Efeu - Die Kulturrundschau

Retroland ist anerkannt

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01.10.2018. Andres Veiel stößt mit seinem Schreckensszenario "Let them eat money" am Deutschen Theater auf ein geteiltes Echo: Die SZ hört zuviel Reden im Konjunktiv, die taz lernt, dass auch die Wohlmeinenden ein Debakel in Gang setzen können. Die FAZ erlebt auf dem Filmfestival in Gdynia eine Blüte des polnischen Films. Die Situationisten-Ausstellung im HKW zeigt ihr, wie aus Künstlern die Kreativszene wurde. Die FR tröstet sich über die neue Altstadt: Noch trifft sich Frankfurt nicht am Römerberg.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.10.2018 finden Sie hier

Bühne

Peformance, Showprozess, Thinktank: Andres Veiels "Let them Eat Money" am DT. Foto: Arno Declair


Am Deutschen Theater hatte Andres Veiels großes Krisen-Schreckens-Szenario, das auf dem aufwändig gestaltenen Rechercheprojekt "Welche Zukunft" basiert, wie unter anderem Simone Kaempf in der Nachtkritik informiert. "Let them eat money" imaginiert das Jahr 2028 ungefähr so: Die Eurozone ist zerbrochen, die Dürre im Iran hat Millionen von Menschen zur Flucht getrieben, die den Menschen implantierten Chips spielen verrückt, die aufgezeichneten Gefühle sind nach China verkauft. Nun wird den Verantwortlichen ein Schauprozess gemacht, von der Bewegung "Let the eat Money", eine Art Cyber-Guerilla mit ziemlich vielen Followern. Ist das noch Performance oder schon Thinktank?, fragt Jörg Häntzschel in der SZ: "Statt der Krise selbst zeigt Veiel den Rückblick auf die Genese ihrer Projektion: Was hätte zu einer aus heutigen Entwicklungen hochgerechneten Krise führen können? Es wird hauptsächlich übers Reden geredet, im Konjunktiv, in einer Performance, die eine Performance darstellt. Bald verliert man den Überblick, auf der wievielten Metaebene man sich gerade befindet."

In der taz hat Stefan Reinecke dagegen gut mithalten können, den Szenarien attestiert er eine funkelnde Intelligenz: "Clever ist zudem, dass das Desaster nicht von Bösewichten, sondern von lauter Wohlmeinenden in Gang gesetzt wird. Der Gewerkschafter sah hilflos das Debakel kommen, die EU-Kommissarin Franca Roloeg war überfordert. Der EZB-Chef hat nur seinen Job gemacht, und Tarp ist mal Zyniker, mal will er die Welt retten. It's the Sachzwang, stupid!"

Besprochen werden Michael Thalheimers Inszenierung von Horvaths "Glaube, Liebe, Hoffnung" am Burgtheater ("Der Abend gehört der famosen Andrea Wenzl", schreibt Ronald Pohl im Standard, Nachtkritik), Robert Carsens Inszenierung von Erich Wolfgang Korngolds "Toter Stadt" (mit der er laut Welt-Kritiker Tilman Krause der mittlerweile etablierten queeren Ästhetik der Komischen Oper auch noch "Pariser Eleganz" hinzufügt), Lukas Bärfuss' Helmut-Kohl-Stück "Elefantengeist" am Nationaltheater Mannheim (NZZ, Nachtkritik, Welt, FAZ), Cornelius Meisters Start an der Stuttgarter Oper mit Wagners "Lohengrin" in einer Inszenierung von Arpad Schilling (NZZ, SZ, FAZ), Enrico Lübbes "Faust"-Inszenierung in Leipzig (Nachtkritik), Sebastian Baumgartens Inszenierung von Albert Camus' "Gerechten" am Berliner Maxim-Gorki-Theater (Tagesspiegel) und Goethes "Wahlverwandtschaften" im Schauspielhaus Zürich (NZZ).
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Literatur

Die FAZ dokumentiert Verena Luekens Laudatio auf den Schriftsteller Richard Ford, der mit dem Siegfried-Lenz-Preis ausgezeichnet wurde: Für sie ist er einer der größten amerikanischen Autoren unserer Zeit. Schriftsteller Clemens Meyer füllt für den Freitag einen Fragebogen aus. Marco Carini plaudert in der taz mit Thriller-Bestsellerautor Tibor Rode. Besprochen werden Heinz Strunks Erzählband "Das Teemännchen" (online nachgereicht von der FAZ), Dina Nayeris "Drei sind ein Dorf" (taz), Eckhart Nickels "Hysteria" (online nachgereicht von der FAZ), Comics von Jillian Tamaki (Tagesspiegel), neue Krimis von James Lee Burke und Katherine Webb (FR), Philipp Weiss' "Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen" (SZ) und neue Krimis, darunter Friedrich Anis "Der Narr und seine Maschine" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Gisela Trahms über Ulrich Ziegers "meine liebe":

"in den becher der lippen zuerst fließen mußte der wein,
kinn und brust vor nässe triefen bevor man den mund auftat,
..."
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Film

Mit allen dokumentarischen wie fiktiven Wassern gewaschen: Isaki Lacuestas "Entre Dos Aguas"

Mit dem Filmfestival San Sebastián geht eine gute Festivalsaison zu Ende, schreibt Sven von Reden im Standard. Unter anderem in Isaki Lacuestas "Entre dos aguas" und Tuva Novotnys "Blind Spot" wurde hier, zur Freude der Jury, die dafür Preise spendierte, ein "ungebrochener Hyperrealismus" zelebriert. Das spanische Kino schwimmt sich frei, beobachtet Thomas Abeltshauser in seinem Festivalbericht in der taz und lobt ebenfalls Isaki Lacuestas Film, "der sehr geschickt Dokumentarisches und Fiktion verbindet und wie ein Monolith aus dem spanischen Filmschaffen herausragt."

