Szene aus "Salome" an der Berliner Schaubühne. Foto: Katrin Ribbe Diesen Abend wird SZ-Kritiker Peter Laudenbach nicht so schnell vergessen: Michael Thalheimer inszeniert Einar Schleefs Einakter "Salome" an der Berliner Schaubühne und das ist nichts für schwache Nerven: "Theater wie ein Felsbrocken, an dem man sich den Kopf einschlagen kann." Lust sei "hier von Mordlust kaum zu trennen. Thalheimer macht aus dem Stück eine hoch konzentrierte Sprechoper. Die Auftritte der Spieler sind ins Statuarische getrieben, hart und dicht wie Schleefs Text, wenn sie ihre Monologe wie Wahnsinnsarien oder Todesurteile frontal ins Publikum schießen. Alina Stiegler genügen präzise ausgezirkelte Kopfbewegungen, um ihrer Salome eisige Gefühlskälte zu geben. Sehr lustig ist, dass die Stieftochter des Herrschers Herodes hier nicht rollenklischeetypisch als somnambule Jungfrau, sondern als gelangweiltes Rich Kid auftritt."
In der FAZ ist Irene Bazinger völlig begeistert von Thalheimers "abstrakt bestechenden Tableaus des Niedergangs". "Alles ist Form, alles ist Emotion - in seiner packenden Inszenierung sind das keine Widersprüche. Der Tanz der Salome etwa ist ein luzides Konstrukt aus zeitlupenhaft konzentrierten Gesten der Angst, der Demaskierung, des Selbstmords. Dazu begleitet die chinesische Musikerin Yuebo Sun, die nun auch auf die Bühne gekommen ist, auf der Erhu, einer zweisaitigen Röhrenspießlaute. Die sinnlich fremden, klagenden, exotisch anmutenden Klänge geben dem pantomimischen Tanz die Dimension einer Wahrheit, die endlich aufgedeckt wird."
Nach 130 Jahren wurde "Die Fritjof - Saga" von Elfrida Andrée und Selma Lagerlöf zum ersten Mal am Aalto-Theater in Essen uraufgeführt. Die Oper schrieb Andrée für einen Kompositionswettbewerb zur Eröffnung des neuen königlichen Opernhauses Stockholm und gewann die spätere Literaturnobelpreisträgerin als Librettistin, lesen wir. Für FAZ-Kritiker Jan Brachmann hat sich der Besuch der Oper, die die Liebesgeschichte zwischen der Prinzessin Ingeborg und dem Bauernsohn Fritjof erzählt, auf jeden Fall gelohnt: "Im zweiten Akt gibt es ein großartiges Liebesduett zwischen Fritjof und Ingeborg. Und es wird in Essen mit gazellenartiger Eleganz vom Tenor Mirko Roschkowski und mit lodernd-leichter Lyrik von der Sopranistin Ann-Kathrin Niemczyk gesungen. In der girrenden Musik durchdringen einander Hans-Sachs-Schwärmerei und Venus-Berg-Hitze. Da singen zwei Menschen, die es verhängnishaft zueinander zieht, voller Glut und Gier. Und trotzdem entscheidet sich Ingeborg für den Staatsfrieden und gegen das Glück einer erotischen Erfüllung."
Besprochen wird Philipp Preuss' Inszenierung von Tschechows "Kirschgarten" am Staatstheater Darmstadt (taz).
"Was ihr wollt (A Tortured Lover's Version)". Bild: Rolf Arnold.
Wer aus unerklärlichen Gründen noch nicht genug von Taylor Swift hat, sollte sich im Leipziger Schauspielhaus einfinden: Hier inszeniert Pia Richter Shakespeares Verwechslungskomödie "Was ihr wollt (A Tortured Lover's Version)" - also stellenweise mit Liedern von Swift. Die Aufführung gerät mit weniger als neunzig Minuten reichlich kurz, findet Andreas Platthaus in der FAZ: "Entfallen sind schließlich alle burlesken Szenen um die betrunkenen Edelleute und das böswillige Hauspersonal, damit auch die subtile Balance des Stücks zwischen gebundener und prosaischer Sprache. Von dieser Digest-Länge geht noch etwa eine Viertelstunde Taylor-Swift-Lieder ab - so kommen wir auf Shakespeare im Tiktok-Tempo. Andererseits sind auch die verbalen Schlagabtäusche von höchstem Tempo, was dem Bühnengeschehen guttut."
