Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.05.2026 - Bühne

Szene aus "Der blinde Passagier". Foto: Marcella Ruiz Cruz

Maria Lazar, kommunistische Tochter einer jüdischen Großbürger-Familie aus Wien, ist zurecht als Schriftstellerin wiederentdeckt worden, war sie doch eine "scharfe Beobachterin der Mechanismen, die die Menschen in Nazi-Deutschland zu Mittätern gemacht haben", erinnert Sabine Leucht in der nachtkritik. Nun hat Adrian Figueroas ihr Stück "Der blinde Passagier" auf die Bühne des Münchner Volkstheaters gebracht. Gestellt werden die Fragen: "Wie weit geht man, um das Leben eines Fremden zu retten? So weit, wie man von seinen eigenen Bedürfnissen absehen kann? Oder so weit wie man bereit ist, zu glauben, was nicht sein darf: Dass jemand gejagt wird, nur, weil er Jude ist?" Figueroas macht daraus einen sogkräftigen "Psychokrimi", so Leucht: "Die äußere Handlung steht still. Und auch in den Menschen bewegt sich erst mal wenig. Will heißen: Sie bangen und winden sich, ändern aber ihre Haltungen nicht wirklich. Lazar geht mit ihnen um wie die Hafenpolizei mit dem nebeligen Areal: Sie leuchtet in sie hinein, aber nur punktuell."

Weitere Artikel: nachtkritikerin Verena Großkreutz resümiert eine Pressekonferenz, bei der die zukünftige Intendantin des Heidelberger Theaters, Bernadette Sonnenbichler, ihr Leitungsteam und das Programm vorstellte. Außerdem berichtet die nachtkritik über Kritik an der neuen Leitung des Schauspielhauses Wien. Besprochen wird außerdem Antonia Leitgeb-Busches Inszenierung "Who's Afraid of Tradwives" am Theater Bamberg (nachtkritik).
Stichwörter: Lazar, Maria, Ostertag, Sara

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.05.2026 - Bühne

In der Zeit kann Sven Behrisch nur staunen: Unter der Direktion von Clara Weyde, Clemens Leander und Bastian Lomsché schafft das Theater Magdeburg nicht nur bis zu 90 Prozent Auslastung, vergangenes Jahr wurde es auch zum Theater des Jahres gewählt. Nun hat das Haus bei dem Dramatiker Kevin Rittberger ein Stück in Auftrag gegeben, das den Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt 2024, bei dem sechs Menschen starben, thematisiert. Rittberger hat die Opfer und ihre Angehörigen ein Jahr begleitet - und Behrisch ist sich jetzt schon sicher, dass Sebastian Nüblings Inszenierung in der Stadt, in der die AfD bald regieren könnte, heftige Proteste auslösen wird, denn thematisiert werden auch "die Anschläge auf Muslime, die nach dem Anschlag stark zugenommen haben, aber auch das Trauma der ganzen Stadtgesellschaft, die betroffen war und getroffen wurde. Die Figuren machen eine Entwicklung durch, niemand kann sich von dem Horror lösen, doch die meisten kommen auf ihre Weise ins Tun, schaffen eine Teilbefreiung oder planen ihren Neubeginn. 'Wunde Stadt' handelt von der Möglichkeit einer Heilung."

Szene aus: "Das beste Stück aller Zeiten". Foto: Ines Bacher

Und auch Welt-Kritiker Jakob Hayner ist ganz hingerissen, kann er doch bei Milo Raus Eröffnungsstück "Das beste Stück aller Zeiten" auf 75 Jahre Wiener Festwochen zurückblicken und dabei nicht nur einem Nackten zuhören, der Händel singt oder einem anderen zuschauen, der sich in den Mund pinkelt und bunte Urinfontänen spuckt, sondern er begegnet auch vielen alten Bekannten wie Tabori, Pollesch, Jelinek oder Schlingensief.

