Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.07.2026 - Bühne

Szene aus "Der Besuch der alten Dame" am Gärtnerplatztheater in München. Foto: © Markus Tordik

Eine "Opernrarität" mit "fast schon beunruhigender Relevanz" sieht NZZ-Kritiker Marco Frei am Gärtnerplatztheater in München: Nikolaus Habjan inszeniert Gottfried von Einems Opernversion des Dürrenmatt-Stücks "Der Besuch der alten Dame". Zwar macht der Kritiker "eine gewisse Geschwätzigkeit" in der Musik für die 1956 entstandene Oper aus, nichtsdestotrotz ist er fasziniert: "In seiner Inszenierung arbeitet Nikolaus Habjan wie gewohnt mit Puppen. Dabei wird diesmal aber nur die Titelrolle verdoppelt. Aus der alten Dame wird eine Furie mit roten Haaren und vollen roten Lippen. Im Gegensatz dazu ist Alfred Ill, dargestellt von Ludwig Mittelhammer, in Weiß gekleidet. Auf den ersten Blick erscheint die offensichtliche Unterscheidung in Gut und Böse etwas pauschal. Doch das Bühnenbild von Heike Vollmer ringt der Opernhandlung immer wieder eine verdüsterte, schauerliche Atmosphäre ab. In München erlebt man das Stück als kurzweiligen, aber auch beklemmenden Horrortrip. Eine durchaus eigenständige und so noch nicht oft gesehene Lesart des berühmten Stoffs."

Weitere Artikel: Michael Bartsch resümiert für die taz das Festival "Theater der Welt" in Chemnitz. Besprochen werden Edvin Revazovs Choreografie "Waiting for Godot - In the Small Moments We live" am Ernst Deutsch Theater in Hamburg (alle Tänzer sind aus der Ukraine geflohen, erklärt Dagmar Leischow in der taz), Philipp Preuss' Inszenierung von "Circus Oresteia" im Theater an der Ruhr in Mühlheim (SZ) und Stefan Puchers Inszenierung von Schillers "Räubern" am Schauspiel Stuttgart.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.07.2026 - Bühne

"Die Räuber". Bild: Thomas Aurin.


Auf der Bühne des Schauspiels Stuttgart ist es mal wieder Zeit für Schillers "Räuber", hier inszeniert von Sebastian Pucher. Dem Schiller-Text sind patriarchatskritische Elemente von Thomas Melle beigefügt, weiß Nachtkritikerin Verena Großkreutz: "Zeitlich verorten lässt sich die Inszenierung nicht. Sie will offenbar die Schiller-Melle-Sprache sprechen lassen. Die Kostüme von Annabelle Witt bieten einen unisexen Mix aus queerer Buntheit, Anzügen, Westernstiefeln, futuristischen Schulterpolstern, barocken Rüschen, Pelzkragen. Auch die Frisuren: gewagt. Das Bühnenbild von Nina Peller lässt Assoziationen freien Lauf: ein Unort, ein stillgelegtes Bergwerk vielleicht mit Blick auf einen nur grau scheinenden Riesenmond. In der Mitte, auf der Drehscheibe, zwischen gestapelten Rundsteinen, thront ein Felsmonument."

tazler Björn Hayer hingegen findet die Bilder eher etwas abgedroschen: "Insgesamt also eine solide, wenn auch unpassionierte Realisierung des Stoffs. Sie setzt auf stimmungsvolle Effekte. Zum Beispiel tritt die Räuberbande nach der Pause als Hardrock-Band mit Flammenspiel auf. Ebenso trägt die durchweg düster-psychedelische Musik zu einer atmosphärischen Dichte bei. Gleichwohl gelingt es der Regie kaum, das Stück jenseits recht abgegriffener Bilder zu transzendieren. Wir bekommen vor allem Schaufenstertheater geboten, hell ausgeleuchtet, ohne besondere Überraschungen oder ungewöhnliche Perspektiven auf einen häufig aufgeführten Klassiker."

Weiteres: Alina Götz besucht für die taz die Wilde Bühne in Bremen, an der Suchtkranke unter der Voraussetzung Theater spielen können, dass sie clean sind. Lothar Müller trauert in der SZ um den Dramatiker Dieter Sturm.

