Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

2618 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 262

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.09.2022 - Bühne

Direkt aus der Vagina: Ströme von und guten Einfällen: Pussy Sludge. Foto: Konrad Festerer/ Volkstheater

Einen fantastischen Saisonauftakt hat SZ-Kritiker Egbert Tholl am Münchner Volkstheater mit Gracie Gardners verrücktem Stück "Pussy Sludge" erlebt, in dem die Titelfigur Ströme von Erdöl aus ihrer Vagina fließen lässt, während verlorene Menschen zu ihr pilgern, um im gemeinsamen Masturbieren eine Beziehung zu ihr zu entwickeln. Oder so: Tholl ist begeistert: "Mirjam Loibl nimmt die trickreich verschraubten Sätze, wie sie kommen, lässt alle Beteiligten frei und lustig spielen, begreift klug das Stück als surreale, frei schwebende Metapher, die sehr viele mögliche Antworten auf Fragen der (geschlechtlichen) Selbstbestimmung enthält. Die Bühne birst vor Einfällen, gemalte Eierstöcke säumen die Öl-Vagina im Bühnenboden, die Figuren sind fantastisch ausstaffiert, tausend Ideen, alle gut, wenige unmittelbar zu erklären."

An gleich drei Bühnen wird Ibsens "Volksfeind" gerade aufgeführt. In der Nachtkritik verliert Verena Großkreutz ein paar grundsätzliche Worte zu Burkhard C. Kosminskis Stuttgarter Fassung, die das hochpolitische Drama auf einen Zwist zwischen zwei Brüdern reduziere: "Was könnte man von Ibsens 'Volksfeind' alles ins Heute spiegeln! Vom Absinken der Zeitungsbranche in die intellektuelle Bedeutungslosigkeit über den Wassermangel durch Dürren bis hin zu Fridays for Future oder Carola Rackete. So aber bleibt nicht viel übrig von der Sprengkraft des Stücks, das Kosminski gründlich entpolitisiert hat: Bloß kein Risiko eingehen, bloß nicht konkret werden und dadurch anecken. Ein Abend quälender Belanglosigkeit halt, wie so viele andere unter seiner Intendanz." In der FAZ kann auch Simon Strauss Kosminskis "Textregie mit der Brechstange" nicht viel abgewinnen. FR-Kritikerin Judith von Sternburg stört sich bei Lily Sykes ins Positive gewendeten Frankfurter Ibsen-Inszenierung an einer "Friedlichkeit, die in die Gefilde des Kitsches reicht".

Besprochen werden außerdem Kay Voges' "Faust"-Inszenierung am Wiener Volkstheater (taz), Berlioz' "Trojaner" in Köln (FAZ) und Erich Korngolds Schlageroper "Die tote Stadt" am Landestheater Linz (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.09.2022 - Bühne

Der Emigrante in der Eiswüste: Luigi Nonos "Intolleranza 1960". Foto: Barbara Braun / Komische Oper

An der Komischen Oper haben Dirigent Gabriel Feltz und Regisseur Marco Storman Luigi Nonos Flüchtlingsoper "Intolleranza 1960" auf die Bühne gebracht und dafür den gesamten Zuschauersaal zu einer Eiswüste umgebaut. Im Tagesspiegel weiß Frederik Hanssen, was für ein Ereignis das ist, aber verstört hat ihn die Inszenierung nicht: Der Schnee glitzert ihm zu sehr, kein einziges Mal zeigt sich das Blut jener Jahre: "Sehr souverän wirkt das - und viel weniger provokant als erwartet klingt für den Hörer des Jahres 2022 auch Luigi Nonos zwölftönige Avantgardepartitur. In den Werken des Italieners sind es stets die leisen, intimen Momente, die die stärkste Kraft entfalten, doch bei der 'Intolleranza'-Premiere am Samstag wirken selbst die dissonanten Ausbrüche, die extremen Lautstärkeeruptionen ästhetisch schlüssig, ja geradezu schön. So wie auch die ganze Optik der Inszenierung in ihrer weißen Wattigkeit." In der Nachtkritik bleibt auch Georg Kasch auf Distanz zu dieser Aufbereitung von Nonos speziellem Mix aus serieller Musik und Agitprop und Texten von Carolin Emcke. Aber der Chor haut ihn um: "Wie die Chorsolist:innen insbesondere in den A-cappella-Momenten die Klänge auffächern und in den Raum stellen, Töne wie Geister einfangen und wieder fliegen lassen, wie sie als weiße Lemuren über die Bühne gleiten oder die Arme zum Emigrante recken, als wär's eine Szene aus Fritz Langs 'Metropolis' - das ist schon toll!"

