Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Juni 2019

Ich reihte sie daran auf und zack

19.06.2019. Der Friedenspreis geht in diesem Jahr an Sebastião Salgado. ZeitOnline feiert den Brasilianer als den großen Humanisten unter den Fotografen, die Welt sieht in ihm eher einen Theatraliker. Der Guardian hat keine Lust mehr auf Sommerfeste im Pavillon der Serpentine Gallery. Die NZZ beobachtet, wie die Kasseler Museen junge und migrantische Besucher erschließen. In der SZ plädiert Charlotte Krafft für mehr romatische Ironie. In der taz plaudert  die Fotografin und Punk-Chronistin Roberta Bailey über ihre Zeit mit den Ramones.

Manchmal auch edle Wahrheiten

18.06.2019. FAZ und Libération ergreift ontologischer Schwindel, wenn sie mit Marguerite Duras die Verlassenheit des Menschen in Paris und den Höhlen der Steinzeit erkunden. Die NZZ bewundert, mit welcher Grazie der große graue Elefant in Basel seine Augen öffnen und schließen kann. In der NZZ pocht auch Elif Shafak auf ihr Recht, schamlos und unanständig zu schreiben. Die SZ freut sich über den schmutzigen Klang der Compilation-Reihe "Nigeria 70". Und ZeitOnline leistet sich eine Cordjacke.

Narretei und Drolerie

17.06.2019. Zeit Online erlebt auf der Art Basel mit dem saudischen Künstler Abdulnasser Gharem, wie der Journalist Jamal Khashoggi zu Beethovens siebter Sinfonie ermordet wurde. Die taz zieht sich in Bern lieber mit gigantomanischen Insekten in die Beichtstühle der Amelie von Wulffen zurück. Die FAZ beobachtet mit Grauen, wie in Usbekistan Denkmäler zerstört und für frei erfundene Monumentalbauten ersetzt werden. Die SZ sucht Strandlektüre und greift zum Porno. Und alle trauern um den italienischen Regisseur Franco Zeffirelli.

Ein Reigen weiterer kleiner Köpfe

15.06.2019. In der SZ kritisiert Horst Bredekamp eine "extreme Ethisierung der Kultur". Auch René Pollesch hält in der SZ nicht viel von politischer Korrektheit, wenn sie nur als "Marketingtool" dient. Ein Verlag ist kein Gleichstellungsbeauftragter, entgegnet die Literarische Welt jenen, die sich über den geringen Frauenanteil in Rowohlts Herbstkatalog ereifern. Die Musikkritiker lauschen in Bruce Springsteens neuem Album einem Melancholiker, der sich nach dem Trump-Schock in die innere Migration zurückgezogen hat.

Ein wandelndes wässriges Würstchen

14.06.2019. Der Guardian staunt, wie die Malerin Paula Rego einst mit schmutzigen, bösen Bildern die Legalisierung der Abtreibung in Portugal vorantrieb. Im Börsenblatt beklagt Iris Radisch eine Buchwelt, die sich mit Yoga statt Literaturkritik selbst demontiert. Die SZ lernt in Sao Paulo die Attraktivität dichter Städte kennen. In der Welt antwortet Matthias Heine seiner Zeit-Kollegin Jana Hensel, die sich bei Twitter ereiferte, nun gebe es ja gar keinen Ost-Intendanten auf "ostberliner ground": Es gibt ja auch kaum noch Theater auf West-Berliner-Grund. Und im Zeit-Online-Interview geht Jim Jarmusch mit sehr trockenen Zombies spazieren.

Ein lebendiger Humus aus Tönen und Stimmen

13.06.2019. Theater-Berlin ist nach der Ernennung von Rene Pollesch zum Volksbühnen-Intendanten in Aufruhr: Der Pate kehrt zurück, meint der TagesspiegelNeuanfang sieht anders aus, rufen auch SZ und Zeit-Online. Die Entscheidung ist ein "Meilenstein der Theatergeschichte", findet indes die Berliner Zeitung. taz und SZ  blicken in László Nemes "Sunset" auf den Vorabend des Ersten Weltkriegs zurück. Die FR reist mit zwölf internationalen Fotografen auf hohem Niveau verwirrt durch Israel und das Westjordanland. Die SZ öffnet mit der Krautpop-Band Von Spar eine Wundertüte.

Die Entdeckung der Prothetik

12.06.2019. Rene Pollesch wird wohl neuer Intendant der Volksbühne, melden die Theaterkritiker. Hyperallergic feiert in London die Moderne des marokkanischen Künstlers Mohamed Melehi und der Casablanca Art School. Der Observer freut sich schon auf die große Cindy-Sherman-Retrospektive mit all ihren großen Serien. Die bequeme Zeit der Ironie ist zu Ende, lernt die FAZ bei Jim Jarmusch. Die SZ besucht den Komponisten Louis Andriessen. Die taz hat die Nase voll von gängigen Diskursen an deutschen Theatern.

