9punkt - Die Debattenrundschau

Die Zirkulation der guten, der wahren Information

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.01.2022. Die Welt fordert, nicht über innermuslimisches Mobbing an Schulen hinwegzusehen. Was passiert mit Kanada, wenn Donald Trump in Amerika wieder an die Macht kommt, fragt der Politologe Thomas Homer-Dixon in Globe and Mail. Die russische Autorin Irina Rastorgujewa sucht für die FAZ im Netz nach Nachrichten aus dem russisch-ukrainischen Grenzgebiet. Die SZ warnt vor Kurz und Thiel.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.01.2022 finden Sie hier

Politik

Willkommen 22. Die Attacke auf das amerikanische Kongressgebäude jährt sich in drei Tagen. Donald Trump ist in Europa weniger sichtbar, aber spürbar wie ein Schmerz, der nicht verschwinden will. Dem Guardian ist ein Editorial des kanadischen Politologen Thomas Homer-Dixon in Gobe and Mail so wichtig, dass er es ganz oben auf seiner Website ausführlichst zitiert. Der Politologe fragt sich, wie Kanada reagieren wird, falls Trump 2024 wieder Präsident wird und die Vereinigten Staaten in der Folge in Chaos und Diktatur abdriften, ein Szenario, das man sich immerhin vorstellen kann. Übrigens schneidet auch die Linke bei Homer-Dixon nicht so gut ab: "Die wirtschaftlichen, ethnischen und sozialen Unterschiede in Amerika haben zu einer ideologischen Polarisierung zwischen der politischen Rechten und der Linken beigetragen, und die sich verschärfende Polarisierung hat die Regierung gelähmt und die Unterschiede noch vergrößert. Die politische Rechte und die politische Linke sind voneinander isoliert und verachten sich zunehmend gegenseitig. Beide glauben, dass es um existenzielle Dinge geht - dass der andere darauf aus ist, das Land zu zerstören, das sie lieben. Die gemäßigte politische Mitte verschwindet zusehends." Und Kanada? "Bei den weniger optimistischen Szenarien könnten die Risiken für unser Land zusammengenommen leicht existenziell sein, weit größer als alle anderen in der Geschichte unserer Föderation. Was passiert zum Beispiel, wenn hochrangige politische Flüchtlinge, die vor Verfolgung fliehen, in unserem Land ankommen und das US-Regime sie zurückfordert. Werden wir dem nachkommen?"

Einen anderen tragischen Akzent dieses Jahresanfangs benennt Mathilde Boussion in Le Monde: In Kapstadt ist das Parlament weitgehend abgebrannt. "Während das Land sich mit Korruption und schlechter Verwaltung abkämpft, ist es am 2. Januar, weniger als 24 Stunden, nachdem es seinen 'moralischen Kompass' Desmond Tutu beerdigte, erwacht und musste zusehen, wie sein Parlament abbrennt, der Stützpfeiler der Demokratie, der nur wenige Schritte von der Kathedrale, dem Ort der Trauerfeier, enternt liegt." Die Untersuchungen zum Brand dauern an, meldet das südafrikanische Portal news24.com. Ein 49-Jähriger sei festgenommen worden, ob Brandstiftung vorliegt, scheint aber nicht klar zu sein.

Andrian Kreye, immer bereit zur Apokalypse, sieht in der SZ den Silicon-Valley-Unternehmer Peter Thiel schon auf dem Weg zur Weltherrschaft. Dass er den Ex-Kanzler von Österreich, Sebastian Kurz, engagiert hat, passt ganz gut, findet Kreye: "Scheitern gilt im Silicon Valley nicht als Makel, sondern als Erfahrungsschatz und Einstellungskriterium. Kurz hat in all den Fällen, in denen gegen ihn ermittelt wird, vor allem bewiesen, dass er bereit ist, die Grenzen der Demokratie auszureizen, um Resultate zu erzielen."

Außerdem: Dominic Johnson fürchtet in der taz, dass in der deutschen Afrikapolitik auch in der neuen Koalition alles beim Alten bleibt: Entwicklungs- und Interessenpolitik, aber keine Anerkennung der afrikanischen Länder als politische Akteure.
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Gesellschaft

