Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.08.2018 - Bühne

Bild: Salzburger Festspiele. Bernd Uhlig
Als "szenisches und musikalisches Gesamtkunstwerk" erlebt NZZ-Kritiker Marco Frei bei den Salzburger Festspielen Krystof Warlikowskis Neuinszenierung der 1966 uraufgeführten "Bassariden" von Hans Werner Henze, der einst vor allem die Aufarbeitung der NS-Zeit im Sinn hatte: "In seiner Regie macht Warlikowski unmissverständlich deutlich, wie viel erschreckend aktuelle Zeitkritik in Henzes Opernstoff schlummert - an die populistischen Blender unserer Tage, die allenthalben Hochkonjunktur haben, denkt wohl jeder bei dieser Aufführung." Der Stoff behält bei Warlikowski "mythische Kraft", schreibt Jan Brachmann in der FAZ und hebt vor allem Kent Naganos Dirigat hervor: "Die Vielfalt dessen, was Musik in 'The Bassarids' ist oder sein kann, blüht dabei auf." Nur dank Nagano werden die politischen Momente des Stücks offenbar, meint indes Reinhard J. Brembeck in der SZ, der der Inszenierung ansonsten wenig abgewinnen kann: "Hier arbeitet Dionysos bloß mehr seinen unbewältigten Mutterkomplex ab, und Regisseur Krzysztof Warlikowski ist ihm dabei Erfüllungsgehilfe."

Die Ruhrtriennale ist längst überflüssig geworden, findet Manuel Brug in der Welt - und zwar nicht wegen der Querelen um Intendantin Stefanie Carp, sondern weil das Ziel, die Region mit vielen Millionen Euro kulturtauglich zu machen, längst erreicht sei: "Die Lokalpolitiker haben ihren Partyspaß gehabt. Und all die stillgelegten Hallen zwischen Bochum, Essen, Gladbeck, Duisburg, Dinslaken, Bottrop und Mülheim sind längst wieder ertüchtigt, vermieten als eigenständige GmbHs zum Teil aberwitzige Locations an Eventveranstalter und Familienfeiern. Die Ruhrtriennale brauchen sie nicht mehr, andere Kulturveranstalter können sie sich gar nicht leisten." Im Dlf-Kultur-Interview wiegelt Stefanie Carp jegliche Kritik ab. Und auch NRW-Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen hält im Dlf-Kultur-Gespräch nicht viel von "Alarmismus".

Weitere Artikel: Im besten Sinne abscheulich findet Daniele Muscionico in der NZZ das Eröffnungsstück der Zürcher Theaterspektakels der polnischen Regisseurin Marta Gornicka, die mit "Hymne an die Liebe" polnischen Nationalkonservatismus aufspießt. In der taz zieht Astrid Kaminski eine nüchterne Zwischenbilanz der 30. Ausgabe von Tanz im August. Anlässlich der heutigen Premiere seiner Inszenierung von Aischylos' "Die Perser" bei den Salzburger Festspielen hat sich Christine Dössel (SZ) mit Ulrich Rasche getroffen und mit ihm über seine spektakulären Inszenierungen und den Unterschied zu Frank Castorf gesprochen.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.08.2018 - Bühne

Im Kulturleben werden immer wieder gern Zensur-Vorwürfe erhoben, zuletzt vom Komponisten Wieland Hoban, der eine israelkritische Komposition nicht bei den Donaueschinger Musiktagen aufführen durfte, und von den Young Fathers, die wegen ihrer Unterstützung des BDS von der Ruhrtriennale ein-, dann aus-, dann wieder eingeladen wurden (mehr dazu im Van Magazin). Martin Hufner möchte das in der neuen musikzeitung etwas gerade rücken: eine Ablehnung oder Ausladung ist nicht Zensur: "Die Young Fathers können überall dort auftreten, wo man sie gerne hören möchte, Komponist Wieland Hoban kann seine Stücke überall spielen lassen, wo man sie spielen möchte. Die Entscheidung darüber, ob man jemand einlädt oder nicht, liegt in der Hand des oder der Einladenden. Der oder die kann seine oder ihre Entscheidung transparent machen oder auch nicht. Man kann die Entscheidung dann richtig finden oder nicht. Aber Zensur ist all das keineswegs. Leider fallen auf diese Zensur-Vorwurfsmuster aber auch Programmgestalterinnnen herein, wenn sie für sich reklamieren, dass sie keine Lust verspüren, Kunst zu zensieren - so wie [die Leiterin der Ruhrtriennale] Stephanie Carp im Interview mit dem Deutschlandfunk."