Drei Stunden dauerte die Aufführung des koreanischen Gesangsepos "Das Lied vom Unterwasserpalast", und nicht eine Minute davon war langweilig, freut sich Tye Maurice Thomas im Tagesspiegel, der in der Ufa-Fabrik beim Jeong Ga Ak Hoe-Festival traditionelle Aufführungspraxis erlebte: Eine einzige Sängerin erzählt die Handlung, ein Trommler bettet sie in einen Rhythmus ein: "Pansori ist nicht nur höchste Stimmkunst, sondern auch handfestes Volkstheater. Derbe Zoten gehören genauso dazu wie altchinesische Lyrik, Sprichwörter und medizinisches Wissen. Immer kreist die zeitlose Geschichte um Schein und Sein, die Leichtgläubigkeit der Mächtigen, träges Beamtentum und das gefahrvolle Überleben des listigen Hasen." In der SZ erlebte Reinhard J. Brembeck Ähnliches bei Auftritt des koreanischen Gugak Center, das auf seiner Tour durch Deutschland nun auch am Münchner Prinzregententheater Ahnenrituale des koreanischen Königshofs zeigte: "Alles ist feierlich und erhaben." (mehr hier)

Besprochen werden Kay Voges' Inszenierung des "Faust" als Live-Shooting am Wiener Volkstheater (die Margarete Affenzeller im Standard "gut argumentiert, aber nicht schön anzuschauen" findet, Nachtkritik), Tony Kushners "Engel in Amerika" und ein Dokumentarstück zu Olympia 1972 am Münchner Residenztheater (SZ), Besprochen werden das Stück "The ghosts are returning", in dem sich das deutsch.kongolesische Künstlerkollektiv Centre d'Art Waza mit der Restitution geraubter menschlicher Überreste befasst (taz), Claudia Bauers Inszenierung von Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen" in Kassel (FAZ), Tschechows "Platonow" am Deutschen Theater in Berlin (Tsp, FAZ).
Stichwörter: Nono, Luigi

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.09.2022 - Bühne

Melanie Straub, Heiko Raulin, Ralf Göbel in "Onkel Wanja" von Anton Tschechow. Foto: Thomas Aurin


Okay, Tschechows "Onkel Wanja" hat man schon tausendmal gesehen, trotzdem gefällt FR-Kritikerin Judith von Sternburg die entspannte Version, die Jan Bosse zum Saisonstart auf die Bühne des Schauspiels Frankfurt bringt. Alles ganz normale Menschen hier: "Das Ensemble tummelt sich hier und dort, Melanie Straub verwächst gegen Ende kurz mit einem der vertrockneten Pflanzenskelette, Wolfram Koch kauert einmal wie ein Nachtmahr in der Wand. Zu verschwinden, das wäre immerhin etwas. Es geht nicht, aber man hat Zeit, es zu versuchen, auch wenn man an sich ständig auf dem Sprung ist. Das Leben ein 'Eigentlich müsste man jetzt'. Alles befindet sich in einem Dazwischen, trotzdem kommt nichts nach."  Dieser "Onkel Wanja" endet nicht im Herbst, sondern im Schnee: "Zuletzt also doch: ein wenig russische Wintertristesse", seufzt in der FAZ Kerstin Holm angesichts von Jeans, Westernstiefeln und Joy-Division-Songs, "der Sonja und Wanja aber endlich Sinn abgewinnen - in einer Aussicht auf endlose Arbeitstage, die allein das Jenseits belohnen wird." Nachtkritiker Michael Laages fehlt zwar "ein zentraler Grundgedanke" dieser Inszenierung, die "deutlich härter und hoffnungsloser als üblich" ist, aber die Schauspieler sind wunderbar, schön melancholisch ist es auch, und das Publikum strömt in Scharen und klatscht, also ...

