Efeu - Die Kulturrundschau

Glockenläuten inbegriffen

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30.05.2017. Der Standard lernt in der Wiener Kunsthalle mit den Anderen zu leben, selbst mit der Oberschicht.  Die Berliner Zeitung geht zum Gottesdienst mit Pink Floyd ins V&A-Museum. Die Welt geht gern mit Schwellenangst ins neue Historische Museum in Frankfurt. Die NZZ atmet in Solothurn den aus dem Wasserglas befreiten Geist der Literatur. Und die SZ hört nach fünfzig Jahren noch immer und wie neu Sgt. Pepper.

Kunst


Tina Barney: The Antlers, 2001. Bild: Kunsthalle Wien.

Im Standard berichtet Roman Gerold von der Ausstellung "How To Live Together" in der Wiener Kunsthalle, die neue Blicke auf die Anderen werfen will: "Ein Leitmotiv der Schau ist die Mikroskopierung, der genaue Blick auf soziale Gefüge. So etwa in einer Arbeit Paul Grahams, der in den frühen 1980er-Jahren in heruntergekommenen britischen Sozialämtern Wartende ablichtete. Die Tristesse dieser vom öffentlichen Interesse kaum gestreiften Räumlichkeiten macht er durch mächtige Bildtafeln spürbar. Einen ähnlichen Blick an die Ränder der Gesellschaft unternimmt auch Mohamed Bourouissa: Er zeigt Szenen von Straßenkämpfen in den Pariser Vororten. Im Gegensatz zu Grahams Schnappschüssen sind seine aufgeregten Szenen jedoch teils inszeniert. Die Ambivalenz zwischen Schnappschuss und Inszenierung prägt auch die Bilder Tina Barneys, die sich mit Fragen der Repräsentation in der Oberschicht befasst."

Londons Victoria and Albert Museum widmet seine neueste Ausstellung der Pop-Heroen Pink Floyd. In der Berliner Zeitung vermisst Sebastian Borger nur noch die "Bänkchen zum Niederknien". Er misstraut dem neuen Trend, die Ikonen der Popkultur im Museum anzubeten: "Zum Schluss erhalten die Gläubigen den Segen: Pink-Floyd-Fans seien 'ebenso hartgesotten wie passioniert', lobt der Ausstellungstext. Und haben über die Jahrzehnte eine 'echt progressive Band, die nie aufhörte zu experimentieren' unterstützt. Solcherart gestreichelt heißt es nun Kopfhörer ab zum Gebet: Im letzten Ausstellungsraum werden Bilder vom letzten gemeinsamen Liveauftritt 2005 gezeigt, Glockenläuten inbegriffen."

Weiteres: So retro sahen die Kunstwerke noch nie aus, frohlockt Jens Hinrichsen im Tagesspiegel über die Schau des amerikanischen Künstlers Ronald Jones "Enemy of the Stars". Für die SZ besucht Joseph Hanimann die Ausstellung "Trésors de l'Islam en Afrique" im Pariser Institut du monde arabe, die mit der Legende des 'schwarzen Islam' aufräumen will.
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Stichwörter: Pink Floyd

Musik

Online leider nicht ohne weiteres zugänglich, aber wegen seiner Anekdotenfülle sehr lesenswert ist das Gespräch, das Marcel Anders für die SZ mit dem Produzenten Giles Martin geführt hat. Der hat sich das vor 50 Jahren erschienene Beatles-Album "Sgt. Peppers" nochmal zur Brust genommen und es klangästhetisch auf den neuesten Stand gebracht. Dabei plaudert Miles ziemlich aus dem Nähkästchen. Der bisherige Stereo-Mix des für Mono konzipierten Albums sei demnach bloß ein liebloses Nebenprodukt gewesen, mit dem die Band nie zufrieden war: "Nimmt man Gitarre, Bass und Schlagzeug - wie früher üblich - auf vier Spuren auf, hat man später mehr Instrumente auf einem Kanal und mehr Gesang auf dem anderen. Das ist einfach so. Bei 'Lovely Rita' singt Paul zum Beispiel im Original links und der Bass spielt rechts. Jetzt, da wir es anders mixen können, kann diese Trennung verschwinden. Und der Song klingt sofort kompakter und damit intensiver."

Weiteres: Die Zeit hat ihr großes Gespräch mit Can-Musiker Irmin Schmidt (hier unser Resümee) online nachgereicht. Thomas Schacher resümiert in der NZZ das Zaubersee-Festival in Luzern.

