Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
Juli 2025
31.07.2025. Ein echtes Theaterjuwel findet die SZ im Salzburger Marionettentheater mit Igor Strawinskys "Geschichte vom Soldaten", die mit Puppen von Georg Baselitz erzählt wird. Im Zeit-Interview spricht Isabel Allende über ihren Roman "Mein Name ist Emilia", der vom Militärputsch in Chile im 19. Jahrhundert handelt. Die FAZ bestaunt derweil das nachhaltige Bauprojekt Thoravej 29 in Kopenhagen. Die FR jubelt über die befreiende Nichtsnutzigkeit von Akiva Schaffers Reboot des Nonsense-Klassikers "Die Nackte Kanone".
30.07.2025. Die Schreihälse, die die Eröffnung der Salzburger Festspiele störten, sind keine Friedensaktivisten, sondern Hamas-Fans, stellt der Spiegel klar. Theater gespielt wird in Salzburg aber auch: An Julien Gosselins in Salzburg aufgeführtem Bühnenspektakel "La Passe" scheiden sich die Geister. Vor allem das irre Lachen der Hauptdarstellerin Victoria Quesnel findet großen Anklang bei der Nachtkritik, der SZ ist das alles ein bisschen zu hysterisch. Die Reform der Filmförderung kommt dank geschickter Lobbyarbeit womöglich doch noch in Schwung, hofft die FAZ. Kaum noch Gegenwart, nur noch aufgewärmte Vergangenheit bietet die Popmusik dieser Tage, stöhnt die Welt.
29.07.2025. Die FAZ sieht sich in der russischen Kunstszene um, in der das Tabu, den Krieg nicht zu thematisieren, nicht gilt, wenn die "militärische Spezialoperation" gefeiert wird. In Bonn begegnet die FAZ derweil dem treuesten Begleiter des Menschen. Dank Peter Sellars erfahren die Theaterkritiker bei den Salzburger Festspielen, wie sehr Mahler und Schönberg harmonieren. Die SZ schwebt wie eine klirrende Partikelwolke durch Nikias Chryssos' und Viktor Jakovleskis Techno-Film "Rave On". Und Zeit Online überlegt, ob enge Fan-Beziehungen Spotify die Kunden abgraben.
28.07.2025. Die Kritiker geben sich auf dem grünen Hügel die Klinke in die Hand: Die FAZ bestaunt eine bunte Kuh als Zeichen für die Aufgeblasenheit der Debatte um Kunst als Ausdruck von Nationalstolz, die SZ ärgert sich über die Harmlosigkeit der "Meistersinger"-Inszenierung von Matthias Davids. Die FAZ sieht mit den Kunstwerken von Lovis Corinth, wie erratisch die Auswahl verbotener Werke durch die Nazis wirklich war. Und sie macht sich Gedanken, was es bedeutet, wenn Curtis Yarvin die Biennale in Venedig kapert. Die Welt erinnert an die schwarze Komponistin Florence Price. Und die FAZ trauert um den Designer Peter Schmidt.
26.07.2025. Literatur muss vor dem Krieg scheitern und trotzdem davon künden, erklärte Serhij Zhadan in seiner Rede zur Verleihung des Österreichischen Staatspreises für Europäische Literatur, die die taz abdruckt. Der Guardian erfährt in einer Andy Goldsworthy - Retrospektive in der Royal Academy of Scotland, wie schockierend Natur sein kann. Die FAZ lernt im "Palais de l'art déco" in Saint Quentin wie japanischer Jugendstil aussieht. Die SZ erklärt einer lange vernachlässigten Architekturform ihre Liebe: der Treppe.
25.07.2025. Die FR unternimmt mit der Malerin Toyin Ojih Odutola Fantasiereisen per U-Bahn vom Hamburger Bahnhof bis nach Westafrika. Die taz verschafft sich im Zürcher Cabaret Voltaire mit den Schlangen und Skorpionen von Emma Jung Zugang zum Unbewussten. Die FAZ blickt auf den Bücherherbst und birgt ein paar Schätze. Artechock ärgert sich, dass die Medien den Tod des Produzenten Rob Houwer einfach verpennt haben. Und: das Museum berlin modern wird teurer und später fertig, meldet unter anderem der Tagesspiegel.
24.07.2025. Die Zeit blickt auf das Bühnen-Imperium des russischen Dirigenten Valery Gergiev. Der Perlentaucher bewundert in Charlène Faviers Biopic über die Femen-Aktivistin Oksana Schatschko den Mut einer jungen Frau, Madonnen, die Burka tragen und Erzengel mit Sturmgewehr. FR und Zeit freuen sich tierisch über Adam Elliotts Knete-Animationsfilm "Memoiren einer Schnecke". Die NZZ erklärt, warum sich Koreaner bis ins 20. Jahrhundert nicht im Spiegel anschauten - es lag an der Architektur.
