Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Musik

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.10.2018 - Musik

Für den Standard erkundigt sich Stefan Ender nach Teodor Currentzis' Standing im Klassikbetrieb: "Nicht alle Klangkörper kommen mit Currentzis feuriger Art und seiner Forderung nach absoluter Hingabe zurecht. Bei der Mozartwoche 2013 soll die Zusammenarbeit mit den Wiener Philharmonikern (...) eine wenig harmonische gewesen sein. Es gebe aktuell 'keine Konzertpläne mit Herrn Currentzis', melden die Philharmoniker auf Nachfrage."

Weitere Artikel: Dan Brooks legt für Pitchfork das 1980 veröffentlichte Talking-Heads-Album "Remain in Light" wieder auf. Das Verlagsblog Hundertvierzehn des S. Fischer Verlags bringt eine Playlist mit (dem Buch "Musik" entnommenen) Jazztipps von Roger Willemsen. Im Tagesspiegel deutet Gerrit Bartels den Ausschluss von Feine Sahne Fischfilet von den Bauhaus-Feierlichkeiten noch einmal als Beleg für einen Rechtsruck im Land.

Besprochen werden das neue Album von Kurt Vile (Jungle World) und dessen Berliner Auftritt (taz, Tagesspiegel), eine neue Bach-Aufnahme von Kim Kashkashian (Pitchfork), Jacek Slaskis Interviewband "Gespräche mit Genialen Dilletanten" (taz), die David-Bowie-Box "Loving the Alien" (Pitchfork), das neue Album von Barbara Morgenstern (Spex), das neue Album der Kunst-Punkband Fucked Up (Jungle World), PeterLichts neues Album "Wenn wir alle anders sind" (zum Bedauern von tazler Jens Uthoff "keine Offenbarung"), das Wiener Konzert des Israel Philharmonic Orchestras unter Zubin Mehta (Standard) und ein Konzert des HR-Sinfonieorchesters unter Andrés Orozco-Estrada (FR).
Stichwörter: Currentzis, Teodor

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.10.2018 - Musik

Nach rechten Protesten wurde ein ZDF-Konzert der linken Punkband Feine Sahne Fischfilet seitens des Veranstaltungsortes, dem Bauhaus Dessau, abgesagt. Auch die CDU hatte sich unter Verweis auf einige ältere, gängiger Punk-Folklore entsprechende Textzeilen gegen das Konzert ausgesprochen. Für "ein überaus schlechtes Zeichen" hält es tazler Jens Uthoff in seinem Hintergrundartikel, "wenn der rechte Flügel der CDU aktuell den Argumentationslinien von Rechtspopulisten folgt und deren Schema Linksextremismus gleich Rechtsextremismus übernimmt".

Jens Balzer legt auf ZeitOnline dar, in welchem textimmanentem Kontext die inkriminierten Textstellen von Feine Sahne Fischfilet zu sehen sind: Nicht als Aufruf zur Gewalt, sondern als künstlerischer Ausdruck eines Ohnmachtgefühls nach selbsterlebter Polizeigewalt. Als "realen Selbstermächtigungsaufruf" könne man diese Passagen nur interpretieren, wenn man die Position einnimmt, "dass es zwischen einem künstlerischen Ausdruck und einer politischen Aussage keinen Unterschied gibt; dass also alles, was in einem Lied (...) geäußert wird, eins zu eins zu verstehen ist." Und eben darin liege rechterseits des Pudels wahrer Kern: "So wie die Neuen Rechten die Politik ästhetisieren und mit kalkulierten Mehrdeutigkeiten durchsetzen - so wollen sie umgekehrt der Kunst jedes Recht auf Nicht-so-gemeint-sein entziehen. Es gehört zum Wesenskern dieser politischen Ideologie, dass sie die Hoheit über die Ambivalenzproduktion absolut für sich allein beansprucht. Ästhetische Gegenstände kommen in diesem Weltbild nur noch als Medium zur Verbreitung eindeutiger politischer Botschaften vor." Für Dirk Knipphals in der taz ist die Absage des Bauhauses, die sich auch noch auf eine angeblich unpolitische Tradition des Hauses bezieht, ein kulturpolitisches Desaster.

