Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.10.2017 - Bühne


"Ich bin also ein Objekt. Na fein. Dann aber wenigstens teuer.": Alexander Ostrowskijs "Schlechte Partie" an der Wiener Burg. Foto: Copyright Reinhard Werner/Burgtheater

Als glanzvoll bejubelt Hubert Spiegel in der FAZ Alvis Hermanis' Inszenierung von Alexander Ostrowskijs "Schlechter Partie" an der Wiener Burg: "Die Burg tönt und dröhnt wie lange nicht mehr." Da bleibt er allerdings der einzige. Im Standard schreibt Ronald Pohl ermattet: "Dieses kunstfertige Theater verweigert die Realität. Es müsste eigentlich zum Arzt, geht aber lieber zum Ausstatter." In der Welt findet sie Eva Biringer dagegen so schal wie nur ein Herrenwitz sein kann. In der Nachtkritik gefällt Leo Lippelt immerhin der "Säuferklamauk".

Weiteres: Judith von Sternburg berichtet in der FR von den Frankfurter Römerberggesprächen über die Zukunft der Städtischen Bühnen. Viele thesenhafte Wahrheit, aber kaum emotional erfahrbare Wut erlebt SZ-Kritiker Egbert Tholl in Branden Jacobs-Jenkins' Stück "Gloria", das Amélie Niermeyer am Münchner Residenztheater inszenierte.

Besprochen werden die Heiner-Müller-Hommage "Die Entführung Europas" am Berliner Ensemble (die Christine Wahl im Tagesspiegel sehr anstrengend fand), die Revue "Feminista, Baby!" an den Kammerspielen des Deutschen Theaters (Tagesspiegel), Ersan Mondtags "Orestie"-Inszenierung am Hamburger Schauspielhaus (Nachtkritik), Milo Raus "Lenin" an der Berliner Schaubühne (taz), Stefan Herheims Inszenierung von Alban Bergs Oper "Wozzek" in Düsseldorf (SZ, FAZ), Barbara Freys Inszenierung von Kleists "Zerbrochnem Krug" im Schauspielhaus Zürich (NZZ) und Daniel Kramers Inszenierung von "La Traviata" am Theater Basel (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.10.2017 - Bühne


Szene aus "Lenin". Foto: Thomas Aurin

Kein gutes Haar lassen die Theaterkritiker an Milo Raus "Lenin"-Inszenierung an der Berliner Schaubühne. Im Tagesspiegel schüttelt Rüdiger Schaper den Kopf: "Sehnt sich Milo Rau nach einem starken Anführer der unterdrückten Massen? Mit Lenin war noch alles gut und in Bewegung, Trotzki war auch o. k., aber dann kommt dieser georgische Gauner Dschughaschwili und macht die gute und gerechte Sache kaputt? So ganz auf die Sterbestunden Lenins beschränkt, fehlt das Systemische, der monströse Sowjetapparat. Das Mindeste, was über Milo Raus Theatergruft zu sagen ist: Vorsicht, Kitsch! Ein Sowjetfilm hätte diesen Personenkult nicht besser hinbekommen."

In der Berliner Zeitung mühte sich Ulrich Seidler wach zu bleiben: "Was der Tragödie folgte, war ihre Fortsetzung als mörderische Farce mit Stalin am Ruder des Terrors und der Bürokratie. In der Schaubühne wird dieser Moment nun in einem zugleich konstruierten, ikonografischen und hypernaturalistischen Reenactment herausgezögert, als gelte es, in einem hypnotischen Exerzitium irgendwelche längst vergessenen Ideale auszutreiben oder ihren Verlust zu sühnen. Womit hat das wohlanständige, bürgerliche, von der Geschichte weitgehend verschonte Theaterpublikum solche Strafmaßnahmen verdient?"

"Jetzt ist er vollständig tot, erstickt von Langeweile", seufzt Mark Siemons in der FAZ. In der nachtkritik ist Esther Slevogt freundlicher, aber auch ratlos.

