Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Dezember 2019

Zustand eines randvollen Weltinneseins

14.12.2019. Im Freitag verteidigt die dänische Schriftstellerin Madame Nielsen Peter Handke als einzigen Anwalt der Serben. Die NZZ kämpft sich mit gerümpfter Nase durch den Dschungel von Sexszenen in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Die SZ gibt den orientalischen Fantasien des British Museums hin. Der Guardian erinnert sich mit Theaster Gates in der Tate Liverpool an die vertriebenen Bewohner von Malaga Island. Der Standard cruist mit Edward Norton durch Jonathan Lethems "Motherless Brooklyn". Und die Berliner Zeitung lässt sich begeistert von Lucia Bihlers Aliens am Hundehalsband durch die Volksbühne führen.

Aus den Paradiesvogeltagen der Brautwerbung

13.12.2019. Hyperallergic stellt eine Pionierin der modernen Malerei der sechziger und siebziger Jahre vor: Mary Corse. Stefan Puchers "legende" an der Berliner Volksbühne bedient für die SZ nur ein paar Westberliner Revolutionssehnsüchte. Die FAZ bestaunt in Lyon Kopfbedeckungen aus Menschenhaar. Im Filmdienst fragt Lars Henrik Gass von den Oberhausener Kurzfilmtagen was eigentlich die Filmbewertungsstelle und die Murnau-Stiftung noch für die Öffentlichkeit tun, die sie finanziert. Die SZ empfiehlt italienische Schriftstellerinnen.

Das Wirkliche ins Unwirkliche

12.12.2019. Die Literaturkritiker berichten von den Reaktionen auf die Verleihung des Nobelpreises an Peter Handke oder über das Wetter in Stockholm. Die Kunstmesse art berlin wird eingestellt, meldet der Tagesspiegel, der Senat hat kein Interesse. In der SZ fordert das anonyme Berliner Kollektiv "Soup du Jour": Schluss mit der Überrepräsentation von privilegierten, weißen Männern bei der Gallery Weekend Berlin. Die taz feiert den Witz und das Timing des Filmemachers Quentin Dupieux. Die Zeit fragt sich, ob Maschinen mit ihren losgelassenen Algorithmen nicht inzwischen die interessanteren Künstler sind.

Unerbittlich knüppelt der Pauker

11.12.2019. Die NZZ klopft die morscher werdenden Machtstrukturen in deutschen Theaterkathedralen ab.  Die SZ erlebt mit Oskar Schlemmer in Wuppertal den Menschen als geometrischen Teil einer höheren Raumordnung. Standard und Tagesspiegel berichten von Protesten gegen Peter Handke in Stockholm. Die FAZ feiert eine André-Masson-Schau in den Chemnitzer Kunstsammlungen. Der Standard freut sich über die Wiederbelebung der Flying Luttenbachers. Und dem Guardian wird es mit Banksy in Birmingham schon ganz weihnachtlich.Und Handke zum letzten.

'Fertig!', rufen sie.

10.12.2019. An der Wiener Staatsoper hatte Olga Neuwirths Oper "Orlando" Premiere. Absolut berückend finden Standard und SZ, wie Neuwirth Epochen und Geschlechter musikalisch verschwimmen lässt. In der New York Times erzählt die Modemacherin Rei Kawakubo, wie sie den Entwurf der Opernkostüme Synergie und Zufall überließ. Monopol fragt sich, wie eine neue Kundenfreundlichkeit in der Kunst aussehen könnte. In der taz verbeugt sich die Schriftstellerin Dorota Danielewicz vor Olga Tokarczuk, in der SZ beobachtet Paul Lendvai die Bestürzung liberaler Serben über Peter Handkes.

Figuren, Ichs und Wesenheiten

09.12.2019. Olga Tokarczuk und Peter Handke haben ihre Nobelpreisreden gehalten. Die SZ feiert Tokarczuks  konkretisierende Poesie. Die NZZ begreift Tokarczuks Rede auch als Statement gegen die "verblasene Gegenwartslosigkeit" Handkes, dessen Selbstergriffenheit auch FR und FAZ unangenehm berührte. Außerdem tummelten sich die Opernkritiker in Mailand, wo die Scala mit großem Pomp ihre Saison eröffnete. Die taz porträtiert die Regisseurin Leonie Böhm. Die FAZ trifft den Free-Jazz-Pionier Joe McPhee.

