9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Negative Eskalationsdominanz

05.03.2024. Die FAZ fragt sich, wen ein Demokratiefördergesetz wirklich fördert: Die Demokratie oder nur die sympathischen Meinungen? Im Tagesspiegel fordert der Historiker Julius Schoeps, auch an Universitäten auf den Unterschied zwischen Antisemitismus und Israelkritik zu bestehen. Die SZ fordert einen Stopp der Waffenlieferungen an Israel. In der NZZ erklärten vier Wissenschaftshistoriker, dass die Vermischung von Wissenschaft und Aktivismus durchaus Tradition hat. Sie ist dann aber nicht mehr von der Wissenschaftsfreiheit geschützt, meint in der FAZ der Verfassungsrechtler Klaus Ferdinand Gärditz.

Diese Abkopplung der Staatsdiener

04.03.2024. Der Politologe Wolfgang Kraushaar glaubt in der FR nicht, dass die Terroristen der dritten RAF-Generation mehr reden werden als die der zweiten. Der Historiker Volker Weiß erzählt in der SZ, wie die AfD aus den Fehlern anderer rechtsextremer Parteien lernte. Auch die FAZ befasst sich mit rechtsextremen Diskursen - und deren Anleihen aus aktuellen soziologischen Bestsellern.

Die Nase zuhalten vom üblen Gestank

02.03.2024. Nawalnys Tod wird Putin stärken, glaubt Viktor Jerofejew in der Welt und befürchtet: Bald wird auch der Westen die Beziehungen zu Putin wieder aufnehmen. In der FAS setzt der russische Wirtschaftswissenschaftler Sergei Guriev auf strengere Sanktionen gegen Russland. Die deutsche Iranpolitik ist mitverantwortlich für das Massaker der Hamas, meint der Politologe Stephan Grigat in der taz. Ebenfalls in der taz blickt der Soziologe Jens Kastner auf die antisemitischen Aspekte in der postkolonialen Theorie.

Ohne Geld für Benzin

01.03.2024. Der 7. Oktober war für Israel eine Holocaust-Erfahrung, sagt Joshua Sobol in der FAZ und besteht auf Israels Recht auf Selbstverteidigung. Für den Iran war der 7. Oktober ein Propagandaerfolg, sagt der Konfliktforscher Tareq Sydiq in der taz - der leider auch fürchtet, dass die Mullahs vor den iranischen Wahlen sehr fest in ihrem Sattel sitzen. Die Preußen-Stiftung ist ein Riesen-Apparat mit einem lächerlichen  Ausstellungsetat, und daran ändert auch Joe Chialo nichts, fürchtet die Welt. Im Tagesspiegel bezeichnet Stefan Aust die dritte Generation der RAF  als "unpolitisch".

Diese lukrative historische Versöhnung

29.02.2024. Während Deutschland und die Angehörigen der Opfer immer noch mit der Ungewissheit leben, wer die "dritte Generation" der RAF überhaupt ist, wohnte die jetzt festgenommene Daniela Klette unbehelligt in Kreuzberg, erging sich in der Natur, pflegte ihr Facebook-Profil und ihre Capoeira-Künste. Warum lässt man die "dritte Generation" nicht sowieso in Ruhe, fragt die taz. Schluss mit der Verklärung der RAF, ruft dagegen der Tagesspiegel, wo auch Michael Buback interviewt wird. Außerdem: Größer als jetzt war die Kriegsgefahr in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg nie, konstatiert die Zeit. Und Macron und Scholz zerstreiten sich bei der Gelegenheit.

Welch beklagenswerte europäische Kakofonie

28.02.2024. Es braucht dringend einen Friedensplan in Israel, der die Golfstaaten mit einbindet, rufen Natan Sznaider und Navid Kermani gemeinsam in der SZ. In der Welt ermutigt Deniz Yücel die deutsche Öffentlichkeit, auch dumme Meinungen auszuhalten. Die taz fordert die Institutionen indes auf, antidemokratischen Personen den Zutritt zu verweigern. In Time denkt der Jurist Noah Feldman über den neuen Antisemitismus nach. Und bei Spon fragt der Sicherheitsexperte Christian Mölling: Wovor hat der Kanzler Angst?

Die Deutschen träumten noch

27.02.2024. In Belarus sind bereits fünf Oppositionelle in Haft gestorben, zuletzt Ihar Lednik, berichtet die FAZ. In der NZZ erinnert Sergej Gerassimow an das erste ukrainische "Guernica" 1708. Die SZ fragt sich, ob die verfehlte deutsche Russlandpolitik noch jemals aufgearbeitet wird. Die Welt fragt, ob Correctiv wirklich unabhängig ist. Die NZZ erklärt, warum es in China so viele leerstehende Wohnungen gibt.

Ein Stück Realitätsverweigerung

26.02.2024. Die Welt fragt, wie Israel nach wenigen Monaten zum angeblichen Alleinschuldigen des Gazakriegs werden konnte. Die FAZ liest den Untersuchungsbericht zum Netzwerk des Sexualforschers Helmut Kentler, der in den 70er Jahren mit Billigung der Behörden Jugendliche an pädophile Pflegeväter vermittelte. Die SZ freut sich auf ein Telefon ohne Apps. Die NZZ erinnert am Beispiel von Rudolf Margolius an die Slansky-Prozesse. Die taz stellt den Niederländer Salo Muller vor, der die Bahn mitverantwortlich macht für die Deportationen in die Konzentrationslager.

Eine Art München 1938 in Zeitlupe

24.02.2024. Vor zwei Jahren überfielen die Russen die Ukraine. Ja, die Russen, denn "das Volk schweigt und macht alles mit", sagt Michail Schischkin im Tagesspiegel. Von Russland dauerhaft besetzte Gebiete sind verloren, warnt die ukrainische Journalistin Anastasia Magasowa in der taz, denn Putin arbeitet in solchen Gebieten mit den Methoden des NKWD, bestätigt Galia Ackerman in Deskrussie. Außerdem verweisen wir auf Interventionen von Nataliya Gumenyuk, Viktor Jerofejew, Timothy Snyder, Richard Herzinger und Timothy Garton Ash. Außerdem: Die Ruhrbarone wollen nicht schrumpfen.

Hier hat sich etwas verschoben

23.02.2024. Morgen vor zwei Jahren überfiel Putin die Ukraine. Heute erscheint das autoritäre Russland so stark wie eh und je, während die liberalen Demokratien schwächer werden, notiert die taz. Die Welt attackiert die Putin-Knechte von der AfD. Im Perlentaucher glaubt Richard Herzinger nicht, dass die um ihren Glamour bekümmerten arabischen Despotien auch nur im mindesten an den Palästinensern interessiert sind. Und die SZ fragt: Was ist mit den Ruhrbaronen? Sie sind links, sie sind rechts, und sie lancieren alle wichtigen Debatten.