Besprochen werden ein Schubert-Konzert der Berliner Staatskapelle unter Daniel Barenboim (Tagesspiegel), eine CD von Julia Lezhneva mit Arien von Carl Heinrich Graun (Tagesspiegel), das Album "United States of Horror" von Ho99o9 (taz), ein Konzert der Cappella Ahmed (Tagesspiegel) und die Pink-Floyd-Schau in London (Berliner Zeitung).
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Literatur

Für einen toll entspannten, ausführlichen Plausch haben sich Arno Widmann und Hanns Zischler getroffen. Den konkreten Anlass bot die Wiederveröffentlichung von Zischlers Buch "Kafka geht ins Kino", doch streift das in der Berliner Zeitung veröffentlichte Gespräch alle möglichen Betätigungen des Schauspielers, Autors, Fotografen und Literaturwissenschaftlers. Unter anderem geht es um Zischlers Angewohnheit, sich mit aller Muße verstreuten Dingen zu widmen - gewissermaßen Zischlers Arbeitsmethode: "Saumselig bleiben können ist wichtig. Wenn Sie sich auf etwas einlassen, dann heißt das, dass Sie sich um das andere nicht kümmern. Der Schmutzfink, der Zivilisationsreste aus der Themse fischt, der weiß nicht, worauf das hinauslaufen wird. Er tut es, weil es ihm Spaß macht. Aber er tut es auch im Vertrauen darauf, dass etwas daraus wird."

Euphorisch berichtet Roman Bucheli in der NZZ von den Solothurner Literaturtagen, die er als "ausgelassenes Fest" erlebte: "Sie drohten einmal an ihrem Erbe zu ersticken; heute atmen sie einen freieren Geist. ... Die klassischen Wasserglas-Lesungen werden hier längst mit ebenso vielen neuen Formen aufgewogen: Laboratorien bereiten die Zukunft der Literatur im Speziellen und des Daseins im Allgemeinen vor; in Übersetzerworkshops oder Textwerkstätten denkt das Publikum über Sprachprobleme nach. In musikalischen Crossovers zeigen Schriftsteller ihre Zungenfertigkeit." Zu verdanken sei diese Wende im übrigen der seit vier Jahren tätigen Geschäftsführerin Reina Gehrig.

Hemingway - schwul und ein Möchtegern-Literat? Sehr ärgerlich findet Ursula März in der Zeit die Suggestionen, die Lesley M. M. Blume in die Rhetorik ihrer Biografie "Und alle benehmen sich daneben" über die jungen Jahre Hemingways eingeflochten hat: Das "eher im Sound hörbare als im Inhalt greifbare Ressentiment von Blumes Studie richtet sich letzten Endes gegen Urtechniken der Literatur: die fiktionale Selbstverwandlung und Selbstverkleidung."

Weiteres: Im Logbuch Suhrkamp schreibt Friedrich Ani über Cornell Woolrich. Nadine Lange trifft sich für den Tagesspiegel mit dem Schriftsteller Miljenko Jergović. Im Tagesspiegel würdigt Rüdiger Schaper Gabriel Garcia Márquez' vor 50 Jahren erschienenen Roman "Hundert Jahre Einsamkeit".  Thomas David spricht für die FAZ mit Graham Swift über dessen neuen Roman "Ein Festtag". Christoph Haas berichtet im Tagesspiegel vom Münchner Comicfestival.

Besprochen werden Toni Morrisons "Gott, hilf dem Kind" (Tagesspiegel), Colum McCanns "Wie spät ist es jetzt dort, wo du bist?" (NZZ), Christoph Heins "Trutz" (SZ) und Deborah Feldmans "Überbitten" (FAZ).
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Film

Weitere Cannes-Resümees (hier der erste Schwung): Tim Caspar Boehme zeigt sich in der taz trotz aller Schwächen des Wettbewerbs schlussendlich doch sehr zufrieden mit dem Festival: "Hatte man im vergangenen Jahr mit der Goldenen Palme für Ken Loachs 'I, Daniel Blake' den Eindruck, bei der Ehrung habe der Altmeisterstatus den Ausschlag für einen in seiner Aussage eher plakativen Film gegeben, bildeten bei diesen Filmfestspielen die Auseinandersetzung mit der sozialen Wirklichkeit und die Lust am Erproben einer eigenen Ästhetik keinen Widerspruch. Für das Kino allemal ein Gewinn."