Besprochen wird: Mozarts "Zauberflöte", inszeniert von Clément Cogitore, und Strauss' "Frau ohne Schatten", inszeniert von Klaus Mäkelä, auf dem Opernfestival in Aix-en-Provence (Welt), "Zwanzig Minuten" im Theater Thikwa in Berlin, Regisseurin ist Judith Kuckart (taz), Francesco Filideis Kammeroper "Accabadora", uraufgeführt in Aix-en-Provence unter der Regie von Valentina Carrasco (FAZ), "Maldoror" nach Roberto Bolaño und Lautréamont auf dem Festival d'Avignon, Bearbeitung und Regie von Julien Gosselin (Nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.07.2026 - Bühne

"Wir hatten hausintern ein erhebliches Kommunikationsdefizit", rechtfertigt sich Intendantin Katharina Wagner nach der Aus- und wieder Einladung von Michel Friedman nach Bayreuth (unsere Resümees) im SZ-Gespräch mit Moritz Baumstieger und Kathleen Hildebrand: "Unser kaufmännischer Geschäftsführer hatte alle noch nicht veröffentlichten Veranstaltungen unter dem Eindruck der vielen sich zuspitzenden internationalen Krisen zunächst abgesagt, auch diese. Ich selbst wollte am Gedenkkonzert mit Herrn Friedman selbstverständlich festhalten, was schließlich auch gelungen ist." Von Friedman erwarte sie sich eine sehr kritische Rede - und auch weitere Defizite in der Aufarbeitung der NS-Geschichte von Bayreuth sieht sie: "Es wäre aus meiner Sicht wichtig, der Öffentlichkeit auch all das historische Material zugänglich zu machen, das noch bei den anderen Teilen der Familie liegt. Dass das nicht ausgewertet werden kann, dass wir gar nicht wissen, was da vielleicht noch schlummert, empfinde ich als Makel."

Weitere Artikel: Manuel Brug hat in der Welt wenig Zweifel, dass Matthias Schulz, aktuell Leiter der Oper Zürich, auch das Zeug zum Intendanten der Salzburger Festspiele hätte. Für die Welt spricht Philip Cassirer mit dem französischen Operntenor Benjamin Bernheim. In der FAZ schreibt Gerhard Stadelmaier zum Tod des im Alter von 90 Jahren gestorbenen Dramaturgen Dieter Sturm. Heute beginnt das Festival d'Avignon unter Leitung des portugiesischen Regisseurs Tiago Rodrigues, der das Festival ganz im Sinne des Gründers Jean Vilar ausrichtet, wie Benno Schirrmeister in der taz erfährt: "Das Festival entstand 1947 aus dem Geist der Résistance und getragen vom Wunsch nach einem demokratischen Neuanfang Europas. 'Es ging darum, Orte zu schaffen, an denen dieser Traum real werden kann - Räume der Vielfalt', erklärt Rodrigues."

Besprochen wird Jochen Schölchs Inszenierung des Stückes "Putsch" von Alistair Beaton und Dietmar Jacobs am Münchner Metropoltheater (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.07.2026 - Bühne

Im Dezember 2025 hat Russland das im Krieg zerstörte Dramatheater in Mariupol neu eröffnet. Geschmacklos wieder aufgebaut läuft dort nun "Klamauk niedrigster Güte" und reine Propaganda, sagt im Interview mit der Welt dessen letzter Chefregisseur, Anatolij Lewtschenko, der knapp zehn Monate Haft überlebte und heute das erste nichtstaatliche Theater des Donbass leitet. Hinter den Fassaden der Stadt stehen nur Ruinen, ukrainisches Leben gibt es kaum noch, die Menschen denunzieren einander und die Russen setzen auf "weiche Propaganda": "Propaganda ist eine feine, komplizierte Sache und ich erkläre nicht, wie man sie macht. Nur so viel: Die sowjetische Propaganda hat sich nicht verändert, jetzt machen es eben die Russen. Es geht um die kulturelle Tiefenschicht. Eine Nation lebt von Erinnerung, von Ritualen. Warum lieben wir alle noch den Olivier-Salat, den Hering im Pelz? Weil das die Vorstellung vom Festtisch war - und niemand fragt mehr, warum. Genauso pflanzt man Narrative ein. Und hier muss ich ehrlich sein: Die postsowjetischen Theater in Kiew sind voll von billigsten Komödien. Ich sehe keinen anderen Weg, als meinen kleinen Teil beizutragen, damit wir uns als Land, als Menschen weiterentwickeln. Der Krieg tobt im Schützengraben - aber geboren wird er im Kopf."