Der russische Regisseur Kirill Serebrennikow darf nicht zur Stuttgarter Premiere seiner Inszenierung der Oper "Hänsel und Gretel", für die er in Ruanda gedreht hat, kommen, berichtet Benno Stieber in der taz. Die Dramaturgin Anne-Christin Mecke, Intendant Jossi Wieler und Chefdramaturg Sergio Morabito, "haben sich dafür entschieden, aus dem Film und den Entwürfen von Serebrennikow eine Inszenierung zu machen, die sein Fehlen nicht verdeckt, sondern offenlegen soll. Die Inszenierung verzichtet jetzt auf Kostüme und Bühnenbild, die der russische Regisseur für diesen Abend ursprünglich vorgesehen hatte. Die Lücke soll deutlich sichtbar sein, die das rigorose Vorgehen des russischen Staats hinterlassen hat. 'Es wird versucht, alles, was Serebrennikow ausmacht, auszulöschen. Das ist tiefes Unrecht', sagt Wieler. 'Es muss an diesem Abend um Politik gehen, nicht um die Art, wie wir auf der Bühne damit umgehen.'"

Besprochen werden außerdem Jonathan Meeses Inszenierung von Bernhard Langs Oper "Mondparsifal" im Haus der Berliner Festspiele (neue musikzeitung), Amélie Niermeyers Inszenierung von Branden Jacobs-Jenkins Drama "Gloria" am Münchner Residenztheater (nachtkritik), "Feminista, Baby!", ein Stück nach dem SCUM Manifesto von Valerie Solanas, das Tom Kühnel und Jürgen Kuttner am Deutschen Theater inszeniert haben (nachtkritik), Moritz Eggerts "La Bettleropera" in der Neuköllner Oper (Tagesspiegel, taz) und Franz Lehárs Operette "Die lustige Witwe" im renovierten Gärtnerplatztheater (Reinhard J.Brembeck langweilt sich in der SZ gründlich mit der "Schenkelklatschkomik" und harmlosen Biederkeit der Inszenierung)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.10.2017 - Bühne

In Warschau bringt der Dirigent Michail Jurowski gerade - zusammen mit dem "bestens präparierten" Orchester Sinfonia Juventus - die erste Gesamtaufführung der Oper "Moses" von Anton Rubinstein auf die Bühne, berichtet Michael Ernst in der neuen musikzeitung. "Rubinsteins Komposition ist von einem gläubig überzeugten Gigantismus geprägt, reflektiert reichlich Romantik und wagt pompöse Aufbrüche in die frühe Moderne. ... Für szenische Umsetzungen dürfte er höchst herausfordernd sein, sich dieses Opus' einmal anzunehmen. Aber auch die konzertante Warschauer Aufführung ist hörbar ein Kraftakt gewesen. Just im Polen von heute ist dieser 'Moses' - neben seiner künstlerischen Potenz - auch inhaltlich ein kulturell werthaltiges Bekenntnis. Ein Ereignis von europäischem Rang." Und das ist nicht mal das einzige "Jahrhundertereignis" auf Warschauer Bühnen, so Ernst heute in der FAZ: Hundert Jahre nach ihrer deutschsprachigen Uraufführung in Breslau hat Grzegorz Nowak am Teatr Wielki die Oper "Eros und Psyche" von Ludomir Różycki herausgebracht.

Im Interview mit der NZZ erzählt der griechische Theatermacher Prodromos Tsinikoris, wie die Theater in Griechenland einfach weitermachen, Geld oder nicht: "Wenn man in einer der vier subventionierten Athener Bühnen arbeitet, wird man bezahlt, sogar rechtzeitig. Dann gibt es einen kleinen Teil der Produktionen, hinter denen ein reicher Produzent steht. Vielleicht 90 Prozent der Stücke werden selber produziert, und am Ende des Abends teilt man sich die Einnahmen. Wenn es 100 Euro sind, gehen 50 Euro an die Spielstätte - und mit dem Rest geht man zusammen ein Bier trinken. ... Wir leben weiter - das ist unser Widerstand. Und obwohl das Land ökonomisch am Boden liegt, hat unser Alltag eine hohe soziale Qualität. . . aber vielleicht sage ich das auch, weil ich verliebt bin."  

