Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.04.2018 - Bühne

Michael Stallknecht stellt in der NZZ den kroatischen Countertenor, Regisseur und Manager Max Emanuel Cencic vor, der gerade in Lausanne Rossinis Oper "La donna del Lago" inszeniert und die Rolle des Malcolm Groeme spielt. Stimmlich ist der 41-jährige Sänger absolut auf der Höhe, so der bewundernde Kritiker, der sich Cencis jüngste Platte mit Kompositionen des vor 250 Jahre gestobenen Nicola Antonio Porpora angehört hat: Cenci singe die "hochvirtuose Arien ... mit den Tugenden des klassischen Belcanto, die Porpora als Lehrer im frühen 18. Jahrhundert mitformte: Der Ton ruht sicher auf dem Atem, wo er in langsamen Melismen wie in wildesten Koloraturen gleichermaßen beweglich bleibt, während die für die Textverständlichkeit wichtigen Konsonanten mühelos integriert werden. Wie ein edles dunkles Metall fließt der Stimmstrom durch sämtliche Register, in den klaren Spitzentönen ahnt man die trompetenhafte Kraft, die Kastraten wie Farinelli nachgesagt wird."

Weitere Artikel: In der SZ dröseln John Goetz und Peter Laudenbach auf zwei Seiten nochmal das ganze Volksbühnen-Theater erschöpfend in "er sagte, dann sagte er..."-Manier auf. Unvorstellbar, das jemand dort oder überhaupt in Berlin arbeiten will. Astrid Kaminski macht sich in der taz Gedanken, wie man zumindest Dercons Ansatz, Tanz in die Volksbühne zu integrieren, retten könnte. Im Interview mit der nachtkritik denkt Selina Cartmell, Intendantin des Gate Theatre Dublin, über Geschlechtergerechtigkeit im Theater nach.

Besprochen werden Richard Wagners Oper "Tannhäuser" am Deutschen Nationaltheater in Weimar (FAZ) und Robert Gerloffs Inszenierung von Molières "Tartuffe" am Düsseldorfer Schauspielhaus (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.04.2018 - Bühne

In der nachtkritik wundert sich Dirk Pilz über die Energie, die in den Streit um Chris Dercon fließt. Gibt's nichts wichtigeres, fragt er und meint den "erdrutschartigen Rechtsdrift" im Land: "Es gibt durchaus laute, kräftige Stimmen aus dem Theaterbetrieb dagegen, von Volker Lösch bis Falk Richter und dem Gorki Theater. Aber es gibt nicht die Verve und die Entschiedenheit, nicht die Geschlossenheit und Leidenschaft, mit der etwa die Volksbühnen-Frage verhandelt wird. Als sei es unter der Würde des Theaterbetriebs, sich mit hässlichen Nazis zu befassen, als stünde man außerhalb, als beträfe es einen nicht. Als hinge das (eigene wie das allgemeine) Wohl und Wehe eher am Pro-und-Contra in Sachen Dercon - und weniger an einer Partei, der es um Umsturz, um Machtergreifung geht. Man hat es offenkundig mit einer fatalen Maßstabsverschiebung bei gleichzeitiger Wirklichkeitsverdrängung zu tun".

Der Intendant des Konstanzer Theaters, Christoph Nix, hatte eine absolut idiotische Idee: Er will am Freitag George Taboris "Mein Kampf" aufführen und dafür Zuschauern, die an diesem Abend ein Hakenkreuzsymbol tragen, freien Eintritt gewähren, meldet Christine Dössel in der SZ. "Wer dagegen regulär eine Karte kauft, bekommt einen Davidstern angeheftet - als 'Zeichen der Solidarität mit den Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft'. Eine plumpe PR-Idee? Nein, heißt es aus dem Theater, man wolle zeigen, wie leicht Menschen korrumpierbar seien. Bis Mittwoch hatten sich bereits 50 Interessenten für eine Freikarte gemeldet."

