Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

1025 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 103
Zurück | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | Vor

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.06.2017 - Bühne

Von der Volksbühne ist der OST-Schriftzug abmontiert, das Räuberrad wird folgen. Im Tagesspiegel ätzt Rüdiger Schaper über Berlins Kleingeistigkeit: "Die Stadt hat die Teilung überwunden, um in kleinere Einheiten zu zerfallen, die einander misstrauen und die Symbole bestreiten. Ist ein Kreuz auf der Kuppel des Humboldt Forums das geeignete Zeichen für ein Haus der Weltkulturen? Doch nicht. Aber es kommt aufs Dach. So wie das lustige Denkmal der Einheit gebaut wird, die Wippe. Im Grunde liebt Berlin diesen Kitsch. Sich in Erinnerungen wiegen, in Debatten hochschaukeln. Nächste Spielzeit: Kreuz auf die Volksbühne, 'OST' aufs Schloss."



Die beiden jüngsten Inszenierungen an den Münchner Kammerspiele lassen Sabine Leucht in der taz sehr klar die Unterschiede zwischen den Regisseuren Ersan Mondtag und Christoph Marthaler vor Augen treten: "Während Mondtags Projekt einen schrägen Abgesang auf den Menschen anstimmt, hält Marthaler sanft die Sehnsucht nach ihm wach: Mag er auch noch so unzulänglich sein." In der FR schreibt Erik K. Franzen über die beiden Stücke.

Besprochen werden David Aldens Inszenierung von Catalanis Oper "Loreley" als Riesenspektakel bei den Festspielen St. Gallen (NZZ), Aribert Reimanns "Gespenstersonate" an der Berliner Staatsoper (Tagesspiegel), Senecas "Thyestes" als Auftakt des Welt-Theater-Festival Art Carnuntum (Standard), Peter Brooks "Battlefield" bei den Wiener Festwochen (Welt) und Mikhail Baryshnikovs Choreografie zu Gedichten von Joseph Brodsky unter der Regie von Alvis Hermanis (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.06.2017 - Bühne


In der Klausurdruckkammer 55b: Christoph Marthalers "Tiefer Schweb" an den Münchner Kammerspielen.

So großartig wie absurd findet Ronald Pohl im Standard das Unterwasserlabor, das Christoph Marthaler an den Münchner Kammerspielen mit seinem Bodensee-Stück "Tiefer Schweb" eingerichtet hat: "Auf neun umgewidmeten Ausflugsdampfern harren Flüchtlinge aus und warten auf ihre 'amtliche Registrierung'. Die Vereinigte Bodenseeverwaltung tut, was in solchen Fällen wahre Wunder wirkt. Sie schiebt die ganze Angelegenheit auf die lange Bank. Ein Ausschuss ist zusammengetreten. Seine Mitglieder tun, was Marthaler-Schauspieler von allen Fortschrittsverweigerern am besten können: Sie echauffieren sich ganz unangemessen. Sie verstricken sich in stumme, nutzlose Tätigkeiten, oder sie stimmen gemeinsam wundermilde Gesänge an, nur um das Chaos in den subalternen Seelen zu bändigen."

In der Nachtkritik schwärmt Christian Rakow: "An großen Abenden ist alles auf erhaben unpassende Weise stimmig." Auch in der FAZ ist Simon Strauss begeistert: "'Tiefer Schweb' ist ein Marthaler-Abend wie er im Buche steht. Voll sanftem Witz und unbeirrbarem Hang zur Rührung." Nur SZ-Kritikerin Christine Dössel ist das allerdings zu schrullig, putizg, harmlos.



