Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Design und Mode

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.06.2026 - Design

Sehr berührend fand die Kuratorin Katharina Krawczyk (SZ) Olivier Saillards neue Performancereihe "Musée Vivant de la Mode" in der Pariser Fondation Cartier: Gezeigt wurde verschlissene, teils auf Pariser Straßen entsorgte Kleidung - getragen von ins Alter gekommenen Models, die einst für "Couturiers wie Madame Grès, Martin Margiela oder Jean Paul Gaultier gearbeitet hatten - und die er deshalb als 'lebendes geschichtliches Erbe' bezeichnet. Eine nach der anderen schritten sie den Raum ab und erweckten die Kleidung mit ihren Gesten langsam wieder zum Leben. Einem Pygmalion gleich kommentierte Saillard danebenstehend das jeweilige Stück, attestierte einem von Motten zerfressenen Mantel einen Burn-out, verwies auf den abgenutzten Saum eines Kleides, der auf lange Tanznächte schließen lässt." Für Krawczyk steht dies im Zusammenhang mit einer neuen Sehnsucht nach und einer neuen Normalisierung von Spuren statt Glätte, Alter statt Jugendfetisch. "Die Zärtlichkeit, mit der Saillard in seinen Performances dem Verbrauchten und vermeintlich nicht mehr Brauchbaren begegnet, berührte die Zuschauer merklich, die ihm mit feuchten Augen, Standing Ovations und tosendem Applaus für diese Ode an den Alltag dankten."

Stichwörter: Saillard. Olivier, Mode

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.05.2026 - Design

Ernst Moeckls Z-Stuhl - auch Känguruh-Stuhl genannt - soll zurückkehren, dafür will der Stuttgarter Hersteller Richard Lampert sorgen, berichtet Florian Siebeck in der FAS. Dass der Stuhl heute als DDR-Produkt gilt, ist im übrigen eine falsche Zuordnung. Entstanden ist der Entwurf in Ulm, "Moeckl war Westdeutscher, und die Horn Collection, die den Stuhl Ende der Sechzigerjahre in Auftrag gab, saß in Baden-Württemberg. Und doch: Es gab ihn auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. ... Dabei passte der Entwurf nicht einmal besonders gut zu jener funktional-vernunftgetriebenen Ästhetik der Ulmer Schule, aus der Moeckl kam. Dafür umso besser zum Raumfahrtzeitalter, wo Möbel entstanden, die nicht länger brav den vertrauten Gesetzen bürgerlicher Wohnlogik folgten. ... Wie viele Gestalter reizte auch Moeckl die Idee eines Freischwingers aus einem Guss. Der 'Z-Stuhl' war nicht, wie gelegentlich behauptet wird, die Ost-Kopie des berühmten 'Panton Chair'. Er war eher die deutsche Antwort darauf, vielleicht sogar eine kleine Korrektur."

Außerdem: Jana Janika Bach erzählt in der taz die Geschichte der Möbeldesignerin und Architektin Charlotte Perriand, der im Salzburger Museum der Moderne derzeit eine Retrospektive gewidmet wird.
Stichwörter: Moeckl, Ernst, Möbeldesign

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.05.2026 - Design

Fantasy Landscape von Verner Panton auf der Ausstellung Visiona II, Möbelmesse Köln, 1970 © Verner Panton Design AG

Im Vitra Design Museum in Weil am Rhein lässt sich aktuell der dänische Möbeldesigner Verner Panton wiederentdecken. Sein Credo: Mit unbequemen Möbeln ein versunkenes Darin-Herumlümmeln gar nicht erst ermöglichen und so die Verweilenden zu mehr Bewegung animieren. Zeit-Kritiker Hanno Rauterberg staunt, wie die Möbel "Wellen schlagen, sich krümmen, biegen, schwungvoll in die Kurve gehen, als wollten sie im nächsten Moment schon eine ganz andere Daseinsform beziehen. Bereits in den Fünfzigerjahren experimentierte Panton mit aufblasbaren Hockern, als einer der ersten Designer überhaupt. Und ersann kurz darauf einen Stuhl ohne Nägel, Schrauben, Streben, vor allem: ohne Beine. Alles daran fließt, nichts lastet. Aus einem Guss ist dieser Kunststoffstuhl, hier nimmt man nicht Platz, hier nimmt man Fahrt auf. Mitgerissen von der rasanten Form."