Sophie Diesselhorst sah für die nachtkritik in Wien "Welt in Bewegung" und ist entsetzt. Das Stück wurde vom österreichischen Innenministerium in Auftrag gegeben und sollte jungen Österreichern den Horizont für das Thema Emigration erweitern. Von wegen! Das Stück sei nichts als grob rassistisch: "Als Pappkameraden stehen zwei Migranten nebeneinander, die es nach Österreich geschafft haben - einer von ihnen kommt aus Syrien und ist ein hochsympathischer, fließend deutsch sprechender, westeuropäisch gekleideter Künstler, den man glatt für einen gebürtigen Wiener halten könnte und der einen auch mit Kriegsgeschichten in Ruhe lässt. Der andere kommt aus 'Afrika' - was man ihm auch sofort ansieht, denn er trägt kreischend bunte Klamotten, ist überaus ungebildet und naiv, von seiner Flucht übers Mittelmeer traumatisiert und gefährlich impulsiv, weshalb er zum Schluss auch in die Fänge eines Islamisten gerät - zum Glück schiebt Österreich ihn rechtzeitig ab, bevor noch Schlimmeres passiert!" Die Schüler, liest man, reagieren nicht wie erwünscht und applaudieren dem Islamisten. Hier kann man das Stück sehen und selbst urteilen.

Besprochen werden Wagners "Tannhäuser" (nmz) in Weimar, Schillers "Räuber" in Kiel (nmz), die Uraufführung von Olga Bachs Stück "Kaspar Hauser und Söhne" in der Inszenierung von Ersan Mondtag am Theater Basel (SZ) und Claudio Monteverdis Oper "Die Krönung der Poppea" in Mannheim (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.04.2018 - Bühne

Klaus Dörr, Interimschef an der Volksbühne, macht im Interview mit der Berliner Zeitung noch mal klar, dass er Chris Dercon für eine Fehlbesetzung hielt, erinnert aber auch daran, dass kein anderer die Volksbühne wollte: "Die Theaterleute, die für den Posten als Castorf-Nachfolger theoretisch in Frage kamen, sind ja alle gefragt worden. Die Antwort war immer: Gebt mir gern das BE, aber nicht die Volksbühne."

Auch der Theaterregisseur Ersan Montag ist froh, dass die Dercon-Ära so kurz war, meldet die Berliner Zeitung: "Für den 31-Jährigen in Berlin geborenen Theatermann, der bei der Suche nach einer neuen Leitung zur besonderen Berücksichtigung osteuropäischer und weiblicher Kandidaten rät, ist der Rücktritt von Dercon 'der logische Schritt nach einer Fehlgeburt. Man kann das tote Kind nicht im Leibe lassen, sonst zerstört es den ganzen Körper.'" Montag würde die Volksbühne aber auch gern selbst, ähm, neu befruchten, um im Bild zu bleiben. Er stünde als Dercon-Nachfolger "selbstverständlich" zur Verfügung.

Im Interview mit dem Tagesspiegel erklärt Montag allerdings noch, er "würde ja voll gern die Schaubühne übernehmen". Aber egal, welches Theater, seine Pläne wären etwa diese: "Ich hätte keinen Ibsen auf dem Spielplan, keinen Schiller, keinen Hebbel, keinen Shakespeare. Antike würde ich machen, so an die Peter-Stein-Tradition anknüpfend. Aber in Überschreibungen: Dass man die Theatergeschichte als Grundlage verwendet, um neue Autorenschaften zu entwickeln. Elfriede Jelinek arbeitet ja zum Beispiel so, die finde ich großartig! Ich würde ein Ensemble bauen. So ein richtig großes, tolles Ensemble mit möglichst jungen Leuten."

Astrid Kaminski unterhält sich für die taz mit dem taiwanesischen Choreografen Lin Hwai-min, der zum Movimentos-Festival in Wolfsburg angereist ist und demnächst die Leitung seiner Compagnie, des Cloud Gate Dance Theatre, abgeben wird. Er sieht das ganz entspannt: "Was mir wichtig ist: Dass ich die Kompanie zu einem Zeitpunkt übergebe, zu dem ich noch in der Lage bin, den gesamten Übertragungsprozess zu übersehen. Wenn ich noch drei Jahre warte, werde ich vielleicht falsche Entscheidungen treffen."

