Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
November 2024
30.11.2024. Boualem Sansal "erleidet diese Haft als Symbol unserer Freiheit, also sind alle aufgefordert, ihn zu verteidigen", ruft die SZ noch einmal ins Gedächtnis. Jemand sollte Nan Goldin erklären, dass ihre Privatmeinung noch keine Politik ist, meint die FAZ. In der Berliner Zeitung glaubt Barrie Kosky, die CDU bestrafe die Komische Oper für ihre DDR-Geschichte und Diversität. Die FAZ bewundert in München die ekstatischen Blumensymphonien der Barockmalerin Rachel Ruysch, die das halbe aristokratische Europa einst mit Stillleben belieferte. Wenn Martina Hefter ihren Buchpreisroman "Hey, guten Morgen, wie geht's dir" auf die Bühne in Leipzig bringt, wird's der nachtkritik doch zu politisch korrekt.
29.11.2024. Boualem Sansal wird vorerst nicht Mitglied der Académie française, wie RTL.fr meldet. Pascal Bruckner NZZ erklärt, warum der Fall sich zu einer Staatsaffäre entfalten könnte. Immerhin liefern die Musiktage Weingarten noch horizonterweiternde Musik von Hilda Paredes, viele Festivals bieten laut FAZ mittlerweile wenig Inhalt. Nan Goldin äußert sich nach ihrer Rede in der FR zum ersten Mal selbst und beklagt Zensur seitens der Neuen Nationalgalerie. Die "Groteske der teigigen Körper" bestaunt die Berliner Zeitung bei Louise Bonnet.
28.11.2024. Der Börsenverein und der Perlentaucher lancieren einen Aufruf zur Solidarität mit Boualem Sansal. Öffentliche Freiheiten werden in Algerien mit Füßen getreten, erklärt Xavier Driencourt, einst französischer Botschafter in Algerien in Le Point. In einer von der SZ dokumentierten Rede wütet Maxim Biller gegen den Literaturbetrieb seit 1933: Überall nur Gesinnung, Schuld sind alte Nazis und neue Linke, meint er. Nach zwei Jahren macht das Humboldt Forum auch was richtig, freut sich der Tagesspiegel: Artefakte in der Ausstellung "Geschichte(n) Tansanias" wurden Ritualen unterzogen. Und die Filmkritiker verirren sich wie Fische im Wasser in einer Hongkonger Hochhaussiedlung in Soi Cheangs "City of Darkness".
27.11.2024. Friedenspreisträger Boualem Sansal steht in Algerien wegen seiner Äußerungen zur algerischen Geschichte vor Gericht. Man muss Sansals Thesen nicht zustimmen, um ihn gegen solche Angriffe zu verteidigen, kommentiert Claus Leggewie im Perlentaucher. Nichtjüdische Israelhasser brauchen jemanden wie Nan Goldin, um ihrem Antisemitismus einen Koscher-Stempel zu verschaffen, meint Michael Wolffsohn in der NZZ. Die FAZ besucht das Schwetzinger Winterbarockfestival und hört ein ganzes Rokokotheater vor Liebesglut glühen. Die SZ deliriert sich beglückt durch den Disco-Funk-Schwof des neuen Father-John-Misty-Albums. monopol würdigt die generösen, spielerischen Bauten der Turiner Architekten Sergio Jaretti und Elio Luzi.
26.11.2024. Die Feuilletons diskutieren weiter über das Symposion zur Nan-Goldin-Ausstellung. In London mussten mehrere Veranstaltungen zur Veröffentlichung von Joe Mulhalls Buch "Rebel Sounds" aus Angst vor rechtsradikalen Attacken abgesagt werden, berichtet die NZZ. Yan Feis und Peng Damos Film "Successor" zeichnet ein sehr düsteres China-Bild - obwohl er von der chinesischen Propagandaabteilung stammt, staunt die taz. Die Welt badet bei Romeo Castelluccis Amsterdamer Inszenierung von "Le Lacrime di Eros" zu barocken Klängen im Blut.
25.11.2024. Bei der Eröffnung der Nan-Goldin-Retro in Berlin kam es zum erwarteten Eklat: "Why can't I speak, Germany", fragte die Künstlerin - während sie eine Rede hielt, staunt die SZ. Zeit Online lobt Direktor Klaus Biesenbach, der seine Rede zweimal halten musste, weil er beim ersten Mal niedergebrüllt wurde. Die NZZ schreibt zum Siebzigsten des Regisseurs Emir Kusturica, der sich bei Russland einschmeichelt. Außerdem hatten die Kritiker einen tollen Theaterabend mit Tom Kühnels und Jürgen Kuttners Thomas-Brasch-Revue am Deutschen Theater.