Für mich ist es Brudermord

07.12.2019. In der SZ bereitet uns Olga Neuwirth auf ihr Opus summum vor: ihre Oper "Orlando", die morgen in Wien Premiere hat. Die Dresdner Juwelen sind noch weg, aber der Kunstraub von Gotha hat einen Abschluss gefunden: nach 40 Jahren sind die fünf gestohlenen Gemälde wieder aufgetaucht, berichtet der Dlf. Im Interview mit dem Filmdienst erklärt Regisseur Dominik Graf, warum sein neuer Ermittler im Polizeiruf 110 eine Frau ist. Und Handke.

Alleine zum Apfel

06.12.2019. Kurz vor der Verleihung des Literaturnobelpreises an Peter Handke kocht die Diskussion noch einmal hoch: Im Tagesspiegel erinnert der Historiker Ludwig Steindorff Handke daran, dass gerade Milošević der Totengräber des Vielvölkerstaats war. In der SZ sekundiert die Historiker Marie-Janine Calic. Die NZZ wundert sich über die eigenartige links-rechte Konstellation, die Handke bis heute verteidigt. Die NZZ stellt die mexikanische Architektin Tatiana Bilbao vor. Die SZ erliegt der Schönheit und Wollust von Baldung Griens Hexen. Der Tagesspiegel empfiehlt wärmstens eine Berliner Retrospektive mit Werken von Kenji Mizoguchi.

Spritz Me with Your Love

05.12.2019. Die Filmkritiker von Artechock, Welt und FR liegen Woody Allen zu Füßen und versichern: Elle Fanning ist so wenig ein dummes Blondchen wie Marilyn Monroe. In Monopol erklärt die Künstlerin Heba Y. Amin, warum sie ein pyramidenförmigen Denkmal für den Nazi-Piloten Hans-Joachim Marseille in der ägyptischen Wüste für ihre Ausstellung in Solingen nachgebaut hat. Die Münchner Abendzeitung fragt, warum die Handke-Debatte fast nur im Internet stattfindet. Die Zeit treibt mit Stefanie Schranks neuem Musikalbum durchs All.

Jenes dialektische Licht

04.12.2019. Wie diskrimierend ist die Avantgarde?, fragt die NZZ. Macht die Aufhebung von Unterschieden in der Kunst nur gute Laune oder auch Sinn?, fragt die Welt. Warum um Kunstpreise wetteifern?, fragt der Guardian und freut sich über gleich vier Turner-Preisträger. Die FR lauscht verzückt der Nagelgeige in Georg Caspar Schürmanns "Getreuer Alceste". Außerdem feiern die Feuilletons den allseits verehrten Jeff Bridges, der das scheinbare Nichtstun zur Kunstform erhob.

Das Zauberwort heißt: Kombiniere!

03.12.2019. Dem David Lynch der Renaissance begegnet die FAZ in der großen Hans-Baldung-Auisstellung in Karlsruhe.  Die FR feiert Gabriel Faurés Oper "Pénélopé" in der feinnsinnigen Inszenierung von Corinna Tetzel und Dirigentin Joana Mallwitz in Frankfurt. Der Tagesspiegel sucht im neuen Woody-Allen-Film vergeblich junge Frauen, die keine älteren Männer anhimmeln.  Und in der Kontroverse um Peter Handke distanzieren sich die ersten Berater von der Schwedischen Akademie.

Der kämpferische Einsatz seiner Kräfte

02.12.2019. Mariss Jansons ist tot. Die Feuilletons trauern um den "aufrichtigsten, integersten und empathischsten" Dirigenten der Welt. In der Londoner Ausstellung "Eco-Visionaries" fragt der Guardian: Wo bleibt die Wut?  Der Tagesspiegel erkennt auf den Grundsatz: Im Zweifel gegen Handkes Zweifel. Und die SZ verfolgt in Mannheim mit bitterem Vergnügen wie Leonie Thies  Herrn R. Amok laufen lässt.