Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Musik

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.06.2018 - Musik

Für "kurzsichtig" hält tazlerin Julia Lorenz die Entscheidung der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft, das Verfahren gegen Farid Bang und Kollegah einzustellen: Die beiden Rapper "arbeiten sich in brutaler Rhetorik an Marginalisierten, an Frauen und Homosexuellen, Jüdinnen und Juden ab. Solche Verwünschungen mit dem Verweis auf Kunstfreiheit zu schützen, nur weil sie jemand in Form von strunzlangweiligen und wenig revolutionären Songs in die Welt blökt, ist ein fatales Signal." Michael Hanfeld stimmt in der FAZ zu: "Für die Bedeutung und Tragweite der Texte von Kollegah und Farid Bang hat Campino ein besseres Gespür als die Staatsanwaltschaft", denn "die Judenvernichtung bei jeder Gelegenheit für einen vermeintlich coolen Gag oder eine lässige Zeile (...) heranzuziehen, also für etwas ganz Normales oder sogar Witziges zu halten, das ist Verharmlosung pur. Das ist Antisemitismus zum Mitsingen und Mitklatschen."

In der Jungle World führt Robert Henschel durch die vitale Londoner Jazzszene, die sich insbesondere um die Aktivitäten des Labelbetreibers und Radio-DJs Gilles Peterson und des Musikers Shabaka Hutchings gruppiert, "derzeit das wohl prominenteste Gesicht der Szene". Sein Jazz "lässt sich vielleicht auch als eine Art musikalischer Sprache verstehen, die ein Projekt vorantreibt, das der kenianische Schriftsteller Ngūgī wa Thiong'o einst 'Decolonizing the Mind' nannte. Dann wäre dieser Jazz auch der emanzipatorische Versuch, eine Musik zu entwickeln, die Bewusstsein schafft für Ungerechtigkeiten." Hier ein Video seiner Band The Comet is Coming:



Weitere Artikel: Das traditionelle Verständnis von Popkultur ist derweil in fortgeschrittener Erosion begriffen, lautet Ueli Bernays' Fazit nach der Lektüre von Georg Seeßlens Buch "Is this End?". Katja Schwemmers plaudert in der Berliner Zeitung mit Ringo Starr, dessen Berliner Konzert Johannes von Weizsäcker besucht hat. Michael Ernst schreibt in der NMZ einen Nachruf auf den Dirigenten Gennadi Roschdestwenski. Auf Pitchfork erinnert Mychal Denzel Smith an Curtis Mayfields Soundtrack zu "Super Fly" aus dem Jahr 1972.

Besprochen werden der Auftakt der Abschiedswoche von Simon Rattle bei den Berliner Philharmonikern (Tagesspiegel), das lange verloren geglaubte, jetzt aber wiederentdeckte John-Coltrane-Album "Both Directions at One" ("Im Olymp des Jazz sitzt alles", schreibt Thomas Lindemann in der FAS), das neue Album von Zeal & Ardor (Pitchfork), das neue Album von Mouse on Mars (FR), eine Vinyl-Neuauflage des Soundtracks zu "Die Reifeprüfung" von Simon & Garfunkel (Pitchfork), Colin Stetsons Soundtrack zum Horrorfilm "Hereditary" (Pitchfork) und das neue Album von Beyoncé und Jay-Z, die darin laut SZ-Kritiker Jakob Biazza die Verhältnisse der Geschlechter durchwürfeln und neu verhandeln. Hier das neue, im Louvre gedrehte Video:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.06.2018 - Musik

Der Dirigent Enoch zu Guttenberg ist gestorben. Groß war sein Repertoire nicht, aber was seinen Weg darin hinein fand, wurde mit Leidenschaft aufgenommen, schreibt Stefan Schickhaus im FR-Nachruf: "Da durfte dann Mozart auch süßlich werden, Bach pathetisch und das Verdi-Requiem zu einem geradezu brutalen Kampf." Und Ulrich Amling schreibt im Tagesspiegel: "Weder auf dem Podium noch im Leben ergab sich Guttenberg widerstandslos der Harmonie."