Weitere Artikel: Die nachtkritik publiziert Tom Strombergs Trauerrede zum Tod des Theaterwissenschaftlers Hans-Thies Lehmann. Im Interview mit dem Tagesspiegel spricht der ukrainische Ballettchef Ivan Zhuravlev über seine Flucht und die impovisierte Tournee des Balletts Quatro, dessen künstlerischer Leiter er ist.

Besprochen werden Laura Kaehrs Filmdoku "Becoming Giulia" über die Ballerina Giulia Tonelli (NZZ), Thomas Köcks Stück "Solastalgia" am Schauspiel Frankfurt (nachtkritik) und Mozarts "Cosi fan tutte" am Theater Kiel (nmz).
Anzeige

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.09.2022 - Bühne

Wolfgang Sandner berichtet in der FAZ angeregt von der Musikbiennale von Venedig, die die Leiterin Lucia Ronchetti unter das Motto "Out of Stage" gestellt hat, was auch "auch eine versteckte Hommage an Mauricio Kagels kammermusikalisches Theaterstück 'Sur scène' aus dem Jahr 1959 zu sein" scheint. Der lakonische Werktitel wirkt wie das Pendant zu Ronchettis listigem Motto. Kagel hat in seiner Komposition im Grunde schon alle verstiegen künstlichen wie grotesken Aspekte eines neuen Musiktheaters auf die Bühne gebracht, und Lucia Ronchettis Festival hat es vermocht, eine weitere brauchbare Lokalität für dieses Neue zu erschließen: durch Auslagerung. Nicht 'Sur scène', sondern: 'Out of Stage' eben."

Weitere Artikel: Die nachtkritik hat anlässlich des heutigen Weltklimastreiks einige Theaterkünstlerinnen gefragt: Was kann das Theater in der Klimakrise bewirken? In Paris war Marc Zitzmann für die FAZ in einigen Theaterpremieren.

Besprochen werden Suse Wächters Puppenspiel "Brechts Gespenster" am Berliner Ensemble (BlZ, Tsp, SZ), Wagners "Rheingold" in der Inszenierung von Alexandra Szemerédy und Magdolna Pardikta am Staatstheater Saarbrücken (FR), Rimini Protokolls Requiem "All right. Good night." im Frankfurter Mousonturm (FR) und die Uraufführung von Raphaela Bardutzkys Hotel-Schauspiel "Das Los" im "Hanseatischer Hof" in Lübeck (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.09.2022 - Bühne

