9punkt - Die Debattenrundschau

Westmark oder Ostmark?

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.10.2018. In der FAS wirft Didier Eribon der "Aufstehen"-Gründerin Sarah Wagenknecht keinen Schokoladenkuchen ins Gesicht. In der NZZ kommt Jörg Baberowski zu der Einsicht, dass "es die beste aller Gesellschaften nicht geben wird". In der SZ zeichnet der brasilianische Autor Luiz Ruffato das Bild eines gespaltenen Landes. Im Observer zieht Kenan Malik dreißig Jahre nach Erscheinen der "Satanischen Verse" eine bittere Bilanz der Rushdie-Affäre. Und in Fastcompany.com erfindet Tim Berners-Lee das Web neu.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.10.2018 finden Sie hier

Gesellschaft

Kenan Malik, der mit "From Fatwa to Jihad" die beste Geschichte der Rushdie-Affäre geschrieben hat, erinnert im Observer an das Erscheinen der "Satanischen Verse" vor dreißig Jahren und zieht eine bittere Bilanz: "Rushdies Kritiker verloren die Schlacht, gewannen aber den Krieg. Die 'Satanischen Verse' werden zwar weiter publiziert. Aber das Argument, dass es moralisch falsch ist, andere Völker und Kulturen zu beleidigen, ist in den drei Jahrzehnten seitdem weithin akzeptiert worden. Die Fatwa wurde in der Tat verinnerlicht. Die Rushdie-Affäre war ein früher Ausdruck der heute sogenannten identitätspolitik. Damals in den Achtzigern gab es noch keine 'muslimische Community'. Briten mit muslimischem Hintergrund, die in den Siebzigern und Achtzigen aufwuchsen, sahen sich als Asiaten oder schwarz, selten als Muslime."

"Das Gefühl, Bürger oder Deutscher zweiter Klasse zu sein, ist nicht durch die deutsche Einigung entstanden. Die Ostdeutschen haben es in die Einigung mitgebracht", schreibt der Ex-Dissident und SPD-Politiker Richard Schröder im politischen Teil der FAZ. Und erinnert sich an seine Ferien in Bulgarien: "Westdeutsche machten an Bulgariens Schwarzmeerküste im Neckermann-Hotel komfortabel Urlaub, und wir ostdeutschen Camper bekamen in demselben Hotel nicht einmal eine Tasse Kaffee für unser Geld - und das im 'sozialistischen Bruderland'. Die Einheimischen fragten, wenn jemand deutsch sprach: "Deutscher oder DDR?" Das hatte mächtigen Einfluss auf die Hilfsbereitschaft, denn gemeint war: Westmark oder Ostmark? Und warum war das so? Die Besatzungsmächte sind nicht nach Verdienst verteilt worden, haben aber ganz verschiedene Lebenschancen gewährt."

Sein Vater hat ihn oft geschlagen, erzählt der mit seiner Familie aus Afghanistan eingewanderte, heute als islamischer Religionslehrer arbeitende Mansur Seddiqzai auf Zeit online. Er hielt das damals für normal, ein Problem, das er auch heute mit seinen muslimischen Schülern hat: "Ein großes Problem meiner männlichen Schüler ist außerdem, dass sie die Gewalt für richtig halten. Nur wer von seinem Vater Schläge kassiert, wird hart und ein 'echter Mann'. Wenn ich aber frage, ob sie selbst ihre Kinder schlagen würden, lehnen das fast alle kategorisch ab. Im Grunde wissen sie, dass Gewalt falsch ist, aber sie brauchen jemanden, der ihnen hilft, diese Wahrheit auszusprechen."
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Internet

