank Peter Zimmermann mit dem BR-Symphonieorchester unter dem Dirigenten Klaus Mäkelä (SZ), die Münchner Ausstellung "Nachts. Clubkultur in München" (taz) und das gemeinsame Album "Love for Sale" von Lady Gaga mit dem 95-jährigen Jazzmusiker Tony Bennett (SZ), dem man sein Alter so überhaupt nicht ansieht:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.10.2021 - Musik

Beethovens Zehnte ist vollendet - künstliche Intelligenz hat es möglich gemacht. Die ausgespruckten Resultate hat der Film- und Werbejingle-Komponist Walter Werzowa (verantwortlich für den Eurotrash-Hit "Bring Me Edelweiß" von 1988 und damit offenbar eine Beethoven-Koryphäe) in ein sinnhaftes Ganzes zu fügen versucht. Helmut Mauró bleibt in der SZ angesichts des fertigen Ergebnisses sanft unterwältigt, aber höflich zurückhaltend: "Heraus kam als dritter Satz ein Scherzo, mit seinem zentralen Da-da-da-daaa-Motiv bietet es ein brüchiges Echo der Fünften als deren unwürdig gealtertes Kopfthema. Und das Finale? Beethovens Idee einer in die Symphonie integrierten Choralvertonung wurde brav umgesetzt, wenn auch etwas hölzern. Unten liegt eine Bassstimme, ein brummender Orgelpunkt der Celli und Kontrabässe, oft kaum hörbar. Mit solchen Mitteln hat man früher die armen Gläubigen während der Bußpredigt das Fürchten gelehrt. Darüber Streicherblitze, verstärkt mit Pauken-Einschlägen und dann noch echte, aber banale Orgelklänge. Spätestens hier liegen verständige Musikwissenschaft und Edelweißphilosophie endgültig überkreuz."

Weitere Artikel: Sexuelle Übergriffe im Pop sind einfach eine Konsequenz aus Popmusik als Balzritual und von Erfolg und Drogen befeuerten Allmachtsfantasien, meint Ueli Bernays in der NZZ. Uwe Schütte freut sich in der taz über eine Box, die das Frühwerk der Krautrocklegende Faust erschließt (dazu passend bietet der DLF ein Radiofeature über diese Phase der Band). Lennart Laberenz lustwandelt für den Freitag durch das wiederveröffnete Berghain, wo ihm Gedanken an Epikur kommen. Mark Gergis stellt morgen in Berlin sein Projekt "Syrian Cassette Archives" vor, berichtet Andreas Hartmann im Tagesspiegel. Andreas Hartmann porträtiert in der taz den frischen Labelmacher Martyn Goodacre, der wegen Brexit-Bürokratien derzeit auf seiner ersten Veröffentlichung sitzt, ohne sie abtreten zu können.

Besprochen werden das neue Album von Moor Mother (Standard), Sandra und Kersty Grethers feministische Songsammlung "Ich brauche eine Genie" (taz), das neue Album von James Blake (ZeitOnline, Pitchfork), ein Kino-Dokumentarfilm über a-ha (Tages-Anzeiger) und das neue Album von The Joy Formidable (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.10.2021 - Musik

Die neue Mozart-Aufnahme des melancholiesüchtigen Pianisten Víkingur Ólafsson ist insbesondere auch aus klanglicher Perspektive bemerkenswert, erklärt Michael Stallknecht in der SZ: Das Spiel klingt ganze nahe, dank eines Kniffs des Toningenieurs Christopher Tarnow: Er "hat den Klang vor allem direkt im Flügelkorpus abgenommen, ein in der Klassik ziemlich unübliches Verfahren. ... Dabei werden nicht nur andere Frequenzen hörbar als im Konzertsaal, sondern auch das sonst ausgeblendete Nebengeräusch der Dämpfer. Dem Hörer verschafft es den Eindruck, mit dem Pianisten und der Musik allein zu sein, allein gelassen zu werden, was das melancholische Moment deutlich verstärkt. Vielleicht ist es diese Einsamkeit, die mangelnde Korrespondenz zwischen Ich und Welt, die in der hochvernetzten, aber das Individuum zugleich immer stärker überfordernden Gegenwart den zeitgenössischen Zug von Ólafssons Platten ausmacht." Wir hören rein:



