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9punkt - Die Debattenrundschau

Wie viel vermeintlich Bekanntes wir gar nicht genau wissen

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.04.2021. In der Zeit spricht die Historikerin Susanne Heim über den Abschluss der monumentalen Edition "Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden". Es werden Genozide kommen, schlimmer als je, Omnizide. Schuld ist die Klimakrise, warnt der Historiker Jürgen Zimmerer in der taz. Nicht wenige Protagonisten der Studentenbewegung sind später in die extreme Rechte abgerutscht - Wolfgang Kraushaar sieht bei den Salonkolumnisten Kontinuitäten. Während Alexei Nawalny um sein Leben kämpft, sucht der sächsische Ministerpräsident 160 Kilometer entfernt bei einem Sektempfang einen  "Modus der Verständigung" mit Putin , notiert die Zeit.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.04.2021 finden Sie hier

Europa

Geht es darum, Nord Stream 2 zu retten? Die deutsche Politik kneift beim Thema Nawalny, schreibt Alice Bota in der Zeit: "Mitten in der Pandemie reist der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer für Gespräche und eine Ausstellungseröffnung mit einer Delegation nach Moskau - während etwa 190 Kilometer entfernt vom Sektempfang Nawalny in der Strafkolonie um sein Leben kämpft. Vor seiner Abreise hat Kretschmer einen Artikel veröffentlicht: Ein 'Modus der Verständigung' mit Russland müsse gefunden werden." Mehr zum Thema im Blog von Richard Herzinger.

Aus den "kleinen, haarigen" Kratzbürsten der Achtziger sind kalkulierende Konservative geworden und dank perfekter Inszenierung merkt es kaum jemand, schreiben Alexander Gorkow und Gerhard Matzig in der SZ in Richtung der Grünen: "Wenn Baerbock von 'Freiheit, Sicherheit und Wohlstand' spricht, ist das eine tolldreiste Wilderei im Gehege des liberalen Konservatismus. Die nur möglich ist, weil CDU und CSU im Gegenzug retardieren und im Sandkasten heulend und angepinkelt aufeinander eindreschen wie einst die Grünen auf ihrem wirklich entsetzlichen 'Farbbeutel-Parteitag' im Jahr 1999 (die Jüngeren: bitte googlen). Mitten in der Vollkrise schreien die beiden Typen von CDU und CSU heraus, was zählt: das Ego."

Nach dem historischen Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Sterbehilfe muss das Thema gesetzlich neu geregelt werden. Bernhard Schlink schreibt in der FAZ (politischer Teil) über den "schwierigen Weg zu einer gesetzlichen Regelung" und benennt den anhaltenden Skandal des Widerstands durch Gesundheitsminister Jens Spahn: "Es wäre Sache des Bundesgesundheitsministers und der Bundesregierung, eine Gesetzesvorlage einzubringen. Aber sie machen dazu keine Anstalten. Das kann bei einem Bundesgesundheitsminister nicht verwundern, der schon dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 2. März 2017 zur Sterbehilfe in extremen Ausnahmesituationen den Gehorsam verweigert hat, weil, so heißt es, sein Gewissen ihm jeglichen Beitrag zur Sterbehilfe und damit den Gehorsam gegenüber der Rechtsprechung verbietet, den er als Amtswalter schuldet."

Serbien gehört zu den europäischen Ländern, die am schnellsten seine Bürger impften - vor allem mit Impfstoff aus China. Im Tagesspiegel erklärt der Belgrader Schriftsteller und Journalist Dragoslav Dedovic, wie das gelingt: "Zunächst ist Serbien mit knapp sieben Millionen Einwohner ein kleines Land. Vorteile kleinerer Systeme im Vergleich zu größeren liegen auf der Hand. Wenn sie dann auch noch zentralisiert aus einem Machtzentrum geführt werden - mit einer extrem geringen Transparenz -, steigert das kurzfristig ihre Effizienz. In Belgrad sind nicht nur die Preise der Beatmungsgeräte und Impfstoffe ein Staatsgeheimnis. Demokratische Prozeduren und Standards aller Art verlangsamen zudem die Entscheidungsfindung. Ignoranz gegenüber gesetzlichen und internationalen Spielregeln beschleunigen sie hingegen."
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Gesellschaft

