Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

952 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 96
Zurück | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | Vor

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.03.2017 - Bühne


"Niemand" am Deutschen Theater in Berlin. Foto: Arno Declair

Ehrenwert findet Ulrich Seidler in der FR Dusan David Parizeks Aufführung von Ödon von Horvaths erst vor kurzem entdecktem Frühwerk "Niemand", doch überzeugen kann ihn das Stück nicht: "Es treten prekäre Gestalten auf - gefallene Fräuleins, Prostituierte, Diebe, Zuhälter, Missgestaltete - deren Notlage moralische Abgründe aufreißt und dramatische Konflikte spannt... Das ist schon alles ziemlich etüdisch, konstruiert und aufgeladen, vor allem machen die Gestalten, anders als man es heute von Horváth gewohnt ist, sehr viele Worte." In der SZ ächzt Mounia Meiborg unter der ihr eingehämmerten Austauschbarkeit des Menschen in der Wirtschaft und der Liebe und fragt, ob das "bloß Sozialkritik ist oder schon Nihilismus".

"Theatre 4 Change" heißt das neuestes Projekt von Alfredo Brillembourg , das die Kreativität aus den südafrikanischen Townships auf die Bühne bringen will und gerade in Zürich gastiert. Überhaupt findet Daniele Muscionico Brillembourgs Umtriebigkeit ziemlich großartig: "Brillembourg schreibt aber auch Lyrik, er malt, er zählt zu den schillerndsten Persönlichkeiten des zürcherischen Universitätsbetriebes. Mit Hubert Klumpner ist er seit 2010 Inhaber des ETH-Lehrstuhls für Architektur und Städtebau Urban Think Tank. Eine in diesem interdisziplinären Arbeitszusammenhang entwickelte Gondelbahn, die in Caracas die Elendsviertel mit dem Zentrum verbindet, erhielt 2012 den Goldenen Löwen der Architekturbiennale in Venedig; seitdem gilt Feuerkopf Brillembourg als Brain der internationalen Architekturaktivisten."

Besprochen werden die Uraufführung von "The New Prince" beim Opernfestival in Amsterdam (die Josef Oehrlein in der FAZ als "so groteskes wie schmieriges Welttheater" mit Machiavelli und Henry Kissinger jedoch nur halb beglückte), Katie Mitchells Inszenierung von Sarah Kanes "4.48 Psychose" im Hamburger Malersaal (bei der Katrin Ullmann in der taz vor allem Julia Wieninger als Protagonistin beeindruckt hat).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.03.2017 - Bühne


Carlo Ljubek als Dorfrichter Adam. Foto: Matthias Horn, Hamburger Schauspielhaus.

Hochästhetische Wucht bescheinigt Nachtkritikerin Katrin Ullmann Michael Thalheimers Inszenierung von Kleist "Zerbrochenem Krug" am Hamburger Schauspielhaus, bei der das Unrecht von Anfang an offenbar ist: "Thalheimer, Experte für radikale Reduktion und subkutan Bedrohliches, inszeniert den 'Krug' als bedrückende Parabel über Macht, Ohnmacht und die ganz persönliche Interpretation von Wahrheit. Die Mittel sind die typisch Thalheimer'schen: Straff gekürzt ist seine Version des Textes, die Figuren agieren frontal und mit nur wenigen Gesten. Unterschwelligen Druck erzeugen drei wechselnde, raunende Streicherklänge in steter Wiederholung. Thalheimers stimmige und dichte Inszenierung provoziert nur selten ein Schmunzeln, der Schrecken überwiegt."

Ähnlich sieht das FAZ-Kritikerin Irene Bazinger: "In seiner grandiosen, radikal entschlackten Inszenierung entblößt Michael Thalheimer nicht nur den Richter als tyrannisch brutalen Triebtäter, sondern die gesamte Konfliktanlage als humoresk verbrämte Unterdrückungsmechanik: Buckeln und Treten, Gewalt und Leidenschaft." In der SZ sieht Till Briegleb das Stück dagegen um alle Komik gebracht.