Szene aus "La Juive". Foto © Magali Dougados


Eleonore Büning stockt der Atem, wenn in der letzten Szene von Jacques Halévys Oper "La Juive" der Scharfrichter den jüdischen Goldschmied Éléazar und dessen Tochter Rachel zur "Zwangstaufe" in einen Kessel kochenden Wassers wirft, während "der entfesselte Chor-Mob jubelt: 'Quel plaisir!'" Premiere hatte die Oper jetzt am Grand Théâtre de Genève in der Inszenierung von David Alden, der dem von Dirigent Marc Minkowski entfesselten "Rausch der Musik ästhetisch kühl entgegen wirkt", so die hingerissene NZZ-Kritikerin. "Verschiebbare Wände aus Sperrholz bilden hohe, hohle Gassen. Die Chöre schwärmen aus wie schwarze Raben. Unbehaust und kahl auch das Interieur des Goldschmied-Hauses, mit einer symbolisch endlos langen Fluchttreppe. Die Hinrichtung wird überhaupt nicht gezeigt: Prozessionsartig verschwinden die Verurteilten hinter einer Wand, darunter häuft sich weiße Asche. Alle Farben echter Not indes, die des Zweifelns, der Leidenschaft und des Entsetzens tönen aus der großen letzten Arie des Éléazar. Es ist der Höhepunkt dieser Paradepartie, komponiert dereinst für Adolphe Nourrit. Heute könnte sie niemand eindrucksvoller darbieten als der Spezialist John Osborn, mit seinem großartigen Ambitus, seiner klaren, kontrollierten Stimme."

Weitere Artikel: Shakespeares "Macbeth" ist das Theaterstück der Stunde, von Bochum bis Wuppertal, erzählt in der SZ Christine Dössel, die im Ernst daran erinnert, dass auf dem Stück angeblich ein Fluch liegt. Der Schauspieler Bless Amada stellt im Interview mit dem Standard die Kooperation Black Voices vor, die "mehr PoC-Publikum" ins Theater locken will. Ulrich Seidler schreibt in der Berliner Zeitung den Nachruf auf den Intendanten und Regisseur Christoph Schroth.

Besprochen werden Suse Wächters Puppenspiel "Brechts Gespenster" am BE (nachtkritik), Martin G. Bergers Inszenierung von Wagners "Tannhäuser" in Schwerin (nmz), Frank Hilbrichs Inszenierung von Verdis "Don Carlo" in Bremen (nmz), Nis Søgaards Stück "Glamour Montain" in der Schaubude Berlin (taz), Alan Lucien Oyens Choreografie "Cri de Coeur" an der Pariser Oper (FAZ), Andreas Homokis Inszenierung der "Walküre" am Theater Zürich ("virtuos", schwärmt Lotte Thaler in der FAZ, "mehr Wagner geht nicht.") und Florentina Holzingers Stück "Ophelia's Got Talent" an der Berliner Volksbühne ("Wie wäre es wohl, wenn sie eines Tages auf das Schlagzeilenhafte verzichten und ein Drama inszenieren würde, statt ein Füllhorn von Nummern auszuschütten, die alle darauf zielen, Stadtgespräch zu werden", fragt sich ein wenig beeindruckter Peter Kümmel in der Zeit)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.09.2022 - Bühne

Christoph Marthalers "Freischütz"-Inszenierung an der Oper Basel. Foto: Ingo Höhn

In der NZZ kann Christian Wildhagen nicht glauben, wie viel Witz und Abgründigkeit Christoph Marthaler in Basel aus Webers verstaubter Schaueroper "Der Freischütz" holt, auch wenn er, zugegeben, am Ende kapitulieren müsse: "Mit den Absurditäten hat der Regisseur in dieser Oper leichtes Spiel: Das gesamte Brauchtum der Jägerwelt inklusive Vereinswesen, Leistungsdruck und Versagensängsten wird deftig aufs Korn genommen. Den berühmten Jägerchor mit seinem 'Joho! Trallala!' verstreut er in verschiedenen Adaptionen über das gesamte Stück - einmal darf ihn sogar das Orchester in Bierhumpen brummeln. Dass das Ganze nicht vollends in die Persiflage kippt, dafür sorgt das zweite Thema: Rolf Romei als Jägerbursche Max und die großartige Nicole Chevalier als dessen unerreichbare Geliebte Agathe zeigen uns zwei Menschen, die in sich selbst gefangen sind - weil sie keine Sprache für ihre Befindlichkeiten und für den anderen besitzen."

