Efeu - Die Kulturrundschau

Das Grausige ist auch ein Schauwert

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01.11.2016. In schwärmerische Verzückung versetzt Frank Castorf die Kritiker mit seiner süffigen Inszenierung von Gounods "Faust" in Stuttgart: Oper von ihrer opulenten Seite erlebte die FR, glanzvolle Debüts die FAZ, einen klasse Chor die Welt. In der NZZ preist Marilynne Robinson die Tugend  amerikanischer Kleinstädte. Der Standard erlebt in der Pariser Ausstellung "The Color Line" eine große Schau schwarzer Kunst aus den USA. Und in der Tell Review verteidigt Sieglinde Geisel den Page-99-Test gegen kulturamtliche Gütesiegel.

Bühne


Gounods "Faust" nach Frank Castorf an der Oper Stuttgart. Foto: Thomas Aurin

Große Freude in Stuttgart, wo Frank Castorf Charles Gounods "Faust"-Oper aus dem Jahr 1859 in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts versetzt und mit vielen Anspielungen auf den Algerienkrieg versehen hat. In der Welt erinnert Manuel Brug noch kurz daran, dass die Oper einst als ein bisschen peinlich galt, als "mit Himbeersirup übergossene Grand-Soap-Opera". Aber dann jauchzt er nur noch verzückt über dieses guilty pleasure allererster Güte: "Nicht nur klanglich abwechslungsreich ist das Grand Guignol und schmissige Schaubude, Hexentanz und Studentenbesäufnis, große Walzereinlage als Fest für den klasse Stuttgarter Opernchor und selig-süßes Liebturteln zu zweien. Castorf genießt sichtlich den faulen Zauber der sämig-süffigen, meisterlich modellierten Partitur."

Auch in der FR freut sich Judith von Sternburg über den "Heidenspaß" und berichtet, dass der Jubel im bürgerlichen Schwabenland so heftig ausfiel, dass es den berüchtigt anti-bürgerlichen Regisseur geradezu verwirrt hat. Aber Castorf und Gounod, da haben sich ihrer Meinung nach zwei gefunden: "Die Oper zeigt sich hier von ihrer opulenten Seite, das Grausige wird regelrecht überwalzt von der atemberaubenden Schönheit der Musik. Die Regie zeigt sich hier ebenfalls von ihrer opulenten Seite, das Grausige ist - Stalingrad, Algerien und Rimbaud-Einschüssen zum Trotz - letztlich auch ein Schauwert." In der Nachtkritik stellt Verena Großkreutz klar: "Mephisto steht hier natürlich nicht für die dialektische Negation. Er säuft Faust seinen Gifttrank weg, ist immun auch gegen Pistolenschüsse, trinkt lieber Champagner als Bier und liest Illustrierte."

Auch Eleonore Büning kommt in der FAZ auf ihre Kosten: "Der alte Tick der Verdoppelung und Vergröberung durch Live-Videos (Martin Andersson) langweilt kein bisschen, denunziert keinen Sänger, funktioniert wunderbar. Und auch Castorfs obligatorisches Passepartout, wonach jedes Stück schlagzeilenartig mit Kapitalismuskritik zu übermalen sei, wirkt hier, beim französischen 'Faust', goldrichtig: Dafür steht Mephistos krachender 'Tanz ums Kalb' ebenso ein wie Margarethens selige 'Juwelenarie'." Extra-Lob geht ans Ensemble, die allesamt zum ersten Mal ihre Rollen singen: "Eine Parade glanzvoller Debüts." Weitere Besprechungen auf BR-Klassik und in der Stuttgarter Zeitung.

Weiteres: Barbara Villiger Heilig besucht für die NZZ die Justizvollzugsanstalt Lenzburg, wo eine Theatergruppe "Tell vor Gericht" probte.