Weiteres: Bernd Noack porträtiert in der NZZ den Schauspieler Philipp Hochmair, der mit seinem Ersatz-"Jedermann" in Salzburg zum Star avancierte. Der Intendant des Davos Festivals Reto Bieri zieht zum Abschied im Gespräch mit der NZZ Bilanz. Besprochen wird die Uraufführung von Thomas Larchers Kammeroper "Das Jagdgewehr" bei den Bregenzer Festspielen (Standard, nmz),
Stichwörter: Zensur

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.08.2018 - Bühne

"Kulturelle Aneignung" ist heute ein Vorwurf, der - wie vor einer Woche in Kanada - selbst Regiegrößen wie Ariane Mnouchkine oder Robert Lepage zu Fall bringt. Lepages Stücke "Kanata" über den Umgang Kanadas mit seinen Ureinwohnern und "Slav" mit historischen Liedern afroamerikanischer Sklavenarbeiter konnten in Quebec und Montreal nicht aufgeführt werden nach Protesten, es seien dabei zu wenige Angehörige von Minderheiten repräsentiert. "Dass Lepage mit SLAV und Kanata ausdrücklich Empathie für das Schicksal von Minoritäten wecken wollte, spielt dabei keine Rolle", schrieb Julian Bernstein im Standard. "Ausschlaggebend ist, dass etwa in 'Slav' lediglich zwei der sieben Darsteller schwarz sind, der Rest weiß, inklusive des Stars der Aufführung, der Sängerin Betty Bonifassi." In der NZZ von heute findet der Chicagoer Philosoph Jason Hill das ganze Konzept von "kultureller Aneignung" völlig absurd: "Diese Art des Tribalismus will die Zugehörigkeit zu einer Gruppe durch einen Lackmustest bestätigen, der auf authentischer Erfahrung beruht. Die Ironie besteht darin, dass schwarze Sänger, die heute Sklavenlieder vortragen, dies auf eine Art und Weise tun, die kaum mehr mit der realen Erfahrung zu tun hat, aus der diese Lieder hervorgingen. Viele der Sänger mögen faktisch wesentlich mehr mit Betty Bonifassi gemein haben als mit ihren längst verstorbenen Vorfahren."

Betty Bonifassi mit "Voodoo Guingette":



Weitere Artikel: Im Standard stimmt Ljubisa Tosic schon mal auf Henzes Oper "The Bassarids" ein, die am Donnerstag in Salzburg zu hören sein wird. Hans-Christoph Zimmermann berichtet im Freitag von der Ruhrtriennale. Katja Baigger stellt in der NZZ den syrischen Theaterautor Mohammad Al Attar vor, dessen Stück "Aleppo. Portrait of an Absence" beim Zürcher Theaterspektakel aufgeführt wird. Dorion Weickmann berichtet in der SZ begeistert vom Berliner Festival "Tanz im August".

