Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.10.2018 - Bühne

Szene aus "König Lear" am Schauspielhaus Hamburg. Foto: © Matthias Horn

"Konnte die Welt noch dunkler werden? So geborsten, wie sie war - 2009 in Köln. Als 'König Lear' eine Frauensache abgab und doch in nichts einem Männer-Ding nachstand. Barbara Nüsse ging für Karin Beier in den Wahn, der sie ihre Wunde aushalten ließ. Mit ihr ging mehr als ein Reich zuschanden ... Nun dreht es sich", schreibt nachtkritiker Andreas Wilink über Karin Beiers neue Inszenierung von Shakespeares "König Lear" am Schauspielhaus Hamburg. "Die Welt - 'What a wonderful world', wie der Narr mit kleiner Stimme singt - muss nicht Schwarzweiß zu Grunde gehen. Sie kann es in Farbe tun und uns dabei eine Nase drehen. Sie ist tollwütig, ungebärdig, politisch diskursiv, schürft sich auf. Manchmal bis aufs rohe Fleisch. Bisweilen wird es einem zu bunt und zu viel. Beier kehrt alle Gravitas unter den Teppich, holt das Stück aus der Zeitlosigkeit des Endspiels in die Gegenwart der Schrecken: mit einem Epilog als revoltierendem Manifest der Heimatlosen, Entwurzelten, Vertriebenen, vorgetragen vom überlebenden Edgar (Kampwirth). Dieser 'Lear' folgt vielen Fährten: der des Geschlechter-Kampfes und seiner variablen Grenzen. Es scheint, als würde erst im Wechsel der Masken das Doppelgesichtige deutlich, als würden Kostüme, Farben, Aufputz, verstellende Identitäts-Attribute das Figuren-Innere ausloten."

In der taz porträtiert Sabine Seifert den Regisseur Georg Genoux, der versucht, mit Theater die Menschen zu heilen - erst kriegstraumatisierte Ukrainer und nun die Sachsen: "Seit fünf Monaten arbeitet er in Zittau, die taz hat ihn dabei begleitet. 'Das Dokumentarische inszenieren: einen größeren Gegensatz gibt es kaum', sagt Genoux auf dem Marktplatz. Er versucht etwas aus der Wirklichkeit auf die Bühne zu holen, etwas sichtbar zu machen, das man im Alltag nicht sieht. Der Regisseur legt die Sonnenbrille mit sehr kleinen Gläsern vor sich auf den Tisch. Es geht ihm um Verletzungen, beschädigte Biografien und unbeschädigte Träume. 'Die Wirklichkeit noch wirklicher machen', nennt er es. 'Ich weiß, dass das angreifbar ist.'"

Besprochen werden außerdem Thorleifur Örn Arnarsson Inszenierung von Shakespeares "Macbeth" am Schauspiel Hannover (nachtkritik, FAZ), Stephan Müllers Inszenierung von Dürrenmatts "Besuch der alten Dame" am Theater in der Josefstadt in Wien (Presse, Standard, FAZ), Christine Eders und Eva Jantschitschs Politshow "Verteidigung der Demokratie" am Volkstheater Wien (nachtkritik, Presse, Standard) sowie Ursina Tossis Choreografie "Blue Moon" auf dem Hamburger Kampnagel (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.10.2018 - Bühne

Szene aus "Drei Milliarden Schwestern" von Bonn Park und Bernd Roessler an der Volksbühne Berlin. Foto: Thomas Aurin


Eine "knallige, zum Niederknien komische, mit enormem Sprachwitz aufgepeppte musikalische Revue sehr frei nach Tschechow servierte" Aufführung des Jugendtheaters der Berliner Volksbühne, P 14, erlebte NZZ-Kritiker Bernd Noack. "Nicht 'nach Moskau' zieht es die Schwestern, aus deren drei gleich drei Milliarden geworden sind, sondern zu einem Kometen, der Erde und Spaß bedroht. Weltenschmerz und Leidensüberdruss werden besungen und verkalauert und eine, die sich Mascha nennt - und wie alle herrlich poppig kostümiert ist -, versteigt sich sogar zum Ausruf: 'Gebt mir die Volksbühne, den Bundestag, das Universum!'" Angestoßen wurde die Inszenierung zwar noch von Chris Dercon, aber Noack nimmt sie gern zum Anlass, den Interims-Intendanten der Volksbühne Klaus Dörr als endgültigen Intendanten vorzuschlagen.

