9punkt - Die Debattenrundschau

Nicht ein einziges Mal zitiert

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.10.2016. Im Guardian erklärt Nick Cohen, warum Theresa May nach Lüge Nummer 1 aus dem Lügen nicht mehr herauskommt. In der NZZ schildert der in Stanford lehrende Literaturwissenschaftler Adrian Daub das Glück der Stadt San Francisco. Im Tagesspiegel will Wolfgang Thierse nicht auf ein Einheitsdenkmal verzichten. Und die FAZ will keinen lieben Luther.

Europa

Theresa May hat bekanntlich vor dem Referendum gegen den Brexit opponiert und führt nun ganz im Gegenteil eine scheinbar dezidiert harte Brexit-Politik - und verstrickt sich dabei in fatale Widersprüche, schreibt Nick Cohen ebenfalls im Guardian: "May hatte sich zum Beispiel gegen eine neue  Startbahn in Heathrow gestellt. Vielleicht weil sie fürchtete, dass die Ruhe ihrer Wähler gestört würde. Oder sie machte sich Sorgen über einen vergrößerten Flughafen in einer bedrohlich überbevölkerten Gegend von London. Aber nach dem Brexit zählen solche ökologischen oder logistischen Argumente nicht mehr. Wie ihre Regierung zugab, musste May dem Bau der Startbahn  zustimmen, um den skeptischen Märkten zu beweisen, dass sie 'Britannien jetzt und in der Zukunft für den Handel  offen hält'."

Nachfahren jüdischer Deutscher aus Großbritannien beantragen in großer Zahl die deutsche Staatsbürgerschaft, um sich gegen die Folgen des Brexit zu wappnen, berichtet Kate Connolly im Guardian. 400 Anträge soll es bereits geben: "Michael Newman, Vorsitzender der  Association of Jewish Refugees, sagt dass Hunderte von Anfragen an die Organisation gerichtet wurden. Aber die Staatsbürgerschaft eines Landes zu beantragen, das ihre Vorfahren so schlecht behandelt hat, stelle für viele eine 'beachtliche psychologische Herausforderung' dar."

Zumindest missverständlich, wenn nicht grob fahrlässig klingt ein Satz des Bundesinnenministers Thomas De Maizières, der nach einem Treffen mit Islamverbänden zur Sicherheitslage in einer Pressemitteilung schrieb: "Wir brauchen die muslimischen Verbände, wenn es darum geht, jungen Muslimen Orientierung zu geben und begrüßen, dass sie sich für die Deutungshoheit über den Islam einsetzen." Dazu schreibt Mimoun Azizi in Tichys Einblick: "Wenn man den Verbänden die Deutungshoheit überlässt und dabei absichtlich die 80 Prozent der Muslime, die hier leben und sich nicht durch die Verbände vertreten lassen wollen, übergeht, dann darf man sich über eine deutliche Zunahme der Konflikte innerhalb der muslimischen Gemeinschaft in den nächsten Jahren nicht wundern."

Zeit Online meldet, dass der Chefredakteur der Cumhuriyet, Murat Sabuncu, zusammen mit zwölf weiteren Mitarbeitern festgenommen wurde.
Archiv: Europa

Wissenschaft

What a waste!, ruft Daniel Lattier im Blog  der Foundation of Economic Education und zitiert noch einmal die Ergebnisse von Untersuchungen zum geisteswissenschaftlichen Uni-Betrieb: "82 Prozent aller in den Geisteswissenschaften publizierten Artikel werden nicht mal ein einziges Mal zitiert. Von jenen Artikeln, die zitiert werden, werden nur zwanzig Prozent wirklich gelesen. Die Hälfte aller universitären Artikel werden niemals von jemand anderem gelesen als ihren Autoren, Peer Reviewern und Zeitschriftenredakteuren."
Archiv: Wissenschaft
Stichwörter: Geisteswissenschaften

