9punkt - Die Debattenrundschau

Pompöse Besuche

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.07.2018. Menschenrechte sollten nicht nur im eigenen Land gelten, sondern überall: In der New York Times empfiehlt Natan Sharansky Barack Obama und Donald Trump die Lektüre eines 50 Jahre alten Textes des damaligen sowjetischen Dissidenten Andrej Sacharow. Und auch im eigenen Land muss man immer wieder für die Freiheit kämpfen, sekundiert Heinz Bude in der taz. Das dürfte die rumänische Orthodoxe Kirche nicht gern hören, die lieber auf Macht und Geld setzt, lernt die NZZ. Und die taz lässt sich von der Hamas erklären, was im palästinensischen Kino geht und was nicht.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.07.2018 finden Sie hier

Ideen

In der New York Times erklärt Natan Sharansky, ein ehemaliger Mitarbeiter des russischen Menschenrechtlers Andrej Sacharow, warum Sacharows vor 50 Jahren erschienener Essay "Wie ich mir die Zukunft vorstelle : Gedanken über Fortschritt, friedliche Koexistenz und geistige Freiheit" heute immer noch von großer Bedeutung ist: Sacharow hatte aufgerufen, die Menschenrechte nicht nur im eigenen Land für unverzichtbar zu erachten, sondern auch überall sonst auf der Welt: "Trotz der dramatischen Unterschiede zwischen Donald Trump und Barack Obama folgt Präsident Trump bei der Trennung der Menschenrechte von der Außenpolitik dem Beispiel von Präsident Obama. Obama hat immer wieder mit diktatorischen Regimen zusammengearbeitet, statt ihre Menschenrechtsbilanz in Frage zu stellen. Sein Eifer, einen Atomvertrag mit dem Iran abzuschließen, schwächte seine moralische Stimme während der Grünen Revolution 2009. Und er weigerte sich, den diplomatischen Fortschritt von der Forderung abhängig zu machen, dass der Iran den Terror weltweit nicht mehr unterstützt oder sein eigenes Volk zu Hause hinrichtet. Trump hat Amerikas menschenrechtsfreie Außenpolitik in absurde Höhen getrieben. Seine Behauptung, die Nordkoreaner unterstützten Kim Jong-un mit 'großer Leidenschaft', untergrub Amerikas moralisches Ansehen, sabotierte nordkoreanische Dissidenten und legitimierte einen bösen Diktator. ... Die Weisheit von Sacharows Aufsatz mag heutzutage nicht in Mode sein, aber die Wahrheit, die er enthält, ist ewig."

Der Kern von 68, erklärt der Soziologe Heinz Bude im Interview mit der taz, war, "dass sich die Dinge nicht von selbst verstehen. Man kann anders sein, sein Leben experimentieren, man kann sogar, wenn man will, konservativ sein. Man muss sich dafür aber entscheiden. 68 war ein Happening, das vieles denkbar und lebbar machte. Die einen hatten auf der Suche nach dem richtigen Leben immer den Adorno dabei, die 'Minima Moralia', die anderen hörten auf Jefferson Airplane, die Doors oder Velvet Underground. Was sie einte, war eine ungeheure Sehnsucht nach Welt." Und das fehlt ihm heute. "Eine Idee für das Andere, auch wenn sie wirr und unausgegoren ist, muss man schon haben. Insofern ist das Erbe von 68 nicht weg. Befreiung muss immer wieder neu durchdekliniert werden."
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Politik

Mit der Belt-and-Road-Initiative breitet China seinen außenpolitischen Einfluss in der Welt immer weiter aus - und macht durch Milliardenkredite immer mehr Nachbarländer abhängig, schreibt Peter Rasonyi in der NZZ: "Die Chinesen geben mit ihrem forschen und intransparenten Vorgehen allen Grund für Misstrauen. Die Bauprojekte werden zumeist ohne Ausschreibungen an chinesische Konsortien vergeben, die Verträge mit den Regierungen bleiben unter Verschluss. Gesellschaftliche Befindlichkeiten oder nationale Gesetze etwa zum Umweltschutz werden ignoriert. Die lokale Beschäftigung profitiert wenig wegen des Imports chinesischer Arbeiter. Viele Projekte sind überdimensioniert, unwirtschaftlich und überteuert.  Das liegt auch daran, dass China gezielt in Länder vorstößt, wo der Westen wegen zu hoher Schuldenrisiken oder mangelnder Rechtsstaatlichkeit und Kooperation der Herrschenden zurücksteht."
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Stichwörter: China, Belt-And-Road

