9punkt - Die Debattenrundschau

Fetischisierungen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.09.2019. Heute ist der große Tag der Klima-Proteste. Die taz ist eine Klima-taz und fragt, warum die Deutschen, die doch Weltmeister des Diskurses sind, stets die Ziele verfehlen. In der Welt kritisiert Björn Lomborg, dass die Debatte um den Klimawandel viele andere wichtige Probleme der Welt verdränge. The Verge resümiert noch einmal die amerikanische Debatte um den Epstein-Skandal in wissenschaftlichen Institutionen. In der FAZ schildert Bülent Mumay die Zerstörung des Istanbuler Zentrums durch die türkische Religionsbehörde.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.09.2019 finden Sie hier

Gesellschaft

Heute ist ein Freitag für die Zukunft. Die taz kommt als "Klima-taz". Unternehmen wie Lidl und EnBW haben brav Anzeigen geschaltet. Es sind zu viele Interviews und Analysen um sie zu zitieren. Immerhin versucht Bernhard Pötter zu klären, warum "seit 14 Jahren eine Klimaschützerin das Land regiert" und "trotzdem alle Ziele zur CO2-Reduktion verfehlt" werden. Vielleicht hat es damit zu tun: "2011 nutzt Merkel eine akute Krise für einen grünen Schwenk: Nach der Atomkatastrophe von Fukushima und der Wahlkatastrophe von Stuttgart, wo die CDU das Schaffer-Ländle ausgerechnet an die Grünen verliert, ruft sie die 'Energiewende' aus." Die nur fürs Klima nicht so gut ist. Und dann das: "'2013 war eine gute Chance, beim Klimaschutz voranzukommen', sagt einer, der an vielen Entscheidungen eng beteiligt war. Aber daraus wird nichts. Die SPD stellt in der zweiten Groko die Kohle unter Artenschutz..."

In der selben Ausgabe spricht Naomi Klein mit Natalie Hanman über ihr neues Buch "On Fire".

"Die globale Erderwärmung ist nicht das zentrale Problem unserer Welt", sagt der dänische Politikwissenschaftler und Statistiker Björn Lomborg im Welt-Gespräch mit Andrea Seibel und fährt fort: "Die Klimafokussierung frisst alle Empathie für die wirklich großen Menschheitsprobleme wie Armut, Seuchen und Unterernährung". Eine "religiöse Fixierung" auf das Klima helfe nicht weiter, stattdessen sollten Statistiken in Relation betrachtet und neue Technologien geschaffen werden: "Bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der Tran der Wale als Lichtquelle genutzt. Das führte dazu, dass die Wale fast ausgerottet wurden. Die richtige Lösung war dann doch nicht, zu sagen: 'Entschuldigen Sie bitte, könnten Sie die Lampe etwas dimmen, damit wir Energie sparen?', sondern man fand Öl in Pennsylvania und musste nicht mehr auf die Ozeane rausfahren und diese wunderbaren großen Säugetiere töten. Das war ein technologischer Durchbruch und kein moralischer Impetus."

RedakteurInnen der Berliner Zeitung haben sich angeschaut, wie es weltweit um den Klimaschutz steht, etwa in Russland: "Russische Offizielle verweisen immer wieder darauf, man habe schon jetzt das Versprechen erfüllt, den Ausstoß von Treibhausgasen bis 2030 auf 70 Prozent zu reduzieren. Aber nach Ansicht von Ökologen ist diese Rechnung Heuchelei. Denn sie geht von den Werten des Jahres 1990 aus. Ein Großteil der Industrie von damals arbeitet nicht mehr, die Emissionen sanken deshalb von selbst um mehr als 45 Prozent. Aber auch so bleibt Russland viertgrößter CO2-Emittent weltweit."

