Efeu - Die Kulturrundschau

Ein Abenteuer hinter jeder Ecke

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05.09.2017. Heute erscheint Salman Rushdies neuer Roman "Golden House", eilfertig liefern die Kritiker von FAZ bis SZ ihre Besprechungen, die allerdings recht mau ausfallen. Nur die FR schwebt im Leseglück: "Das hat er für mich geschrieben." In der FAZ erklärt Michael Lentz Berliner Kunststudenten, was eine transitive Relation mit Appendix ist. Die NZZ zieht mit Arno Brandlhuber in die Antivilla. Und die Welt fordert ein Deutsches Schifffahrtsmuseum für Kiel.

Literatur

Die Feuilletons stehen heute ganz im Zeichen von Salman Rushdies Roman "Golden House", der heute in zahlreichen Ländern - und unter demselben englischen Titel - erscheint und den Kritikern zufolge ein wahres Feuerwerk an postmodernder Erzählfülle entfacht: Es geht um Trump, Myriaden filmhistorischer Referenzen, fluide Genderidentitäten, das Nachwirken der römischen Antike und vieles mehr. Und dann ist da noch dieses Monstrum von erstem Satz, das so ungeheuerlich ist, dass Burkhard Müller ihn in der SZ gleich in voller Länge dokumentiert. Unzweifelhaft ist davon einiges sehr interessant, wie alle Rezensenten hervorheben. Doch überwiegt sichtlich Katerstimmung: "Rushdie gelingt es zwar, sein ambitioniertes Konzept sichtbar zu machen, doch er füllt es nicht wirklich aus", schreibt zum Beispiel Angela Schader in der NZZ, die sich aber beeilt hinzuzufügen, dass die zahlreichen Figuren immerhin "genügend Lebenskraft" aufweisen. "Ungeschickte Konstruktion und Langatmigkeit" attestiert Burkhard Müller dem Autor. Wobei er dessen neuen Roman "dann doch gern gelesen hat" und das obwohl ihn Rushdies Referenzierungslust sichtlich nervt: "Rushdie ist ein gebildeter Mann; doch hat er seine Bildung nicht im Griff." Ähnlich ergangen ist es Jan Wiele: "Keine Handlung kann offenbar geschildert werden ohne einen Verweis auf Dostojewski, Kafka, Thomas Mann, die geradezu überdeutlich instrumentierten antiken Romanautoren sowie Hunderte, teils wie manisch aufgezählte Momente der Filmgeschichte", ächzt er in der FAZ.

Keine strapazierten Nerven, keine Langeweile, keine relativierenden Gesten indessen bei FR-Kritiker Arno Widmann. Vielmehr schwebt er im Himmel reinsten, ungebrochenen Leserglücks: "Der Plot wendet sich immer wieder neu. Ein Abenteuer hinter jeder Ecke. Salman Rushdie kann das und er macht freudig Gebrauch von seinem Können. Der Leser hechelt dem Autor hinterher. Mit beschleunigtem Pulsschlag. Er schwitzt. Er ist dankbar. 'Das hat er für mich geschrieben', dachte ich begeistert von der ersten Seite an. Rushdie hat ein Buch geschrieben wie heute kein anderer Autor es tut. Keiner folgt so hemmungslos seinen Assoziationen, aus Literatur, Musik, Film und Showgeschäft wie er."

In der Kontroverse um Eugen Gomringers an der Außenfassade der Alice-Salomon-Hochschule angebrachtes Gedicht "avenidas", das aufgebrachte Studentinnen und Studenten wegen unterstellter Frauenfeindlichkeit entfernen lassen wollen, schießt Schriftsteller Michael Lentz in der FAZ zur Verteidigung der Kunstfreiheit aus allen Jargon-Rohren der Textexegese auf besagte Studenten. So erfahren wir: "Strukturiert nach dem syllogistischen Modell des aussagenlogischen Kettenschlusses, baut die Konstellation eine transitive Relation mit einer Appendix ('un admirador') auf, die es als archimedischer Punkt des Gedichts so schillernd macht: Wenn a) 'avenidas y flores' (Alleen und Blumen) und b) 'flores y mujeres' (Blumen und Frauen) dann c) 'avenidas y mujeres' (Alleen und Frauen) als Konklusion oder Quintessenz. So weit, so banal." Wobei es am Ende vor allem um die Beobachtung geht, dass das Gedicht keinerlei Verben aufweist - worin wohl Wohl und Wehe jeder Rezeption liege.