Besprochen werden Jürgen Flimms Inszenierung von Saverio Mercadantes "Didone abbandonata" mit Alessandro De Marchi am Pult in Innsbruck (Mercadante, lernt Presse-Kritiker Walter Weidringer, ist "das Missing Link zwischen dem Belcanto Rossinis und der frühromantischen italienischen Oper Donizettis und Bellinis", NZZ), Rossinis "Barbier von Sevilla" bei den Bregenzer Festspielen (nmz), Jaha Koos Stück "Cuckoo" beim Hamburger Kampnagel-Festival (nachtkritik) und die Ausstellung "Hitler. Macht. Oper" im Nürnberger Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände (Tagesspiegel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.08.2018 - Bühne

In der NZZ führt Michael Stallknecht führt in das Werk des Komponisten Thomas Larcher ein, dessen erste Oper, "Das Jagdgewehr", heute bei den Bregenzer Festspielen uraufgeführt wird.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.08.2018 - Bühne

Jan Lauwers' "L'incoronazione di Poppea" 2018. Foto: Salzburger Festspiele / Maarten Vanden Abeele


SZ-Kritiker Egbert Tholl ist ein Fan des belgischen Theatermachers Jan Lauwers, der mit seiner Needcompany immer grandiose Panoramen über alles Schöne und Schreckliche im Menschen entwarf. Für seine Inszenierung von Monteverdis "Krönung der Poppea" in Salzburg hat er mit der Experimental Academy of Dance gearbeitet, und Tholl ist begeistert: "Singen zwei von Liebe, haben sich verschiedene Tanzpaare lieb; wird Drusilla Folter angedroht, spielen Tänzerinnen und Tänzer Folter und Mord mit viel Bühnenblut. Verabschiedet sich Ottavia von Rom in die Verbannung, wird eine Tänzerin wie eine Stele des Leids emporgehoben. Bettet sich Poppea, beschützt von Amor, zur Ruh, versammeln sich die Tänzer zu einem Idylle verheißenden Tableau vivant, erinnernd an das Cover einer Jimi Hendrix Platte. All dies ist nie rein illustrativ, sondern folgt eigenen Regeln, die man nicht immer durchschaut."

Im Standard sah Ljubisa Tosic zwar viel opulent aufgepeppten Opernminimalismus, aber auch tolle Metamorphosen und tolle Bilder Lauwers': "Die verliebten Grauenvollen, Nerone und Poppea, lässt er auf einer Schräge über ein Fresko mit Menschenkörpern turteln." In der NZZ ist Michael Stallknecht nicht überzeugt von Lauwers demokratischer Aufführungspraxis: "Wo kein Regisseur die Sänger fordert, wächst niemand wirklich über sich hinaus." Auch in der FAZ erkennt Jan Brachmann nur in Ansätzen Deutung oder Interpretation: "Der Rest ist 'Performance', wie ein modisches Synonym für 'Dekoration' lautet."

Weiteres: In der taz berichtet Benjamin Trilling vom Beginn der Ruhrtriennale mit William Kentridges Spektakel "The Head and the Load". Wiebke Hüster resümiert in der FAZ recht missmutig die drei Choreografien zu Beethovens "Großer Fuge", mit denen das Ballett der Lyoner Oper den Tanz im August in Berlin eröffnete. Im Tagesspiegel reklamiert Ralf Stabel, Leiters der Staatlichen Ballettschule Berlin, für den Tanz eine Berücksichtigung bei der Neuausrichtung der Volksbühne.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.08.2018 - Bühne

 "The Factory" von Mohammad Al Attar und Omar Abusaada. Foto: Ant Palmer / Ruhrtriennale

Mohammad Al Attar und Omar Abusaada erzählen bei der Ruhrtriennale mit ihrem Doku-Drama "The Factory"  die Geschichte eines Zementwerk des französischen Konzerns Lafarge, der sich selbst mit Beginn des Bürgerkriegs nicht aus Syrien zurückzog. Die Inszenierung ist Sascha Westphal in der Nachtkritik zwar etwas zu eindeutig und selbstgewiss in der Empörung, aber die Geschichte macht ihn sprachlos: "Die Verantwortlichen in Paris wollten das gigantische Werk unbedingt halten. Also sind ab 2011 Gelder an verschiedene Kriegsparteien geflossen. Auch der IS hat mehrere Millionen Dollar erhalten. In der gleichen Zeit wurden aber die im Werk tätigen syrischen Arbeiter ihrem Schicksal überlassen. 2012 kam es zu mehreren Entführungen von Lafarge-Mitarbeitern oder deren Familienangehörigen, bei denen der Konzern untätig blieb. Die Entführten mussten selbst das Geld aufbringen. Selbst als im Spätsommer 2014 schon klar war, dass die Strategie von Lafarge nicht aufgehen würde und der Verlust der Fabrik quasi unvermeidlich war, durften die letzten verbliebenen Arbeiter die heftig umkämpfte Region nicht verlassen. Wer vor der heranrückenden Front fliehen wollte, dem wurde mit Kündigung gedroht."