Bizets "Perlenfischer" an der Berliner Staatsoper. Foto: Donata Wenders

Wim Wenders hat mit Bizets romantischer Oper "Perlenfischer" in Berlin seine erste Oper inszeniert. Wolfgang Schreiber nimmt das Debüt in der SZ wohlwollend auf: "Eigentlich will er gar keine Geschichte erzählen, sondern nur der dramatisch makellosen Musik dienen - so das zaghaft wirkende Konzept seiner Opernregie, die auf jede Interpretation, aufs Gesamtkunstwerk, verzichtet." In der NZZ schreibt auch Georg-Friedrich Kühn sehr freundlich, aber er weiß, dass Ausflüge von Film-Regisseuren ins Opernfach selten nachhaltig sind: "Im Film bestimmt die Schnitttechnik Tempo und Rhythmus, in der Oper die Musik; und die Bühne mit ihrer Totale verlangt Vorgänge." Dass sich Wender nicht vor die Komposition drängen wollte, findet Stephan Speicher in der Beliner Zeitung zwar sympathisch aber dennoch grundfalsch: "mit dem Verzicht auf einen gestalteten Raum, auf Requisiten hat er die Sänger allein gelassen". Ähnlich sieht das Manuel Brug in der Welt. Immerhin hat Wenders taz-Autor René Hamann in die Oper gelockt. Im Tagesspiegel erkennt Frederik Hanssen ungnädig auf "exotischen Edelkitsch".

Besprochen werden Ulrike Beimpolds Inszenierung von Offenbachs Operette "Orpheus in der Unterwelt" in der Sommerarena Baden (Standard) und Dieter Wedels Collage "Luther - der Anschlag" in Bad Hersfeld (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.06.2017 - Bühne

Mit Entsetzen erlebt Willibald Spatz auf der Nachtkritik, was Ersan Mondtag an den Münchner Kammerspiele mit dem NSU-Stück veranstaltet, in dem es um die Menscheheit, die Schuld und eine schwangere Beate Zschäpe geht: "Mit dem Fortschreiten des Abends und dem immer größer werdenden Krawall, der auf der Bühne veranstaltet wird, beschleicht einen das Gefühl, einer groß angelegten Kapitulation der Kunst vor dem echten Leben beizuwohnen."

Weiteres: Verstört, aber beeindruckt kommt FAZ-Kritiker Simon Strauss aus der Performance "Heuvolk", das die Theatergruppe Signa in Mannheim bei den Schillertagen aufgeführt hat.

Besprochen werden Giorgio Strehlers wieberbelebte Inszenierung von Mozarts "Entführung aus dem Serail" in der Scala (NZZ), das Performing Arts Festival Berlin (Tagesspiegel) und das Dokumentar-Theaterstück "Grüne Wiese", das von der Stillegung der litauischen Atomreaktor erzählt (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.06.2017 - Bühne


Tenor am Anschlag: Jonas Kaufmann als Otello (Foto: Catherine Ashmore)

Einer "Art Mount-Everest-Besteigung" meint Manuel Brug (Welt) im Londoner Opernhaus Covent Garden beigewohnt zu haben, so riskant am Abgrund balanciert Startenor Jonas Kaufmann bei seinem langerwarteten Auftritt als Otello: "Wenn Kaufmann in den hystrionischen Momenten dieser Partie des labilen Außersichseins (und Verdi hält davon einige bereit) die Stimme aufreißt und hell, ja gellend werden lässt, dann tut er das zwar möglichst kontrolliert, aber eben ohne jede Reserve. Er singt mit dem Kapital seiner Stimme, nicht mit den Zinsen. Ein Tenor am Anschlag, an den Grenzen seines Materials; fast ein wenig unangenehm für den Wissenden, weil es so gefährlich, ja ungesund klingt. Eine persönliche Gipfelbesteigung. Das schon. Aber ist die auch gut?"

Weiteres: In der Berliner Zeitung nimmt Ulrich Seidler Abschied von der Volksbühne, die "ohne Parlamentsbeschluss" nach dieser Spielzeit "als Theater geschlossen" wird. Im Tagesspiegel wirft Frederik Hanssen einen Blick aufs kommende Programm der in ihr saniertes Stammhaus zurückgekehrten Berliner Staatsoper. In der taz berichtet Gisela Stamer von den 19. Schillertagen in Mannheim. Im Standard unterhält sich Ljubisa Tosic mit dem Intendanten der Bühne Baden Michael Lakner. In der FAZ erzählt der Soziologe Tilman Allert, warum er am Schauspiel Frankfurt gerne die Proben von Oliver Reese beobachtet hat. Der MDR bringt ein Feature über Frank Castorfs Inszenierung von Dostojewskis "Der Spieler" an der Berliner Volksbühne.

