Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.12.2018 - Bühne

Im Tagesspiegel unterhält sich Peter von Becker mit Edgar Selge über seine Hamburger Bühnenfassung von Michel Houellebecqs "Unterwerfung", die der Schauspieler jetzt auch an die Berliner Volskbühne bringt.

Besprochen werden Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Dostojewskis "Spieler" im Münchner Residenztheater (FR), Calixto Bieitos Aufführung von Monteverdis "Marienvesper" in Mannheim (FR), Leander Haußmanns Staatssicherheitstheater an der Volksbühne (SZ), die Gender-Performance "He? She? Me! Free" an der Schaubühne (Berliner Zeitung), Mateja Koležniks Inszenierung von Franz Grillparzers "Medea" am Schauspiel Stuttgart (FAZ), Christof Loys Inszenierung von Webers Oper "Euryanthe" im Theater an der Wien (NMZ, FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.12.2018 - Bühne

Haußmanns Staatssicherheitstheater an der Volksbühne. Foto: Harald Hauswald

Großes Hallo in der Volksbühne. Tout Berlin versammelte sich zu Leander Haußmanns "Staatssicherheitstheater", der ersten Inszenierung im Großen Haus seit Chris Dercons Abgang. Es geht bei dem Stück um zwei Stasi-Spitzel, die in der Bohème des Prenzlauer Bergs zu Künstlern werden und nunmehr Gedichte statt Berichte abliefern. Bernd Noack findet das Ganze in der NZZ zwar recht harmlos geraten, sieht aber den Wert der Inszenierung für die Seele der Stadt: "Mit Lust beschwört sie den vergangenen, immer noch herumwabernden Geist und lässt spüren, dass die Berliner Kulturszene keine andere Institution so nötig hat wie diese. Nur hier darf es noch einmal aufleben, das rebellische, durchaus ostalgische Lebensgefühl, lässt sich das kratzige Odeur des auch schon etwas ranzigen Prenzlauer-Berg-Parfums schnuppern, gehen Kunst und Politik eine Symbiose ein, die auf keinem Wahlzettel zu finden ist."

Im Tagesspiegel bemerkt Rüdiger Schaper zwar auch einen leichtet Hang zur Verklärung, gesteht dem Osten aber gern die Entertainerhoheit zu: "Grand Guignol und mörderische Feydeau'sche Bürgerlichkeit, es war vielleicht spannend damals, jedenfalls unterhaltsam! Da haben die Westler echt was verpasst!" In der Nachtkritik gibt sich Christian Rakow als Fan zu erkennen: "Haußmann gibt dem Affen Zucker, ach was, er haut Zucker raus, dass es den Affen fast umhaut. Irre." In der Berliner Zeitung lässt Ulrich Seidler das als gutgelaunten Heimatabend durchgehen. FAZ-Kritikerin Irene Bazinger winkt ab: Im alten Ost-Kabarett "Distel" seien die DDR-Witze weniger schal.

Im Standard-Interview mit Renate Graber sinniert Regisseur Claus Peymann über seine Zeit an der Burg, das unaufhaltbare Theater und Österreich als böse Avantgarde. Schon 1988 saß Heinz-Christian Strache immer ganz vorn in der Loge des Burgtheaters: "In der Auseinandersetzung um mich und Bernhards 'Heldenplatz' versammelten sich diese rechten Lümmel. Begann das Heute damals schon? Komischerweise ist eben dieses Österreich heute Spitzenreiter sehr konservativer Politik, man baut hohe Mauern gegen die Flüchtlinge. Sonst hinkt Ihr Österreicher doch lieber ein bissl hinterher." Trotzdem sollte das Theater keinesfalls vernünftig werden: "Theater ist immer unvernünftig. Ich wüsste nicht, wie man heute im Theater auf einen Donald Trump reagieren kann. Ein neuer Shakespeare müsste her, um diese böse Missgeburt eines Alptraums zu fassen."