Weitere Artikel: Der Venezianer Damiano Michieletto ist einer der meistgefragten Opernregisseure, Zeit für seinen ersten Film fand er dennoch, freut sich Manuel Brug in der Welt, denn das Vivaldi-Porträt "Vivaldi und ich" ist ziemlich gelungen, findet Brug. Christine Lemke-Matwey blickt für die Zeit auf aktuelle, neue Opern, darunter Olga Neuwirths "Orlando" an der Komischen Oper oder Karola Obermüllers Bachmann-Inszenierung "Malina" bei den Schwetzinger Festspielen. Dorion Weickmann stellt in der SZ junge Nachwuchschoreografen vor, die die Ballettszene aufmischen. 

Besprochen werden außerdem Tatjana Gürbacas Rossini-Inszenierung "Il Barbiere di Siviglia" (Welt), Vegard Vinges "Peer Gynt"-Inszenierung an der Berliner Volksbühne (Welt) und Christiane Jatahys Musiktheaterprojekt "The Day before" bei den KunstFestSpielen Herrenhausen (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.05.2026 - Bühne

Nationaltheater Mannheim - Mommy, Look!, Luis Tena Torres und Anna Zardi, Foto: Christian Kleiner

Drei Tanzstücke versammelt der Abend "Wer darf hier Mann sein?" am Nationaltheater Mannheim, den sich Sylvia Staude für die FR anschaut. Der Titel lässt Thesenhaftes erwarten, Staude hingegen möchte "keine Abhandlung, sondern zuallererst Tanz" sehen und genau das wird ihr glücklicherweise auch geboten. Besonders gut gefällt ihr "Mommy, Look!" der niederländischen Geschwister Imre und Marne van Opstal. Ein Stück mit zwei Teilen, "dem aggressiv-vehementen, mitreißenden Auftanzen der hier zehnköpfigen Gruppe - nicht umsonst tragen Tänzerinnen und Tänzer Knieschützer - folgt Zartes, Zärtliches, Besinnliches, auch mal ein Solo oder Duo. Die Musik von Rotem Frimer und Hen Yanni macht diesen Wechsel mit, vom kühl Rhythmusbetonten zum melodiös Gezupften. Die Anzüge der ersten beiden Stücke sind einem Unterwäsche-Look gewichen (Bühne und Kostüme: Opstal), was auch eine gewisse Verletzlichkeit suggeriert."

Weitere Artikel: Jakob Hayner besucht für die Welt noch einmal eine der jetzt schon legendären "Peer Gynt"-Vorführungen von Vegard Vinge, Ida Müller und Trond Reinholdtsen in der Volksbühne und schreibt außerdem über den sonstigen Stand der Dinge im Haus am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz. Janis El-Bira berichtet auf nachtkritik über - scheinbar nicht allzu handfeste - Plagiatsvorwürfe gegen den Theaterstar der Stunde Florentina Holzinger. Fürs gleiche Medium spricht er außerdem mit der Schauspielerin İlknur Bahadır und der Diversitätsagentin Yuvviki Dioh darüber, wie an deutschen Theatern mit von Rassismus betroffenen Menschen umgegangen wird. Außerdem begleitet die nachtkritik weiterhin die 51. Mühlheimer Theatertage, heute geht es unter anderem um ein Stück von Clara Leinemann. Lilli Braun porträtiert in der taz den tauben Theaterkünstler Jan Kress, der am Berliner FELD-Theater angestellt ist und inklusive Bühnenprojekte entwickelt. Bernd Noack resümiert in der NZZ das Berliner Theatertreffen - die Stücke waren oft nicht so berauschend, findet er, die Schauspieler dagegen fast immer grandios.

Besprochen werden die Christoph Schlingensief gewidmete Schau "Es ist nicht mehr mein Problem" im MAK (taz), Mattias Anderssons "Mythen des Alltags" bei den Festwochen Wien (FAZ - "Es sind freilich auch Klischees dabei"), Riccardo Chaillys "Nabucco"-Inszenierung an der Scala Mailand mit Anna Netrebko (FAZ - "Es wirkt so, als habe das Regieteam die Figuren zuvor am Bildschirm optimiert. Sie berühren kaum."), das Doppelprojekt "Wallden" und "Donaugold", das die Gruppe Nesterval für die Wiener Festwochen auf die Beine stellt (nachtkritik - "fühlt sich an wie ein endloser Kindergeburtstag ohne Kinder") und Alice Diops Lese-Performance "Le Voyage de la Vénus Noire" bei den Wiener Festwochen (nachtkritik - "eine Stimmung der Aufmerksamkeit").