Weitere Artikel: "Zombiehaft" findet SZ-Kritiker Jan Kedves eine Aufnahme, die die alten Gesangsspuren der Beach Boys mit einer Einspielung des Royal Philharmonic Orchestra verbindet. In der NZZ erinnert sich Angela Schader daran, wie der Kassettenrekorder 1968 als Vorläufer heutiger Smartphones in die Kinderstuben kam.

Besprochen werden ein Konzert von Lenny Kravitz (FR) und neue Popveröffentlichungen, darunter "Bon Voyage" von Melody's Echo Chamber, dessen Psychopop Jan Freitag von ZeitOnline "mit allerlei Wendungen von Gebrüll bis Autotune gelegentlich zum Hyperventilieren treibt." Auch wir nehmen Luft:

Stichwörter: Guttenberg, Enoch Zu

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.06.2018 - Musik

Rockmusik ist Missbrauch von Heeresgerät, lautet ein berühmter Satz des Medientheoretikers Friedrich Kittler, der am vergangenen Dienstag 75 Jahre alt geworden wäre. Eine sehr konkrete Veranschaulichung dieser These bot allem Anschein nach das britische Heavy-Metal-Urgestein Iron Maiden bei seinem Berliner Konzert, wo das Bühnenbild vor britischer Militaria nur so strotzte. Zu Beginn gab es eine Durchhalterede von Winston Churchill vom Band, "die perfekte Textvorlage für einen Song von Iron Maiden", schreibt Andreas Busche nach dem Headbanging euphorisiert im Tagesspiegel: "ein wenig martialische Kriegsrhetorik, etwas theatralisches Pathos, Blut, Schweiß und der brüderliche Schwur im Kampf gegen das Böse Schulter an Schulter zusammenzustehen. ... Scheinwerfer feuern Lichtsalven in die Menge, über der Bühne baumelt ein aufblasbarer Kampfjet. Die Shows von Iron Maiden sind legendär für ihre Megalomanie, die immer auch ein wenig gaga daherkommt: halb Probebühne, halb Kindergeburtstag."

Auch Johannes von Weizsäcker von der Berliner Zeitung kommt sehr satt nach Hause, erlebt man bei Iron Maiden doch stets mustergültig, "wie man Tod, Krieg und Feuer durch professionell druckvolles Gniedeln und Brüllen in Vermengung mit teuren Schultheater-Vibrationen zu ansprechender Abendunterhaltung (...) verarbeitet" Einen kleinen Eindruck bietet dieser Live-Mitschnitt:



Weitere Artikel: In der taz stellt Juliane Fiegler die Rapperin Lisaholic vor. Stefan Weiss berichtet im Standard vom Auftakt des Nova Rock Festivals, das ihn zu originellen Forderungen treibt: "Dem Erfinder des Rindenmulchs sollte man posthum den Nobelpreis für praktische Physik verleihen." Karl Fluch stürzt sich für den Standard todesmutig in die Welt der WM-Songs. Die Tagesspiegel-Redakteure fassen die Beiträge der vom eigenen Haus ausgerufenen Konferenz "Agenda Musikwirtschaft" zusammen. Wolfgang Sandner schreibt in der FAZ zum Tod des Jazzschlagzeugers Jon Hiseman.

Besprochen werden ein Textband zur Emeritierung des Komponisten Heiner Goebbels (taz), das Comeback-Album des Berliner Krautrockers Günter Schickert (taz), Christina Aguileras Comeback-Album "Liberation" (ZeitOnline), das neue Album des Rappers Nazar (Standard), ein Konzert des Pianisten Jan Lisiecki mit dem  Zürcher Kammerorchester (NZZ), ein Auftritt von Arcade Fire (NZZ) und Janelle Monaés Album "Dirty Computer", das in Skug-Kritiker die Einsicht reifen lässt, dass uns "erst Erinnerungen an exzessive Partys und guten Sex zu Menschen machen." Hier Monaés dreiviertelstündiger Film zum Album:

Stichwörter: Iron Maiden, Heavy Metal

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.06.2018 - Musik

Mit großem Interesse folgt Standard-Kritiker Karl Fluch dem Werdegang von Manuel Gagneux und dessen Projekt Zeal & Ardor, der seit einigen Jahren (hier ein erstes Resümee beim Perlentaucher) die Drastik des Black Metal mit der Dringlichkeit des Gospel vermengt und sich dabei die Frage stellt: Was, wenn sich die Schwarzen nicht an Gott, sondern am Teufel orientiert hätten? Jetzt ist das zweite Album erschienen, wo sich erneut "wütende Deklamationen zu beträchtlichem Lärm" amalgamisieren: Das um den Themenkomplex des Okkultismus angereicherte "Themengebräu aus Metal und Sklaven, Chain Gangs und Lynchmord" stellt eine veritable "Achterbahnfahrt" in Aussicht: "Ein High and Low der Gefühle und Stile. Nicht bloß Gebolze, keine lauwarme Jazzmesse. Hier gelingt ein musikalischer Brückenschlag ebenso wie ein kultureller." Ein Anspieltipp:



Außerdem: Stefan Weiss fragt sich im Standard, warum auf den großen Festivalbühnen so wenig Frauen spielen. Bei Das Filter präsentiert Mariann Diedrich ekstatische Fotos aus der zehnjährigen Geschichte des Leipziger House-Labels Kann Records.

Besprochen werden das Comeback-Album von Christina Aguilera (Welt), ein Konzert des Violinisten Emmanuel Tjeknavorian ("ein Ausnahmetalent", jubelt Christiane Peitz im Tagesspiegel), ein Berliner Konzert des Freiburger Barockorchesters (Tagesspiegel), ein Auftritt von Anna Calvi (Berliner Zeitung) und ein Konzert der 2Cellos (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.06.2018 - Musik

33 Kantaten in 48 Stunden: Das Bachfest Leipzig zeigt sich in diesem Jahr von seiner athletischen Seite - und verlangt dabei auch dem in Scharen eingetroffenen Publikum einiges an Kraft ab, erklärt in der FAZ Gerald Felber, der bei hochsommerlichen Temperaturen Zeuge mancher Marter wurde, so etwa im Falle von Masaaki Suzukis Collegium aus Japan, der überdies auch musikalisch einen "Hitetraum" anrichtete: "Und dennoch: Die zwei pausenlose Stunden lang in enge Sitzreihen gezwängten, verschwitzt hochgeröteten oder schon grünlich erbleichten Zuschauer-Kohorten standen am Ende unter der Orgelempore mit den Musikern, applaudierten atemlos und ließen sich ihren Bach von nichts und niemandem nehmen. Das muss dann wohl Liebe sein."

Auch SZ-Kritiker Helmut Mauró war hin und weg: "Suzuki gibt Impulse, setzt rhythmische Akzente, verschleiert aber oft die Zeilenanfänge der Choräle. Man hört den Chor dann erst ein paar Sekunden später, als habe er sich vorsichtig an das munter aufspielende Begleitorchesters herangeschlichen. Dann aber singt er wie aus einem Mund den Schluss 'Bleib bei uns'; ein großartiger, anrührender Effekt. Da zeigt sich tatsächlich einmal der Vorteil perfekter Abstimmung und eines genauen Dirigenten."

Weiteres: Kristen Gallerneaux berichtet für The Quietus vom Moogfest. Für Dangerous Minds hat Oliver Hall ein großes Gespräch mit dem früheren Can-Sänger Damo Suzuki geführt. Außerdem empfiehlt uns Pitchfork die besten Musikbücher für den Strand.