Weiteres: Im Tagesspiegel-Interview geben Susanne Moser und Philip Bröking, die Berlins Komische Oper jetzt als Doppelspitze leiten, einen Ausblick auf ihre erste Saison, die mit Luigi Nonos "Intolleranza" starten wird. In der taz freut sich Dorothea Marcus über die Verleihung des Ibsen-Preises, der weltweit höchsten Theater-Auszeichnung, an das inklusive Back to Back Theatre aus Australien. Besprochen wird Bizets "Carmen" an der Hamburger Staatsoper (wie neu hörte Julia Spinola in der SZ die Musik unter Dirigent Yoel Gamzou, während sie über Herbert Fritschs "Blödelregie" keine weiteren Worte verlieren möchte).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.09.2022 - Bühne

Szene aus der "Walküre" in Zürich. Foto: Monika Rittershaus


In Zürich setzt Andreas Homoki mit der "Walküre" Wagners "Ring" fort, in der NZZ sieht Christian Wildhagen hier keine aufregende Interpretation des Werks, aber eine gekonnte Inszenierung: "Der Zusammenbruch im zentralen 'Götternot!'-Monolog ist von niederschmetternder Gewalt - Tomasz Konieczny, viel besser bei Stimme als unlängst in Bayreuth, wächst hier das erste Mal an dem Abend über sich hinaus, auch weil er weite Bögen gestaltet und die Unsitte im Griff hat, exponierte Töne im Piano anzuschleifen. Das zweite Mal folgt im Schlussakt, in der langen Auseinandersetzung mit der Tochter Brünnhilde, die sich gegen den Gott gestellt hat: Je stärker die Walküre sich vom Übervater emanzipiert, desto verletzlicher, menschlicher wirkt der vordem so herrische Gott. Der berühmte 'Abschied', ganz leise, introvertiert und zu nur milde glühendem Feuerzauber gesungen, rüttelt auf: Hier findet sich ein gescheiterter Machtmensch wirklich "in den Trümmern der eig'nen Welt" wieder."

Besprochen werden außerdem Leonardo Vincis Barockoper "Alessandro nell'Indie" in Bayreuth (die FAZ-Kritiker Florian Amort zufolge die Entdeckung des Jahres werden könnte), Paul Abrahams Jazz-Operette "Ball im Savoy" am Prager Staatstheater ("Wie das funkelt", schwärmt Helmut Mauró in der SZ hingerissen, auch von dem "hochmotivierten Ensemble") und Jez Butterworth' Erfolgsstück "Jerusalem" im Staatstheater Augsburg (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.09.2022 - Bühne

Jugendlich-dionysischer Rausch in den "Bakchen". Foto: Birgit Hupfeld / Theater Dortmund

Als ziemlich knalliges Bilderrauschen erlebt Nachtkritikerin Sarah Heppekausen Euripides' "Bakchen" in der Version von Sabine Reich am Theater Dortmund, in der Dionysos die "Vielfalt des Kosmos" zelebriert: "Dionysos geht gnadenlos gewaltvoll gegen Theben und dessen Herrscher Pentheus vor. Weil er dort nicht als Gott, nicht als ein Sohn des Zeus anerkannt wird. In seiner zähen Wut, gezwungen zur Bewegung in Zeitlupe, ist Dionysos Jugendlichen ähnlich. So zeigen es Wissert und Reich. Euripides' Bakchen sind die Frauen Thebens, rasende Mänaden, die mit Dionysos exzessiv feiern. Hier sind es junge Menschen, die am gesellschaftsbedingten Perfektionismus zugrunde gehen."