Gesellschaft

"Hochmut ohne Fall? Sodom ohne Schwefel und Feuer?" San Francisco scheint vom Glück verfolgt, schreibt der in Stanford lehrende Literaturwissenschaftler Adrian Daub in der NZZ, und die befürchtete oder erhoffte Blase des Silicon Valleys will einfach nicht platzen: "Das Einzige, was die Flut des Geldes eindämmt, ist älteres Geld. An Immobilien reich gewordene Alteingesessene, die irgendein Haus oder einen Park zum Denkmal erklären lassen, damit nebenan kein Hochhaus gebaut werden kann. Die Stadt Atherton zum Beispiel macht sich Sorgen, dass der Hochgeschwindigkeitszug ihre Immobilienwerte sinken lassen könnte, wenn er ihre Villenviertel einmal durchkreuzt, und deshalb versucht die Stadt von 8.000 Einwohnern, den Zug für 15 Millionen Menschen einfach gleich ganz zu kippen. San Francisco ist Teil eines globalen Phänomens - der Gewinnerstädte. Städte, die es irgendwie nur richtig machen können, deren Wagnis sich auszahlt, deren Absurditäten ungeahndet bleiben."
Anzeige
Archiv: Gesellschaft

Ideen

Auch bei Deutschlandradio Kultur wird nun die Debatte um Carolin Emckes Friedenspreisrede aufgegriffen. Bei René Aguigah kommen die Kritiker Adam Soboczynski von der Zeit und Thomas Schmid von der Welt, die er allerdings nicht namhaft macht (unsere Resümees zu ihren Beiträgen), nicht gut weg: "Diese Verachtung ist ein Symptom genau jener Verrohung der öffentlichen Debatte, die Carolin Emcke analysiert. Die gebildeten Stände lassen hassen."
Archiv: Ideen
Stichwörter: Carolin Emcke

Kulturpolitik

Martin Sabrow, Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam, hat in einer Stellungnahme für den bundestag und in einem Tagesspiegel-Artikel gegen die Einheitswippe argumentiert. Dagen tritt heute Wolfgang Thierse an, der sich auch gegen Sabrwos Kritik am Standort vorm Berliner Schloss wendet: "Das Denkmal würde damit in 'eine Kontinuitätslinie von 1871 bis 1989' gestellt, 'die allen Bemühungen um ein kritisches Geschichtsbewusstsein Hohn spricht'. Schweres Geschütz. Und schlichtes Missverstehen. Denn das ist die eigentliche Pointe des Standortes: Wo einst die preußisch dominierte Einheit von Oben und ohne Freiheit mit einem heroischen Denkmal gefeiert wurde, soll künftig die Einheit von unten bei Gewinn gemeinsamer Freiheit - durchaus unheroisch - gefeiert werden!" Und außerdem braucht Berlin auch den Neubau von Schinkels Bauakademie, insistiert ebenfalls im Tagesspiegel der Architekt Hans Kollhoff (mehr in Efeu).

Religion

Nun werden wir ein Jahr lang mit Luther behelligt. Auf Seite 1 der FAZ kritisiert Reinhard Bingener, dass die Organisatoren des Lutherjahrs dem Reformator alle Kanten weggeschliffen haben: "Die Organisatoren 2017 klammern sich deshalb eisern an ihr heimliches Veranstaltungsmotto 'Versöhnen statt spalten'. Für Johannes Rau mag das einst ein trefflicher Wahlspruch gewesen sein, doch auf Martin Luther passt er nicht. Denn der Reformator war ein leidenschaftlicher Spalter. Nicht nur, dass er im Ergebnis die Christenheit gespalten hat. Das Spalten, Trennen und Unterscheiden war Luthers Weg, sich die Welt anzueignen und trotz aller Rätsel und Abgründe in ihr zurechtzukommen." Auch Jürgen kaube fürchtet im Feuilleton, dass Luther2017 "fürs 'Liebsein' in Dienst genommen" werde.

Ebenfalls in der FAZ feiert der Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann Luther "als einen virtuosen Publizisten, einen 'printing native', einen Propagandisten und Agitator, der die Möglichkeiten der relativ jungen Technik des Buchdrucks auf berechnende und auch revolutionäre Weise im Sinne seiner theologischen Anliegen zu nutzen wusste. "
Archiv: Religion