Besprochen werden Philip Bradatschs neues Album "Ghost on a String" (taz), das Debütalbum der Rapperinnen von Klitclique (Standard), das Berliner Konzert von Courtney Barnett (Berliner Zeitung), Matthew Herberts Buch "The Music: A Novel Through Sound" (ZeitOnline), der Shellac-Auftritt beim Primavera-Festival (Spex), Lykke Lis "So Sad So Sexy" (Pitchfork), ein Strauss-Konzert der Wiener Symphoniker unter Philippe Jordan in Zürich (NZZ), ein Konzert des Venice Baroque Orchestras (FR), neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album von Jimi Tenor (SZ), ein Abend mit dem Babylon Orchestra (Tagesspiegel) und Tierra Whacks Album "Whack World", ein Rap-Album, das eine "verspielte Welt surrealer Szenen und lebhafter Klangflächen" zeichnet, schreibt Briana Younger auf Pitchfork. Daraus einen viertelstündigen Kurzfilm:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.06.2018 - Musik

Für die taz hat Ole Schulz den Indian Ocean Music Market und das Sakifo Festival auf der östlich von Madagaskar gelegenen Insel La Réunion besucht. Jens Uthoff resümiert in der taz das Berliner Torstraßenfestival, bei dem in diesem Jahr insbesondere weibliche Acts wie die Klitclique und die Cuntroaches starke Auftritte hatten. Edo Reents schreibt in der FAZ zum Tod des Fleetwood-Mac-Gitarristen Danny Kirwan. In der FAZ gratuliert Andreas Platthaus dem Filmkomponisten Richard Sherman zum Neunzigsten. Von ihm stammt unter anderem dieser Klassiker der flockiger Zungenbrecher-Beschwingtheit:



Besprochen werden Sophie Hubers Dokumentarfilm über Blue Note Records (NZZ), Ebo Taylors Comeback-Album "Yen Ara" (NZZ), der Bildband "Vinyl - Album - Cover - Art" über die vom Grafikstudio Hipgnosis gestalteten LP-Covers (Tagesspiegel), Kanye Wests und Kid Cudids gemeinsames Album "Kids See Ghosts" (Pitchfork), ein Konzert der Wiener Philharmoniker unter Mariss Jansons (Standard), ein Konzert der Pianistin Yuja Wang (NZZ), die Debütalben von Seán McGowan und des Quartetts Brand New Friend (FR), neue Klassikveröffentlichungen, darunter eine neue CD der Lutten Compagney (SZ) und das neue Album "Hundred of Days" der Indiepop-Harfinistin Mary Lattimore (Popmatters). Daraus eine Hörprobe:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.06.2018 - Musik

Einer "Sternstunde der Orchesterkultur in der zeitgenössischen Musik" erlebte FAZ-Kritiker Max Nyffeler bei der Münchner musica viva, als das Chamber Orchestra of Europe György Ligetis Klavierkonzert aufführte und Dirigent David Robertson am Ende gar beglückt vor seinem Orchester und Solist Pierre-Laurent Aimard auf die Knie sank.

Reinhard J. Brembeck vergleicht in der SZ unterdessen die musica viva mit der München-Biennale, bei der die Komponisten Daniel Ott und Manos Tsangaris die Regeln des Betriebs recht munter durcheinanderbrachten. Die vielbeschworene Souveränität bei der musica viva wurde ihm dagegen bald schal: "Krankt nicht derzeit die gesamte Staatsopernmacherei daran, dass von München bis New York, von London bis Mailand, Wien und Paris überall die gleiche Ästhetik präsentiert wird, deren Erschöpfung zunehmend unübersehbar ist? Auf den Opernbühnen dominieren von Männern komponierte, inszenierte und dirigierte Stücke, die ein zunehmend nicht mehr der Realität entsprechendes Geschlechter- und Gesellschaftsbild als ultrawichtig propagieren. Es ist eine abwirtschaftende Scheinwelt, die den autonomen Künstler, eine Erfindung der frühen Romantik, mit seinem Riesenego heiligspricht und dessen zunehmend nur noch persönliche und eben nicht mehr wie vor 200 Jahren noch gesamtgesellschaftliche Probleme in den Mittelpunkt stellt."

Harter Themenwechsel: Realness ist im Rap vielleicht nicht alles, aber eine ziemlich klingende Münze. Trap hingegen unterwandert diese Vorstellungen von Authentizität, schreibt Konstantin Nowotny in einer umfangreichen Erörterung in der Jungle World: "Trap ist ein Habitus, eine Melange aus Statusgütern, Gestus und Sprache. Er protzt mit einer weitgehend imaginierten Klassenzugehörigkeit. Der lyrische Sieger ist, wer diese am überzeugendsten darstellen kann."

