9punkt - Die Debattenrundschau

Was geschah zur Tatzeit?

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.05.2017. Die Welt wird immer besser! In der NZZ empfiehlt der Neurowissenschaftler Steven R. Quartz mehr Optimismus. Pessimismus macht glücklich und frei, ruft dagegen Tim Parks in der New York Review of Books. Wohin die SZ tendiert, ist klar: Sie fühlt sich mit Amazons Echo zu Hause schon wie im Gefängnis. Außerdem befürchtet sie mit dem bedingungslosen Grundeinkommen neue Ungerechtigkeiten. In der taz dagegen hat der Historiker Moshe Zimmermann immer noch Hoffnung und denkt über eine Zweistaatenlösung im Nahostkonflikt nach. Und der Guardian feiert Donald Trump als großen Einiger Europas.

Ideen

"Wenn Sie auf einer Cocktailparty sind und nach einem Gesprächseinstieg suchen, würde ich die Anfangszeile einer Mitteilung von Bill und Melinda Gates empfehlen: 'Nach nahezu allen Maßstäben ist die Welt heute besser als je zuvor.'", schlägt in der NZZ der Neurowissenschaftler Steven R. Quartz vor. Tatsächlich stimme das nämlich. Wenn die meisten Menschen das Gegenteil glauben, fehle es ihnen schlicht an kognitiver Kontrolle: "In Wirklichkeit hat nicht nur der materielle Wohlstand auf der ganzen Welt zugenommen, sondern die globale Ungleichheit geht als Folge technischer und kultureller Innovationen, die die Globalisierung antreiben, ebenfalls zurück. Vor allem sollten wir gegenüber Narrativen des Niedergangs auf der Hut sein, die zusätzlich unsere emotionalen Voreingenommenheiten aktivieren, und zwar besonders gegenüber jenen, die sich der niedrigstufigen Schaltkreise zur Erkennung von Bedrohungen bemächtigen."

Tim Parks bevorzugt in seiner Lektüre dagegen die großen Pessimisten - Leopardi oder Beckett, schreibt er im Blog der New York Review of Books: "Die moderne Gesellschaft als ganzes tendiert zu einer Art institutionellem Optimismus. Sie unterstützt Hegels Ansicht von Geschichte als Fortschritt und ermutigt uns zu glauben, Glück sei potentiell für jeden erreichbar, wenn er sich nur anstrengt. Daher ist die Art von Wahrheit, die Pessimisten uns anbieten, immer eine subversive Wahrheit. Alle Zitate, die ich von Cioran aussuche, können als Widerlegung der Glaubensgrundsätze betrachtet werden, nach denen wir erzogen wurden: dass Wissen ein wesentlicher Erwerb ist, dass wir arbeiten müssen um andere zu retten oder ihnen zu helfen, dass es gut ist, fleißig und gesund zu sein, dass Freiheit extrem wichtig ist und so weiter. Eine derart radikale Dekonstruktion mag alarmierend sein, doch wenn sie mit spritzigem Elan und Vergnügen ausgeführt wird, kann sie dennoch einen Moment der Heiterkeit erschaffen und, entscheidend, ein Gefühl der Freiheit. Leopardi, Cioran oder Beckett zu lesen erlöst einen von der sozialen Verpflichtung glücklich zu sein."

Abgedruckt ist in der NZZ außerdem die Dankesrede Rüdiger Safranskis zum Börnepreis.
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Überwachung

Geräte wie Amazons "Echo" - ein Lautsprecher, der bei Bedarf Amazon-Bestellungen aufgibt - machen das Heim zu einer Art gemütlichem Gefängnis, fürchtet Adrian Lobe in der SZ: Sie "zeichnen Sätze auf und leiten diese an einen Cloud-Dienst weiter, wo sie ausgewertet werden. Der vernetzte Lautsprecher hört laufend mit. Die Polizei in Bentonville im US-Bundesstaat Arkansas verlangte von Amazon die Herausgabe von Audiodateien in einem mysteriösen Mordfall. Der virtuelle Assistent könnte ein tödliches Geheimnis hüten - und einige sachdienliche Hinweise liefern. Was geschah zur Tatzeit? Gab es Schreie des mutmaßlichen Opfers? Amazon gab die Daten nach anfänglichem Zögern schließlich doch heraus."
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Stichwörter: Smart Home