23.11.2024. Die FAZ entschließt sich, die politische Aufregung um die Nan-Goldin-Ausstellung kurz zu vergessen und sich stattdessen ihre Kunst anzuschauen. Die Nachtkritik sucht in Nurkan Erpulats Berliner Version von Nora Abdel-Maksouds Komödie "Café Populaire Royal" die rußverschmierten Arbeiter. Auch nicht-lebendige Dinge können handeln, versichert uns die Künstlerin Agnieszka Kurant in der taz. Das neue Jaguar-Rebranding macht aus einem "Rooooooaaaarrrrr" ein "Miau", schimpft die SZ.
22.11.2024. In Le Point macht sich Kamel Daoud große Sorgen um seinen Kollegen und Freund Boualem Sansal, von dem nach einer Festnahme in Algerien niemand mehr etwas gehört hat. Dass Daoud den Prix Goncourt erhalten hat, dürfte die ohnehin angespannten Beziehungen zwischen Frankreich und Algerien weiter strapazieren, heißt es. Die Schönheit des Bronzegießens lässt sich der SZ zufolge in Amsterdam erkennen. Wenn jemand für eine Banane 5,9 Millionen Euro zahlt, ist das für den Standard kein Blödsinn, sondern Kunstbetriebskritik. Zeit Online porträtiert die israelische Sängerin Noga Erez, die von BDS-Unterstützern angefeindet wird.
21.11.2024. Während immer mehr KünstlerInnen das Symposium "Kunst und Aktivismus in Zeiten der Polarisierung" absagen, hält Nan Goldin in der Zeit Berlin für ein "Zentrum der Unterdrückung". taz und Zeit wüssten gern, wer genau eigentlich unterdrückt wird. Die FAZ sucht in der Berlinischen Galerie die Verbindung zwischen Stierkämpfern und Müttern nach der Entbindung im Werk von Rineke Dijkstra. In der Zeit erzählt Serhij Zhadan, wie schwer es ist, im Krieg zu schreiben. Und die Filmkritiker lassen sich von Bruno Dumont mit extraterrestrischen Bauern in der französischen Provinz bekanntmachen.
20.11.2024. Das ganze Brimborium des Katholizismus bietet Edward Bergers Film "Konklave" auf, freut sich die FAZ. Die Kürzungspläne des Berliner Senats werden konkreter - und treffen insbesondere auch die Theater hart, wie Zeit Online berichtet. Die Feuilletons gratulieren Thomas Manns "Zauberberg" zum Hundertsten, einem Buch, das man am besten im Zustand der fiebrigen Erkältung lesen sollte, wie die FAZ außerdem findet. Die Welt tanzt sich in den Sophiensälen mit Gisèle Viennes "Crowd" durch eine abgründige Rave-Party.
19.11.2024. In der NZZ warnt Ronya Othmann vor allem angesichts des BDS vor einer Welt, "in der nicht die Haltung, sondern die Herkunft darüber entscheidet, wo man mitmachen darf." Der Spectator stellt unter anderem mit Blick auf Roman Polanskis kaum noch gezeigten Film "Intrige" über die Dreyfus-Affäre fest, "wie Juden aus der modernen Kultur herausgeschrieben werden." Die Welt befürchtet derweil bei der Nan-Goldin-Ausstellung in der Berliner Nationalgalerie einen Skandal mit Ansage. Die FAZ schwärmt in Stuttgart von der venezianischen Haute Couture des Vittore Carpaccio. Und die TheaterkritikerInnen gruseln sich vor Barrie Koskys "Sweeney Todd" an der Komischen Oper.
18.11.2024. Im Tagesspiegel erzählt die ukrainische Schriftstellerin Sofia Andruchowytsch, wie sie nach dem Beginn des Krieges eine neue Sprache finden musste. Die FAZ muss sich bei Björn Reinkes Inszenierung der Haydn-Oper "Armida" in Potsdam zwischen "Myrte und Maschinengewehr" entscheiden. Im Standard stellt der Schriftsteller Karl-Markus Gauß bestürzt fest: Wir leben in einer Epoche des "Librizids". Die NZZ freut sich, dass die Stadt Ferrara ihrem bedeutenden Sohn Michelangelo Antonioni ein Museum gewidmet hat.