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.05.2026 - Bühne

Szene aus Don Quijote am Theater Basel. Foto:Ingo Höhn. 

Ein vielschichtiges und fantasievolles Opern-"Pastetchen" bekommt NZZ-Kritiker Georg Rudiger mit Thom Luz' Inszenierung von Cervantes' "Don Quijote" am Theater Basel zu sehen. Es gibt zwar auch ein paar Längen, meint Rudiger, dafür aber viele gute Einfälle, wie schon in der Eingangsszene: "Die Idee, mit der Sterbeszene zu beginnen, erweist sich als Geniestreich: 'Je ne veux pas mourir', sagt Dietrich Henschel als Don Quijote auf dem Totenbett, springt von der Bühne und flieht durch den Zuschauerraum ins Foyer. Die Abenteuer, die Henschel im Folgenden gestaltet, sind nicht nur eine Flucht vor dem bevorstehenden Tod, sondern auch vor Cervantes! Schließlich möchte der Autor ihn in seinem Buch beerdigen, um selbst berühmt zu werden. Mit André Morsch als Sancho Panza steht diesem Don Quijote ein so kräftig wie beweglich singender Kamerad zur Seite, der vor allem ans Essen denkt und die Höhenflüge seines vermeintlichen Ritters immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Hinzu kommt ein ausgezeichnetes Quintett aus dem Basler Opernstudio, das die Geschichte bald kommentierend, bald selber agierend vorantreibt."

Weitere Artikel: Peter Laudenbach konstatiert in der SZ genervt einen "Trend zum Theaterpicknik" beim Berliner Theaterpublikum, warum "beim ausgiebigen Knistern der mit liebevoller Hingabe endlos ausgewickelten, weitergereichten, dankbar kommentierten und umständlich wieder verstauten Hustenbonbons stehen bleiben, wenn sich auch mit Chipstüten und Salzstangen schöne Geräusche machen lassen?" Besprochen werden Jan Christoph Gockels Inszenierung von "Polaris" am Deutschen Theater Berlin (SZ), Tatjana Gürbaces Inszenierung von Rossinis "Il Barbiere di Siviglia" an der Hamburgischen Staatsoper ("überwiegend heiter", freut sich Stefan Grund in der Welt) und Thierry Malandains Tanzstück "Les Saisons" bei den Maifestspielen in Wiesbaden (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.05.2026 - Bühne

"Orlando", Bild: Jan Windszus.


Olga Neuwirth hat Virginia Woolfs "Orlando" in eine Oper verwandelt, die nach der österreichischen Uraufführung 2019 nun an die Komische Oper Berlin kommt, Regie führt Ewelina Marciniak. Helmut Mauró sieht für die SZ in dem Spiel mit Geschlechterzuordnungen ein "Schelmenstück": Orlando ist dabei "ganz in seinem Liquid-Gender-Element, vielleicht auch ein bisschen auf Drogen, 'I want to break free' singt sie, auch wenn das Queen erst 1984 gesungen haben. Aber auch dies ist ein Markenzeichen dieser Oper: Nicht nur die Geschlechtergrenzen fließen, auch die Logik der Zeitläufe und ihr musikalischer Widerhall in Zitaten aus Werken von John Dowland bis in Jazz und Pop des 20. Jahrhunderts."
 
Im Tagesspiegel lobt Johannes Furtwängler das Zusammenwirken von Musik und Inhalt: "Eine der größten Stärken liegt in Neuwirths Klangsprache. Bläser, Obertöne, gesprochener und gesungener Ausdruck, elektronische Schichten und instrumentale Zuspitzungen bilden kein festes Gerüst, sondern ein Material, das sich ständig verschiebt. Die Musik ordnet sich keiner klaren Tonalität unter, bleibt unruhig, durchlässig, manchmal kaum zu greifen. Gerade dadurch passt sie zu einer Figur, deren Identität nicht als Zustand erscheint, sondern als kontinuierliche Bewegung durch wechselnde Zeiten."