Weitere Artikel: In Wien sehen sich zwei private Musikkonservatorien erheblicher Kritik ausgesetzt, hat Sahel Zarinfard für den Standard herausgefunden: Zum einen soll die Qualität der Ausbildung zu wünschen übrig lassen, zum anderen stehen die Häuser im Verdacht Visa für Studenten erschlichen zu haben. Mehr dazu auch in diesem Recherche-Dossier. Für die taz hat sich René Martens zum Gespräch mit Dieter Glaschwischnig getroffen, der unter anderem mit der NDR-Bigband die Geschichte des Jazz in Norddeutschland stark beeinflusst hat. Finn Johannsen und Julian Weber haben für die taz lobende Statements von Kollegen und Weggefährten auf DJ Super Leiwand gesammelt, der gerade einen praktischen WM-Planer erstellt hat. Gerrit Bartels stürzt sich für den Tagesspiegel todesmutig in die Geschichte der Fußball-WM-Songs. Steven Hyden erinnert sich auf Pitchfork an das namenlose Album von The Band aus dem Jahr 1969. In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Katharina Cichosch über "Surfin' U.S.A." von den Beach Boys.

Besprochen werden das Comeback-Album der Stoner-Metalband Sleep (Zeit), ein Auftritt von Haim (Tagesspiegel), ein Konzert des Frankfurter Polizeichors (FR), das Comeback-Album von Reef (FAZ), eine Aufnahme polnischer Sonetten der Kiewer Band Haydamaky (FAZ) und das neue Album von Father John Misty, das Spex-Kritiker Maximilian Sippenauer ziemlich enttäuscht: "ein durch die Bank bedeutungsschwangeres Album ohne eine einzige Zeile von Bedeutung", zu dem sich aber immerhin gut "Marmelade einkochen" lässt. Wir hören dennoch rein:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.06.2018 - Musik

Die Uraufführung von Helmut Lachenmanns "My Melodies" bei der Münchner musica viva war ein Triumph, schwärmt Marco Frei in der NZZ: "Das Werk ist kein Konzert für acht Hörner, vielmehr integriert Lachenmann das Oktett konzis in den Gesamtklang. Auch die zwei beteiligten E-Gitarren kreieren keinen Gegenklang, sondern ergänzen fast schon unmerklich das Kolorit. Ob großflächiger Ausbruch oder stille Reduktion: Lachenmann findet stets die perfekte Balance. Selbst längst etablierte geräuschhafte Spielweisen wirken wie neu, das Schaben etwa auf den Saiten oder das tonlose Atmen in die Mundstücke." BR Klassik bietet einige Eindrücke von den Proben und O-Töne von Lachenmann.

Von einer Jazz-Sensation berichtet Andrian Kreye in der SZ: Ende des Monats veröffentlicht Impulse mit "Both Directions at Once" ein 1963 eingespieltes, bislang verschollen geglaubtes Studioalbum von John Coltrane - kein aus dem Mülleimer aufgeklaubtes Tonbandmaterial, sondern tatsächlich ein nahezu vollendetes, in jedem Fall vollwertiges, im Nachlass seiner Witwe Juanita Naima Coltrane gefundenes Album, verspricht Kreye, der sich nur umso mehr die Finger danach leckt, da es im "Classic Quartet", also gemeinsam mit McCoy Tyner, Jimmy Garrison und Elvin Jones aufgenommen wurde. In Coltranes Schaffen findet sich dieses Album "genau am Scheitelpunkt zwischen den musikalischen Höchstleistungen und spirituellen Ekstasen, die sich in der mittleren Phase Coltranes vereinten. Ein gutes Jahr nach diesem 6. März 1963 sollten die vier im selben Studio 'A Love Supreme' aufnehmen." Weitere Hintergründe bietet der Guardian und auf Youtube gibt es eine erste Hörprobe:



In der Spex spricht Niklas Fucks mit Tony Cokes über dessen bei der Berlin-Biennale gezeigte Installation "Evil.16: Torture Music", in der es um den Einsatz westlicher Pop- und Rockmusik als Folterinstrument geht: Ihn "faszinierte, dass etwas, das in seinen normativen Kontexten als so harmlos oder befriedigend wahrgenommen wird, in anderen kulturellen oder politischen Umständen so radikal andere Effekte haben kann."