Iannis Xenakis' "Oresteia" am Theater Basel. Foto: Sandra Sandra Then

Als eine Misstrauenserklärung gegen die Demokratie sieht Thomas Schader in der NZZ Calixto Bieitos Aufführung von Iannis Xenakis' "Oresteia" am Theater Basel: "Bieitos Deutung zeigt sich erst in der finalen Abstimmungsszene in ihrer ganzen Radikalität: Orestes heftet den Choristen - die plötzlich in Kleidern wie zu Zeiten der Einführung des schweizerischen Frauenstimmrechts stecken - ihre Stimmzettel an die Stirnen, so dass sie nichts mehr sehen können. Aigisthos tritt derweilen als Demagoge auf und hetzt das Volk auf der Bühne und auch die Zuschauer im Parkett gegen Orestes auf. Schließlich hat dieser seine Buhle Klytaimnestra umgebracht."

Ganz ernst nehmen will Matthias Heine in der Welt den "Zickenkrieg" zwischen Volksbühne und Chris Dercon zwar nicht, findet es aber eigentlich ganz richtig, das Räuberrad abzumontieren: Schließlich habe Dercon "oft genug betont, wie sehr ihn die von Piscator, Benno Besson, Heiner Müller und Castorf geprägte Tradition dieser Bühne anödet und wie sehr er das spezifisch Berlinische daran als Einengung seiner Globalkunstträume empfindet. Ein komplett anderes Theater - möglicherweise gar kein Theater mehr, das den gewohnten Vorstellungen entspricht - in der alten Verpackung zu verkaufen, wäre Schwindel."

Besprochen werden Jo Fabians Inszenierung von Brechts "Der gute Menschen von Sezuan" in Konstanz (NZZ), Dušan David Pařízeks Aufführung von Ödön von Horváths "Niemand" am Deutschen Theater in Berlin (Tagesspiegel, Berliner Zeitung, Nachtkritik) und Alexander von Zemlinskys Oper "Der Zwerg" in Graz (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.03.2017 - Bühne


Szene aus "La Wally" mit Annely Peebo (Afra) und Kari Postma (Wally). Foto © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Im Interview mit dem Standard erzählt Regisseur Aron Stiehl, warum er Catalanis großartige Oper "La Wally" für die Volksoper Wien - Premiere ist heute - in abstrakten Räumen inszeniert hat: "'La Wally' ist ein sehr realistisches Stück aus dem Verismus. Wenn man das eins zu eins umsetzt mit Tirol und Kirchturm und Bergen, ist die Gefahr da, dass man das, worum es geht, gar nicht anspricht. Dann wird es ein niedliches Stück mit Trachten. ... Es geht um die Frage, warum plötzlich eine Enge oder Weite entsteht: Was ist das für eine Gesellschaft, dieses Dorf, in dem jeder beäugt wird und ganz genau vorgeschrieben wird, was normal ist und was nicht? Wally ist ein bisschen burschikos und gar nicht fraulich. Das genügt, um merkwürdig zu erscheinen und ausgestoßen zu werden."

Hier eine von Arte aufgezeichnete und untertitelte Aufnahme mit dem Orchestre de la Suisse Romande und Eveline Pido am Pult. Die Wally singt Ainho Arteta.



Besprochen werden Ewald Palmetshofers "Die Unverheiratete" im Theater Basel (nachtkritik, FAZ) und die Eröffnung des zweiten Tanzmainz-Festivals mit Johan Ingers Choreografie "Bliss" (FR).
Anzeige

Twitterfeed der Verlage

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.03.2017 - Bühne

Ziemlich ergriffen berichtet Eleonore Büning in der FAZ vom Festival Mémoire in Lyon, das mit Heiner Müllers "Tristan", der "Elektra" von Ruth Berghaus und Klaus Michael Grübers "Poppea" drei berühmte Opernproduktionen noch einmal auf die Bühne gebracht hat. Die "schockierend starken" Ergebnisse verleiten Büning zu grundsätzlichen Überlegungen: "War früher alles besser? Nein, das kann und darf nicht sein. Und doch: So ist es. Aber wieso? Vielleicht deshalb: Berghaus, die Tänzerin und Choreografin, Müller, der Dichter, erklärten sich selbst das Gesamtkunstwerk Oper, als Künstler. Heute ist Regieführen ein akademischer Serviceberuf. Man studiert Opernregie und liefert anschließend, wenn es gutgeht, eine Seminararbeit ab."