Besprochen werden Ayad Akhtars "Junk" und "Hänsel und Gretel" in Hamburg (NZZ), David Pountneys Inszenierung von Riccardo Zandonais Oper "Francesca da Rimini" an der Scala (NZZ), Andrea Breths Inszenierung von Eugene O'Neills "Eines langen Tages Reise in die Nacht" am Wiener Burgtheater (SZ) und Toshiki Okadas Stück "No Sex" in den Münchner Kammerspielen (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.04.2018 - Bühne

Die Dercon-Debatte schwelt doch noch weiter. Berlins Kultursenator Klaus Lederer musste dem Kulturausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses in der Sache Rede und Antwort stehen, berichtet Udo Badelt im Tagesspiegel, und lehnte jede Verantwortung für Dercons Rücktritt ab: "Er erzählt von Indizien, die sich seit November gehäuft hätten, Indizien dafür, dass Dercons Konzept einer Mischung der Sparten mit teuren Koproduktionen und Gastspielen nicht aufgehe, dass sich bei mangelndem Publikumszuspruch ein strukturelles Problem zuspitzt. 'Von Dercon kamen keinerlei Ansätze oder Ideen, wo es hingehen könnte', so Lederer. 'Das war ausschlaggebend, nicht allein die Finanzlage. Schlechte Zahlen, das kann passieren, deshalb muss man keine Intendanz beenden.' Ab Herbst hätte es kein spielfähiges Repertoire mehr gegeben, mit Schließzeiten von bis zu 15 Tagen im Monat."

Die Behandlung Chris Dercons wirft ein abgründiges Licht auf die Berliner Kulturszene, schreibt Michael Kienzl auf critic.de: "Das Frustrierende an dieser ganzen Geschichte ist jedoch, dass sich kaum jemand die Mühe gemacht hat, sich ernsthaft mit dem neuen Programm auseinanderzusetzen. Selbst innerhalb der Kulturszene - also eigentlich unter gebildeten, offenen Menschen - wurde mit kaum zu überbietender Selbstgerechtigkeit privat genauso wie öffentlich immer wieder derselbe Quatsch von der neoliberalen Eventbude und dem seelenlosen Durchreisetheater nachgeplappert. Man entschied sich dazu, Dercon erst gar keine Chance zu geben. Besonders bockig reagierte man im Theater-Milieu, wo man sich durch den Quereinstieg des Intendanten schon aus Prinzip auf den Schlips getreten fühlte und auch nicht davor zurückschreckte, angestaubte Vorurteile gegen modernen Tanz und zeitgenössische Kunst aus der Mottenkiste zu ziehen."

Dercon war den Berliner Kulturrabauken wohl nicht männlich genug, spottet Robin Detje auf Zeit online: "'Mit härtesten Bandagen' werde um die Volksbühne gekämpft, hat der Tagesspiegel ihm nachgerufen. Dabei stand von Bandagen nichts in seinem Vertrag, von Härte auch nicht. Da stand überhaupt nichts von männlichem Kampf, und die atavistische Vorstellung, Kultur sei eine Art Krieg, da müsse man die Zähne fletschen, sich bewähren und sich ohne mit der Wimper zu zucken täglich die Scheiße von der Tür kratzen, mit der einen der Feind männlich bewirft, ist ja auch wirklich ausgesprochen schwachsinnig. Das Einzige, was so eine Kultur sich schafft, sind Kriegerdenkmäler, und das mag es auch sein, was Castorf in der Volksbühne sieht: sein privates Reiterstandbild auf dem Feldherrenhügel, für ihn, den unbesiegten Schlachtenlenker."