Besprochen werden Nurkan Erpulats Adaption von Ágota Kristófs Bürgerkriegsroman "Das große Heft" fürs Maxim-Gorki-Theater in Berlin (taz, nachtkritik) und Barrie Koskys Inszenierung von "Pelléas" an der Komischen Oper in Berlin (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.10.2017 - Bühne

Kunst, Aktivismus, Engagement - wer kann das trennen? Milo Rau jedenfalls nicht, bekennt der Regisseur selbst in einem langen Interview mit der Berliner Zeitung, auch wenn Kunst keine Realpolitik machen kann: "Aber es gibt ein Vorleben des Geistes, das uns hilft, durch die Imagination irgendwann neue Dinge tatsächlich zu realisieren. Insofern bin ich eher Hegelianer als Marxist. Der Schritt aus dem Imaginären hinaus in die konkrete Praxis ist für mich immer sehr zentral gewesen. Das heißt, wir können Neues schaffen, müssen nicht nur auf das Alte reagieren."

Besprochen werden Robert Carsens Inszenierung von Alban Bergs Oper "Wozzeck" am Theater an der Wien (Standard, neue musikzeitung, FAZ) und Sibylle Bergs "Viel gut essen" im Wiener Rabenhof (Presse, Standard).
Stichwörter: Milo Rau

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.10.2017 - Bühne

Frauen im Theater verdienen ein Drittel weniger und besetzen kaum Spitzenpostionen, sind dafür aber echt stark bei schlechtbezahlten Zuarbeiterjobs. Bei den Souffleusen stellen sie 80 Prozent. Im Interview mit der Nachtkritik sprechen die Regisseurinnen France-Elena Damian und Angelika Zacek über ihre gestern lancierte Initiative "Pro Quote Bühne": France-Elena Damian: "Es braucht die Quote, weil in den letzten 20 Jahren nichts passiert ist. Die Zahlen zeigen es. Nur 22 Prozent der Intendanzen sind weiblich besetzt, Inszenierungen werden zu 70 Prozent von Männern gemacht, während Frauen auf die kleinen Bühnen abonniert sind, aufs Kinder- und Jugendtheater. Was Führungspositionen angeht, sind sie völlig unterrepräsentiert." Und Angelika Zacek sagt: "Die 'gläserne Decke', an die viele von uns früher oder später stoßen, lässt sich ja schwer greifen. Aber jetzt liegen Fakten auf dem Tisch: Ende letzten Jahres kam die von Monika Grütters in Auftrag gegebene Studie 'Frauen in Kultur und Medien' heraus, die die Entwicklung von 1994 bis 2014 untersucht."

In der Berliner Zeitung sieht Petra Kohse einen guten Zeitpunkt für die Initiave: "Ein Blick in die Praxis anderer Theaternationen zeigt, dass Theaterarbeit durchaus nicht nur etwas für kinderlose Workoholics ist. Wenn ausgerechnet unser differenziertes Ensembleprinzip und unser Fördersystem für freies Theater den Modernisierungssprung nicht schaffen sollte, kann es eigentlich nur am mangelnden Willen liegen." Im Tagesspiegel berichtet Anne Sophie Schmidt.


Renzo Pianos Kulturzentrum in Athen. Foto: RPBW

Mit Richard Strauss' Oper Elektra" wurde am Wochenende endlich das spektakuläre Kulturzentrum eröffnet, das die Stavros-Niarchos-Stiftung von Renzo Piano in Athen hat bauen lassen. In der NZZ freut sich Michael Stallnecht, dass Griechenlands Nationaloper wieder auf die Beine kommt: "Renzo Piano hat ein Repräsentationsgebäude entworfen, wie es momentan nur sehr selten gewagt wird: bombastisch in den Ausmaßen, mit nicht geringem Pathosfaktor. Auf dem Platz zwischen Oper und Bibliothek, den der Architekt in Anlehnung an die antiken Marktplätze als Agora bezeichnet, fühlt man sich durchaus klein zwischen den fast dreißig Meter hohen Glaswänden. Doch die Fassaden wirken durchlässig und offen, die Säulen sind von schlanker Leichtigkeit, in der strengen Konzeption finden immer wieder verspielte Brechungen ihren Platz."

In der FAZ lobt Josef Oehrlein, wie der einfühlsame Dirigent Vassilis Christopoulos die bisher vor allem an das italienische Repertoire gewöhnten Musiker mit Strauss zu Höchstleistungen anspornte: Und es gab noch eine Überraschung. Agnes Baltsa, die große, auf allen Bühnen der Welt gefeierte griechische Diva, hatte im stolzen Alter von 73 Jahren ihre Auftrittspremiere in der Griechischen Nationaloper. Baltsas Stimme hat einiges von ihrer einstigen Farbenpracht verloren, der schrille, keifende Dauerton passte zwar zur Rolle der brutalen Gattenmörderin Klytämnestra, strengte aber auf Dauer auch etwas an. Mit ihrer immer noch imponierenden Präsenz verlieh Baltsa der Figur indes Kraft und kantige Kontur."

