Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
Dezember 2025
31.12.2025. Die Zeit erfreut sich in einer Hamburger Ausstellung an sakraler wie profaner Katzen-Kunst. Die taz fröstelt es in François Ozons Camus-Adaption "Der Fremde". Der Tagesspiegel erinnert an den Stadtplaner James Hobrecht, ohne den Berlin nicht aussehen würde, wie es aussieht. Warum interessiert sich niemand mehr für Jean Paul, fragt Franzobel in der Welt. Die SZ freut sich über eine 84 CDs umfassende Box mit Aufnahmen von Friedrich Gulda.
30.12.2025. Die FAZ ist ganz begeistert von der Vorstellung eines Berliner "House of Jazz", das sich nun bald realisieren könnte. Ebendort sorgt sich der Komponist Samuel Penderbayne um den Zustand der Neuen und zeitgenössischen Musik. Mit fast hundert Jahren Verspätung kommt Julia Kerrs verrückte Zeitreise-Oper "Der Chronoplan" bald auf die Bühne, jubelt die Zeit. Die taz bewundert, wie das Mädchen Doris aus Irmgard Keuns Roman "Das kunstseidene Mädchen" beim Figurentheater in Bremen zwischen existenzieller Trauer und Kessheit schillert.
29.12.2025. Brigitte Bardot ist tot: Die Kritiker erinnern an eine Schauspielerin, die sich zwischen emanzipierter Weiblichkeit und männlichem Blick bewegt hat, politisch aber ziemlich weit rechts stand. Mit Claire M Singer und ihrem neuen Album unternimmt die taz anregende Spaziergänge durch Schottland. Die FR lauscht in Peter Ronnefelds Oper in Bonn einer Ameise beim Gesangsunterricht. In Russland wird es immer schwieriger, die stalinistischen Verbrechen auch künstlerisch aufzuarbeiten, stellt die FAZ fest.
27.12.2025. Die Welt ärgert sich über die deutschen Behörden, die den Asylantrag des iranischen Regisseurs Jafar Najafi abgelehnt haben, obwohl der in der Heimat ins Visier der Revolutionsgarden geraten ist. Eskapismus gibt es in der ukrainischen Kunstszene nicht mehr, erklärt die Kuratorin Alona Karavai im taz-Gespräch. Welt und SZ bekommen in einer Bonner Ausstellung gezeigt, dass die Arbeitswelt von 1890 bis 1940 der heutigen gar nicht so unähnlich war. Die taz porträtiert außerdem die ukrainische Lyrikerin Yaryna Chornohuz, die in ihrem Heimatland an der Front kämpfte.
24.12.2025. Der französische Theaterimpressario Joël Pommerat verzaubert die FAZ in Paris mit einer Symphonie des Grauens. critic.de begeistert sich für die Freiräume in Hafsia Herzis Banlieu-Film "Die jüngste Tochter". Warum ist der Kunst nur die Erzählung abhanden gekommen, wundert sich die Welt. Die SZ spaziert in Weil am Rhein beeindruckt durch das von Stararchitekt Balkrishna Doshi entworfene Doshi Retreat. Die Ukraine hat ihre Kulturszene viel zu wenig gefördert, meint die ukrainische Künstlerin Kateryna Lysovenko in der Presse. Wir wünschen allen Lesern ein frohes Weihnachtsfest!
23.12.2025. Die Art Basel eröffnet einen weiteren Ableger in Katar - aber bitte keine nackten Frauen zeigen! Der Direktor der Messe hat damit in der NZZ kein Problem. Wie man der Zensur entgeht, lernt die FR in einer Hans-Ticha-Retrospektive in Rostock. Der Tagesspiegel freut sich, dass Guido Masanetz' Klassenkampfstück "In Frisco ist der Teufel los" erstmals auch im Westen zu sehen ist. Die FAZ fragt sich, ob nicht auch Verlage und Buchhandlungen längst die Nase über die Literaturkritik rümpfen. Und alle trauern um Chris Rea.