Weiteres: Im Tagesspiegel stellt Ulrich Amling das Programm für die neue Saison der Deutschen Oper Berlin vor. Und Patrick Wildermann berichtet vom Theaterfestival der Jugend in Berlin. Till Briegleb unterhält sich für die SZ mit dem "wahnsinnig netten" Ayad Akhtar, dessen kapitalismuskritisches Stück "Junk" gerade am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg Premiere hatte: "Selten war Defätismus eine derartig herzliche Angelegenheit und positive Erscheinung". (Kritiken gibt's in der Welt und in der nachtkritik)

Besprochen werden David Böschs Inszenierung von Lessings "Emilia Galotti" in Frankfurt (nachtkritik, FAZ), "Hänsel und Gretel" mit Rammsteins Till Lindemann am Thalia Theater in Hamburg (nachtkritik, FAZ), die Eröffnung des renovierten Markgräflichen Opernhauses in Bayreuth mit Hasses "Artaserse" (Tagesspiegel), "Der alte Schinken" von Nehle Stuhler und Jan Koslowski am Schauspiel Frankfurt (nachtkritik), Dieudonné Niangounas "Phantom" an der Berliner Schaubühne (Tagesspiegel), Yael Ronens "A Walk on the Dark Side" am Berliner Gorki Theater (FR), Richard Strauss' "Ariadne auf Naxos" in Meiningen (nmz), Verdis "Aida" an der Staatsoper Hannover (nmz), Brittens "A Midsummer Night's Dream" im Theater an der Wien (Standard), Wagners "Götterdämmerung" an der Wiener Staatsoper (Standard) und Claudio Monteverdis "Krönung der Poppea" am Nationaltheater Mannheim (FR).
Stichwörter: Chris Dercon

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.04.2018 - Bühne


August Diehl (Edmund Tyrone) und Alexander Fehling (James Tyrone Junior) in O'Neills "Eines langen Tages Reise in die Nacht" am Wiener Burgtheater. Foto: Bernd Uhlig

Diese Inszenierung wird Ronald Pohl nicht so schnell vergessen: An der Wiener Burg brachte Andrea Breth Eugene O'Neills "Eines langen Tages Reise in die Nacht" heraus: "Jeder hier ist Sisyphos und schleppt während der vier Akte schwer an der Familienlast", schreibt Pohl im Standard. "Theater als naturkundliche Einrichtung, irgendwo draußen am Meer. Es ist noch Zeit für den letzten 'Schuss'. Und weil die große Andrea Breth im Hochsommer ihrer Kunst der angelsächsischen Dramatik in tiefer Liebe verfallen ist, darf jeder Schauspieler die tausend Facetten seiner Figur wie im Jazz erproben. Der Tag schreitet fort, kein Konflikt sieht einer Lösung entgegen." (Weitere Besprechungen in der nachtkritik und der FAZ)

Das leitet elegant über zur Volksbühne, über die noch ein bisschen gestritten wird. Georg Diez blickt auf Spon immer noch fassungslos auf den "Scherbenhaufen", den Berliner Politiker, Kritiker und die "Götzenverehrer" Castorfs hinterlassen haben: "Es war eine nationalistische und kunstfeindliche Stimmung, die in der Stadt gegen Dercon aufgebaut wurde, genau zu der Zeit, als sich die Gesellschaft auch an anderen Stellen abschottete ... viele merkten gar nicht, wie sehr sie die falschen, weil feindbildenden Worte dieser Zeit wiederholten: Man spricht Deutsch im deutschen Theater! Man spielt Theater im deutschen Theater! Weltkulturerbe!"

In der Berliner Zeitung wünscht sich Ulrich Seidler, einer der schärfsten Kritiker Dercons, jetzt einen "konstruktiven Dialog" über den Neubeginn: "Vielleicht drehen wir das jetzt einfach mal um und fragen uns erst einmal, was wir für ein Theater haben wollen, dann, welche Bedingungen ein solches Theater benötigt und ob man hierfür an die Strukturen heran muss. Diese Debatte muss geduldig, mutig und offen geführt werden. Es wäre nicht schlecht, wenn sich Experten einmischen, aber auch Stimmen von außen. Erst ganz am Schluss wird Fingerspitzengefühl und Diskretion nötig sein, dann nämlich, wenn es um die konkrete Personalie geht."

