9punkt - Die Debattenrundschau

Vor allem aus Mitteilungsdrang

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.08.2021. Es kommt nicht so sehr darauf an, ob "der Islam zu Deutschland" gehört, schreibt Ahmad Mansour in seiner Focus-Kolumne - es komme viel mehr darauf an, "die Muslime selbst in das deutsche Wertesystem zu integrieren".  Die FAZ erklärt, was ein "German Standoff" ist: Drei Duellisten, die sich lieber in Ruhe lassen. A. Dirk Moses antwortet in der Berliner Zeitung nochmals auf seine Kritiker und beklagt einen in Deutschland angeblich grassierenden "Erlösungs-Philosemitismus". In der NZZ denken Herfried Münkler und die Schweizer Philosophin Katja Gentinetta über Souveränität nach (und was in der Schweiz nach Abschaffung des Bankgeheimnisses davon bleibt).
Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.08.2021 finden Sie hier

Europa

Claudius Seidl findet in der FAZ einen sprechenden Vergleich für einen Wahlkampf, der irgendwie in Zeitlupe stattzufinden scheint und vom Publikum sanft entgeistert zur Kenntnis genommen wird: "Wenn der Showdown zwischen drei Gegnern ausgetragen wird, heißt das im Kino 'Mexican Standoff' und ist sogar dann schon spannend, wenn nichts passiert. Wer als Erster schießt, wird als Zweiter getroffen, das ist die Struktur; in Quentin Tarantinos Filmen liegen am Schluss alle im Staub, bei Sergio Leone ist Clint Eastwood einfach schneller. Wenn Mathematiker sich mit dem Problem beschäftigen, empfehlen sie als Lösung, dass alle in die Luft schießen sollen. Drei Konkurrenten, die einander nicht bekämpfen und schon gar nicht wehtun, sondern miteinander koalieren wollen: Das ist jetzt unser German Standoff."

Es kommt nicht so sehr darauf an, ob "der Islam zu Deutschland" gehört, schreibt Ahmad Mansour in seiner Focus-Kolumne. Es komme viel mehr darauf an, "die Muslime selbst in das deutsche Wertesystem zu integrieren. Sie sind schließlich ein Teil dieser Gesellschaft - das Islamverständnis jedoch wie es von Millionen Menschen gerade von Malaysia bis nach Kanada politisierend praktiziert wird, wird man nicht in Europa eingliedern. Vielmehr sollten wir die Muslime für die Freiheit gewinnen. Und genau das tut unsere Gesellschaft viel zu wenig. Zu groß ist die Angst vor den selbsternannten Moralrichtern, vor dem Shitstorm, davor, an den Pranger gestellt zu werden, wenn man von Defiziten bei Muslimen oder Migranten spricht, oder wenn man Integration auch als eine Bringschuld der Zugewanderten versteht und von Parallelgesellschaften die Rede ist."

Im Verlag "Das kulturelle Gedächtnis" erscheint ein Sammelband zu den Protesten in Belarus, der heute in FAZ und SZ besprochen wird. Hier ist Alex Rühle von der Lektüre erschüttert: "So ist das Buch, das so unbedingt ein Hoffnungskassiber sein will, gleichzeitig eine Chronik der Gewalt, Arme und Beine werden gebrochen, Rippen splittern, Schädel-Hirn-Traumata, Körper werden ausgezogen, vergewaltigt, ausgezehrt. Es ist ein Fluch, in einer Diktatur an einen menschlichen Körper gebunden zu sein, schließlich können sie den so lange foltern, bis noch der stärkste Wille bricht."
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Ideen

A. Dirk Moses antwortet in der Berliner Zeitung nochmals auf seine Kritiker. Wieder bemüht er die BDS-Resolution des Bundestags als Dokument eines "harten Durchgreifens", obwohl die Bundesregierung gerade einen dezidierten Israelkritiker, Bonaventure Ndikung (unser Resümee), als Chef des Hauses der Kulturen der Welt installierte. Moses spricht zwar von einer "notwendigen Ablehnung des Antisemitismus", aber er warnt auch vor "einer Art Erlösungs-Philosemitismus, der den Erlösungs-Antisemitismus der Nazis um 180 Grad kehrte. Sicher, das deutsche Anliegen der Wahrung des Schutzes jüdischen Lebens ist richtig und wichtig. Aber der deutsche Philosemitismus geht viel weiter: die Binär-Beziehung zwischen Deutschen und Juden wird darin aufrechterhalten, um einen deutschen Narzissmus zu speisen, um eine Fantasie zu entwerfen, in der Deutschland die Rolle einer Schutzmacht im Nahen Osten spielt, um Israel als jüdischen Fluchthort zu sichern. Dabei wird verkannt, dass dort einst Palänstinenser:innen wohnten, von denen viele einen Fluchtort in Deutschland suchen mussten."