Besprochen werden Armin Petras' Adaption von Lutz Seilers Roman "Kruso" bei den Autorentheatertagen im Deutschen Theater ("mitreißend und mitreißend komisch", schwärmt Katrin Bettina Müller in der taz, auch Ulrich Seidler zeigt sich in der Berliner Zeitung sehr angetan) Evgeny Titovs Inszenierung von Arthur Millers "Hexenjagd" am Düsseldorfer Schauspielhaus (SZ), Marco Arturo Marellis Inszenierung von Debussys "Pelléas et Mélisande" an der Wiener Staatsoper (NZZ) und Sarah Groß' Inszenierung von Ralph Benatzkys Operette "Im Weißen Rössl" in der Oper Frankfurt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.06.2017 - Bühne

Neue künstlerische Leiter des Schauspielhauses Zürich werden Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg, meldet Daniele Muscionico in der NZZ: "Die Revolte wandert in den Taschen der beiden aus München mit ein - es ist das Denk- und Produktionsmodell Lilienthal an den Münchner Kammerspielen: Internationalität ist ein Stichwort, Koproduktionen ein anderes." Angst muss der Zürcher deshalb jedoch nicht haben, beruhigt sie: "Der Intendanten-Neuling Stemann stammt aus der freien Szene. Und gern bescheinigt man ihm noch immer, dass sich seine Arbeiten eine formale Angstfreiheit bewahrt hätten. Mittlerweile liefert er zuverlässig Inszenierungen ab, die mit einem breiten Publikum kompatibel sind. Seine Arbeiten sind auch lustfreundlich. Sie werden dem zwinglianischen Geist der Stadt guttun."

Im Interview mit der NZZ geben die beiden einen ersten Einblick in ihre Pläne. "Ein struktureller Umsturz ist die Berufung nicht, aber für Zürichs Theater sicherlich belebend", meint Andreas Klaeul zu der Neubesetzung in der nachtkritik.

Weitere Artikel: Im Zeit-Feuilleton erzählt Wim Wenders von seiner ersten Regiearbeit im Opernfach: Er inszeniert Bizets "Perlenfischer" für die Berliner Staatsoper. Gina Thomas sah für die FAZ die ersten von neun Mini-Brexit-Dramen, die der Guardian in Auftrag gegeben hatte. Hier kann man sie im Netz sehen.

Besprochen werden Choreografien der Dresden Frankfurt Dance Company im Frankfurt Lab (FAZ) und Nikolai Rimski-Korsakows Märchenoper "Sadko" in Gent (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.06.2017 - Bühne


"Finding Fela" beim Africologne Festival.

Dorothea Marcus berichtet in der taz vom Festival Africologne, bei dem Theater immer auch Graswurzelbewegung ist. Der burkinische Choreograf Serge Aimé Coulibaly etwa setzte Tanztheater Kalakuta Republic Fela Kutis Künstler-Kommune ein Denkmal, dem die Welt den Afro-Beat zu verdanken hat: "Fela Kuti feierte da zwar auch manche Drogen-Party oder seine eigene Hochzeit mit 27 Frauen, aber als Aktivist und 'antikolonialistischer Panafrikaner' störte er empfindlich die Abläufe des Regimes. Mit seinen Texten hat er das politische Denken in ganz Westafrika geprägt. Auf der Bühne sieht man, wie die Freiräume zunehmend in Privatwahn und Missbrauch kippen und ihre utopische Kraft verlieren. 'Dekadenz kann Selbstzweck sein', wird als Motto eingeblendet, während Männer Machtfantasien ins Mikro brüllen, Stühle fliegen und sich die Einheit in selbstverliebtes, aber auch mitreißendes Chaos auflöst."

