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9punkt - Die Debattenrundschau

Vertrauen in den gesunden Menschenverstand

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.08.2018. Mit Erleichterung quittiert die NYRB, dass Spanien endlich den montrösen Franco-Schrein in El Valle demontieren will. Im Standard fordert Seyran Ates von den Spitzen Europas dem Populismus wieder Politik entgegenzusetzen. Slate.fr erklärt, wie die Neutrollisation den öffentlichen Raum entpolitisiert. In der FAZ träumt Peter Gauweiler von der Schweizwerdung Europas. Geschwindigkeit verdummt, warnt Seymour Hersh in der NZZ. Und die SZ fragt, ob amerikanische Comedy noch funktioniert.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.08.2018 finden Sie hier

Europa

Im Standard fordert die Anwältin und Autorin Seyran Ates Europas Spitzen dazu auf, Migranten nicht zu Zielscheiben populistischer Parteien werden zu lassen: "Wo sind die offiziellen Stimmen Europas, die sagen, dass die Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan genau vor der Gewalt fliehen, die auch hier in Europa immer mehr um sich greift, nämlich der des islamistischen Terrors und Extremismus? Wo sind die Politiker, die der Finanzierung extremistischer Gruppen durch Staaten wie Katar, der Türkei oder dem Iran endlich den Riegel vorschieben? Wo sind die europäischen Länder, die ehrlicherweise zugeben, dass sie mit ihren Waffengeschäften in Kriegsgebieten Fluchtursachen schaffen, statt Fluchtursachen zu bekämpfen? Wo sind die Fußballer, die nicht nur stolz auf ihre Heimat Türkei sind, sondern auch gleichzeitig die massiven Grundrechtsverletzungen dort kritisieren?"

Die FAZ räumt ihre erste Feuilletonseite für den früheren CSU-Politiker Peter Gauweiler frei, der für Europa lieber keine weltpolitische Rolle haben möchte. Bisher seien doch alle Kreuzfahrer an Unwissenheit oder Mangel an Verstand gescheitert. Europa sollte lieber werden wie die Schweiz, findet Gauweiler, reich und glücklich: "Wo 'Größe ohne Ausdehnung' zum Identifikationsmuster eines Landes gehört. Ebenso einmalig wie das schweizerische 'Volk ohne Nation', wo sich ein Staatsvolk als Inbegriff von Gemeinde- und Gliedstaatsbürgern von unten nach oben definiert. Regiert von einer 'Demokratie ohne Parteien', bei der das Volk sogar gegen gemeinsame Ziele aller großen Parteien aufbegehren kann. Und nicht am unwichtigsten: ihre 'Tradition ohne Nostalgie': Die Schweiz gehört heute zu den modernsten und ökonomisch wie kulturell am weitesten entwickelten Staaten dieser Welt. Auch so geht 'Weltmacht Europa', aber eben nur anders."

In seinem Brief aus Istanbul schildert Bülent Mumay in der FAZ, wie wenig Erfolg Erdogans "Finanz-Dschihad" gegen den Dollar zeitigt: "Erdogans Aufruf, die Dollars unter dem Kopfkissen hervorzuholen und in türkische Lira einzutauschen, zeitigte die gegenteilige Wirkung. Nach offiziellen Angaben der Zentralbank wurde seit Erdogans Aufruf kein Rückgang bei den Devisenanlagen verzeichnet. Umgekehrt, die Dollareinlagen erhöhten sich um 1,3 Milliarden Dollar."
Archiv: Europa

Geschichte

Noch immer dient in Spanien Francos Grab in El Valle als monströser Schrein des Faschismus. Spaniens neuer sozialistischer Ministerpräsident Pedro Sánchez hat jetzt angekündigt, die Anlage in ein Mahnmal für die Opfer des Faschismus umzugestalten. Für Omar G. Encarnación im Blog der NYRB ist der Schritt überfällig, bisher habe Spanien viel zu wenig getan, um die Franco-Diktatur aufzuarbeiten: "Im Gegensatz zu anderen Demokratien gab es in Spanien keine juristische Aufarbeitung des Franco-Regimes. Es gab keine strafrechtliche Verfolgung nach Art der Nürnberger Prozesse, bei denen die Spitzen des Nationalsozialismus zum Tode verurteilt wurden, oder nach Art der Militärtribunale in Argentinien, die erfolgreich die Architekten des schmutzigen Krieges zu lebenslanger Haft verurteilten. Spanien hat keine Durchleuchtung vorgenommen, um die mit dem autoritären Regime Verbundenen aus den öffentlichen Ämtern zu entfernen wie es das benachbarte Portugal im Falle der Salazar-Diktatur tat, und es hat keine Kommissionen zu Wahrheit und Versöhnung organisiert wie Südafrika, mit denen die Sünden der Apartheid festgehalten wurden. Kein Wunder, dass Spanien mehrmals von der UN kritisiert wurde, weil es internationale Normen verletzte, wie Staaten mit Menschenrechtsverletzungen in großen Stil umgehen sollen, und weil es nicht genug für die Opfer des Bürgerkriegs tat."
Archiv: Geschichte