Wer den politischen Islam oder die Identitätspolitik kritisiert, wird sofort als Rechter etikettiert, ärgert sich der marokkanische Schriftsteller Kacem El Ghazzali in der NZZ. Islamisten freuen sich natürlich, helfen die angeblich Progressiven doch, religiösen Fundamentalismus zu festigen, etwa wenn sie das "Tragen der Burka im Westen als Ausdruck von persönlicher Freiheit" verklären. "Der syrische Publizist Sami Alkayial erklärt diese Fetischisierung des islamischen Schleiers treffend: 'Der verschleierte weibliche Körper ist das auffälligste und wirkmächtigste Symbol des von Linken angestrebten Pluralismus.' Das heißt: Der Schleier ist für sie das leicht erkennbare Zeichen dafür, dass 'der Muslim' anders ist und anders bleiben muss - und nur so darf er auf die Anerkennung durch die Multikulturalisten hoffen."

Völliges Unverständnis löst ein Urteil des Berliner Landgerichts gegen die Grünen-Politikerin Renate Künast aus, die Facebook auf die Herausgabe von Nutzerdaten verklagt hat - und abschlägig beschieden wurde. In der Berliner Morgenpost berichtet Philipp Siebert: "Äußerungen wie 'Knatter sie doch mal so richtig durch, bis sie wieder normal wird' wurde als 'mit dem Stilmittel der Polemik geäußerte Kritik' gewertet. Die Unterstellung, dass Künast 'vielleicht als Kind ein wenig zu viel gef…' wurde, ist laut Beschluss 'überspitzt, aber nicht unzulässig'. Die Forderung, sie als 'Sondermüll' zu entsorgen, habe 'Sachbezug'. Attribute wie 'Stück Scheiße', 'Schlampe' sowie 'Geisteskranke' wurden als 'Auseinandersetzung in der Sache' gewertet."

Bei Netzpolitik kommentiert Chris Köver dieses Urteil und bringt die Rechtslage in Erinnerung: "Seit einem Jahr soll eigentlich das Netzwerkdurchsetzungsgesetz Abhilfe dagegen leisten. Strafbare Äußerungen müssen von den großen Plattformen wie Twitter und Facebook seitdem binnen 24 Stunden aus dem Netz gelöscht werden. Ein gängiger Kritikpunkt am Gesetz: Nicht das Löschen, sondern die Strafverfolgung muss das Ziel sein. Nur so werde man im Netz für mehr Affektkontrolle sorgen und Betroffene schützen."
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Wissenschaft

Elizabeth Lopatto fasst in The Verge noch mal (mit vielen nützlichen Links) die amerikanische Debatte um Jeffrey Epsteins Einfluss in Spitzeninstituten der Wissenschaft zusammen. Einer der Wissenschaftler, die Geld von Epstein bekam, hielt sich  den "Tunnelblick des Nerds" zugute. Aber Lopatto will das nicht gelten lassen: "Seien wir ehrlich: Leute, die auch nach seiner Verurteilung noch Geld von Epstein annahmen, kümmerte sein Missbrauch der Mädchen nicht. Nie dachte jemand mit 'nerd tunnel vision' über die demoralisierende Wirkung dieses Geldes auf Frauen in der Wissenschaft nach und keiner machte sich Gedanken über die Frauen, deren Arbeit keine Unterstützung bekam."
Archiv: Wissenschaft
Stichwörter: Epstein, Jeffrey

Kulturpolitik

Geschmacklos findet Catrin Lorch in der SZ den Umgang des Bayerischen Nationalmuseums mit den Nachfahren des jüdischen, im Nationalsozialismus enteigneten Kunsthändlers Otto Bernheimer, die trotz klarer Beweislast weiterhin auf die Rückgabe eines Sekretärs warten müssen. Wundern kann sich Lorch allerdings kaum, auch internationale Wissenschaftler schütteln den Kopf über die "mangelnde Aufarbeitung" vor allem in bayerischen Museen, schreibt sie: "Ausgerechnet in Bayern, wo besonders viel Raubkunst nach dem Krieg von den 'Monuments Men' der Alliierten aufgefunden und gelagert wurde, verzögern sich selbst offensichtliche Restitutionsfälle, weil die Provenienzforscher langsam arbeiten. Von den mehr als tausend verdächtigen Werken in den Staatsgemäldesammlungen wurden in der Nachkriegszeit gerade mal ein Dutzend restituiert. Internationale Provenienzforscher sprechen von einer spezifisch deutschen Ignoranz, weil Behörden zu selten die Opfer in den Mittelpunkt der Bemühungen stellen."
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Europa