Klaus Dörr, Interimschef der Berliner Volksbühne, findet im Interview mit der SZ kein freundliches Wort für Chris Dercon und gibt dann einen Ausblick auf die Zukunft: zusätzliche Mittel brauche die Volksbühne sowie Solidarität von befreundeten Bühnen. "Das Ziel kann sicher nicht sein, zu versuchen, die Castorf-Volksbühne zu reanimieren. Das würde nicht funktionieren. Man muss etwas Neues entwickeln. Dafür braucht man Künstler, die an die Tradition der Volksbühne anknüpfen." Kurz: Man möchte etwas Neues, aber alles soll beim Alten bleiben. Ein weiteres Gespräch mit Dörr bringen die Stuttgarter Nachrichten.


Szene aus Richard Wherlocks Choreografie "Tod in Venedig". Foto: Werner Tschan

In Basel hat Choreograf Richard Wherlock Thomas Manns Novelle "Tod in Venedig" in ein modernes "psychologisches Tanzdrama" übersetzt, freut sich in der NZZ Martina Wohlthat: "Aschenbach und sein Schattenmann tanzen raumgreifende Duette, in denen sich die anfängliche körperliche Erstarrung in pure Bewegungslust auflöst. Wenn Aschenbach zu Boden geht, fängt ihn sein Begleiter auf, hebt ihn in die Luft, lässt ihn um die eigene Achse kreisen. 'Tod in Venedig' ist eine Hymne an den männlichen Tanz und ein großer Abend für diese beiden Tänzer."

Besprochen werden außerdem Ernst Kreneks Einakter "Diktator" und Viktor Ullmanns "Zerbrochener Krug" im Münchner Cuvilliéstheater (nmz), Lucia Bihlers Inszenierung von Horvaths "Zur schönen Aussicht" in Oldenburg (nachtkritik), ein Doppel-Premierenabend mit Yael Ronens "A Walk on the Dark Side" und Daniil Charms' Elizaveta Bam am Berliner Gorki Theater (Berliner Zeitung, nachtkritik), Dieudonné Niangounas "Phantom" an der Berliner Schaubühne (nachtkritik, Berliner Zeitung), Tanzstücke der Komponistin Sivan Cohen Elias und dem Tänzer Ramon John in Darmstadt (FR), die letzte Premiere an der Volksbühne unter Chris Dercon, "Was wäre, wenn Frauen die Welt regierten?" (Tagesspiegel), Toshiki Okadas "No Sex" an den Kammerspielen in München (SZ), die Uraufführung von Olga Bachs Stück "Kaspar Hauser und Söhne" in der Inszenierung von Ersan Mondtag am Theater Basel (FAZ) und George Enescus Oper "Oedipe" in Gera (MDR, FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.04.2018 - Bühne


Vom Regen heute morgen schon fast abgewaschen: die höhnischen "Tschüss, Chris"-Plakate vor der Volksbühne

Na, das ist geschafft. Volksbühnenintendant Chris Dercon wurde nach einem knappen halben Jahr aus dem Amt gemobbt. Kommissarischer Leiter wird jetzt erst einmal Klaus Dörr, eigentlich von kommender Spielzeit an Geschäftsführer der Volksbühne. Wäre die Sache nicht so ekelhaft - die Anfeindungen gingen bis zu Fäkalienschmierereien an Dercons Bürotür - könnte man sich köstlich amüsieren über die Eilfertigkeit, mit der die schärfsten Kritiker Dercons jetzt jede Verantwortung für den Rücktritt von sich weisen. Angefangen mit Klaus Lederer. Der hatte sein Amt als Kultursenator noch nicht angetreten hatte, als er bereits ankündigte, Dercon passe nicht zur Volksbühne, er wolle seinen Vertrag überprüfen. Heute behauptet er im Interview mit der Berliner Zeitung: "Ich bin im Übrigen nicht bereit, alle Probleme, denen die Volksbühne jetzt ausgesetzt ist, an einer Person festzumachen und Chris Dercon die alleinige Verantwortung für das alles zuzuschieben. Ich habe mich bewusst nicht mehr öffentlich zur Volksbühne geäußert, und es war mir auch wichtig, anonyme Angriffe und Invektiven unter der Gürtellinie gegen Chris Dercon strikt zurückzuweisen und mich vor ihn zu stellen."