Besprochen werden Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Dostojewskis Spekulationsklassiker "Der Spieler" im Münchner Residenztheater ("Viel Leerlauf ist da im Getriebe", moniert SZ-Kritikerin Christine Dössel, in der FAZ fühlt sich Teresa Grenzmann von einem "Fest der Gleichzeitigkeiten" schön gefordert), René Polleschs Manzini-Studien "Ich weiß nicht, was ein Ort ist, ich kenne nur seinen Preis" am Zürcher Schauspielhaus (NZZ), Jonathan Doves Oper "Marx in London" in Bonn (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.12.2018 - Bühne

Am Donnerstag hat das Arbeitsgericht Wuppertal die fristlose Kündigung der Intendantin des Tanztheaters, Adolphe Binder, für unwirksam erklärt. "Das Fehlen eines umsetzbaren Spielplans" und "zerrüttete Verhältnis" auf Leitungsebene waren die Hauptgründe für die Entlassung geweseen. Die Tänzer hatten sich mehrheitlich hinter Binder gestellt. Gestern nun stellte die neue Intendantin Bettina Wagner-Bergelt den Spielplan für 2019 vor, "der etwa 90 Prozent Positionen aus der Planung Adolphe Binders enthält", berichtet Astrid Kaminski in der taz. Dennoch hat Stadtkämmerer Johannes Slawig (CDU) verkündet, dass die Stadt in Berufung gehen will, ebenso wie das Tanztheater. Dessen Noch-Geschäftsführer Dirk Hesse hat derweil noch aus dem Urlaub heraus trotz des Urteils das Hausverbot für Binder verlängert, so Kaminki: "An der Stilfrage allerdings könnte sich entscheiden, wofür das Tanztheater Wuppertal in Zukunft stehen wird: für das Erbe Pina Bauschs oder eine in Intrigen verstrickte Kulturpolitik."

"Bei dem Konflikt darf man aber auch das geplante Pina-Bausch-Zentrum nicht außer Acht lassen, in dem die Kompanie in Zukunft proben und auftreten soll", ergänzt Sandra Luzina im Tagesspiegel. "Am kommenden Montag wird im Wuppertaler Stadtrat über das 60 Millionen Euro teure Projekt entschieden - der Bund hat bereits zugesagt, die Hälfte der Umbaukosten zu übernehmen. Die Stadtspitze der chronisch klammen Industriestadt sehnt dieses Prestigeprojekt herbei. Doch die anhaltenden Querelen haben auch den Ruf des Tanztheaters und der Stadt beschädigt - und werfen ein zwiespältiges Licht auf die Lokalpolitik. Je mehr Details man erfährt, desto schmutziger erscheint die ganze Affäre. Gegen Ulrich Bieger, den PR-Berater des geplanten Tanzzentrums, ermittelt derzeit die Staatsanwaltschaft. Er soll der Presse interne Papiere zur Personalie Binder zugespielt haben."

Nach der Süddeutschen hat sich jetzt auch die Welt in Gestalt von Matthias Heine mit Leander Haußmann getroffen, dessen neues Stück "Haußmanns Staatssicherheitstheater" heute an der Volksbühne Premiere hat: "Haußmann ist mit einer Jeansjacke von Levi's unter dem Mantel zum Interview gekommen. Ich bin froh, auf diese auch von mir geschätzte Kombination verzichtet zu haben. Wir hätten lächerlich ausgesehen. Die kulturellen Prägungen der Endfünfziger sind im Osten und Westen nicht so verschieden."

Besprochen werden ein Thüringen Megamix von Wunderbaum am Theaterhaus Jena (nachtkritik), Jan-Richard Kehls Inszenierung von Puccinis "Madame Butterfly" in Kassel (FR) und Tatjana Gürbacas Inszenierung von Webers "Freischütz" in Essen (FAZ).
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Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.12.2018 - Bühne

Regisseur Leander Haußmann plaudert im Interview mit der SZ über seine Komödie "Haußmanns Staatssicherheitstheater", die er für die Volksbühne inszeniert, und findet es immer noch total ungerecht, dass Angehörige der Staatssicherheit im Westen mit so wenig Rente abgespeist werden: "So. Jetzt sage man doch bitte nicht, wir haben blühende Landschaften im Osten und meint damit die angestrichenen Fassaden. Dahinter sitzen Leute, die sind sehr verärgert. Und geben ihren Frust weiter an ihre Kinder und Enkel. Weil man sich erdreistet, über Einzelschicksale pauschal zu urteilen. Das geht nicht."

Adolphe Binder, ehemalige Intendantin des Wuppertaler Tanztheaters, hat gegen ihre fristlose Kündigung geklagt und vor dem Arbeitsgericht Wuppertal Recht bekommen, meldet der Tagesspiegel: "Richter Carsten Gironda sagte, die angeführten Gründe und das Vorgehen rechtfertigten den Schritt nicht. Die Kosten des Verfahrens in Höhe von 69 000 Euro muss das Wuppertaler Tanztheater tragen. Dessen Vertreter kündigten an, wahrscheinlich in Berufung zu gehen." Mehr dazu in der nmz.