Weiteres: In der Welt stellt Sascha Ehlert die Theatermacher Vegard Vinge und Ida Müller vor, die mit Ibsen-Massakern in Berlin Furore machen. Im Tagesspiegel bilanziert Christina Kaindl-Hönig die Wiener Festwochen, die mit Peter Brooks melancholischem "Battlefield" zu Ende gingen. Als gut gemachte Neuverfilmung lässt Michael Stallknecht in der NZZ Brett Deans Versuch gelten, beim Glyndebourne Festival "Hamlet" als Oper auf die Bühne zu bringen. Ljubisa Tosic porträtiert im Standard den künstlerischen Leiter der Wiener Musiktheatertage Georg Steker. In der SZ verteidigt Moritz Rinke das dramatische Theater Theater gegen seine Leipziger Studenten.

Besprochen werden ein Projekt zu Schillers Dramen-Fragment "Demetrius" von Aljoscha Begrich und Tobias Rausch in Mannheim (nachtkritik) und Marco Arturo Marellis Inszenierung von Debussys "Pelléas et Mélisande" an der Wiener Staatsoper (FAZ).
Stichwörter: Fela Kuti, Africacologne

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.06.2017 - Bühne


Werner Wölbern und Max Mayer in Roger Vontobels Koltès-Inszenierung "Kampf des Negers und der Hunde" am Schauspielhaus Bochum

Beim Theatertreffen im Mai hatten die Berliner Festspiele darauf bestanden, in der Inszenierung "89/90" das abwertende Wort Neger durch einen Beep zu ersetzten (nicht aber Fidschi oder Ostfotze). In der taz fragt Barbara Behrendt den Regisseur Roger Vontobel, warum er jetzt ausgerechnet Bernard-Marie Koltès' Stück "Kampf des Negers und der Hunde" am Schauspielhaus Bochum inszenieren möchte (die Nachtkritik setzte im Titel Sternchen): "Wir tun viel, um im Alltag zivilisiert miteinander umzugehen - aber drunter liegt noch etwas anderes. Das darf sich auf der Bühne zeigen. Was sind unsere Rassismen, unsere Ängste? Sind wir wirklich so weit entfernt von diesen Figuren? Sie sind ein Spiegel für uns, ein Spiegel des Bösen in uns.... Theater ist unabdingbar für eine Demokratie, für eine vermeintlich aufgeklärte Gesellschaft. Es ist das Abgleichen mit unseren Vorfahren, mit dem Heute. Umso mehr brauche ich den Begriff 'Neger' und die Freiheit, ihn auf dem Theater so zu benutzen, dass er möglicherweise verletzend ist. Denn er IST natürlich verletzend - diese Realität muss ich abbilden dürfen."


Monteverdis "L'Incoronazione di Poppea" am Teatro Fenice in Venedig

Als Triumph bejubelt Dirk Schümer in der Welt John Eliot Gardiners Coup, alle drei Monteverdi-Opern en suite in Venedig aufzuführen: "Weil hier nichts vom Klang ablenkt, wird die Wucht von Monteverdis Innovation erst so richtig klar. Kein Komponist hat jemals der Musik solch einen Schub gegeben, hat derart Bahnbrechendes erfunden. Denn dass Bühnenfiguren nicht reden, sondern singen - diesen surrealen Kniff machte unter den Pionieren der Oper erst Monteverdi glaubwürdig, indem er das Deklamieren von Schauspielern in Töne fasste, auf die strikten Regeln des Kontrapunkts und die Musiktheorie pfiff und das Orchester die Stimmung mal begleiten, mal kontrastieren ließ."

Weiteres: Am Berliner Grips Theater läuft wieder "Eine linke Geschichte", freut sich Patrick Wildermann im Tagesspiegel und gratuliert dem Gründervater des linken Jugendtheaters, Volker Ludwig, zum Achtzigsten. Sylvia Staude berichtet in der FR vom Internationalen Wettbewerb für Choreographie in Hannover. Großes Theaterglück erlebt FAZ-Kritiker Simon Strauss mit Peter Brooks Inszenierung "Battlefield" bei den Wiener Festspielen, die noch einmal eine Passage der Mahabharata aufgreift.

