Für die Art, wie die Wiener Philharmoniker zu Neujahr FlorencePrices als Entdeckung annoncierte Komposition "Rainbow Waltz" aufgeführt haben, hagelte es Kritik - das Stück sei in dem an einen Wiener Walzer erinnernden Arrangement kaum wiederzuerkennen, hieß es. "Der Vorwurf lautete: Eine Komponistin - im Neujahrskonzert bisher marginalisiert - eine afroamerikanische Komponistin, bisher von den Philharmonikern nie gespielt, wurde durch das 'Arrangement', das ihrem Original nicht gerecht wurde, nochmals marginalisiert", schreibt der Komponist AlexanderStrauch auf Backstage Classical, der das Stück nun neu und möglichst werkgerecht zu arrangieren versucht hat. "Der erste Blick in die Noten bestätigte: Nein, das ist keinWienerWalzer! Es gibt keine langsame Einleitung, das Werk selbst ist eher knapp gehalten. Das Thema des Walzers ist breit und majestätisch, schwingt sich über erweiterte chromatische Harmonik schnell auf, ebbt und staut sich stark bremsend, um dann nochmals loszulegen und den Teil leise zu beenden."
Weiteres: Im Tagesspiegelgeht Tobias Langley-Hunt dem viralen TikTok-Hype um Kitschkriegs Song "Gut genug" auf den Grund. Besprochen wird das neue Album der Rolling Stones (NZZ).
Die Musikkritik trauert um die südafrikanische Jazzlegende AbdullahIbrahim. Zu Beginn seiner Karriere "spielte er mit den internationalen Größen des Jazz, mit John Coltrane, Ornette Coleman, Elvin Jones, Don Cherry und Gato Barbieri und vertrat gelegentlich Duke Ellington als Pianist und Bandleader", hält Hans-Jürgen Linke in der FR fest. Später bezog er sich mehr auf seine südafrikanischen Einflüssen und prägte damit den "Cape Jazz". Legendär wurde sein noch unter seinem ersten Namen Dollar Brand aufgenommenes Stück "Mannenberg - Is Where It's Happening": Dieses "bündelt südafrikanische und internationale Ausdrucksformen und wurde in kürzester Zeit zu einer Erkennungsmusik des Widerstands und der Selbstbehauptung gegen die Apartheid." Ibrahim "organisierte ein Jazzfestival, das die Rassentrennungsvorschriften missachtete, und erklärte seine Unterstützung des African National Congress".
Peter Kemper erinnert in der FAZ an Ibrahims Livealbum "African Piano" von 1969: "Hier warf jemand der europäischen Klassik-Tradition, die das Piano jahrhundertelang als ihr Eigentum betrachtet hat, den Fehdehandschuh hin. Nicht zuletzt wandte er sich damit gegen die diskriminatorischen Praktiken halbstaatlicher Kulturinstitutionen in Südafrika, die ausschließlich europäische Kunstmusik förderten. Für Ibrahim war das Konzert-Piano ebenso afrikanisch, wie es das Daumenklavier Kalimba für seine Vorfahren war. Er eignete es sich damit ausdrücklich als schwarzes Instrument wieder an. Sein ganzes künstlerisches Schaffen kondensierte in einer 'Piano-Protestmusik', begründet in einer Zeit, in der ein African Composer noch als Fremder im eigenen Land angesehen wurde."
"Zu der orchestralen Finesse und Ökonomie im Geiste Ellingtons kamen der kraftvolle, perkussive Anschlag und die kantigen Harmonien eines Thelonious Monk, die pentatonische Simplizität und die transzendentale Kraft afrikanischer Trance-Musik", schreibt Stefan Hentz in der NZZ über Ibrahims Stil. Weitere Nachrufe schreiben Julian Weber (taz) und Joachim Hentschel (SZ).
Außerdem: Rundum glücklich berichtet Jan Brachmann in der FAZ von der ersten Woche im Kissinger Sommer, dem von Alexander Steinbeis geleiteten Klassikfestival in der unterfränkischen Kleinstadt Bad Kissingen, das noch bis Mitte Juli fast alles auffährt, was in der Klassik Rang und Namen hat. Merle Zils staunt in der SZ über den internationalen viralen Erfolg, den der Kitschkrieg-Song "Gut genug" derzeit auf TikTok hinlegt: Dieses Stück "könnte noch der Soundtrack für einen märchenhaften Sommer werden". Besprochen wird GenesisOwusus Album "Redstar Wu & The Worldwide Scourge" (Standard).