Religion

Den Schulterschluss mit faschistischen und kommunistischen Diktaturen hat die rumänische Orthodoxe Kirche stets gern gesucht, um Reichtum und Macht auszuweiten - Vergangenheitsaufarbeitung ist ihr indes bis heute fremd, schreibt der Osteuropa-Historiker Oliver Jens Schmitt in der NZZ und erklärt: "In den letzten Jahren verfolgt die ROK ihren autoritären Kurs immer offensiver. 2017 statteten sich die Patriarchen von Bukarest und Moskau wechselseitig pompöse Besuche ab. Auffallend ist dies vor dem Hintergrund der alten Abneigung der Rumänen gegen den übermächtigen Nachbarn im Osten. Die russische Regierung benützt die rumänische Orthodoxie als Hebel, um auf das wichtigste Nato-Land am Schwarzen Meer Einfluss zu nehmen. Ganz in russischem Sinne sind die Kampagnen der ROK für Familienwerte und gegen Homosexualität. Sie trägt so zu einer antiwestlichen Stimmung bei, die auch anderswo in Ostmitteleuropa geschürt wird."
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Europa

Der norwegische Sozialdemokrat Erik Kursetgjerde hat 2011 das Massaker des Rechtsextremen Anders Breivik überlebt. Im Gespräch mit dem Freitag überlegt er, welche Lehre man aus dem Attentat ziehen kann: "Ich glaube, wir müssen verhindern, dass Einzelne zum Rest der Gesellschaft eine so große Distanz aufbauen, dass sie die anderen nicht mehr als Mitmenschen betrachten. Wer das nicht tut, ist bereit zu morden. Radikalisierung muss also erschwert werden. Dafür braucht es einen Dialog zwischen Psychologen, Gemeinden, Regionen und dem Staat. Aber auch die Zivilgesellschaft kann einen Unterschied machen: Selbst in Zeiten, in denen rechtsradikale Tendenzen wieder zunehmen, müssen wir uns daran erinnern, dass das unsere Mitmenschen sind. Und wie begegnen wir denen am besten? Indem wir gegen sie demonstrieren und mobilisieren? Oder sollten wir nicht lieber einen Kaffee mit ihnen trinken gehen - mit ihnen reden?"
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Kulturpolitik

Für eine geplante Tansania-Ausstellung arbeiten Paola Ivanov, Afrika-Kuratorin des Ethnologischen Museums in Berlin, die Provenienzforscherin Kirsten Weber-Sinn und Achilles Bufure, Direktor des National Museum and House of Culture in der tansanischen Hauptstadt Dar Es Salaam erstmals zusammen. Im Gespräch der drei mit dem Tagesspiegel will Bufure von Restitutionsfragen erst einmal nichts wissen. Im geht es um die gemeinsame Geschichte: "Wir befinden uns am Anfang. Wir arbeiten gerade beispielhaft an einer Ausstellung, die zunächst im Humboldt-Forum und dann bei uns gezeigt wird. Das ist auch Diplomatie. Erst am Ende wird entschieden. Beide Seiten sollten 'Ja' oder 'Nein' sagen können. Ich behaupte ja nicht, dass ich die Objekte nicht mag. Aber für uns ist die geteilte Geschichte wichtiger. Die jüngere Generation in Deutschland und in Tansania soll die Vergangenheit kennen."

Islam und Kino geht nicht so einfach zusammen, lernt die Berliner Autorin Miriam Sachs im taz-Gespräch mit der Hamas und dem dem Kultusminister in Gaza, Anwar A. al-Barawi:
Bilder, bewegt oder unbewegte, sind nicht verboten?
Zwischenruf einer Frau vom Department für Kunst der Hamas: Wir haben viele Bilder. Es wird viel gemalt: die Natur, der Himmel, aber keine Körper.
Al-Barawi: Mohammed, der Prophet, war kreativ, er mochte Kunst. Unser Prophet zeichnete die Idee, das Leben …
Wäre Mohammed ein Filmemacher, wenn er heute leben würde?
Sie wollen einen Film über Mohammed machen …?
Nein, ich wollte wissen, ob Mohammed, wenn er heutzutage leben würde, vielleicht selbst Filme drehen würde?
Ja, klar.
Zwischenruf eines anderen Hamas-Kulturfunktionärs: Unsere Gesellschaft, unsere Lebensvorstellung verbietet die Idee Kino nicht. Es braucht aber eine Kontrolle und gewisse Bedingungen."