16.11.2024. In Mailand möchte das Kino Orfei Ruggero Gabbais Dokumentarfilm "Liliana" über die Holocaustüberlebende Liliana Segre nicht zeigen - aus Angst vor antisemitischen Demonstranten, berichtet die SZ. In der taz beklagt Etgar Keret die intellektuelle Faulheit von Sally Rooney und co. NZZ, FAZ und SZ blicken in Genf unterscheidlich ergriffen auf Sidi Larbi Cherkaouiers den Spuren seines marokkanischen Vaters folgende Choreografie "Ihsane". Der Tagesspiegel unterhält sich mit Gregor Schneider über sein Projekt Ars Moriendi, das die Toten in den Münchner Stadtraum holen will. Critic.de gewinnt einen Eindruck tierischer Autonomie in Romuald Karmakars Doku "Der unsichtbare Zoo".
15.11.2024. Die FAZ besucht in Wien ein Symposium für inhaftierte russische Künstler. Die Filmkritiker streiten über die Frage, ob man dem Dokumentarfilm "No Other Land" über das Westjordanland nun Antisemitismus vorwerfen kann oder nicht. Auch über die Berufung von Cagla Ilk als neuer Intendantin des Maxim Gorki-Theaters herrscht Uneinigkeit: Die Berliner Zeitung freut sich auf ihren Theater und Kunst mischenden Ansatz, der Tagesspiegel ist skeptisch, weil Joe Chialo im Alleingang entschieden hat.
14.11.2024. Samantha Harveys Roman "Orbital" gewinnt den Booker Prize: "der ultimative Kommentar zu unserer Gegenwart", findet der Tagesspiegel. Maxim Biller bescheinigt der literarischen Israel-Boykottbewegung um Sally Rooney in der Zeit eine handfeste Psychose. Die Welt schüttelt den Kopf angesichts politischen "Architektur-Bashings". Der Perlentaucher ist schwer beeindruckt von Veronika Franz' und Severin Fialas Folk-Horrorfilm "Des Teufels Bad". SZ und NZZ trauern um den Schlagzeuger Roy Haynes, der in den frühen Fünfzigern sein Metier revolutionierte.
13.11.2024. Die SZ fragt angesichts einer Ausstellung in Münster: War Otto Mueller Sexist, Rassist und Antiziganist - oder träumte er einfach nur mit dem Pinsel? Karim Aïnouz, Regisseur des Films "Motel Destino", springt in der taz für mehr Kino-Sex in die Bresche. Wird die Literaturszene bald nach Israel auch die USA boykottieren? Die SZ glaubt nicht daran und wittert Doppelmoral. Die Feuilletons trauern um den Maler Frank Auerbach und den Jazzer Lou Donaldson.
12.11.2024. Die FAZ ist ganz benommen vor Glück nach Julia Burbachs Inszenierung der Händel-Oper "Partenope" in Frankfurt. Die taz verliert sich gerne in der fremdartigen Hamburger Installation "Spacewalks" des Künstlers Simon Hehemann. Die SZ meint, wer die Cowboy-Ranch-Serie "Yellowstone" aufmerksam geschaut hat, konnte das Wahlergebnis in den USA ohne Probleme vorhersagen. Das FAZ-Feuilletonteam denkt über das Lesen im Wandel nach.
11.11.2024. Die taz öffnet mit den Textilarbeiten der aus Rumänien stammenden Künstlerin Marion Baruch, die sie in Aachen und Krefeld bewundert, eine Tür ins Nichts. Die SZ erfährt von Nicholas Potter und Stefan Lauer, die zum Thema Antisemitismus forschen: In der linken Clubkultur ist Antisemitismus angesagt. Die Kritiker trauern um den Schriftsteller Jürgen Becker. Die SZ begibt sich mit Stefan Bachmanns Wiener Inszenierung von Stefano Massinis "Manhattan Project" auf einen rasanten Ritt durch die Geschichte der Atombombe.
09.11.2024. Die FAZ sammelt Stimmen zum Antisemitismus im Literaturbetrieb. Die Welt blickt mit Gregor Schneider in die Leere, die einst Lützerath war. Der taz ist das neue Interesse an der DDR-Architekturmoderne nicht ganz geheuer. Die SZ berauscht sich an einer Flaschenpost von Chopin aus dem Jenseits. Ronya Othmann erzählt in der FAS von ihrer Reise zum Ukrainischen Literaturfestival und Lyrikerinnen an der Front.