Ist die Goldene Palme für Ruben Östlunds Kunstbetriebssatire und PC-Schelte "The Square" nun eine gute Entscheidung oder nicht, fragt sich Daniel Kothenschute in der FR. Immerhin habe sich "Pedro Almodóvars Jury für einen anspruchsvollen, aber künstlerisch unvollkommenen Film entschieden, dessen Thema ihr offensichtlich ein Anliegen war. Leicht gemacht hat es sich Östlund mit seinem Film jedenfalls nicht. Und man muss anerkennen: Er verteidigt das Kino als einen Ort wichtiger kultureller Fragestellungen. Was könnte sich Cannes, das manchmal im Glamour zu versinken droht, Besseres wünschen?" Frédéric Jaeger hält dem auf critic.de in einem nachgereichten, ausführlicheren Fazit dagegen: Die Entscheidung sei grundschlecht - und Almodóvars bei der Preisverleihung geäußerte Spitze gegen die "Diktatur der politischen Korrektheit" ziemlich hanebüchen.

Weiteres: Daland Segler resümiert in der FR das japanische Filmfestival Nippon Connection in Frankfurt. Fabian Tietke war für die taz beim iranischen Filmfestival in Köln, das ihm vor Augen geführt hat, "dass das iranische Kino eines der derzeit aufregendsten der Welt ist."

Besprochen werden Matti Geschonnecks Verfilmung des Romans "In Zeiten des abnehmenden Lichts" (Berliner Zeitung), Cate Shortlands "Berlin Syndrome" (SZ) und die dritte Staffel der Netflix-Serie "Bloodline" ("Einen Wahnsinn, einen herrlichen", verspricht Elmar Krekeeler in der Welt).
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Bühne


Daina Ashbees "Unrelated" auf den Potsdamer Tanztagen

Auf den Tanztagen Potsdam hat vor allem die junge kanadische Choreografin Daina Ashbee Eindruck auf taz-Kritikerin Astrid Kaminski gemacht, kein Thema sei ihr zu düster oder schwer: Sexuelle Gewalt, Klimawandel, Diskriminierung der First Nations, alles sei drin: "Die Nacktheit auf der Bühne strahlt Ungeschütztheit aus, sie wirkt wie gehäutet, aber nicht ausgestellt - dazu sind die Tänzer*innen Paige Culley und Areli Moran zu fokussiert. Die Konzentration ist auf innere wie äußere Überlebensenergien gerichtet und lässt den enormen Schmerz erkennen, der entsteht, wenn das Bedürfnis nach Vertrauen und Zärtlichkeit mit brachialen Gewalterfahrungen zusammenfällt."

Besprochen werden Herbert Fritschs Valentin-Abend am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg (den Till Briegleb in der SZ allerdings sehr unbayrisch fand) und Darja Stockers Inszeneirung "Nirgends in Friede. Antigone" im Wiener Dschungel (Standard).
Archiv: Bühne

Architektur


Frankfurts neues Historisches Museum der Architekten Lederer Ragnarsdottir Oei. Foto: LRO

Hin und weg ist Dankwart Guratzsch vom neuen Historischen Museum in Frankfurt, das weder Entrückung noch Erhaben heit scheut: "Die langen Abmessungen dieser Trakte, ihre Gliederung und ornamentale Veredelung durch Lisenen und ein Rautenmuster und der zwischen sie geschobene offene Platz mit breiter Freitreppe und Skulpturengalerie verleihen dem Ort eine fast sakrale Atmosphäre. Ältere Kunstliebhaber werden sich erinnern, mit wie viel Pathos Museumsarchitekten der Fünfziger- bis Neunzigerjahre noch verkündet hatten, den Besuchern auf jede nur denkbare Weise die 'Schwellenangst' nehmen zu wollen. Hier geschieht das Gegenteil. Das Publikum muss sich bequemen zu steigen, um sich der Würde der Ausstellungsstücke bewusst zu werden."


Bezwingung des Betonmonsters. Foto: HMKV

Tilman Baumgärtel empfiehlt in der taz nachdrücklich die Ausstellung "Gesellschaft zur Wertschätzung des Brutalismus" im Dortmunder HMKV, auch wenn sie ihm das Bauen mit Rohbeton nicht unbedingt näher gebracht hat. Er kann es sich jetzt aber im Sinne "brutaler Ehrlichkeit" besser erklären: "Brutalismus war das letzte Aufbäumen einer Hochmoderne, in der die Form der Funktion folgt, Behaglichkeit kein Wert an sich ist und der Massengeschmack die Klappe zu halten hat."

Gabriele Detterer begrüßt in der NZZ freudig die Aktion "De-fence" zur Entzäunung von Basels Grünflächen: "In den nächsten drei Wochen verzichtet das Schweizerische Architekturmuseum Basel (SAM) auf Eintrittsgebühren und stellt den Besuchern in seinen Räumen Flächen zum Arbeiten, Spielen, Picknicken zur Verfügung."
Archiv: Architektur