Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.10.2021 - Bühne

Nam June Paik und John Godfrey. Global Groove, 1973 (Film Still). © Estate of Nam June Paik, courtesy Electronic Arts Intermix (EAI), New York


Das Museum Folkwang in Essen setzt sich in der Ausstellung "Global Groove. Kunst, Tanz, Performance und Protest" mit Fragen der kulturellen Aneignung im Tanz auseinander. Das ist wichtig und richtig, meint Wiebke Hüster in der FAZ. Aber man muss auch etwas von der Geschichte des Tanzes verstehen, es reicht nicht, nur auf die Ethnie zu achten: "Eine Tanzöffentlichkeit, die sich nicht mehr mit Bewegungen, Schulen, Traditionen und Werken auseinandersetzt, sondern vornehmlich mit den Protagonisten, ihren Hintergründen und Ethnien, verliert über Einzelbeobachtungen den Sinn für die ästhetischen Errungenschaften der Tanzkunst. Darin liegt ohnehin eine Schwäche des Narrativs vom modernen Tanz. Dieses beinhaltet den ständigen Bruch mit dem Voraufgegangenen um des Fortschritts willen, was dazu führt, dass viele individuelle Linien sich im Staub des Vergessens verlieren."

Frankenstein oder eine Frischzellenkur am Schauspiel Hannover. Foto © Katrin Ribbe


Mary Shelleys Schauerroman "Frankenstein" ist der meistgespielte Text der Saison, versichert Christiane Lutz in der SZ. In Berlin wurde er schon gespielt, es folgen Rostock und Bielefeld, Landshut und Aalen, Frankfurt und München. Aber jetzt erst mal Hannover, wo Regisseurin Clara Weyde den Stoff als Stück über Elternschaft inszeniert, die außer Kontrolle gerät, als Frankenstein seiner Kreatur die Liebe verweigert: "In dieser Weigerung liegt der neue Grusel des Romans, der ihn so bühnentauglich macht: Wir kommen nicht mehr umhin, Verantwortung zu übernehmen für unser Handeln. Wer versucht, sich davonzustehlen, den bringt die Natur zur Demut. Frankenstein hat zwar allerlei ethisch und moralisch einwandfreie Motive für seine biologische Bastelei, doch er scheitert daran, in seiner Schöpfung eines neuen Menschen auch wirklich einen solchen zu sehen. Wer ist jetzt das Monster?"

In der nachtkritik ist Jan Fischer nur mäßig angetan von der Inszenierung: "Spannend ist an 'Frankenstein oder eine Frischzellenkur' selbstverständlich die Idee, Shelleys Roman ins Jetzt hinein zu deuten - und die Inszenierung zieht auch viele Fäden vom Jahr 1816 bis zur Bühne des Schauspiels Hannover. Dennoch wird eher grob collagiert als fein geklebt, wird eher Wert darauf gelegt, immer noch ein anderes Thema daraufzulegen als ein gerade angesprochenes und angedachtes zu vertiefen."

Weitere Artikel: Boussa Thiam unterhält sich für Dlf Kultur mit Dietmar Dath über dessen Theaterstück "Restworld", das gestern Premiere am Theater Heidelberg hatte: Anders als im Film wird hier die Geschichte über einen mörderischen Vergnügungspark in der Zukunft aus der Sicht der Roboter erzählt. Zum Siebzigsten des Theatermanns Christoph Marthaler schreiben Christine Dössel in der SZ und Hubert Spiegel in der FAZ.

Besprochen werden Karl Alfred Schreiners Choreografie der barocke Ballettoper "Amors Fest" in München (nmz), Doris Uhlichs Choreografie "Gootopia" im Tanzquartier Wien (nachtkritik), Kay Voges' Inszenierung von Lydia Haiders "Zertretung 1. Kreuz brechen oder Also alle Arschlöcher abschlachten" am Volkstheater Wien (nachtkritik) sowie "Fidelio" in Glyndebourne und "Jenůfa" an der Royal Opera in London (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.10.2021 - Bühne

Robert Hunger-Bühler in "Anne-Marie die Schönheit" von Yasmina Reza am Theater Freiburg, wo es weitere Vorführungen im November gibt. Foto: Britt Schilling