Was sagt die Band selbst? "Es ist doch wohl klar, dass wir am 6.11. in Dessau spielen werden!"

Kunst hilft beim Verständnis der vielen Differenzen auf dieser Welt, sagt Cellist Yo-Yo Ma im FAZ-Interview. Und gerade Bach sei hier ein Gewährsmann: "Weil Bach nicht nur Musiker ist, sondern auch Gelehrter und Philosoph. Bach betrachtete die menschliche Natur in objektiver Weise wie ein Wissenschaftler. Zugleich haben wir den empathischen Bach, der alles auf der Gefühlsebene begreifen möchte: Schmerz, Leid, Freude, die ganze conditio humana. Dabei urteilt er nicht und liefert auch keine fertigen Antworten. Vielmehr scheint er zu sagen: Das ist unsere Welt, wir wollen unsere Augen nicht verschließen und ihr mit dem Verstand wie mit dem Gefühl begegnen."

Überhaupt Bach: Dessen Perfektionismus kann Hans Ulrich Gumbrecht ohne weiteres goutieren, während ihm der Perfektionismus etwa eines Thomas Mann doch ziemlich schal vorkommt, wie er im Welt-Gespräch mit Techno-DJ Westbam erklärt: "Ich kann bei Thomas Mann nie vergessen, dass es so gekonnt ist. Bei Bach kommt der Moment, wo die Musik etwas Absolutes bekommt; etwas artikuliert sich da, das nicht Bach ist."

Weitere Artikel: Stephanie Grimm (taz) und Jan Kedves (SZ) haben sich auf Gespräche mit Neneh Cherry getroffen. In der SZ berichtet Dirk Wagner von der ersten, durchweg geglückten Ausgabe des Progressive Chamber Music Festivals in Milla. Für die FR plaudert Arne Löffel mit DJ Mladen Solomun.

Besprochen werden das Comeback-Album von Elvis Costello (Welt), das neue Album von Element of Crime (FAZ), ein Konzert der Berliner Philharmoniker unter Paavo Järvi (Tagesspiegel) und ein Auftritt von Ady Suleiman (Tagesspiegel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.10.2018 - Musik

Schon mehrfach hat der Cellist Yo-Yo Ma Bachs Cellosolo-Suiten aufgenommen, doch "während bei seiner Einspielung vor 20 Jahren der Glanz, die Flexibilität und Geschmeidigkeit seines Spiels imponierten (...), präsentiert er jetzt als Mann von mehr als sechzig Jahren eine Art Altersstil", erklärt Harald Eggebrecht in der SZ. Zu hören gibt es "Bach pur, expressiv, kernig, manchmal rau, und fern aller vordergründigen Wirkungsbrillanz. Dabei beeindruckt sein überragendes Cellospiel durch Beredsamkeit, Geisteshelle und technische Souveränität wie eh und je.

Weitere Artikel: Michael Stallknecht besucht für die NZZ das neue, von den spanischen Architekten Enrique Sobejano und Fuensanta Nieto erbaute Arvo Pärt Centre auf der estnischen Halbinsel von Laulasmaa. Auf ihrem neuen Album "Aviary" nimmt Julia Holter "die Impulse der Gegenwart auf und erforscht die Produktivität des Stimmengewirrs", schreibt Elias Kreuzmair in der taz. Amira Ben Saoud spricht im Standard mit dem österreichischen Rapper T-Ser, der die Wiener Polizei nach einer auf Video festgehaltenen Kontrolle des racial profilings beschuldigt. Das ZeitMagazin flaniert mit Herbert Grönemeyer und einer Fotokamera durch Bochum. Frederic Jage-Bowler fragt sich in seinem Tagesspiegel-Porträt das Elektro-Duos Amnesia Scanner: "Was passiert im digitalen Maschinenzeitalter mit unseren Gefühlen?" Genaueren Aufschluss darüber gibt auch dieses Video des Duos nicht:



Besprochen werden Neneh Cherrys neues Album "Broken Politics" (Tagesspiegel) und weitere neue Veröffentlichungen, darunter Barbara Morgensterns "Unschuld und Verwüstung" (ZeitOnline). Daraus ein Video:

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.10.2018 - Musik

Dylan Jones' David-Bowie-Biografie bietet viel anregenden Stoff, doch etwas vermisst Zeit-Kritiker Jens Balzer: "Was fehlt, ist zum Beispiel der Umstand, dass Bowie zeitlebens ein begeisterter Anhänger des selbsternannten satanistischen Hohepriesters und Hitler-Verehrers Aleister Crowley war. Man erfährt davon an einer einzigen Stelle, weil Bowie jene Leidenschaft mit dem Led-Zeppelin-Gitarristen Jimmy Page teilt. Als Bowie 1976 nach längerem Aufenthalt in den USA nach London zurückkommt, posiert er an der Victoria Station im Schwarzhemd der British Union of Fascists und begrüßt seine Fans mit nach oben gerecktem Arm; eine Geste, die in Jones' Biografie als 'missverständlich' abgehakt wird. Dass Bowie in zahlreichen Interviews Adolf Hitler als sein großes Vorbild benennt und dass er sich schon 1969 als Anhänger des Rassisten Enoch Powell bekannt hat, das alles bleibt unerwähnt oder unbewertet."

Dass der 76-jährige Soulsänger Swamp Dogg auf seinem neuen, passend "'Love, Loss, and Auto-Tune" betitelten Album seine Stimme im Autotune-Exzess badet, daran muss man aich auch erstmal gewöhnen, meint Klaus Walter in der SZ. Die Platte macht mit dem Klassiker "Answer Me, My Love" auf, doch "selten war die Rede von der Dekonstruktion so angebracht wie bei diesem Album-Auftakt, selten war ein Song gleichzeitig so deprimierend und so euphorisierend. ... 'Love, Loss, and Autotune' dreht sich allerdings auch um schwindende Männlichkeit. Was bedeutet es, wenn die gebrechliche Stimme des einst so virilen Sängers verfremdet wird? Schämt er sich? Versteckt er sich?" Zu beobachten etwa im Video zum Stück "I'll Pretend":



In Berlin wurde erstmals der Opus Klassik verliehen, der Nachfolgepreis des ramponierten Echo. Ein zweifelhaftes Vergnügen, meint Christine Lemke-Matwey in der Zeit, die sich angesichts des von Thomas Gottschalk moderierten, in Kitsch und Zoten ersäuften Abends in ihrem Sessel ziemlich gewunden hat: "Die Behauptung, nicht der Kommerz bestimme den neuen Preis, sondern die nackte, quasi demokratisch ermittelte künstlerische Qualität, ist, wenn nicht dreist, so doch sehr kühn. ... Wie fördert man die klassische Musik? So nicht. So möchte man sie ganz einfach nur einpacken, wegtragen und vor einem Markt in Schutz nehmen, der nichts als Abziehbilder produziert. Und nahezu alles verrät, was mit der Utopie der Klänge jemals gemeint gewesen sein könnte."

Weitere Artikel: Die Spex hat sich gewissermaßen zu Tode gesiegt, schreibt Gerrit Bartels im Tagesspiegel: War das Magazin in den 80ern noch einsame Speerspitze des Popdiskurses, diffundierten deren Autoren und Redakteure ab den 90ern zusehends in die Feuilletons. Iso Camartin befasst sich in der NZZ mit der Geschichte des "Volkstons", in dem im 19. Jahrhundert zahlreiche Komponisten Lieder zu leichten Mitsingen komponieren. Simon Rayss porträtiert im Tagesspiegel die in Berlin residierende australische Band Parcels. Für die Welt plaudert Josef Engels mit Schauspieler Seth Goldblum über dessen Debüt als Jazzpianist.

Besprochen werden ein Konzert des Operntenors Juan Diego Flórez (Standard), ein Auftritt von Kim Wilde (FR) und neue Alben der Baritone Andrè Schuen, Christoph Prégardien und Holger Falk (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.10.2018 - Musik

"Vergesst das 'Köln Concert'", ruft es uns aus ZeitOnline entgegen: Wer Keith Jarrett wirklich auf der Höhe seiner Kunst hören möchte, sollte zu seinem in Venedig bereits 2006 gespielten Konzert "La Fenice" greifen, das jetzt veröffentlicht wurde, rät Reinhard Köchl. Zu hören ist hier eine der "balanciertesten, reifsten, komplettesten, mithin nachhaltigsten Aufnahmen" aus Jarretts Schaffen. "Zu erleben gibt es hier den kompletten Jarrett. Den Wankelmütigen, den Forscher, den Aggressiven, den atonalen Brandstifter, den schwelgenden Balladenträumer, den grinsenden Tapdancer, den rasenden Bebopflitzer, den störrischen Akkordstanzer, den Jongleur des Banalen." Eine Hörprobe:



Der Spex-Schock (siehe Efeu von gestern) hält an: Der Tod der einst den Ton angebenden Zeitschrift macht dieses Jahr endgültig zum annus horribilis, klagt Julian Weber in der taz: Fortan gebe es "keine unabhängige Plattform mehr, auf der Experten einen Rundumüberblick zu visionärer neuer Musik und talentierten KünstlerInnen geben können", auch wenn es, wie Weber einräumt, verstreut weiterhin guten Popjournalismus gibt. "Was jedoch mit dem Ende von Spex aufhört, ist automatische Meinungsführerschaft beim Setzen von Hot Topics. Das wird in Zukunft unübersichtlicher werden, und es macht das Eintreten für die Sache des Pop nicht leichter." Klaus Raab wundert sich im Freitag, dass es das Blatt angesichts des mittlerweile weit fortgeschrittenen Medienwandels überhaupt bis ins Jahr 2018 geschafft hat.

Galliger liest sich Ronald Pohls Nachruf im Standard: In den letzten Jahren "blieb die Zeitschrift immer häufiger die Antwort auf die Frage schuldig, warum man sie lesen sollte. ...  Die ergrauten Kinder der Widerstandskultur erfreuen sich anhand von Acht-CD-Boxen ihrer Kenntnis von 'Pet Sounds' oder 'London Calling'. Die jungen Spotify-User aber können auf die Prosa irgendwelcher 'Gatekeeper' getrost verzichten."

Besprochen werden ein Auftritt von Christine & the Queens (taz), ein Konzert der Fehlfarben (FR), das neue Album der Saxofonistin Nicole Johänntgen (NZZ) und neue Popveröffentlichungen, darunter eine neue EP von Moaning Lisa, die auf den von Team Dresch in den 90ern geschlagenen Riot-Grrl-Pfaden wandeln (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.10.2018 - Musik

Das Popfeuilleton in Schockstarre: Die Spex wird Ende des Jahres eingestellt, wie Chefredakteur Daniel Gerhardt gestern in einem Editorial mitteilte. Die Gründe? "Der Anzeigenmarkt befindet sich seit Jahren im Sinkflug. Immer mehr Unternehmen ziehen sich vollständig aus dem Printgeschäft zurück und investieren ihre Marketinggelder stattdessen vermehrt in Social-Media-Werbung - ein Trend, der sich 2018 nochmals verschärft hat." Auf ZeitOnline zeigt sich Georg Seeßlen, selbst Spex-Autor, sehr betrübt darüber: Mit der Spex gehe gerade wegen der Bindung ziwschen Medium und Lesepublikum etwas sehr Besonderes verloren. "Die Spex war das ideale Medium für das, was den 'Essay' im Innersten ausmacht: offen, persönlich, neugierig und wagemutig. Klar, war das auch schon der nächste Spagat: Popleitmedium zu sein und Experimentierstation, vom literarischen Anspruch und Design her Avantgarde zu sein und gleichzeitig im Pop geerdet. Da wurde im Prinzip jede Entscheidung, jeder neue Impuls zur Gestaltung der schönen Widersprüchlichkeit, in der man zu arbeiten hatte."

"Man musste Spex nicht immer verstehen, die Zeitschrift zu lesen war eine Frage der Haltung, und der Sound des Magazins schien mehrspurig aus neuester Musikproduktion und Theorie gemixt zu sein", schreibt Harry Nutt in der Berliner Zeitung und macht eine traurige Beobachtung in einer aktuellen Ausgabe, wo Jens Friebe in einem Gespräch sagt: "'Vermutlich ist es heute schwieriger, über Pop zu schreiben, als selbst Pop zu machen.' Das klingt nun wie ein sentimentalischer Abschiedsakkord."