22.12.2025. Sergei Loznitsas Film "Zwei Staatsanwälte" wirft die überzeugte taz zurück in den stalinistischen Terror. Wer genau bei der ARD hat eigentlich diese schwachsinnige Mozart-Serie durchgewunken, fragt der Mozartforscher Ulrich Konrad in der FAZ. Claudia Bossards Inszenierung von Schillers "Räubern" am Deutschen Theater finden die Kritiker ziemlich cringe. Für eine Lesung mit Joachim Lottmann in Berlin lässt die SZ alles stehen und liegen. Und alle trauern um den österreichischen Künstler Arnulf Rainer.
20.12.2025. Die Theaterkritiker fegt es von den Sitzen: Gleich zwei Mal großes Schauspielertheater in Wien - als Ensemble-Gesamtglanzleistung in Simon Stones Ibsen-Projekt "Das Ferienhaus" am Burgtheater und Lore Stefaneks Monolog als Goebbels-Sekretärin Brunhilde Pomsel am Theater in der Josefstadt. Die FAZ bewundert im Münchner Museum Fünf Kontinente die Schnitzkunst der Maori. Die taz ist fassungslos, dass der Asylantrag des im Iran bedrohten Regisseurs Jafar Najafi abgelehnt wurde. Die SZ begeistert sich für Fotzenrap.
19.12.2025. Die FAZ entflieht im Berliner Brücke-Museum mit berückenden Seestücken von Karl Schmidt-Rotluff für einen Moment den Katastrophen der Welt. Anfang des Jahrtausends kam das aufregendste Kino der Welt aus Asien, erinnert sich die FR. Und alle trauern um den niederländischen Choreografen Hans van Manen, den "Mondrian des Tanzes".
18.12.2025. Die Kritiker sind untröstlich über den überraschenden Tod des Filmemachers Rosa von Praunheim, der die Schwulenbewegung in die Mitte der Gesellschaft trug: So einen wie ihn gibt es nur einmal, seufzt die FAZ. Wolfram Weimers "Investitionsbooster" für den deutschen Film ist eine Farce, errechnet die Welt. Monopol lauscht in einer New Yorker Ausstellung der Stille in den Selbstporträts der finnischen Malerin Helene Schjerfbeck. Zeit Online hört sich angeekelt den Antisemitismus im Deutschland-Song von Rapper Kollegah an, der vor allem Rechte begeistert.
17.12.2025. Allseitige Begeisterung über die von Christian Thielemann dirigierte Jubiläumsaufführung von Alban Bergs "Wozzeck" in Berlin - van ist insbesondere von der Besetzung beglückt. Herta Müller taucht in der Zeit tief in András Viskys Arbeitslagerroman "Die Aussiedlung" ein. Der Tagesspiegel ärgert sich darüber, wie durch Xavier Naidoos Comeback Antisemitismus normalisiert wird. Wenig Freude hatten die Filmkritiker an James Camerons Blockbuster "Avatar 3": Während die Welt Indigenenkitsch diagnostiziert, hofft die gleichfalls enttäuschte FAZ, dass der Film mit seinem Erfolg das Kino rettet.
16.12.2025. Die Filmkritiker sind entsetzt über den Mord an Regisseur Rob Reiner und seiner Frau. Die FAZ lässt sich von der singenden Ameisenkönigin aus Peter Ronnefelds grotesker Oper "Die Ameise" betören, die in Bonn zu sehen war. Die SZ gibt mit den Fadenkunstwerken der japanischen Künstlerin Kazuko Miyamoto bereitwillig eindeutige Perspektiven auf. Zeit Online fragt, warum unter Popstars in letzter Zeit der Nonnen-Look so beliebt ist.
15.12.2025. Die Nachtkritik berichtet vom israelischen Theaterfestival "Isradrama" - und über den Boykott israelischer Künstler in Europa. Jens Balzer beobachtet in Zeit online mit Sorge die Verschmelzung von Fiktion, KI und Fanfiction bei Disney. Die Frankfurter Zeitungen vertiefen sich in "Das Bildnis des Dorian Gray" an den Frankfurter Bühnen. Aus den dunklen Kellerecken des britischen Postpunk kommt möglicherweise ein großer neuer Star, hofft der Standard: Sofia Isella.