08.11.2024. Die Zeitungen trauern um den Künstler Daniel Spoerri, der im Alter von 94 Jahren gestorben ist. Tagesspiegel und Zeit fragen sich, wie Popkultur und Wahlniederlage von Kamela Harris zusammenhängen. Was Antigones Schwester Ismene von deren Märtyrertum hält und wie das mit heutigen Protestbewegungen zusammenhängt, lernt der Tagesspiegel bei Athena Farrokhzad und Farnaz Arabi am Theater an der Parkaue. Artechock freut sich, dass gelungene Bandenkrieg-Thriller auf dem Filmfest Mannheim-Heidelberg gezeigt werden.
07.11.2024. Die Kritiker feiern Ali Ahmadzadehs iranischen Thriller "Critical Zone": Die FAZ dringt hier weit vor ins "Nachtgewebe" Teherans, die FR erlebt ein "Kinowunder". Der Hanser-Verlag trennt sich von seiner Literaturzeitschrift Akzente: Die SZ blickt wehmütig in die Zeit zurück, in der Verlage und Literaturzeitschriften selbstverständlich zusammen gehörten. Der Tagesspiegel freut sich über das neue Museum für Moderne Kunst in Warschau und findet gar nicht, dass es wie ein Schuhkarton aussieht. Die FAZ bewundert die Malerin Elfriede Lohse-Wächtler in Hamburg als "stilistisch virtuose Inszenatorin ihrer selbst."
06.11.2024. Helden werden gebraucht, wenn nicht alle Menschen gut sind, lernt die FAZ in einer Berliner Ausstellung, die dem in der Sowjetunion ermordeten ukrainischen Dichter Wassyl Stus, gewidmet ist. Die Welt huldigt anlässlich einer neuen Einspielung Wilhelm Grosz, einem flamboyanten Übertalentierten der Musikgeschichte. Die SZ lässt sich in Zürich von Kirill Serebrennikows Inszenierung der Schnittke-Oper "Leben mit einem Idioten" erschüttern. Der Tagesspiegel lernt Thomas Mann in André Schäfers Doku "Die Bekenntnisse des Hochstaplers Thomas Mann" als glücklichen Oscar Wilde des 20. Jahrhunderts kennen.
05.11.2024. Der Prix Goncourt geht 2024 an Kamel Daoud für dessen Roman "Houris": Diese Entscheidung ist "ein Segen für Frankreich und darüber hinaus", jubelt die SZ. FAZ und FR applaudieren Nadia Loschky zu ihrer Inszenierung von Alban Bergs Oper "Lulu" in Frankfurt, die die Heldin als reale Frau und nicht als mythisches Wesen zeigt. Die taz schaut sich in der albanischen Theaterszene um. Die Musikkritiker trauern um den Komponisten und Musikproduzenten Quincy Jones.
04.11.2024. Der Büchner-Preis ging am Samstag an den Schriftsteller Oswald Egger. Entzückt waren die Feuilletons sowohl von der Laudatio Paul Jandls als auch von der Dankesrede des Dichters, der sich in einen wahren "Rollenspiel-Furor" hineinsteigerte, wie die Berliner Zeitung staunt. Nachtkritik und taz loben Leonie Rebentischs Adaption von Charlotte Gneuß' vieldiskutiertem DDR-Roman "Gittersee" am Berliner Ensemble. Die taz besteigt in einer Ausstellung in Wolfsburg einen von Leandro Erlich erschaffenen Mond. Außerdem beobachtet sie, wie die italienischen Postfaschisten den Futurismus wiederbeleben wollen.
02.11.2024. "Ein Schriftsteller, der das literarische Sprechen boykottiert, ist wie ein Musiker, der die Musik boykottiert", sagt der israelische Schriftsteller Ron Segal in der FAZ, fassungslos angesichts des Israel-Boykottaufrufs seiner Kollegen. Die FAZ hört bei der 17. Kunstbiennale in Lyon außerdem die Stimmen von Flüssen und wütenden Kochtöpfen. Die SZ versenkt sich tief in den "kammermusikalischen Minimalismus" der Jazz-Musiker Nils Wülker und Arne Jansen. Die taz denkt in der Ausstellung "Fellow travellers" im ZKM Karlsruhe über die Grenze zwischen Kunst und politischem Aktivismus nach.
01.11.2024. NZZ und Tagesspiegel erliegen dem morbiden Charme von The Cures neuem Album, die SZ vermisst was fürs Herz. Die Komödie am Kurfürstendamm wird Hundert, in der FAZ ist Katharina Thalbach immer noch stinksauer über den Abriss des Theaterhauses. Artechock hätte sich von Andres Veiels Riefenstahl-Doku mehr Einordnung gewünscht. Monopol lässt sich von Max Herre erklären, warum die Einrichtungsgegenstände seines Großvaters Richard plötzlich bunt sind.