In der Welt wundert sich Frederik Schindler nicht, dass Grüne und Linke in Berlin nichts hören wollen von der Diskriminierung muslimischer Schüler durch andere, fundamentalistischere muslimische Schüler, wie sie gerade der Verein für Demokratie und Vielfalt in Schule und beruflicher Bildung dokumentiert hat (unsere Resümees): "Viel zu sehr ist in diesem Milieu ... ein Kulturrelativismus verbreitet, deren Vertreter zwar zu Recht Diskriminierung und Gewalt gegen Muslime aus der Mehrheitsgesellschaft anprangern, über innermuslimische Diskriminierung und Gewalt aber hinwegsehen", schreibt er. "Die Frauenrechtlerinnen Naïla Chikhi und Rebecca Schönenbach haben zu Recht darauf hingewiesen, dass es nicht antimuslimisch ist, muslimische Kinder vor Indoktrination zu schützen und auf die Diskriminierung von Mädchen durch Fundamentalisten hinzuweisen. Antimuslimisch ist es vielmehr, muslimischen Mädchen ihre Menschenrechte zu verweigern und über das Mobbing gegen säkulare und liberale Schüler aus muslimischen Familien zu schweigen. Die perfide Täter-Opfer-Umkehr, die die zitierten Grünen- und Linken-Politiker Kahlefeld und Abed betreiben, darf nicht hingenommen werden, wenn nicht Täter, sondern Opfer geschützt werden sollen."
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Europa

Wie geht's weiter in Österreich nach dem Abgang von Sebastian Kurz? Viel ändern wird sich nicht, glaubt Marlene Streeruwitz im Standard: "Nun. Es ist nicht mehr früher, und der junge Kaiser ist verschwunden. Zurückgeblieben ist vorerst ein Innenminister, der offen dem Austrofaschismus huldigt. So. Wir werden weiter daran erinnern, dass die Monarchie in Cisleithanien nicht überwunden ist. Es wird uns so in Erinnerung gehalten, dass Politik in Österreich von jeher für politische Ordnung sorgen will und nicht für gesellschaftlichen Frieden. Und geordnet sind wir nach diesen beiden Regierungen Kurz schon wieder ein bisschen mehr. Wir werden dem Demokratischen weggeordnet. Unsere Umordnung dahin, wohin wir postvolksparteiisch gehören. Das ist die Erledigung der Drecksarbeit für die Eliten gegen eine Demokratisierung der Gesellschaft. So wird den kleinen Kindern in der Schule wieder über Noten vonseiten des Staats klargemacht, wo in der gesellschaftlichen Hierarchie sie sich finden. Die Beschulung wird sie in ihrer Eintrittsposition festlegen. Und das möglichst für alle Zeit."

Die russische, in Berlin lebende Autorin Irina Rastorgujewa sucht für die FAZ im Netz nach Nachrichten aus dem russisch-ukrainischen Grenzgebiet und berichtet von Propaganda und Ängsten: "Die Menschen in Donezk sind vor allem über die Qualität des Trinkwassers besorgt, denn es riecht irgendwo nach Abwasser und irgendwo nach Aceton. Die Farbe des Wassers sieht nicht gut aus. Schon dass es überhaupt Farbe hat, macht misstrauisch. In den Netzwerken heißt es, das Wasser rieche stark nach Medikamenten. Umgehend erscheinen Kommentare: 'Sie schießen Sputnik V durch den Wasserhahn.' Oder: 'Das muss Brom sein. Sie bereiten uns auf die Preise von 2022 vor.'"
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Archiv: Europa

Kulturpolitik

Andreas Platthaus unterhält sich für die FAZ ausführlich mit Martin Hoernes und Dirk Syndram von der Ernst-von-Siemens-Kunststiftung, die ihr segensreiches Wirken für die deutschen Museen erklären. Unter anderem sprechen sie über das Projekt "Digital Benin", das alle Beninbronzen weltweit katalogieren soll: "Alle vor der 1897 erfolgten Plünderung entstandenen Bronzen und Kunstwerke werden nun erfasst und dokumentiert, auch der große Bestand, der sich in Nigeria befindet, immerhin einer der großen der Welt - der viel zu wenig bekannt ist. 120 Museen aus aller Welt haben dazu schon Material eingebracht, und was das Projektteam von 'Digital Benin' nun leistet, ist die Zusammenführung der bestehenden Museumsdatenbanken mittels eines eigens entwickelten Interfaces zu einem Gesamtbestand, der dann sowohl die Recherchen erleichtern als auch alle künftigen Änderungen einzelner Einträge berücksichtigen wird."

Ideen

Die taz veröffentlicht zwei Gespräche, die Klaus Englert 1995 und 2000 mit dem 2019 verstorbenen Philosophen Michel Serres geführt hat. Er äußere dort prophetische Dinge über die Gefahr einer Pandemie, die Entstehung von politicical correctness und dem Internet, heißt es in der Einleitung, was man nach der Lektüre nur bestätigen kann. Zum Internet sagte er: "Ich möchte nochmals betonen, dass in einer Zeit des beschleunigten technologischen Fortschritts alles auf die Zirkulation der guten, der wahren Information ankommt. Nicht der Mangel an Freiheit ist heute das dringende Problem, sondern die Abwesenheit von Wahrheit. Wir erkennen heute, dass die Wahrheit in der gegenwärtigen Gesellschaft das grundlegende philosophische Problem ist. Wir können nicht wirklich frei sein, wenn wir nicht über wahre Informationen verfügen."

