Efeu - Die Kulturrundschau

Geschoss oder Geschenk?

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30.11.2016. Die NZZ kommt nachhaltig beeindruckt aus der Münchner Premiere der von Kirill Petrenko dirigierten Schostakowitsch-Oper "Lady Macbeth von Mzensk": Kühne Klangwirkungen, radikale Differenzierungen, aber ein moderat wiedergegebener Geschlechtsakt. Bayern Klassik singt ein Loblied auf die Sängerin Anja Kampe in der Rolle der Lady Macbeth. Die FAZ saß wie ein hypnotisiertes Kaninchen auf der Stuhlkante. Außerdem: Die NZZ besucht den Schriftsteller John Wray in Brooklyn. Die FAZ erkennt die Wolfsnatur des Menschen in František Vláčils avantgardistisch-experimentellem Mittelalter-Filmepos "Marketa Lazarová".

Bühne


Szene aus Schostakowitschs Oper "Lady Macbeth von Mzensk" an der Bayerischen Staatsoper. Foto: Bayerische Staatsoper

In München hatte Harry Kupfers Inszenierung der Schostakowitsch-Oper "Lady Macbeth von Mzensk" Premiere, mit Kirill Petrenko am Pult. Die Handlung ist schnell erzählt: Die wegen ihrer Kinderlosigkeit verachtete Katerina Ismailowa erliegt der sexuellen Ausstrahlung des Knechts Sergej und ermordet erst ihren Schwiegervater und dann ihren Ehemann. Am Ende tötet sie sich selbst. In der NZZ ist Marco Frei ziemlich beeindruckt von der musikalischen Umsetzung, wenn sie auch vielleicht etwas "pointierter" hätte sein können: "Statt Effekte zu überzeichnen, nimmt Petrenko den Druck aus der Musik, wagt radikale Differenzierungen in Ausdruck und Dynamik. In kammermusikalischen Reduktionen erreicht er eine farbenreiche Transparenz, und wo sich Dissonanzen reiben, erwachsen fast schon clusterhafte Klangreihungen. Dagegen blieben an der Premiere die frivolen Posaunen-Glissandi im auskomponierten Geschlechtsakt von Katerina und Sergei ähnlich moderat wie die unverhohlene Massenvergewaltigung der Köchin Axinja (Heike Grötzinger)."

Auf Bayern Klassik applaudiert Bernhard Neuhoff einer "vom ersten bis zum letzten Ton glaubhaften und packenden Deutung". Größtes Lob geht an Anja Kampe, die die Titelrolle singt: Katerina, die Lady Macbeth von Mzensk. "In einer Welt voller Gewalt wählt sie die Gegengewalt: Mord ist die einzige Form von Freiheit, die ihr bleibt. Und weil Schostakowitsch ihre von Männern beherrschte Umwelt so schonungslos schildert, so grotesk und niederträchtig, kann man als Zuschauer gar nicht anders, als Partei zu ergreifen für diese Frau. Jedenfalls an diesem Abend. Denn Anja Kampe ist Katerina. Mit brennender Intensität singt sie, ohne jedes Flackern, mit klar geführtem, warmem, farbenreichem Sopran. Eine fantastische Leistung."

Im DRadio Kultur ist Uwe Friedrich eher gelangweilt: "Verblüffend altmodisch" findet er die Oper so wie Petrenko dirigiert und Kupfer, der die Handlung in eine heruntergekommene Fabrikhalle verlegt hat, inszeniert. Zu letzterem schreibt er: "Keine Andeutung von sozialer Dynamik, keine bedrohliche Stimmung werden erkennbar. Die Vergewaltigungsszene der Köchin: peinlich; das Auspeitschen des Liebhabers Sergej durch den Schwiegervater: lächerlich. Es bleibt ein düsteres Panorama des ununterbrochen geknechteten russischen Volks, das an seinem Unglück aber auch irgendwie selbst schuld ist."