Nachtkritikerin Jorinde Minna Markert bleibt ebenfalls skeptisch: "Das Ganze kommt Best-of-mäßig daher. Handlung wird gerafft, Sätze werden mundgerecht gemacht, das Rollenpersonal durchökonomisiert, ebenso die ausufernde, aber nie uferlose Shakespeare'sche Sprache. Alles in allem - ziemlich entwilliamisiert. Das wäre ja gar kein Problem, wenn es dafür im gleichen Maße taylorisiert würde, wenn es zwischen elisabethanischer und spätkapitalistischer Motivik synergetisch glitzerte. Wenn im Zusammenspiel von Hoch- und Populärkultur eine Musik entstünde, die uns gleichermaßen verliebt wie heartbroken zurücklässt - wie eben nur gute Popsongs das können. Dafür wirken die Pop-Elemente und vor allem die Pop-Ikone hier aber oft zu behelfsmäßig, zu funktional und konstruiert ins Geschehen eingefügt. Zu viel wird erklärt, zu wenig den Zuschauenden zugetraut."
Wagners "Meistersinger von Nürnberg" sind nicht nur durch ihre NS-Rezeption ein schwieriges Stück, weiß Judith von Sternburg in der FR, aber Elisabeth Stöpplers Inszenierung an der Stuttgarter Staatsoper weiß zu überzeugen: "Stöppler und ihr Team erkennen ja die Energie dieser Musik und lassen sich davon tragen. Selten so heitere, leichtfüßige 'Meistersinger' gesehen und auch gehört, denn Cornelius Meister und das formidabel aufgelegte Orchester sind ihrerseits voll in Stimmung. Dann ist von der Ouvertüre an eine beträchtliche Wucht möglich und klingt dennoch nicht pathetisch. Tanzen willman, nicht marschieren."
FAZ-Kritiker Stephan Mösch ist auch absolut begeistert: "Die Stuttgarter Premiere ist klug ohne Krampf und sensibel ohne Selbstgefälligkeit. Ihre Fantasie ist so genau, dass sie mit gezielten Unschärfen arbeiten kann. Sie bleibt auch dort gelassen, wo es um die heikle Rezeption geht. Sie entlastet das Stück keineswegs vom Odium der Verführungskraft, aber sie verrät es auch nicht an die braunen Abschnitte seiner Wirkungsgeschichte. Kurz: Sie sucht und findet eine Balance zwischen dem, was die 'Meistersinger' seit jeher anziehend, und dem, was sie abstoßend macht."
Besprochen werden: Ersan Mondtag inszeniert Albert Ostermaiers "Munich Machine" am Münchner Residenztheater (unser Resümee, FAZ, Nachtkritik, Spiegel Online, SZ), Stefan Pucher inszeniert Büchners "Leonce und Lena" am Wiesbadener Staatstheater (FR), Michael Thalheimer inszeniert Einar Schleefs "Salomé"-Text, inspiriert von Oscar Wilde an der Berliner Schaubühne (Zeit, Berliner Zeitung, Nachtkritik, Tagesspiegel, taz), Marcel Kohler lehnt seinen "Robo Faber" am Staatsschauspiel Dresden an Max Frisch an (Nachtkritik), Joana Tischkau inszeniert Lamin Leroy Gibbas "Die Zwillinge" am Gorki Theater in Berlin (Nachtkritik), Ronny Scholz bringt "Polnische Hochzeit" am Theater Regensburg auf die Bühne, das Haus engagiert sich seit einiger Zeit für den vor den Nazis geflohenen Komponisten Joseph Beer (NMZ), Verdis "Luisa Miller" wird von Philipp Grigorian auf die Bühne der Wiener Staatsoper gebracht (Standard), Ruedi Häusermann bringt, angelehnt an Robert Walser, "Du denkst vielleicht, was hör ich da, und ich sage dir - es ist die Waschmaschine" auf die Bühne des Zürcher Schauspielhauses (NZZ) und "Dat Wasser vun Kölle es jot" nach einer Correctiv-Recherche, Regie führt Calle Fuhr am Schauspiel Köln (SZ, Nachtkritik).