Besprochen werden Christopher Rüpings poetische Adaption von Ali Abbasis Horrorfilm "Border" im Zürcher Schiffbau mit Maja Beckmann (die NZZ-Kritiker Ueli Bernays als "fabelhafte Schauspielerin mit einem Talent für Splatter-Clownerie ebenso wie für Sportgymnastik" feiert) Florentina Holzingers Performance "Ophelia's Got Talent" an der Berliner Volksbühne (die SZ-Kritikerin Dorion Weickmann als geglückten Nixensabbat beklatscht), Nicolas Stemanns Inszenierung von Sophokles' "Ödipus" in Zürich (SZ), David Byrnes verschlungenes Drama "Secret Life of Humans" im English Theatre Frankfurt (FR), der Tanzabend "V/ertigo" mit dem Hessischen Staatsballett in Darmstadt (FR), Lisa Nielebocks und Stephan Kimmigs Splatterversion des "Hamlet" sowie Judith Herzbergs Stück "Rivka" am Schauspielhaus Hannover (FAZ) und eine erfrischend unbekümmerte "Ring"-Inszenierung am Stadttheater Klagenfurt (Standard).
Stichwörter: Euripides, Reich, Sabine

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.09.2022 - Bühne

Szene aus "Ophelia's got Talent. Bild: Nicole Marianna Wytyczak

"Beglückend schamlos", jubelt Nachtkritikerin Gabi Hift, nachdem sie Florentina Holzingers neuste Inszenierung "Ophelia's got Talent" an der Berliner Volksbühne gesehen hat. "Feminismus als Kampfkunst" erlebt Hift, wenn Holzinger Schwertschluckerinnen, Nixen und Nackte "Männerfantasien als verfaultes Material mit Sonden und Schläuchen aus ihrem Inneren herausziehen" lässt. Irgendwann öffnet sich eine "gigantische Wasserwelt: ein riesiger Pool mit vier Bahnen, dahinter ein mehrere Meter breites Aquarium, rundherum Kameras, die alle Arten von Luft und Unterwasseraufnahmen ermöglichen und das Universum der Wasserballettfilme von Esther Williams aus den 40er Jahren aufrufen. Zuerst wird alles erkundet, was an Mythen und Fantasien auf dem Wasser stattfindet: Piraten, Matrosen, Geisterschiffe. Aber die Frauen in der Show sind keine von Seemännern an Ufern Verlassenen: Sie sind selbst die Matrosinnen, tragen Matrosenhemden, untenrum nackt, sehnen sich nach der großen Freiheit, lassen sich den Wind der Weltenmeere um die Vulva wehen. Florentina Holzinger ist eine begnadete Choreographin."

"Mehr geht nicht", denkt Ulrich Seidler (Berliner Zeitung) in jeder Sekunde - und dann landet plötzlich ein Hubschrauber auf der Bühne, die kurz darauf auch schon brennt: "Die kleinwüchsige Performerin Saioa Alvarez Ruiz wird aus dem Cockpit gehoben, sie hatte an diesem Abend schon so einiges zu leisten: bekommt live einen kleinen Anker auf den Hintern tätowiert, reißt sich als Klempner bei einem Striptease mit Pümpel und Spirale - Gerätschaften, mit denen man verstopfte Abflüsse reinigt - den Blaumann vom Leib. Nun trägt sie einen runden Babybauch, der ihr, weil ihr Unterleib sich in einen Fischschwanz verwandelt, aufgeschnitten werden muss - die Kamera ist bei solchen Gelegenheiten stets nah dran. Im Nabelschnur- und Darmgekröse findet sich ein funktionstüchtiges Feuerzeug, mit dem die Bühne in Brand gesetzt wird."

Dabei "stand vor der Uraufführung auch Misstrauen im Raum", weiß eine dennoch vom "Spektakel" überwältigte Kathrin Bettina Müller in der taz: "Gegenüber Holzingers Lust an der Verschwendung und am technischen Aufwand, die quer steht zur neuen Suche nach ressourcenschonender Produktion, auch in den Künsten. Gegenüber den visuellen Oberflächenreizen und Schockeffekten, die sie nutzt. Gegenüber einem Feminismus, der immer auch etwas Plakatives hat." "Mal sehen, ob der Volksbühnen-Tanker damit auf Kurs kommt", meint Dorion Weickmann in der SZ nach einem kulturgeschichtlichen Tauchgang, vorbei an Shakespeare, Schiller, Schubert und Fassbinder. "Die Volksbühne unter René Pollesch dürfte ihren ersten Hit haben", ist sich Bert Rebhandl im Standard indes bereits sicher. Eine "gigantische Party", die "im besten Sinne komplett bei sich und deshalb extrem infektiös ist", erlebt Christine Wahl im Tagesspiegel.

