9punkt - Die Debattenrundschau

Überhöhung krimineller Akte

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.03.2019. Die katholische Kirche arbeitet ihre Geschichte des sexuellen Missbrauchs ungenügend auf, findet der Tagesspiegel. In der NZZ mahnt der Theologe Jan Heiner Türck, dass ein Vorzeigen geistlicher Zerknirschung nicht ausreicht, um das Thema zu bewältigen. In der SZ fordert Francis Fukuyama eine Besinnung auf den Nationalstaat. In Japan wird die Presse im Sinne einer nationalistischen Ideologie gleichgeschaltet, berichtet die FAZ. Der Fall Relotius stellt die ganze deutsche Reportagekultur in Frage, meint der Medienjournalist Kai-Hinrich Renner in der Morgenpost. Die Salonkolumnisten wollen keine autoritäre Postwachstums-Gesellschaft gegen den Klimawandel.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.03.2019 finden Sie hier

Gesellschaft

Bei den Salonkolumnisten ist eine Debatte zu einem Papier der #Scientists4Future entbrannt, in dem tausend Wissenschaftler die Schülerbewegung für eine neue Klimapolitik unterstützen. Die Historikerin und Atomenergieverfechterin Anna Veronika Wendland stört sich vor allem an dieser Passage der "Scientists for Future": "Dieser Wandel bedeutet unter anderem: Wir führen mit neuem Mut und mit der notwendigen Geschwindigkeit erneuerbare Energiequellen ein. Wir setzen Energiesparmaßnahmen konsequent um. Und wir verändern unsere Ernährungs-, Mobilitäts- und Konsummuster grundlegend."

Dazu sagt Wendland: "Zu einer hundert Prozent low-carbon-Strategie würde aber vor allem die Kernenergienutzung gehören, so sehr sich der deutschsprachige Raum in einer Sonderwegs-Entwicklung dagegen auch wehrt." Und "ich will nicht in einer autoritären Postwachstums-Gesellschaft leben, um in einer klimatisch (vielleicht) geretteten Welt zu leben, sondern ich will eine liberale, demokratische Industriegesellschaft, die den Anforderungen der Zukunft genügt. Jene Gesellschaftsform, die Sie da affirmieren, wird keine Industriegesellschaft sein können." Auf Wendlands Polemik antwortete inzwischen der Agrarökonom Lukas Flinzberger, der Wendland vorwirft, ihre Atomagenda zu verfolgen, worauf wiederum Wendland antwortet.

Ferda Ataman, Autorin des Buchs "Ich bin von hier - Hört auf zu fragen!", erklärt im Gespräch mit Dinah Riese von der taz, warum sie die deutsche Integrationsdebatte für "völlig verlogen" hält: "Es interessiert uns nur, wo die Integration gescheitert ist. Wir haben auch nie geklärt, ab wann sie gelungen und abgehakt ist - weil sie es offenbar nie ist. Migranten und Migrantisierte stehen in der ewigen Bringschuld, ebenso ihre Kinder und Enkel. Politiker missbrauchen die Forderung nach Integration, um zu zeigen, wie konservativ und hartgesotten sie sind. Auch, wenn das an der Realität vorbeigeht. Denn eigentlich könnten wir total zufrieden sein."

Wann hat es das in Amerika je gegeben? Der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom hat in seinem Staat die Todesstrafe ausgesetzt, die Hinrichtungszelle in San Quentin für stillgelegt erklärt und seine Maßnahme damit begründet, dass "die Todesstrafe unseren wichtigsten Werten widerspricht und das Innerste der kalifornischen Identität verletzt". Das Editorial in der New York Times macht darauf aufmerksam, dass die Sache damit nicht ausgestanden ist: "Der Gouverneur kann Exekutionen erst stoppen, nachdem die Strafe verhängt wurde. Das Gesetz ermächtigt die lokalen Staatsanwälte, von denen viele die Todesstrafe nach wie vor uneingeschränkt unterstützen, immer noch, die Todesstrafe zu beantragen. Im Jahr 2016 unterstützten die Wähler knapp eine Initiative, Exekutionen zu beschleunigen, und in der Vergangenheit haben sie Versuche, die Todesstrafe abzuschaffen, stets abgelehnt."
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Europa

Für die Welt blickt Thomas Kielinger nochmal auf die Wurzeln des Brexit-Desasters, das er in der britischen Doppelnatur zwischen Souveränität und EU-Abhängigkeit begründet sieht: "Das britische Europa-Narrativ ist anders als das des Kontinents, es hat sich nie inspirieren lassen von den Vorteilen der EU, kaum je wurde ein Wort über die signifikante Entwicklungshilfe für ärmere Gegenden der Insel aus dem Brüsseler Regionalfonds und anderen Quellen der EU verloren. Auch Cameron verteidigte sein Referendum unter dem Motto einer 'Battle for Britain' - es ging immer um die Abwehr der EU-Zentrale. Ein Versuch, das europäische Projekt in den 43 Jahren der Mitgliedschaft zu verstehen, wurde erst gar nicht unternommen. (...) Der Beweis ließ nicht lange auf sich warten: Am Morgen nach dem Referendum vom 23. Juni 2016 war die am meisten gegoogelte Frage der britischen Internetnutzer: 'What is the EU?'"