Denis Gießler spricht für die taz mit der Zeithistorikerin und Autorin des Buchs "Avantgarde der Computernutzung: Hackerkulturen der BRD und DDR" Julia Gül Erdogan über die Geschichte des Hackens in Deutschland: "Die linke Szene spielte eine wichtige Rolle. Auch wegen der Räumung besetzter Häuser kam sie im September 1981 in Berlin zum 'Tuwat-Kongress' zusammen. In den Redaktionsräumen der taz trafen sich Computeramateure, woraus der Chaos Computer Club (CCC) hervorging. Wau Holland, einer der Gründer, verstand es, das Image des guten Hackers zu etablieren, der sich für Datenschutz einsetzt und Sicherheitslücken aufspürt."

"Das Niveau der Auseinandersetzung hat einen Tiefpunkt erreicht", kommentiert Andreas Platthaus in der FAZ knapp die Meldung, dass auf das Buchhaus Loschwitz in Dresden ein Buttersäure-Attentat verübt wurde. Dort leben auch die Inhaberin Susanne Dagen und ihre Familie. Dagen, die auch Monika Maron verlegt hat, wird beschuldigt, der AfD nahezustehen. In der FAZ meldet Gina Thomas auch, dass Richard Dawkins den Titel "Humanist des Jahres" verliert, weil er mit einem Tweet die Transgemeinde gegen sich aufgebracht hat.
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Ideen

Es werden Genozide kommen, noch schlimmer, als alle Genozide, die es je gegeben hat - durch die Klimakrise, warnt der postkoloniale Historiker Jürgen Zimmerer im Interview mit Petra Schellen von der taz-Nord. Zimmerer, der der westlichen Welteroberung die Schuld am Problem gibt, gehört zu den Unterzeichnern eines Appells, in dem Genozidforscher vor der Klimakrise warnen. "Und Europa wird sich nicht abschotten können. Damit stellt sich die Frage: Wird Europa bereit sein, seine Grenzen noch stärker mit Waffengewalt gegen Klimageflüchtete zu verteidigen, wird man auf Menschen schießen lassen? Und was macht das mit dem Liberalen, Freiheitlichen, Humanitären, auf das sich Europas Selbstverständnis gründet? Wird das autoritäre Tendenzen weiter stärken? Wir erleben schon jetzt einen Rechtsruck, eine Verteidigungsbewegung, um die Welt, wie man sie kennt, aufrecht zu erhalten. " Auch die Genozidforschung müsse ihren Blick ändern. Sie habe sich "bislang stark auf ideologische Ursachen konzentriert. Das liegt daran, dass sie aus der Holocaust-Forschung kommt." In dem Aufruf der Forscher ist gar von einem kommenden "Omnizid" die Rede.

Außerdem: Der Historiker Matthew Vollgraff antwortet in der FAZ auf Horst Bredekamp, der dem Humboldt-Forum unter postkolonialen Vorzeichen vorwarf, die liberale Tradition der Ethnologie unterzupflügen (unsere Resümees). Bredekamp, so Vollgraff , wolle "die Geschichte der Ethnologie zu einer rein geistigen Ideengeschichte zu erheben, ohne sich mit ihren konkreten Verstrickungen mit den Orten imperialer Expansion oder kolonialer Plünderung aufzuhalten." Jürgen Schloemann fasst in der SZ die Debatte um die "Classical Studies" und ihren angeblichen Rassismus zusammen, die zur Schließung der altphilologischen Institute an der schwarzen Howard University führten (unser Resümee). In der Zeit verteidigt der Politologe Thomas Biebricher die Postmoderne gegen aktuelle Kritik im Namen der Aufklärung.
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Archiv: Ideen

