Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

August, 2016

Nicht mehr kontrollierbare Synapsenabstürze

31.08.2016. Die taz bewundert in einer Leipziger Schau die organische Moderne des finnischen Designers Tapio Wirkkala. Außerdem erkundet sie mit Thomas Melles die Welt des Wahns. Die FR setzt noch einmal auf die Postmoderne, um die Städte vor der Immobilienwirtschaft zu retten. Die NZZ blickt in die traurigen Augen des Hans Jakob Oeri. Und ZeitOnline sehnt sich im Kino nach einem schönen französischen Wutausbruch.

Am liebsten schütteln oder ohrfeigen

30.08.2016. Die taz schärft auf dem Berliner Atonal-Festival ihre Sinne. In der FAZ erzählt der Dirigent John Wilson, wie er Sekunde für Sekunde die alten MGM-Musicals rekonstruiert.  Die SZ vertieft sich in die Lyrik, Mystik und Logik des Ramon Llull. Außerdem plädiert sie gegen eine schweigende Indifferenz im Konzertsaal. Guardian und Variety bringen erste Nachrufe auf Gene Wilder.

Das feine Schweigen

29.08.2016. Die NZZ sehnt sich in Zeiten von rosa Kaninchen auf großen Bühnen nach der Magie der wahren Primadonnen. Die Zeit findet mit Mirga Gražinytė-Tyla den nächsten Star am DirigentInnenfirmament. Die FAZ vermisst bei einem Schubert-Konzert, bei dem Ian Bostridge beleidigt wurde, Zivilcourage im Publikum. Die FAS sieht schwarz für Hollywoods Blockbuster. Die Künstler haben die Macht im Museum übernommen, meldet die SZ nach einem Besuch im Museum Ludwig. Publishers Weekly plaudert mit dem Comicautor Alan Moore über Sterblichkeit und Ewigkeit.

Mollig warme Mitmenschlichkeit

27.08.2016. FAZ und WELT kommen beim Besuch der Jubiläumsausstellung im Museum Ludwig zu unterschiedlichen Ergebnissen: Trostlos oder gut gelaunte Kulturdebatten? Die NZZ ergründet unser Serien-Suchtverhalten. Zeit online und SZ hören das neue Beginner-Album und finden unendliche Arglosigkeit. Die Berliner Zeitung tanzt beim Atonal-Festival lieber mit muffigen Typen zu Drillbohrergeräuschen. Die FAZ erinnert an Friedrich Wilhelm Mader als deutschen Jules Vernes. In der Welt spricht der Schriftsteller Thomas Melle über Leben und Schreiben zwischen Manie und Depression.

Das wird es so nicht mehr geben

26.08.2016. Toni Erdmann geht ins Rennen um die Oscars! artechock schaut unter die undeutsche Oberfläche des Films. Die taz schaut zurück auf die Ära Castorf an der Berliner Volksbühne. SZ und FAZ feiern 200 Jahre "Italienische Reise". Die Welt erklärt Außerirdischen die Seele der Deutschen in der Nationalhymne. Im art-magazin begegnet Jerry Saltz dem "Sterbenden Gallier". Und das Zeitmagazin trauert um Sonia Rykiel.

Fußgänger der Lüfte

25.08.2016. Zeit-online sehnt sich zurück in eine Zeit, als Künstler noch gepflegt scheitern durften. Außerdem fragt sie, ob man Filme von mutmaßlichen Vergewaltigern schauen darf. Im art-magazin sucht Wolfgang Ullrich postironisch-spirituelle Atmosphäre auf der Berlin-Biennale und findet einen Kater. Die FAZ schaut sich verzückt das vierte Buch der Brüder Limburg in Nimwegen an. Die taz staunt, wie politisch Hai-Horror-Filme sein können. Die Zeit reist mit Stefanie Sargnagel nach Bayreuth und schaut zur Beruhigung Hitler-Dokus. Und die NZZ erinnert an Michel Butor.

Der Knoten ist geplatzt

24.08.2016. Die Longlist für den Deutschen Buchpreis hat die Kritiker nicht gerade vom Hocker gerissen. Viel Midlife-Crisis, wenig Komik und Literaturlust, konstatiert die taz. Auf LitHub erzählt Swetlana Alexijewitsch, wie sie zur Zuhörerin wurde. Die SZ räkelt sie sich in Palm Springs in der legeren Offenheit von William Codys Bungalows. FAZ und NZZ beobachten in Luzern, wie locker und souverän Frauen eine der letzen Männerbastionen schleifen. Der Guardian meint: Zerstörung von Kunst ist kein Kriegsverbrechen.

