9punkt - Die Debattenrundschau

Check Check Check Check

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.06.2018. In ihrem Blog ruft die EU-Abgeordnete Julia Reda dazu auf, sich gegen Uploadfilter und das europäische Leistungsschutzrecht zu wehren. In der NYRB warnt Nesrine Malik vor Islamkritikern, die den Rechten in die Hände spielten, in der FAZ fürchtet die Ethnologin Susanne Schröter, dass die Rechten genau von dieser Haltung profitieren. Will Donald Trump den Westen zerstören, fragt die New York Times.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.06.2018 finden Sie hier

Ideen

In der New York Review of Books tanzt die Guardian-Kolumnistin Nesrine Malik um den Begriff "native informant", mit dem Edward Said einst den libanesischstämmigen amerikanischen Nahostexperten Fouad Ajami beschimpfte, weil er den Irakkrieg George W. Bushs unterstützte. Malik ahnt zwar, wie problematisch - um nicht zu sagen rassistisch - dieser Begriff ist, aber am Ende findet sie ihn doch ganz treffend für Islamkritiker wie Ayaan Hirsi Ali oder Maajid Nawaz, denen sie vorwirft, Teil eines rechten Netzwerks zu sein: "Das 'Dark Web' ist kein schwarzes Loch, sondern eine Karriereleiter. Was Nawaz und Ali in diese Allianz einbindet, ist ihre gemeinsame Überzeugung, dass jede Kritik an generalisierenden negativen Aussagen über die Islam an Bigotterie grenzt und einfach ein Versuch der Linken sei, sie zum Schweigen zu bringen. Diese anti-islamische Rhetorik, die unter dem Deckmantel eines Meinungsfreiheits-Absolutismus daher kommt, hat zur Folge, dass Ali und Nawaz gegen die abstoßenderen Ansichten ihrer Verbündeten nachsichtig sein müssen, denn Meinungsfreiheit ohne Konsequenzen ist für sie am wichtigsten."

In der FAZ sieht die Ethnologin Susanne Schröter das genau anders herum. Sie warnt davor, Muslime, die die Frauenfeindlichkeit und das Patriarchat in islamischen Gesellschaften kritisieren - sie nennt Kamel Daoud, Bassam Tibi, Hamed Abdel-Samad, Marieme Hélie-Lucas, Mona Eltahawy, Necla Kelek, Seyran Ateş, Güner Yasemin Balci und Sineb El Masrar - als "rechts" oder gar rassistisch zu beschimpfen: "Der Rassismusvorwurf funktioniert als ultimative Einschüchterungswaffe bei vielen, die keine Rassisten sind und nicht für solche gehalten werden wollen. Das führt zu Denk- und Sprechtabus. Diese wiederum spielen Populisten in die Hände, die sich selbstverständlich autorisiert fühlen, die Sache deutend in die Hand zu nehmen, die andere verharmlosen."

Die Weltuntergangsuhr steht wieder auf zwei Minuten vor Zwölf. Denn überall auf der Welt werden die Atomwaffen modernisiert. Anders als im Kalten Krieg regt das heute niemanden mehr auf, wundert sich Georg Mascolo in der Süddeutschen. "Auf Entwarnung darf man wohl nicht hoffen, selbst wenn die Verhandlungen in Singapur einen Durchbruch bringen. Die Erbfeindschaft zwischen den Atommächten Indien und Pakistan existiert noch immer. Das Atomabkommen mit Iran steht vor dem Kollaps, die dortigen Machthaber sprechen schon davon, wieder mehr Uran anzureichern. Israel und die USA drohen mit Konsequenzen. Ein Krieg, der durch die jahrelangen mühsamen Verhandlungen abgewendet schien, wird wieder wahrscheinlicher."

Wenn uns die Atomwaffen nicht erledigen, dann der technologiegetriebene Kapitalismus, an dessen Strippen wir laut Bernd Scherer, Intendant des Hauses der Kulturen der Welt, wie Marionetten hängen. Er fordert in der SZ "Probebühnen für die neuen Phänomene, in denen soziale Akteure, Wissenschaftler und Künstler gemeinsam Zukunftsentwürfe erproben". Aber hat er nicht genau das mit dem HdKdW?
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Politik