Weiteres: Jürg Zbinden stellt in der NZZ die Schweizer Schauspielerin Rebekka Burckhardt vor. Besprochen werden Ted Huffmans Inszenierung der "Salome" an der Oper Köln (FR) und Uwe Eric Laufenbergs Inszenierung der "Elektra" in Wien (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.10.2018 - Bühne

Die Komponistin und Performerin Julia Mihály denkt im Gespräch mit der neuen musikzeitung über neue Musik, Ökonomie und Kunst nach. Doris Meierhenrich berichtet in der Berliner Zeitung vom Festival "War on Peace" im Berliner Gorki-Theater.

Besprochen werden Jochen Biganzolis Inszenierung von Webers "Freischütz" in Lübeck (nmz), Verena Stoibers Inszenierung des "Freischütz" in Karlsruhe (FR) und Berlioz' Oper "Les Troyens" in Wien (FAZ).
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Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.10.2018 - Bühne

In der SZ trifft Julian Hans den russischen Theatermacher Alexej Malobrodskij, dem ab heute in Moskau der Prozess gemacht wird, zusammen mit Kirill Serebrennikow, Jurij Itin und Sofia Apfelbaum. Die Anklagen sind skurril, Unterschlagung wird ihnen vorgeworfen: So sollen sie etwa den "Sommernachtstraum" nie als Theaterstück produziert haben, obwohl es noch immer zu sehen ist. "Während der fast einjährigen Untersuchungshaft hatte er viel Zeit, darüber nachzugrübeln, wie er und seine Kollegen in die Mühlen des russischen Justiz- und Strafsystems geraten sind. Er erklärt es sich so, dass irgendjemand das Kommando 'Fass!' gegeben hat, aus Eigennutz oder aus Kränkung. Dann beginnt das System zu arbeiten, die Untergebenen erfüllen ihre Aufgaben ohne moralische Hemmungen." Eines fällt Hans noch ein: "Dazu kommt, dass alle vier Angeklagten Juden sind."

In der FAZ umreißt Elena Witzeck, wie jetzt auch an deutschen Bühnen um Vielfalt und Repräsentanz diskutiert wird. Unter anderem zitiert sie die Regisseurin Anta Helena Recke: "'Wir kommen nicht weiter, wenn Türken nur von Türken und Schwarze nur von Schwarzen dargestellt werden', sagt sie. Wichtiger sei es, Sehgewohnheiten zu durchbrechen.

Weiteres: In der Berliner Zeitung fordert Petra Kohse eine Erhöhung der Einstiegsgehälter für SchauspielerInnen, wie es das Theater Dortmund gerade vorgemacht hat. Tagesspiegel-Autor Frédéric Döhl möchte mehr Broadway-Musicals auf deutschen Bühnen sehen.
Stichwörter: Serebrennikow, Kirill

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.10.2018 - Bühne

Besprochen werden Debussys Vertonung von Edgar Allen Poes "Der Untergang des Hauses Usher" an der Berliner Staatsoper (Tagesspiegel), David McVicars Inszenierung von Berlioz' "Les Troyens" an der Wiener Staatsoper (die Ljubisa Tosic im Standard als "Modenschau szenischer Konventionen" geißelt), Johann Kresniks "Macbeth" in Linz (Standard), Ted Huffmans Kölner Inszenierung von Strauss' "Salome" an der Oper Köln (FAZ) Sebastian Nüblings Bühnenadaption von Sasha Marianna Salzmanns Roman "Außer sich" am Berliner Gorki-Theater (taz), Thomas Guglielmettis Dramatisierung von von Stefan Zweigs Novelle "Brief einer Unbekannten" am Theater Winterthur (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.10.2018 - Bühne