Besprochen werden Carl Maria von Webers Oper "Euryanthe" im Theater an der Wien (Standard) und Rabih Mroués Stück "Kill the Audience" nach dem "Vietnam-Diskurs" von Peter Weiss an den Münchner Kammerspielen (nachtkritik).
Stichwörter: Haußmann, Leander

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.12.2018 - Bühne

NZZ-Kritikerin Lilo Weber stellt den Schweizern Jacopo Godani vor, den Nachfolge William Forsythes mit der neu formierte Dresden Frankfurt Dance Company, die am Wochenende im Theater Winterthur auftreten. Annabelle Hirsch (FAZ) erlebte einen wunderbaren Abend in Paris mit Jean-Louis Trintignant, der im Théâtre de la Porte Saint-Martin Gedichte las.

Besprochen werden Tatjana Gürbacas Inszenierung von Webers "Freischütz" in Essen (nmz), die Uraufführung einer Marx-Oper von Jonathan Dove und R. Weber in Bonn ("Die Musik des erklärtermaßen mozart- und rossiniaffinen Briten will erkennbar bleiben, setzt auf einen so eingängigen wie bühnentauglichen Sound, der deutlich gehaltvoller als übliche Musical-Meterware daherkommt, aber das musikalische Rad (bewusst) nicht neu erfindet", schreibt ein ganz zufriedener Joachim Lange in der nmz), Manfred Trojahns Oper "Was ihr wollt" in Hannover (FAZ), die Uraufführung von Johannes Maria Stauds Oper "Die Weiden" in Wien (SZ) und Jacques Offenbachs politsatirische Oper "Barkouf" in Straßburg ("Ein Meisterwerk!", ruft Volker Hagedorn in der Zeit).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.12.2018 - Bühne

Rachel Frenle als Lea, Thomas Ebenstein als Edgar in "Die Weiden". Foto: Michael Pöhn / Wiener Staatsoper

Am Ende entfaltete die Oper "Die Weiden" über und gegen den Rechtsruck in Europa nicht ganz die Wucht, die Johannes Maria Staud und Durs Grünbein vielleicht intendiert haben, bedauert Georg Rudiger in der NZZ, aber die Sänger fand er schon großartig: Rachel Frenkel mit feinem Mezzosopran und starker Ausstrahlung, Tomasz Konieczny mit mächtigem Bariton: "Der Fluss ist der rote Faden, der sich durch die von der Regisseurin Andrea Moses (die an der Stückentwicklung beteiligt war) klar und atmosphärisch dicht erzählte Geschichte zieht. Er ist zu hören im clustergetränkten Grundrauschen und in den wie Stromschnellen wirkenden Attacken von Blech und Schlagzeug, die das Orchester der Wiener Staatsoper mit kühler Präzision meißelt. Glissandi in den Kontrabässen ziehen einem regelrecht den Boden unter den Füßen weg. Der Fluss trägt das ungleiche Paar zu einer Hochzeit, wo sich die Partygemeinde zu seichten Musicalklängen amüsiert und der Komponist mit dem eindeutigen Namen Krachmeyer (unheimlich mit beschwörendem Ton: Udo Samel) zur Musik von Wagner über die blutgetränkte, reine Heimat schwadroniert."

Besprochen werden der Ballettabend "Brahms/Balanchine" an der Hamburgischen Staatsoper (über dessen TänzerInnen Wiebke Hüster in der FAZ ausruft: "Alle sind fabelhaft. Alle.") und Mariame Cléments Inszenierung von Jacques Offenbachs komische Oper "Barkouf" in Straßburg (Dlf, Badische Zeitung, SZ, FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.12.2018 - Bühne

Besprochen werden Luk Percevals "Mut und Gnade" am Schauspiel Frankfurt (SZ), Jonathan Doves komische Oper "Marx in London" im Theater Bonn (SZ), Andreas Homokis Inszenierung von Stephen Sondheims Musical "Sweeney Todd" in Zürich (NZZ) und Jacques Offenbachs "Barkouf" in Straßburg (NMZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.12.2018 - Bühne