Das Brexit-Votum war nicht mehr als eine "surreale, populistische Farce", schreibt indes Carolin Emcke in der SZ. Es fehlte: "die Möglichkeit für die Bürgerinnen und Bürger, sich mit ausreichend substantiellen Informationen zu versorgen, die politischen Behauptungen auf ihre Rationalität hin zu prüfen, die abstrakten Szenarien in konkrete Erfahrungen zu übersetzen - und dann zu entscheiden, ob und wie sie darin vorkommen wollen."

Im SZ-Interview mit Karin Janker spricht der Politologe Francis Fukuyama über die Krise der liberalen Demokratie, die wechselseitige Bedingung von linker und rechter Identitätspolitik und empfiehlt der Linken empfiehlt eine pragmatische Besinnung auf den Nationalstaat: "Es wäre schön gewesen, wenn es der Europäischen Union gelungen wäre, die einzelnen nationalen Identitäten durch eine europäische Identität zu ersetzen. Aber das ist ihr nicht gelungen. Der Nationalstaat ist nach wie vor der Ort politischer Macht. Die Menschen spüren die Nation im politischen Alltag ständig. Das heißt nicht, dass man nicht mit anderen Staaten kooperieren oder die EU abschaffen sollte. Aber die Integration neuer Mitbürger, in der globalisierten Welt eine Notwendigkeit, kann nur auf nationaler Ebene gelingen."

Ebenfalls in der SZ greift Grzegorz Schetyna, Vorsitzender der polnischen Bürgerplattform und der Europäischen Koalition der vereinten polnischen Oppositionskräfte, Macrons Appell an die Bürger der EU auf (Unser Resümee), um seinerseits ein flammendes Plädoyer pro Europa und gegen den Populismus, vor allem in Polen, zu halten: "Die Regierung hat Polen in der EU so marginalisiert, dass seine Stimme kaum noch Gewicht hat. Daher finden alle vernünftigen polnischen Politiker, dass es im Interesse der nationalen Sicherheit lebensnotwendig ist, unser Land auf eine angesehene und aktive Position in den europäischen Strukturen zurückzuführen. Doch dazu wird es nicht kommen, wenn wir die PiS nicht besiegen. Erringt sie eine zweite Regierungszeit, könnte Kaczyński die letzten Dosen seines fremdenfeindlichen Giftes verabreichen und Polens Justiz und Medien völlig den Launen seiner Partei unterwerfen. Kann ein Land ohne unabhängige Justiz in der EU bleiben? Ich glaube nicht."
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Religion

Statt der bisher aus Mitteln der katholischen Kirche gezahlten 5.000 Euro Entschädigung an die Missbrauchsopfer sollen die Täter künftig selbst zahlen, schreibt im Tagesspiegel Frank Bachner, der mit Opfern, etwa Matthias Katsch, Betroffener im Canisius-Skandal, gesprochen hat. Die Kirche habe noch einen weiten Weg vor sich, nicht zuletzt, weil einige Bistümer nach wie vor mauern: "So lange nicht das System Kirche mit ihren männerbündlerischen Strukturen, ihrem Hierarchiedenken, der Abhängigkeit von einem Bischof, der fehlenden Möglichkeit, die Arbeit leitender Kleriker unabhängig zu kontrollieren, modifiziert wird, so lange vertrauen Opfer nicht der Kirche. 'Das System, das diesen Missbrauch ermöglicht hat, funktioniert noch', sagte Katsch. 'Kinder und Jugendliche sind noch akut gefährdet.' Auch die finanziellen Leistungen der Kirche empfinden Opfer wie Katsch schlichtweg als Hohn. Erstens sind 5.000 Euro aus ihrer Sicht viel zu wenig. Zudem zahlt die Kirche nicht 'in Anerkennung der Schuld', sondern des Leids. Aus Sicht der Kirche ein Entgegenkommen."
 