Im Interview mit der SZ spricht der italienische Schauspieler und Theaterregisseur Toni Servilio über seine ungebrochene Faszination für das Theater und die politische Situation in Italien: "Wenn Europa nicht bald aufwacht, riskiert es, von anderen Ländern, die sich durch autoritäre Politik bereits in einem Zustand der Rückständigkeit befinden, aufgefressen zu werden. Zudem hat die italienische Politik eine Persönlichkeit hervorgebracht, von der ich nie gedacht hätte, dass sie auf die vom Faschismus durchdrungene italienische Bühne zurückkehren würde, und das ist Roberto Vannacci mit seiner Partei Futuro Nazionale. Wir haben erneut einen Vertreter des dunkelsten, aggressivsten und ignorantesten Faschismus, den wir glaubten, bereits beerdigt zu haben."

Besprochen werden eine Inszenierung von Mozarts "Die Entführung aus dem Serail" mit Bülent Ceylan an der Staatsoper Berlin (Welt) und Alexander Paul Kubelkas Inszenierung "Till Eulenspiegel, wenn das Herz brennt" nach Charles De Coster bei den Sommerfestspielen Perchtolsdorf (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.07.2026 - Bühne

Bevor Aviel Cahn als Intendant vom Grand Théâtre de Genève an die Deutsche Oper Berlin wechselt, hat er den Genfern nochmal einen riesigen Penis gezeigt, amüsiert sich Manuel Brug (Welt), der das an Frank Zappas Film "200 Motels" angelehnte Opernspektaktel zwar insgesamt nicht mehr als "nett" findet. "Trotzdem ist das neonbunte Durcheinander, bei dem im Swimmingpool an der Rampe unter den Gummiflamingos der stets abenteuerlustige Dirigent Titus Engel die an Varèse, Strawinsky, Berg und Cage gemahnenden Zappa-Kompositionen beisteuert, vor allem eine ziemlich unverbundene, famos gesungene und performte Musical-Revue geworden. In dem einzig Brenda Rae als sopranknallige Reporterinnen-Barbie vokal hervorsticht, nichts wirklich Bedeutung oder Fallhöhe hat, alles nur derb-dämlicher Kindergartenfrohsinn für Erwachsene ist. Darf auch mal sein."

Weitere Artikel: Im taz-Interview mit Konstantin Nowotny erklärt der Comedian Moritz Neumeier, wann es für manche Gags Polizeischutz braucht. Besprochen werden außerdem die letzte Ausgabe Lugano Dance Projects (NZZ) und Leander Hausmanns Inszenierung "Der Geizige oder Die Schule der Lügner" nach Moliere beim Theatersommer Haag (nachtkritik).
Stichwörter: Zappa, Frank, Cahn, Aviel

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.07.2026 - Bühne

Die Hitzewelle hat auch die Musikfestpiele Potsdam fest im Griff. FAZler Clemens Haustein fühlt sich teils wie in "einer Dampfsauna". Zumindest dem Händel-Oratorium "Il Trionfo del Tempo e del Disinganno", das in Potsdam in einer von Dorothee Oberlinger angeleiteten halbszenischen Aufführung auf die Bühne kommt, können die Temperaturen nichts anhaben: "Francesca Lombardi Mazzulli als Piacere, das personifizierte Vergnügen, lässt dieser unsterblichen Musik die ganze Zartheit ihres Singens zukommen, Oberlinger und ihre Musiker geben sich die nötige Zeit ohne ins Zelebrieren zu verfallen. Überhaupt nimmt stark für sich ein, wie das Ensemble herzvolles Spiel und klare Zeichnung zusammenbringt. In der Schärfung der Artikulation tut sich für Oberlinger ein Mittel auf, die Zuhörer zu immer neuem Ohrenspitzen zu verleiten." Klaus Büstrin vom Tagesspiegel ist ebenfalls angetan und freut sich über die "unbedingte Vertrautheit" von Dirigentin und Musikern.

Dorion Weickmann hat sich für die SZ bei Tanz-Ensembles in Sachsen-Anhalt umgehört: Wie bereitet man sich in dieser besonders divers und international aufgestellten Kunstform auf einen möglichen AfD-Wahlerfolg im Herbst vor? Eine ausführliche Antwort hat er nur von Tarek Assam, dem Leiter des Tanzdepartments des Harztheaters in Halberstadt und Quedlinburg, erhalten. "Assam, dessen Ensemble fünf Nationalitäten im Ballettsaal vereint, schildert die Vorsichtsmaßnahmen, die bereits jetzt angesichts der Montagsdemos getroffen werden: 'Wir bitten unsere Tanzgäste (Choregraphen, Ausstatter, Trainingsleiter und Tänzer) nicht nach der Auflösung der Montagsdemos auf die Straße zu gehen.' (…) Es sei, auch in der Stadt, 'eine deutliche Verunsicherung spürbar'."