Verdis "Attila" an der Mailander Scala. Foto: Marco Brescia & Rudy Amisano

Saisoneröffnung an der Mailänder Scala. Riccardo Chailly dirigierte Giuseppe Verdis frühe Oper "Attila". Das stets glamouröseste Ereignis im italienischen Opernkalender geriet unter der Regie von Davide Livermore zum Riesenspektakel berichtet Thomas Schacher in der NZZ, mit Lichtshow, sagenhafter Kulisse und Pferden auf der Bühne. Doch die Sänger waren darüber allesamt erhaben, versichert Schacher: "Insbesondere der Attila von Ildar Abdrazakov verkörpert alles andere als einen seelenlosen Tyrannen. Wenn er in der ersten Szene hoch zu Ross in Generalsuniform heranrückt, ist er noch ein Bösewicht wie im Film. Doch im Verlauf des Geschehens nimmt der Barbar immer sympathischere Züge an. Und beim Bankett, das er nach dem Waffenstillstand für Ezio und die Römer gibt, zeigt er sich als Mann von Kultur. Zudem verströmt seine Bassstimme eine Wärme, die zu Herzen geht."

In der FAZ erlebte Klaus Georg Koch einen Abend ganz ohne Ironie. Mehr als die Inszenierung bewegte ihn jedoch der Empfang, der Staatspräsident Sergio Matarelli bereitet wurde, mit Nationalhymne und langanhaltenden Ovationen: "Jedem im Theater ist klar, was das bedeutet. Mattarella, seit knapp vier Jahren im Amt, besteht auf zivilen Umgangsformen. Auf Respekt gegenüber der Verfassung und gegenüber der Europäischen Union. Nach der Parlamentswahl im Frühjahr forderten die Populisten seinen Rücktritt. Teils waren die Angriffe verletzend - Mattarella hatte einen Bruder, der als sizilianischer Ministerpräsident gegen die Mafia vorging. Er verlor ihn durch einen Mordanschlag; nicht viele zahlen einen solchen Preis für die Prinzipien der Republik. Der demonstrative Applaus ist ein Protest gegen die Regierung. Ein Protest des bürgerlichen und des großbürgerlichen Mailands gegen das populistische Rom."

Johannes Maria Stauds und Durs Grünbeins "Die Weiden". Foto: Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

An der Wiener Staatsoper hatte außerdem Johannes Maria Stauds Antipopulismus-Oper "Die Weiden" Premiere, mit dem Libretto von Durs Grünbein und Ingo Metzmacher  am Dirigentenpult. Standard-Kritiker Ljubisa Tosic äußert sich kritisch-wohlwollend über diese "Riveropera" der Identitäts- und Wahrheitssuche" von der Verkarpfung der Menschen, die plötzlich überall nur noch Fremde sehen: "'Die Weiden' werden als mahnendes Erinnerungsstück wichtig bleiben, als aufrüttelnde Geschichte mit aufklärerischen Absicht. Allerdings auch als Stück, das von der gewichtigen und aktuell wichtigen Thematik fast erdrückt wurde - trotz des subtilen Orchesters unter Ingo Metzmacher. Die Staatsoper aber hat sich mit dem Stück als engagierter Zeitgenosse in ungemütlichen Politzeiten zurückgemeldet."

Besprochen werden die Macbeth-Inszenierungen von Amir Rezar Koohestani in München und Nürnberg (Nachtkritik, FR, SZ, FAZ), Molières "Eingebildeter Kranke" am Staatstheater Wiesbaden (Nachtkritik), das melancholische Stück "Impression" von Heidelbergs neuem Tanzchef Iván Pérez (FR) und Verdis "Maskenball" am Staatstheater Darmstadt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.12.2018 - Bühne

Heute findet mit "Die Weiden" die erste Uraufführung seit acht Jahren an der Wiener Staatsoper statt. Es ist die dritte gemeinsame Musiktheaterarbeit von Durs Grünbein und Johannes Maria Staud, die sich hier dem Rechtsruck in Europa und der Flüchtlingsfrage widmen. Im Standard erklärt Stefan Ender den Aufruhr um das Stück, ebenfalls im Standard porträtiert Ljubisa Tosic den Komponisten Johannes Maria Staud. Im Welt-Interview mit Manuel Brug sprechen Staud und Grünbein über ihren Glauben an die Oper und ihre Herangehensweise an das Thema Rechtsnationalismus. Grünbein meint: "Ich bin da ja auch in so einen Strudel geraten, man wird schnell von den Medien positioniert, auch wenn man es selbst noch gar nicht gemerkt hat. Ich möchte nicht immer wieder für die Sachsen sprechen, aber eine gewisse Renitenz, egal welcher politischen Farbe, scheint hier doch im Charakter zu liegen. Und wenn man viele Dinge vor der eigenen Haustür erlebt, dann fallen sie einem natürlich auch im Nachbarland Österreich auf. Natürlich hat so unser beider Herkunft die inhaltliche Zuspitzung verschuldet. Ich lasse mich aber ungern in ein Lager drängen. Ich bin ein Beobachter gesellschaftlicher Prozesse."