Für die FAZ hat Tomasz Kurianowicz das Filmfestival im polnischen Gdynia besucht, wo sich die polnische Filmszene gegenüber den Versuchen der rechtsnationalen Regierung, den Betrieb auf Staatslinie zu bürsten, bislang noch erfolgreich widersetzt. Tatsächlich erlebt das polnische Kino derzeit "eine außergewöhnliche Blüte", so Kurianowicz. "Dass die polnische Filmwelt noch relativ autonom agiert", zeigt ihm nicht zuletzt Wojciech Smarzowskis klerus- und filz-kritischer Film "Kler": "Ästhetisch ist der Film kein Meisterwerk, aber die Art und Weise, wie er all die drängenden und unterdrückten Probleme der einflussreichen und korrupten polnischen Kirche zur Sprache bringt, ist nicht nur mutig, sondern geradezu gewagt." Das polnische Kino "erlebt zurzeit eine außergewöhnliche Blüte", so Krianowicz, die Polen von einer völlig unbekannten und in Europa vielfach ignorierten Seite zeigen: als ein Land, das über eine reichhaltige Subkultur verfügt."

Weitere Artikel: Urs Bühler berichtet in der NZZ vom Zürich Film Festival. Besprochen werden Warwick Thorntons Western "Sweet Country" (Freitag, unsere Kritik hier), die Serie "Babylon Berlin" (FR, Welt, Zeit), Florian Henckel von Donnersmarcks "Werk ohne Autor" (Tagesspiegel, Berliner Zeitung), Asghar Farhadis "Offenes Geheimnis" (Tagesspiegel), eine Amazon-Verfilmung von "King Lear" mit Anthony Hopkins (Tagesspiegel), in der Luxuswelt der Reichen und Schönen spielende Serien (Freitag) und neue Heimmedien-Veröffentlichungen, darunter Carl Theodor Dreyers "Die Gezeichneten" von 1922 (SZ).
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Archiv: Film

Architektur

Nach einem weiteren Spaziergang durch das Touristenparadies der Frankfurter Altstadt und einem Besuch der Ausstellung "Die immer neue Altstadt" im DAM kann Christian Thomas in der FR nur noch seufzen: "Retroland ist anerkannt. Doch wo trifft man sich in Frankfurt? Frankfurt verabredet sich jedenfalls nicht auf dem Römerberg. Undenkbar der Satz: Treffen wir uns vor der Römerberg-Ostzeile. Was aber bedeutet das für die nagelneue Altstadt, das 'Goldene Lämmchen', den 'Alten Esslinger', das 'Haus zu den drei Römern'. Auch der intensive Altstadtgänger wird sich damit abfinden müssen, dass der Frankfurter in aller Regel ein Pragmatiker ist."
Archiv: Architektur

Kunst

Überflüssiger Ratschlag: Niemals arbeiten. Louis Buffier, 1966. Bild: Haus der Kulturen/ Arsenale Institute for Politics of Representation


Als "archivarische Heldentat" feiert Karlheinz Lüdeking in der FAZ die Ausstellung "The Most Dangerous Game" im Berliner Haus der Kulturen der Welt über die Situationisten, Guy Debord und den Kampf gegen die "Gesellschaft des Spektakels". Einen vollständigen Satz der Potlatch-Flugschrift konnte Lüdeking dort lesen!, und als Dreingabe für nur zwei Euro ein neunhundertsteitige Handbuch. Der Blick auf das Erbe der Situationisten deprimiert ihn allerdings: "Alles, was man in 'emanzipatorischer' Absicht gegen die bestehenden Verhältnisse aufbot, diente am Ende nur deren Stärkung. So erging es auch der Kunst. Sie sollte sterben, um in Gestalt des Generalstreiks wiederaufzuerstehen. Doch dann kehrte sie in einer ganz anderen Form zurück: als überall einsetzbare 'Kreativität'."

Weiteres: Ziemlich schlau findet Sabine Weier in der taz, wie die Künstlerin Agnieszka Polska in ihrer Ausstellung zum Preis der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof Kunstbetrieb und Kapitalismus in Frage stellt: "Mit der Ästhetik des monumentalen Historienfilms und hypermoderner Animation operierend, analysiert Polska die Geschichte des patriarchalen Kapitalismus vom Bergbau bis zum Data-Mining." Christiane Meixner porträtiert im Tagesspiegel die Künstlerin Christiane Möbius, die den Hannah-Höch-Preis der Stadt Berlin erhält.

Besprochen werden die Absolventenausstellung der Ostkreuzschule (bei der Max Bosse in der Berliner Zeitung besonders Sebastian Wells' Bilder aus den Flüchtlingslagern dieser Welt beeindruckten), die Ausstellung "refaire le monde" im Helmhaus in Zürich (NZZ), die Ausstellung zum jungen Picasso "Bleu et Rose" im Musée d'Orsay in Paris (SZ).
Archiv: Kunst

Musik

Karl Fluch hat sich für den Standard zum Abschiedsgespräch mit der Ersten Allgemeinen Verunsicherung getroffen, die nach 42 Jahren ihr Aus angekündigt haben. Besprochen werden ein Konzert von They Might Be Giants (taz), Jungles Album "For Ever" (taz), ein Konzert von Deafheaven (Tagesspiegel), Adrian Hartes Buch über Faith No More (The Quietus), Exploded Views Album "Obey" (Jungle World) und Paul McCartneys neues Soloalbum "Egypt Station" (FAZ).

In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Tobias Rüther über Brian Enos "Music for Airports".

Archiv: Musik