Ist das Internet schuld am Untergang der Musikmagazine Spex und Groove? Schuld hat vor allem der Wegfall der Werbeanzeigen, so Jan Kedves in der SZ. Der Niedergang der Popmagazine liege aber vor allem auch daran, "dass der Informationsvorsprung, aus dem Magazinredaktionen lange einen Großteil ihrer Autorität zogen, zunehmend schwand. Über ein neues Album weiß seit dem digitalen Wandel die ganze Welt zeitgleich Bescheid. Im Falle von Spex ließe sich sogar sagen, dass der legendäre Status des 1980 gegründeten Magazins noch komplett in analogen Zeiten gründet." Dass die Spex seit Jahren allerdings die Originalität der Gründergeneration vermissen lässt, erwähnt Kedves auch.

Und die taz hat Stimmen aus dem Betrieb gesammelt.

Weitere Artikel: Ann-Kathrin Mittelstraß blickt in der SZ zurück auf das Schaffen der Pet Shop Boys, die gerade ihre Alben von 1985 bis 2012 wiederveröffentlicht haben. Für die taz plaudert Andreas Rüttenauer mit dem linken bayerischen Liedermacher Hans Söllner. Der Freitag bringt ein A-Z über Nico.

Besprochen werden das neue Album von Planningtorock (Spex), das Comeback-Album von Elvis Costello (Welt), der Auftakt des Berliner Festivals "100 Jahre Copyright" mit einem Konzert des Duos Den Sorte Skole (Tagesspiegel) und das neue Album "Selva Oscura" von Wiliam Basinski und Lawrence English (Pitchfork).
Stichwörter: Spex, Popjournalismus

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.10.2018 - Musik

Dirigent Paavo Järvi hat in einer Konzertreihe in Zürich einen Vorgeschmack gegeben, womit ab der nächsten Saison zu rechnen ist, wenn er als Chefdirigent das Tonhalle-Orchester übernimmt. Im Vergleich zu früher klingt das Orchester "muskulöser, kantiger; stärker auf Reliefgebung, auf das Konturieren rhythmischer Details oder das Hervorheben einzelner Stimmen bedacht. Und Järvi musiziert gerne etwas rascher als gewohnt", schreibt Felix Michel in der NZZ. Bei der Zweiten Sinfonie von Brahms, die das Orchester noch vor wenigen Monaten unter anderem Dirigat gespielt hatte, zeigte sich besonders gut, "wo Järvi andere Akzente setzte - und wie alert und bereitwillig ihm das Orchester dabei folgte: Alles Motorische pointiert Järvi zusätzlich, bisweilen verlangsamt er hingegen ein Crescendo effektvoll. Wo er im Kopfsatz Gelegenheiten zum Atemholen auslässt, verharrt er im Allegretto-Satz überdeutlich auf notierten Zäsurpausen. Ein kontrastreiches Gestalten, das bei Brahms ästhetisch vielleicht doch weniger ergiebig ist als anderswo."

Weitere Artikel: Die NZZ hat Eleonore Bünings Rundgang durch die Diskografie Leonard Bernsteins online nachgereicht. Jörg Sundermeier porträtiert für die Jungle World den Berliner Musiker Chris Imler. Doreen Reinhard spricht für ZeitOnline mit dem Musiker Martin Rattke über Hoyerswerda. Für Pitchfork holt Susan Elizabeth Shepard das Debüt der B-52s wieder aus dem Plattenschrank. Der Philadelphia Inquirer bringt eine ziemlich großartige Strecke mit Fotos, die ein Plattenladenmitarbeiter in den 70ern und 80ern von diversen Rock-Acts geschossen hat.

Besprochen werden ein Konzert der Gruppe Gewalt (taz), in dessen Anschluss noch Jack White spielte (Berliner Zeitung, Tagesspiegel), das neue Album von Cat Power (taz), eine Bach-Aufnahme von Kim Kashkashian (Zeit), Udo Lindenbergs Autobiografie (FR) und eine Box mit Propaganda- und kritischen Songs zum Koreakrieg (SZ).