Besprochen wird Axel Ranischs Inszenierung von Sergej Prokofjews Oper "Die Liebe zu drei Orangen" am Staatstheater Stuttgart (FR), Nicolas Charauxs Inszenierung von E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann" am Luzerner Theater (nachtkritik), "Disaster" - Ein Theater-Game über Game-Theater von machina eX im Berliner Hebbel am Ufer (nachtkritik) und Davide Livermores Inszenierung von Verdis "Attila" zum Auftakt der neuen Saison an der Mailänder Scala (Dlf-Kultur).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.12.2018 - Bühne

Fotos © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie


"Das stets an Mehrwert interessierte Zürich schuldet Christoph Marthalers Sturheit ewigen Dank", erklärt Daniele Muscionico kategorisch in der NZZ. Weil er ihnen den Zürcher Schiffbau abgerungen hat und weil er sie immer wieder vor den Kopf stößt: Jetzt gerade mit seiner Inszenierung "44 Harmonies from Apartment House 1776". Es geht um Pilze, Pilzgespräche. Der Titel bezieht sich auf ein Stück von John Cage, der selbst Pilzesammler war. Dann treten Personen auf und ab, führen Dada-Unterhaltungen, lesen, tanzen, spielen Cello. Muscionico ist hingerissen von dem Assoziationsreichtum auf der Bühne: "Marthaler nämlich lässt listig zitieren, dass sich die Bodenbretter biegen - Surrealisten und Dadaisten zu diesem Zweck. Seine Inszenierung gibt der Vernunft Kontra und legt sich mit Kants Begriff der 'reinen' Vernunft an. Und der Regisseur meint durchaus nicht den geistigen Reinlichkeitsfimmel oder einen metaphysischen Waschzwang. Die Idee der reinen Vernunft, wie sie das Team versteht, setzt 'Reinheit' mit Rhetorik gleich, sie ist das Gegenteil von Sinnlichkeit. Marthalers Theater erklärt das Ende der Vernunft, weil es an die Macht der Sinneswahrnehmungen glaubt: Musik, zum Beispiel!"

In der FAZ ist Simon Strauß nicht ganz so begeistert: Wie fast alle Arbeiten Marthalers "will auch diese uns zurückgebliebenen Emotionsschülern Nachhilfe anbieten. Allerdings gestaltet sie sich ein wenig redundant und eintönig: Die Idee der Entleerung von jeglichem Inhalt wirkt leicht abgenutzt, und die schöne, vor allem durch die Celli getragene Stimmung kann das nur bedingt kompensieren, wohl auch, weil es ihr an der letzten Verlorenheit fehlt." Nachtkritikerin Vera Urweider hat mit der Länge dieser "wunderbaren Hommage" an John Cage kein Problem, "selbstverständlich ist auch diese bewusst gesetzt. Als würde Marthaler hier sein Publikum testen wollen. Wer es aushält, den vier Cellistinnen beim Versuch zu spielen zuzuschauen, über geschätzt mindestens zwanzig Minuten, wer jetzt nicht aufsteht und geht, der bleibt. Unbehagen, Unruhe, verzweifeltes Lachen auf der Tribüne. Doch gehen tut niemand."

Außerdem: Peter Theiler, Intendant der Semperoper, erklärt im Gespräch mit Julia Spinola (NZZ), dass er die Diskussion "mit der Bevölkerung" sucht und gibt gleich ein paar Anregungen: "Die Semperoper sei durch ihre große Geschichte wie kaum ein anderes Haus prädestiniert für die Reflexion über Richard Strauss und Richard Wagner. 'Aber wer Strauss spielt, muss auch Komponisten einen Platz im Spielplan geben, die seine Zeitgenossen waren und die von den Nationalsozialisten verdrängt wurden. Und wo Wagner gespielt wird, sollen auch die Künstler zu Wort kommen, die, wie Meyerbeer, von Wagner verunglimpft wurden.' Das sind starke Worte in Dresden."
Stichwörter: Marthaler, Christoph