9punkt - Die Debattenrundschau

Verdacht auf Unterstützung

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.11.2016. Die taz demonstriert für Cumhuriyet. Die letzte Zeitung, die sich in der Türkei für die Trennung von Staat und Religion einsetzt, wird mundtot gemacht.  In der Berliner Zeitung prangert Götz Aly den Neonationalismus in Osteuropa an.  Die Virgin Islands wollen laut Politico.eu eine "positive Rolle" beim Brexit spielen. Und Google und die Gema haben sich geeinigt: Nun dürfen auch deutsche Musikfreunde eine Menge bisher gesperrter Youtube-Videos sehen - FAZ.Net kennt die Konditionen.

Kulturmarkt

Die VG Wort ruft die Buchverlage auf, den Autoren zustehende Beträge an die Autoren zurückzubezahlen - der Bundesgerichtshof hat nach langen Prozessen so entscheiden: Britta Jürgs, Leif Greinus und Jörg Sundermeier von der Kurt-Wolff-Stiftung appellieren an die Politik: "Die Rückzahlungsforderungen, die nun anstehen, lassen bereits die größten deutschen Verlagsgruppen schwitzen. Sie werden einige unserer unabhängigen Kolleginnen und Kollegen jedoch derart treffen, dass sie wahrscheinlich in die Insolvenz gehen müssen. Die Rückzahlungsforderungen sind rechtens, das bestreiten wir nicht. Und die Rückzahlungen werden nun fällig. Das ist so."

Auch andere Verwertungsgesellschadten bewegen sich. "Heute ist ein großer Tag für die Musiklandschaft in Deutschland", meldet ein Google-Blog. Youtube und die Gema scheinen sich über die Konditionen für Musikvideos geeinigt zu haben - darum dürften einige bislang für deutsche Surfer gesperrte Inhalte zugänglich werden. Mehr dazu auf FAZ.Net: "Die Prozesse, die sie gegeneinander führten, haben die Gema und Youtube nach Informationen von FAZ.Net ad acta gelegt. Sie schließen eine freiwillige Vereinbarung, mit der sich Youtube verpflichtet, Abgaben an die Gema zu zahlen."
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Stichwörter: Gema, VG Wort, Youtube, Buchverlage

Medien

Auf dem Titelfoto der taz halten Redakteure der Zeitung Soli-Parolen mit Cumhuriyet hoch, der einzigen verbleibenden freien Stimme in der Türkei, wo gestern wieder mal Redakteure festgenommen wurden. Georg Löwisch schreibt: "Die Presse ist in der Türkei schon lange nicht mehr frei - so wie es eine Demokratie zum Leben bräuchte. Aber viele mutige JournalistInnen schreiben noch. Was sie sehen, was sie denken, was ist. Für sie ist die Cumhuriyet ein Wahrzeichen. Sie ist, 1924 gegründet, die älteste Zeitung des Landes. Sie will die Trennung von Staat und Religion. Erdoğan will den Islam als Staatsreligion."

Ali Çelikkan, selbst Redakteur bei Cumhuriyet, schreibt über seine Kollegen: "Hikmet Çetinkaya schreibt seit Jahrzehnten kritisch über die Gülenisten. Er ist Autor zahlreicher Bücher über die Beziehungen zwischen AKP-Regierung und Fettullah Gülen. Nun ist er wegen des Verdachts auf Unterstützung der Gülen-Bewegung in Untersuchungshaft." Für die FAZ spricht Michael Hanfeld mit dem Journalisten Özgür Mumcu über das Thema. Außerdem schreibt Bülent Mumay.

Außerdem inder taz: Knut Henkel stellt die feministische Monatszeitung La Cuerda aus Guatemala vor: "Ein wiederkehrendes Thema ist die omnipräsente Gewalt gegen Frauen: Jedes Jahr werden mehr als 800 Frauen in Guatemala ermordet - von Partnern, Ehemänner, Angehörigen oder Unbekannten. Sexuelle Gewalt ist weit verbreitet. 2015 wurden 2.100 Mädchen zwischen 12 und 14 Jahren registriert, die nach einer Vergewaltigung schwanger wurden."
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Europa

Ralf Fücks von der Böll-Stiftung kommt von einer Türkei-Reise zurück und zieht in der Welt düstere Bilanz - auch über die Lage der Kurden, über die zu wenig berichtet wird: "Inzwischen wurden auch die beiden Bürgermeister von Diyarbakir wegen angeblicher Verbindungen zur PKK verhaftet. Wir saßen kurz zuvor noch mit Firat Anli, einem der Bürgermeister von Diyarbakir, zusammen. Er kritisierte, dass die EU die Kurden im Stich lässt und Erdogan freie Hand gibt. Recht hat er."

Götz Aly denkt in seiner Kolumne in der Berliner Zeitung über den Neonationalismus in osteuropäischen Ländern nach - und spart auch Russland nicht aus: "Wie reagieren russische Meinungsmacher heute auf die Tatsache, dass die sowjetische Armee den Ungarnaufstand binnen drei Wochen brutal niederschlug? Wer das wissen möchte, greife zu dem Kommentar, den der Chef sämtlicher Nachrichtensendungen des russischen Staatsfernsehens, Dmitri Kisseljow, zum Jahrestag des Aufstands verlas. Er sprach 'von Tausenden aus den Gefängnissen entlassenen ungarischen Naziverbrechern', die 1956 ein 'Pogrom' angezettelt hätten, gegen das die Sowjetunion militärisch habe einschreiten müssen usw."

Der Gouverneur der britischen Virgin Islands, Daniel Orlando Smith, hat sich gemeldet und auf Mitsprache bei den Brexit-Verhandlungen gepocht, meldet Cynthia Kroet in politico.eu: "'Smith, der auch den Rat der U.K. Overseas Territories Association vertritt, sagte, dass die britische Regierung 'die positive Rolle, die die überseeischen Territorien in den Verhandlungen spielen" könnten, würdigen solle."
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Politik

Dietmar Dath parodiert in der FAZ den Diskurs einiger Superlinker, die Clinton schlimmer finden als Trump (oder glaubt er dran - wer will das behaupten?) "Gefiltert durch die Optik der Klügsten auf beiden Seiten des Atlantiks sind die Unterschiede zwischen Trump und Clinton vernachlässigbar, falsch: Die Kandidatin ist sogar ein bisschen schlimmer als der Kandidat, denn ihr Versuch, die alte transatlantische Hegemoniepolitik durch Falkengekreisch nach Osten wiederzubeleben, bringt uns alle einem Weltkrieg näher."
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