In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Katharina Cichosch über "Teenage Kicks" von den Undertones:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.10.2018 - Musik

Christoph Wagner staunt in der NZZ über Jack Whites Label-Aktivitäten: Ursprünglich als reines Liebhaber- und Zuschuss-Projekt gestartet, hat sich Third Man Records mittlerweile tatsächlich als profitabel herausgestellt. Was auch an der luxuriösen Ausstattung der Editionen - darunter etwa ein dickes historisches Archiv mit alten Blues-Aufnahmen - liegen dürfte: "Manche Cover sind aus Holz gefertigt, andere im Stil der Kartonhüllen von Schellacks gehalten. Das Vinyl kommt in unterschiedlichen Farben daher, manchmal mit fluoreszierenden Zutaten, was es in der Dunkelheit leuchten lässt." Ein "Coup" ist laut Wagner im übrigen auch die Veröffentlichung mit Instrumentalaufnahmen des 1968 verstorbenen griechischen Klarinettisten Kitsos Harisiadis, für die - siehe oben - Comicmeister Robert Crumb das Cover-Artwork beigesteuert hat. Die Hörprobe ist schon mal ziemlich toll:



Weitere Artikel: In der FAZ freut sich Jan Brachmann darüber, dass es Historikern und einer Stiftung gelungen ist, den Nachlass des 1916 verstorbenen Komponisten und Naturschutz-Vordenkers Ernst Rudorff zu sichern. Jens Uthoff flaniert für die taz mit dem Klangkünstler- und forscher Peter Cusack über den Alexanderplatz. Für die NZZ porträtiert Gabriele Spiller den Geiger Sebastian Bohren. Christian Schachinger plaudert für den Standard mit Conchita Wurst.

Besprochen werden Roger Willemsens postum veröffentlichte Essaysammlung "Musik" (Zeit), ein Konzert von Britta (Tagesspiegel), das postume Prince-Album "Piano & A Microphone 1983" (FR), ein Konzert der Berliner Philharmoniker unter Jakub Hrůša (Tagesspiegel), das Debütalbum "Anthem of the Peaceful Army" von Greta Van Fleet (FAZ), das musikalische Comeback von Franz Morak (Standard) und eine DVD-Edition mit Konzerten aus Gerd Albrechts "Wege zur Musik"-Reihe (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.10.2018 - Musik

Vor kurzem hatte sich Philipp Rhensius in der taz darüber geärgert, dass zahlreiche Musiker sich von der Red Bull Music Academy fördern lassen - wo doch Konzernchef Dietrich Mateschitz Rechtspopulisten unterstütze (unser Resümee). Jetzt kommt doch noch Bewegung in die Sache: In Berlin, wo die Academy derzeit residiert, hat das Label Live From Earth davon Abstand genommen, die heutige Abschlussparty der Academy zu kuratieren. Zur Freude von tazler Klaus Walter: "Dass man die Arbeit einer Tochterfirma nicht losgelöst vom Mutterkonzern beurteilen kann, das gehört zum kleinen Einmaleins des Kapitalismus. Umso erstaunlicher, dass viele integre, politisch wache KünstlerInnen und AutorInnen plötzlich nicht mehr bis drei zählen können. Oder wollen. Sie bemerken keine 'Verknüpfung' der Red Bull Academy mit der Politik des Red-Bull-Chefs. Kein Imagetransfer? Kein Kultursponsoring zu Werbezwecken? Kein Whitewashing durch subkulturelle Credibility?"

Das Berliner Line-Up ist im übrigen "erstaunlich alternativ", wundert sich Hannes Soltau im Tagesspiegel: "DJ Tanith, Urgestein der Berliner Clubkultur. Die Österreicherin Electric Indigo, Produzentin und Gründerin des feministischen Musiknetzwerks female:pressure. Der ehemalige Chefredakteur des Zentralorgans der Poplinken, der Spex, Arno Raffeiner, ist ebenso dabei wie Marcus Staiger, Wegbereiter des Berliner Raps und bekennender Antifaschist. Selbst das Berliner CTM-Festival, das explizit auf Diversität und politische Inhalte setzt, kooperiert mit dem Großkonzern."