Weiteres: In der NZZ schreibt Lilo Weber einen Nachruf auf die amerikanische Choregrafin Trisha Brown.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.03.2017 - Bühne


Szene aus "Klatwa". Foto: Magda Hueckel

In der nachtkritik berichtet Natalia Staszczak-Prüfer über die Reaktionen auf Oliver Frljićs wegen seiner deftigen Kritik an der Kirche umstrittene Inszenierung von "Klątwa" ("Fluch") nach dem Drama von Stanisław Wyspiański in Warschau. Vielleicht hätte etwas weniger Drastik zu einer fruchtbareren Diskussion geführt, meint sie: "Die Argumente fliegen herum. Für manche Leute wird das Fällen eines Holzkreuzes mit der Elektrosäge auf der Bühne zur Schändung eines religiösen Symbols. Andere werden in diesem Moment an die Tausende von Bäumen denken, die neuerdings einem neuen Gesetz des Umweltministers Jan Szyszko zufolge auf privatem Grund einfach gefällt werden können, was riesige Schäden für die Umwelt bedeuten wird. Und auch darüber gibt es keinen Dialog, obwohl das für die Zukunft bestimmt eine größere Bedeutung haben wird als ein Schauspieler, der seinen Penis auf der Bühne zeigt."


Szene aus "Doktor Faust". Bild: Semper Oper

Ganz große Oper, die zugleich hoch aktuell ist, erlebte FAZ-Kritikerin Kerstin Holm in Keith Warners Inszenierung von Ferruccio Busonis "Doktor Faust" an der Dresdner Semperoper. Man nehme nur die in den Siebzigern angesiedelte Szene in der Wittenberger Kneipe, in der sich Protestanten und Katholiken ein "prachtvoll polyphones Duell" liefern: "Die Katholiken intonieren in heller Lage ein spöttisches Tedeum, das Gott als Schöpfer von Wein und Weib preist. Die Protestanten halten mit dem Choral 'Ein feste Burg' in tiefer Lage dagegen. Wie die eine Sängergruppe selbstgewiss mit der eigenen übernationalen Tradition spielt, während die andere mit grimmigem Ernst auf nationalen Werten beharrt, das klingt für heutige Ohren wie die musikalische Konfrontation einer ironischen Elite mit der Pegida." (Weitere Kritiken bei Musik in Dresden und in der Sächsischen Zeitung.)


Szene aus Ruth Berghaus' Inszenierung der "Elektra" in Lyon. Foto: Opera de Lyon

Und Christian Wildhagen berichtet für die NZZ aus Lyon, wo Intendant Serge Dorny zum Festival Memoire drei herausragende alte Produktionen wieder auf die Bühne gebracht hat: Ruth Berghaus' "Elektra", Heiner Müllers "Tristan und Isolde" und Klaus Michael Grübers "Poppea". Nostalgisch ist das nicht, findet Wildhagen: "In Lyon geht es freilich weniger ums bloße Bewahren als um eine theatrale Verlebendigung dessen, was auch noch für die Theaterästhetik der Zukunft von Wert sein kann. Darin erfüllt sich nicht nur die Idee eines in Aufführungen sinnlich erfahrbaren Kanons von Musterinszenierungen - es gibt den Zuschauern auch konkrete Vergleichsmaßstäbe an die Hand, um Entwicklungen der gegenwärtigen Musiktheater-Regie besser einordnen und bewerten zu können. Frappierend zeitlos erscheint in dieser Hinsicht besonders die Berghaus-'Elektra' mit der charakteristischen Sprungturm-Bühne von Hans Dieter Schaal - zeitlos modern und wegweisend."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.03.2017 - Bühne