Besprochen wird das Festival "Theater der Dinge" in der Berliner Schaubude (Tagesspiegel) und Peter M. Preisslers "Fleischbank" im Wiener Theater zum Fürchten (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.10.2017 - Bühne


Jonathan McGovern und Nadja Mchantaf  in "Pelléas et Melisande" an der Komischen Oper. Foto: Monika Rittershaus

Streng minimalistisch nennt Martin Wilkening Barrie Koskys Inszenierung von Debussys "Pelléas et Melisande" an der Komischen Oper in Berlin: "Die Figuren haben keine eigentlichen Auf- und Abtritte, sondern werden auf ihren unterschiedlichen Bahnen von der in drei Ringe geteilten Drehbühne bewegt, in einem Raum, den Kosky selbst als 'Uhrwerk des Schicksals' bezeichnet. Der Wald, in dem Golaud sich verirrt, das ist hier Mélisande selbst, wie das Schattenspiel ihrer Hände zeichenhaft andeutet, in einer Geste, die Kosky mehrfach an entscheidenden Stellen wiederkehren lässt. Und der Brunnen, in dem Mélisande Golauds Ring verliert, als sie Pelléas begegnet, das ist ihr eigener Schlund, beim Spielen verschluckt sie ihn aus Versehen. Auf den Ringen der Drehbühne hat jede der Figuren ihre eigene Umlaufbahn." Clemens Haustein ist in der FAZ allerdings nicht ganz zufrieden mit dem Orchester: "Die Musik will nicht atmen."

Weiteres: In der taz berichtet Iwona Uberman, wie die polnische Regierung den renommierten Intendanten Jan Klata abgesetzt hat, der bisher sehr erfolgreich das Stary Teatr in Krakau führte. An seine Stelle rückt der Kulturjournalist Marek Mikos. In der Berliner Zeitung meldet Ulrich Seidler, dass die geräumter Besetzer der Volksbühne jetzt Geld sammeln, um eine kleine Delegation zum Wirtschaftsgipfel der SZ in Hotel Adlon zu schicken, an dem auch Chris Dercon teilnehmen wird. Panel 8 zum Thema: "Anders führen − was können Manager von Führungskräften aus anderen Bereichen lernen". Mit der "Götterdämmerung" in Karlsruhe hat Regisseur Tobias Kratzer bleibenden Eindruck bei SZ-Kritiker Helmut Mauró hinterlassen: "Es geht ihm weniger um großspurige Einfälle und Deutungen als um eine wie organisch sich entwickelnde Detailsprache, gestische Logik, menschliche Körper- und Gemütsbewegung. Er wird 2019, zusammen mit seinem Bühnenbildner Rainer Sellmaier, die Neuproduktion des 'Tannhäuser' in Bayreuth übernehmen."

Besprochen werden Jonathan Meeses "Mondparsifal" in einer Beta-Version im Haus der Berliner Festspiele (sehr spaßig, aber absolut harmlos, meint Frederik Hanssen im Tagesspiegel, Nachtkritik), Robert Carsens Inszenierung von Alban Bergs Oper "Wozzeck" am Theater an der Wien (Standard), Verdis "Die Räuber" an der Volksoper Wien (Standard), Verdis "Don Carlos" in der französischen Originalversion in paris (NZZ), Stephan Kimmigs "Faust" am Schauspiel Stuttgart, der Goethe mit Elfriede Jelineks feministischem Stück "Faustin and out" montiert (SZ) und Pinar Karabuluts "Romeo und Julia" in Köln (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.10.2017 - Bühne



Eva Gozales: Loge im italienischen Theater, 1874. Musée d'Orsay.