Szene aus "Munich Machine". Foto: Birgit Hupfeld Nicht besonders glücklich wirdNachtkritikerin Susanne Greiner mit Ersan Mondtags Inszenierung von Albert Ostermaiers "Munich Machine" am Münchner Residenztheater. Denn das Stück, in dem Ostermaier den Regisseur KlausLemke reinkarnieren lässt, der dabei zusieht, wie Münchner Utopien in den vergangenen Jahrhunderten scheiterten, ist zwar unglaublich witzig, aber Mondtag kriegt es nicht ganz in den Griff, so Greiner: "Weil Mondtag nicht den Faden findet, um sie stringenter zu binden. So wirken die 'Utopien' teils nur lose aneinandergereiht. An manchen Stellen hätte Mondtag den Text auch kürzen können, beispielsweise bei den beiden Anfangsmonologen von Lemke und Münchner Kindl."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die Vermutung, dass Shakespeare seine Stücke nicht selbst geschrieben hat, ist nicht neu. Auch der Name Emilia Bassano, eine Dichterin jüdischer Abstammung, fiel als Urheberin schon häufiger. Nun glaubt die feministische Historikerin Irene Coslet in ihrem neuen Buch "The Real Shakespeare", dass es sich bei Bassano um eine venezianische Jüdin marokkanischer Abstammung handle - Thomas Ribi meldet in der NZZ Zweifel an: "Coslets Argumentation ist im Ganzen eher ideologisch als literaturwissenschaftlich: Die eurozentrische Sichtweise habe schwarze Autoren systematisch ausgeblendet, schreibt sie. Schwarze Autorinnen sowieso, weil der patriarchalen Gesellschaft die Vorstellung unerträglich sei, dass ein Genie wie Shakespeare kein weißer Mann sein könnte. Auf dem einzigen Bild, das von ihr erhalten ist, deutet allerdings nichts darauf hin, dass Bassano dunkelhäutig war."
Besprochen werden der Ballettabend "Waves and Circles" am Bayerischen Staatsballett (FAZ) und Kornel Mundruczos Inszenierung von Leos Janaceks Oper "Die Sache Makropoulos" an der Opéra Lille (FAZ).
Er würde sich eher umbringen als in München zu leben, sagt der Regisseur Ersand Mondtag im SZ-Gespräch mit Christine Lutz. Das hält ihn aber nicht davon ab, am dortigen Residenztheater derzeit Albert Ostermaiers "Munich Machine" zu inszenieren. In gut subventionierten Theatern arbeitet es sich leichter, aber doch müssen Bühnen Orte der Denkfreiheit bleiben, sagt er außerdem: "Viel wurde … durch die Politik verunstaltet. Da muss ich jetzt auch linke, also vor allem grüne Politik kritisieren, aber auch die CDU, die mit Antidiskriminierungsklauseln Denkverbote einführen wollte. Wenn jemand denkt, dass Israel als Staat eine problematische Anordnung ist, dann ist das eine Meinung - nicht meine, nur als Beispiel -, das muss ich doch nicht staatlich verbieten. (…) Der Israel-und-Palästina-Komplex hat auch alle Kulturinstitutionen in Angst und Schrecken versetzt. Dabei sollte das Theater der Raum sein, in dem wir über alles diskutieren können."