Weitere Besprechungen gabs in FAZ (Eleonore Büning hielt wie ein "hypnotisiertes Kaninchen, im Dunkeln, unter Tränen" die Luft an) und SZ ("Immer weiß das Orchester Interessanteres von den Figuren zu berichten als der Regisseur und die Sänger", schreibt Reinhard J. Brembeck, der Harry Kupfers Inszenierung nicht viel abgewinnen konnte)

Besprochen werden außerdem Ralph Benatzkys "Im Weißen Rössl" am Staatstheater Mainz (FR) und Johan Simons' Bühnenadaption von Fontanes "Schimmelreiter" am Hamburger Thalia Theater (FR, FAZ).
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Literatur

Für die NZZ reist Tilman Urbach nach Brooklyn, um dort den Schriftsteller John Wray zu besuchen, dessen "stilistisch fein gedrechselter" Roman "Das Geheimnis der verlorenen Zeit" ihn sehr beeindruckt hat: Darin geht es "um nicht weniger als um das Wesen der Zeit. ... Wo viele amerikanische Autoren die Verknappung suchen, liebt Wray das Ausschweifende, die sprachliche Delikatesse. Als ich ihm sage, er sei vielleicht gar kein amerikanischer Schriftsteller, sondern ein genuin europäischer, lacht er."

Verleger sind Sprachpfleger, schreibt Michael Hagner in der NZZ. Und in Zeiten, in denen Sprache wieder gesäubert wird und politische Indienstnahmen sich abzeichnen, ist diese Pflege auch als politische Tätigkeit zu sehen: "Wenn sich Menschen im Stil ihrer Sprache offenbaren und ihre politische und poetische oder einfach ihre alltägliche Gesinnung zeigen, dann können wir um die Sprache nicht genug Aufhebens machen. Denn es hängt so viel davon ab, zu bemerken, ob sich in der Sprache Engel oder Bestie zeigen und ob wir mit der Sprache ein Geschoss oder ein Geschenk zu erwarten haben."

Weiteres: In der SZ preist Tobias Lehmkuhl die Lyrikverlage brüterich press und roughbooks, die gerade ihr Aboprogramm für Lyrik mit einem neuen Schwung Bücher ergänzt haben. Eigentlich ein sehr schönes Weihnachtsgeschenk, so ein Lyrikabo, nein? In der FR gratuliert Claus-Jürgen Göpfert Klaus Schöffling zur Auszeichnung als Verleger des Jahres durch das Fachmagazin BuchMarkt.

Besprochen werden Matthias Zschokkes "Die Wolken waren gross und weiss und zogen da oben hin" (NZZ), Claire Vaye Watkins' "Gold Ruhm Zitrus" (FAZ) und Kurt Steinmanns Neuübersetzung von Aischylos' "Orestie" (SZ).

Und ein Hinweis für heute Abend: Ab 19 Uhr überträgt Youtube einen in Berlin gehaltenen Vortrag von Didier Eribon:

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Kunst

Da der Berliner Senat sein Versprechen erfüllt und ein neues Museum für moderne Kunst in Berlin errichten lässt, übergibt heute das Ehepaar Pietsch seine Kunstsammlung offiziell an die Staatlichen Museen zu Berlin, berichtet Nicola Kuhn im Tagesspiegel. Philipp Meier begutachtet für die NZZ die Neupräsentation der Sammlung Briner mit ihren Werken der niederländischen Kunst des 17. Jahrhunderts im Museum Oskar Reinhart in Winterthur. In der FR gratuliert Dirk Pilz der Performance-Künstlerin Marina Abramovic zum Siebzigsten.

Besprochen werden eine Ausstellung von Werke des amerikanischen Zeichners Raymond Pettibon im Museum der Moderne in Salzburg (Presse), die Július-Koller-Retrospektive im Wiener Mumok (Standard), eine Ausstellung von FilmStills in der Albertina und im Filmmuseum in Wien (Standard) und eine Ausstellung mit Ansichten von Rom aus dem achtzehnten Jahrhundert im Dresdner Kupferstichkabinett (FAZ).
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Musik

Beim "Clean Sounds"-Festival auf Fuerteventura lässt sich Tazler Philipp Rhensius den Wind um die Ohren wehen und erhascht dabei einen Blick durchs "Fenster in die Zukunft einer neuen Gesellschaft."