Alle haben Schuld

23.08.2016. Auf Medienkorrespondenz beschreibt Dietrich Leder, wie der deutsche Fernsehfilm im Stau des  mittleren Realismus steckengeblieben ist. Die SZ lauscht in Innsbruck betört Pietro Antonio Cestis Barockoper "Le nozze in sogno". Die FAZ verirrt sich in der anachronistischen Ästhetik von Baz Luhrmanns HipHop-Serie "The Get Down". Die New York Times geht mit den Inc'oyables zum Pariser Opferball. Und die Berliner Zeitung besucht in Berlin den Zahnarzt Dr. Bowie.

Im konkreten Raum der Gabel

22.08.2016. Die SZ spricht mit der ägyptischen Comiczeichnerin Deena Mohamed über ihre Superheldin mit Kopftuch und das Dilemma der muslimischen Frau.  Die taz erfährt bei der Künstlerin Georgie Sagris, was Künstler für Geld machen müssen. Die NZZ bemerkt viel Essen in der zeitgenössischen Kunst: Die Globalisierung ist Schuld, glaubt sie. Die FAZ interessiert sich mehr für geschmacklose Architektur in Wien. Und critic.de denkt über die Rolle des Kurators nach.

Präludium für Provokationskunst

20.08.2016. Die SZ sehnt sich zwischen all den Diskussionen um Trump und Aleppo nach ein bisschen Eskapismus in der Kunst: Wo ist das zeitgenössische Arkadien? Die NZZ stimmt mit ein und fordert statt Tagespolitik mehr empfindsames Innehalten in der Literatur.  Das monopol-magazin wünscht sich hingegen mehr Diskussion und weniger Empathie in der Kunst. Die Zeit möchte mit dem orakelnden Super-Meme Werner Herzog baden gehen. Das art-magazin schaut sich Exzentriker-Architektur von Besessenen an. Die SZ schaut und hört einem coolen Frank Ocean zu.

Der Hermaphrodit als modern hero

19.08.2016. Die FAZ erliegt den oszillierenden Stimmen von Countertenören - und weiß auch warum. Dafür mangelt es an virtuosen Nachwuchs-Dirigenten, stellt sie beim Lucerne Festival fest. Das art-magazin erinnert mit Gerda Taro an eine Pionierin der Fotoreportage. Die NZZ sucht in seelenlosen Wohnblöcken das Gesicht der Städte und findet passende Bewohner. Die Feuilletons applaudieren Mia Hansen-Loves "Alles was kommt".

Laut, blutig und mit vielen Körpersäften

18.08.2016. Die FAZ kann mit politisch-moralischer Kunst nicht viel anfangen: Zu viel Didaktik, zu wenig Zukunft, findet sie. Die Zeit jubelt: Der Max-Brod-Nachlass wird endlich öffentlich! Aber wie soll man künftig mit unmoralischen Erben umgehen? Die Welt erklärt dem beleidigten Parzifal-Regisseur Uwe Eric Laufenberg das Prinzip Bayreuth. Eiji Uchidas indiekritischer Indie-Film "Low Life" fällt im Perlentaucher und auf critic.de durch. Und die NZZ flaniert durch das literarische Sofia.

Am Ufer einer durchdigitalisierten Welt

17.08.2016. Das monopol-magazin erkennt mit Matthew Herbert im Geräusch von Schweinen auf der Schlachtbank das politische Potenzial von Club-Musik. Die FAZ bestaunt  in Stuttgart gute Bilder schlechter Künstler. Die SZ sucht mit Ralph Hammerthaler vergeblich das von Peter Handke gesponserte Schwimmbad in Velika Hoča. Die NZZ findet französisch-britische Freundschaft in Condette. Die Zeit wünscht sich weniger deutsche Historienfilme und mehr Toni Erdmann bei den Oscars. Und auf nachtkritik hat Parsifal-Regisseur Uwe Eric Laufenberg die Nase voll vom System der Feuilletons.

Erfüllt von magischer Streustrahlung

16.08.2016. In der New York Times will sich Nan Goldin nicht die Schuld geben lassen an Social Media und zwanghaftem Bilderteilen. In der taz will Wolfgang Seidel dem Krautrock keine deutsche Identität geben lassen. Die FAZ ist betört von der überbordenden Farbmusik der japanischen Zeichentrickserie "Monogatari". Die Welt ist außer sich über den heimlichen Abriss der Meinertschen Spinnmühle in Sachsen. Wo bleibt das Positive?, fragt der Tages-Anzeiger die Utopisten der Literatur.