Weitere Artikel: Für Electronic Beats hat Daniel Melfi in Erfahrung gebracht, wie sich das Tanzcafé Oma Doris in Dortmund um Underground House verdient macht. Bei The Vinyl District erinnert sich Michael H. Little an Neil Youngs Live-Album "Time Fades Away" von 1973.

Besprochen werden Kanye Wests neues Album "Ye", das laut tazler Christian Werthschulte "eine Ästhetik der Depression zeigt, die zuerst eine Depression des Ästhetischen ist", Lionel Bringuiers Abschiedskonzert als Chefdirigent der Tonhalle Züruich (NZZ), ein Auftritt der Toten Hosen (Tagesspiegel) und das Debüt "Lush" von Snail Mail, mit dem sich die Musikern Lindsey Jordan für die Spitzenposition in der nächsten Indierock-Generation qualifiziert, jubelt Ryan Dombal bei Pitchfork. Hier gibt es eine Hörprobe:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.06.2018 - Musik

Die Feuilletons stürzen sich auf K-Pop, also den koreanischen Pop, der seit geraumer Zeit die Welt erobert - über die Bangtan Boys etwa kurz BTS genannt, wurde 2017 häufiger getwittert als über Donald Trump und Justin Bieber zusammen, erfahren wir von Kim Maurus und Jonas Lages in der SZ. Die Musik ist laut, überdreht, digital künstlich und dabei exzessiv niedlich - "als hätte Jeff Koons aus Dantes Höllentrichter eine Großraumdisko gebaut", schreiben die SZ-Autoren, die dann allerdings vor allem die Zustände hinter den Kulissen beschreiben, wo ein jahrelanges Zucht- und Ordnung-Programm die Stars in spe zurichtet: "Gehorsamkeit zieht sich da ähnlich durch, wie noch zu Hochzeiten des koreanischen Neokonfuzianismus: Bestrafungen im Sinne von zusätzlichem Training und Demütigungen vor der Gruppe sind keine Seltenheit, Widerworte und Schwäche können das Aus der Karriere bedeuten."

Im Standard äußert Christian Schachinger, dessen Gehörgänge von von derber Gitarrenmusik lange Jahre harte Belastungsproben gewöhnt sind, sein Missfallen über den Trend: Hier sei nun "ein gewisser musikhistorischer Endpunkt erreicht, den man auf jeden Fall persönlich nehmen muss", die erolgreichen Bands aus Korea "sind weitgehend perfektionierte und ein wenig mit Lokalkolorit auffrisierte Adaptionen westlicher Populärstile. ... Die Mädchen-Acts dürfen dabei nicht zu sexy rüberkommen, das Image der Burschen ist streng nach den Vorgaben asiatischer Manga-Comics androgyn und austauschbar gestaltet. Immerhin gibt es im Genre nicht nur Rücktritte wegen sexueller Verfehlungen vor der Ehe, in der Öffentlichkeit verpönter und deshalb geheim gehaltener Homosexualität, sondern auch einen unglaublichen Druck, der mitunter zu Depressionen und Selbstmorden führt." Hier ein Hörbeispiel:



Weiteres: Für die taz spricht Julian Weber mit Berghain-DJ Fiedel unter anderem über dessen Auflegetechnik und die Finessen seines Killasan Soundsystems. Marco Frei schreibt in der NZZ über die Pläne des Luzerner Sinfonieorchesters, sich ein neues Probehaus zu bauen. In der Spex würdigt Arno Raffeiner den vor zwei Jahren gestorbenen Prince, der gestern 60 Jahre alt geworden wäre. Auf der Seite Drei der SZ schreibt David Pfeifer ausführlich über die Handy-Magnettaschen des Start-Ups Yondr, das damit der nervigen Smartphone-Schwemme auf Konzerten den Kampf ansagen will.

