9punkt - Die Debattenrundschau

Besenreine Netzwerke

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.11.2016. In der Welt prangert Can Dündar die zahnlose Reaktion der deutschen Regierung auf die Gleichschaltung in der Türkei an. In der NZZ stellt der Thologe Jan Heiner Tück eine wohlwollende Prüfung der Reformation durch die katholische Kirche in Aussicht. Der Guardian bringt einen langen Hintergrund über die Rechtspopulisten in Europa, die so geschickt die Diskurse der Linken kapern. Erstmals wird das Internet mehr über mobile Geräte als über Computer rezipiert, meldet Quartz.com. Es gibt einen  Wermutstropfen bei der Einigung von Youtube und Gema, meint Netzpolitik.

Europa


"Teslim Olmayiz" - "Wir geben nicht auf": Screenshot von der Cumhuriyet-Website.

"Die Zeitung lebt", schreibt Ali Celikkan in der taz. Am Dienstag erschien Cumhuriyet "mit der Schlagzeile 'Wir geben nicht auf'. Dort, wo sonst Kolumnen der jetzt Festgenommenen stehen, zeugen weiße Flecken von dem Polizeieinsatz und den 13 Festnahmen." Aber er schildert auch das Risiko für die Journalisten, etwa eine Gerichtsreporterin mit dem Pseudonym Canan: "Sie steht demnächst selbst vor Gericht, der Staatsanwalt fordert für sie 23 Jahre Haft wegen eines Artikels darüber, wie Staatsanwälte Luxuswohnungen zu Sonderpreisen erwarben."

Journalist sein wird in der Türkei lebensgefährlich. Fünf Journalisten wurden in letzter Zeit umgebracht, sagt der inzwischen in Deutschland lebende Can Dündar im Gespräch mit  Daniel-Dylan Böhmer von der Welt und schildert die beängstigende Lage für seine Frau, die in der Türkei bleiben musste, und für die jetzt verhafteten Journalisten und ihre Familien. Er kritisiert auch die deutsche Regierung, die bisher nur "ihrer Sorge Ausdruck gab": "Die Reaktion der deutschen Regierung war wirklich schwach. Auch im Vergleich mit anderen westlichen Partnern der Türkei, wie etwa der Reaktion der USA. Berlin hat die Verhaftungen nicht einmal verurteilt. Besorgt sein hilft uns türkischen Journalisten nicht... Zu viele europäische Regierungen denken, dass sie unter Erdogan wenigstens eine stabile Türkei bekommen. Das wäre so in etwa die Stabilität, die sie in Russland auch haben. "

Sasha Polakow-Suransky  bringt im Guardian einen längeren Hintergrundartikel über Rechtspopulisten in Europa, die sich "skrupellos und effizient ein neues Image" gegeben haben: "Diese Parteien haben eine kohärente Ideologie aufgebaut und sind dem Machtzugriff der etablierten Parteien durch eine Wahlstrategie von vernichtender Wirksamkeit entronnen. Sie haben sehr öffentlich mit den Symbolen der alten Rechten gebrochen, haben sich von Skinheads, Neonazis und Schwulenfeinden distanziert. Sie haben auch die Argumente, Lösungsansätze und Rhetoriken ihrer Gegner übernommen. Sie versuchen die Linke zu übertreffen, wenn es darum geht, einen starken Wohlfahrtsstaat und soziale Errungenschaften zu verteidigen, die ihrer Behauptung nach durch die Migranten gefährdet seien."

Außerdem: In der SZ schreibt Thomas Steinfeld über die ohnmächtig-großtönerische Reaktion Matteo Renzis auf die jüngsten Erdbeben in Italien: Alles solle wieder so werden, wie es war.
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Ideen