Zur Zeit werden international zahlreiche Dirigentenposten neu besetzt und dabei "deutet Vieles auf einen Paradigmenwechsel hin", schreibt Axel Brüggemann auf Backstage Classical. Auffällig ist, dass zahlreiche Neubesetzungen um die 40 sind - und dass mehr und mehr Dirigentinnen engagiert werden, wiewohl etablierte Namen weiterhin hoch im Kurs stehen. "Der Betrieb erneuert sich, ohne sich zu entledigen. Gerade darin liegt seine eigentümliche Dynamik. Ökonomisch ist diese Entwicklung leicht zu erklären. Orchester und Opernhäuser sind auf öffentliche Mittel, Sponsoren und Spenden angewiesen", da "ist Star-Power kein Luxus, sondern strukturelle Notwendigkeit. Neu ist allerdings, wie diese Strahlkraft inszeniert wird. Neben das Bild des erfahrenen, weißhaarigen Maestros tritt das des jungen, medial präsenten 'Mavericks'. Zwischen diesen Polen - jugendliche Kühnheit hier, lebenslange Autorität dort - positionieren sich die Orchester strategisch. Der Dirigent erscheint malalsKrieger, malalsSchamane, stets aber als Projektionsfigur."
Weitere Artikel: Die Agenturen melden, dass der südafrikanische Jazzmeister Abdullah Ibrahim gestorben ist. Clemens Haustein resümiert in der FAZ das Berliner KammermusikfestivalIntonations, bei dem unter anderem Martha Argerich und Elena Bashkirova auftraten. Am international viralen Erfolg der gemeinsamen Single "Du bist gut genug" von Blumengarten, Kitschkrieg und Shirin David findet Paul Buschnegg auf ZeitOnline insbesondere auch interessant, "dass die deutsche Sprache endlich für Gelassenheit steht". Ganz Italien rätselt, wer der stets maskiert auftretende, neapolitanische Erfolgssänger Liberato ist, berichtet Max Dax in der Welt.
Besprochen werden VinceStaples' neues Album "Cry Baby" ("Flow und Sound ... wirken auf unexplosive Art nach", versprichttazler Henrik von Holtum), ein Konzert des Ensemble Modern zu Ehren von Hans Werner Henze (FR), Olivia Rodrigos neues Album "You Seem Pretty Sad For a Girl So In Love" (Standard, mehr dazu bereits hier), ein Tributalbum für Albert Mangelsdorff (FR), ein Schumann-Konzert der Wiener Symphoniker unter Petr Popelka (Standard) und neue Popveröffentlichungen, darunter "Inferno", das lange ersehnte neue Album der Boards of Canada (zu hören sind "musikalisch gefällige, nicht allzu verstörende, aber zunehmend pessimistisch gestimmte Kifferimpressionen zu manchmal wackeligen, bisweilen gut groovenden Trip-Hop-Beats und flächig angelegten, wie säuerliches Zitronensorbet zerfließenden esoterischen Synthesizer-Sounds", hält Christian Schachinger im Standard fest).
Mit höchstem Interesse hört Nikta Vahid-Moghtada für die taz durch die Compilation "Tehrangeles Vice", die die dynamische Popmusik der iranischen Diaspora in den USA von 1983 bis 1993 dokumentiert. Vor der Machtübernahme der Mullahs gab es im Land eine vibrierende Musikszene, viele ihrer Protagonisten mussten schließlich fliehen. "Und dort, im fernen Kalifornien, trifft der Sound armenischer, jüdischer, assyrischer und persischer Gemeinschaften aufeinander. ... Da stehen klassische Achtziger-Jahre- und Neunziger-Jahre-Disco-Grooves neben breiten Synth-Flächen, experimentieren elektronische Beats mit traditionell klingenden persischen Balladen. ... Generell sprudelt der Diaspora-Sound vor Lebensfreude - auch wenn die Songtexte manchmal vom Gegenteil zeugen. Die Zusammenstellung der Musik zeigt aber genau damit, dass sich die aus Iran vertriebene Szene dieses nicht hat nehmen lassen: den engen Bezug zur Heimat, wenn auch aus der Ferne. Und den Willen, weiterzumachen, sich die Freude am Leben nicht nehmen zu lassen und vereint gegen das Grauen des Mullah-Regimes anzusingen."
