9punkt - Die Debattenrundschau

Was jedoch den Menschen anbelangt

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.01.2022. Die NZZ liest Joseph de Maistre, einen der Urväter der Reaktion, und findet Eric Zemmour wieder. Für die taz prüft der Europarechtler Franz C. Mayer die europapolitischen Ideen der Ampel und stößt auf Proklamatorik - die aber vielleicht besser ist als die Passivität unter Merkel. Russland kann über die Ereignisse in Kasachstan nicht glücklich sein, vermutet die FAZ. Für die Welt besucht Richard Kämmerlings die litauische Stadt Kaunas - eine der europäischen Kulturhauptstädte des Jahres - und freut sich über eine wiederentdeckte Vielfalt.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.01.2022 finden Sie hier

Ideen

Éric Zemmour ist nicht der erste Franzose, der sein Land am Ende sieht. Ähnlich empfand es beispielsweise auch der Royalist Joseph de Maistre, dem die Restauration nach 1814 nicht weit genug ging, erzählt in der NZZ Claudia Mäder, die den gerade erschienenen Briefwechsel "Europa auf dem Pulverfass" zwischen de Maistre und dem Adeligen Louis de Bonald gelesen hat, in einem sehr lesenswerten Essay. Nach Ansicht der beiden war der Mensch vor Gott nicht berechtigt, etwas Neues - wie beispielsweise eine Verfassung - zu schaffen. Und auch das linke Konzept des Universalismus war ihnen zuwider: "Das universalistische Konzept des Menschen etwa, dem grundlegende Rechte unterschiedslos zukommen sollten, war für de Maistre ein reines Hirngespinst. Denn in der Realität konnte der Denker keinen Menschen als solchen, sondern nur Menschen erkennen, die sich erheblich voneinander unterschieden. Oder wie es in der meistzitierten Passage seines Werkes heißt: 'Ich habe in meinem Leben Franzosen, Italiener, Russen gesehen. Ich weiß dank Montesquieu sogar, dass man Perser sein kann. Was jedoch den Menschen anbelangt, so erkläre ich, dass ich ihm nie im Leben begegnet bin.' Dem philosophiedurchtränkten 18. Jahrhundert habe es an dem gesunden Menschenverstand gemangelt, der frühere Zeiten geprägt habe, schrieb de Maistre an seinen Freund. Und dieser wiederum fand Frankreich derart weit von allen alten Zuständen entfernt, dass er sich dort, wo er lebte, kaum noch zu Hause fühlte: 'Man macht uns unser eigenes Land zuwider', hielt de Bonald 1819 fest und bedauerte im Jahr darauf, dass er und de Maistre einsam gegen die größten Verirrungen kämpften: 'Das Unglück der gerechten Sache ist die Isolation. Die Wölfe wissen sich zu versammeln, der Wachhund aber ist immer allein.'"
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Europa

Der Europarechtler Franz C. Mayer geht in der taz nochmal den Koalitionsvertrag zu Europathemen durch. Er findet dort viel Proklamatorik, etwa nicht realistische Forderungen nach einem europäischen Bundesstaat oder zum europäischen Recht. "Eine denkbare Erklärung dafür wäre, dass in den Verhandlungen viele EP-Abgeordnete die Feder geführt haben und dabei möglicherweise so etwas wie eine Wunschliste erstellten, die in der Folge dann asymmetrischerweise vor allem die nationalen Abgeordneten abzuarbeiten haben. Als positive Deutungsmöglichkeit bleibt immerhin, dass hier europäischer Gestaltungswille dokumentiert ist, der sich deutlich von der alten Regierung absetzt. Deren Europapolitik kann im Wesentlichen als reaktiv passiv beschrieben werden. Auf Emmanuel Macrons Sorbonne-Rede zur Zukunft der EU 2017 hatte es aus Deutschland nie eine konzeptionelle Antwort gegeben."
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Politik

Ein taz-Gespräch, das Tigran Petrosyan mit dem ehemaligen armenischen Botschafter in Kasachstan Arman Melikyan führt, macht die Gemengelage in dem riesigen Land ein bisschen verständlicher. Melikyan erzählt etwa, das die russische Minderheit des Landes frustriert ist und dass viele von ihnen ausgewandert sind. Dass Russland durch einen Militäreingriff Kasachstan wie Belarus an sich ziehen kann, glaubt Melikyan nicht: "Diese Möglichkeit halte ich nicht für realistisch, denn die Realität in Kasachstan ist eine andere, vor allem was das ökonomische Potenzial des Landes betrifft. Aber es gilt noch eine Sache zu bedenken. In Kasachstan ist deutlich zu erkennen, dass die Türkei im Begriff ist, an die Stelle Russlands zu treten. Die alte politische Garde, die in Kasachstan gegen Ende der Sowjetzeit an die Macht gekommen ist, darunter auch der Clan Nasarbajews, tritt allmählich zur Seite. Die junge Generation hat jedoch nichts mehr mit der russischen Welt zu tun. Viele junge Leute wurden in der Türkei oder an den türkischen Hochschulen in Kasachstan und anderen Städten Zentralasiens ausgebildet. Nein, die Russen sind nicht in der Lage, die volle Kontrolle über Kasachstan zu erlangen."