Ein Statement, das Andreas Busche im Tagesspiegel "nur als blanken Hohn verstehen" kann: "Lederer hatte Dercon mit seiner frühen Weigerung, überhaupt mit dem von seinem Vorgänger Tim Renner eingesetzten Volksbühnen-Intendanten inhaltlich zu diskutieren, von Beginn an zum Abschuss freigegeben. Dass ein Großteil des Volksbühnen-Ensembles, das in Wirklichkeit längst keines mehr war, Dercon ebenfalls die Zusammenarbeit aufkündigte, war auch dem Klima in der Stadt geschuldet."

In der nachtkritik macht Esther Slevogt kein Hehl aus ihrer Zufriedenheit mit dem Rücktritt, fand sie Dercons Berufung doch intransparent und im "Hinterzimmer par Ordre de Mufti" getroffen und Dercons kurzes Schaffen präsentierte sich ihr als "Avantgarde von gestern". Unverständlich ist ihr allerdings, dass OB Michael Müller, mitverantwortlich für die Berufung Dercons, sich keine Sekunde hinter seinen Intendanten gestellt hat: "Im Gegenteil: Müller sah schweigend zu, wie sich die Berliner Kulturszene in Folge seiner Entscheidung zerfleischte. Müller stellte sich nicht schützend vor Chris Dercon, den seine eigene kulturpolitische Inkompetenz in eine so fatale Lage gebracht hatte. Als habe er nichts mehr mit dieser Personalentscheidung zu tun, ließ er Dercons galoppierende Demontage zu." Auch jetzt duckt sich Müller wie immer weg.

Für Ulrich Seidler (Berliner Zeitung) kommt Dercons Rücktritt nach fünf Monaten Amtszeit noch zu spät: "Bei allem Respekt für Dercons Entscheidung, bei allem Mitleid, das der eine oder andere für Dercon empfinden mag und mithin auch für seine Programmchefin Marietta Piekenbrock, die ihm mit großer Tapferkeit zur Seite stand, oder auch für die Künstler, die von diesem Abenteuer die eine oder andere Blessur davontragen werden − letztlich ist es doch Dercon, der sich seines Scheiterns viel zu spät bewusst wurde und die Konsequenz viel zu lange hinauszögerte." In der FAZ geißelt Simon Strauß die "unspezifische Gier nach Progressivität" der Berliner Politiker, die für die Berufung Dercons verantwortlich gewesen sei. Auch Susanne Messmer (taz) ist froh, dass die "Schnapsidee" der Dercon-Berufung ihr Ende gefunden hat.

Harry Nutt sieht dagegen in der Berliner Zeitung überhaupt keinen Grund zur Freude: "Wer immer sich jetzt in seiner Annahme bestätigt sehen mag, dass Chris Dercon als erfahrener Mann des Kunstbetriebs nicht der Richtige war, um ein Theater zu leiten, der sollte nicht übersehen, dass die trotzige Verteidigung der alten Volksbühne auch ein Verharren im Provinziellen bedeutete." Katrin Bettina Müller sieht das in der taz ähnlich: Der Sieg der Dercon-Gegner "ist traurig und spricht nicht für Offenheit".

Und was folgt jetzt? Wer will jetzt noch nach Berlin? "Für die deutschsprachige Theaterwelt ist Dercons Rücktritt ein Fanal. Denn viele, meist jüngere theaterbegeisterte Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz verbanden mit Dercons Bestellung zum Volksbühnenchef die Hoffnung, der Mann könne eine Öffnung und Erneuerung der heimischen Theaterwelt bewirken", fürchtet Wolfgang Höbel auf Spiegel online. "Dass das Experiment mit ihm gescheitert ist, mag die Leute freuen, die ohnehin von Anfang an wussten, dass Dercon der falsche Mann am falschen Platz sein würde. Doch geholfen ist damit niemandem", ahnt Dirk Pilz auf Zeit online. "Blickt man auf sein Scheitern und Matthias Lilienthals Abgang in München, muss man festhalten: Experimente werden es im deutschen Theater künftig schwerer haben", meint Jörg Häntzschel in der SZ. "Man darf Dercon nicht zum Märtyrer machen, aber wenn Berlin schon immer als hartes Theaterpflaster galt, dann kann man es jetzt als unbetretbar bezeichnen", prophezeit Rüdiger Schaper im Tagesspiegel.

