9punkt - Die Debattenrundschau

Der entscheidende Erfahrungsunterschied

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.11.2018. Horst Bredekamp, einer der drei Gründungsintendanten des Humboldt Forums, widersetzt sich in Dlf Kultur den weitreichenden Forderungen Bénédicte Savoys zur Restitution afrikanischer Kunst. Netzpolitik spricht mit dem Whistleblower Christopher Wylie, der eine intensivere Aufarbeitung des Cambridge-Analytica-Skandals fordert. Ursula Pachl vom europäischen Verbraucherschutzverband erklärt in SZ-Online, warum sie Beschwerde gegen Googles Erhebung von Standortdaten der Nutzer einlegen will. Libération fragt: Wo ist der Fotograf Lu Guang?
Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.11.2018 finden Sie hier

Kulturpolitik

Horst Bredekamp, einer der drei Gründungsindentanten des Humboldt Forums, widersetzt sich den weitreichenden Forderungen aus dem Manifest zur Restitution afrikanischer Kunst, das seine Kollegin Bénédicte Savoy dem französischen Präsidenten übergeben hat (unsere Resümees). Die deutschen Sammlungen seien nicht so von kolonialem Geist kontaminiert wie etwa die französische so Bredekamp im Gespräch mit  Eckhard Roelcke von Dlf Kultur. Die Begründung klingt etwas wolkig: "In Deutschland gab es keinen Nationalstaat und das ist der fundamentale Unterschied gegenüber Frankreich, das seit dem 17. Jahrhundert, seit dem Sonnenkönig, eben alle Macht in Paris konzentriert hat. In Deutschland ist jeder Bewohner, der über etwa hundert Kilometer gereist ist, in eine neue Nation gekommen, in eine neue Gemeinschaft, er musste sich umorientieren, er musste seinen eigenen Standpunkt relativieren, das ist der entscheidende Erfahrungsunterschied, der ... einen Universalismus hat entstehen lassen, der mit Leibniz zu verbinden ist."

Israel ist immer noch ein demokratischer Staat. Das zeigt sich für Hannah Lühmann (Welt) unter anderem darin, dass die Abstimmung über das umstrittene Loyalitätsgesetz, das staatliche Hilfen an die Loyalität von Künstlern für die israelische Regierung knüpfen wollte, von der Knesset nach landesweiten Protesten auf unbestimmte Zeit verschoben wurde: "Losgegangen war die Kampagne zu Beginn des Jahres als Regev dem arabischen 'Al-Midan'-Theater über eine Million Schekel vorenthalten hatte; das Kulturministerium hatte sich schon länger in die Finanzen des Theaters eingemischt, nachdem dieses ein Stück über den Terroristen Walid Daka auf die Bühne gebracht hatte. Die Proteste gegen den Gesetzesentwurf waren zuletzt immer lauter geworden; Kulturschaffende initiierten landesweite Demonstrationen; zuletzt verbrannten Künstler in Jerusalem öffentlich ihre Werke als drastisches Zeichen des Widerstands gegen Regevs Pläne."

Europa

Selbst nach den europäischen Standards war war die Antwort auf die russische Aggression in der Ukraine äußerst schwach, schreibt Matthew Karnitschnig in politico.eu: "'Die Entwicklungen auf dem Asowschen Meer sind inakzeptabel', sagte Federica Mogherini, die außenpolitische Sprecherin der EU, über Twitter, fast einen ganzen Tag nach den Ereignissen. Jean-Claude Juncker, der Anfang des Jahres ein Ende des '"Russland-Bashings' forderte, schwieg bisher. Was ist mit der mächtigsten Politikerin Europas?  'Die Kanzlerin betonte die Notwendigkeit von Deeskalation und Dialog', sagte der Sprecher von Angela Merkel, nachdem sie mit Putin am Telefon gesprochen hatte. Was den russischen Präsidenten betrifft, so sagte sein Sprecher, er werde sich äußern, 'wenn er es für notwendig hält'."