"Was bitte ist die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz ohne das Rad? Ohne den Räuberzinken mit Speichen drin und Füßen dran? Zum Weglaufen wären Bühne und Platz." Christiane Peitz ist im Tagesspiegel erschüttert, dass die Volksbühne tatsächlich ihr Wahrzeichen abräumen lassen will: "Chris Dercon, der heftig umstrittene Nachfolger des Vierteljahrhundert-Theatermanns Frank Castorf würde das Rad gerne behalten. Aber der scharfe Wind, der ihm auch aus dem Hause entgegenbläst, fegt die rostige Skulptur davon. 'Wenn das Rad stehen bleiben würde, würde das eine Kontinuität suggerieren, die es nicht gibt', sagte Chefdramaturg Carl Hegemann gegenüber der Deutschen Presse Agentur. 'Wir sollen das Haus ja auch besenrein verlassen.' Ganz schön sarkastisch. Das Rad ist unser und also die Rache?" Für Ulrich Seidler stellt sich in der Berliner Zeitung allerdings die Frage, wem das Rad eigentlich gehört: "Es wurde doch sicher aus dem Etat der Volksbühne, also aus Steuermitteln finanziert.

Zum Tod von Trisha Brown erinnert Katrin Bettina Müller in der taz daran, wie die Choreografin in den sechziger Jahren den Aufbruch in den Tanz brachte: "Browns Blick auf den Körper hatte etwas Sezierendes, Analytisches, ebenso wie ihre spätere Nutzung von Mathematik und Geometrie als Elemente der Komposition. Aber obwohl sie Erzählung, Rollen, Expressivität aus dem Tanz strich, jedenfalls in den meisten Werken, waren die nie bloß mechanisch oder kalt. Etwas von Freude, von der Lust an der Differenzierung, lag in den oft auch farbenprächtigen Schauspielen; etwas, als ob die Körper hier strahlen würden vor Wohlbehagen über den Anschluss an einen stetigen Fluss der Energie."

In der FAZ rühmt Wiebke Hüster die Choreografin als Jahrhunderterscheinung. Weitere Nachrufe schreiben schreiben Helmut Ploebst im Standard, Sandra Luzina im Tagesspiegel, Eva-Elisabeth Fischer in der SZ und Alastair Macauly in der New York Times.

Hier ihr letzter Auftritt auf den Stufen des Pariser Théâtre national de Chaillot:



Weiteres: Auch bei Benjamin Brittens "Tod in Venedig" bleiben nach Andrea Scartazzinis Oper "Edward II." an der Deutschen Oper in Berlin die Jungs unter sich. Für FAZ-Kritiker Jan Brachmann geht diese "momentane Zielgruppenbevorzugung" völlig in Ordnungt. Sehr überzeugend findet Michael Stallknecht in der SZ, wie der Regisseur Bernd Roger Bienert und sein Teatro Barocco mit Mozarts "Cosí fan tutte" im österreichischen Laxenburg die barocke Theaterpraxis widerbeleben: "Indem die barocken Spielformen von Beginn an 'nur' Theater sind, wird der Trug allumfassend."

Besprochen werden die Uraufführung von Maxi Obexers Flüchtlingsstück "Gehen und Bleiben" im Potsdamer Hans-Otto-Theater (Berliner Zeitung), ein "Rigoletto" an der Oper Frankfurt ("ein richtiges Sängerfest", verspricht Hans-Klaus Jungheinrich in der FR, FAZ), die Uraufführung von Stephan Kimmigs Dramatisierung des Walser-Romans "Ehen in Philippsburg" am Schauspiel Stuttgart (FAZ), Bastian Krafts Inszenierung von Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden" Deutschen Theater in Berlin (FAZ).
Stichwörter: Trisha Brown

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.03.2017 - Bühne



Paul Nilon und Rauand Taleb im "Tod in Venedig". Foto: Marcus Lieberenz, Deutsche Oper Berlin.