23.07.2025. Die Feuilletons trauern um den legendären Rocker und Fledermaus-Kopfabbeißer Ozzy Osbourne, dessen anarchische, dunkle Kraft der Standard auch noch im hohen Alter zu spüren vermochte. Die Zeit erlebt einen intensiven Abend mit Milo Raus "Prozess Pelicot" in Avignon, wo viele die Täter persönlich kennen. In Zeiten von KI wird menschliche Autorenschaft zum literarischen Gütesiegel, lernt die SZ. Die in Berlin ausgestellte Fotografin Marta Astfalck-Vietz macht sich in ihren Bildern selbst zur Spielfigur, staunt die FAZ. Die Welt schimpft über marodierende Kiffer in Mahler-Konzerten.
22.07.2025. Die FAZ widmet sich dem Thema Übersetzung und KI: Japanisch kann die Künstliche Intelligenz jedenfalls noch nicht so gut, stellt sie fest. Wird es in Russland bald verboten sein, Harry Potter zu streamen? Ein neues Gesetz könnte dafür sorgen, berichtet die FR. Der Guardian schwärmt in einer Ausstellung in Sydney von den "glühenden" Monden der Malerin Janet Dawson. Die Welt trauert derweil um den Deutschrap, der im Sterben liegt.
21.07.2025. Welt, nmz und FR genießen in der von Andrea Breth inszenierten Fauré-Oper "Pénélope" gediegene Langeweile und eine gefühlsintensive Partitur. Robert Prosser reist für den Standard in die Ukraine, um mit Schriftstellern zu sprechen, die auch Soldaten sind. Die FAZ bestaunt Mensch-Maschine-Überschneidungen im Werk von Rebecca Horn im Castello di Rivoli. FR und FAZ trauern um den Dirigenten Roger Norrington, der temperamentvoll die Freiräume der Musik offengelegt hat.
19.07.2025. Die FAZ blickt im Berliner Brücke-Museum auf die würdevollen Porträts der jüdisch-südafrikanischen Expressionistin Irma Stern. Der Standard wird in der Wiener Albertina derweil erleuchtet von den binären Codes aus Nullen der Lichtpoetin Brigitte Kowanz. Zeit Online verzweifelt darüber, wie sich britische Bands, die seit vielen Jahren den BDS und andere antiisraelische Kampagnen unterstützen, ihrerseits als Opfer darstellen. Die FAZ erzählt außerdem, wie sehr die Literatur dem Nation Building der Philippinen dient. Und in der SZ rufen Weggefährten Claus Peymann nach.
18.07.2025. Um Menschenrechte und Antisemitismus schert sich die Kunstwelt wenig, wenn es um Katar geht, weiß die Welt. Artechock blickt mit Vahid Vakilifars Film "K9" in die Finsternis eines hündischen Iran. Der Auftakt der Bregenzer Festspiel mit George Enescus einziger Oper "Œdipe" ist als europäisches Statement stark, als Inszenierung von Andreas Kriegenburg leider schwach, befinden taz und FAZ. Wenn die Organistin Anna Lapwood spielt, muss sogar die Polizei eingreifen, berichtet Backstage Classical.
17.07.2025. Eine Theater-Ära geht zu Ende: Claus Peymann ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Die SZ erinnert an den Theatermacher, der stets gegen "Lebenszwerge" stänkerte, die FAZ an den "luziferischen Messias", der doch so harmlos schien. Die Welt hat die Nase voll von mit Steuermillionen subventionierten Kunstvermeidungsausstellungen wie die jüngste Berlin-Biennale. Die FAZ dringt mit Judith Schalansky zur Ursuppe des Schreibens vor. Und in Repubblica fordert Julia Nawalnaja, dass ein in Italien geplantes Konzert unter der Leitung von Putin-Freund Valery Gergiev abgesagt wird.
16.07.2025. Die Feuilletons gratulieren Ursula Krechel zum verdienten Büchnerpreis - eine Meisterin der schillernden, kurzen, multiperspektivischen Genres, findet die taz. Die SZ erklärt, warum die Ngonnso, eine kamerunische Statue, die von Berlin an Kamerun zurückgegeben werden soll, immer noch in Deutschland ist. Die taz porträtiert den angesagten Dramatiker Roland Schimmelpfennig, der uns Menschen in unserer kosmischen Ausgesetztheit erfasst. Die FAZ versinkt in einer Ausstellung in Monaco begeistert in den Farben der Moderne.