Pure Pracht und Herrlichkeit

15.08.2016. Die NZZ freut sich über den Goldenen Leoparden für die bulgarische Regisseurin Ralitza Petrova. Mit Christoph Willibald Glucks "Alceste" wurde die Ruhrtriennale eröffnet: Die FAZ sah sich Affekstürmen in schillerndsten Farben ausgesetzt. Der Tagesspiegel erlebte pulsierende Empfindsamkeit. Der Standard lernt mit Ivo Andric, die Realität der Vielfalt auszuhalten. Die Welt und andere schreiben zum Tod des DDR-Schriftstellers Hermann Kant, der so talentiert war wie bereit, die Parteilinie zu exekutieren.

Blick durch Raum und Zeit

13.08.2016. In der NZZ erklärt Boris Groys, wie uns das Internet alle zu Museumswächtern macht. Die SZ staunt, dass sich jetzt auch dieiranischen Mullas mit dem Glamour der Kunstwelt schmücken möchte. Der Tagesspiegel hört "Piano Heros" bei den Ferienkursen für Neue Musik in Darmstadt. Der Humanistische Pressedienst erinnert an Gottfried Wagners großen Bruch mit Bayreuth. In der FR spricht die Krimi-Autorin Patricia Melo über Literatur und Verbrechen in Brasilien. Bei Spiegel Online fordert der Regisseur Jonas Mekas die Abschaffung des experimentellen Films.

Raumsonde aus Abstraktistan

12.08.2016. Die NZZ ruft der Politik zu: Lernt Utopie von der jungen Lyrik! Außerdem streift sie durch die Architektur des Silicon Valley. Die Feuilletons umjubeln den Tenor Piotr Beczala bei den Salzburger Festspielen: Ein Faust, der Herzen schmelzen lässt! Viel Applaus gibt es auch für Angela Schanelecs poetischen Film "Der traumhafte Weg" in Locarno. arteshock schaut derweil lieber Anti-Nazipathos-Kino. Die taz lernt von dem Musiker David Toop wie freie Rhythmen die Gesellschaft befreien.

Die Unentrinnbarkeit der Wirklichkeit

11.08.2016. Überall Mitmachkunst, aber wo ist ein Werk? Das fragt sich die Welt nach diesem Biennale-Sommer. Die SZ findet eins in London, wo die Tate Modern gerade Georgia O'Keefe ausstellt. Der Tagesspiegel reist mit Michael Grandages Debütfilm "Genius" über Thomas Wolfe in die Zwanziger. Moviepilot widersetzt sich heftig der Achtziger-Jahre-Nostalgie. In der NZZ erklärt der mexikanische Autor Juan Villoro, warum Gewalt für die einen Furcht, für die anderen Flucht aus dem Alltag bedeutet. Der Freitag hört türkische Experimentalmusik. Die Perlentaucher-Debatte über "Wege aus dem Postpost" geht weiter.

Nicht Stillstand, sondern Freiheit

10.08.2016. Die NZZ bewundert in Locarno Osteuropas vitale Filmszene. Der Standard ergründet die Plausibilität von Hieronymus Boschs Monstern. Die SZ blickt in die Gruselkabinette Sibylle Lewitscharoffs. Die FAZ betrachtet die Mode des 17. Jahrhundert. Und in der New Republic huldigt Rachel Kushner dem Revolutionär und Dichter Nanni Balestrini.

Plötzlich riecht es nach Sonnencreme

09.08.2016. Die FR blickt in das neue Weltgesicht. Der Tagesspiegel betrachtet irritierende Männerkörper im deutschen Nachkriegsfilm. Die NZZ kehrt mit Fiston Mwanza Mujila in die Stößel-Mörser-Jahre des Kongo zurück. Die taz erlebt beim Wiener Impulstanz der Verflüssigung der Choreografie. In der Welt schwärmt Riccardo Chailly von der deutschen Orchesterkultur. Und die SZ informiert: Thomas Manns Villa in Los Angeles steht zum Verkauf.