Weiteres: In der NZZ berichtet Michael Stallknecht von der Wiedereröffnung des renovierten Markgräflichen Opernhauses in Bayreuth mit Johann Adolph Hasses "Artaserse". Besprochen wird die Uraufführung von Olga Bachs Stück "Kaspar Hauser und Söhne" in der Inszenierung von Ersan Mondtag am Theater Basel (NZZ).

Besprochen werden Gavin Bryars Oper "Marilyn Forever" in Wien (Presse) und Jan Bosses Inszenierung von Shakespeares "Maß für Maß" in Zürich (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.04.2018 - Bühne

Update, 9:17 Uhr:

Chris Dercon tritt von seinem Posten als Leiter der Berliner Volksbühne zurück. Dies meldet der RBB via Twitter:


Der Berliner Senat weiß das angeblich schon seit Montag. Um 11 Uhr soll es eine Pressekonferenz mit Dercon geben, meldet die Berliner Zeitung - dem widerspricht die taz allerdings und meldet, dass Klaus Lederer den Geschäftsführer der Volksbühne, Klaus Dörr, gebeten hat, Dercons Posten kommissarisch zu übernehmen. Außerdem zitiert die taz Lederer mit den Worten, "dass die persönlichen Angriffe und Schmähungen aus Teilen der Stadt gegen Chris Dercon in der Vergangenheit inakzeptabel waren." Wobei die taz selbst in einem weiteren Tweet, "das laue Programm" aus Dercons erster Spielzeit für das frühzeitige Aus der Intendanz verantwortlich macht.

Hier jetzt auch die offizielle Pressemitteilung des Berliner Senats: Demnach haben sich Lederer und Dercon "einvernehmlich darauf verständigt, die Intendanz von Chris Dercon mit sofortiger Wirkung zu beenden. Beide Parteien sind übereingekommen, dass das Konzept von Chris Dercon nicht wie erhofft aufgegangen ist, und die Volksbühne umgehend einen Neuanfang braucht."

Besprochen werden die Uraufführung von Olga Bachs "Kaspar Hauser und Söhne" in der Inszenierung von Ersan Mondtag am Theater Basel (nachtkritik) und Christian Breys Inszenierung von Peter Shaffers "Komödie im Dunkeln" am Wiener Volkstheater (Presse).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.04.2018 - Bühne

50 Jahre nach 1968 erinnern Warschauer Bühnen an die antisemitische polnische Kampagne, die damals viele Juden, darunter viele Holocaustüberlebende, aus dem Land trieb. Vorwand war die Behauptung, die Juden hätten zu den Studentenprotesten aufgestachelt, erzählt Iwona Uberman in ihrem Theaterbrief aus Polen für die nachtkritik. "Für viele jüngere Polen bedeutet das eine erschütternde Aufklärung, da sie vom 'März 1968' zwar vage gehörten haben, sich aber häufig nur wenig darunter vorstellen können. Nicht nur zu sozialistischen Zeiten, auch nach Wende hatte man über dieses Kapitel der jüngsten Vergangenheit geschwiegen."

Weiteres: Der Standard porträtiert die Schauspielerin Corinna Kirchhoff, die ab Samstag an der Wiener Burg unter der Regie von Andrea Breth in Eugene O'Neills "Eines langen Tages Reise in die Nacht" spielt. Besprochen wird Vanessa Sterns "Die Umschülerinnen oder Die Komödie der unbegabten Kinder" in den Berliner Sophiensaelen (nachtkritik).
Stichwörter: Polnisches Theater, 1968, Polen

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.04.2018 - Bühne


Szene aus "Rut". Foto: Bjorn Jansen

Nicht ganz gelungen, aber schön "verwegen" findet Daniele Muscionico (NZZ), wie Katrin Hentschel Christoph Nix' biblisch inspirierte Erzählung "Rut" für das Theater Konstanz in die Geschichte einer Emigrantin und damit in ein "feministisches Manifest" verwandelt hat: "Das magische Zentrum der Erzählung sind die anwesenden Abwesenden in Ruts Geschichte. Es sind die Machthaber, die kleinen und großen Tyrannen, die Söhne, Väter, Ehemänner, die das Schicksal der Frauen bestimmen - es ist die Welt des Manns. Frauen, so Karin Hentschel, sind nicht nur Vertriebene, wenn sie tatsächlich als Emigrantinnen um ihr Leben bangen müssen, ihr Körper selber ist ein besetztes Land."