Die Adidas-Jogginghose setzt sich ausgerechnet im linksliberalen Kulturmilieu immer weiter als modisches Accessoire durch, beobachtet Sven Behrisch (Zeit). Getragen wird sie aber nicht wegen Style, Form oder Ästhetik, sondern "als proletarisches It-Piece, als vermeintlich klassensprengende Konfektion, deren Gummibund sich elastisch jeder sozialen Statur anpasst. Auch wenn es Versuche gab, von Marken wie Prada und Balenciaga, die Jogginghose zur Edelklamotte zu adeln - phänotypisch gehört sie nicht auf den Laufsteg, sondern in den Lidl. Sie ist die Hose des Häuserblocks und all jener Menschen, die man in der SPD noch 'Arbeiter' nennt. ... Man tut so, als trage man die Hose als Ausdruck der Zugehörigkeit, der Solidarität mit den Unterprivilegierten, dem Kleinbürgertum", aber diese "Assimilation an die Masse ist nur noch Pose, die Fraternisierung reines Zitat. Tatsächlich trägt man sie als Distinktionsmerkmal."

Dass Ferrari-Traditionalisten auf den neuen, von Mark Newson und Jony Ive gestalteten Ferrari Luce - kein Verbrenner mehr und auch vom Look her geht er sehr eigene Wege - teils mit ziemlicher Wut reagieren, kann Ulf Poschardt in der Welt zwar nachvollziehen, bleibt selbst aber neugierig: "Das Überall-und-Nirgends des digitalen Raums wird in diesem Auto kühl registriert und konsequent umgesetzt. ... Mit diesem Auto kann niemand klassisch angeben. Es wirkt eher wie ein Fahrzeug, für das man sich im Zweifelsfall beinahe schämt, anstatt mit ihm zu protzen. Doch genau darin liegt möglicherweise bereits der Beginn einer neuen Form von Distinktion. Ferrari versucht hier eine Revolution der Distinktion selbst: den demonstrativen Verzicht auf demonstrative Auffälligkeit."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.05.2026 - Design

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Viel Aufregung um eine Uhr: Wegen der heißbegehrten Baumel-Uhr Royal Pop von Swatch und Audemars Piguet (hier ein Werbevideo) spielten sich in den letzten Tagen vor einschlägigen Geschäften in den Metropolen teils tumultartige Szenen ab - "schlechte Laune in Mailand, Eskalation in Liverpool, Meutenbildung in New York, Tumult in Düsseldorf, Tränengas bei Paris, verrammelte Geschäfte, verstörtes Personal und so weiter", fasst David Hugendick in der Zeit die Ereignisse zusammen und staunt über das obskure Phänomen von "Polizeieinsätzen wegen aus dem Ruder gelaufenen Kapitalismus". Vielleicht ja zu Recht?

Das Design-Vorbild, die Royal Oak von Gérald Genta aus dem Jahr 1972, ist jedenfalls ein großer, begehrter Klassiker. Sie wechseln schon mal für 30.000 Euro aufwärts den Besitzer, informiert Max Scharnigg in der SZ. "Die aktuelle Kooperation ist also durchaus wieder ein Coup von Swatch und birgt für Audemars Piguet eine beträchtliche Fallhöhe, vergleichbar mit einem Luxushotel, das plötzlich für zehn Euro Tagestouristen an seinen Pool lässt."

In der taz porträtiert Nabila Lalee die afghanische Modedesignerin Katayon, die vor den Taliban nach Pakistan fliehen musste - dort nun aber aufgrund der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Pakistan und ihrem Heimatland ebenfalls einen höchst prekären Status hat. Anfangs arbeitete sie noch in Kabul im Verborgenen: "Obwohl in Kabul der Gang auf die Straße inzwischen nur mit vollständig bedecktem Körper und verhülltem Haar möglich ist, präsentiert sie sich auf ihrem Instagram-Kanal in Kollektionen, die so gar nicht in die Welt des Taliban-Emirats passen wollen. Ihre Bilder zeigen knielange Röcke und bunte Stöckelschuhe, offenes Haar und rot geschminkte Lippen. ... Für viele junge Frauen in ihrem Heimatland wurde die selbstbewusste Frau schnell zum Vorbild. 'Ich kriege bis heute so viele Nachrichten von Mädchen, die mir schreiben, dass sie so werden möchten wie ich.'"