In Yasmina Rezas Stück "Anne-Marie die Schönheit" ist ein Solostück für eine Frau. Geschrieben hat Reza es jedoch ausdrücklich für den Schauspieler André Marcon. Das Schauspielhaus Zürich hat die Rolle jetzt mit Robert Hunger-Bühler besetzt. Eine ausgezeichnete Wahl, findet Roman Bucheli in der NZZ. Schade nur, dass das Schauspielhaus das Stück aus identitätspolitischen Gründen nicht in Zürich spielen will, sondern Hunger-Bühler als alternde Schauspielerin Anne-Marie durch die Provinz schickt. Den Zürchern entgeht was, wenn Anne-Marie in ihrer letzten Rolle sich selbst spielt: "Wie falsch das alles ist - und wie sehr es sich zugleich auf seltsam traurige Weise richtig anfühlt, wird vielleicht gerade darum so unaufdringlich, fast zärtlich spürbar, weil Robert Hunger-Bühler den Zwiespalt selber verkörpert. Er versucht ja auch gar nicht, die Illusion zu erwecken, es stehe eine Frau auf der Bühne, Rock und Bluse sind keine Travestie, nur die Andeutung einer Verschiebung der Identität. Darum bleibt der Abstand zwischen ihm und der Rolle gerade dort am schmerzhaftesten gegenwärtig, wo er zu verschwinden droht. Es ist diese feine Dissonanz, die unsere Sinne schärft für die großen Dissonanzen im Leben der Frau und in den Weisen, wie sie davon erzählt."

Das neue Münchner Volkstheater. Foto vom Architektenbüro LRO 


Heute abend eröffnet das neue Münchner Volkstheater mit Marlowes "Edward II." in der Regie von Christian Stückl. In der FAZ nutzt Matthias Alexander die Gelegenheit, noch einmal von den "Meistern des Stuttgarter Architekturbüros LRO Lederer Ragnarsdóttir Oei" und insbesondere Arno Lederer zu schwärmen. Für das Theater wird der neue Bau eine Herausforderung, meint er: "Jahrzehntelang hat das Volkstheater in einer umgebauten Turnhalle an der Brienner Straße mehr gehaust als residiert, jetzt verfügt es über gewaltige 30 000 Quadratmeter Geschossfläche und über eine technische Ausstattung, von der die Kollegen an Kammerspielen und Residenztheater nur träumen können. Auch die Personalstärke ist aufgestockt worden, immerhin um ein Drittel. Das ist schön und beglückend, aber auch fordernd. Intendant Christian Stückl und sein junges Team, die Volkstümlichkeit nie mit Provinzialität verwechselt haben, werden sich mit gestiegenen Erwartungen konfrontiert sehen: seitens des Publikums, der Kritik und der Politik."

Weiteres: Dorion Weickmann trifft sich für die SZ mit der koreanischen Choreografin Eun-Me Ahn, deren Stück "Dragon" gerade in Potsdam aufgeführt wird. Besprochen werden Peter Konwitschnys Inszenierung von Bellinis "Norma" an der Semperoper (nmz), der Doppelabend "Das Mrs. Dalloway Prinzip" und "4.48 Psychose" in der Inszenierung von Selen Kara am Schauspiel Dortmund (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.10.2021 - Bühne

Die verschiedenen Hygiene-Konzepte an deutschen Theatern können ganz schön verwirrend sein - zumal sie sich auch noch andauernd ändern. Und die Zuschauer machen auch nicht alles mit. Die einen fühlen sich wohler mit Maske, die anderen ärgern sich, dass sie trotz Impfung Maske tragen müssen, berichtet Christine Dössel in der SZ: "Überall die gleiche Frage: Was wollen und fürchten denn nun eigentlich die Zuschauer? ... Ulrich Khuon, der als ehemaliger Präsident des Deutschen Bühnenvereins die Gesamttheaterlage gut im Blick hat, geht davon aus, dass ein Teil vor allem der über 70- und 80-Jährigen nicht mehr zurückkehren wird. Er erwartet einen Einbruch von zehn bis fünfzehn Prozent. Alarm schlägt er deswegen nicht: 'Das wird eine Anstrengung werden, aber keine Horrorerfahrung. Es kann auch lustvoll sein, sich neu auszuprobieren und Zuschauer zu gewinnen.'" Sehr viel weniger gelassen sieht das Joachim Lux vom Hamburger Thalia-Theater. Er "macht außerdem einen viel größeren Problemkreis auf: Leere städtische Kassen, steigende Energiepreise, Tariferhöhungen, Inflation - das ergebe einen 'explosiven Cocktail von Mehrkosten und Mindereinnahmen'."

Weitere Artikel: Sylvia Staude unterhält sich für die FR mit Tim Plegge, Hauschoreograf für das Hessische Staatsballett, über sein neues Stück "Memento". In der FAZ berichtet Christoph Weissermel vom FIND-Festival an der Berliner Schaubühne.