Ausgesprochen zaghaft findet Udo Badelt im Tagesspiegel Graham Vicks Inszenierung von Benjamin Brittens "Tod in Venedig" an der Deutschen Oper Berlin mit Paul Nilon in der Rolle des Aschenbach: "Sich mal die Schuhe auszuziehen und das Hemd aufzuknöpfen, das sind die einzigen zarten Andeutungen von Entgrenzung und Kontrollverlust, die Vick der Hauptfigur gestattet. Von der Charakterstudie eines alternden Künstlers, der seine Welt auseinanderfallen sieht, unter dem sich das ungelebte Leben mit seinen verpassten Chancen öffnet wie eine Falltür, kann man hier nicht wirklich sprechen."

In der NZZ gratuliert Lilo Weber dem tschechischen Choreografen Jiří Kylián zum Siebzigsten, durch dessen Werk sich eine einzigartig schmerzliche Schönheit ziehe: "Ist es der flüchtige Moment des Lichts, das aus der Melancholie wieder und wieder aufscheint?"

Besprochen werden Verdis "Rigoletto" an der Oper Frankfurt mit Brenda Rae und Quinn Kelsey (denen Wolfgang Sandner in der FAZ "überragende sängerische Leistungen" bescheinigt), Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden" am Deutschen Theater in Berlin (SZ), Anú Romero Nunes' Inszenierung von Aischylos' "Orestie" am Burgtheater (FAZ, Welt), Shakespeares "Wie es euch gefällt" in Sankt Pölten (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.03.2017 - Bühne


Bürger als bluttriefende Körper: Aischylos' "Orestie". Foto: Burgtheater.

Klug, aber ein wenig brav findet Margarete Affenzeller im Standard Antú Romero Nunes' Inszenierung von Aischylos' "Orestie": "Sie ist solide und setzt optisch ganz auf Antikenfantasie: Mythologische Kleistergesichter, -gewänder und Landschaften. Das 'schwarze Blut der Bürger' rinnt wie direkt vom Opferaltar mittig die leichte Bühnenschräge herab." In der Nachtkritik erscheint Leopold Lippert einiges an der Inszenierung etwas trashig, aber ihre Körperlichkeit doch sehr soghaft: "In dieser Orestie wird über weite Strecken beeindruckend chorisch erzählt und abgewogen. Gleichzeitig ereignet sich ein bedrückend dionysischer Blutrausch, der hochdramatisch auf die Betroffenheit der Zuschauer*innen setzt. Nunes gibt dem gesprochenen Wort ausreichend Raum (Übersetzung von Peter Stein). Aber er lässt auch rachlüsterne, bluttriefende Körper spektakulär aufeinander los."


Ulrich Matthes und Olivia Grigolli im "Tod eines Handlungsreisenden". am Deutschen Theater. Foto: Arno Declair

In der FAZ erlebt Simon Strauss Bastian Krafts Inszenierung von Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden" am Deutschen Theater als maßgeschneidert für Ulrich Matthes: "Für ihn und sein facettenreiches Verzweiflungsspiel hat er die Bühne leergeräumt, alle Ausstattung und Regieeinfälle auf das Wesentliche reduziert. Nur eine Lampe baumelt wie ein Galgenstrick über Matthes Kopf. Ansonsten ist er auf weiter Flur allein mit der großen Anstrengung, die ihn sein Leben kostet." Nicht richtig überzeigt von Millers Stück, das bei aller Kapitalismuskritik doch sehr am American Dream hänge, meint Michael Wolf in der Nachtkritik: "Bastian Kraft setzt mit seiner Inszenierung eher ein ästhetisches, denn ein politsches Statement."

Weiteres: In der SZ durchsteht Rudolf Neumaier Frank Castorfs siebenstündige "Faust"-Inszenierung zwischen Mitternacht und Morgengrauen. Mit großer Begeisterung berichtet Michael Laages in Nachtkritik von Leander Haußmanns "Cyrano de Bergerac", bei der ihm vor allem die von Klaus Figge choreografierten Fechtszenen imponiert haben: "Auch deshalb gelingt, mit Meister Figge, der tiefstmögliche Sprung hinein in die Vergangenheit."

