Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Januar, 2017

Vorne tat ich harmlos

17.01.2017. Der Standard erlebt mit Georg Stefan Troller Paris als Stadt des verzweifelten Lebenshungers. Die taz ist gar nicht dankbar für das Museum Barberini, das Hasso Plattner der Stadt Potsdam geschenkt hat. Domus besucht in Mumbai das Design Museum Dharavi. Der Guardian stößt in Lima auf einen modernen Machu Picchu. Und: Maxim Biller verlässt das Literarische Quartett.

Ein Rausch, ein Glanz

16.01.2017. Einen großen Menschheitstext erkennt die Nachtkritik in Elfriede Jelinkes Mode-Stück "Das Licht im Kasten (Straße? Stadt? Nicht mit mir!)", das Kant mit Roland Barthes und Gisele Bündchen verbindet. Schließlich trug sie ja auch Chanel, als sie die KPÖ verließ, weiß die SZ. Jörg Widmanns Oratorium "Arche" versöhnt die Kritiker jetzt auch mit der Akustik der Elbphilharmonie, vor allem in Block E. Die NZZ huldigt den poetischen Interventionen des Architekten Zhang Ke in Pekings altem Hutong-Viertel. Der Freitag begutachtet am Rande Berlins Mufs und Superspaces.

Die Seichtigkeit der eigenen Träume

14.01.2017. Richard Prince sprengt mit einem geklauten Foto von Ivanka Trump die Grenzen der Konzeptkunst. Spektrum geht in Surinam Raupen sammeln mit der vor 300 Jahren gestorbenen Forscherin Maria Sibylla Merian. Tell setzt die Debatte um die neue Ich-Literatur fort. Die Feuilletons feiern die Indieband The xx. Nur die SZ gruselt sich.

Flüge durch Wurmlöcher

13.01.2017. Die Kritiker spitzen in der Elbphilharmonie die Ohren und diskutieren die Akustik: Grandios (SZ)! Gnadenlos (taz)! Nachbesserungsbedürftig (FAZ)! Die SZ erzählt die unwahrscheinliche Erfolgsgeschichte des Theaterstücks "Clean City" über fünf Putzfrauen in Athen. Und Otto Freundlichs Skulptur "Der neue Mensch", Aushängeschild der NS-Propaganda gegen "Entartete Kunst", wurde von den Nazis gefälscht, erfährt die FAZ.

Diätischer Klassizismus

12.01.2017. Die FR blickt den gnadenlosen Erben Caravaggios ins kalte Auge. Raphaël Merlin vom Ensemble Quatuor ­Ebène schildert in der Zeit die Gefahren, die von Bratschistinnen ausgehen. Die Welt hört es in der Elbphilharmonie krachen. Die FAZ verteidigt das fiktionale Erzählen. In der NZZ muss sich Milo Rau gegen den Vorwurf kleinbürgerlicher Skandallust wehren.

Und ich gehe schon wieder in die Kirche

11.01.2017. Heute Abend wird die Elbphilharmonie eröffnet. Etwas beklommen verspürt die SZ in Hamburg eine Stimmung wie im Wirtschaftswunder. Auf ZeitOnline schlägt sich Ann Cotten recht tapfer durch den amerikanischen Bible Belt. Ebenfalls auf ZeitOnline beklagt die Regisseurin Julia von Hein die eskapistische Tristesse öffentlich-rechtlichen Filmemachens. Die FAZ blickt mit Josh Kline in Turin in ein unfreundliches Morgen.

Jenes Reich der Zwänge

10.01.2017. Trotz aller Golden Globes: Zum deutschen Kinostarts kommt Damien Chazelles "La La Land" bei den Kritiker nicht gut an: Critic.de erschrickt gar über die strenge Miene, mit der hier zum Exzess angehalten wird. Die SZ wünscht sich mehr Musik-Nerds unter Mädchen. Keine gehuldigten Herrscher, sondern hilflose Helden erlebt die FAZ bei den Händel-Aufführungen in Mannheim und Frankfurt. Im Guardian empfiehlt Jonathan Jones statt eines Museumsstreiks gegen Donald Trump eine Pause im Reality-TV.