Nachtkritiker Albrecht Selge macht aber trotz aller queeren Freude an dem Stück auf eine das Hirn wenig herausfordernde Simplifizierung aufmerksam: "Der erste Teil mit seiner rasanten Woolf-Spulung kann einen regelrecht erschlagen, während der zweite Teil im narrativen Hopserlauf vom Zweiten Weltkrieg über Vietnam und Frauenbewegung bis zum gegenwärtigen Rechtspopulismus (vulgo neuen Faschismus) zum Unterkomplexen neigt. Man nickt da beifällig und droht einzunicken." Weitere Besprechungen in der taz und der Berliner Zeitung.

Weiteres: Doris Meierhenrich ist in der Berliner Zeitung eher nicht so zufrieden mit diesem Jahrgang des Berliner Theatertreffens. Auch Rüdiger Schaper kommt im Tagesspiegel zu dem Schluss, diese Ausgabe lieber dem Vergessen überantworten zu wollen. Paulina Alpen gewinnt den Alfred-Kerr-Darstellerpreis, die Laudatio von Matthias Brandt ist im Tagesspiegel zu lesen. Für Hilka Dirks und Yi Ling Pan in der taz zeichnet sich das Theatertreffen dieses Jahr vor allem durch die Lust am Spektakel aus. Nachtkritikerin Christine Wahl erklärt die Entscheidung, für die nächsten beiden Festivaljahrgänge keine Frauenquote festzulegen.

Besprochen werden "Anima mea" und "Mirror" im Rahmen eines KI-Festivals am Staatstheater Darmstadt (FR), "Polaris" von Jan-Christoph Gockel auf den Ruhrfestspielen Recklinghausen (Nachtkritik) und Manuela Infantes "Sirenen" am Theater Basel (Nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.05.2026 - Bühne

Im Herbst kehrt Ex-Volksbühnen-Chefdramaturg Matthias Lilienthal als Intendant an das Haus zurück. Im nachtkritik-Interview verrät er, dass er neben alten Castorf-Schauspielern neue "diverse" Mitglieder verpflichten wird und wie er die Volksbühne in Berlin, der aktuell "langweiligsten Stadt der Welt", positionieren will: Als "Ort, wo man auch über die Frage nach dem Ende der Demokratie nachdenkt. Also wie sich auch eine politische Wirklichkeit dann neu denkt, wenn man besinnungslos hinter jeder technologischen Neuerung herrennt, wie wir es seit Jahren tun. Von welcher Realität sprechen wir eigentlich? ... Welche Narrative setzen sich durch? Und die Volksbühne zu einem Zentrum des Nachdenkens darüber zu machen und auf der einen Seite internationale Künstler und auch den Widerstand gegen die AfD hier zu etablieren - das alles fröhlich gemixt mit einem Berliner Dialekt, finde ich erstmal eine gute Mischung."

Szene aus "Les Pecheurs de perles". Foto: Lukas Städler

Die Musik ein "Vollbad an Klangschönheit", die Bilder fantastisch - und doch buht das Wiener Publikum lautstark nach Ersan Mondtags Inszenierung von der frühen Bizet-Oper "Les Pêcheurs de perles" an der Staatsoper, denn Mondtag hat die Geschichte über indigene Perlentaucher kritisch umgeformt, weiß Nachtkritiker Reinhard Kriechbaum: Er "betrachtet die soziale Schieflage (eingeborene Underdogs tauchen nach Perlen, wohl für reiche Europäer) und überträgt diese Situation ins Heute: Keine 'Pêcheurs de perles', sondern Textilarbeiter, die in einem Färberviertel à la Marrakesch schuften und Laken in die Farbbeize tauchen. Zurga (bei Bizet eigentlich ein Stammeshäuptling) führt sich als rechter Populist auf, paktiert aber mit der westlichen Modeindustrie."