Besprochen werden Rossinis Oper "Elisabetta, regina d'Inghilterra" im Theater an der Wien (Standard) und Paul Hindemiths Oper "Mathis der Maler" in Mainz (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.03.2017 - Bühne

"Hass, Neid, Ärger, Tuberkulose" erlebt Martin Pesl (Nachtkritik) bei der Premiere von Felix Mitterers "Galápagos" im Theater in der Josefstadt. Das Stück verarbeitet die wahre Begebenheit von sieben in den 1930ern auf die Galapagos-Inseln ausgewanderten Europäern, von denen die meisten nach kurzer Zeit tot oder verschwunden waren. "Eine hineinerfundene Figur, der Ermittler Pasmino vom Festland, lässt sich die Ereignisse in Rückblenden aufrollen. Anfangs haben wir eben noch das Gefühl, irgendetwas daraus lernen zu sollen - vielleicht weil der Sound der unbarmherzig summenden Mücken so etwas Mahnendes an sich hat. Je weiter Mitterer uns aber diese verhinderte Robinsonade erzählt, desto doofer scheint sie ihm selbst vorzukommen. So wie Ljubiša Lupo Grujčić als Pasmino alles fabelhaft amüsant findet, so sieht auch Mitterer von oben herab höhnisch diesen Menschen zu, die statt einem Garten Eden ihr Unglück anpflanzen."

Als "Kasperltheater ohne Krokodil, dafür mit Riesenschildkröte" beschreibt Martin Lhotzky in der FAZ den Abend: "Mitterers Stammregisseurin Stephanie Mohr setzt dieses etwas behäbige, durch allzu zähes Kleben an den Zeugenberichten wenig überraschende Werk auf der mit zerknülltem Papier übersäten Bühne in den nicht vorhandenen Sand." Immerhin "handwerklich schön gelungen" nennt Michael Wurmitzer das Stück im Standard, doch "die 130 Minuten reine Spielzeit ziehen sich zuweilen. Wenn man wenigstens mehr wüsste, wozu."

Besprochen werden Frank-Lorenz Engels Inszenierung von Niccolo Machiavellis "Mandragola" am Frankfurter Rémond-Theater (FR) und Eleonore Herders "Are You There?" an den Frankfurter Landungsbrücken (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.03.2017 - Bühne


Maximilian Reichert in "White Out"

Alexander Giesche nennt seine zwischen Performance, Installation und Theater angesiedelten Stücke "Visual Poems". Am Luzerner Theater ist nun sein neues Stück "White Out - Begegnungen am Ende der Welt" zu sehen, in dem sich sechs Menschen auf das Ende der Welt vorbereiten, berichtet Geneva Moser in der Nachtkritik: "Alltägliches wird dekonstruiert, wird visuelle Poesie, absurder Nonsense, Fragment einer neuen Geschichte. Absurdes dagegen wird Normalität: Dass einer dieser Menschen sich nur fliegend fortbewegen kann, daran gewöhnt man sich irgendwann. Auch die Suchbewegung mit einem Metalldetektor, die Tanzeinlage im Zottelgewand, Eisblöcke aus der Bühne, ein sich hebender und senkender eiserner Vorhang - alles ganz normal. Technisch kommt das mit einer unglaublichen Nonchalance daher, durchaus auch mit Dramatik und Pathos (unbedingt!), aber immer eben so, als wäre es das einfachste der Welt, einen Eisblock aus der Bühne zu heben."

Weiteres: In der FR porträtiert Ulrich Seidler die Schauspielerin Valery Tscheplanowa, die am Samstag den Kunstpreis der Berliner Akademie der Künste verliehen bekommt. Für den Standard trifft Margarete Affenzeller den Schauspieler und Nestroypreisgewinner Rainer Galke, der ab heute in der Titelrolle Ödön von Horváths "Kasimir und Karoline" am Wiener Volkstheater zu sehen ist. Ebenfalls im Standard unterhält sich Stefan Ender mit der Regisseurin Amélie Niermeyer, deren Inszenierung von Rossinis "Elisabetta" heute im Theater an der Wien Premiere feiert.
Zurück | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | Vor