Daran, dass es sich in Österreich derzeit um den schmutzigsten Wahlkampf aller Zeiten handelt, hat Karl Markus Gauß in der SZ seine Zweifel - zu präsent ist ihm im Gegensatz zu seinen Landsleuten noch die Wahl vor zwei Jahren. Indem FPÖ und ÖVP "für jedwede soziale Frage eine ethnische Antwort parat hatten, haben sie mit einer ungemein schmutzigen Propaganda das Land verändert und die politische Debatte folgenreich bis heute simplifiziert. Damals ging es aggressiv allerdings gegen eine bestimmte Menschengruppe, was offenbar nicht als verwerflich gilt. Der ewige Bezug auf die Flüchtlinge reicht zwei Jahre später jedoch nicht mehr aus, um einen ganzen Wahlkampf erfolgreich zu bestreiten. Vielleicht hätte man es daher mit der pointierten Debatte über die grundsätzlichen Werte, auf denen die Republik aufbauen sollte, und mit bestimmten Sachfragen probieren können, von der Klimakrise, der Integration der Zuwanderer und der Wohnungsnot bis zur Zukunft von Arbeit und Bildung. Doch eine solche Debatte scheint den Bürgern nicht mehr zuzumuten zu sein."

Die völlige Verödung der Istiklal-Straße, einst pulsierendes Zentrum Istanbuls, und des Taksim-Platzes, in den sie mündet und der seit den dortigen Protesten von der Polizei verbarrikadiert wird, schildert Bülent Mumay in seiner FAZ-Kolumne. Die auch in Deutschland so einflussreiche Religionsbehörde Diyanet wacht über den Wandel: "Bald ersetzten vor allem zwecks Haarimplantation anreisende Touristen aus Nahost die fernbleibenden jungen Leute, Intellektuellen und Angestellten. Buchhandlungen wichen Shisha-Bars, anstelle von Galerien öffneten neonbeleuchtete Süßspeisen- und Puddingshops. Der Neubau einer Riesenmoschee am Taksim-Ende der Istiklal krönte schließlich den Wandel in Beyoglu."

Cécile Chambraud liest in Le Monde das Buch "L'Affaire Ramadan" der Libération-Journalistin Bernadette Sauvageot, das die Vorwürfe gegen den charismatischen Islamisten Tariq Ramadan noch einmal kontextualisiert. Mehrere Frauen werfen ihm sadistische Vergewaltigungen vor. Meist soll er vorher per Facebook mit ihnen geflirtet haben. Auf die Frage, warum die Frauen sich auf ihn einließen, antwortet Chambraud: "Die Erklärung hat sicher zum Teil mit der Aura Ramadans zu tun. Bernadette Sauvaget, die seit rund zwanzig Jahren über religiöse Themen berichtet und Ramadans Weg  verfolgt, gibt ein detailliertes Bild der Schweiz, seiner Familiengeschichte, seiner Karriere in Frankreich dank einer Gruppe von Aktivisten aus Lyon, seines einsamen, misstrauischen, manipulativen Charakters, der keine Konkurrenz erträgt."
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Medien

Gregory Lipinski resümiert bei Meedia Neuestes zu Sparplänen bei Springer nach dem einstieg des Investors KKR. Vor allem soll die Sparte "News Media" dran glauben, womit selbstredend die Zeitungen Welt und Bild gemeint sind: "Von dem Personalabbau sollen aber auch die Druckereien und die Vermarktung nicht ausgenommen sein. Vor allem das Druckgeschäft hat in den ersten sechs Monaten 2019 kräftig Federn gelassen. So gingen die Umsatzerlöse im Segment Services/Holding, zu der die Druckereien gezählt werden, gegenüber dem vergleichbaren Vorjahreszeitraum durch den marktbedingten Rückgang im Geschäft mit Druckerzeugnissen um 10,5 Prozent zurück."
Archiv: Medien
Stichwörter: Springer Verlag