Weiteres: In der SZ befragt Christine Dössel den Schauspieler Philipp Hochmair zu seinem brillanten Ad-hoc-Einsatz als "Jedermann" in Salzburg, wo er für den erkrankten Tobias Moretti einspringen musste. Till Briegleb berichtet in der SZ von der Eröffnung des Sommerfestivals auf Kampnagel. Daniele Muscionico porträtiert in der NZZ den Schweizer Choreografen und Regisseur Martin Zimmermann.

Besprochen werden die Eröffnung des Tanz im Augsut mit "Trois Grands Fugues" des Balletts der Lyoner Oper (taz) und Jürgen Flimms Inszenierung von Giuseppe Mercadantes "Didone abbandonata" zur Eröffnung der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik (Standard, FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.08.2018 - Bühne

Szene aus William Kentridges "The Head and the Load"


Die Ruhrtriennale eröffnete mit einem großen Spektakel von William Kentridge - "The Head and the Load" mit Musik, Gesang, Tanz und Film - über die Ausbeutung Afrikas im Ersten Weltkrieg. Nachtkritiker Andreas Wilink ist begeistert, auch wenn er nicht immer folgen kann: "Einer vertritt die Stimme Afrikas, indes zwei Uniformierte die europäische Dominanz verkörpern wie Popanze in einem Alfred Jarrys 'König Ubu' nicht unähnlichen Grand Guignol. Vokaler Sprengstoff explodiert als 'Kaboom' wie knatternde Salven. Es wird buchstabiert, telegraphiert und verschlüsselt. Ach, könnte man die Codes nur alle knacken und die Enigma-Maschine anwerfen. Das westeuropäische Schaf, in dem historisch bedingt auch der böse Wolf steckt, kann nicht immer folgen. Kentridges virtuose Technik der Animation geht von der Kohlezeichnung aus, deren Spur wieder verwischt. So erhebt sich seine Kunst, wie Phoenix, aus Asche, Ruß und Staub. Und schaut hinüber zu dem gegen den Sturm sich stemmenden Engel der Geschichte: 'das Antlitz der Vergangenheit zugewendet', wie ihn Walter Benjamin bei Paul Klee entdeckt hat. Kentridge collagiert das Fragment." In der SZ sieht Egbert Tholl zufrieden auch die Schuldfrage am heutigen Zustand des Kontinents geklärt.

Virve Sutinen, Leiterin des vor dreißig Jahren gegründeten Berliner Festivals Tanz im August, stellt im Interview mit der Berliner Zeitung das Programm zum Jubiläumsjahr vor. Ein Trend: "Es geht in einigen Stücken des Festivals um Selbstoptimierung. All die Ideologien und Strategien, mit denen wir jetzt konfrontiert sind, sind auch soziologisch spannend für den Tanz, weil er selbst so nah dran ist am Körper. Extensions, künstliche Knie und Hüften, radikale Deformationen mit denen sich Menschen den aktuellen Schönheitsnormen widersetzen, das ist längst in unser aller Alltag präsent."