Das kratzt schon kräftig am Tabu

11.06.2019. In der Berliner Zeitung findet die Schriftstellerin Elif Shafak auf dem Istanbuler Friedhof der Geächteten Geschichte und Gegenwart der türkischen Gesellschaft. Auch ganz ohne Frauenquote setzten sich Frauen bei den Autorentheatertagen durch, freut sich die SZ. Die Welt wird nicht besser, nur weil drei Frauen drei Stücke von drei Frauen auswählen, giftet die FAZ. Theater ist ohnehin nicht mehr das, was es einmal war, seufzt Autorenverleger Karlheinz Braun in der Nachtkritik. Die taz blickt mit dem nüchternen Blick des Franco Zecchin auf die Brutalität des Mafiakrieges in Palermo.

Wie aus Bärenkrallen geschaffen

08.06.2019. Der Freitag staunt im New Yorker Museum of Art über Fetisch und Perversion alter Western-Plakate. "Habemus Volkstheater-Intendant", freut sich der Standard über die Wahl von Kay Voges, der das Haus zur digitalen "Factory für Theaterkunst" umbauen möchte. Aber bitte ohne "Spaßetteln" und Mut, ruft der Rest der Wiener. FAZ und FR klettern mit John Armleder in der Schirn auf überdimensionale Katzenkratzbäume. taz und Welt empfehlen die Neuentdeckung der Tagebücher Anne Franks. Und alle trauern um den Bluesmusiker Dr. John.

Sagte sie 'Samarkand' zur Scheidewand

07.06.2019. Hyperallergic stellt die taiwanesische Künstlerin Shu Lea Cheang vor. Historismus in der Architektur zeugt nicht immer gleich von reaktionärer Gesinnung, meint die SZ im Streit um "rechte" Räume. In der Zeit erzählt Maxim Biller von seiner Begegnung mit Viktor Jerofejew. Die Welt fürchtet einen filmhistorischen Vatermord am ehemals Neuen Deutschen Film. Wenn Abrechnung mit den Männern, dann nicht wie derzeit auf der Volksbühne, bittet die NZZ. Die Musikkritiker schlachten Madonna, die als alte Frau einfach weitermacht.

Engelsprozession und schwarze Katze

06.06.2019. FAZ, NZZ und Tagesspiegel erliegen der munteren Tücke Luzifers in Karlheinz Stockhausens Spektakel "Licht". In der NZZ sucht David Grossman nach jeder noch so kleinen Nuance der menschlichen Existenz. Die taz hört Grime mit Verweisen auf die Afro-Diaspora von Skepta. Die Filmkritiker heben ab in Lee Chang-dongs "Burning". Die NZZ ahnt, warum Rudolf Stingel neben Picasso unwahrscheinlich modern wirkt. Die NYRB hält an de Kooning fest.

Caesars Baumeister irrte

05.06.2019. Als große Analytiker des Alltags feiert die Nachtkritik das Aktionstheater Ensemble und fordert eine Österreicher-Quote in den deutschen Feuilletons. In der taz folgt der Afrikanist Ronald Radano den Spuren afrikanischer Musik ins Berlin des frühen 20. Jahrhundert.  In der Welt hält Hans Kollhoff die Debatte um rechte Räume für totalen Quatsch.  Olivier Assayas' neuer Film "Zwischen den Zeilen" löst recht konträre Reaktionen aus: Die FAZ sieht die Idee des Kinos neu belebt, die taz fühlt sich totgequatscht.

Das auf Anhieb überzeugend Neue

04.06.2019. Im Tagesspiegel klopft Hans Kollhoffs Verteidigung zu seinem Walter-Benjamin-Platz auf eventuelle Löcher ab. Die taz lernt in Nordthailand, an der Kleidung den Wellenschlag des Mekong abzulesen. In der NZZ baut Nell Zink auf poetische Genauigkeit. Die SZ schwingt sich mit Stockhausen und dem Pelargos-Quartett in musikalische Helikopter-Höhen. Und die Welt stellt klar, dass Hollywood zwar in Sachen Abtreibung stets liberal dachte, aber nicht unbedingt bei der Selbstbestimmung von Frauen.

Künste eines wunderlichen Tieres

03.06.2019. In der FAZ fragt Theatermann Günther Rühle, wo die Autoren sind, die heute die Themen aus der Gesellschaft ins Theater holen können. Die SZ erlebt mit "Diamantino" ein Kinowunder und wie man Erhabenes mit Riesenwelpen kombiniert. Im Standard erklärt die Choreografin Anne Teresa de Keersmaeker, wie man Bachs bewegte Architektur tanzt. Auf 54books überlegt Simon Sahner, ob der allseits bewunderte Jörg Fauser heute vielleicht auch von einer Kiste herab AfD-Parolen schwingen würde.

Ritual der Selbstdisziplin

01.06.2019. Isabelle Huppert als Maria Stuart geht den Theaterkritikern immer noch nach - nur die große neue Freiheit, die Robert Wilsons Inszenierungen einst versprachen, die lässt noch auf sich warten. Die NZZ würde auch Kleider von Christian Dior gern mit etwas mehr Kritik und Kontext präsentiert bekommen. Der Freitag feiert Mehmet Akif Büyükatalays Debütfilm "Oray". Die FAZ lauscht dem Schweigen vietnamesischer Schriftsteller zum Vietnamkrieg. Sony will seine durch Streaming-Gebühren gefüllte Kasse nach Berlin bringen, berichtet die taz.