Obwohl Russland nun in einem weiteren Land in seiner "Sphäre" eingreift, kann Putin über die Ereignisse in Kasachstan nicht glücklich sein, vermutet Reinhard Veser in der FAZ: "Mit der Unterstützung für ein weiteres Regime, das sich nur noch auf Gewalt stützt, verbrennt der Kreml .. noch mehr von der einst großen Soft Power Russlands im postsowjetischen Raum. Nach Ukrainern, Belarussen und Armeniern stoßen die Moskauer Machthaber mit ihrem Eingreifen in Kasachstan das nächste Volk vor den Kopf, in dessen Alltag die russische Sprache allgegenwärtig ist und das bisher ohne negative Gefühle auf den großen Nachbarn geblickt hat."
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Stichwörter: Kasachstan, Belarus

Geschichte

Richard Kämmerlings besucht für die Welt die litauische Stadt Kaunas, eine Metropole der Zwischenkriegszeit, die in diesem Jahr zu den europäischen Kulturhauptstädten gehört. Hier retteten schon im Jahr 1940 der holländische Konsul Jan Zwartendijk und sein japanischer Kollege Chiune Sugihara Juden, die aus Polen geflohen waren, während das Baltikum von Stalin besetzt worden war. Kämmerlings lernt in seinem Besuch vor allem, welche Vielfalt durch die Totalitarismen zerstört wurde: "Nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1990 stand - vielleicht verständlicherweise - die Wiedergewinnung und Behauptung nationaler Identität im Vordergrund, was die Rekonstruktion verschütteter multikultureller Traditionen blockierte. Das betrifft nicht nur die jüdische Minderheit. Auch sonst war Kaunas ein multireligiöser Ort, was sich etwa am Karmeliterfriedhof unweit vom Bahnhof zeigt: Hier hatten Russisch-Orthodoxe, Katholiken und Lutheraner jeweils ihren eigenen Bereich; in einer Ecke wurde 1933 sogar eine kleine Moschee für die hier seit dem Spätmittelalter ansässige Tartarengemeinde gebaut."
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Gesellschaft

Benedict Neff und Lucien Scherrer unterhalten sich für die NZZ mit dem Vorsitzenden des Weltärzteverbandes, Frank Ulrich Montgomery, der es kürzlich mit seiner Richter- und Impfgegnerschelte in die Nachrichten gebracht hat. Der Streit darüber war durchaus nützlich, meint er. "Ich glaube, ich habe mit der 'Tyrannei der Ungeimpften' in Deutschland eine Debatte losgetreten, die vorher komplett unterdrückt war. Ich habe die Frage gestellt, ob sich die Vernünftigen - die Zweidrittelmehrheit der Geimpften - alle Einschränkungen gefallen lassen müssen, weil sich eine Minderheit teilweise antisozial verhält oder aus Furcht oder Nachlässigkeit sich nicht impfen lässt. Diese Debatte fand ich produktiv. Es hat deswegen auch mehr Leute gegeben, die sich haben impfen lassen. Wer sich der sozialen Verantwortung des Impfens entzieht, muss auch die Folgen tragen."
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Medien

Der Spiegel feierte sich in diesen Tage zu seinem 75. Geburtstag selbst und die meisten anderen feierten brav mit, immer Augsteins Landser-Metapher vom "Sturmgeschütz der Demokratie" auf den Lippen. Urlich Gutmair verdirbt das Spiel in der taz ein bisschen: Einerseits habe der Spiegel in den frühen Jahren zwar tatsächlich über die Nazizeit recherchiert, "auch wenn er dies zuweilen im schnoddrig-ironischen Casino-Ton alter Nazis tat. Zum anderen aber strickte er an der Legende mit, welche die Deutschen über sich selbst erzählen wollten: Letztendlich waren ein paar hochrangige Nazis für die Verbrechen verantwortlich - wenn nicht Hitler allein: Die von den Alliierten verurteilten NS-Kriegsverbrecher durften darauf zählen, dass sich der Spiegel für sie, die er als 'Kriegsverurteilte' bezeichnete, einsetzte."

Jeder, der Sport liebt, muss sich vehement für einen Boykott der Fußball-WM in Katar und der Olympischen Winterspiele in Peking einsetzen, meint Jens Uthoff in der taz. Problematische Veranstaltungen gab es zwar schon vorher, doch diese beiden Ereignisse haben eine andere Qualität, so Uthoff: "Für die WM von Katar sind die Veranstalter buchstäblich über Leichen gegangen, es gibt einen direkten Zusammenhang der vielen Toten und Geschundenen mit dem Sportereignis, es geht im Emirat nicht 'nur' um die Repräsentation eines missliebigen Herrschaftsapparats. Bei China ist es etwas anders. Es geht genau darum, diesem Staat keine Bühne zu bieten, zu viele rote Linien scheinen überschritten. Events wie Olympia wirken systemstabilisierend, vor allem innerhalb des Landes. Sollten es also im Februar für China glänzende, prächtige, erfolgreiche Spiele werden, so wären wir keinen Schritt weiter als 1936."
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