Patrick Güldenberg, Lorna Ishema und Sascha Nathan in "Revolt. She said. Revolt again". Foto: Julian Roeder/Berliner Ensemble

In einem feministischen Doppel inszeniert Christina Tscharyiski am Berliner Ensemble Stücke von Alice Birch und Marlene Streeruwitz. Streeruwitz' Stück "Mar-a-lago", das die Lebenslügen von Frauen ausstellt, tritt Nachtkritikerin Gabi Hift regelrecht in die Tonne, nennt es zynisch und hämisch, reinsten Verrat, weil es die "Lebenslügen" von Schauspielerinnen aufzeigt, die sich hochgeschlafen haben. Richtig gut gefällt der Kritikerin dagegen Birchs "Revolt. She Said. Revolt Again", in dem sie "gemeinsames Nachdenken" ebenso erkennt wie einen Aufschrei der Wut: "Eine leidenschaftliche, verzweifelte Reise durch den Alltag von Frauen, die daran erinnert, wie tief unsere Sprache, unsere Sitten, all unsere grundlegenden Ideen über Arbeit und Privatleben vom Erbe der Gewalt durchdrungen sind. Die einzelnen Szenen haben Übertitel - der erste heißt: 'Revolutioniere die Sprache (kehr sie um)' -, die klingen wie Aufrufe eines Manifests. Diese Aufbruchsstimmung wird durch Songs der Rapperin Ebow unterstützt, in denen sie die Punani Power feiert und durch schnelle comicartige Videoclips der Künstlerin Dominique Wiesbauer, die Spaß durch Empowerment versprechen. Aber bald wird klar, dass diese Titel keine Anweisungen sind, wie man es richtig machen soll, sondern Strategien der Frauenbewegung beschreiben, die allesamt gescheitert sind."

Besprochen werden Sebastian Nüblings Theateradaption von Sasha Marianna Salzmanns Roman "Außer sich" am Gorki Theater (Tagesspiegel, Berliner Zeitung, Nachtkritik), Peter Turrinis tröstliches Stück "Josef und Maria" am Theater in der Josefstadt in Wien (Standard), Lot Vekemans' Stück "Momentum" in Düsseldorf (SZ, Nachtkritik), Christian Spucks Inszenierung von Schuberts "Winterreise" mit dem Zürcher Ballett (NZZ) Alfred Jarrys "König Ubu" am Zürcher Theater am Neumarkt (NZZ), Simon Stones "Griechische Tragödie" am Berliner Ensemble (Welt, FAZ), Albert Lortzings komische Oper "Zar und Zimmermann" an der Volksoper in Wien (Standard) und Alex Ollés Inszenierung von Arrigo Boitos Ideen-Oper "Mefistofele" in Lyon (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.10.2018 - Bühne

Hinter Glas: Simon Stones "Griechische Tragödie" am Berliner Ensemble. Foto: Thomas Aurin


Antikes Drama, tolle Schauspieler, einen intelligenten Regisseur: Tagesspiegel-Kritiker Rüdiger Schaper erlebt bei Simon Stones "Griechischer Trilogie" am Berliner Ensemble vieles, was Theater groß. Leider auch vieles, was es schwer erträglich macht: "Gewalt folgt aus Gewalt, ansatzlos die Ausbrüche, unvermittelt. Wie Natur. Simon Stone hat in seiner 'Griechischen Trilogie' eine unangenehme Art, auf Schock zu spekulieren. Alle Männer sind Schweine. Alle Frauen leiden und sind ein bisschen doof."