In der SZ wirbt Jan Kedves jedoch für Differenzierung und Verständnis: Erstens seien die Betreiber der Red Bull Music Academy glaubhaft auf Distanz zu den Äußerungen ihres Chefs gegangen und zweitens sei es doch wohl besser, Mateschitz gibt sein Geld an kritische Musiker denn an rechte Politiker. Es "dominiert der Gedanke, dass Geld von einem Unternehmer, der in seinem Sender österreichischen Rechtspopulisten ein Forum gibt, zwingend jede künstlerische Äußerung befleckt. Dabei ließe sich genauso sagen, dass entscheidend ist, was auf der Bühne passiert, und auch, was die Künstler mit dem Geld später anstellen. Dietrich Mateschitz kann es nun anderen geben. Sollte er jemals auf die Idee kommen, ähnlich konsequent, wie er seit zwei Jahrzehnten elektronische Musik fördert, eine Red-Bull-Rechtsruck-Akademie zu finanzieren - es müsste einem angst und bange werden."

Weitere Artikel: Jan Paersch plaudert in der taz mit Kurt Dahlke von den Fehlfarben über die "Monarchie & Alltag"-Revival-Tour seiner Band. Für die SZ spricht Christian Jooß-Bernau mit dem bayerischen Songwriter Hans Söllner über dessen neues Album. Thore Barfuss sprach für die Welt mit dem Rapper Pusha T. Für Das Filter legen Martin Raabenstein und Thaddeus Herrmann nochmals Jóhann Jóhannssons Album "Fordlandia" von 2008 auf den Plattenteller.

Besprochen werden die wiederveröffentlichte Zusammenstellung "The Singles" von Bikini Kill (Pitchfork), ein von Paavo Järvi dirigiertes Konzert des Tonhalle-Orchesters Zürich (NZZ), das neue Album von Element of Crime (Spex), Phosphorescents Album "C'est La Vie" (taz), Tim Heckers Berliner Konzert (Tagesspiegel), ein Konzert von Low (Tagesspiegel), ein Vivaldi-Konzert des Geigers Daniel Hope (Tagesspiegel), ein Konzert des Jazzpianisten Shai Maestro (FAZ) und weitere neue Pop-Veröffentlichungen, darunter das neue Album der religionsskeptischen Metalband Behemoth, zu deren Leitmotiven laut ZeitOnline-Kritiker Jens Balzer "gut gelaunte Gotteslästerei" zählt.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.10.2018 - Musik

Große Freude hat Franziska Buhre an der Musik des kanadisch-haitianischen Jazzsaxofonisten Jowee Omicil, dessen neues Album "Love Matters" von Musikern getragen wird, "die Gemeinschaft zelebrieren." Für die taz hat sie Omicil porträtiert, der sehr nüchtern auf die Kolonialgeschichte Haitis blicke: "'Wir sind alle kolonisiert worden, sei es durch Briten, Franzosen oder Portugiesen. Ich identifiziere mich mit der Mischung, die als kreolisch angesehen wird. Für mich ist sie eine Kraft, eine ganze Welt.' Den Karneval auf Haiti liebt er: 'Das ist der heißeste. Wegen der Unabhängigkeit haben die Menschen dort noch immer diesen kämpferischen Instinkt. Ich verwende Rara-Codes in meiner Musik. Diese Klänge sind sehr spirituell. 'Rara' bedeutet 'Straße'; wir haben die Geister der Straße angerufen während der Aufnahmen. Das setzt sehr viel Energie frei.'" Bei Youtube gibt es ein ziemlich prächtiges Video aus dem aktuellen Album:



Weiteres: In der FAZ plaudert der Gitarrist und Sänger Marc Ribot anlässlich seines Albums "Songs of Resistance" über die Geschichte und Ästhetik des Protestsongs: Was hilft es, gegen das System zu rebellieren, aber Sklave der Taktstriche zu bleiben?" Im Zeit-Dossier spricht die 78-jährige Tina Turner im Interview über die Beschwernisse des Alters, ihre Kindheit in Tennessee, ihren prügelnden Ehemann Ike Turner - kurz: ihre Biografie, die sie gerade in einem Buch beschrieben hat. Besprochen werden das Debüt der in Berlin lebenden australischen Band Parcels, die die 70er hoch leben lassen (SZ), und das Debütalbum der Linzer Band Flut, die sich wiederum vor den Achtzigern verneigen, was Standard-Kritiker und Zeitzeuge Christian Schachinger zumindest ein bisschen in die Verzweiflung treibt: "Wir Alten haben damals genug gelitten. Oder wollt ihr uns ärgern?"