Besprochen werden Donizettis "Viva la Mamma!" in Lübeck (nmz) und die Uraufführung von Alexander Zemlinskys Opernfragment "Malva" bei "Zemlinsky 150" in Prag (nmz, FAZ).
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Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.10.2021 - Bühne

Im Pandaemonium: Alban Bergs "Wozzeck" am Staatstheater Kassel. Foto: N. Klinger

Ein Musiktheater der Zukunft hat SZ-Kritiker Egbert Tholl mit Florian Lutz' Eröffnungspremiere am Staatstheater Kassel mit Alban Bergs "Wozzeck" erlebt. Die ZuschauerInenn saßen nicht im Parkett, sondern im Pandaemonium, einer Raumbühne: "Im Geschehen, irgendwo in dem spektakulären, mehrgeschossigen Stahlgestänge, mit dem Sebastian Hannak den Bühnenraum gefüllt hat, die Seitenbühnen und die Hinterbühne, um das Portal herum und auch ein bisschen in den 'normalen' Zuschauerraum ragend. Unter einem, auf dem leicht terrassierten Boden der Bühne, sitzt das Staatsorchester Kassel, weit aufgefächert, und Francesco Angelico dirigiert es mit so bei diesem Stück noch nie erlebter Poesie. Alban Bergs 'Wozzeck', per se schon ein Schrei nach Humanität, wird hier zu einem ganz neuem Erlebnis, weil man im Klang sitzt, der den Raum ausfüllt, weil man wirklich jedes einzelne Instrument orten kann und man so ganz unmittelbar erfährt, was die Arbeit eines großen Orchesters ja immer ist: ein Gesamtergebnis hergestellt von vielen Individuen."

Besprochen wird Marie Bues' Inszenierung von Thomas Köcks "Klimatrilogie" am Schauspiel Hannover (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.10.2021 - Bühne

Mehr vom Mehr: Sivan Ben Yishais "Like Lovers Do". Foto: Krafft Angerer / Kammerspiele

Schier vom Sitz reißt es taz-Kritikerin Johanna Schmeller in Pinar Karabuluts Inszenierung von Sivan Ben Yishais "Like Lovers do - Memoiren der Medusa", so fertig und so begeistert ist sie nach dieser Hölle einer Missbrauchsfantasie in den Münchner Kammerspielen: "Dabei lotet Sivan Ben Yishai die Grenzen der Sprache in einer Weise aus, die Medien, sozialen Netzwerken und selbst Filmen üblicherweise verboten ist und die in dieser Härte und Unmittelbarkeit dem Theater vorbehalten bleibt. Mehr wird an diesem Abend mehr: Mehr Schmerz, mehr Furor, mehr Angst, mehr Gefühl werden unterstützt durch fast durchgehend brüllende, singende oder greinende Schauspieler. Mehr grelle Farben, flackerndes Licht, ein Ufo, das sich - natürlich im Trockennebel - auf die Bühne senkt, ein Finale als Luftperformance (Bühnenbild: Michela Flück). Ein Tümpel, in dem Blut oder Sperma rot blubbernd kocht und in den die Figuren kopfüber abstürzen."

Besprochen werden Robert Borgmanns Inszenierung "Passion I und II" nach Bulgakows "Der Meister und Margarita" in Bochum (SZ) und Barbara Freys bereits bei der Ruhrtirennale gezeigte Inszenierung von Edgar Allen Poes "Untergang des Hauses Usher" am Wiener Burgtheater (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.10.2021 - Bühne

Angélica Liddell beim FIND Festival. Foto: Christophe Raynaud de Lage/Schaubühne

So begeistert wie ergriffen zeigt sich Barbara Behrendt in der taz von Angélica Liddells radikaler Performance beim FIND-Festival an der Berliner Schaubühne, bei ZuschauerInnen ohnmächtig aus der Schaubühne getragen werden musste, wie Behrendt berichtet: "Liddell beschwört die Theokratie, die überrationalisierte Welt habe die Menschen zu Idioten gemacht. Ihre Worte sind voller Poesie und Furor ... Ihr Ziel ist nicht Provokation - und doch darf man sich von der zweiten Festivaleinladung provoziert fühlen: 'The Scarlett Letter' spielt auf Nathaniel Hawthornes Roman an, der die Prüderie der Gesellschaft um 1850 beklagt. Die Inszenierung ist nicht deshalb provokant, weil einer der zehn nackten Männer der Performerin demonstrativ einen Finger in die Vagina schiebt oder sie den Penis eines anderen genussvoll in den Mund nimmt. Sondern weil Liddell das Loblied auf den Mann als solchen singt, dem sie bis in alle Ewigkeit die Füße küssen möchte."