Gemeinsames Gedenken ist möglich schreibt die Philosphin Hannah Peaceman in der taz, die sich auf das Beispiel der jüngst verstorbenen Holocaust-Überlebenden Esther Bejarano bezieht. Im Namen des Antifaschismus habe diese stets auch aktuelle Opfer rassistischer und antisemitischer Gewalt ins Gedenken einbezogen, so etwa bei den "Reden von Mölln", wo Opfer aktueller neonazistischer Anschläge sprachen. "Eine solche Praxis solidarischen Gedenkens und Kämpfens - in der Verbindung der Verbrechen der Nationalsozialisten und neonazistischer Anschläge der Gegenwart, ebenso wie im gemeinsamen Gedenken Betroffener rassistischer und antisemitischer Gewalt - steht einer offiziellen Erinnerungskultur entgegen, die zwar an Vergangenes als etwas Abgeschlossenes erinnert, nicht aber kritisch die gesellschaftliche Gegenwart verändern will." Ob auch Opfer anderer Gewalttaten - etwa islamistischer - in diese schöne Gemeinsamkeit einbezogen sind, lässt Peaceman offen.

Ist ja kein Wunder, dass die kleine Schweiz, die gerade den Rahmenvertrag mit der EU gekippt hat, nun über "Souveränität" nachdenkt. Neulich feierte der Historiker und Brexiteer Robert Tombs in der NZZ die wiedergewonnene Nation (ob sie Schottland einschließt, war nicht ganz klar, unser Resümee). Heute denken Herfried Münkler und die Schweizer Philosophin Katja Gentinetta über das Thema nach. Für Münkler wäre die EU gut beraten, sich auch wieder einen Schuss Souveränität zu setzen: "Die Leitidee der EU ist, dass konträre Auffassungen zwischen den Mitgliedern als Rechtskonflikte prozeduralisiert werden. Das funktioniert einigermaßen, hat aber den Preis eines notorisch schwachen Auftretens der EU nach außen. Die nach 1989/90 aufgekommene Vorstellung, die europäische Ordnung lasse sich global installieren, kann inzwischen als gescheitert angesehen werden, da sowohl Russland als auch China auf ihrer Souveränität im klassischen Sinn beharren, wenn sie etwa jede Kritik als unzulässige 'Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten' ablehnen."

Gentinetta erinnert daran, dass internationale Organisationen wie Uno und Weltbank doch auch ein Wörtchen mitzureden haben und macht sich sehr schweizerische Sorgen: "Bankgeheimnis und Holdingprivileg sind bereits Geschichte, und auch der auf der Höhe der Unternehmensbesteuerung beruhende Steuerwettbewerb dürfte bald der Vergangenheit angehören. Organisationen wie die genannten greifen dort in die Souveränität ihrer Mitgliedstaaten ein, wo ihnen Koordination und Kooperation sinnvoller scheinen als Kompetition. Aber auch dies geschieht nicht ohne vorgängige Konzeption, Diskussion und Konsultation."

Außerdem: In der Literarischen Welt würdigen Hans Ulrich Gumbrecht und Mara Delius noch einmal den großen Publizisten Karl Heinz Bohrer.
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Gesellschaft

Heute läuft bei den Olympischen Spielen eine Königsdisziplin, der 10.000-Meter-Lauf der Damen, und viele werden das Offensichtliche nicht thematisieren: Die Sportlerinnen sind extrem dünn. Das gehe schon "in Richtung des Krankheitsbildes Anorexia athletica" zitiert Martin Einsiedler im Tagesspiegel den  Sportmediziner Wilhelm Bloch: "'Jedes Gramm nicht aktive Masse ist Ballast und muss weg. Nur noch die arbeitende Muskulatur soll erhalten bleiben', erklärt Bloch die dahinter stehende Trainingsphilosophie. Das Problem: Der Körper ist darauf nicht ausgerichtet. 'Es kommt zu Funktionsstörungen. Das Knochenwachstum ist wegen des niedrigen Calciumhaushaltes eingeschränkt. Der Hormonhaushalt ist beeinträchtigt. Die Östrogenbereitstellung stockt. Bei vielen dieser Frauen bleibt die Monatsblutung aus', zählt Bloch auf."