In der FAZ hat der Musikpädagoge Arnold Werner-Jensen ein ganz eigenes Problem mit dem Regietheater in der Oper (unsere Resümees): Wie soll er seinen Schülern das Libretto näherbringen, wenn sie auf der Bühne eine völlig andere Handlung erleben werden? "Hierin erweist sich die Praxis des Regietheaters oft als kontraproduktiv: Sie will durch Aktualisierung Nähe zur heutigen Lebenswelt herstellen, baut aber durch Widersprüche zur Originalfabel zusätzliche Zugangshürden auf. Opernhäuser sind immer auch musikalische Museen, auch wenn diese Zuordnung oft nicht unwidersprochen bleibt. (...) Wenn man den musealen Charakter eines Opernhauses mit seinem aktuell oft so freien Umgang mit dem Libretto akzeptiert, dürften dann in logischer Umkehrung nicht auch Produkte der bildenden Künste beliebig verändert, also 'aktualisiert' werden? Dürfte man dann nicht ein Gemälde von Vincent van Gogh 'ummalen'?!"
Weitere Artikel: Im Tagesspiegel-Gespräch mit Gunda Bartels beklagen die Schauspielerinnen Fritzi Haberlandt und Meike Droste, die derzeit Miranda Julys Menopausen-Roman "Auf allen vieren" auf die Bühne der Berliner Sophiensaele bringen, dass Themen von Frauen in mittleren Jahren wenig Raum im Mainstream finden. Derweil fragt sich Katrin Ullmann in der Nachtkritik, warum Frauenthemen auf der Bühne langweilen. Boris Motzki denkt in der FAZ über die Titelwahl in der Gegenwartsdramatik nach. Besprochen wird Evan Gardners Science-Fiction-Opera "You/Me/Alien" des Opera Lab Berlin im alten Weißenseer Kino Delphi (taz).
Bei Backstage Classicalberichtet Alexander Brüggemann über den neuerlichen Zoff um den Intendanten der Salzburger Festspiele Markus Hinterhäuser, der seine Favoritin Karin Bergmann als neue Schauspielleitung am Bewerbungsprozess vorbeischmuggeln wollte. Die Festspielleitung erwägt nun sogar eine vorzeitige Entlassung. Für Brüggemann zeigt der Streit Grundsätzlicheres: "Letztlich wirkt der Streit um Markus Hinterhäuser wie ein Streit über die Zukunft der Festspiele und des Theaters an sich - und darüber, wie es in Zukunft zu führen ist. Hinterhäusers Verteidiger gehören oft selber dem kulturellen Auslaufmodell an. Sie sind nicht selten Fürsprecher eines Geniekultes, verzeihen gern emotionale Ausraster und finden, dass Kultur eben Reibung braucht - Notfalls auch jenseits der moralischen Konventionen." In der SZ schreibt Reinhard J. Brembeck zum Thema.
Weitere Artikel: Die italienische Regierung setzt ihre politische Agenda in der Kultur weiterhin konsequent um, berichtet Ulrike Sauer in der NZZ: Der neueste Coup ist die Einsetzung der rechtsgerichteten Dirigentin Beatrice Venezi als Intendantin des Teatro La Fenice, die ob Venezis Unerfahrenheit für Kritik sorgt. In der FAZ unterhält sich der Schriftsteller Christoph Hein mit Michael Ernst über seine Arbeit als Opernlibrettist für den Komponisten György Kurtág. Besprochen werden Tobias Kratzers Inszenierung von Olga Neuwirths Oper "Monster's Paradise" an der Staatsoper Hamburg (Zeit) und Matthew Dunsters Inszenierung von "Die Tribute von Panem" im Carry Warf Theatre in London (SZ).