In der SZ betont Peter Laudenbach, dass Europas wütendste Theaterkünstlerin in der Tiefe ihrer Seele eine Moralistin sei: "Liddell steigert sich in einen immer aberwitzigeren Furor, in dem sie von wohlerzogenen französischen Schulmädchen (die sie auf der Bühne am liebsten 'von unten bis oben aufschlitzen' würde) bis zum laizistischen Staat so ziemlich alles zum Teufel wünscht und sich zu reaktionär schillernden Anti-Utopien versteigt ('Ich fordere eine Theokratie'). Das hat eine gewisse Ähnlichkeit mit den Hasstiraden des Übertreibungskünstlers Thomas Bernhard und ist bei allem durchaus ernst gemeinten Hass immer wieder genauso komisch wie Bernhards Ausfälle." In der Nachtkritik verehrt Gabi Hift Liddell eher als "Hohepriesterin der bildschönen Theaterverstörung".

Besprochen werden außerdem Sivan Ben Yishais neues Stück "Like Lovers Do" an den Münchner Kammerspielen (SZ, Nachtkritik), das Radar Ost Festival am Deutschen Theater Berlin (Nachtkritik), "Victor/Victoria" am Staatstheater Main (FR), Alban Bergs "Wozzeck" am Staatstheater Kassel (FR), der letzte Teil von Hilary Mantels Trilogie um Thomas Cromwell an der Royal Shakespeare Company (FAZ) und der letzte teil von Hakan Savaş Micans Berlin-Trilogie "Berlin Karl Marx Platz" an der Neuköllner Oper (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.10.2021 - Bühne

Bild: Edouard Louis. Wer hat meinen Vater umgebracht? Schaubühne Berlin. Foto: Jean-Louis Fernandez.

Die schwierige Aufgabe sich selbst zu spielen, meistert Edouard Louis in Thomas Ostermeiers Inszenierung von des Louis-Romans "Wer hat meinen Vater umgebracht?" bravourös, findet die bewegte Nachtkritikerin Gabi Hift: "Édouard Louis verwandelt sich vom verletzten Kind in einen Ankläger, der sich zum Rächer der Menschen erklärt, die ihm die Kindheit zur Hölle gemacht haben. Das ist auf dem Papier etwas zweifelhaft. In der Inszenierung funktioniert es aber großartig. Es ist nämlich nicht der erwachsene Édouard Louis, der zum Rächer wird. Es ist das Kind, das sich ein Superheldenkostüm wie vom Fasching anzieht - Cape und Maske - und Fotos der Männer an eine Wäscheleine hängt, die seinen Vater fertiggemacht haben (und damit mittelbar auch ihn): Chirac, Sarkozy, Hollande, Macron. Der Superheld verliest ihre Untaten und beschießt die Bilder mit Sylvesterkrachern."

So recht kann Mateja Koležnik die Theaterkritiker am Berliner Ensemble mit ihrer Inszenierung der "Hexenjagd", jenem Stück über die Hexenverfolgung in New England im 17. Jahrhundert, das Arthur Miller vor dem Hintergrund der McCarthy-Ära schrieb, nicht erreichen. Nachtkritiker Michael Wolf mangelt es etwa an Aktualität: "Welcher spezifische Faschismus hier am Werke ist, welche Ideologie unserer Zeit da grassieren soll, bleibt im Dunkeln." Rüdiger Schaper erkennt zwar im Tagesspiegel mit dem Hinweis auf Fake News und Verschwörungstheorien durchaus Aktualitätsbezüge, hat aber ein anderes Problem: "Mateja Koležnik hat eine Idee, die auf den ersten Blick bestechend wirkt, sich aber als fatal erweist. Sie verlegt große Teile der Story in einen hinteren Raum, halb Turnhalle, halb Gerichtssaal - für das Publikum kaum einsehbar." In der FAZ behält auch Simon Strauss nur einzelne Bilder im Gedächtnis: "Wie gekonnt diese Mädchen ihre Hysterie vorspielen, mit jener Mischung aus lolitahafter Erotik und zelotischem Wahn, das treibt einem die Angst in die Knochen. Da denkt man an die Kinderkreuzzüge."