Internet

Auf Slate.fr untersuchen Xymena Kurowska und Anatoly Reshetnikov, wie russische Trollfarmen arbeiten. Zwar konnten sie nicht herausfinden, wie eng sie an den Kreml angebunden sind, aber das nihilistische Konzept dahinter arbeiten sie ganz gut heraus: "Anders als die klassischen Propaganda-Operationen setzt die Neutrollisation keine bestimmte politische Agenda. Die Kreml-treuen Trolle machten einfach nur online so viel Lärm, dass es scheint, als würden sie die Stimmen der Bürger transportieren. Sie tragen Gerüchte und Verschwörungstheorien weiter und schaffen einen quasi-politischen, aber eigentlich leeren öffentlichen Raum."
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Archiv: Internet

Medien

In einem ausführlichen Interview mit Marc Neumann in der NZZ leidet das alte Reporter Schlachtross Seymour Hersh ausführlich am Journalismus von heute: "Wie das Nachrichtengeschäft derzeit aufgestellt ist, treibt es einen in den Wahnsinn. Wie gedankenlos und dumpf das geworden ist. Geschwindigkeit verdummt, Cable News sind ein Desaster", schimpft er. Aber für einen großen Fehler hält er auch, dass Edward Snowden mit seinem Namen an die Öffentlichkeit trat. Und völlig irrsinnig findet er die Fixierung auf Trumps Tweets und die Frage des russischen Einflusses auf die Wahlen: "Die Crux von Trumps Popularität ist Rassismus. Der gute alte Kern der USA ist rassistisch. Die weißen Jungs im mittleren Amerika, immerhin das halbe Land, mögen keine Schwarzen, keine Einwanderer. Glauben Sie bloß nicht, dass die Russen dran schuld waren. Das ist verrückt. Wir sind sehr gut im Nachrichtendienst. Wir wissen, wer's war, und wenn's die Russen gewesen wären, dann hätten wir das klar gesagt. Aber es gibt null Evidenz. Das war einzig ein politisches Urteil, weil der Grund ja nicht sein durfte, dass Hillary Wähler 'bemitleidenswert' genannt hatte. Und was machen die Demokraten? Sie antworten seit anderthalb Jahren auf seine Tweets."

Die russischen Aktivitäten im amerikanischen Wahlkampf beurteilt die New York Times nach wie vor kritischer.

SZ-Kritiker Jens-Christina Rabe zieht sogar Adorno zu Hilfe, um für die amerikanische Comedy einen Ausweg aus ihrer gegenwärtigen Krise zu finden. Mit Hanna Gadsby und Michelle Wolf haben bereits zwei erfolgreiche Comedians ihren Job an den Nagel gehängt: "Inzwischen erscheint der Tausch Pointe gegen Lacher mit jedem Tag, welche die Twitter-Präsidentschaft Trumps und die daran hängende neue Unübersichtlichkeit der Welt andauern, ein wenig schaler. Und all die Fürsten und Fürstinnen des Comic Relief, der befreienden Komik, deren unermüdliche Arbeit gerade noch in der Lage war, das Vertrauen in den gesunden Menschenverstand mit ein paar guten Gags im Handumdrehen wiederherzustellen, wirken so ohnmächtig und opportunistisch, wie Spaßmacher seit jeher doch meistens waren."

Weiteres: Super findet Meike Laaff in der taz die Recherche bei Spiegel Online, was für Daten die Internetkonzerne sammeln. "Nur: Schon während man sie liest, sitzt man auf der Spitze des Eisbergs eines genauso gravierenden Problems: des kaputten Onlinewerbesystems nämlich." In der SZ wirft Claudia Tieschky einen Blick auf das Phänomen True Crime und macht sich selbst mit dem Titel "Mord und Ratschlag" zumindest des Überschriftenklaus schuldig.

Archiv: Medien

Religion

In der taz rekapituliert Rald Sotschek vor dem Papstbesuch in Dublin, wie die katholische Kirche ihren Einfluss auf die irische Gesellschaft verloren hat: Homosexualität und Scheidungen, die Ehe für alle und Abtreibungen wurden legalisiert, die Kinder werden nicht mehr alle Mary getauft: "Und im Herbst wird in einem weiteren Referendum der Blasphemieparagraf aus der Verfassung gestrichen, daran bestehen kaum Zweifel."
Archiv: Religion