Weiteres: Schriftstellerin Marion Poschmann schreibt in der SZ-Reihe über Transiträume und Haltestellen über "fade Orte", an denen sich das eigene ästhetische Sensorium besonders gut entfalten könne. In der taz porträtiert Frank Keil den Schriftsteller Jonis Hartmann, der gerade die Literaturzeitschrift Tau zuwege bringt. In der FR resümiert Andrea Pollmeier Thomas Melles in Bergen-Enkheim gehaltene Stadtschreiber-Rede (mehr dazu hier). Für die SZ-Reihe über die Sommerdomizile großer Literaten reist Nicolas Freund nach Tanger ins Hotel El-Muniiria, wo Beatdichter wie William S. Burroughs unterkamen. Dichter Nico Bleutge (SZ), Gregor Dotzauer (Tagesspiegel), Herbert Wiesner (Welt) und Patrick Bahners (FAZ) schreiben zum Tod des Lyrikers John Ashbery.

Besprochen werden Elena Ferrantes "Die Geschichte der getrennten Wege" (Tagesspiegel), Ottessa Mosfeghs Krimi "Eileen" (Welt) und Sven Regeners "Wiener Straße" (Standard).
Archiv: Literatur

Film

Nach einem bombastischen Start kehrt in Venedig jetzt Routine ein, berichtet Daniel Kothenschulte in der FR: Die Meisterwerksdichte im Programm habe ein wenig nachgelassen. Überzeugt hat ihn dennoch Andrew Haighs "meisterliche" Verfilmung von Willy Vlautins Roman "Lean on Pete": "Auf den ausgetretenen Pfaden des Coming-of-Age-Genres gelingt ihm nicht weniger als die Seltenheit eines minimalistischen Epos, emotional aber niemals emotionalisierend. Es ist ein Film von bitterer Schönheit."


Immer noch keine Festnahmen? Frances McDormand in "Three Billboards Outside Ebbing"

Martin McDonaghs "Three Billboards Outside Ebbing" mit Frances McDormand, Woody Harrelson und Sam Rockwell gilt derzeit als Publikumsliebling am Lido, erfahren wir von Michael Pekler im Standard. Er selbst kommt dann aber vor auf Frederick Wisemans im Wettbewerb gezeigten "Ex Libris - The New York Public Library" zu sprechen, die der Altmeister des geduldigen Dokumentarfilms in über drei Stunden genau beobachtet: "Wiseman zeigt die Bibliothek, die zu den größten der Welt zählt, nicht als Ort der Aufbewahrung von Büchern, sondern als einen der Wissensvermittlung, in dessen Zentrum die Mitarbeiter und Besucher stehen. ... Wie immer ohne Interviews und Kommentar vertraut Wiseman seiner scharfsinnigen Beobachtung und einer ausgefeilten Montage. Und zeigt wie nebenbei die gesellschaftlichen Verwerfungen, denen eine Bibliothek wie die New York Public Library entsprechen muss." Dem Lob schließt sich Tim Caspar Boehme in der taz an: Er hat kaum gemerkt, "dass darüber dreieinhalb Stunden ins Land gegangen sind". Thomas Steinfeld beobachtet in der SZ: "Je weiter der Film in die billigen Stadtteile vordringt, desto deutlicher wird, in welchem Maße sich eine solche Institution, die sich einer elementaren Vorstellung von Demokratie verpflichtet weiß, mit Rassismus und mannigfaltigem Elend herumschlagen muss." Ein Ausschnitt:



Weitere Artikel: Auf Artechock übermittelt Rüdiger Suchsland weiterhin Notizen vom Festival. Außerdem spricht Johnny Erling im Standard mit Ai Weiwei über dessen Flüchtlingsdokumentarfilm "Human Flow". Anke Leweke empfiehlt im Standard eine Henry Fonda gewidmete Filmreihe im Österreichischen Filmmuseum. Thomas Ribi (NZZ) und Christian Bos (Kölner Stadtanzeiger) gratulieren Werner Herzog zum 75. Geburtstag. Der Bayerische Rundfunk hat aus diesem Anlass Moritz Holfelders Feature-Porträt über den bayerischen Auteur wieder online gestellt. Besprochen wird die Verfilmung von Dave Eggers' Roman "The Circle" (Zeit).

Und wir freuen uns und gratulieren: Unser Filmkritiker Lukas Foerster ist Siegfried-Kracauer-Stipendiat 2017/18.
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Musik

Detlef Diederichsen verabschiedet sich in der taz von Walter Becker, neben Donald Fagen die andere Hälfte des Duos Steely Dan, und damit von "einem der allergrößten Musiker der Gegenwart". Was faszinierte an Becker? Seine "konzeptuelle Strenge sowie die Neigung, immer wieder Neues, gerne dezidiert Uncooles auszuprobieren", schreibt Diederichsen. Steely Dan "waren auf der eigentlich unmöglichen Mission, eine Popvision zu entwickeln, die weder lächerlich noch kindisch ist, die keine Klischees bedient, aber mit ihnen arbeitet, die Musik nicht ernst nehmen kann, aber von tiefer Liebe zu ihr geprägt ist. Dabei übernahm Fagen die Rolle des resignierten Melancholikers, eher moll, manchmal düster, während Becker den amüsierten Agnostiker gab, der auch mal einen Ausfall wagt." Weitere Nachrufe schreiben Andrian Kreye (SZ), Thomas Stillbauer (FR), Michael Pilz (Welt) und Edo Reents (FAZ).