Besprochen wird der Salzburger "Jedermann" (Presse) mit Philipp Hochmair in der Titelrolle (mit dem sich der Standard unterhält).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.08.2018 - Bühne

Szene aus Rossinis "L'italiana in Algeri" 2018. Foto: © Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus


Staunend sieht SZ-Kritiker Michael Stallknecht zu, wie Cecilia Bartoli "nur von Schaum bedeckt" in einer Badewanne auf die Bühne gefahren wird, einer schaumgeborenen Venus gleich. Und das ist nicht das einzige Ereignis in Rossinis Oper "L'italiana in Algeri". Die Sänger, die Regisseure Moshe Leiser und Patrice Caurier, Dirigent Jean-Christophe Spinosi, alle geben ihr Bestes in dieser Salzburger Inszenierung: "Wo sonst Sänger und Regisseure sich bei Rossini gern auf Stereotype beschränken, da begibt sich hier das gesamte Team auf die Suche nach den menschlichen Seiten der Figuren. Rossini erscheint seinem Vorbild Mozart nahe, bei dem das Begehren ebenfalls die zentrale Antriebskraft ist. Der Abend ist fraglos eine starke Aktualisierung, wie sie bei derartigen Direkttransfers in die Gegenwart in der Oper nicht immer gelingt. Die Debatte über 'Me Too' hallt in ihm ebenso nach wie die über den Zusammenstoß von Kulturen mit unterschiedlichen Wertvorstellungen. Doch Leiser und Caurier kommen dabei ohne Zeigefinger aus, weil vor dem Begehren alle gleichermaßen machtlos - und gleichermaßen lächerlich sind." Amüsiertes Lob auch von Stefan Ender im Standard.

Sehr klug hat sich die Ruhrtriennale-Intendantin Stefanie Karb im Streit um die Israel-Boykottbewegung BDS nicht verhalten, aber immerhin steht sie für einen ernsthaften Diskurs. Die Politiker, allen voran NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU), haben sich dagegen mit politikertypischer Feigheit aus der Situation gezogen, findet Stefan Keim in der Welt: "Dass NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) nun die Ruhrtriennale komplett boykottiert, weil eine dort nicht mehr auftretende Band mit einer Israel-Boykottbewegung sympathisiert, ist ein bedenkliches Zeichen für den demokratischen Diskurs. Es genügt die Andeutung, irgendwo könne radikales Denken im Spiel sein, und schon springt der Landesvater in Deckung. Um bloß nicht einen kleinen Flecken aufs weiße Hemd zu bekommen, wenn es irgendwo spritzen sollte."

Außerdem: Zuviel Technik und zuwenig Sprache erlebt Bernd Noack an deutschen Theatern, klagt er in der NZZ. Es geht ihm dabei "um die erkenn- und erspürbare Aufregung, die ein unbequemes Wort hinterlässt".

Besprochen werden Dušan David Pařízeks Adaption von David Grossmans Roman "Kommt ein Pferd in die Bar" bei den Salzburger Festspielen (nachtkritik, Standard) sowie "Do's & Don'ts - eine Fahrt nach allen Regeln der Stadt" mit Rimini Protokoll beim Sommerfestival Kampnagel in Hamburg (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.08.2018 - Bühne

Im Interview mit der SZ reagiert Ruhrtriennale-Intendantin Stefanie Karb langsam etwas gereizt auf den Vorwurf, sie habe mit der Einladung der schottischen Band Young Fathers dem Antisemitismus ein Forum geboten (die Band wurde dann wieder ausgeladen und wieder eingeladen und hat schließlich selbst abgesagt): "Ich würde auch nicht beim BDS unterschreiben, als Deutsche schon gar nicht. Darum geht es auch gar nicht, sondern darum, ob man diese Künstler einladen darf oder nicht. Das sind dann eine Menge, auch sehr wesentliche Künstler. In München spielten die Young Fathers beim Eröffnungsfest der Saison der Kammerspiele, und niemand regte sich darüber auf. Sie spielten auch in Köln, waren auf der Titelseite der Musikzeitschrift Spex. Das ist doch jetzt alles ein bisschen übertrieben und unverhältnismäßig, was hier gerade passiert."