Katrina Brooker stellt bei fastcompany.com ein neues Projekt von Tim Berners-Lee, dem Erfinder des World Wide Web, vor: Mit Solid, einer Art Open-Source-Betriebssystem, will er Google, Facebook und Co. herausfordern. Zum Beweis öffnet er auf seinem Laptop eine App, "die die dezentralisierte Technologie von Solid nutzt und die Berners-Lee Zugang zu all seinen Daten - dem Kalender, seiner Musikbibliothek, Videos, Chat, Forschung - erlaubt. Es sieht aus wie eine Mischung von Google Drive, Mircosoft Outlook, Slack, Spotify und Whatsapp. Der Unterschied ist, dass der Nutzer bei Solid all seine Daten wirklich kontrolliert." Berners-Lee erklärt sein Projekt selbst bei Medium.
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Kulturmarkt

Der Ärger um die Entlasssung der Rowohlt-Verlegerin Barbara Laugwitz ist noch nicht ausgestanden, meldet die FAZ, der ein neuer offener Brief von Rowohlt-Autoren - darunter Martin Walser - an den Holtzbrinck-Manager Jörg Pfuhl vorliegt: "Sehr geehrter Herr Pfuhl, kaum jemand von uns kannte vor dieser unglücklichen Angelegenheit Ihren Namen. Nun verbindet sich Ihr erstes Erscheinen für uns mit Ignoranz, Intransparenz und Rücksichtslosigkeit. Wir sehen nicht, wie unter diesen Bedingungen Vertrauen hergestellt werden soll."
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Europa

Durch geringe Wahlbeteiligung ist das Referendum in Mazedonien, das durch eine Namensänderung des Landes eine Annäherung an die EU erlauben sollte, praktisch gescheitert. Boryana Dzhambazova kommentiert bei politico.eu: "Die geringe Beteiligung, die teilweise durch einen Boykott von Gegnern des Deals zustandekam, ist ein Schlag für Zaevs Regierung und westliche Politiker, die die Vereinbarung kräftig unterstützten, in der Hoffnung, dass sie das Land mit seinen 2,1 Millionen Einwohnern in ihren Einflussbreich bringt und russische Einflussnahme im Balkan begrenzt."

Weiteres: Warum hört und liest man hierzulande kaum noch osteuropische Denker, die bis in die neunziger Jahren in den Feuilletons noch eine so große Rolle gespielt haben, fragt sich in der NZZ der Osteuropahistoriker Oliver Jens Schmitt.
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Politik

Wer die westlichen Gesellschaften gespalten findet, der sollte mal einen Blick auf Brasilien wenige Tage vor der Präsidentschaftswahl werfen. Der brasilianische Autor Luiz Ruffato zeichnet in der SZ das Bild eines zwischen links und rechts völlig gespaltenen, von Korruption, evangelikalen Bewegungen und Drogengeld zerfressenen Landes: "Wer auch immer gewinnt, wird sich einem erschreckenden Szenario stellen müssen. Die Regierung von Michel Temer wird von 81,5 Prozent der Bürger negativ bewertet. Nach der schlimmsten Rezession in der Geschichte Brasiliens muss die Talfahrt der Wirtschaft gestoppt werden. Doch es könnte bis zu zehn Jahre dauern, bis Beschäftigung und Einkommen wieder das Niveau der Zeit vor der Krise erreicht haben. Die neue Regierung wird mit der enorm hohen Arbeitslosenquote von 12,3 Prozent kämpfen, in einem Land, das kaum soziale Absicherung bietet und wo die Gewalt explodiert."

Constanze Kurz und Frank Rieger werfen in der FAS einen Blick auf die Trollifizierung der internationalen Politik durch die russischen Techniken der Unterminierung westlicher Öffentlichkeiten: "Auf einen Gegner, der keine politischen Ziele im althergebrachten Sinn verfolgt, der kein Problem damit hat, konkurrierende Gruppen und Positionen zu unterstützen, solange es nur zu mehr Orientierungslosigkeit und Konfusion führt, der die philosophischen Ideen der Dekonstruktion und des Postmodernismus als Waffe einsetzt, ist unser derzeitiges System der politischen Meinungsbildung nicht ausreichend vorbereitet."
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Ideen