Wie würde ein Plan eines amerikanischen Präsidenten aussehen, der den Westen zerstören will, fragt New-York-Times-Kolumnist David Leonhardt: "Er würde Feindseligkeit gegenüber den führenden Politikern Kanadas, Britanniens, Frankreichs, Deutschlands und Japans vorsehen. Insbesondere würde er Konflikte über künstliche Themen einführen - nicht um große Vorteile für die Vereinigten Staaten zu erzielen, sondern einfach um des Konfliktes willen. Ein Geheimplan würde auch die Suche nach neuen Verbündeten einschließen, um die abgelegten zu ersetzen. Russland, der größte europäische Rivale Deutschlands, Britanniens und Frankreichs, wäre die offensichtlichste Wahl. Und die Absicht, der Allianz zu schaden, würde die Einmischung in heimische Politik der Länder mit einschließen, um neue Regierungen an die Macht zu bringen, so wie es Russland schon betreibt. Check Check Check Check. Trump tut alle diese Dinge.
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Stichwörter: Westen

Kulturmarkt

Krise des Lesens? Die Branche zählt offenbar die im Selfpublishing veröffentlichten Bücher gar nicht mit, sagt Vera Nentwich, Vorsitzende des Deutschen Selfpublisher-Verbands, im Gespräch mit buchreport.de: "In den Branchenstatistiken taucht ein wesentlicher Teil dieser Titel gar nicht auf, weil die Mehrheit der Selfpublisher exklusiv bei Amazon veröffentlicht. Umgekehrt kommt die Hälfte der Top-100-Titel bei Amazon aus dem Selfpublishing. Wenn man sich den Marktanteil von Amazon am Buchmarkt anschaut, wird klar: Das ist ein großes Volumen. Gegen den Trend des klassischen Buchmarktes wächst SP und dürfte neue Leserkreise erreichen."
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Gesellschaft

Werden Migranten und Ostdeutsche gleichermaßen vom "Westen" diskriminiert, gedemütigt und abgewertet, wie Naika Foroutan kürzlich vermutete (unser Resümee)? In der taz fasst sich Anetta Kahane an den Kopf: "Weder in der DDR noch danach war es lustig, einer Minorität anzugehören. Die Nazis im Osten haben ganze Regionen terrorisiert und tun es noch. Gemerkt haben das meist nur ihre Opfer. Dem Durchschnittsossi war das ebenso egal wie dem Wessi, der sich nicht 'einmischen' wollte. Wie können nicht rassistische Ossis wie Jana Hensel sich solchen Vergleichen hingeben, während jeden Tag Schwarze und Migranten durch die Straßen gehetzt werden? Am schlimmsten finde ich, dass die Melange aus Gefühlen für verschwundene Sehnsuchtsorte und den Diskriminierungserfahrungen als Ostdeutsche sich zu einer Art Erklärung für die Pogrome in Rostock und anderswo steigert. Dass Ferda Ataman im Gefühligen bleibt, statt auf Solidarität zu bestehen, ist ebenso befremdlich."

Dem Manager-Coach Reinhard K. Sprenger ist die zunehmende Distanzlosigkeit in der Gesellschaft ein Graus. Unsouverän und im psychologischen Sinne kindisch findet er in der NZZ Formlosigkeit und Geduze: "Die wichtigste Aussage zum Thema aber stammt von Dietrich Bonhoeffer; er schrieb 1942 eine Programmschrift für die Absonderung vom konformistischen Mainstream. Unter der erstaunlichen Überschrift 'Qualitätsgefühl' heißt es: 'Wenn wir nicht den Mut haben, wieder ein echtes Gefühl für menschliche Distanzen aufzurichten und darum persönlich zu kämpfen, dann kommen wir in einer Anarchie menschlicher Werte um.' So ist es: Zivilisation ist ohne Distanz nicht denkbar."
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Internet

Es bleiben nur noch wenige Tage, um das EU-Parlament davon abzubringen, Uploadfilter und ein europäisches Leistungschutzrecht einzuführen. Die EU-Abgeordnete Julia Reda ruft in ihrem Blog dazu auf, EU-Abgeordnete anzurufen, um sie umzustimmen. Das Gesetz werde von Lobbyisten traditioneller Inhaltsindustrien betrieben, denen besonders die CDU zu Füßen liege. Die Probleme - etwa des Journalismus - existierten zwar durchaus: Aber "die Ursache dieser Probleme findet sich nicht im Urheberrecht, und diese Gesetze werden die Probleme nicht beheben. Ganz im Gegenteil könnten sie nach hinten losgehen und die entgegengesetzten Auswirkungen haben - auf jeden Fall aber werden sie die Meinungsfreiheit einschränken und unabhängigen Kulturschaffenden, kleinen Verlagen und Startups schaden."
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