Die Ausstellung "Opera: Passion, Power and Politics" im Londoner Victoria and Albert Museum zeigt sehr schön, freut sich Manuel Brug in der Welt, wie mit der Oper aus populärer Unterhaltung ein Repräsentationsobjekt der Reichen und Mächtigen wurde, aber auch rauschhafte Droge, sozialer Kitt und "Amalgam abendländischer Kulturgeschichte": "Überall spürt man, dass diese souverän erzählte alte Geschichte von Invention, Unterhaltung und vokaler, instrumentaler wie visueller Kunstfertigkeit natürlich auch mit dem unmittelbaren Jetzt zu tun hat. Weil im gegenwärtigen Russland ein Künstler wie der Opern-, Theater- und Filmregisseur Kirill Serebrennikow den gleichen grausamen Repressalien ausgesetzt ist wie seine Ahnen. Und weil, so formuliert es der künstlerische Berater und Opernregisseur Robert Carsen, gerade die Oper eine Anti-Brexit-Kunst ist, die Schöpfer und Mitwirkende aus vielen Ländern Europas vereinte und vereint." Tagesspiegel-Kritiker Rüdiger Schaper genießt "Gehalt und Gewalt und Leidenschaft". Und auch in der FAZ lobt Gina Thomas den frischen Blick auf die Gattung.


Kristin Steffen und Thomas Brandt in "Romeo und Julia" am Schauspiel Köln. Foto: Krafft Angerer

Exzeptionell findet Martin Krumbholz in der Nachtkritik, mit welch "zartem Enthusisasmus" das Schauspiel Köln Shakespeares "Romeo und Julia auf die Bühne bringt: "'Romeo und Julia'" handelt ein bisschen von der Liebe, vor allem aber vom Tod, und es ist erstaunlich, mit welcher Konsequenz die junge Regisseurin Pinar Karabulut das Thema angeht, ohne Schnörkel, anscheinend auch ohne Erschrecken vor der Eiseskälte einer Welt, in der die Hitze dieser Leidenschaft erstarrt wie ein Stückchen Blei in einer Wasserschüssel."

Besprochen werden Sabine Boss' Theaterfassung des Kinofilms "Der Verdingbub" am Theater Bern (NZZ), Christian Spucks Choreografie "Nussknacker und Mausekönig" am Opernhaus Zürich (NZZ), das Stück "Pursuit of Happiness" der Tanztruppe En-Knap und dem Nature Theater of Oklahoma beim Steirischen Herbst (Standard) und Markus Poschners Inszeneirung von Richard Strauss' "Frau ohne Schatten" in Linz (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.10.2017 - Bühne

Bild: Szene aus Mittelreich. Judith Buss.

In der Nachkritik hat sich Sabine Leucht Anta Helena Reckes ganz auf schwarze Beteiligte setzende Kopie von Anna-Sophie Mahlers Musiktheaterinszenierung von Josef Bierbichlers Roman "Mittelreich" an den Münchner Kammerspielen angesehen. Die Kopie ist beeindruckend, findet sie, aber den von Recke thematisierten "weißen Blick" kann Leucht nicht entdecken: "Macht man also irgendetwas falsch, wenn man in 'Mittelreich' keine 'schwarzen Körper', sondern einfach Menschen sieht? Man spürt sie zwar, die Stellen, an denen man zusammenzucken sollte. (...) Selbst wenn man da wirklich einmal zusammenzuckt, öffnet sich auf Dauer keine 'andere Ebene darunter' zu Sklaverei, Kolonisation und rassistischen Gräueltaten."

Das Ensemble ist großartig, findet Bernd Noack in der NZZ. Die erwünschte Provokation will sich aber auch bei ihm nicht einstellen: "Das zweite 'Mittelreich' bleibt eine gedanklich überanstrengte Spielerei mit nicht einleuchtendem Rollentausch - demnächst ausschließlich mit Syrern oder auch Rollstuhlfahrern? -, deren kulturpolitischer Anspruch und Protest als aufgepfropft engagierte Behauptung über der bekannten Szene schwebt und tatsächlich zum eher zweifelhaften Vergleich zwischen der weißen und schwarzen Truppe herausfordert."
 