15.07.2025. Aktualisiert: Der Georg-Büchner-Preis geht in diesem Jahr an die Schriftstellerin Ursula Krechel, melden die Agenturen. Die FAZ entdeckt im Franz-Marc-Museum in Kochel die künstlerische Faszination für Tiergärten und lässt sich von Oskar Kokoschkas "Tigerlöwe" anspringen. Die NZZ erklärt das Kino für tot, hofft aber auf eine Wiedergeburt. Die SZ feiert den Festivalsommer der großen Nostalgie mit Revivals und Abschieden von Oasis, Black Sabbath, ELO, AC/DC und den Sex Pistols. Und der Tagesspiegel zieht den Architekten Ossip Klarwein zurück ins Licht der Architekturgeschichte.
14.07.2025. Dass die Schlösser von Ludwig II. jetzt Weltkulturerbe sind, ist für die Welt Grund, über die "Rehabilitation des Historismus" zu jubeln. Die FAZ fragt sich allerdings, ob das wohl im Sinne des Erbauers war. Die FR langweilt sich ein wenig auf den Nibelungenfestspielen in Worms, das Rad wird auch von Roland Schimmelpfennig nicht neu erfunden, die SZ hingegen freut sich über die anspruchsvolle Inszenierung von Mina Salehpour. Justin Biebers neues Album kann weder Zeit noch NZZ überzeugen. Laut den Jazz-Musikern Terri Lyne Carrington und Christie Dashiell ist Jazz keine per se aktivistische Musikform.
12.07.2025. Die FAS sieht die Zukunft der Kunst zwischen neuen Steckdosen und alten Amphoren in einem Hamam in Prizren. Mit dem Abschied der Schriftkultur wird der Tanz tonangebend auf der Bühne, erkennt die Welt beim Festival in Avignon. In der Musik kann uns KI neue Perspektiven eröffnen, lernt die NZZ von dem Komponisten Ali Nikrang. Die taz erkennt im griechischen Herodeon, wie lang der Ruhm von Mäzenen andauern kann.
11.07.2025. Im Monopol-Gespräch verteidigt sich Kathleen Reinhardt, Direktorin des Berliner Kolbe-Museums, gegen den Vorwurf, sie verschleiere den Raubkunst-Hintergrund des Tänzerinnen-Brunnens. Die FAZ blickt in Cottbus in die kantigen Gesichter der legendären Ostfrauen. Die Welt glaubt noch nicht an Bauen mit Hilfe von KI. Geht ja auch gut von Hand für nur 700.000 Taler, lernt die FAZ im Alten Museum in Berlin. Die Jüdische Allgemeine blickt auf Antisemitismus in Hollywood. Und Van stellt fest: Nicht alles, was Franz Liszt komponierte, war erste Sahne.
10.07.2025. Im von der Welt übersetzten Figaro-Gespräch erklärt der Philosoph Jean-François Colosimo die Verurteilung Boualem Sansals: Das oligarchische System Algeriens muss Frankreich als seinen ewigen Feind darstellen, um zu überleben. Die FAZ bewundert beim Festival d'Aix en Provence zahlreiche Produktionen aus dem Nahen Osten. Der Guardian betrachtet in der Londoner Tate Modern Fußabdrücke von Emus auf den Gemälden der Aborigine-Künstlerin Emily Kame Kngwarreye. Antisemitismus ist jetzt eine hippe Jugendbewegung, stellt die Jungle World mit Blick auf die Musikszene fest.
09.07.2025. Die propagandistische Trickfilmserie "Sandpit" präsentiert einen niedlichen Putin mit Kulleraugen - und zielt damit womöglich nicht nur auf russische Kinder, sondern auch auf westliche Erwachsene, meint Zeit Online. Die Welt schwärmt von "La Callisto", einer Barockoper Francesco Cavallis voller "Crossdresser, Metrosexuellen und Transen", beim Festival in Aix-en-Provence. Wird KI die Musikbranche killen? Der Standard fürchtet, mit Blick auf den Erfolg der komplett algorithmischen Band The Velvet Sundown: ja.