Weitere Artikel: Esther Slevogt macht sich auf nachtkritik Gedanken zu KI und Theaterkritik. Benno Schirrmeister unterhält sich, ebenfalls auf nachtkritik, mit dem portugiesischen Autor und Regisseur Tiago Rodriguez, der das Festival d'Avignon leitet.

Besprochen werden eine "Turandot"-Inszenierung an der Staatsoper Stuttgart (FR - "eine attraktive, zugleich zerfaserte Inszenierung") und "Die Entführung aus dem Serail" an der Staatsoper Unter den Linden mit special guest Bülent Ceylan (nmz, van - beide Rezensionen halten nicht viel von der Kombination Mozart-Ceylan).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.06.2026 - Bühne

Szene aus "Amakoda". Foto: Patrik Borecký

Sofia Andruchowytschs dreiteiliges ukrainisches Nationalepos "Amakoda", welches in Fragmenten die Komplexität der ukrainischen Geschichte einzufangen versucht, ist von Dusan David Parizek auf die Bühne des Festivals "Theater der Welt" in Chemnitz gebracht worden - und das gelingt gut, findet Konrad Muschick in der FAZ: "Wie Andruchowytschs Roman beginnt auch Pařízeks Theaterabend mit dem Bild eines deformierten Gesichts. Im Prolog erscheint ein Mann im Unterhemd auf der größtenteils leeren, schwarzen Bühne, nur drei Overheadprojektoren und ein Maskentisch stehen verteilt im Raum, weit hinten eine Leinwand. Der Mann setzt sich an den Maskentisch und beginnt mit einem durchsichtigen Plastikband sein Gesicht zu umkleben, eine Runde nach der anderen. Eine Kamera filmt ihn, zoomt ran, übergroß ist auf der Leinwand zu sehen, wie sein Gesicht immer weiter entstellt wird. Es schwillt an, die Gesichtszüge verlieren ihre Proportion, zunehmend verwandelt er sich in etwas Menschenunähnliches. Wie aus einer abgründigen, surrealen Vorstellungswelt entsprungen, würde man nicht ahnen, dass sich die bittere Realität des Kriegs in ihm spiegelt."

Das "National Noh Theatre" wird im Herbst für zwei Gastspiele mit dem Titel "The Aesthetics of Stillens" nach München kommen, für die SZ schaut David Pfeifer schon mal in Tokio beim Familienbetrieb der Wakebayashis vorbei, um mehr über die Tradition zu erfahren: "Eine Noh-Performance folgt klaren Strukturen. Die Sprache ist poetisch, die Kostüme mächtig, der Singsang monoton, vor allem das schreitende Gleiten der Figuren will gelernt sein (...). Das Publikum muss sich auf diese Art des Erzählens einlassen und eintauchen in diese Welten, in denen von mächtigen Dämonen erzählt wird, von edlen Samurai und Dienern, von Träumen und fantastischen Welten, ohne Spezialeffekte oder großen Bühnenzauber. Immerhin werden die Stücke übersetzt, sogar für Japaner gibt es Untertitel, sonst versteht man so viel wie in einer Oper ohne Libretto."

Bersprochen werden Michael Schachermaiers Parzifal-Inszenierung bei den Bad Hersfelder Festspielen (FR), Wilfried Fiebigs Inszenierung "Die Obdachlosigkeit des Wilhelm Genazino" am Theater Frankfurt (FR), Lies Pauwels' Inszenierung "Same Same. Ein Abend mit Zwillingen" (nachtkritik) und William Kentridges Inszenierung von Monteverdis "L'Orfeo" in Glyndenbourne sowie John Cairds Monteverdi-Inszenierung "Il ritorno d' Ulisse in patria" in Garsington (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.06.2026 - Bühne

"Die Entführung aus dem Serail". Foto: Stephan Rabold.