Nun doch noch ein Artikel zur Friedenspreisrede Carolin Emckes. Der Philosophieprofessor Alexander García Düttmann fragt (und bekommt dafür gleich den Aufmacher des FAZ-Feuilletons), ob es in Emckes Diskurs nicht eine "ungewollte, dunkle Komplizenschaft mit der Gewalt" gebe, ohne sie genau dingfest zu machen. Unter anderem kritisiert er an ihrer Rede auch eine Verabsolutierung der Differenz, die am Ende zu Konsistenzlosigkeit führt: "Alle sind anders, es gibt lediglich Perspektiven, jeder hat eine andere Geschichte aus einer anderen Perspektive zu erzählen, die Andersheit lässt sich nicht einfach umgehen, und trotzdem sind alle auch gleich, kann man von einer Perspektive zur nächsten übergehen, ist man 'Mensch' und gehört damit einem 'universalen Wir' an."
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Religion

In der NZZ beteuert der katholische Theologe Jan Heiner Tück, dass der Vatikan in Luther keinen Ketzer mehr sieht und beobachtet nach einer längeren Frostperiode den jetzigen Papst wieder einen Schritt auf die Protestanten zugehen: "Franziskus sieht in der konfessionellen Vielgestaltigkeit de facto eine Bereicherung, das hat er in vielen ökumenischen Begegnungen glaubhaft versichert. Ob er damit allerdings den Vorstoß Cullmanns auch theologisch unterschreibt und die konfessionelle Pluralisierung des Christentums grundsätzlich gutheißt, ist eine offene Frage."
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Medien

Sehr schön in FAZ und SZ: Auf den vorderen Seiten eine kleidsame viertelseitige Reklame der ARD für einen Fernsehfilm, der heute Abend läuft. Auf den Medienseiten dann brav die Besprechungen. So ist das eigentlich bei jedem Fernsehfilm der ARD.

Außerdem: Jens Schneider sucht in der SZ nach Antworten auf die Frage, warum Zeitungen in Berlin besonders kämpfen müssen.
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Stichwörter: Berlin, Ard

Internet


Statistik von StatCounter Global Stat.

Im Oktober sind weltweit erstmals mehr Internetseiten von mobilen Geräten als von Computern aufgerufen worden, schreibt Mike Murphy in quartz.com: "Der globale Smartphone-Markt verlangsamt sich zwar, aber die Hersteller liefern im Quartal immer noch etwa so viele Smartphones aus wie die Computer-Hersteller Laptops und Desktop-Computer pro Jahr. Es wird weithin angenommen, dass die nächste Milliarde neuer Internetnutzer das Internet fast komplett zuerst durch Mobilgeräte wahrnehmen wird. Computer werden wir in nächster Zukunft wohl nur noch für die Arbeit nutzen, oder um uns über andere Computermarken lustig zu machen."

Allenthalben wird die Einigung von Gema und Youtube gefeiert - auch in Netzpolitik, aber nicht ohne Einschränkungen. Leonhard Dobusch kommentiert: "Wermutstropfen der außergerichtlichen Einigung sind deshalb deren Vertraulichkeit und der Umstand, dass es dadurch kein höchstrichterliches Urteil in der Auseinandersetzung geben wird. Das bedeutet, dass die Rechtsunsicherheit für andere Plattformbetreiber oder neue Diensteanbieter bestehen bleibt; unklar bleibt, ob sie mehr oder weniger als YouTube für dieselben Inhalte zahlen müssen. Transparente Vergütungsstrukturen sehen anders aus." In der FAZ interviewt Axel Weidermann den Musiklobbyisten Dieter Gorny zu der Einigung.

Endlich mal einer, der sich dagegen wehrt, dass ständig "das Internet" und die sozialen Medien für die Zuspitzung in der Gesellschaft verantwortlich gemacht werden. Frank Schmiechen von Gründerszene stellt in der Welt eine Gegenfrage: "Die Kritiker der Plattformen wollen jetzt sauber durchfegen lassen und träumen von besenreinen Netzwerken. Aber wollen wir ausgerechnet die Betreiber der Netzwerke zu Redakteuren der Wirklichkeit machen? Wollen wir Mark Zuckerberg entscheiden lassen, wo die Grenzen eines zumutbaren Diskurses verlaufen? Soll Facebook entscheiden, was gesagt oder nicht gesagt werden darf? Das kann doch nicht gewollt sein, wenn hinter den 'Digitalkonzernen' bereits jetzt eine nicht mehr steuerbare Macht vermutet wird."
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