08.07.2025. Der algerische Präsident Abdelmadjid Tebboune hat die westliche Öffentlichkeit verhöhnt, aber Algerien hat durch die Sansal-Affäre kaum an internationalem Ansehen verloren, konstatiert Claus Leggewie in der FR. Die Welt reist auf die Ile de Porquerolles an der Côte d'Azur, um in abstrakten Gemälden zu baden. Sollen die Schlösser Ludwig II. Weltkulturerbe werden? Unbedingt, meint die SZ und erinnert an Ludwigs Münchner Dachgarten, der samt Schwänen im künstlichen See abgeräumt wurde. Die NZZ schaut vom Hindu-Nationalismus geprägte Bollywood-Filme.
07.07.2025. In Frankreich herrscht Empörung über die ausbleibende Amnestie für Boualem Sansal. Die NZZ begibt sich mit Steve McQueen in eine klaustrophobe Klanginstallation. Marko Perkovics Konzert in Zagreb war eines der größten, die es je in Europa gab, für die FAZ ist das wegen der dort gebrüllten Ustascha-Relativierungen beunruhigend. Henrik Ibsen ist auch nicht mehr das Wahre, wenn die "Wildente" ihrer Titelfigur quasi beraubt wird, findet die Nachtkritik. Die taz macht sich Gedanken über die schwierige Situation der Provenienzforschung.
05.07.2025. Anders als erhofft wird Boualem Sansal heute nicht begnadigt, meldet Le Monde. In Le Point erinnert Kamel Daoud daran, dass vor Sansal schon ein anderer großer Autor im Gefängnis von Algier schmachtete: Miguel de Cervantes. Die FAZ träumt sich beim Holland Festival mit dem Tänzer Trajal Harrell aus ihrem Körper. Außerdem werden ihr in einer Pariser Ausstellung über die "Mission Dakar-Djibouti - Contre-enquête 1931-33" die unfeinen Methoden der Aneignung kultureller Artefakte aus Afrika vorgeführt. epd film bewundert die Melange aus Wehmut und Skepsis, die einen Liebling unserer Urgroßeltern auszeichnete: Willi Forst.
04.07.2025. Die FAZ reist nach Cherbourg, wo es der Comiczeichner Brecht Evens farbige Papierfetzen regnen lässt. In Wien begleitet sie mit Hito Steyerl Microworker bei der Drohnen-Optimierung in nordirakischen Flüchtlingslagern. Die NZZ kann sich der zeitlosen Schönheit der Handwerkskunst der Shaker im Vitra Design Museum nicht entziehen. Der Standard denkt über einen Boykott von Spotify nach. Und die SZ trauert um Michael Madsen, den Tarantino-Star der zweiten Reihe.
03.07.2025. Nach dem Urteil gegen Boualem Sansal ermuntert Claus Leggewie die Bundesregierung im Perlentaucher, dem algerischen Botschafter gegenüber ihre Missbilligung des Urteils kundzutun. FAZ und FR lauschen gebannt, wenn Judith Schalansky in ihrer Frankfurter Poetikvorlesung die Geschichte der Welt vom Marmor aus erzählt. VAN hat zum Umgang der Komischen Oper mit öffentlichen Geldern recherchiert. Die taz sitzt in Warschau zwischen einer Wodka- und einer Whiskeyflasche. Die NZZ nimmt lieber Platz auf modellierten Eulen und Hirschen von Diego Giacometti.
02.07.2025. Boualem Sansal bleibt in Haft. Le Point hofft nach einem weiteren algerischen Skandalurteil auf eine Begnadigung durch den Präsidenten, aber es bleibt ein sehr bitterer Nachgeschmack, den rupture-mag.fr und Franc Tireur benennen. Die Schriftstellerin Cristina Rivera Garza erklärt im Zeit-Gespräch, warum es wichtig ist, anders über Morde an Frauen zu schreiben. Die FR begeistert sich angesichts einer Städel-Ausstellung für das Unrealsozialistische der Kunst des DDR-Malers Werner Tübke.
01.07.2025. Aktualisierung um 12.20 Uhr: Das Urteil in der zweiten Instanz gegen Boualem Sansal lautet auf fünf Jahre Gefängnis. Heute wird das Urteil gegen Boualem Sansal erwartet - dann wissen wir auch mehr über die Absichten der algerischen Regierung gegenüber Frankreich, kommentiert Le Point. Im Spiegel erklärt der polnische Schriftsteller Szczepan Twardoch, warum Romane besser geeignet sind, um über Krieg zu schreiben. Die SZ lauscht in Köln dem apokalyptischen Sound der "Letzten Tage der Menschheit". Die FR irrt in neuen Bildern von Norbert Bisky durch Parallelgesellschaften. Und die SZ tarnt sich in Paris ein letztes Mal in klobigen Jacken von Balenciaga-Designer Demna.