Komische Oper: Lady Macbeth von Mzensk, Foto: Monika Rittershaus Schlichtweg überwältigt ist Bojan Budisavljević in der nmz von Barrie Koskys Inszenierung der "Lady Macbeth von Mzensk" an der Komischen Oper Berlin. Dimitri Schostakowitschs Oper knallt diesmal aber so richtig: "Wie Kosky hier das chorische Breitwandformat stets aus Einzelgesten zusammenfügt, damit es in der Masse umso kraftvoller wirkt, das ist schon phänomenal. Wie auch musikalisch der Chor der Komischen Oper, mit Ambur Braid das Zentrum des Abends. (…) Die Kostüme übrigens, denen man, bis auf die schmucken Polizeiuniformen, den Geruch von Schweiß, Exkrementen, Alkohol, Zigaretten und billiger Knoblauchwurst schier ansehen konnte, stammten von Victoria Behr." Dirigent James Gaffigan wiederum hat das brillante Orchester fest im Griff: "Bis zur Besessenheit aufgekratzt folgen ihm die Musiker der Komischen Oper und geben alles, ohne auch bei den höchsten Phonstärken je vom rechten Weg abzukommen. Ein abwechslungsreiches Dirigat zwischen feiner Gerte und grobem Knüppel."
Kein reines Vergnügen ist hingegen Thaddeus Strassbergers Berlioz-Inszenierung "Benvenuto Cellini" am Brüsseler Théâtre de la Monnaie, findet Holger Noltze, dem die opulente Produktion, wie wir in der FAZ lesen, schlicht zu klamaukig geraten ist. Musikalisch jedoch kann die Aufführung überzeugen: "Der Brüsseler Musikdirektor Alain Altinoglu, zugleich Chefdirigent des hr-Sinfonieorchesters in Frankfurt am Main, wirft das Orchestre Symphonique mit gutem Schwung in Berlioz' über alle Maßen ehrgeizige Partitur; wie er dann im Vorspiel für das Pizzicato der Bässe das Tempo sofort bremst, gibt schon eine Ahnung für die kommende, extreme Kontrastdramaturgie der Musik. Altinoglu bleibt Herr des Geschehens noch in den intrikatesten Ensembles, zumal die Holzbläser brillieren mit flinker Eloquenz; der Chor darf glänzen, ebenso Berlioz' Instrumentations-Raffinement."
Weiteres: Janis El-Bira schreibt auf nachtkritik über die in der Theaterwelt und andernorts grassierende Lust, sich mit der eigenen Ignoranz zu brüsten. Besprochen werden Noam Brusilovskys "Fake Jews" am Deutschen Theater Berlin (Welt), Olga Neuwirth und Elfriede Jelineks "Monster's Paradise" (Welt, Presse), Guillaume Poix' "Und dann Romy Schneider", inszeniert von Manon Krüttli, am Theater Neumarkt, Zürich (NZZ) und Christoph Marthalers Mahler-Abend "Die Unruhenden" (FR- "ein leichter und assoziativer Abend").
Szene aus "Monster's Paradis" an der Staatsoper Hamburg. Foto: Tanja Dorendorf. "Wenn die Welt schon untergeht, dann bitte zur Musik von Olga Neuwirth", hofft Peter Laudenbach in der SZ nach dem Besuch von "Monster's Paradise" an der Staatsoper Hamburg. Ja, Tobias Kratzers Inszenierung der von Elfriede Jelinek getexteten Oper ist jetzt nicht gerade subtil, gibt der Kritiker zu, aber es hat trotzdem etwas "sehr Befreiendes", wenn hier ein clownesker Trump-Verschnitt von einem Monster mit Namen Gorgonzilla aufgefressen wird und man dabei "Neuwirths raffinierte, sich manchmal zu massiven Klanggebirgen auftürmende, flirrende und garantiert nicht in Wohlklang-Narkotika einlullende Musik mit den hübschen, von Titus Engel dirigierten Soundeffekten wie aus einem B-Movie-Horror-Film (...)" hören kann: "Auf die Farce der Politik reagiert das Musiktheater hier szenisch und musikalisch mit den Mitteln der Groteske, der Kombination aus Komik und Schrecken."
Kein gutes Haar lässt FAZ-Kritiker Jan Brachmann an dieser "Grand Guignol Opéra", wie die Komponistin selbst ihr Werk betitelt: "Diese Oper ist grell überschminkte Verzagtheit, nicht nur, was die Zukunft menschlichen Lebens angeht, sondern auch die Zukunft der Kunst. Kratzer führt mit bunter Varieté-Reklame, Cheerleader-Bunnys samt Lametta-Püscheln, Kinderchören mit Fridays-for-Future-Transparenten nur eine aufwendig inszenierte Resignation vor."