Es gab einen Urknall

09.01.2017. Die Nachtkritik lernt in René Polleschs Zürcher Hippie-Zirkusstück "High (Du weißt wovon)", warum die Menschen nicht mehr ganz dicht beieinander sind. Wieviel Fiktion verträgt die Gegenwart?, fragen Welt und FAZ. Ist Kunst überhaupt noch kritisch oder schon ein Ornament der Macht, fragt die FAS. Die SZ erinnert daran, wie aus der Avantgarde Agit-Pop wurde.

How can you not benutz it?

07.01.2017. Die Welt fragt, warum der auf Slowenisch schreibende Autor Florjan Lipuš nicht den Österreichischen Staatspreis erhalten darf. Der Standard empfiehlt Kunstkäufern, in ihrer Anlagestrategie die Preisentwicklung des Feminismus zu berücksichtigen. Die taz lässt sich von der israelischen Performerin Orit Nahmias daran erinnern, dass Therapien von Krankenkassen bezahlt werden. Und in der NZZ verbreitet Kent Nagano Vorfreude auf das Eröffnungskonzert der Hamburger Elbphilharmonie in der kommenden Woche.

Das Aufblitzen der Augen

06.01.2017. Die Kritiker geben sich genussvoll dem sanftem Wohlklang von Brian Enos Album "Reflection" hin, das aus einem einstündigen, von Algorithmen generierten Stück besteht. Keine rechte Begeisterung vermag Park Chan-Wook mit seinem Period Piece "Die Taschendiebin" auszulösen. Die FAZ entdeckt in München den niederländischen Maler Jan Toorop wieder, der einst jeden Stil beherrschte. Und die Opernwelt trauert um den eleganten Maestro Georges Prêtre.

Jeder Satz muss ans Ziel

05.01.2017. Die NZZ bewundert das göttliche Licht der indischen Pahari-Malerei. Eher reserviert begegnet der Standard im MAK dem Handwerk für die Eliten. Im Interview mit der Berliner Zeitung erzählt Martin Walser von seinen Existenzmomenten. In der taz erklärt der Club der polnischen Versager, warum er Antoni Krauzes Propagandafilm "Smoleńsk" ins deutsche Kino bringt. Die Zeit sehnt sich nach neuen Formen für das Politische in der Kunst.

Botschaften für die Zukunft

04.01.2017. Die Welt geht sockfuß in Baden-Baden auf Anschauungsreise mit Michael Müller. England mag wirklich nicht viele Künstler hervorgebracht haben, aber Schottland sehr wohl, erkennt die SZ und ruft auf, die Malerin Joan Eardley zu entdecken. In der FAZ rät Kristof Magnusson: Leichte Sprache fördert die Erkenntnis. Die taz versenkt sich mit dem Saarländer Musikkollektiv Datashock ins Geräusch ohne Pulsschlag.

Das fast schon vergessene Backpfeifengesicht

03.01.2017. Die NZZ stellt fest, dass Schrifsteller und freie Journalisten nicht mehr von ihren Honoraren leben können: Der Markt ist kaputt. In der SZ geißelt Dramaturg Bernd Stegemann die performative  Authentizität im Theater als Lüge hoch zwei. Außerdem sträubt sich die SZ gegen den Versuch, aus dem Museum Literatur zu machen. Die FR fordert Baukultur auch für die Gewerbegebiete. Zum Tod des Kunstkritikers und Schriftstellers John Berger verlinken wir noch einmal auf seine große Fernsehreihe: "Ways of Seeing".

Schräg waren die Bamberger

02.01.2017. Als den James Joyce des Comics preist die FAZ den britischen Autor Alan Moore, sein Jahrmillionen umfassendes Werk "Jerusalem" sei an literarischer Komplexität kaum zu übertreffen. Im NYRB-Blog empfiehlt Claire Mesud die schlichten Linien der Carmen Herrea gegen jede Form der Tyrannei. Welt und Standard haben sich die Neujahrskonzerte angehört und sind sich einig: Die lautesten Sektkorken hat Gustavo Dudamel in Wien knallen lassen.