Notieren ist der Tod

08.08.2016. Die FAZ betrachtet mit Susan Sontag Fotografien von Thomas Mann. Die Zeit schaut sich in Berlin atmende dissidente DDR-Kunst an. Außerdem stellt sich Durs Grünbein in der Zeit vor, Hitler-Briefmarken abzulecken. Die SZ fordert mehr Frauen und mehr Schwarze im Ballett. Die FAS blickt in Anna Netrebkos russische Seele. Die Berliner Zeitung spricht mit Shermine Langhoff über postmigrantisches Theater. Und die Welt wird vom Pfund gebumst.

Das singende Prinzip Freiheit

06.08.2016.  In der FAZ  fragt der russische Lyriker Sergej Sawjalow: Dürfen Dichter über menschliche Katastrophen der Vergangenheit reden? Die SZ blickt ins patriarchale System am Münchner Residenztheater. Die taz findet bei dem südafrikanischen Dramatiker Paul Grootboom die Wahrheit über die Post-Apartheid-Gesellschaft. Außerdem trainiert sie beim Speed Watching ihre Sehgewohnheiten. Die NZZ besucht eine Ausstellung über Heroin in Afghanistan. Und die Welt begibt sich mit Jonathan Franzen zum Birdwatching auf eine Expedition in die Antarktis.

Prallbunte Weltverzweiflung

05.08.2016. Im Standard ruft Elfriede Jelinek ihre Schriftsteller-Kollegen zum Protest gegen die Festnahmen in der Türkei auf. Die FAZ hört bei Daniil Trifonow einen überraschend authentischen Sergej Rachmaninow 2.0. Die Zeit erfindet mit einem grummelig unheimlichen John Coltrane die Tanzmusik des 21. Jahrhunderts. Die SZ entdeckt bei Harry Potter die geistige Heimat des Brexit. Außerdem schaut sie mit Alberto Rodriguez' "La Isla Minima" fasziniert ins Unterbewusstsein der Spanier. Der Welt schaudert es bei der Aktualität von Hieronymus Bosch im Prado.

Schönklang-Schaulaufen

04.08.2016. Einstimmig applaudieren die Feuilletons dem neuen Almodovar "Julieta", der drei Kurzgeschichten Alice Munros folgt. Deborah Warners "Sturm"-Inszenierung bei den Salzburger Festspielen fällt hingegen durch. Freitag und NZZ  glauben nach der Ausstellung "World of Malls" in München an die Zukunft der Konsumzentren. Die FAZ fordert mehr Lohn für britische Künstler. Die NZZ kann das Klagen über unpolitische Kunst nicht mehr hören und ruft den Feuilletonisten zu: Mischt euch selber ein!

Noch ein wenig samtiger

03.08.2016. Was das Christentum fürs Mittelalter und der Fortschrittsgedanke für die Moderne war, ist in der Kunst des 21. Jahrhunderts der Markt. Und niemand verkörpert diese Idee so vollkommen wie Jeff Koons, meint László F. Földényi in der NZZ. Er habe keine Lust mehr, nur Material zu sein, erklärt der Schauspieler Shenja Lacher in der FAZ und verlässt die Bühne. In der DDR wurde noch an einem Gutachten zum Abriss des Berliner Stadtschlosses gebastelt, als der schon in vollem Gange war, lernt die SZ. Zeit online freut sich über weibliche Ghostbuster.

Heikel, haarig und subtil

02.08.2016. Durchgefallen: Alvis Hermanis' Salzburger Inszenierung der Strauss-Oper "Die Liebe der Danae". Nur die Presse meint: es liegt an Strauss. FAZ und SZ schwärmen vom Ring, wie ihn Marek Janowski in Bayreuth dirigiert. Nur der Abendzeitung blieb bei dem Turbo-Tempo die Luft weg. Die NZZ betrachtet einen kanariengelben dissonanten Akkord von Katharina Fritsche. Die SZ besucht eine Ausstellung über die Beat-Generation im Centre Pompidou. Die Spex lobt die notorisch inadäquate Männlichkeit der White Beasts.

Gott ist unsere Arbeitshypothese

01.08.2016. In Salzburg schwärmt die SZ von der metaphysischen Heiterkeit, mit der Dieter Dorn Becketts "Endspiel" inszeniert hat. Die Presse wird ganz melancholisch beim Oratorium von Péter Eötvös und Péter Ésterhazy: "Bald bleibt von Ha-ha-halleluja nur noch das Ha-ha-ha." Die Welt fragt sich, ob Joseph Beuys nicht doch mehr war als nur kapitalismuskritisch. Flavourwire stellt eine 30 Filme umfassende Box vor über das frühe afro-amerikanische Kino.