Judith von Sternburg hat sich zumindest nicht gelangweilt, wie sie in der FRschreibt, und hebt die Sänger-Leistung von Georg Nigl hervor, der den fiesen König singt: "Für den Bariton eine schöne Rolle, gesanglich die mit Abstand virtuoseste, durchgeknallteste der Oper." Dagmar Penzlin beklagt in der taz zu viele Kalauer und einen Mangel an "dramaturgischem Biss". Bei VAN besprechen Jeffrey Arlo Brown und Kevin Ng das Stück.
Besprochen werden Francis Poulencs Oper 'Dialogues des Carmélites' an der Semperoper in Dresden (VAN), Fabian Hinrichs Solo-Performance "Irgendetwas ist passiert" an der Volksbühne Berlin (SZ), Martina Drostes Inszenierung des Stücks "Paradiesvögel" an den Kammerspielen Frankfurt (FR) und Irin Claire O'Reillys Inszenierung von Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden" am Staatstheater Mainz (FR).
"König Lear" in Kassel. Foto: Sylwester Pawliczek.
Thomas Melles Version von "König Lear" am Staatstheater Kassel zeigt Jürgen Kaube in der FAZ, wie eine Pulp-Fiction-eske Variante der Tragödie um den alten König und seine Töchter aussehen kann, die die Reichsteilung nicht überleben. Lars-Ole Walburg führt Regie, Kaube ist nicht restlos überzeugt, aber doch unterhalten: "Jede Zeit müsse ihren eigenen 'Lear' erfinden, heißt es im Programmheft. Durchaus. Doch was ist das Eigene unserer Zeit nun? Es dürfte nicht genügen, Formeln wie 'polarisierte Gesellschaft', 'Ungleichheit', 'alternative Wahrheiten' oder 'Zeitenwende' aufzurufen, um sie irgendwie mit Textstellen Shakespeares zu verbinden. ... Auf der Bühne sehen wir ein absurdes Puppenspiel, eine toxische Familienaufstellung und einen sich durch die Handlung fressenden Hass. Komisch wirkt das, weil die Schauspieler ständig lästern, höhnen, Witze machen und jede Gelegenheit ergreifen, das Publikum von ihrer Niedertracht und Verzweiflung abzulenken. Das gelingt unterhaltsam und lässt uns dadurch ratlos zurück."
Nachtkritiker Simon Gottwald kommt zu einer ähnlichen Einschätzung: "Es bleibt bei der Dämonie: Vom Apokalyptischen der Vorlage ist trotz all des Mordens und Folterns wenig zu spüren, und das trotz der Bezüge auf Populismus und Fanatismus. Lars-Ole Walburgs Inszenierung fordert heraus und trifft in der Vermengung von Dämonischem und Wahnsinn häufig eher die grotesken als die tragischen Töne. Und doch erhält sie gerade dadurch eine ganz eigene Kontur."
"Freude am Grauen" siehtNachtkritiker Falk Schreiber in der Oper "Monster's Paradise". Tobias Kratzer inszeniert die Musik von Olga Neuwirth und das Libretto von Elfriede Jelinek an der Staatsoper Hamburg. Trotz starker Bilder ist Schreiber von dieser Auseinandersetzung mit Trump nicht restlos überzeugt: "Das faszinierte Entsetzen über die ausgestellte Dummheit und die vollkommene Empathielosigkeit Donald Trumps galt eigentlich eher für die erste Amtszeit des US-Präsidenten. Jelinek und Neuwirth (und mit ihnen Kratzer) sehen Trump als Wiedergänger von Alfred Jarrys 'König Ubu', und ein Stück weit gehen sie dabei der Strategie des Trumpismus auf den Leim: Seit Trumps Wiederwahl nämlich wird diese Grobheit als Inszenierung deutlich, das Kindische, das Erratische dienen vor allem dazu, den autoritären Staatsumbau der USA zu überdecken. 'Monsters Paradise' aber zeigt weiterhin einen Kindskopf, der von einem Seeungeheuer verspeist wird - Leuten wie Vizepräsident JD Vance oder Politikberater Stephen Miller dürfte das in den Kram passen."