"Wer hat Angst vor Deutschland", fragt der Historiker Andreas Rödder im Titel seines neuen Buches. Seine Antwort im Interview mit der NZZ: "Alle." Das habe einerseits mit der Größe und wirtschaftlichen Macht des Landes zu tun, andererseits mit seinem Hang zum Moralisieren: "Die Deutschen haben das politische Argumentieren durch emotionales Moralisieren ersetzt, wobei dies wie gesagt Tradition hat. Schauen Sie auf den Wahlkampf um die Nachfolge von Angela Merkel im CDU-Vorsitz: Auf der einen Seite findet tatsächlich eine Belebung der politischen Debatte statt. Auf der anderen Seite steht eine regelrechte Kampagne gegen Friedrich Merz. Sie zeigt, wie stark ein moralisierender Mainstream in Politik, Journalismus und Demoskopie durch Empörung ausgrenzt. Die Argumente, die gegen ihn vorgebracht werden, alleine die Frage, ob der Mann Millionär ist oder nicht, auch die Verkürzungen seiner Aussagen sind geradezu grotesk." Im politischen Teil der FAZ legt Merz heute ein Papier mit seinen wichtigsten Thesen vor, alles soll christlicher und irgendwie entschiedener werden.

Außerdem: CNN veröffentlicht eine große Umfrage zu Antisemitismus in Europa, mit deprimierenden Ergebnissen: "Ein Drittel aller Europäer sagt, dass Juden den Holocaust nutzen, um Vorteile zu erzielen."
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Medien

Ohne die ungesunde Abhängigkeit vom Stellenmarkt wäre der Tages-Anzeiger schon 1993 pleite gewesen, hat der Verleger der Zeitung im Jahr 2010 mal gesagt. Karl Lüönd, einst Nachrichtenchef des Blick, erzählt in der Medienwoche, wie der Schweizer Journalismus von 1970 bis 2010 im Komfort exorbitanter Umsatzrenditen träge wurde: "Die unausgesprochene Botschaft von oben an die unterstellte Mannschaft lautete: Geld spielt keine Rolle, da vorhanden. Manchmal, etwa wenn es um begehrte Fotos ging, spielten uns clevere Agenturen wie Dukas sogar gegen Redaktionen im gleichen Konzern aus. Was angeboten wurde und Gefallen fand, wurde eingekauft, basta. Mit dem Personal war es dasselbe. Wenn fähige KollegInnen auf dem Markt waren, stellten wir sie halt ein."

Der chinesische Fotograf Lu Guang ist Anfang November festgenommen worden. Seitdem fehlt von ihm jede Spur. Seine Frau Xu Xiaoli hat sich jetzt an die Öffentlichkeit gewandt, schreibt Zhifan Liu in Libération. Lu Guang dokumentierte zum Beispiel "das tägliche Leben der Henan-Bauern, die mit HIV infiziert sind, nachdem sie ihr Blut verkauft haben, um zu überleben oder um ihren Kindern eine Ausbildung zu ermöglichen. Diese Serie hat ihm 2004 das erste seiner drei World Press Awards eingebracht." Lu Guang hat auch viele Aufnahmen gemacht, die das Ausmaß der Umweltverschmutzung in China zeigen. Festgenommen wurde er in der Provinz Xinjiang, die berüchtigt ist für die Repressionen gegen die muslimische Bevölkerung.
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Archiv: Medien

Politik

Alexander Fanta unterhält sich für Netzpolitik mit Christopher Wylie, dem Whistleblower, der den Skandal um Facebook und die Firma Cambridge Analytica bekannt machte - diese Firma beeinflusste mit ihren Facebook-Manipulationen sowohl die amerikanischen Wahlen als auch die Brexit-Kampagne. Facebook hat sich in der Aufarbeitung nicht hervorgetan, so Wylie: "Ich denke, das ist eine wirkliche Schande, denn Brexit ist klar das Produkt eines Wahlbetrugs. Die größte Verletzung der Regeln für Kampagnenspenden in der Geschichte britischer Wahlen geschah bei 'Vote Leave'. 40 Prozent ihrer Kampagnenausgaben gingen an Cambridge Analytica, die erwiesenermaßen Wahlgesetze und Datenschutzgesetze verletzt haben... Das sind keine Vorwürfe, das sind Fakten. Und doch sitzen wir noch hier in diesem ganzen Brexit-Chaos."