13.12.2025. Die Welt staunt, wie es Eva Victor gelingt, das Trauma einer Vergewaltigung in ihrem Film "Sorry, Baby" in eine "leichtherzige Tragikomödie" zu verpacken. Die SZ ist entsetzt über die ARD-Serie "Mozart/Mozart", in der man fast keinen Mozart hören kann. Hyperallergic ergründet im Jüdischen Museum in New York die beunruhigenden Körperlandschaften der Malerin Joan Semmel. Im FAZ-Interview spricht sich die Schriftstellerin Linn Ullmann gegen Canceln in der Kunst aus.
12.12.2025. In der Welt ärgert sich die Kunsthistorikerin Anna Wienert, dass jüdische Künstler nach 1945 keine Aufmerksamkeit erhielten - im Gegensatz zu Gerhard Richter und Anselm Kiefer. In der taz werfen die Schriftsteller Clemens Böckmann und Domenico Müllensiefen Mariam Lau von der Zeit vor, mit ihrer Rezension eines neurechten Romans, die Rechte weiter in die gesellschaftliche Mitte zu holen. Monopol bewundert in Bremen Künstlerinnen hinter Blumenstillleben in Gemälden von Sibylle Springer. Und die FAZ blickt mit Martin Helmchen und Schuberts Klaviersonaten ins Auge des Sturms.
11.12.2025. Die taz blickt mit dem mexikanisch-amerikanischen Fotografen Philip Montgomery in den Hamburger Deichtorhallen auf das Staatsversagen der USA. Im Standard wirft der israelische Regisseur Nadav Lapid Israel ein "Vergehen am Begriff Antisemitismus" vor. Im VAN-Gespräch zeigt der Dirigent Paavo Järvi Verständnis für Künstler, die sich Putin anbiedern. Und im Perlentaucher freut sich Peter Truschner über die Wiederentdeckung der russischen Fotografin Olga Ignatovich.
10.12.2025. Wird Netflix nach der Warner-Übernahme wirklich zum Totengräber des Kinos, fragt sich der Freitag. Die Welt begibt sich schauernd in die eisigen Steppen einer Mailänder Schostakowitsch-Inszenierung. Die FAZ mokiert sich über Claire Tabourets teils nach Kölner Karneval ausschauende neue Fensterentwürfe für Notre Dame. Wolfram Weimer lässt sich von den Streamern über den Tisch ziehen, ärgert sich Zeit Online angesichts aktueller Verhandlungen über mögliche Beiträge von Netflix & Co zur deutschen Filmwirtschaft.
09.12.2025. Der Tagesspiegel resümiert László Krasznahorkais Nobelpreisrede, die einen "unheimlichen Blick in den Abgrund einer ausgeplünderten Erde" wirft. Der Netflix-Warner-Krimi geht weiter: Nun hat Paramount als trump-naher Konzern sein Angebot erhöht. Die taz porträtiert den israelischen Künstler Zeev Engelmayer, der die Opfer des 7. Oktober und in Gaza auf Postkarten vor Augen führt. Die Theaterkritiker amüsieren sich prächtig, wenn Sophie Rois als Franz von Assisi an der Volksbühne Brathähnchen speisend in den Klassenkampf zieht.
08.12.2025. Die US-Regierung macht sich Sorgen zur Netflix-Übernahme von Warner, weiß die Zeit. Wolfram Weimer versäumt es laut SZ, Streamingdienste mit einer gesetzlichen Lösung zu mehr Beteiligung an deutschen Produktionen zu verpflichten. Über Burkhart Kosminskis "Hamlet" am Schauspiel Stuttgart sind sich die Kritiker nicht so einig: Die FR betont den wichtigen Protest gegen mögliche Kulturkürzungen, für die Nachtkritik passt trotzdem nichts wirklich zusammen. Und alle trauern um den Architekten Frank Gehry und um den Fotografen Martin Parr.