Besprochen werden Stephanie van Batums Inszenierung von William Shakespeares "Der Widerspenstigen Zähmung" am Staatstheater Mainz (nachtkritik), Robert Borgmanns Inszenierung "Passion I und II" nach Meister und Margarita von Michael Bulgakow und Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion am Schauspielhaus Bochum (nachtkritik), Volker Löschs "Stadt der Arbeit" im Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen (nachtkritik) und Jan Lauwers' Inszenierung der Monteverdi-Oper "L'incoronazione di Poppea" an der Wiener Staatsoper (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.10.2021 - Bühne

Besprochen werden Sebastian Nüblings Inszenierung von Sibylle Bergs "GRM Brainfuck" am Hamburger Thalia Theater (taz) und Leandro Kees' Stück "Apokalypse Resistance Training" am Theaterhaus Frankfurt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.10.2021 - Bühne

Bild: Edouard Louis. Wer hat meinen Vater umgebracht? Schaubühne Berlin. Foto: Jean-Louis Fernandez.

Edouard Louis' Texte werden auf deutschen Bühnen rauf und runter gespielt, aktuell rezitiert Louis den Monolog aus "Wer hat meinen Vater umgebracht" an der Berliner Schaubühne. Aber weshalb ist Louis im Ausland so beliebt und in Frankreich so "verhasst", fragt Kevin Hanschke in der FAZ den Autor: "Um ihn selbst gehe es ihm dabei nicht, sagt Louis, vielmehr wolle er dadurch seinen Eltern eine Stimme geben. Denn: 'Die politische Aussage ist wichtiger als persönliche Befindlichkeiten.' Seine Stimme hebt sich. Wiederholt benutzt er den Begriff der 'dominierenden Klasse', darunter verstehe er die Schichten, die über jene Druck ausüben, die nicht Teil ihrer Gemeinschaft sind. 'Macron redet andauernd über arme Menschen. Sie müssen sich mehr anstrengen, mehr arbeiten, mehr kämpfen.' Es gibt seiner Meinung nach in der französischen Öffentlichkeit eine regelrechte 'Obsession' , arme Menschen im öffentlichen Diskurs zu diskreditieren und ihnen die politische Meinungsfähigkeit abzusprechen."

Die Regierung Macron "zerstört" die Armen, ergänzt Edouard Louis im Freitag-Gespräch mit Christine Käppeler: "Ich will linke Denker erschaffen, ich will linke Kämpfer erschaffen, eine Crowd, die es noch nicht gibt."

Außerdem: Eine "seiner besten Inszenierungen" nennt Martin Krumbholz in der SZ Armin Petras' Adaption von Eugen Ruges Roman "Metropol" am Schauspiel Köln: Wie Armin Petras mit einem wunderbaren Ensemble die Ängste und Hoffnungen einer Handvoll Deutscher, gefangen in der Falle einer zerrinnenden Illusion, anschaulich werden lässt, ist unbedingt sehenswert."
Besprochen wird Katja Lehmanns Inszenierung des zweiten Teils von Virginie Despentes "Vernon Subutex" am Frankfurter Stalburg Theater (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.10.2021 - Bühne

Wilde Frauen: Medea (Sarah Sandeh) und Akama (Sina Kießling). Foto: Thorsten Wulff / Staatstheater Karlsruhe 

SZ-Kritiker richtet hohe Erwartungen an die Karlsruher Schauspieldirektorin Anna Bergmann, die an neuen Leitungsstrukturen für die Bühnen arbeitet und am Staatstheater gerade Christa Wolfs "Medea" inszeniert hat - als Gefangene eines Systems: "Sie, Medea, kennt die Geheimnisse der Städte, egal ob Kolchis oder Korinth, sie kennt die Abgründe deren Herrscher, die ihre Macht auf der Ermordung der eigenen Kinder bauten. In dieser Medea gerinnen Jahrtausende eines Mythos, und nun sitzt Sarah Sandeh da, die diese Medea mit rauer Emotionalität, mit Liebe und Stolz füllt, Glutofen einer selbstbewussten Frau: 'Ich bin keine junge Frau mehr, aber wild noch immer, das sagen die Korinther, für die ist eine Frau wild, wenn sie auf ihrem Kopf besteht.'"

Besprochen werden Demis Volpis Tanzdrama "Geschlossene Spiele" in Düsseldorf (SZ) und Barrie Koskys Inszenierung von Brechts/Weills "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" an der Komischen Oper (die Niklaus Hablützel in der taz vor allem musikalisch wunderbar findet).