Für Nachtkritikerin Esther Slevogt bleibt der Antiken-Splatter als feministisches Projekt auf halber Strecke stehen: "Er geht von der (im Programmheft formulierten) Prämisse aus, dass seit der Antike mit dem Theater etwas schiefgelaufen ist. Denn während Aristophanes und sein Kollege Euripides hier mit ihren Erzählungen von Frauenwiderstand 'komplexe, autonome und befreite Frauenfiguren' geschaffen hätten, würden wir aktuell in Regression verfallen. Das ist natürlich ein Irrtum. Denn 'Lysistrata', 'Die Troerinnen' und 'Die Bakchen' handeln allesamt von Männern - von Männern, deren Sexualtrieb stärker ist als die Vernunft (Lysistrata), von Männern, deren Zerstörungstrieb am Ende auch sie selber auslöscht (Troerinnen), und von Männern, deren rücksichtsloser Hedonismus eine Gesellschaft infiziert und in den Abgrund reißt (Bakchen). Nirgends sind da befreite autonome Frauen, sondern bloß Opfer und Projektionsflächen. Und so bleibt es auch bei Simon Stone." In der Berliner Zeitung bilanziert Ulrich Seidler recht nüchtern: "Für das Theater bringt das jedenfalls keinen Fortschritt."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.10.2018 - Bühne

Wie steht es nach Chris Dercons Weggang um den Tanz an der Volksbühne, fragen Astrid Kaminski und Elena Philipp in der nachtkritik. Dercons Verdienste für die Verbindung von Tanz, Bildender Kunst und Sprechtheater erkennen sie durchaus an: "Zugespitzt könnte man sagen, das Verdienst Dercons ist es, das Schimpfen über Tanz so weit herausgefordert zu haben, bis es in sich selbst zusammenfiel. Nun können wir wieder in Qualitäten denken. Die Ästhetiken von Theater und Tanz sind in den letzten 50 Jahren nicht ohne einander denkbar. Vielmehr als sich künstlerisch zu bekriegen, inspirieren sie sich gegenseitig, ergänzen einander oder setzen sich durchaus produktiv voneinander ab."

Weitere Artikel: Vom zunehmenden Verfall des norwegischen Nationaltheaters berichtet Aldo Keel in der NZZ. Besprochen wird Michael Thalheimers Inszenierung von Ödön von Horvaths "Glaube Liebe Hoffnung" am Wiener Burgtheater (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.10.2018 - Bühne

Im Standard porträtiert Helmut Ploebst die in Wien lebende chilenisch-mexikanische Choreografin Amanda Piña, die seit nahezu zehn Jahren mit der Werkreihe "Endangered Human Movements" gegen den Eurozentrismus anarbeitet: "Das Großprojekt soll den Europäern vermitteln, dass deren 'Moderne' und Definition dessen, was zeitgenössisch zu sein hat, nicht mehr die alleingültige Perspektive ist. 'Migrantin zu sein ist eine interessante Position, um künstlerisch zu arbeiten. Aber ich fühle mich nicht verpflichtet, über Kolonialismus zu reflektieren. Es ist einfach meine Agenda.'"

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.10.2018 - Bühne

Karlsruhes neue Schauspieldirektorin Anna Bergmann startet ihr Feminat mit dem Ibsen-Projekt "Nora, Hedda und ihre Schwestern", das die drei großen Frauendramen des Norwegers miteinander verschränkt. In der SZ freut sich Adrienne Braun über Bergmanns gelungen Start, in der FAZ atmet auch Martin Halter am Ende des Abends irgendwie erleichtert auf: "Dass Mann und Frau nach so viel Missverständnissen, Missbrauch und Männergewalt noch miteinander reden können, ist fast ein Wunder. "

Besprochen werden Christopher Rupings zehnstündiger Theatermarathon "Dionysos Stadt" an den Münchner Kammerspielen (taz) sowie die beiden Berliner Opernpremieren von Bergs "Wozzeck" und Cherubinis "Medea" (bei der NZZ-Kritikerin Eleonore Büning nur die Stimme von Sonya Yoncheva erfreute, Berliner Zeitung).
Stichwörter: Bergmann, Anna