Wenn einem sonst nichts mehr einfällt, stellt man einen Comedian wie Bülent Ceylan in eine Mozart-Oper - tatsächlich funktioniert das aber in Mozarts "Entführung aus dem Serail", inszeniert von Andrea Moses an der Berliner Staatsoper, erstaunlich gut, findet Gerald Felber in der FAZ. Ceylan kommt in zwei Rollen zum Einsatz, "zuerst in bekannter Eigengestalt als (mit nahezu zehn Minuten am Stück gleich entschieden zu weitschweifiger) Moderator, dann als Hausmeister und Bassa Selim in mehrfachen Comedy-Umformungen eingreifend, mithandelnd und mit witzigen Pointen, später zunehmend nachdenklichen Tönen für gediegene Kurzweil sorgend. Er war, wenn dergleichen schon als notwendig erachtet wird, eine gelungene Wahl; nicht zuletzt unter den Aspekten des Kulturtransfers, von Identität und Entfremdung oder, wie es Ceylan selbst bündig zusammenfasste, von 'Entkommen, Ankommen und Einkommen'."
 
Wolfgang Schreiber fängt in der SZ die Stimmung des Publikums ein: "Es gab, besonders am Beginn mit Ceylans prächtigem Einstand, viel Lachen, eine gelassene bis ausgelassene Opernlaune sogar für die akute Gesellschaftskritik des Comedians, eher gebremst durch einige Gags aus seiner neuen Bühnenshow 'Diktatürk', am Ende auch ein paar niederapplaudierte Buhrufe. Den Sieg davon trug die Musik, Mozarts zauberhaft frische Jugendoper, dirigiert mit lebhaften Impulsen, starken Akzenten und viel lyrischem Empfinden vom jungen, in Daniel Barenboims Berliner Welt gereiften Frankfurter Opernmusikchef Thomas Guggeis, der der Staatskapelle einen intensiven Abend verschaffte." Für Udo Badelt im Tagesspiegel ist ebenfalls die Musik das Highlight des gelungenen Abends, er fragt sich allerdings, wie man diese Inszenierung im Repertoire halten soll: "Die Produktion ist so voll und ganz auf Bülent Ceylan zugeschnitten, und ohne ihn recht konventionell, dass sie nicht sehr nachhaltig ist", denn niemand könne seine Rolle so übernehmen.

Besprochen werden u.a. Daniel Kehlmanns "Tyll", inszeniert von Christian Stückl bei den Passionsspielen Oberammergau (SZ, Nachtkritik), "Tanzende Idioten", geschrieben und inszeniert von Thorsten Lensing am Schauspiel Frankfurt (FR), "Same Same. Ein Abend mit Zwillingen", Text und Regie von Lies Pauwels am Schauspiel Bochum (Nachtkritik), Tobias Kratzers Inszenierung von Wagners "Walküre" in München (Van, NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.06.2026 - Bühne

Walkürenritt durch München

Ganz großes Theater boten Tobias Kratzer (Regie) und das Bayerische Staatsorchester unter Dirigent Vladimir Jurowski mit Wagners "Walküre" zum Auftakt der Münchner Opernfestspiele an der Staatsoper. Auch wenn es durchaus Längen gab, notiert in der SZ Reinhard J. Brembeck, der die Inszenierung jedoch als radikalfeministische lobt. Erst "im Schlussakt finden Regisseur Tobias Kratzer und sein Team dann endlich aus dem von ihnen aufgepflanzten finsteren Wald heraus. Der so legendäre wie immer wirksame Walkürenohrwurmritt lodert aus dem Orchestergraben heraus, und dazu liefert das Videoteam, sonst eher mit tiefenpsychologischen Familienaufstellungen beschäftigt, spektakuläre Bilder, die das Publikum zu Lachsalven animieren. Im Film fliegt die Wotan-Tochter Brünnhilde per Hubschrauber über München, die Anspielung auf den Film 'Apocalypse now' ist süffisant witzig. Brünnhilde, das ist ihr Job, hält Ausschau nach Heldenmännern, die sie für Wotans aus Gefallenen bestehendes Schattenheer rekrutieren könnte. Dieser Gedanke ist seltsam, in der Mythologie begründet und typisch Wagner."