Nachtkritiker Falk Richter hat sich in dem von dem Theaterkollektiv God's Entertainment nach Ivo Andrics Roman "Wesire und Konsuln" gebauten bosnischen Dorf "Convakatary Konak" beim Spielzeiteröffnungsfestival "Openhaus - Strategien für eine migrantpolitische Gesellschaft" auf Kampnagel umgesehen. Die Dringlichkeit mag fehlen, aber immerhin lernt Richter hier, dass "die Beschreibung des Balkans als dunkler Hinterhof Europas" je nach Perspektive woanders verortet wird: "Für Slowenien beginnt der Balkan hinter der kroatischen Grenze, für Deutschland in den südöstlichen Vierteln Wiens, für Frankreich in Deutschland und fürs Brexit-Großbritannien im undurchschaubaren, zerstrittenen Rest-Europa. Der Balkan, das sind die anderen, die Gewalttätigen, die Sänger und Säufer, vor denen man Angst hat: Inhaltlich ist das eine durchaus scharfe Schlussfolgerung, die das mythisch raunende Balkanbild Mitteleuropas als Projektion kenntlich macht, eine Schlussfolgerung, auf der sich aufbauen ließe, wenn sich das Stück nicht in der Folge wieder im Angerissenen, Ungefähren verlieren würde."

In Dresden und Nürnberg haben sich mit Lydia Steier und Calixto Bieito gleich zwei Größen des Regietheaters an Hector Berlioz' Oper "Die Trojaner" versucht, berichtet FAZ-Kritiker Heinrich Kohrs. Glücklicherweise gab es noch die "überwältigende" Musik, seufzt Kohrs, der vor allem mit Bieitos "enigmatischen Bizarrerien" nichts anfangen kann: "Bieito hat offensichtlich von Anfang an mit der extrem gekürzten Partitur gearbeitet. Und hier hat ihn dann der Instinkt doch eine Lücke spüren lassen, die er mit der dürftigen Rezitation eines Gedichts von Michel Houellebecq füllt. 'Isolement', Verlassenheit, ist dessen Thema, das doch mit der Romanze des Hylas so ungleich eindringlicher zu haben gewesen wäre. Oder wollte Nürnberg einen Sänger einsparen?"

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.10.2017 - Bühne

Nachtkritikerin Dorothea Marcus hat gern die vom "International Georgian Theatre Festival" gesponserte Einladung für Journalisten angenommen, um sich in der georgischen Theaterszene umzusehen. Der Aufbruch gen Westen ist spürbar, die Sowjetrealitäten allerdings auch noch und die Arbeitsbedingungen der Schauspieler sind prekär, erzählt Marcus, der es vor allem das von Mikhael Charkviani und David Khorbaladze inszenierte Stück "Dead Cities" angetan hat: Hier "sitzen die Zuschauer um fünf schwarz gekleidete Darsteller auf der Bühne, in der Mitte ein Gewirr aus Neonröhren. Vom SS-Massaker in Oradour-sur-Glane oder von Tschernobyl wird erzählt, doch dann geht es in apokalyptischen Bildern um Poti am Schwarzen Meer, wo nachts verwaiste Kampfhunde die Menschen bedrohen, kein Nahverkehr geht, der Strand und die alten Gebäude verfallen.'Warum sagt man uns ständig, dass alles gut wird? Warum tun die Reichen nichts, um der Stadt zu helfen? Warum gibt es so viele Hunde und so wenig für die Menschen?' Und mittendrin reißt die Drehbühne den Zuschauern den Boden unter den Füßen weg: Ein starkes Bild für den kapitalistischen Ausverkauf des Gemeinwesens, der, so Charkviani, in Georgien bedrohliche Ausmaße angenommen hat."

Bild: Szene aus "Don Carlos". Agathe Poupeney.

Warum Krysztof Warlikowskis Inszenierung von Verdis französischer Version des "Don Carlos" an der Pariser Oper vom Publikum mit Buhrufen quittiert wurde, kann Clemens Haustein in der FAZ nicht ganz nachvollziehen. Egal, denn  unter der musikalischen Leitung von Philippe Jordan stimmt einfach alles, schwärmt Haustein: "Sonya Yoncheva ist eine Elisabeth, deren zartes stimmliches Klirren von Zerbrechlichkeit ebenso erzählt wie von unterdrückten Rachegefühlen. Jonas Kaufmann als Don Carlos unterliegt bei Philippe Jordan einem strikten Schluchzverbot, seine Partie singt er mit warm tönender Eleganz, doch ohne jene emotionale Aufladung, die man gemeinhin mit dem Bild vom italienischen Tenor in Verbindung bringt."