Sexismus in Tanz und Theater gibt es häufiger als angenommen. Das meint im Interview mit dem Standard die Brüsseler Tänzerin Ilse Ghekiere, die mit einem Artikel über Missbrauch in der belgischen Tanzszene ordentlich Staub aufgewirbelt hat. Leider sagt sie im Interview nicht, wie genau sie Missbrauch definiert. Es bleibt alles sehr vage: "Früher dachten viele Kolleginnen, das gehört eben zur Kultur, und man muss einfach stark sein. Wenn ich aber sehe, wie Belästigung definiert ist, dann wird mir klar, dass auch Situationen, die von vielen Betroffenen nicht als Belästigung angesehen werden, als solche oder als Machtmissbrauch verstanden werden können."

Weiteres: In der nachtkritik schreibt Gabi Hift zur Eröffnung des Festivals Internationale Neue Dramatik (FIND) an der Berliner Schaubühne. Außerdem hat sich die nachtkritik im Rahmen des Heidelberger Stückemarkts mit der Schauspielerin Constanze Becker, dem Dramatiker Moritz Rinke und dem Regisseur Christian Weise episch über die Frage unterhalten, wie eine Theater-Rolle heute beschaffen sein sollte.

Besprochen werden die Neuinszenierung von Donizettis "Maria Stuarda" am Opernhaus Zürich (NZZ, FAZ), Rossinis  Oper "Il viaggio a Reims" in Graz (nmz), Sasha Waltz' Improvisationsabend "Dialoge - Wirbel" im Berliner Radialsystem (taz, Tagesspiegel) und eine Ausstellung zu Ödön von Horváth im Österreichischen Theatermuseum in Wien (Tagesspiegel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.04.2018 - Bühne

Max Florian Kühlem besucht für die taz Claudia Bauers Inszenierung "Schöpfung" am Schauspiel Dortmund, das Intendant Kay Voges zum Vorreiter im Einsatz digitaler Techniken und Künste machen will. Die große Kunst wird es sein, den Anspruch mit der Realität zu versöhnen, erkennt Kühlem: "Bei ihrer Inszenierung von Philip Glass' Oper 'Einstein on the Beach' wünschten sich Kay Voges und Dramaturg Alexander Kerlin zum Beispiel eine direkte Verschaltung von Ton und Bild. Glass' Komposition sollte aus sich selbst heraus Auslöser sein für Ereignisse im Bühnenbild und Video. Deshalb beauftragten sie einen Programmierer. 'Das ist schwierig, dafür brauche ich sicher ein halbes Jahr', sagte der. Das digitale Theater ist bisher also nur außerhalb der Stadttheater-Realität aus sechs Wochen Probezeit denkbar."

Die Theaterregisseurin Anna Bergmann, ab Herbst neue Intendantin am Staatstheater Karlsruhe, will dort erst mal ausschließlich mit Regisseurinnen arbeiten. "Darüber wird sehr hart diskutiert, auch unangenehm", erzählt sie im Interview mit dem Standard. "Manche werfen mir vor, ich würde geltendes Recht brechen. Dabei ist das ein Zufall, hat sich so ergeben. Es heißt nicht, dass ich nicht auch mit Regisseuren wieder zusammenarbeiten werde. Ich sehe darin also keine große Besonderheit. Über männlich dominierte Theaterbetriebe wird ja auch nicht debattiert. Es wird ja auch hingenommen, dass auf Hauptbühnen oft nur Regisseure inszenieren."
Stichwörter: Kay Voges, Anna Bergmann
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