Weitere Artikel: Wiebke Hüster berichtet in der FAZ vom Hannoveraner Tanzfestival"Real Dance". Arno Widmann lädt in der FR dazu ein, Francesca Caccini kennenzulernen, die vor 400 Jahren die erste Frau war, die Opern komponierte.
Besprochen werden Nuran David Calis' "Hamlet"-Inszenierung am Nationaltheater Mannheim (Nachtkritik), Sam Max' "Pidor und der Wolf" am Schauspiel Dortmund, Inszenierung von Jessica Weisskirchen (Nachtkritik), Emre Akals "Es sagt, es liebt uns" am Nationaltheater Mannheim, Regie führt Dennis Duszczak (Nachtkritik), Erich Wolfgang Korngolds "Violanta", inszeniert von DanielHermann an der Deutschen Oper Berlin (FR), Jakab Tarnóczis Inszenierung von Marlen Haushofers "Wir töten Stella" am Schauspielhaus Graz (Standard), "Irgendetwas ist passiert" von Fabian und AnneHinrichs an der Berliner Volksbühne (taz, Nachtkritik, Spiegel Online), "Fake Jews" von Noam Brusilovsky am Deutschen Theater (taz, NZZ), "Wir Krisendarstellerinnen: Lookalike in anger!" als Kooperation zwischen andcompany&Co. und dem Theater Thikwa im Hebbel am Ufer (taz)und Barrie Koskys Inszenierung von Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" an der Komischen Oper Berlin (FAZ, Berliner Zeitung).
"Benamor". Foto: Monika Rittershaus Nichts als reueloser Spaß hier. Welt-Kritiker Manuel Brug ist begeistert von der "umwerfendin die Hüfte gehenden" österreichischen Erstaufführung der 1923 von Paolo Luna komponierten Zarzuela (die spanische Operette) "Benamor", die Regisseur Christof Loy im Theater an der Wien inszeniert hat. "'Benamor' ein musikalisch mitreißende Dreiakter, angesiedelt in einem fiktiven Orient, klanglich aber fest auf rhythmisch knallenden spanischen Absatzfüßen stehend, ist ein utopisches Märchen und Menschenexperiment; ähnlich wie es sich Rationalisten der Rokokozeit à la Marivaux für das Theater ausgedacht haben. Dass aus dynastischen Gründen die Geschlechter der beiden Sultanskinder von Isfahan ausgetauscht wurden, dusslige Wesire, Eunuchen, Odalisken, das übrige Palastfußvolk, aber auch die beiden Betroffen nichts davon merken, ist eben Operettenbehauptung - die man einfach glauben muss. Bis aber dann jeweils Mann und Frau als Figuren auf der Bühne, aber real heutig angequeert auch Frau und Frau und Mann und Mann ... dauert über drei quirlige Stunden."
Loy, der sogar nach Spanien gezogen ist, um seiner Leidenschaft für die Zarzuela zu frönen, hat außerdem am Theater BaselFrancisco Asenjo Barbieris "El barberillo de Lavapiés" von 1874 auf die Bühne gebracht. Aufgeführt wird das Stück nicht mehr, aber es ist dankenswerterweise auf Youtube zu sehen:
Außerdem unterhält sich Manuel Brug für die Welt mit dem offenbar sehr umtriebigen Opernregisseur Damiano Michieletto. In der nachtkritikfreut sich Vincent Koch über die Berufung von Clara Weyde, Bastian Lomsché und Clemens Leander als neues Intendanz-Trio am Schauspiel Leipzig.