Bei der Musica Viva in München wurde Jüri Reinveres Komposition "Lied von den zwei Erden" uraufgeführt. "Die bildreichen und suggestiven Verse zu seinem neuen Werk sind der expressionistischen Lyrik um 1900 verpflichtet, aber auch der Sprache der Bibel", schreibt Christian Gohlke in der FAZ. "Erstarrung, Kälte, Trauer werden zunächst durch die klagende Melodie der Oboe über einem fahlen Orchesterklang mit den rhythmischen Akzenten der tonlos geblasenen Flöten beschworen, aber auch mit eruptiven Ausbrüchen des voll besetzten Orchesters. Doch die Atmosphäre dieser Welt lässt sich vor allem empfinden, weil Aušrinė Stundytė sie zu vergegenwärtigen weiß mit einem Sopran, der sich zu schneidender Schärfe verengen, zu deklamatorischer Intensität zurücknehmen oder zu lyrischem Strömen weiten kann." Der Abend lässt sich hier bei BR Klassik nachhören. Außerdem: Im FR-Gespräch mit Max Dax erklärtIrminSchmidt, einst einer der Soundtüftler von Can, warum seine neue Komposition den Titel "Requiem" trägt: Er trauert "den Insekten und der Natur nach", aber ebenso "dem Verschwinden der westlichen Zivilisation und Kultur". Stefan Frommann plaudert für die Welt mit der deutschen Erfolgspopmusikerin SimoneSommerland unter anderem über die stimmungshebenden Qualitäten von Musik. Besprochen werden ein Auftritt von Wargasm in Wiesbaden (FR) und ein von LorenzoViotti dirigiertes Konzert der WienerPhilharmoniker (Standard).
Die Popkritik stürzt sich auf "You Seem Pretty Sad for a Girl So in Love", das neue, erneut mit dem Produzenten Dan Nigro entstandene Album der Popmusikerin OliviaRodrigo. "Den Pop-Punk der vorherigen Alben haben die beiden verworfen und sich von New Wave und Dream Pop der Achtzigerjahre inspirieren lassen", schreibt Inga Barthels im Tagesspiegel. Entstanden ist ein Konzeptalbum, auf dem sich alle Höhen und Tiefen einer Liebesbeziehung gemeinsam mit der Künstlerin durchleben lassen. Um die Liebe ging es bei Rodrigo auch früher schon, doch hier zeigt sich die Songwriterin gereift, bemerkt Berit Dießelkämper auf Zeit Online: "Das lyrische Ich erkennt die Wiederholungen und weiß mit ihnen umzugehen, wenngleich es noch immer schrecklich schmerzt."
Niemanden geringeren als RobertSmith von TheCure hat sich Rodrigo für einen gemeinsamen Song ins Studio geholt. "Vielleicht stehen da Vergangenheit und Zukunft der Rockmusik nebeneinander auf der Bühne", mutmaßt Elisabeth Fleschutz in der FAS. "Am interessantesten aber ist ihr Verschmelzen in einer gemeinsamen Gegenwart." Auch Jakob Biazza (SZ) findet dieses Aufeinandertreffen der Generationen reizvoll: "Rodrigos warmer, rehäugiger Flausch" sitze "perfekt über Smiths krisseligem Kikeriki", sodass es "eine riesige, herzquetschende Freude ist". Vor allem aber ist dieses Album eines, das man wirklich an einem Stück durchhören sollte: Danach "kann es sein, dass man plötzlich bibbernd und schlotternd den panischen Drang verspürt, einem geliebten Menschen zu sagen, vielleicht aber sogar zu zeigen, wie wichtig er ist".