In der NZZ greift der katholische Theologe Jan Heiner Türck, der Franziskus' Rede genau analysiert, noch einen anderen Punkt auf. Durch die Bezeichnung der Täter als "Werkzeuge des Satans" dämonisiere er die Akteure, so Türck: "Mit dem sexuellen Missbrauch stehe die Kirche vor dem 'Geheimnis des Bösen', das man bekämpfen müsse. Der Topos des geistlichen Kampfes mag im spirituellen Schrifttum der Kirche weit verbreitet sein, zur Bewältigung der Missbrauchsfälle taugt er wenig. Die theologische Überhöhung krimineller Akte verschleiert die Ursachen, trübt die Analyse und blockiert Reformen. Hinzu kommt: Wenn Franziskus Missbrauchstäter zu Agenten des Teufels stilisiert, droht er deren Verantwortung zu halbieren. Die Verfehlungen sind dann nicht nur menschliche Freiheitsakte, sondern gehen zugleich auf diabolische Einflüsterungskunst zurück."
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Archiv: Religion

Kulturpolitik

Die Augen noch ganz feucht vom Savoy/Farr-Bericht (Unser Resümee) ist Jörg Häntzschel in der SZ ziemlich enttäuscht von der vom Bund, Ländern und Kommunen verabschiedeten Erklärung zum Umgang mit kolonialer Raubkunst, die ihm viel zu nüchtern und verhalten erscheint: "Über all diesen erinnerungspolitischen Rücksichtnahmen kommen die Herkunftsgesellschaften sehr kurz. Ihnen wurden 'Kulturgüter geraubt, die für ihre Geschichte und ihre kulturelle Identität prägend sind', stellen die Autoren eingangs lapidar fest. Doch danach ist von ihnen kaum noch die Rede. Viel Raum erhalten statt dessen die Deutschen und ihr Gewissen, es geht um Schuld, Erinnern, Bewusstmachen. Die Menschen, die in den ehemaligen Kolonien auf ihre gestohlenen Objekte warten, haben davon wenig."

Geschichte

Ganz inspiriert kehrt Christine Wahl im Tagesspiegel von einer Diskussion im Berliner HAU mit dem Titel "DDR neu erzählen!" in Gegenwart von Klaus Lederer zurück, bei der etwa Carola S. Rudnick, die 2011 zur DDR-Aufarbeitung promovierte und jetzt die "Euthanasie"-Gedenkstätte Lüneburg leitet, eine der "Schieflagen" benannte, "an denen die DDR-Erinnerungskultur aus akademischer Sicht kranke: Dadurch, dass die Historisierung der DDR direkt mit ihrem Ende eingesetzt habe, so Rudnick, sei die Aufarbeitung zuerst nicht von Historikern unternommen worden. Vielmehr hätten (interessensgesteuerte) Politiker die Deutungshoheit gewonnen beziehungsweise Zeitzeugen, die - Stichwort ehemaliges Stasigefängnis Hohenschönhausen - massiv unter dem DDR-Regime gelitten haben: Moralisch nachvollziehbar, aber für die historische Einordnung, so Rudnick, nicht immer und unbedingt förderlich. Auch Täterforschung sei wichtig: 'Nur aus der Opferperspektive können wir Geschichte nicht verstehen.'"
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Medien

(Via turi2) War der Fall Relotius nur das Extrem einer Praxis, die im deutschen Journalismus gang und gäbe ist? Der bekannte Medienjournalist Kai-Hinrich Renner hat sich für die Morgenpost eine Vorlesung des vielfach ausgezeichneten Spiegel-Reporters und Relotius-Förderers Ulrich Fichtner angehört, der glatt empfiehlt, bei Reportagen die Aussagen mehrerer Personen einer einzigen Person zuzuschreiben, um die Geschichte flüssiger zu machen. Fichtner hat auf Renners Fragen mit einer Mail reagiert, die Renner aber nicht zitieren darf. Die Technik des "Verschmelzens" scheint nicht ganz neu zu sein, erläutert Renner: "Es hilft auch wenig, dass der Medienwissenschaftler Michael Haller in seinem 1987 erschienenen Standardwerk 'Die Reportage' das Verschmelzen von mehreren Personen in eine Figur für legitim hält. Auf Hallers seltsame Lehrmeinung hat im Zusammenhang mit dem Skandal um Claas Relotius, der für den Spiegel 55 Texte fälschte, bereits im Januar der Medienjournalist Stefan Niggemeier hingewiesen. Haller habe ihm gesagt, schreibt Niggemeier, dass er eine entsprechende Passage in einer Neuauflage des Buches ändern werde."

In Japan wird die Presse gleichgeschaltet im Sinne einer beschönigenden Geschichtspolitik. Die im Ausland viel gelesene Japan Times hat sich im November von Begriffen wie "Zwangsarbeit" und "Trostfrauen" distanziert, um die japanische Kriegsverbrechen im Sinne heutiger Geschichtspolitik erneut zu verschleiern, berichtet Axel Weidemann in einem interessanten Hintergrundtext in der FAZ. "Im Ausland berichteten der Guardian und Reuters von dem Vorfall. Die New York Times, die seit 2013 eine Publikationskooperation mit der JT unterhält, hüllte sich in Schweigen. Auch die großen japanischen Zeitungen halten still. Die englischsprachige Ausgabe der konservativen Yomiuri Shinbun, The Japan News, hatte Ende November 2014 schon eine klägliche Stellungnahme veröffentlicht, in der man sich für den Gebrauch des Wortes 'Sex-Sklavinnen' und 'andere unpassende Ausdrücke' öffentlich entschuldigte."
Archiv: Medien