Gesellschaft

Die Probleme, die den Hintergrund der Debatte um das "bedingungslose Grundeinkommen" bilden, müssen wirklich ernst sein, wenn man die Gegenvorschläge des Volkswirtschaftlers Henning Meyer in der SZ liest, die eher noch unheimlicher klingen. Das Grundeinkommen, so kritisiert er plausibel, schaffe neue Ungerechtigkeiten. Er bevorzugt dagegen eine Beschäftigungsgarantie, die dazu führt, dass sich die Bürger Jobs zuweisen lassen müssen: "Regierungen würden über eine solche Garantie indirekt als Arbeitgeber der letzten Instanz auftreten, was de facto bedeutet, dass die Bezahlung einer Beschäftigung von deren Inhalt entkoppelt wird. Diese Entkoppelung würde ein zusätzliches Politikinstrument schaffen, um gezielt sinnvolle Beschäftigung zu ermöglichen. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels könnte dadurch zum Beispiel Beschäftigung in bisher unterversorgten Bereichen, wie etwa in der Kranken- und Altenpflege, generiert werden."
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Politik

Fünfzig Jahre nach dem Sechstagekrieg schlägt der Historiker Moshe Zimmermann im Gespräch Susanne Knaul von der taz eine modifizierte Zweistaatenlösung  vor: "Die Zweistaatenlösung, von der wir immer sprechen, ist heute problematischer als 1947, 1967 und sogar noch 1993, als sich zum ersten Mal die beide Konfliktparteien gemeinsam dafür aussprachen. Deshalb muss man neue Modelle entwickeln und über zwei Staaten in einer anderen Formation nachdenken. Das heißt, es geht nicht so sehr um das Territorium, sondern um die Zustimmung zur Idee von zwei Staaten mit zwei Regierungen... Es bedeutet, dass eine jüdische Siedlung auf palästinensischem Territorium zu Israel gehören würde, wenigstens juristisch, und Araber, die in Israel wohnen, wenn sie das wollen, sich zu den Palästinensern zählen können."

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Europa

Der Türkei-Forscher Marc David Baer analysiert für die taz den Film "Strippenzieher", der von einem Erdogan-nahen Fernsehsender ausgestrahlt wird und antisemitische Verschwörungstheorien über den Putsch in der Türkei verbreitet: "Welche Beweise liefert der Film für diesen diabolischen Plan der Juden? In der Hauptsache stützt er sich auf angebliche Zitate des mittelalterlichen jüdischen Gelehrten Maimonides, Charles Darwins (der als Jude hingestellt wird) und Leo Strauss'."

Wird Donald Trump einst eine Verdienstmedaille als Einiger Europas bekommen? Der Mann hat für Europa jedenfalls sein Gutes, findet Natalie Nougayrède im Guardian: "Trumps Mischung aus Arroganz, Ignoranz und Brutalität führt dazu, dass sich die Europäer mit ihrer Zivilisiertheit und milden Manieren sehr gut fühlen. Kontraste können besänftigend sein. So wie die Europäer entschieden, dass sie nur in Einigkeit mit dem Brexit umgehen können (nicht um die Briten, deren Rückzug eher traurig macht, zu bestrafen, sondern um Schäden zu begrezen), so wird Trump zu einem bindenden Faktor."
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Stichwörter: Türkei, Donald Trump, Brexit

Religion

In muslimischen Ländern gibt es einen starken Anstieg von Verurteilungen wegen Blasphemie, schreibt Krithika Varagur in Slate.fr und verweist etwa auf aktulle Fälle in Indonesien und Pakistan. Er macht dabei für die Blasphemieparagrafen in diesen Ländern eine überraschende Quelle aus: den britischen Kolonialismus: "Das britische Kolonialreich hat in den meisten seiner ehemaligen Kolonien Spuren in den Blasphemiegesetzen hinterlassen. Zum Beispiel waren in Indien im Jahr 1860 Blasphemieparagrafen erlassen worden, deren Erbe das heutige Pakistan nach der Teilung von 1947 ist. Die Verbreitung dieser Gesetze zielte damals staatlicherseits darauf ab, eine interreligiöse Stabilität und Harmonie in den kolonialen Besitzschaften zu erreichen."
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