Weiteres: Der "Tortur", die Sergej Prokofjew in seiner Oper "Der Spieler" den Sängern auferlegt hat, wird Dirigentin Simone Young in Wien leider nicht Herr, meint Helmut Mauro in der SZ: "Ein Dirigent, eine Dirigentin, ist ja nicht nur Partiturerklärer, sondern auch Tonhandwerker, im besten Fall: Klangzauberer. Das ist Simone Young leider nicht." Für die NZZ hat sich Daniele Muscionico mit dem Kabarettisten Andreas Thiel unterhalten.

Besprochen werden das von dem Performerkollektiv Interrobang inszenierte Stück "Emocracy" in den Berliner Sophiensälen (nachtkritik) und Pede Rieras Drama "unter Verschluss am Landestheater Vorarlberg (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.10.2017 - Bühne

Bild: Szene aus L'Invisible. Bernd Uhlig.

Am Wochenende wurde in der Deutschen Oper Aribert Reimanns neue Oper "L'Invisible" uraufgeführt, die - basierend auf drei kurzen Dramen des belgischen Symbolisten Maurice Maeterlinck - den Tod eines Kindes zum Thema hat. In der Zeit ist Volker Hagedorn tief beeindruckt: "Aus der magischen Intimität der Maeterlinckschen Texte wird nicht zuletzt eine Anklage des Verschweigens, des Zögerns und ängstlichen Abwartens. 'Es ist vielleicht Zeit, sich zu wehren', sagt hilflos ein Verbündeter des Jungen. Auch jenes verheerende 'vielleicht' stellt Reimann in seiner Partitur zur Rede, und zwar nicht, indem er es verurteilt, sondern indem er es so genau wie nur irgend möglich zu fassen versucht. Und plötzlich hat dieses Gelähmtsein etwas ziemlich Aktuelles. Dies alles geht einem lange nach." In der NZZ erliegt Eleonore Büning der "suggestiven Kraft der reimannschen Musik".




Bild: Lovis Dengler. Rundfunk-Chor Berlin

Ratlos kehrt FAZ-Kritiker Clemens Haustein von Robert Wilsons "gruftschwarzem" Stück "Luther dancing with the gods" zurück, das sich jenseits "alberner" Mittelalter-Klischees aufreizend wenig für die Person des Reformators interessiere: "Wie sich der bleiche Luther über die ovale Bühne in der Mitte des Saales schleppt - finster ist es immer noch und immerdar - im weißen Totenhemd und von den 'Kindlein' spricht, erinnert er bei Wilson jedoch an einen alt gewordenen Kinderschänder. Bald liegt er offenen Mundes auf der Bahre, eine Design-Fackel brennt zu seinen Häupten, wir haben nicht mehr erfahren, als was jeder Abiturient über den Reformator weiß."

Heute hat Anta Helena Reckes Inszenierung von Josef Bierbichlers Roman "Mittelreich" an den Münchner Kammerspielen Premiere. Recke kopiert Anna-Sophie Mahlers Inszenierung, mit dem Unterschied, dass sie ausnahmslos schwarze Schauspieler und Musiker besetzt hat. Im Freitag-Gespräch mit Matthias Dell erklärt sie warum: "Wie kann ich im Theater die durchschlagende Desillusionierung erfahrbar machen, die man hat, wenn man zum ersten Mal versteht, dass man weiß ist? Wie kann ich etwas sichtbar machen, das so unsichtbar ist wie Whiteness? Wenn Du das, was ist, zeigen willst, musst Du es noch mal herstellen, aber dabei eine Sache verändern: die Abweichung in der Wiederholung. Damit man die Sache selbst sehen kann."

Weiteres: Für die taz berichtet Esther Slevogt vom Berliner ID-Festival, das die Zusammenarbeit zwischen Künstlern und Institutionen aus Israel und Deutschland fördern will. Besprochen werden der vierte und letzte Band der von Florian Malzacher herausgegebenen Reihe "Performing Urgency" mit dem Titel "Empty Stages, Crowded Flats. Performativity as Curatorial Strategy" (nachtkritik), Peter Kastenmüllers Inszenierung von Bulgagkows "Meister und Margarita" am Zürcher Theater Neumarkt (NZZ), Krzysztof Warlikowskis Inszenierung der Erstfassung von Giuseppe Verdis "Don Carlos" an der Pariser Oper mit Jonas Kaufmann in der Titelrolle und Elina Garanca als Eboli (SZ)
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