Besprochen werden Marco Arturo Marellis Inszenierung von Debussys Oper "Pelléas et Mélisande" an der Wiener Staatsoper (die der Standard ausgesprochen elegant findet, und exquisit besetzt, meint die Presse), Tobias Kratzers Inszenierung von Rameaus Oper "Zoroastre" an der Komischen Oper ("fade Heckenspießigkeit" sieht hier der Tagesspiegel, "kleiner als nachbarschaftsklein", findet die FAZ), Franz Lehárs Operette "Das Land des Lächelns" am Opernhaus Zürich (NZZ) und Mudar Al Haggis' Stück über den Bürgerkriegsalltag in Damaskus "Your Love is Fire" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.06.2017 - Bühne


Lois Selasie Arde-Acquahs Performance "Free Slave?" bei den Festwochen gilt den Standard-Kritikern als eine der stärksten Arbeiten

In einem gemeinsam verfassten Editorial bilanzieren die Kritiker des Standards die erste Saison der Wiener Festwochen unter dem neuen Leiter Tomas Zierhofer-Kin: Sein Programm war vielseitig, doch die einzelnen Produktionen hinterließen kaum einen starken Eindruck. monieren die Kritiker und sehen darin ein grundsätzliches Problem: "Kaum jemals zuvor war das Programm von Wiens Vorzeigefestival in eine dickere, undurchdringlichere Diskurswatte eingepackt. Längst dürfen Artefakte und Kunstpraktiken nicht mehr für sich allein bestehen. Sie werden unermüdlich besachwaltet. Die europäische Kunstverwertung hat sich bis an die Zähne mit 'postkolonialen' Redensarten bewaffnet. Ihre Sprecher überziehen das Tun und Lassen anderer, häufig nichteuropäischer Künstler mit Zeugnissen einer leerlaufenden Hypereloquenz. Kein Wunder, dass die Aufführungen darunter oft schmächtig wirken."

Weiteres: In der taz lässt sich Kriss Rudolph von Regisseur Stefan Otteni erzählen, wie er in der nordirakischen Stadt Suleimania mit Flüchtlingen aus Syrien den Sufi-Klassiker "Die Konferenz der vögel" probt. Katrin Bettina Müller stellt in der taz die Theaterautorin Anne Lepper vor, die am Wochenende mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet wurde. Wie vergiftet die Atmosphäre in den USA derzeit ist, erkennt Andrea Köhler in der NZZ an der Aufregung um die New Yorker Shakespeare-Inszenierung auf, bei der Julius Caesar mit karottenfarbigem Haar auftritt. FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster hat in Amsterdam Alexei Ratmanskys "Shostakovich Trilogy" mit dem Dutch National Ballett und als grandioses ästhetisches Manifest erlebt, als Rettung des klassischen Tanzes in die Zukunft. SZ-Kritiker Jürgen Berger kommt bekehrt von den Mannheimer Schillertagen, die das Kollektiv Signa mit dem Endzeitszenario "Heuvolk" eröffnete.

Besprochen werden die Nummernrevue "Crisi di Nervi" des Zürcher Theater Neumarkt (NZZ), Jan-Christoph Gockels Inszenierung von Bulgakows "Meister und Margarita" am Staatstheater Mainz (Nachtkritik) und Modest Mussorgskys "Boris Godunow" an der Deutschen Oper Berlin (Berliner Zeitung, SZ).
Stichwörter: Wiener Festwochen, Signa