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Im FAZ-Gespräch mit Thomas David erklärt der amerikanische Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt, der mit "Dunkle Renaissance" gerade ein Buch über Christopher Marlowe veröffentlicht hat, weshalb wir von Shakespeares Rivalen auch einiges lernen können, denn unsere Gegenwart sei wie Marlowes Welt, eine "Welt der Verschwörung, des Verrats, der Berechnung und des Hungers nach Macht". Dennoch glaubt Greenblatt, dass "sich die grundlegenden Normen unserer ungewöhnlich alten Demokratie, die im Moment stark ins Wanken geraten sind, mittelfristig wieder stabilisieren werden. Wir erleben einen schrecklichen Moment des Personenkults, eine eigentümliche Verirrung, wie sie in unserer Kultur jedoch schon öfters vorgekommen ist. Etwa in der Zeit nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg. Solche Dinge passieren. Aber was mir Angst macht, ist die Rolle, die die Künstliche Intelligenz bei alldem spielen wird, dieses vollkommen neue Phänomen, von dem wir nicht wissen, wohin es unsere Gesellschaften treiben wird, und vor dem es auch die politische Kultur zu schützen gilt."

Weitere Artikel: In der FAZ besucht der Dramaturg Claus Philipp die Schlingensief-Ausstellung im Wiener Mak (mehr hier). Für die taz trifft sich Birger Stepputtis mit dem Dramatiker Kevin Rittberger, dessen Stück "Wunde Stadt" über den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt 2024 bald am Theater Magdeburg Premiere feiern wird. Corina Kolbe erinnert in der NZZ an die Schweizer Kabarettistin Julia Tardy-Marcus.

Besprochen werden außerdem Sarah Nemtsovs Science-Fiction-Oper "WIR" nach dem gleichnamigen Roman des russischen Schriftstellers Jewgeni Samjatin am Opernhaus Dortmund (FR), Sara Ostertags Adaption von Helena Adlers Roman "Fretten" am Kosmos Theater in Wien (Welt), Milo Raus "Das beste Stück aller Zeiten" bei den Wiener Festwochen (nachtkritik), Valentin Schwarz' Inszenierung "Faust et Hélène / Faust :: Mein Brustkorb: Mein Helm" von Lili Boulanger am Nationaltheater Weimar (nachtkritik) und das derzeit bei den Ruhrfestspielen gezeigte Stück "Catladies", für das die Dokumentar-Theatermacherinnen von "Werkgruppe 2" ältere alleine lebende Frauen interviewt haben (ein Hauptgewinn in der Theaterlotterie", freut sich Max Florian Kühlem in der SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.05.2026 - Bühne

Foto: Aino Laberenz

Ein wenig erschrickt Nachtkritiker Reinhard Kriechbaum dann doch, wenn er in der zum Auftakt der Wiener Festwochen eröffneten Christoph-Schlingensief-Ausstellung "Es ist nicht mehr mein Problem" im Wiener Mak erkennen muss, wie brandaktuell die Themen des 2010 verstorbenen Künstlers sind, der sich für "unterrepräsentierte Randgruppen, für Migranten und ihre wenig geglückte Integration" und gegen Populismus und Rechtsextremismus einsetzte: "Mit der Festwochen-Aktion 'Bitte liebt Österreich - Erste österreichische Koalitionswoche' hat Schlingensief im Jahr 2000 mächtig für Randale gesorgt. Das Containerdorf mit Bauzaun ist jetzt nachgebaut im Wiener MAK. Dort ließ Schlingensief Asylwerber und Asylwerberinnen unter ständiger Beobachtung leben, ganz so wie es die damals gerade aktuelle Reality-TV-Show 'Big Brother" vormachte. Das Publikum konnte per Telefon-Voting täglich zwei Kandidaten 'abschieben'." In der FAZ notiert Sophie Klieeisen: "Die Radikalität, mit der er die moralischen Fragen, die er aufwarf, am Ende unbeantwortet ließ, wirkt heute fast auf romantische Weise freiheitlich." 

Sinthia Liz, Duccio Tariello (Dispatch Duet) - © Ashley Taylor / Wiener Staatsballett

Abgesehen vom "religiösen Schönheitskitsch", in dem das letzte Stück mündet, ist Wiebke Hüster in der FAZ sehr angetan von dem Abend "American Signatures", für den das Wiener Staatsballett unter Leitung der italienischen Starballerina Alessandra Ferri am Volkstheater vier Werke aus dem 20. und 21. Jahrhundert tanzt. Vor allem das "Dispatch Duet" von Pam Tanowitz findet sie grandios: "Schon der Kontrast zwischen der klanggewaltigen Musik und der Konzentration des tanzenden Paares auf ihr Alleinsein auf weiter Strecke ist großartig. Es verleiht dem intellektuellen und gekonnten Auseinandernehmen der großen Sprachen des 20. Jahrhunderts, von George Balanchine und Merce Cunningham, eine Art dramatische Untermalung und Unterstützung in der Inszenierung unerwarteter Wendungen, fremdartiger Überleitungen, postmodern selbstreferenziellen Verhaltens auf der Bühne. Die avantgardistische Orchestermusik von Ted Hearne, einzelne Partien seiner Komposition "Dispatches", ist aufrüttelnd, fremdartig, laut, zerrissen und großartig..."

