Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Januar 2019

Glück ist schlecht

18.01.2019. Die Musikkritiker feiern mit James Blake Leib und Äther. In der Zeit erinnert sich Claus Peymann an Einar Schleefs Furor, der auch mal blutige Wunden schlagen konnte. Die Filmkritiker loben die Integrität von Nadine Labakis libanesischem Straßenkinder-Drama "Capernaum". Die Möbeldesign-Branche ist männlich dominiert und auch ansonsten ziemlich gestrig, stellen SZ und Zeitmagazin fest. Und Hyperallergic staunt über Jean Jacques Lequeus protosurrealistische Architekturzeichnungen von Genitalien. 

Sie haucht, rollt, hetzt durch Text

17.01.2019. FAZ und SZ freuen sich über den Ernst-von-Siemens-Preis für die bewegten Hörlandschaften der Komponistin Rebecca Saunders. Die Berliner Zeitung erinnert daran, dass das Bauhaus auch Theater konnte, woran uns heute vor allem amerikanische Künstler erinnern. Der neue "Maria Stuart"-Film ist feministisch ganz auf der Höhe der Zeit, loben die Filmkritiker. Die NZZ wandert auf den Spuren Arthur Schnitzlers durch Wien. Und: die Feuilletons trauern um Kinderbuchautorin Mirjam Pressler.

Die Performativität eines Eis

16.01.2019. Hyperallergic feiert die melancholische Absurdität in den Skulpturen von András Böröcz. Die SZ gibt sich dem Totalen Tanztheater hin. Die NZZ bewundert die überflüssig-notwendige Schönheit der Häuser in Hollywood. Die Welt berichtet, dass Jonas Kaufmann nicht mehr in der Elbphilharmonie singen will, weil ihm die Akustik zu schlecht ist. In der FAS warnt Michael Moore davor, Donald Trump nicht ernst zu nehmen. Sein neuer Film "Fahrenheit 11/9" kommt bei den Kritikern dennoch nur mäßig an.

Gut möblierte Ratlosigkeit

15.01.2019. Zum Bauhaus-Jubiläum erklärt der Architekturtheoretiker Philipp Oswalt in der taz: Nicht vom Bauhaus kamen die relevanten Beiträge zum modernen Bauen, sondern von der Sozialdemokratie. Außerdem dechiffriert die taz die Arbeiten der amerikanischen Künstlerin Lorraine O'Grady. In Beat Furrers neuer Oper "Violetter Schnee" kriecht der SZ   kosmische Kälte den Rücken hoch. Die NZZ blickt auf Japans junge Autorengeneration. Der Freitag spürt die Faust von Samuel Fuller in den neuen Berliner Gangster-Serien.

Im Dickicht irrationaler Wünsche

14.01.2019. Die FAZ hätte sich ein Bauhaus-Jubiläum gewünscht, das auch an die abgründigeren Seiten der Kunstschule erinnert. Der FR geht in die Knie vor den herrschaftlichen Imponiergesten der Mykener. Die NZZ erkundet die Schönheit japanischer Keramik. Perfektes Handwerk erlebt die SZ in Robert Ickes Inszenierung von Arthur Millers "Hexenjagd" in Basel. Und im Dlf Kultur fordert Maxim Biller von der Literaturkritik echte Argumente oder wenigstens richtiges Bauchgefühl.

Katzenhaftigkeit und vorsichtige Intelligenz

12.01.2019. "Stella" ist doch die Wunscherfüllung deutscher Literaturkritik, nimmt die Literarische Welt Takis Würger vor seinen Kritikern in Schutz. Die FAZ versucht derweil Michel Houellebecq mit H. P. Lovecraft zu verstehen. Artechock rauft sich mit Blick auf die Harmlosigkeit der Longlist zum Deutschen Filmpreis die Haare. Die NZZ lernt von Ferdinand Försch, wie man mit Schrottplatz-Instrumenten die Neue Musik herausfordert. Und Hyperallergic begibt sich auf die Suche nach dem verschwundenen "Salvator Mundi".

Ausbeutung der Vergangenheit

11.01.2019. Der Standard staunt im Wiener Dommuseum, wie gut die Passion Christi und feministische Körperpolitik zusammenpassen. Gibt es nicht mehr als fünfzehn Autoren, die man auf den großzügig subventionierten deutschen Bühnen spielen kann, stöhnt die FAZ. Die Filmkritiker erliegen der Sinnlichkeit schöner Bauernmädchen bei der Landarbeit in Marine Francens Debütfilm "Das Mädchen, das lesen konnte". Die Literaturkritiker stürzen sich auf Takis Würgers "Stella". Und die Welt reist durch die poppigen Berliner U-Bahnhöfe von Rainer Gerhard Rümmler.