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: Tobias Rüther dröselt in der FAS zumindest ansatzweise das persönliche Netzwerk rund um den Produzenten JackAntonoff, die Schauspielerin und Autorin LenaDunham, TaylorSwift, die Band Bleachers und die Popsängerin Lorde auf, die aufgrund von Berufs- und Liebesbeziehungen sowie gemeinsam bewohnten WGs eng miteinander verflochten sind und denen allen gemein ist, dass sie ihr Leben zu Kunst transformieren und dabei auch vor Gossip über die anderen nicht halt machen (wie zuletzt Dunham in ihrem Memoir "Famesick"). Elmar Krekeler erzählt in der WamS von seiner Begegnung mit der Organistin IvetaApkalna. Thilo Komma-Pöllath spricht in der FAS mit der Dirigentin Anna Handler. Eberhard Spree, Musikwissenschaftler und langjähriger Musiker des Gewandhausorchesters Leipzig, überlegt in "Bilder und Zeiten" der FAZ, was Johann Ernst Hebenstreit Johann Sebastian Bach bei Begegnungen in Leipzig wohl von seinen Afrika-Reisen erzählt haben könnte - einen Einfluss auf Bachs Musik schließt er aber aus. Ebenfalls in "Bilder und Zeiten" schreibt Steffi Böttger über den Geiger und Komponisten TheodorUhlig, der mit einer Artikelserie Richard Wagner als Stichwortgeber für dessen antisemitisches Pamphlet "Das Judenthum in der Musik" diente. In der SZ freut sich Helmut Mauró, dass das einst kaputtrestaurierte Cello des Landschaftsmalers JohnConstable nach einer erneuten Restaurierung nun wieder spielbar ist.
Besprochen werden Madonnas neues Video "Confessions II - The Film" (FAZ, mehr dazu bereits hier), ein Konzert von VildeFrang mit dem HR-Sinfonieorchester (FR), ein Konzert von WalterSmithIII mit der HR-Bigband (FR) und Vince Staples' neues Album "Cry Baby", auf dem ZeitOnline-Kritiker Paul Buschnegg die RenaissancederE-Gitarre aus dem Hip-Hop erlebt.
Manuel Brug rümpft in der Welt ein wenig die Nase angesichts der Entscheidung, den jungen tschechischen Dirigenten Petr Popelka ab 2029 zum neuen Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper zu machen. Übersichtliches Repertoire, keinen Wagner oder Strauss in der Vita - statt auf Exzellenz setzt man in München offenbar jetzt auf Sympathie, so Brug: "Ein Coup ist das also nicht für die Bayern. Aber Petr Popelka wird Wachs in den Händen des machtbewussten Staatsopernintendanten Serge Dorny sein. Schließlich ist er der Neue, der Unwissende - aber so Sympathische. Nettigkeit kennt offenbar keine Grenzen mehr. GMD-Namen wie Kirill Petrenko, Kent Nagano, Zubin Mehta, Wolfgang Sawallisch sind also nun auch in München Historie." Ziemlich ähnlich urteilt Marco Frei in der NZZ. Zwar brauche "der Musikbetrieb eine derartige Frischluftzufuhr, gerade bei der Vergabe von Spitzenämtern. Aber die Bayerische Staatsoper zählt zu den größten und weltweit führenden Musiktheatern: Ein solches Haus muss gefüllt werden, und das gelingt in dieser Stadt nicht ohne Glanz und Prestige."
Auf der Suche nach dem neuen Klang: "Why We Play" von Thorsten Schütte ThorstenSchüttes Kino-Dokumentarfilm "Why We Play" kommt seinem Thema, dem EnsembleModern, ganz nah: Hier erlebt man fast schon taktil mit, wie deren Musik entsteht, schreibt Philipp Rhensius in der taz. Im Mittelpunkt steht "das Suchen nach einem Klang, das Ringen um eine Interpretation, die Frage, warum ein Geräusch so und nicht anders entstehen muss. Der Film begegnet diesem lustvollen Abnerden mit Sympathie. Fast nebenbei zerlegt der Film dabei einige der hartnäckigsten Vorurteile über Neue Musik." Dabei "können ein Kratzen auf einer Saite oder ein Luftgeräusch im Saxofon dieselbe Funktion erfüllen wie die Melodie in einem Popsong. Nur geht es nicht darum, etwas Bekanntes wiederzuerkennen. Klänge repräsentieren oft nichts, sie sind ihr eigener Gegenstand." In der FAZ feiert Wolfgang Sandner den Regisseur "als Virtuosen in Schnitttechnik, Überblendung von Sprache und Musik, von diskreten Nahaufnahmen in intimen Situationen der Kreativität".