Besprochen werden eine Mannheimer "Aida" in der Inszenierung von Roger Vontobel (FR), Martin Schläpfers Ballettabend "b.29" in Duisburg (FAZ) und Felix Rothenhäuslers Versuch, Ryan Trecartin Videokunstarbeiten an den Münchner Kammerspielen auf die Bühne zu bringen, was Kolja Reichter von der FAZ nicht recht überzeugen konnte: "Anscheinend fehlte die Motivation, Trecartins Zustände der lustvollen, schreienden Überforderung tatsächlich auf die Bühne zu bringen."
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Literatur

Im NZZ-Interview mit Thomas David spricht die amerikanische Schriftstellerin Marilynne Robinson über Barack Obamas Humanismus, ihre calvinistische Vorstellung von der Schöpfung als "Theater der Herrlichkeit Gottes" und die Tugend des kleinstädtischen Amerikas: "Im Mittleren Westen gab es eine ganze Reihe von Städten, die wie mein fiktives Gilead an der ehemaligen Grenze zu den Südstaaten gegründet worden waren, um die Ausweitung der Sklaverei in den Norden zu verhindern. Die in den 1850er Jahren von den Abolitionisten gegründete Stadt Lawrence in Kansas ist ein berühmtes Beispiel. Als ich nach Iowa kam, wo ich seit Anfang der Neunziger am Writers' Workshop der Universität unterrichte, wusste ich kaum etwas über die Geschichte dieser Städte, die typischerweise aus Colleges hervorgegangen sind, und fragte mich, weshalb die Leute mitten in der Prärie dieses Netzwerk von Colleges errichtet hatten."

Sieglinde Geisel verteidigt in der Tell-Review ihren "Seite 99-Test" gegen eine Glosse in der FAZ: "Was taugt der Page-99-Test? Spiel oder Ernst? Experiment oder verlässliches Verfahren? Es ist paradox: Obwohl der Page-99-Test keine Rezension ersetzt, verkörpert er das Kerngeschäft der Literaturkritik. Man kann nicht kneifen, denn weder erlaubt er die Flucht in die Nacherzählung noch den schnellen Griff zum Gütesiegel ('ein Meisterwerk', 'brillant erzählt', 'stilistisch misslungen')." Hier gleich ein Praxis-Beispiel zu Sibylle Lewitscharoffs "Apostoloff".

Gregor Dotzauer liest im Tagesspiegel die neue, dem vor fünf Jahren gestorbenen Literatur- und Medientheoretiker Friedrich Kittler gewidmete Ausgabe der Neuen Rundschau. In der FAZ gratuliert Tilman Spreckelsen dem Schriftsteller Günter de Bruyn zum 90. Geburtstag.    

Besprochen werden Elif Shafaks neuer Roman "Der Geruch des Paradieses" (NZZ)", der viele Fragen zu Religion, Politik und Geschlechterverhältnis stellt, ohne sie zu beantworten. Gisela von Wysockis "Wiesengrund" (FR), Marcellus Emants "Ein nachgelassenes Bekenntnis" (Tagesspiegel), Günter de Bruyns "Sünder und Heiliger - Das ungewöhnliche Leben des Dichters Zacharias Werner" (Tagesspiegel), eine Gesamtausgabe von Fils Berliner Kultcomic "Didi & Stulle" (Tagesspiegel) und Leonardo Sciasias "Das ägyptische Konzil" (FAZ).

Mehr aus dem literarischen Leben auf:

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Film


"Neun Leben hat die Katze" von Ula Stöckl, 1968

Beim Besuch des zweiten Teils der Berliner Filmreihe "Aufbruch der Autorinnen", bei der nicht-kanonisierte Filme europäischer Regisseurinnen gezeigt wurden, wird Verena Lueken in der FAZ einmal mehr bewusst, dass der Kampf um das Filmerbe sich insbesondere auch diesen Filmen widmen muss. Denn "nicht kanonisiert - das bedeutet: selten gezeigt, in filmhistorischen Seminaren nicht unterrichtet, entsprechend wenig bekannt, bald vergessen, nicht gesichert, kaum digitalisiert. Filme sind ein prekäres Gut. Sind sie auf Zelluloid gedreht, müssen sie analog gepflegt und gesichert werden. Sollen sie Teil lebendiger Filmgeschichte bleiben (oder, wie die in Berlin gezeigten: erst noch werden), müssen sie verfügbar sein, was ihre Digitalisierung voraussetzt."

Weiteres: Hanns-Georg Rodek berichtet in der Welt von den Hofer Filmtagen. Besprochen wird Paolo Sorrentinos Fernsehserie "The Young Pope" mit Jude Law (NZZ).
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Musik

Das Jazzfest in Frankfurt hatte viele Highlights in petto, erfahren wir von einem begeisterten Stefan Michalzik in der FR. Etwa der Auftritt von Phronesis: "Bei dem Trio aus London ist das mal splittrig-perkussive, dann wieder melodisch ausschwingende Klavier von Ivo Neame nur eines von drei Kraftzentren. Der Däne Jasper Hoiby macht den Bass zu einem Schlaginstrument; auf dem gestrichenen Bass wartet er mit der äußerst gedämpften Andeutung eines Metallriffs auf. Die dichte Materialkonstruktion lässt Raum für den momenthaften Impuls."