Geschichte

Die monumentale 16-teilige Edition "Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden" ist abgeschlossen. Sie versammelt zentrale Zeugnisse zum Holocaust - sowohl von Tätern, als auch von Opfern und Zuschauern. (Aus einigen Bänden wurden im Perlentaucher vorabgedruckt.) In der Zeit spricht die Herausgeberin Susanne Heim mit Christian Staas - auch über den eigenen Erkenntnisprozess beim Lesen der Dokumente: "Ich war erstaunt, wie viel vermeintlich Bekanntes wir gar nicht genau wissen: Wer etwa hat angefangen mit der Kennzeichnung jüdischer Geschäfte? Ging das von der SA aus, die das Wort 'Jude' an die Schaufenster geschmiert hat? Gab es Direktiven der Städte oder von ganz oben? Dasselbe gilt für die Parkbänke, auf denen stand 'Nicht für Juden'. Wer das wann entschieden hat, ist unklar Hans Mommsen nannte das 'kumulative Radikalisierung' - und dafür liefert die Edition in der Tat starke Indizien. Verwaltungsbeamte betteln darum, die Juden endlich kennzeichnen zu dürfen. Ein Mieterschutzverein regt an, Straßen umzubenennen, die nach 'Nichtariern' heißen."

Nicht wenige prominente Anführer der Studentenbewegung von 1968 sind später in ihrem Leben in die extreme Rechte abgerutscht. Darüber unterhalten sich Ellen Daniel und Michael Miersch bei den Salonkolumnisten mit Wolfgang Kraushaar, dem Historiker der Bewegung. Der extremste Fall ist Horst Mahler, der sich vom RAF-Terroristen zum Nationalsozialisten wandelte. Kraushaar sieht "durchaus eine Kontinuität in seinem Werdegang. Drei Kernelemente seines Denkens sind durch alle Wechsel bestehen geblieben: Erstens sein Antiliberalismus. Zweitens sein Hass auf Amerika. Er lehnte die amerikanische Kultur zutiefst ab und legte zugleich eine starke Affinität zu Russland an den Tag - zunächst zur Sowjetunion, später zum Putinismus. Das dritte Kontinuitätselement ist seine Ablehnung der westlichen Demokratie, insbesondere des Parlamentarismus."

Außerdem: In der NZZ denkt Aleida Assmann über die Begriffe Freiheit, Risiko und Sicherheit im historischen Wandel nach.
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Politik

Der Ex-Polizist Derek Chauvin ist für die Tötung von George Floyd verurteilt worden. Aber damit ist der "Chauvinismus noch lange nicht tot", schreibt die Kabarettistin und Juristin Michaela Dudley, Berlinerin mit afroamerikanischen Wurzeln, im Tagesspiegel: "Bei weißen Polizist*innen in den Vereinigten Staaten ist der Glaube an die eigene charakterliche Überlegenheit gegenüber schwarzen Mitbürger*innen leider tief verwurzelt. Zum Vergleich: Bewaffnete White Supremacists, die das Kapitol stürmen, werden auf eine verstörend selbstverständliche Weise mit Samthandschuhen angefasst. Eine gefährliche Heuchelei, die nicht von ungefähr kommt. Die Strukturen der rassistischen Polizeibrutalität in den USA, die längst auch im Norden grassieren, gehen auf die einst in den Südstaaten tätigen Sklavenpatrouillen zurück. Wer als Nicht-Weißer ins Visier einer Streife gerät, wird grundsätzlich wie ein Krimineller behandelt."

Die in den USA lebende afroamerikanische, deutsche Juristin Johanna Soll ist in der FR über das Urteil erleichtert: "Zwar betonte die Staatsanwaltschaft in ihrem Schlussplädoyer, dass es nicht um die Verurteilung der Polizei als Institution, sondern lediglich um das Urteil in diesem Fall geht, in dem der Ex-Polizist Derek Chauvin George Floyd tötete. Aber selbstverständlich geht es in diesem Fall nicht nur um den tragischen, völlig unnötigen Tod von Georg Floyd, sondern um strukturelle Polizeigewalt in den USA, die für die Gewalttäter:innen, die Polizist:innen, so oft ohne echte Konsequenzen bleibt. Entsprechend ist das Echo in den US-Leitmedien gleichlautend mit dem der linken US-Medien: Man ist erleichtert und bewertet das Urteil gegen Derek Chauvin als richtig und wichtig."
Archiv: Politik