Didier Eribon, der mit seiner "Rückkehr nach Reims" zum Orakel des deutschen Feuilletons wurde, nimmt im Gespräch mit Andreas Kilb und Mark Siemons von der FAS mal wieder die Bevölkerung Osteuropas in Geiselhaft für die fehlgelaufene Entwicklung seit 1989: "Die gemeinsame Erklärung für die Ereignisse in Deutschland und in Frankreich lautet, dass die linken Parteien den vom Neoliberalismus Abgehängten keine politische und kulturelle Identität mehr bieten. Die politische Kultur der Linken wurde durch den Zusammenbruch des Sozialismus in Osteuropa zerstört." Interessant im Gespräch ist die Distanzierung von Sarah Wagenknecht, die sich mit ihrer Bewegung "Aufstehen!" ebenfalls auf Eribon bezieht: "Ich habe persönlich nichts gegen Sahra Wagenknecht, ich würde ihr keinen Schokoladenkuchen ins Gesicht werfen, wie es ein Antifa-Aktivist getan hat. Aber wenn die politische Offenheit ihrer neuen Bewegung den Ausschluss von Migranten bedeutet, sind mir die alten Parteien lieber."

Viel retweetet wird im Augenblick ein kleiner Essay des Journalisten Jonas Schaible von t-online.de, der eine kulturalistisch-genderistische Erklräung für den Rechtsruck in den Gesellschaften sucht: "Aus der Welt, in der es normal war, unbewusst Privilegien zu genießen, weil man weiß, heterosexuell oder männlich war oder aus dem Westen kam, ist eine geworden, in der man zunehmend mit der Frage konfrontiert wird, ob das so gerecht ist. Das heißt dann: 'Check your privilege'". Mach dir mal klar, welche Privilegien du hast! Und arbeite daran, anderen nicht im Weg zu stehen. Und hier formt sich nun eine neue gesellschaftliche Konfliktlinie."

Die NZZ hat zwei weitere Beiträge ihres Wochenenddossiers zum Liberalismus online freigestellt: Der Historiker Jörg Baberowski erklärt im Interview, warum er sich heute als Liberal-Konservativer sieht. Das schließt Veränderungen nicht aus, aber: "Schmerzfreie Veränderungen gibt es nur, wenn sie sich im Gewand der Sprachen, Sitten und Gewohnheiten derer vollziehen, die sie ertragen müssen. Und wenn die Bürger von der Notwendigkeit, dass sich ihr Leben ändert, selbst überzeugt sind. Konservative würden sagen: Veränderungen müssen tatsächlich als Verbesserung des Lebens wahrgenommen werden. Es gibt keinen Lebensvollzug, der zum endgültigen Abschluss kommen kann. Man kann nur zur Einsicht kommen, dass es die beste aller Gesellschaften nicht geben wird und auch nicht geben kann."

Der Liberalismus kann nicht überleben, wenn unsere Daten von Regierungen und den Internetriesen kontrolliert werden, meint in einem zweiten NZZ-Text Slavoj Zizek.

Auch Bhaskar Sunkara, Gründer des linken amerikanischen Magazins The Jacobin, nimmt im Interview mit dem Standard eine Definition von Liberalismus vor: "Wir nehmen den Platz links vom Liberalismus ein, der die sozialen Probleme nicht lösen konnte. Diese Kritik am Liberalismus sollte jedoch nicht antiliberalistisch ausgelegt werden. Uns geht es mehr darum zu demonstrieren, dass dieser nicht weit genug ging. Die Alternative ist ein demokratischer Sozialismus, der die Linke erweitern kann." Dabei steht für ihn die Klassenfrage im Vordergrund: "Wenn man es ernst meint mit der Umverteilung von Ressourcen, kann man die Klassenfrage nicht umgehen. Wer hat die Position, die Macht? Ich denke nicht, dass der weiße Arbeiter die primäre Machtposition gegenüber schwarzen Arbeitern hat, sondern der Kapitalist."

Weiteres: Der Publizist und Zeithistoriker Walter Laqueur ist im Alter von 97 Jahren gestorben. Eily Langer schreibt den Nachruf in der Washington Post.
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