Besprochen werden Tanju Girişkens Inszenierung von Felicia Zellers Komödie "Der Fiskus" am Theater Trier (nachtkritik), Barbara Freys Walser-Abend "Der irrende Planet. Ein Spaziergang mit Robert Walser" am Wiener Akademietheater (Welt, FAZ) und Bastian Krafts Inszenierung von Nestroys "Zu ebener Erde und erster Stock" am Wiener Burgtheater (nachtkritik, SZ).
Szene aus "Die Hölle auf Erden". Foto: Kerstin Schomburg Weshalb das Theater Magdeburg vergangenes Jahr zum "Theater des Jahres" gewählt wurde, sieht Jakob Hayner (Welt) aktuell durch Julia Prechsls Inszenierung von Maria Lazars Stück "Die Hölle auf Erden" bestätigt. Das Stück, das erst kürzlich im Nachlass der lange vergessenen Wiener Schriftstellerin entdeckt wurde und erzählt, wie Petrus den sich bekriegenden Menschen Frieden bringen soll, besticht nicht nur durch zeitgenössischen Humor, sondern vor allem durch Aktualität, so Hayner: "Internationale Organisationen befinden sich entweder in der Blockade oder in Auflösung, Friedensgeschwätz und Kriegsvorbereitung fallen zusammen, die Bevölkerung verschließt die Augen vor dem drohenden Unheil oder übt bereits den Marschschritt ein. Rettung? Auf die lässt sich nicht hoffen. 'Sind die Menschen allen verrückt geworden?', ruft Petrus aus, bevor er in der Irrenanstalt landet."
Der in Israel geborene Autor und Regisseur Noam Brusilovsky setzt sich in seinem gleichnamigen Stück am Deutschen Theater in Berlin mit sogenannten "Fake Jews" auseinander, also Menschen wie Benjamin Wilkomirski oder Marie-Sophie Hingst, die sich eine erfundene jüdische Identität zuleg(t)en. Im Tagesspiegel-Interview mit Patrick Wildermann überlegt er, was hinter dem Phänomen stehen könne: "Das Jüdischsein berechtige in Deutschland dazu, unbequeme Haltungen zu vertreten, sagt der Brusilovsky. Die 'Ich als Jude'-Position nennt er dieses Phänomen, das von links wie von rechts auftrete: 'Manche behaupten, Jude zu sein, um antimuslimische Hetze zu betreiben. Die andere Seite nutzt die Position, um linke Israel-Kritik zu formulieren.' Spätestens seit dem 7. Oktober ein diskursives Minenfeld hierzulande - aus guten Gründen. So oder so haben dann auch die Goyim, also die nichtjüdischen Menschen, eine Stimme, auf die sich berufen können. 'Die es koscher macht', so Brusilovsky."
Weitere Artikel: Der Regisseur Tobias Kratzer inszeniert derzeit das Stück "Monsters Paradise" von Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek an der Hamburger Oper. Pünktlich zur Uraufführung befragt ihn Bascha Mika in der FR, was politische Kunst heute leisten muss und wie man mit Jelineks Sprache arbeitet. Die FR meldet außerdem einen Kulturskandal in Moskau: Der putinnahe Regisseur Konstantin Bogomolow, der gleich zwei hauptstädtische Theater leitet, wurde nun auch "noch zum Rektor der Studioschule des Tschechow-Theaters ernannt - einer der renommiertesten Schauspielschulen Russlands. Absolventen und Kulturschaffende machten mit einem offenen Brief Front gegen Bogomolow - allerdings mit nichtöffentlichen Unterschriften." In der tazschreibt Jan Feddersen zum Tod von Holger Klotzbach, Mitbegründer von den Showbühnen "Bar jeder Vernunft" und "Tipi am Kanzleramt".
Besprochen werden außerdem Nina Laisnés Inszenierung von François Chaignauds Stück "Último helecho" im Haus der Berliner Festspiele (FAZ) und Rolando Villazons Inszenierung von Mozarts "Zauberflöte" bei der von Villazon selbst geleiteten Salzburger Mozartwoche (FAZ).
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