Besprochen werden außerdem Toshiki Okadas Satire "Sliding Away" am Staatstheater Hannover (taz), Thom Luz' Opern-Pasticcio "Don Quijote" am Theater Basel (nachtkritik), Toshiki Okadas "Sliding Away" am Staatstheater Hannover (nachtkritik) und Lucia Bihlers Inszenierung "Die Welt im Rücken" von Thomas Melle am Schauspiel Stuttgart (nachtkritik).
Stichwörter: Schlingensief, Christoph

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.05.2026 - Bühne

Muss das Perlentaucher-Efeu das Berliner Gorki bald von der Rubrik Bühne in die Rubrik Kunst verschieben? Das vielleicht doch noch nicht, aber die Antrittspressekonferenz der neuen Intendantin Çağla Ilk scheint jenen recht zu geben, die erwarten, dass das Haus sich unter ihrer Leitung vom klassischen Sprechtheater entfernt und stattdessen eher installativen und anderen kunstbetriebsnahen Projekten widmet. Erst für Dezember ist eine klassische Bühneninszenierung geplant, vorher gibt es Klangkunst von Nicole L'Huillier und Marco Fusinato. Insgesamt fügt sich das laut BlZ-ler Ulrich Seidler zu einem "Programm, das von Leuten durchsetzt ist, die von der bildenden Kunst abgesprungen sind und nun den performativen Raum des Theaters erobern: Theda Nilsson-Eicke, Marco Fusinato, Leila Hekmat. Tamer Yigit, Marie Schleef und das konzeptuelle Theater von Farn Collective mit Tom Schneider und Sandra Hüller kommen von der filmischen und schauspielerischen Seite entgegen. Die in Berlin ansässigen Choreografinnen Meg Stuart und Constanza Macras, die zuletzt vor allem an der Volksbühne gearbeitet haben, bekommen eine künstlerische Ersatzheimat."

Ganz neu ist die Nähe zum Kunstbetrieb im Gorki nicht, konzediert Rüdiger Schaper im Tagesspiegel, schon die vorherige Intendantin hatte da keine Berührungsängste. "Doch was immer Shermin Langhoff in einem guten Dutzend Jahren auch noch veranstaltet hat, im Zentrum stand das Schauspiel. Die Stücke. Das Ensemble. Damit scheint es erst einmal vorbei zu sein. Das Maxim Gorki Theater, das man kennt und schätzt, wird es dann nicht mehr geben. Im Übergang finden sich dafür reichlich kuratorische Versprechen. Vom Gorki als 'ein Denken des Körpers als offener, fragiler, politischer Ort'. Oder: 'Berlin ist für das neue Gorki kein geschlossener nationaler Bezugsrahmen. Das neue Gorki will Berlin nicht abbilden, sondern seine Strukturen aufnehmen: global, postdisziplinär, offen.' Hoffen wir mal." Auf nachtkritik kommentiert Elena Philipp, für monopol war Tobi Müller bei der Pressekonferenz.
Burgtheater Wien - Sankt Falstaff © Tommy Hetzel