"Ich finde nicht, dass es eine kollektive Hilfsbereitschaft gibt. Die gab es nicht gegenüber den Syrern oder Afghanen, die gab es nicht gegenüber allen Einwanderern aus Afrika", sagt der Regisseur Luk Perceval, der aktuell Lion Feuchtwangers "Exil" am Berliner Ensemble inszeniert im FAS-Gespräch mit Thomas David: "Jetzt schmücken wir uns mit Flüchtlingen aus der Ukraine, weil sie aus einem Land stammen, das für den Westen eine wirtschaftliche Pufferzone ist, und wir daraus Profit ziehen. Ich bezweifle auch, dass die ganzen Flüchtlinge noch willkommen sein werden, wenn die Energiekosten so sehr steigen, dass es für jeden von uns schwierig wird zu überleben. Ich glaube immer noch an den Egoismus."

Außerdem: In der SZ porträtiert Till Briegleb das australische Back to Back Theatre, in dem Menschen mit Behinderung spielen und das den diesjährigen Ibsen-Preis in Oslo erhalten wird. Die Berliner Zeitung meldet, dass laut Hausmitteilung durch Intendant René Pollesch die Volksbühne erneut besetzt werden soll: "Die Leitung nehme diese Hinweise ernst und habe die Kulturverwaltung und die Polizei verständigt".

Besprochen werden das Stück "Werewolves by the sea" von Thermoboy FK am TD Berlin (nachtkritik), Christopher Rüpings Inszenierung "Border" nach dem Film von Ali Abbasi am Schauspielhaus Zürich (nachtkritik), die Inszenierung "Der Phönix aus der Währung" von Bonn Park und Ben Roessler am Theater Basel (nachtkritik), Mark St. Germains Stück "Die Tanzstunde" am Fritz Remond Theater in Frankfurt (FR), Rainer Ewerriens Inszenierung "Der nackte Albatros" im Frankfurter Stallburg-Theater (FR) und ein Parcours für Musik, Rhythmus und Bewegung, inszeniert von Sasha Waltz in der Innenstadt von Marl (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.09.2022 - Bühne

Was für Stoffe können Theatermacher:innen ihrem jugendlichen Publikum im Zeitalter der Triggerwarnungen noch zumuten?, fragt Nachtkritikerin Elena Philipp und hört sich in der Branche um: "Strittige Inszenierungen, die nicht schon auf der Bühne mit vermitteln, wie sie verstanden werden wollen, brauchen also eine besonders gute Einbettung oder: ein besonders stabiles Geländer. Aber ist das nicht allzu pädagogisch, ein künstlerisches Ereignis stets diskursiv einzubetten, statt es wirken zu lassen? Nicht für die jungen Zielgruppen, da sind sich Mina Salehpour, Ulrike Stöck und vermutlich die meisten ihrer Kolleg:innen einig."

Besprochen werden Anja Horsts und Jonas Knechts Inszenierung "Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm/Nach der Ruhe vor dem Sturm" am Theater St. Gallen (nachtkritik), David Martons "Piqué Dame"-Inszenierung, mit der die Brüssler La Monnaie Oper die Spielzeit eröffnet (nmz) und Henri Masons Neuinszenierung der "Zauberflöte", bei der Omer Meir Wellber sein Debüt als neuer Musikdirektor der Wiener Volksoper gab (Standard).