Warum fällt es Russland so schwer, sich von seinen kolonialen Ambitionen zu befreien, überlegt der russischen Ökonom Wladislaw L. Inosemzew in der NZZ: Einen wesentlichen Unterschied zu den Europäern gab es, stellt er nach einem Blick in die Geschichte des russischen Imperialismus fest: Russland war von Anfang an ein Imperium, das nie ein Nationalstaat war. Die Russen haben "aufgrund der Überschneidung der imperialen Kreise und der Abwesenheit des Nationalstaates kaum eine Vorstellung davon, was Russland eigentlich ist. Sie unterscheiden nicht zwischen den zentralrussischen Regionen, aus denen der Staat hervorgegangen ist, den abgelegenen Regionen Sibiriens, in denen (wie in Jakutien oder in Tuwa) die indigenen Völker die Mehrheit der Bevölkerung stellen, oder Tschetschenien und Inguschetien, wo die ethnischen Russen weniger als ein Prozent der Einwohner ausmachen. Für sie sieht jede Abspaltung wie eine endgültige Dekonstruktion des Imperiums aus, und deshalb haben die Kriege für den Verbleib der absolut nutzlosen Republik Tschetschenien bei Russland Putin in die Position des nationalen Führers gehievt. Der derzeitige Aufschwung des russischen Imperialismus (und nicht des 'Nationalismus', wie viele glauben) erscheint von daher nicht nur natürlich, sondern durchaus vorhersehbar."

Menschengeschichte und Naturgeschichte - beides war - ganz unabhängig voneinander - immer auch Krisengeschichte. Deshalb findet es der Philosoph Konstantin Sakkas in der NZZ verfehlt im Zusammenhang mit dem Klimawandel pausenlos von "Schuld" zu sprechen: "Fünf Massenaussterben des Phanerozoikums, also der letzten etwa 500 Millionen Jahre, hatten nämlich jeweils ein dermassen katastrophisches Ausmaß, dass man den - unbestrittenen - menschlichen Eingriff in die Artenvielfalt kaum mit ihnen vergleichen möchte. ... Wir Menschen tun gut daran, Tiere, Pflanzen, Flächen und Atmosphäre so weit wie möglich zu entnutzen; aber wir sollten nicht der säkularen protestantischen Größenphantasie erliegen, wir beherrschten durch von uns ausgelöste physikalische Prozesse das System Erde und könnten beziehungsweise müssten nun großzügigerweise damit aufhören. Dass Lebewesen in die Natur eingreifen, ist normal; dass das Naturierte aber 'die Natur' selbst auslöschen könne, unwahrscheinlich."
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Kulturmarkt

Die Coronakrise hat nicht nur erfolgreichen Theatern mehr geschadet als weniger erfolgreichen, weil die erfolgreichen einen größeren Teil ihrer Einnahmen aus dem Kartenverkauf erzielten, sie hat auch längerfristige Tendenzen offengelegt, schreibt Ralph Bollmann in der FAS. Akteure wie der Würzburger Operndirektor Berthold Warnecke verlangen, "dass die Branche aus der neuen Lage auch neue Konsequenzen zieht. 'Die Pandemie hat gesellschaftliche Entwicklungen beschleunigt, sie hat den Leuten zum Beispiel die Entscheidung abgenommen, ob sie ihr Theaterabo kündigen oder nicht', sagt er. 'Plötzlich war die Möglichkeit da, sich neu zu orientieren.' Im September und Oktober, als die Theater phasenweise ganz ohne Beschränkungen spielen durften, konnte er sogar die reduzierten Plätze in einem baubedingten Ausweichquartier nur mit Mühe füllen."
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Stichwörter: Coronakrise, Kulturbetrieb

Geschichte

Das serbische Novi Sad wird in diesem Jahr eine von drei europäischen Kulturhauptstädten sein: In der NZZ erinnert Brigitte van Kann an die Geschichte der Stadt seit k.u.k.-Zeiten. Ebenfalls in der NZZ erinnert Thomas Ribi an den vor 200 Jahren geborenen Heinrich Schliemann. In der Welt erzählt Ute Cohen, wie sich in der französischen Revolution Restaurants als Orte der bürgerlichen Emanzipation entwickelten.
Archiv: Geschichte
Stichwörter: Schliemann, Heinrich