Höllisch einfach

10.01.2019. Die Filmkritiker bestaunen atemlos das kleine, somnambule Glück der späten DDR in der Verfilmung von Ingo Schulzes Roman "Adam und Evelyn". Der Tagesspiegel fürchtet eine Re-Stalinisierung von Polens Filmindustrie und applaudiert einer Ausstellung über DDR-Pop in Frankfurt/Oder. Die NZZ gibt sich den Polyrhythmen der Jazzmusikerin Luzia von Wyl hin. Die FAZ feiert das Wunder von Münster, einen Altar der Comic-Künstlerin Anke Feuchtenberger.

Das Tschirpen der Vögel im Dschungel

09.01.2019. Die FAZ berichtet, dass Norman Foster in New York die nächste Stufe in Kampf der Wolkenkatzer zündet. In der SZ mahnt der Schauspieler Jürgen Holtz zu einer Demut, die ihr Talent nicht verkauft. Über das Gebaren der Schwedischen Akademie kann die SZ nur noch den Kopf schütteln. Die taz beobachtet, wie Netflix jetzt auch den Filmmarkt in Nigeria aufrollt. Der Standard wiegt sich zu den Avantgarde-Metal-Klängen des indonesischen Duos Senyawa. Die Berliner Zeitung vermisst Heiner Müller.

Schweigen gehört zum Handwerk

08.01.2019. Die SZ stellt betreten fest, dass Strawalde, der Kompromisslose unter den großen DDR-Malern, erst jetzt seine erste Retrospektive bekommt. Die peruanische Künstlerin Teresa Burga war auch nicht gerade vom Betrieb gefördert, ergänzt die FAZ. In der taz plädiert die Unternehmerin Guya Merkle für fairen Schmuck. Die Tell-Review unterzieht Houellebecq dem gefürchteten Page-99-Test. Die NZZ wärmt sich am Ölofen der Änderungsschneiderei.

Unbefugte Berufsausübung

07.01.2019. Die taz lernt im Friedrichshafener Zeppelin-Museum, was das Bauhaus heute entwerfen würde: Eine A-Z Living Unit zum Beispiel oder Wohnmodelle in Startup-Ästhetik. Die SZ freut sich über die Entweihung des Kunstkomikers Marcel Duchamps in Stuttgart. Die NZZ schildert, wie Kubas Künstler das Recht auf Vulgarität, schlechten Geschmack und Mittelmäßigkeit verteidigen. Die FAZ erlebt in Menlo Park einen Traum aus veganem Apfeleis und Gojibeerensaft.

Muss man wirklich so deutlich werden?

05.01.2019. Die Literaturkritiker hielten es nicht aus bis Montag und stürzen sich auf Michel Houellebecqs neuen Roman "Serotonin". "Etwas Kränkeres hat Houellebecq nie erfunden", beschwert sich der Tagesspiegel. Die SZ spricht von einem "unglücklich gealterten Textsack", "hyperzeitgenössisch", ruft dagegen die Welt. Aber alle sind doch angerührt von dem Lebensschmerz, den sie im Roman spüren. Außerdem: Hyperallergic feiert den Brutalismus als Liebe zur Unvollkommenheit. Die Berliner Zeitung besucht die neue Bibliothek von Helsinki und ruft: Berlin, nimm dir ein Vorbild.

Kunst als Rohstoff

04.01.2019. In der taz trägt der japanische Musiker Haruomi Hosono exotisches Vogelgezwitscher von den USA nach Hawaii, nach Okinawa und dann in die ganze Welt. Die FAZ sucht die Wildnis in der Frankfurter Schirn. Die NZZ lernt von dem irakisch-schweizerischen Schriftsteller Usama Al Shahmani, wieviele Facetten der Begriff "Heimat" hat. In der SZ fürchtet der chinesische Science-Fiction-Autor Cixin Liu, das Internet könnte eine neue Kulturrevolution befördern.

Waterboarding für Frauen. Sehr tough

03.01.2019. Der Tagesspiegel erinnert daran, dass Europas neue Kulturhauptstadt Matera vor nicht allzu langer Zeit ein einziges Elend war. Die NZZ kritisiert das Schauspielhaus Zürich als heterogene, weiße, bildungsbürgerlich-einige Bastion der Kultur. Die SZ sieht das genauso für das Münchner Haus der Kunst. Der Guardian entdeckt neue Musiker fast nur noch über Spotify. Und die Schriftstellerin Christina Viragh nimmt in der NZZ Abschied von Ungarn und seinen Szikramanók.

Ein stummer Gast, eine lauernde Angst

02.01.2019. Der Tagesspiegel besichtigt feministische Kunst in Berlin, die nicht mal mehr süßes Babyrosa scheuen muss. Die SZ hört mit Jimmie Allen und Kane Brown, dass Country wieder schwarz wird. Die taz preist die deutsch-amerikanische Lyrikerin Lisel Müller. In ihren Nachrufen auf den Schriftsteller Edgar Hilsenrath erinnern sich die Feuilletons auch etwas betreten daran, wie lange Hilsenrath für seine Holocaust-von der deutschen Kritik Romane geschmäht wurde.