Weitere Artikel: Das Cembalo "ist kein Vorläufer des Klaviers, sondern sein kleiner Bruder", auf dem sich "neue Ideen" ausdrücken lassen, sagt der Cembalist MahanEsfahani im FAZ-Gespräch mit Lotte Thaler und ist sich sicher: "Die besten Tage des Cembalos kommen noch!" Magdelena Inou steht auf ZeitOnline eher ratlos vor Lizzos neuem Album "Bitch", das auf sie den Eindruck erweckt als sei 2019 nie vergangen: Die Künstlerin "übersieht zu viel Zeitgeschehen". In der tazporträtiert Ulrich Gutmair die MusikerinCoseyMueller, die "Teil einer neuen Punk-Bewegung ist, die sich gegen soziale Zumutungen und technologische Zwänge zu wehren weiß".
Besprochen werden Madonnas neues Video "Confessions II - The Film" (SZ, mehr dazu bereits hier), ZackiBoysAlbum "Softy" (taz), Salòs Album "Hardcore" (FR), ein Auftritt von LakeciaBenjamin in Wien (Standard) und neue Pop-Alben, darunter JonSpencers "Songs of Personal Loss and Protest" (Tsp).
Auf critic.delegt sich Pavao Vlajcic Madonna zu Füßen, die mit ihrem neuen, 14-minütigen Video "Confessions II - The Film" einen Vorgeschmack auf ihr kommendes Album bietet - und zugleich ihre Karriere resümiert. Zu erleben ist mitunter "ein atemloses, hyperaktives, selbstreferentielles Schnittstakkato. ... Kaum ist ein Song angespielt und eingegroovt, wird schon auf den nächsten Schauplatz und Sound gewechselt, es findet eine Art expansiver Verdichtung statt." Was fehlt "ist die den Arbeiten von Madonna fast immer eigene, melancholisch-traurige Note. ... Vielmehr geht es zurück zu den Anfängen, in eine gefühlt unbeschwertere, freiere und sorglosere Zeit. Der Kurzfilm trägt dem Rechnung und wenn Madonna damit abermals als Pionier das Musikvideo begräbt, kann man nur sagen: 'The music video is dead - long live the music video.' Und VivaMadonna!"
Weiteres: Weltweit entstehen immer mehr Bach-Feste, beobachtet Manuel Brug in der Welt. Besprochen werden ThorstenSchüttes Kino-Dokumentarfilm "Why We Play" über das EnsembleModern (FR), HeleneFischers Tournee-Auftritt in Dresden (Zeit, SZ) und ein Ausstellung über die Geschichte der Bachfesteim Eisenacher Bachhaus (FAZ).
In der tazgreift Yannic Walter auf, was wir vor einem Monat in unserer Magazinrundschau nur erwähnt haben: Dass der von Social Media befeuerte Aufstieg von Null auf Hundert der Indieband Geese keineswegs nach alter Sitte viral vonstatten ging, sondern Folge einer Aktion der einschlägigen Agentur Chaotic Good ist, die mit KI-Bots, Fake-Accounts und einer geschickten Manipulation von Social-Media-Algorithmen künstlich Hype generieren kann: "In dieser menschenleeren, von Siliziumsandstürmen heimgesuchten Einöde gibt es außer den großen Medienmonopolen und ihren Zulieferern wie Chaotic Good nur Verlierer. ... Man hat die vermeintlichen Gatekeeper der Vergangenheit (Journaille, A&R, Promotion) durch gewissenloseOnline-Vermittlungsformen ersetzt, in deren Maschinenwelt man lieber Content sagt statt Kunst: Wo viel Geld investiert wird, muss künstlerischer Erfolg planbar werden, und Inhalt wird zur Variablen. Den im kapitalistischen Realismus unerträglichen Zustand, dass der Wert von Kunst eben nicht ohne Weiteres quantifizierbar ist, hat man durch den Betrug ersetzt, mit viraler Reichweite gelänge dies auf 'demokratische' Weise doch."
Besprochen werden ein Bach-Konzert in Wien von AndrásSchiff (Standard) und Frikos Album "Something Worth Waiting For" (FR).