Sophie Klieeisen zeigt sich in der FAZ ziemlich angetan von Ewald Palmetshofers neuem Stück "Sankt Falstaff", das Karin Henkel am Wiener Burgtheater auf die Bühne bringt. Die recht komplexe Handlung dieser Shakespeare-Paraphrase dreht sich unter anderem um eine aus dem Ruder laufende Geldübergabe. Aber "der Plot ist nicht so entscheidend", findet Klieeisen. "Die Aufmerksamkeit richtet sich auf Palmetshofers in zweihebigen Versen funkelnde Sprache und vor allem auf die sie zum Klingen bringenden Schauspieler. Im Grunde ist egal, was passiert, Hauptsache, sie hören nicht auf, Palmetshofers Zeitgeistanalysen und Pointen im Spiel zu halten, dessen Konstruktionsanleitung sich ganz auf die von Machtsehnsucht und Machtverachtung getriebenen Figuren und ihre Verwirrtheit konzentriert. Auch dieses Stück ist eine Nabelschau, aber eine, die die Selbstkorrumpierung manchen gegenwärtigen politischen Machtsystems persifliert, ohne sich zu ernst zu nehmen." Jakob Hayner zeigt sich in der Welt weit weniger gnädig: "'Sankt Falstaff' wird von Henkel nach allen Regeln der Kunst konzeptuell stranguliert."

Weitere Artikel: Juan Martin Koch besucht für nmz die Musiktheater-Biennale in München. Ebenfalls vor Ort ist Welt-ler Manuel Brug. Mit der berüchtigten Schulfrage nach dem Dichterwillen beschäftigt sich nachtkritik-Kolumnist Wolfgang Behrens. Außerdem stellt die nachtkritik sieben Fragen an Caren Jeß, deren Stück "To My Little Boy" auf den Mühlheimer Theatertagen zu sehen ist.

Besprochen werden eine von Viktor Bodó inszenierte "Dreigroschenoper" am Schauspiel Stuttgart (FR - "Es wird hinreißend gespielt, es wird sehr gut gesungen") und Brett Deans Oper "Of One Blood" an der Staatsoper München (FAZ - "Von überall tönt es, auf, unter und hinter der Bühne").

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.05.2026 - Bühne

Szene aus "Bluthochzeit". Foto: © Xiomara Bender

Lange hat man Wolfgang Fortners Musiktheater nach der lyrischen Tragödie "Bluthochzeit" von Federico García Lorca nicht mehr auf deutschen Bühnen gesehen, aber das Warten hat sich gelohnt, versichert Wolfgang Sandner in der FAZ, denn das, was der spanische Regisseur Alex Ollé gemeinsam mit dem Dirigenten Duncan Ward an der Oper Frankfurt bietet, verschlägt dem Kritiker den Atem. Lorcas bildmächtige Sprache hat Fortner "nicht angetastet, kein Libretto benutzt, vielmehr die dichterische Gestalt, die Lorca ihr gab, mit einer zwischen gesprochenem Text, melodramatischer Ausformung und komplexem Gesang modellierten neuen Klanggestalt umgeben. In seiner bisweilen kammermusikalisch sparsamen Polyphonie, in seinem Mut zum orchestralen Schweigen, in den expressiven Ausbrüchen wie in den lyrisch autarken instrumentalen Zwischenspielen erweist sich Fortner als souveräner Dramaturg, der - wie man vielleicht heute besser erkennt als in der Entstehungszeit des Werkes - die freie Zwölftonstruktur mit einem ungemein sinnlichen Melos zu verbinden weiß und auch die volksliedhaften Elemente überaus subtil anklingen lässt."

Ähnlich urteilt Judith von Sternburg in der FR: "Der Blutrausch bekommt das Gegenteil eines Opernrauschs, die Musik ist intrikat, delikat, sie ist auch ein bisschen kalt, jedenfalls kühl. Sie macht sich die Tragödie nicht zu eigen, sie erzählt und zeichnet sie."

Szene aus "Of one Blood". Foto: Monika Rittershaus

Der australische Komponist Brett Dean hat seine Oper "Of One Blood" über die Auseinandersetzung zwischen Maria Stuart und Elisabeth I. als Mischung aus Historienkrimi, Politthriller und Psychogramm angelegt und der auf psychologische und sozialkritische Stoffe spezialisierte Regisseur Claus Guth setzt sie an der Bayerischen Staatsoper hervorragend um, freut sich Marco Frei in der NZZ. Vor allem überzeugt ihn die von Mahan Esfahani "meisterhaft ausgestaltete" Partie des Cembalos: "Sie führt tief in die Psyche Elisabeths I., der die Sopranistin Johanni van Oostrum eindringlich Gestalt verleiht. Mit dieser charakteristischen Verwendung des Cembalos knüpft Dean an eine Tradition an, die über Alfred Schnittkes Oper 'Leben mit einem Idioten' von 1992 bis zu Dmitri Schostakowitschs Musik zum 'Hamlet'-Film von Grigori Kosinzew aus dem Jahr 1964 zurückreicht. In allen drei Fällen macht das vermeintlich harmlose Barockinstrument abgründigen Wahnsinn hörbar." Dass sich das "enorme Reservoir" von Deans Mitteln nach einer Weile erschöpft, kann Egbert Tholl in der SZ verzeihen, hört er hier doch das "großartigste Crescendo der Operngeschichte".