Besprochen werden ein Konzert von The Julie Ruin (Spex), das neue Album von The Weeknd (FAZ, Pitchfork, Popmatters, mehr dazu hier), das neue Album "Light Falls" des Ambient/Drone-Projekts Wrekmeister Harmonies (taz), eine Wiederveröffentlichtung von Steve Reichs und Terry Rileys "Six Pianos / Keyboard Study #1" (Pitchfork), ein Konzert der Pianistin Mitsuko Uchida mit dem Mahler Chamber Orchestra (Tagesspiegel), das Debütalbum von Carla dal Forno, die Andreas Hartmann vom Tagesspiegel in ihrer düsteren Farbe an Nico erinnert, ein Konzert von Elisabeth Leonskaja (Standard), ein Konzert von Neurosis (The Quietus), ein Konzert von King Crimson (Standard), das neue Coveralbum der Rolling Stones (Welt) und ein Auftritt der Hannoveraner Rockband Scorpions (FR).
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Stichwörter: Steve Reich, Ambient

Film



Mit František Vláčils avantgardistisch-experimentellem Mittelalter-Epos "Marketa Lazarová" erhält diese Woche ein Meisterwerk des tschechoslowakischen Kinos aus den 60er Jahren seinen offiziellen deutschen Kinostart, meldet ein darüber enthusiasmierter Bert Rebhandl in der FAZ. Mit historischen Konstellationen des Mittelalters habe diese Verfilmung von Vladislav Vančuras Roman "Räuberballade" zwar wenig zu tun - umso bestaunenswerter findet Rebhandl den über drei Stunden dauernden Film als künstlerischen Kraftakt: Darin geht es "um die Grenzen der Legitimität in einer Welt, die zwischen Barbarei und christlicher Aufklärung noch kaum geordnet ist. (...) Dass 'Marketa Lazarová' auch mit fast drei Stunden nur Fragment ist, passt zum Charakter eines Films, der immer wieder Züge eines Freskos oder eines Panoramas bekommt. Es kommt weniger auf den Gang der Ereignisse an, als auf eine großflächige Meditation über die Wolfsnatur des Menschen."

In ihrer Besprechung auf kino-zeit.de tastet sich Katrin Doerksen vorsichtig "durch diese düstere Traumwelt". Zur amerikanischen Veröffentlichung des Films vor drei Jahren hatte David Hudson zahlreiche internationale Stimmen gesammelt, darunter J. Hobermans ausführliche Besprechung in der New York Review of Books und einen Kommentar des Filmhistorikers Tom Gunning. Und hier ein kurzer, sehr sinnlicher Ausschnitt:



Auf kino-zeit.de denkt Lucas Barwenczik darüber nach, dass das gegenwärtige Science-Fiction-Kino in seinen avancierteren Versuchen sich nicht nur an Maßstäben wissenschaftlicher Akkuratesse orientiert, sondern dabei auch das Gefühl als solches wiederentdeckt: "Mit dieser unmittelbaren Verknüpfung von Emotionen und Rationalität greift das Science-Fiction-Kino einen sehr gegenwärtigen Diskurs auf. Die Wahrnehmung dieser Kategorien verändert sich. Das Verhältnis von Denken und Fühlen ist in den letzten Jahren nicht nur verstärkt Gegenstand wissenschaftlicher Forschung gewesen - man denke nur an Konzepte wie die Emotionale Intelligenz -, sondern auch immer mehr Teil der öffentlichen politischen Debatte geworden."

Weiteres: In der taz wirft Tim Caspar Boehme einen Blick ins Programm der Französischen Filmwoche in Berlin, wo unter anderem Paul Verhoevens "Elle" mit Isabelle Huppert läuft. Für den Freitag schreibt Myriam Naumann über die filmische Darstellung von Stasi-Spitzeln.
   
Besprochen werden Clint Eastwoods "Sully" (SZ), Ava DuVernays Dokumentarfilm "13th" (Freitag) und Wolfgang Groos' Neuverfilmung von "Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt" (taz).
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