In der NZZ möchte Gabriele Diewald, Professorin für deutsche Sprache der Gegenwart an der Universität Hannover, gern einige Missverständnisse um das Gendern in der Sprache aufklären: Niemand muss gendern, das generische Maskulinum soll nicht verboten werden, aber warum nicht seine Verwendung ändern? "Gendern ist zu verstehen als eine kommunikative Handlung, eine bestimmte Art, sich auszudrücken, die mit einer bestimmten Absicht verbunden ist. Gendern im positiven Sinn bedeutet, sich bezüglich des Faktors Geschlecht beziehungsweise Gender im Sprachgebrauch um eine sachlich angemessene und faire Darstellung aller Personen zu bemühen." Privat kann das jeder halten, wie er will. "Dass juristische Personen, also Institutionen, Behörden, Körperschaften, Vereine, Gesellschaften, in ihrem Wirkungsbereich bestimmte kommunikative und sprachliche Regeln aufstellen und deren Einhaltung von den Personen, die Teil dieser Gruppe sind, fordern, ist eine Praxis, die lange vor der Diskussion über geschlechtergerechte Sprache üblich war und im Übrigen auch nie prinzipiell infrage gestellt wurde. Wo also ist das Problem?"
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Kulturmarkt

Kleine Sensation in der Verlagswelt, gemeldet im Buchreport: "Alexander Fest, bisher Editor-at-Large bei Rowohlt, verlässt den Verlag und wechselt zusammen mit der langjährigen Rowohlt-Lektorin Ulrike Schieder zu dtv."
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Medien

Der legendäre Medienmanager Gerd Schulte-Hillen ist gestorben.Er hat den Stern zu einem riesigen Erfolg gemacht, bevor er mit den gefälschten Hitler-Tagebüchern seinen langen Niedergang einleitete. Just im selben Moment kommt die Meldung, dass Gruner und Jahr quasi abgeschafft wird, kommentiert Michael Hanfeld in der FAZ, "denn auch wenn die Konzernmutter Bertelsmann, die 2014 alle Anteile an Gruner + Jahr aufkaufte, den am Freitag offizielle verkündeten Zusammenschluss seiner Tochterunternehmen Mediengruppe RTL und Gruner + Jahr als Fusion verkauft, ist es in Wahrheit etwas anderes: eine Übernahme. Gruner + Jahr wird zum Lieferdienst, zur Textwerkstatt eines Multimediakonzerns, in dem RTL das Tempo vorgibt." Sehr lesenswert erzählte schon vor einigen Wochen Wolfgang Michal im Freitag die Geschichte dieses Niedergangs (unser Resümee).

Vor etwa mehr als einem Jahr meldete der Zahlungsdienstleister Wirecard Insolvenz an. Bis dahin war Karl-Theodor zu Guttenberg, ein Mann mit Gespür für Fettnäpfchen, Lobbiyst für das korrupte Unternehmen. Und als solcher schrieb er noch im April letzten Jahres für die FAZ einen Artikel mit Titel "Ein Virus namens Leerverkäufe", der Wirecard sehr gefallen haben dürfte - denn Wirecard war längst umstritten, und es wurde gegen das Unternehmen spekuliert. Dass die Zeitung Guttenbergs Artikel ohne jeden Hinweis auf seine Tätigkeiten abdruckte, sieht Arne Semsrott bei heise.de kritisch. Auch bei der Süddeutschen hatte der Lobbyist publiziert. Der Fall werfe ein schiefes Licht auf die Zeitungen, so Semsrott: "Reicht es, wenn Redaktionen darauf vertrauen, dass Ex-Politiker:innen Gastbeiträge vor allem aus Mitteilungsdrang verfassen und nicht aus geschäftlichen Interessen? Wenn mangels Offenlegungspflicht Geschäftsverbindungen von Ex-Ministern nicht öffentlich sind, hätte die FAZ (und die Süddeutsche Zeitung beim früheren Beitrag) nicht bei zu Guttenberg nachfragen müssen, ob er mögliche Interessenkonflikte hat?"
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