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.05.2026 - Design

"Der Deutsche Bundestag ist über die Jahre ein modisches Gruselkabinett geworden", sagt der Stilberater Joe Laschet, Sohn des Armin, im NZZ-Gespräch. "Der Bundestag ist ein bedeutsamer historischer Ort. Manche Abgeordnete sollten sich dies öfters bewusst machen. Man kann die Krawatte von mir aus weglassen. Aber der Anzug ist ein Minimum an Respekt der Institution gegenüber und dem Auftrag als gewählter Politiker."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.05.2026 - Design


"Wenn Mode die Verpflichtung hätte, praktisch zu sein, wäre sie sterbenslangweilig", schreibt Julia Werner in der SZ all jenen ins Gebetbuch, die sich zuletzt "wie immer peinlich" darüber amüsiert haben, dass der neue Schuhentwurf von Chanel-Designer Matthieu Blazy keine Sohle aufweist, sondern allein die Fersen bedeckt. "Natürlich ist die um die zarten Fesseln gebundene Fersendeko ein cleverer Reichweitengenerator, denn auf die digitale Empörung der Massen ist in Sachen Markenstärkung Verlass. Aber Slop, also Müll, ist er nicht. Denn er ist auch eine Ode ans Barfußlaufen. ... Denn das verbindet man heute nicht mehr mit straßendreckigen Schluffifüßen, sondern mit der Leichtigkeit des Seins, vorzugsweise im heiligen Urlaub. Schwere Stiefel, Stahlkappen, aufgeblasene Turnschuhe? Tragen eigentlich nur noch Schlachter, Maurer und Ärzte, also Leute mit echten Berufen. Alle anderen mit Bullshit-Jobs und Angst vor der sie auffressenden künstlichen Intelligenz nehmen teil an der großen Verflüchtigung des Alltäglichsten."
Stichwörter: Mode, Chanel, Blazy, Matthieu, Schuhe

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.05.2026 - Design

Mit irgendwas um zehn Millionen Dollar kauft sich Jeff Bezos bei der von Vogue geschmissenen MET-Gala in New York ein - und das sorgt durchaus für Turbulenzen. Der Unternehmer will sich zuletzt zum "Jetset-Gecken, der mit seiner als Gesamtkunstwerk erscheinenden Gattin auf Fashion Weeks in Paris oder Mailand aufläuft", umwandeln, so Ursula Scheer in der FAZ. "Stil kann man nicht kaufen, heißt es immer, aber das ist natürlich gelogen, weil die Stillosigkeit der Reichen stilbildend ist. Eine neue Eskalationsstufe beim Kontrollverlust der von Social Media gebeutelten Türwächter des gehobenen Geschmacks wäre, wenn sich Bezos, wie gemunkelt wird, den Vogue-Verlag Condé Nast als Spielzeug für seine Frau unter den Nagel reißen will. Entsprechend rumort es in Manhattan: Eine Aktivistengruppe hat Anzeigen mit Boykottaufrufen in den Straßen platziert, auf denen die Unterstützung der US-Einwanderungsbehörde ICE durch Amazon-Cloud-Dienste angeprangert wird. Sie will auch am Galaabend stören."
Stichwörter: Mode, Vogue, Met-Gala, Bezos, Jeff