Kerstin Holm porträtiert in der FAZ den aus seiner Heimat geflohenen, sich stark gegen den Krieg engagierenden russischen Komponisten DmitriKourliandski, der nach Beginn des Kriegs gegen die Ukranie kaum etwas habe komponieren können. In Russland selbst wird immer häufiger Neue Musik gespielt, erfahren wir, weil sie aufgrund ihrer Wortlosigkeit keine Gefahr für die Machthaber ist. Kourliandski kann davon allerdings nicht profitieren. Seine "Werke erklingen in der Heimat heute nur noch selten und nicht an prominenter Stelle." Er "lotet in konzeptionell klangskulpturalen Kompositionen die Grenzen der Tonerzeugung aus. Zugleich negiert er Hierarchien und Normen, womit er sich künstlerisch stets gegen die autoritären Tendenzen in Russland positionierte. ... Der Ukrainekrieg und die Repressionen im Inneren hätten gezeigt, dass Kultur machtlos sei, sagt Kourliandski, der erwartet, dass Russland den Krieg nach Europa tragen und den Terror im Innern verstärken werde."
Weitere Artikel: Die American Federation of Musicians verklagt Universal und Warner, weil diese KI-Unternehmen gestattet haben, auf die von ihnen verlegte Musik zuzugreifen, meldet Nadine Lange im Tagesspiegel. Jakob Biazza erzählt in der SZ von seiner Begegnung mit der Band Kitschkrieg. Für die Weltspricht Stefan Frommann mit dem Zither-Spieler StephanAnder, einem "Revolutionär seines Instruments", der dafür unter anderem Hardrock- und Metalsongs adaptiert. Robert Mießner hat für die taz einen Berliner Abend zu Ehren des Komponisten ErnstalbrechtStieblerbesucht.
Besprochen werden ein von DJMoodymann bestrittener Berliner Abend zu Ehren von Prince (taz), ein Konzert mit Sebastian Weigle in Frankfurt (FR) und das Album "Play Monk" der Band [Ahmed], (FR-Kritiker Max Dax lauscht gerne dieser Band, die "von einem Zusammenspiel aus Wiederholung, Überlappungen, Präzision und purer Energie gekennzeichnet ist").
In der NZZ freut sich Adrian Schräder auf den morgigen Auftritt von Kaytranada in Zürich - und wer derzeit nicht bei den Eidgenossen weilt, dem macht er den Mund zumindest wässrig: Der haitianisch-kanadische Produzent und DJ sorgt mit seinen Sets mitunter für "Defekte in der Matrix. Seine Basslinien wabbeln. Sie laufen nicht einfach mit dem Beat mit, sondern führen ein Eigenleben. ... Dazu kommen Drums, die ihre Akzente leicht neben dem Erwartbaren setzen, ohne aus dem Takt zu geraten. ... Kaytranadas Beats also schlingern und taumeln nicht aus Nachlässigkeit, sondern mit voller Absicht. Während viele Produzenten versuchen, die Maschine zu perfektionieren, interessiert er sich gerade für jene Momente, in denen sie menschlich wirkt. Deshalb klingt die elektronische Musik bei ihm nie mechanisch, sondern organisch. Als würde sie atmen."
Dieses Boiler-Room-Set machte Kaytranada 2013 weltweit bekannt:
Weiteres: Axel Brüggemann schreibt auf Backstage Classical einen Nachruf auf den Kritiker JürgenKesting. In der NZZ am Sonntag spricht Frank Heer mit Rocko Schamoni über das Altern, dem er mit einem lachenden und einem weinenden Auge begegnet: "Je mehr mir der Körper zu schaffen macht, umso besser geht es mir seelisch. Meine Depressionen und Selbstzweifel rücken in den Hintergrund."
Besprochen werden der von AndreasBorsch und TobiasJohann herausgegebene Band "Jüdische Identitäten und Antisemitismus im Punk" (taz), das neue Album von Tori Amos (FAZ), die Ausstellung "Too Hot to Händel" in Halle (FAZ), das neue Album von Kitschkrieg ("Ständig konfrontiert einen das Album mit neuen Stimmen und Stimmungen", schreibt Daniel Gerhardt auf Zeit Online), ein Auftritt von Clueso in Wien (Presse), eine Aufnahme von CharlesTournemires Franziskus-Oper "Le petit pauvre d'Assise" durch das Theater Ulm (FAZ), ein neues Album der FooFighters (FAZ) und eine Netflix-Doku über KylieMinogue (FAZ).
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