Luke Harding, Autor eines einschlägigen Buchs über Donald Trump und seine russischen Freunde enthüllt unterdessen im Guardian, dass Trumps Wahlkampfmanager Paul Manafort heimliche Gespräche mit Julian Assange geführt hat - Wikileaks hatte Dokumente russischer Hacker zirkulieren lassen, die Hillary Clinton schaden sollten.

Soll man autonome Waffensysteme, getrieben von Künstlicher Intelligenz, ächten? Ethisch betrachtet auf jeden Fall, meint Andrian Kreye in der SZ. Theoretisch sei die Bundesregierung auch dafür, praktisch arbeite sie mit den Franzosen an einer Weiterentwicklung der KI und beantwortet alle Forderungen nach einem Verbot mit unverbindlichen Willenserklärungen: "Überhaupt stehen auf der Liste der Verbotsgegner zwölf Weltmarkführer der Rüstungsindustrie. Neben Deutschland und Frankreich sind das die USA, England, Russland, Korea und Israel. China sprach sich zunächst für ein Teilverbot aus, rückte aber davon ab. Wenn diese Nationen allerdings das digitale Nord-Süd-Gefälle im anbrechenden Zeitalter der künstlichen Intelligenz militarisieren, laufen sämtliche Selbstverpflichtungen und ethischen Richtlinien der KI-Forschung ins Leere."
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Internet

(Via turi2) Google-Mitarbeiter wenden sich in einer Petition gegen das "Projekt Dragonfly", also das Vorhaben der Firma, eine zensierte Suchmaschine für den chinesischen Markt aufzubauen (unsere Resümees), berichtet Zoë Bernard im Business Insider, wo auch der volle Text des Aufrufs zu lesen ist - ein Auszug: "Unsere Ablehnung von Dragonfly bezieht sich nicht auf China: Wir lehnen Technologien ab, die den Mächtigen helfen, die Schwachen zu unterdrücken, wo immer sie auch sein mögen. Die chinesische Regierung ist sicherlich nicht allein in ihrer Bereitschaft, die Meinungsfreiheit zu unterdrücken und die Überwachung zur Unterdrückung von Meinungsverschiedenheiten zu nutzen. Dragonfly in China würde einen gefährlichen Präzedenzfall in einem heiklen politischen Moment schaffen."

Ursula Pachl, stellvertretende Generaldirektorin des europäischen Verbraucherschutzverbands, erklärt im Interview mit SZ-Online, warum sie Beschwerde gegen Googles Erhebung der Standortdaten der Android-Nutzer einlegen will: "Nur wenige wissen, dass Google die ganze Zeit aufzeichnet, wo sich ein Nutzer gerade befindet, selbst wenn derjenige die App, der er die Standorterfassung erlaubt hat, gerade gar nicht verwendet. Dieses Problem betrifft sehr viele Menschen: Weltweit nutzen zwei Milliarden Menschen Android-Geräte. Standortdaten sind sehr sensible Daten. Mit ihrer Hilfe kann man viel über das Leben einer Person herausfinden: dass jemand regelmäßig zu einem bestimmten Arzt geht zum Beispiel, oder oft in die Kirche, oder in bestimmte Bars. Solche Daten lassen sich zu Geld machen, wenn sie zu Werbezwecken verwendet werden."
Archiv: Internet