Jan Brachmann zeigt sich in der FAZ schwer beeindruckt: Hier "wird das Musiktheater als solches, auf seinen Anfang zurückgeworfen: den singenden Menschen, den atmenden, stöhnenden, gequälten, versehrbaren Körper, der sich in Klang entlädt. Aber er wird getragen vom Bayerischen Staatsorchester, dessen Celli dieses Stöhnen aufnehmen, es auf das Vorsprachliche zurückbeziehen und ins Übersprachliche weiten. Der Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski, der am Ende dieses Abends frenetisch gefeiert werden wird, führt Stimme und Orchester, Szene und Graben zu einem Hotspot von Sinn-Intensität zusammen. Doch über den Moment hinaus ist das ganze Stück über vom Orchester eine Musik gesteigerten Ausdrucks, des Jubels, des Schmerzes, der Sehnsucht zu hören. Als ein 'Theater der Seele', sagt Jurowski selbst, begreift er Wagners Musik." Ähnlich sieht es auch ein begeisterter Marco Frei in der NZZ: "Selbst wer sich im Dickicht der Wagnerschen Mythenerzählung nicht auskennt, versteht unmittelbar, aus welcher Motivation heraus etwas passiert." Den Hut zieht der Kritiker auch vor Dirigent Jurowski, der "auf eine Symbiose mit der Bühne" zielt.

Sehr viel skeptischer ist Manuel Brug in der Welt, an den Sängern lässt er jedoch kein schlechtes Haar: "Kratzers Inszenierung ist am Anfang und Ende von Hölderlin-Zitaten eingerahmt, die Untergangssehnsucht raunen - aber sonderlich viel Fallhöhe hat sie zwischen Überdeutlichkeit, Witzeleien und Verweigerung nicht. Obwohl Wotan, wir wissen es, nur noch eines will - 'Das Ende' - und sich mehrmals die Pulsadern aufschneidet. Er bleibt unsterblich und unverwundbar; Brünnhilde blutet wenigstens ein bisschen. Sie sind ein wunderbares Paar: Der traurige Gott von Nicholas Brownlee wütet und weint, donnert und dämmert, immer toll textverständlich, mit Bassbariton-Wucht, aber auch viel Piano-Zartheit. Ein verzweifelter Bär mit kindlichem Herzen. Dazu passt die zurückhaltende, in ihrer Emphase sich steigernde Wunschmaid von Miina-Liisa Värelä als patente, unbotmäßige, zerknirschte Brünnhilde."

Weiteres: In der Welt resümiert Jakob Hayner die Wiener Festwochen unter Milo Rau.  In der FAZ (Bilder und Zeiten) erinnert Irene Bazinger an die österreichische Schauspielerin Gertraud Jessener, die vor fünf Jahren starb. Besprochen werden außerdem Christian Stückls Adaption von Daniel Kehlmanns Roman "Die Geschichte von Tyll Ulenspiegel" für das Passionstheater Oberammergau (nachtkritik) und Brit Bartkowiaks Inszenierung von Kaleb Erdmanns Stück "Debritz" am Badischen Staatstheater Karlsruhe (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.06.2026 - Bühne

Szene aus "The Crying Child". Foto: Adrienne Meister

Neun Autorinnen und Autoren haben am Stück "The Crying Child" gemeinsam geschrieben, sie kommen aus Chile, Litauen, den USA, der Ukraine, aus Georgien, Indien, Argentinien und aus Israel und Iran, nun wurde das Stück beim "Welt / Bühne Festival" am Münchner Residentheater uraufgeführt. Das vorgegebene Thema war lediglich ein von irgendwoher kommendes Baby-Geschrei, verbunden mit der Frage, was Weinen im kulturellen Kontext auslösen kann, informiert Christiane Lutz in der SZ, die das Stück auch als "Plädoyer für Empathie" sieht: "Erschütternd ist der Dialog zwischen einer Mutter und ihrem Sohn (Juliane Köhler und Florian von Manteuffel) am Strand; der Text stammt von der israelischen Autorin Noa Lazar-Keinan. Trotz des Dauergeschreis versuchen die beiden, eine schöne Zeit zu haben, das Kind baut einen Bunker in seine Sandburg. Ob sie sich je an das Weinen gewöhnen könne, überlegt die Mutter. 'Besonders in Israel ist das Weinen stärker', sagt sie, 'was, wenn es das Weinen all der toten Kinder in Gaza ist -?'" Auch nachtkritikerin Isa Hoffinger, die das Stück zusammen mit "Cosmic Home" von Birutė Kapustinskaitė und Lina Lapelytė und "Iokaste: Rohmaterial" von Mariam Megvinyte bespricht, ist angetan.

Weiteres: Im taz-Interview spricht die Schauspielerin Maria Thies über ihr Projekt "Pretty Privileged". Besprochen werden außerdem Panaghis Pagiulatos' Inszenierung von Luigi Cherubinis Oper "Medea" an der Griechischen National Oper in Epidaurus (Welt) und Brit Bartkowiaks Inszenierung von Kaleb Erdmanns Stück "Debritz" am Staatstheater Karlsruhe (taz, nachtkritik)