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.05.2026 - Bühne

"Träume in Europa". Foto: Sebastian Hoppe.

Sebastian Hartmann inszeniert die Uraufführung von Wolfram Lotz' "Träume in Europa" am Staatsschauspiel Dresden, Nachtkritiker Michael Bartsch wacht aus dieser Aufführung aber eher verwirrt denn inspiriert wieder auf: Das Stück "kommt mit logik- und assoziationsfreier Symbolüberfrachtung daher. Warum muss ausgerechnet da Vincis 'Letztes Abendmahl' das Stammbild dieser Inszenierung hergeben? Umrahmt von ruinösen Wänden, die sich auch zu einer Art Traumgefängnis zusammenschieben lassen. Vielleicht, weil die Einsetzung der Eucharistie damals die Schwelle zur Transzendenz markierte? Aber wie banal geht es unter den Jüngern Jesu zu! Hier sind es zehn, ein Messias ist nicht dabei. Statisch sitzend und anfangs noch teilnahmslos geben sie die erste halbe Stunde ihr Nachterleben zu Protokoll. Probleme mit dem Mähroboter, als Sekretärin Gott sein wollen und doch lernen, ohne ihn zu leben, einen Vogel im Anus ebenso loswerden zu wollen wie den Frosch unter dem Pullover. Das nicht premierentypische Publikum goutiert das, lacht gern über die Absurditäten und Skurrilitäten unserer Traumwelt. Der Unterhaltungswert überwiegt den Nährwert bei weitem." 
 
Auch Peter Laudenbach erlebt in der SZ eher verwirrende Trauminhalte, aber dem kann man sich trotzdem ganz gut hingeben, wie er findet: "Das Ich des Tagesbewusstseins ist offenbar nicht ganz Herr in diesem Haus, das sich längst in Nebel und seltsame Fragmente aufgelöst hat. Auch die Inszenierung selbst scheint sich im Lauf ihrer gut dreieinhalb Stunden langsam aufzulösen, bis die Spielfläche gegen Ende ganz in der Versenkung verschwindet und die Stimmen der Träumer wie aus ihrem eigenen Grab kommen. Werden die Träume anfangs einfach erzählt wie etwas verwundert zur Kenntnis genommene Protokolle aus den Labyrinthen des seelischen Innenlebens, übernehmen die Traumgespinste nach und nach die Kontrolle über die Spieler. Dann stockt die Sprache und wird kurz zu einem Röcheln und Grunzen."
 
Weiteres: Reinhard J. Brembeck berichtet in der SZ von der Münchner Biennale für neues Musiktheater. Doris Meierhenrich sieht beim Berliner Theatertreffen eine Menge Männlichkeit für die Berliner Zeitung. In der NZZ stellt Anna Kardos den Korrepetitor Pablo Salido Pulido vor.

Besprochen werden: Kerstin Spechts "Na also. Geht doch.", inszeniert von Elmar Goerden im Renaissance-Theater (Tagesspiegel), Calixto Bieito adaptiert Benjamin Labatuts Roman "Maniac" am Schauspielhaus Zürich (FAZ, NZZ), "Sankt Falstaff" von Ewald Palmetshofer, Regie führt Karin Henkel am Wiener Burgtheater (Nachtkritik, taz), "183 Abgeordnete. Die letzten Tage von Österreich, wie wir es kennen", Regie von Monika Klengel am Schauspielhaus Graz (Nachtkritik), "¿Qué Pasa en la Mancha?" von Bastian Reiber und Ensemble, nach dem Roman von Miguel de Cervantes am Schauspiel Köln (Nachtkritik).