Ivo Pogorelich hat eine achtzehnjährige Pause auf dem Plattenmarkt beendet und legt zwei neue Beethoven-Aufnahmen vor - die Sonaten opus 54 und 78. Allerdings nicht auf CD, sondern bei dem klassischen Musikdienst Idagio, berichtet Norman Lebrecht in seinem Blog slippeddisc.com.

Weiteres: In der taz erzählt Dirk Knipphals, wie er lernte, das neue, ihm zuerst religiös viel zu verschwiemelte Album von Leonard Cohen zu lieben. Auf der Spitze des Pilatus bei Luzern lauscht Stefan Schomann vom Tagesspiegel Oliver Schnyders Beethoven-Spiel am Piano. Thomas Groß stattet für die Zeit Jack Whites Detroiter Plattenladen Third Man einen Besuch ab, wo es in erster Linie handverlesenen Garagenrock und diesen ausschließlich auf Vinyl zu erstehen gibt: "eine neuartige Mischung aus Kultstätte, Museum und Spezialitätenshop".    

Besprochen werden das "grandiose Debütalbum" von Friends of Gas (Spex), das neue Album von Lambchop (Pitchfork), ein Konzert von Francesco Tristano (FR), eine von David Zinman dirigierte "Vanessa" des Deutschen Symphonieorchesters (Tagesspiegel) und Wolf Biermanns Autobiografie (Zeit).
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Kunst


Whitfield Lovells "Autour du monde", 2008. Foto: Gautier Deblonde, Musée du quai Branly

Von einer aufregenden Ausstellung im Pariser Musée du quai Brancly berichtet Colette Schmidt im Standard: "The Color Line" zeigt die Arbeiten afroamerikanischer Künstler aus den Jahren der Segregation: "Viele sind in Europa trotz ihrer künstlerischen Leistungen immer noch wenig bekannt. Etwa Elizabeth Catlett, die 2012 fast 97-jährig als Ehrendoktorin von sechs Unis starb und schon in den 1940ern die doppelte Diskriminierung schwarzer Frauen abbildete. Ihr Linolschnitt 'I Have Special Reservation' zeigt Rosa Parks im Bus. Eine andere große Frau ihrer Zeit war Lois Mailou Jones, die in den 1920ern eine einflussreiche Vertreterin der Harlem Renaissance war. Ihr Gemälde 'Mob Victim' mit einem ergrauten Mann, dem die Hände mit einem groben Strick gefesselt wurden, prangerte die Lynchjustiz an, der über hundert Jahre lang Tausende zum Opfer fielen, bis in die 1980er!"

Ein Boot, aus dem ein Netz aus rotem Polyacryl wuchert: Chiharu Shiotas derzeit in der Berliner Galerie Blain Southern gezeigte Installation "Uncertain Journey" ist ein Social-Media-Hit. Davon möge man sich jedoch nicht blenden lassen, meint Christiane Meixner im Tagesspiegel: Die "digitale Ansicht" sei mit einem "Besuch" nicht gleichzusetzen. "Ihre Installation braucht die physische Anwesenheit, die Bewegung im Raum, das Multiperspektivische. Ansonsten bleibt das Bild, bei aller visuellen Eindringlichkeit, eindimensional wie die Botschaft, die sich pur aus dem Titel schält: 'Unsichere Reise'."

Weiteres: Ulf Erdmann Ziegler schreibt in der taz zum Tod von Raffael Rheinsberg.

Besprochen werden die Ausstellung "The Power of the Avant-garde" in Brüssel (Jungle World), eine Ausstellung über die britische Pop-Art in Wolfsburg (taz), die Ausstellung "Eva & Adele" in Paris (taz), die Ausstellung "Am Fuße der Pyramide" in der Casa di Goethe in Rom ("exquisit", urteilt Peter von Becker im Tagesspiegel) und die Ausstellung "Gesichter auf Glas - Frühe Südsee-Fotografien aus dem Museum Godeffroy" im Grassi-Museum für Völkerkunde in Leipzig (FAZ).
Archiv: Kunst