Besprochen werden neue Alben von Lykke Li (taz), Oneohtrix Point Never (The Quietus), Near Future (The Quietus), und des Rappers Danger Dan, der damit "wahrscheinlich der erste Rapper in Deutschland ist, der seine Psychotherapie ganz freimütig in der Öffentlichkeit ausbreitet" (Jungle World), Katy Perrys Berliner Konzert (Tagesspiegel, Berliner Zeitung), ein Dvorák- und Brahms-Abend des Deutschen Symphonie-Orchesters mit Lisa Batiashvili unter Robin Ticciati (Tagesspiegel), Auftritte von Zaz (Tagesspiegel), und Future Islands (FR) sowie weitere neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album von Kamasi Washington (ZeitOnline).
Stichwörter: K-Pop, Südkorea, Trump, Donald

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.06.2018 - Musik

Sehr unter sich sind Jan Brachmann und Komponist Helmut Lachenmann im FAZ-Gespräch, zu dem die Uraufführung von Lachenmanns für acht Hörner geschriebenes Stück "My Melodies" auf der musica viva den Anlass bot. Mit den Hörnern wollte Lachenmann "einen klingenden Prozess in Gang setzen, von wo aus das Hören einmal mehr neu angeregt, gar provoziert wird. Und acht Hörner als Geräte zur Produktion von Schwebungen, von ratternden 'Flatterzungen' und Luftgeräuschen setzen letztlich die gewohnte Aura des feierlich rufenden Horns samt transzendentoider Fata Morgana im Konzertsaal aufs Spiel. Das gehört zu meinem Reich und Bereich meiner klanglichen Abenteuer. Ich habe als Komponist nichts zu 'sagen', sondern etwas zu schaffen, was dann - und natürlich auch mir - mehr 'sagen' wird, als ich überhaupt nur ahnen konnte. Beim Komponieren bin ich doch nicht der Sender, sondern ein Empfänger. Ich werde jetzt 83 und sehe mich doch noch und immer wieder in eine Ecke gestellt: als Genuss verweigernder, pietistisch verformter Pfarrerssohn. Es ist alles dummes Zeug."

Michelle Demishevich würdigt in der taz die türkische Trans*Sängerin Bülent Ersoy, die am Samstag 66 Jahre alt wird: "Die Sängerin ist nicht nur die erste trans*Frau, die es in die türkische Öffentlichkeit geschafft hat. Sie ist bis heute eine der erfolgreichsten und beliebtesten Performer*innen des Landes. Mit ihrer unvergleichlichen Stimmgewalt, ihren glamourösen Kostümen, ihren stets wesentlich jüngeren Ehemännern, ihren öffentlichen Streitereien und ihren kontroversen Aussagen gehört Bülent Ersoy seit den achtziger Jahren zu den meistdiskutierten Celebrities in den türkischen Medien." Hier ein Hörprobe:



Weiteres: Für ZeitOnline plaudert Markus Schneider mit Lykke Li. Nadine Lange porträtiert im Tagesspiegel die Berliner Popmusikerin Albertine Sarges. Für die SZ plaudert Martin Pfnür mit dem früheren Can-Sänger Damo Suzuki über alte Zeiten. Clemens Haustein besucht für die FAZ die von Valery Gergiev geleitete Russisch-Deutsche Musikakademie. Für Electronic Beats hat George Nebieridze den Berliner Techno-Underground fotografisch festgehalten. Karl Fluch (Standard) und Christoph Schröder (Tagesspiegel) schreiben zum Tod von Jalaluddin Mansur Nuriddin, der mit den Last Poets in den frühen 70ern die Grundlagen für Rap geschaffen hat. Hier ein Stück von 1970:



Besprochen werden das neue Ghost-Album "Prequelle" (Skug) und Kanyes West neus Album "Ye" (NZZ).