Weitere Artikel: Sven Sakowitz unterhält sich für die taz mit Regisseur Patrick Wengenroth, der das Bühnenstück "König der Möwen" von Andreas Dorau und Gereon Klug beim Sommerfestival im Hamburger Theater Kampnagel inszeniert, über Indie-Identitäten (mehr zum Musical im Freitag). Im Interview mit der FR gibt der Hamburger Kulturmanager Christian Holst Tipps, wie Theater die Sozialen Medien besser nutzen könnten. NZZ-Kritikerin Daniele Muscionico macht in ihrem Interview mit dem deutschen Festivalmacher Matthias von Hartz kein Hehl daraus, dass ihr der kapitalismuskritische Aktivismus vieler Theater inzwischen etwas billig vorkommt.

Besprochen werden Ivo Dimchevs "Selfie Concert" beim Wiener Festival Impulstanz (nachtkritik), Florentina Holzingers Performance "Apollon" beim Impulstanz (taz) und die Operetten "Land des Lächelns" und "Sissi" bei den Lehar-Festspielen in Bad Ischl (Presse).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.08.2018 - Bühne

Silke Huysmans und Hannes Dereere, "Mining Stories". Foto: Hugo Cordeiro


Sehr beeindruckend findet Helmut Ploebst im Standard die Dokuperformance "Mining Stories", mit der das Künstlerpaar Silke Huysmans und Hannes Dereere beim Impulstanz-Festival die Umweltkatastrophe am Rio Doce behandeln. 2015 hatte sich ein giftiger Brei aus Quecksilber, Blei, Kupfer, Aluminium und Arsen in den Fluss im Südosten Brasiliens ergossen, der daraufhin auf eine Länge von 660 Kilometern starb: "Unausgesprochen enthält 'Mining Stories' eine grundsätzliche Frage: Müssen Unternehmen wie Vale oder BHP Billiton heute nicht mehr primär als Arbeitgeber, sondern als Aggressoren gelten? Huysmans ist in der Katastrophenregion aufgewachsen. Die emotionale Nähe zu dem Ereignis hat sie und Dereere aber nicht davon abgehalten, aus ihrer Vor-Ort-Recherche ein außergewöhnliches Kunstwerk zu gestalten. Wie in Opposition zu der Bilderkloake, die täglich aus den Servern der digitalen Medien strömt, verzichtet das Künstlerduo zur Gänze auf die visuelle Veranschaulichung des Unglücksorts. Es gibt eine Performerin (Huysmans selbst), projizierte und vom Band abgespielte Texte sowie ab und zu Musik. Interviews mit Betroffenen und Experten werden gemischt mit Äußerungen von Samarco und einem lokalen Politiker, der die Firma verteidigt."

In der FAZ bemerkt Elena Witzeck, dass das Vorgehen der CSU gegen die Münchner Theatermacher Matthias Lilienthal und Christian Stückl wegen ihrer Teilnahme an der Großdemonstration Mitte Juli vielen in der Partei etwas peinlich sei: "Mit Maßnahmen gegen Lilienthal rechnet keiner, und die CSU scheint letztlich froh darüber zu sein. Das Neutralitätsgebot, auf das sie sich beruft, war in der Nachkriegszeit als Schutz vor politischer Instrumentalisierung eingeführt worden. Wenn Parteien nun versuchen, mit ihm Einfluss auf die Positionen von Theatern zu nehmen, verkehrt sich sein Zweck ins Gegenteil, auch wenn der Hinweis auf die Freiheit, privat teilzunehmen, berechtigt ist."

Weiteres: In der NZZ berichtet Michael Stallknecht von einer Diskussion in Bayreuth zu "Verboten in der Kunst" und Eugen Gomringers "Avenidas"-Gedicht: "Den 'Aufstand junger Spießer' nennt der Schriftsteller Feridun Zaimoglu die Kritik der Studierenden in Bayreuth." Besprochen werden Inszenierungen von Frank Castorf und Hans Neuenfels bei den Salzburger Festspielen (taz, Tagesspiegel, FR).