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.06.2017 - Bühne

"Pelléas et Mélisande" ist ein "depressives, hartes Stück", erklärt Opernregisseur Marco Arturo Marelli, der Debussys Oper gerade in Wien inszeniert, im Interview mit dem Standard. Offenen Auges muss man zusehen, wie die drei Hauptfiguren in den Abgrund steuern. Doch erlaubt das Ende eine Katharsis. Im Mittelpunkt seiner Inszenierung "ist einfach Wasser: ein Bild von Tiefe, man kann hineinfallen und damit spielen. Und es ist auch das Element der Musik, die ganz organisch ist - eine seltene Qualität. Ich wollte also das Wasser haben und einen abgeschlossenen Raum, einen Rückzugsort. Für den Tod von Mélisande suchte ich das Bild einer Seelenfahrt, denn diesen Schluss sehe ich nicht so realistisch. Es ist nicht einmal komponiert, dass sie stirbt - man weiß gar nicht, wann was passiert. Es ist eher ein Gleiten in eine andere Welt."

In Zürich wird gerade hinter verschlossenen Türen von "sieben hochlöbliche Damen und Herren" die Nachfolge von Barbara Frey am Schauspielhaus Zürich diskutiert. NZZ-Kritikerin Daniele Muscionico findet das Verfahren vorsintflutlich: "Wie ist es möglich, dass in einem zu 75 Prozent mit öffentlichen Geldern finanzierten Haus die Öffentlichkeit bei einer wegweisenden Entscheidung keine Teilhabe hat? ...  Theater ist Partizipation. Ansprache, Gemeinschaft. Wieso als erste Form von Partizipation nicht eine öffentliche Debatte - über die Zukunft des Hauses? Über sein Profil? Und das seines neuen Leiters?"

Weiteres: Die FAZ hat Gina Thomas' Bericht vom Festival in Glyndebourne online nachgereicht. In der SZ stellt Christine Dössel das Performance-Duo Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen vor.

Besprochen werden die Performance "Congo Na Chanel" der österreichischen Choreografin Elisabeth Bakambamba Tambwe im Performeum der Wiener Festwochen (Standard), eine erste Kurzkritik zu Peter Brooks "Battlefield" bei den Wiener Festwochen (Standard) und die Uraufführung von Magz Barrawassers Stück "Pussy Riots. Aufstand in drei Akkorden" am Schauspiel Essen (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.06.2017 - Bühne


Yuko Kakuta diverse Papiermaskenträger in "Pique Dame" (Foto: Oper Stuttgart)

Düster und elend geht es zu ins Peter Tschaikowskys Oper "Pique Dame" nach Alexander Puschkins gleichnamiger Erzählung, die Jossi Wieler in Stuttgart inszeniert hat. In der SZ freut sich Michael Stallknecht, dass es dem Regisseur dabei nicht an "rüdem Elendsrealismus" gelegen ist, der auf den Bühnen gerade so beliebt ist: "Wieler lässt die brutale Realität immer wieder hinübergleiten in surreale Szenerien und schafft sich damit zugleich Raum für Leichtigkeit, auch für Komik. Etwa wenn sich in der Szene, die bei Tschaikowski mal ein rokokoeskes Schäferspiel war, der mit großartigem Schwung singende Staatsopernchor Masken aus alten Papiertüten bastelt, um ausgelassen zu feiern. Warum sollte das Prekariat auch weniger seltsame Rituale, weniger schräge Feste haben als einst der russische Adel?"

Weiteres: In der SZ informiert Peter Richter über den Skandal um einen New Yorker "Julius Caesar", der unverkennbare Züge Donald Trumps trägt. In der taz berichtet Jens Fischer von den Festivals "Theater der Welt" in Hamburg und "Theaterformen" in Hannover. Für die Nachtkritik hat Julika Bickel mit dem Theaterregisseur Oliver Frljić ein Videointerview geführt. Grete Götze hat für die FAZ Stanislas Nordeys Théâtre National de Strasbourg besucht.

Besprochen werden das Stück "Lady Eats Apple" von Bruce Gladwin und dem Back To Back Theatre bei den Wiener Festwochen (Nachtkritik) und Thomas Köcks Stück "Paradies fluten" zum Auftakt der Autorentheatertage am Deutschen Theater (taz).
Zurück | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | Vor