06.12.2025. In der WamS erzählt Boualem Sansal, wie man im Gefängnis von einem Menschen zu einer Nummer wird. SZ und nachtkritik folgen in Sandra Strunz' Münchner Inszenierung "Play Auerbach" amüsiert einer beflissenen Antisemitismusbeauftragten, die in jedes Fettnäpfchen hüpft. Sollte Netflix Warner übernehmen, könnten noch mehr Filme aus den Kinos abgezogen werden, befürchtet die NZZ. In der FAZ feiert Sebastian Guggolz die Besondernheiten der litauischen Literatur. Pritzkerpreisträger Frank Gehry ist im Alter von 96 Jahren gestorben, melden die Agenturen.
05.12.2025. Die taz freut sich in Hannover über die Wiederentdeckung der Künstlerin Käte Steinitz, die FAZ blickt derweil in Wien auf Bilder von Beinen, die Lisette Model im New York der Vierziger machte. Der Eurovision Song Contest ist am Ende, meint Zeit Online, nachdem mehrere Ländern angekündigt haben, die Veranstaltung aufgrund der Teilnahme Israels zu boykottieren. Die nachtkritik bedauert, dass Yael Ronen an der Schaubühne die Frage nach der Position israelkritischer Juden in Deutschland in "tiefenpsychologischem Klimbim" erstickt. Und der Filmdienst fragt: Warum ein Kinoporträt über Robert Habeck?
04.12.2025. taz und Monopol schauen sich in der Warschauer Kunstszene um, die sich langsam von den Jahren der PiS-Regierung erholt. Die FAZ freut sich, dass die Kunstmuseen Krefeld der Architektin und Designerin Charlotte Perriand zu ihrem Recht verhelfen. NZZ und Welt fragen sich, ob der Eurovision Song Contest über die Frage an der Teilnahme Israels zerbrechen wird. Und der Perlentaucher hofft, dass Lav Diaz' neuer Film "Magellan" in die deutschen Kinos kommt, denn niemand im Weltkino kreiert derart monströse Einstellungen.
03.12.2025. FAZ und FR vollziehen in Frankfurt Max Beckmanns Werdegang anhand von dessen Zeichnungen nach. In der Welt ärgern sich Bernd Stegemann und Angela Richter über moralische Tugendwächter im Theater. Die SZ erklärt indes, wie der "Othello" heute noch inszeniert werden kann: Dank Color-blind oder Color-conscious Casting. Die taz lernt in Felix Moellers Dokumentarfilm "Weltkarriere einer Lüge", in welchen Lagern die "Protokolle der Weisen von Zion" nach wie vor verfangen. Außerdem erfährt sie: Türkischer K-Pop kommt bei den Kulturhütern des Landes nicht besonders gut an.
02.12.2025. Jafar Panahi ist im Iran in Abwesenheit zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden, melden die Agenturen. Der Guardian erkennt in der Tom-Sandberg-Retrospektive in Oslo die Poesie von Nieselregen. Die FR lauscht mit Annika Kahrs in Berlin derweil Streicherinnen in sterbenden Konsumtempeln. Die taz blickt mit Olga Ravn zurück auf die Hexenverfolgung im Dänemark des 17. Jahrhunderts und fragt: Wie kann eine solidarische Gemeinschaft entstehen? Und die Theaterkritiker sind uneins, ob Stanislaw Lem gut auf der Bühne funktioniert.
01.12.2025. FAZ und Zeit versuchen die Gemüter um die Blackfacing-Debatte am Hamburger Schauspielhaus zu beruhigen. Nachtwandelnde Londoner zeigen der taz in Sebastian Nüblings Adaption eines Kae Tempest-Gedichts die drängenden Probleme unserer Gesellschaft im Jahr 2025. Die SZ feiert Mark Waschkes und Katharina Starks Serie "I am the Greatest". Im Kunstmuseum Basel gehen die Geister um, die NZZ denkt dabei über ihre Menschlichkeit nach. Benedict Wells tritt in der Zeit für mehr echten menschlichen Schmerz statt KI in der Literatur ein. Und alle trauern um den Dramatiker Tom Stoppard.