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.04.2026 - Design

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Lilly Schröder porträtiert in der taz den kurdisch-stämmigen Modedesigner Sezgin Kivrim, der die kurdische Flagge in einen Pulli gestrickt hat,, damit viral gegangen ist und sich dafür einen Shitstorm aus anti-kurdischen Kreisen eingefangen hat: "'Ich hätte nicht gedacht, dass Menschen sich von der Sichtbarkeit einer Kultur so getriggerd fühlen', sagt Kivrim, insbesondere, weil er sie an keiner Stelle mit Staaten wie Irak, Syrien, Iran oder Türkei in Verbindung gesetzt habe." Dies "sei eine bewusste Entscheidung gewesen. 'Die kurdische Geschichte wird immer nur über Unterdrückung und Leid erzählt', sagt er. 'Ich will aber über die schönen Dinge unserer Kultur sprechen: unsere Bräuche und Traditionen, Gemeinschaft und Zusammenhalt - über Sonnenblumenkerne essen und Tee trinken.' ... Die Mode von Sezgin verbindet Tradition und Moderne: Handarbeit und Blümchenstoffe der Oma treffen auf zeitgenössisches Modedesign. Damit möchte Kivrim dem Narrativ, dass Kurden 'zurückgebliebene Bauern in den Bergen' seien, etwas entgegensetzen."

Helmut Stalder erinnert in der NZZ an den Installateur Walter Franke, der einst zahlreiche Normen ins Industriedesign eingeführt hat, unter anderem "die Schweizer Küchen-Norm, das Schalensystem Gastro-Norm, das normierte Bierfass und die durchorganisierten Systemküchen in Schnellrestaurants. Der Metallbauer prägte damit die Kultur des Kochens rund um den Erdball."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.04.2026 - Design

Saft fürs Handy: Solarpaneele fürs digitale Stadleben (Nick Geipel / Charlotte von Ravenstein, Museum der Dinge)


Die Kunsthochschule Weißensee prägt das Gesicht Berlins, schreibt Gunda Bartels im Tagesspiegel: Von hier kommen zahlreiche Plakate von Kulturinstitutionen der Stadt, aber auch ganze BVG-Waggons werden dort gestaltet. Mit "Gestalten für Berlin. Design aus der Kunsthochschule Weißensee" ist dem nun auch eine Ausstellung im Museum der Dinge/Werkbundarchiv gewidmet. Hier treffen die Geschichte der Kunsthochschule und Entwürfe junger Jahrgänge aufeinander, die sich Gedanken um das zukünftige Leben in dieser Stadt machen: "Auf das Kapitel 'Die Stadt von morgen', die mit der orange leuchtenden Solarpaneele 'Powerplant' (Entwurf: Nick Geipel und Charlotte von Ravenstein) eine kostenlose Stromquelle für Passanten zeigt, die an Straßenlaternen montiert werden und spontanes Handyaufladen ermöglichen soll, folgt das Kapitel 'Wassergeschichten'. Da hängt die Fotografie eines realisierten historischen Entwurfs der Weißenseer Dozentin Gertraude Pohl für eine Brunnenanlage in Marzahn, in der 1987 Kinder planschen, neben dem Rendering des Leopoldplatzes von heute. In dieser Idee versprechen mit Pflanzen bestückte und von Wasser durchrieselte Ton-Elemente Abkühlung. Allerdings nur, wenn aus der studentischen Vision Realität wird."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.04.2026 - Design

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Als "The Antwerp Six" nahmen es Dries Van Noten, Walter Van Beirendonck, Dirk Van Saene, Dirk Bikkembergs, Ann Demeulemeester und Marina Yee in den Achtzigern von Belgien aus mit dem französischen Modedesign auf, erinnert Paul Buschnegg in der Zeit. Im Antwerpener Modemuseum MomU ist ihnen nun eine Ausstellung gewidmet, die noch einmal unterstreicht, wie Punk um 1980 die Hippie-Ästhetik der Siebziger ablöste. "Militärische Looks gehörten ebenso zu diesem neuen, postmodernen Spiel der Zeichen wie zerschlissene Nähte oder kantige Konturen." Zu erleben ist ein Werk, "das facettenreicher nicht sein könnte: auf der einen Seite Demeulemeesters alienhafte Puppen, auf der anderen die schillernde Sports Couture von Dirk Bikkembergs, deren knappe Unterhosen, fein geschwungenen Fußballschuhe und knalligen Jogginghosen muskelbepackte Männer auf überdimensionierten Hochkant-Screens vorführen. Bikkembergs hatte Ende der Neunzigerjahre im Fußballboom eine modische Marktlücke entdeckt, seine Models ließ er in Mailand nicht auf dem Laufsteg, sondern im Fußballstadium auflaufen. Sport und Luxusmode? Heute normal, damals Avantgarde."