Daniel Gerhardt porträtiert auf ZeitOnline den deutschen Rapper Rin und verortet ihn irgendwo zwischen Dadaismus, Exzentrik und Volksschmerz. Rin revolutioniert gerade mit viel Emotion den Cloud-Rap, der in den letzten Jahren vor allem durch völlige Emotionslosigkeit geprägt gewesen sei, lesen wir: "Immer bemüht um volle Kontrolle, kaum aus der Reserve zu locken, angriffslustig nur gegen weiche Ziele. Rin ist nicht zuletzt deshalb Phänomen und Original, weil er diesem Treiben etwas entgegensetzt. Durch Hardtalk und hartes Fühlen führt der Rapper aus dem Schwabenland einen Dauerzustand des Kontrollverlusts über Zunge, Grammatik und Hormonspiegel herbei."

Weiteres: Die amerikanische Rechte würde gern Taylor Swift vereinnahmen, was aber nicht so ganz aufgeht, berichtet Jens-Christian Rabe in der SZ. Daniel Dylan Wray schreibt auf Pitchfork über die Entstehung des Soundtracks zum "Twin Peaks"-Comeback von David Lynch. Besprochen wird John Eliot Gardiners Monteverdi-Zyklus beim Musikfest Berlin (taz).
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Archiv: Musik

Bühne

Im Tagesspiegel stimmt Sandra Luzina auf die erste große Premiere der neuen Volksbühne auf dem Flughafen Tempelhof ein: Der Choreograf und Festivalstar Boris Charmatz wird nächste Woche die Saison mit dem ehrgeizigen Stück "10.000 Gesten" eröffnen.

Eigentlich sollte der Architekt Francis Kéré in einem Hangar des Flughafen einen mobilen Theaterbau errichten. Stattdessen wurde es ein simples Baugerüst. Doch in der Berliner Zeitung weiß Nikolaus Bernau, dass Kéré daran die geringsteSchuld trifft: Von den zugesagten 500.000 Euro überwies die Lottostiftung nur gut die Hälfte, und das vor zwei Monaten. Und Ulrich Seidler meldet in der Berliner Zeitung, dass dem Kulturschausschuss die Petition "Die Zukunft der Volksbühne neu verhandeln" mit über 40.000 Unterschriften übergeben wurde.
Archiv: Bühne

Kunst

Andrian Kreye meldet in der SZ, dass New York Fritz Koenigs Skulptur "The Sphere" wieder am World Trade Center aufstellt, die beim 11. September stark beschädigt worde war.

Besprochen wird die Ausstellung "Russlandbilder" mit Werken deutscher Künstler vor dem Ersten Weltkrieg in der Galerie Neue Meister in Dresden (FAZ).
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Architektur


Die Leuchttürme von Kiel sind eigentlich alle ganz schön.

Städtebaulich ist Kiel übel mitgespielt worden, große Verkehrsschneisen, Shopping Center und architektonische Banalitäten haben die Innenstadt so gut wie sterben lassen. Dankwart Guratzsch blickt in der Welt seufzend auf die hässliche Stadt, auch die neuen Wohnquartiere an der alten Feuerwache und am Alten Markt findet er nur halbherzig. Es hilft nicht, meint er, die Stadt braucht ein Highlight: "Eine solche Einrichtung könnte ein Deutsches Schifffahrtsmuseum sein, mit Objekten aus der Glanzzeit Kiels und der deutschen Marine, mit ganzen Schiffen, Seezeichen und Leuchttürmen, ein Gebäude wie ein Bilbao-Museum - spektakulär, einmalig, unwiederholbar. Das alte Kiel ist rettungslos untergegangen."


Arno Brandlhubers Antivilla. Foto: Erica Overmeer

In Krampnitz bei Potsdam hat der Architekt Arno Brandlhuber eine alte DDR-Fabrik für Sport-BHs zu einem Wohnhaus umgebaut. In der NZZ ahnt Antje Stahl, dass er mit seiner Antivilla in Berlin natürlich einen Nerv getroffen hat: "In Berlin wiegt der Eskapismus-Vorwurf schwer. Jeder wünscht sich zwar die Seeidylle, kann sich aber eher mit einem Haus vor der Stadt identifizieren, dem das Kaputte ins Gesicht geschrieben ist und das den reichen Nachbarn ein Stück weiter bei Potsdam allein schon wegen seines Namens den - Entschuldigung - Mittelfinger zeigt."
Archiv: Architektur