Jeffrey Arlo Brown spricht für VAN mit der Altistin Dina König, die ihre Karriere an den Nagel gehängt hat, um in Basel Tram zu fahren. Sie erklärt das mit ihrem Frust im Betrieb: "Viele Projekte muss man singen, damit es finanziell funktioniert, auch mit Leuten, von denen man miserabel behandelt wird, ohne Respekt. Oder mit einer unterirdischen Bezahlung. Das verdient kein Musiker. ... Man merkt, vor allem beim Singen, wie fragil das ist. Ich habe mir mal irgendwas eingefangen, ich war drei Wochen nicht fähig zu singen: dreieinhalb Tausend Euro, oder mehr - tschüss."

Weiteres: Außerdem schreibt Brown in VAN über seinen langen Hader mit Bruckner, von dem ihn schließlich die Berliner Philharmoniker kuriert haben. Im Standard begibt sich Karl Fluch auf die Spuren der anonym agierenden britischen Band Sault, auf die sich bereits im Juli 2020 unsere Aufmerksamkeit legte. Antje Rößler berichtet in der NMZ vom Alte-Musik-Festival "Güldener Herbst" in Meiningen. In der FAZ gratuliert Jan Wiele dem Rockmusiker John Mellencamp zum 70. Geburtstag. In seiner VAN-Reihe über Komponistinnen widmet sich Arno Lücker diesmal Nancy Dalberg.



Besprochen werden Kent Naganos Memoir "10 Lessons of my Life" (NZZ), eine HR-Doku zur Geschichte des Deutschraps (taz), James Blakes Album "Friends That Break Your Heart" (Tagesspiegel) und das neue Boys-Noize-Album "+/-" (ZeitOnline).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.10.2021 - Musik

Vollkommen umgehauen kommt FAZ-Kritiker Gerald Felber aus der Uraufführung von Christfried Schmidts (bereits 1968 komponierter) zweiter Sinfonie aus der Dresdner Philharmonie gestolpert: Gleich zu Beginn "ringen und quälen sich die Klänge, knirschend oder eruptiv aufbrüllend, wie unter Bleigewichten und zäh lastenden Magmamassen erstickt: brutale Ballungen schwarzer Energie, Bilder einer in sich selbst verbissenen und verklammerten, zum Rand der Unerträglichkeit hin potenzierten Verzweiflung. Was so beginnt, ist das fiebrige, freiheitssüchtige und in seiner Gewaltsamkeit jedes konventionelle Maß verlassende Zeit-Nacherleben eines Mittdreißigers im Jahre 1968" unter den Eindrücken des Mordes an Martin Luther King und der Niederschlagung des Prager Frühlings.

In der Welt kann Elmar Krekeler Roberto Blancos jüngst an den Wiener Bürgermeister gerichtete Forderung, Ludwig van Beethoven zu exhumieren, um anhand eines Gentests zu überprüfen, ob der Komponist nun schwarz gewesen ist oder nicht, nur aus vollem Herzen unterstützen: Denn "der Versuch, aufgrund eher windiger und ahistorischer Vermutungen, Beethovens afrikanische Wurzeln zu behaupten, geht einem nämlich schon seit ein paar Jahren gehörig auf die Nerven."

Außerdem: Pitchfork feiert sein 25-jähriges Bestehen, indem es die 200 Künstler auflistet, die das einflussreiche US-Magazin am meisten geprägt haben. In der SZ porträtiert Joachim Hentschel den Jazztrompeter Theo Croker, dessen Instrument mitunter so "klingt, als käme sie mit Warp-Faktor zwölf aus irgendeiner anderen Dimension herübergeschallert." Das hören wir uns genauer an:



Besprochen werden Tirzahs Album "Colourgrad" (Zeit, mehr dazu hier), eine dem Sänger, Schauspieler und Schriftsteller Noël Coward gewidmete Ausstellung in der Guildhall Art Gallery in London (NZZ), neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album von Porches, den SZ-Popkolumnistin Juliane Liebert bereits wegen seines Autotune-Einsatzes vom "kosmischen Supreme Court der Künste" ins Fegefeuer abgeurteilt sieht, und Mriam Gendrons neues Album "Ma délire - Songs of love, lost & found" (Pitchfork). Wir hören rein: